Broken Wings

von Sithy
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 Slash
Chang Wufei Duo Maxwell Heero Yui Quatre Raberba Winner Trowa Barton
25.04.2004
25.04.2004
4
20427
 
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Titel: Broken Wings
Autor: Sithy
Anime/Manga: Gundam Wing
Pairing: Hauptsächlich 1x2, aber auch ein bißchen 3x4 und 5x13 ;)
Kategorie: angst
Disclaimer: Weder Gundam Wing noch einer der Charaktere gehören mir!!!! Und Profit hab ich mit dieser Geschichte schon gar keinen gemacht. Ich habe sie einfach aus purem Vergnügen geschrieben(ja, das gibt's :] Das Copyright möchte ich, wenn wir gerade davon sprechen, natürlich auch nicht verletzten.


Broken Wings

Colourful death
Sitting next to me in uniform
Painting pictures in my head
They make me walk with crutches through  hell's kitchen
Cutting myself naked before the mirror
You were the perfect soldier
Touching me, the God of Death.
      S.E.


Heero!!!

Duo riß schützend die Arme vor seine Augen, als nur wenige Meter vor ihm der Wing Gundam zerrissen wurde.
Eine Feuergarbe schoß in die Luft und erhellte für einen kurzen Augenblick den nächtlichen Himmel mit ihrem grellen Licht. Die Wucht der Explosion ließ Deathscythe erbeben. Riesige Trümmer flogen auf ihn zu. Einige streiften seine metallene Hülle und kratzten mit einem schabenden Geräusch darüber. Von all dem schien sein junger Pilot nichts zu merken. Starr, mit immer noch schützend erhobenen Armen, saß er im Pilotensessel. Er fühlte nichts, er dachte nichts. Sein Herz pochte laut in seiner Brust.

Als das Beben langsam wieder nachließ und Stille eintrat, ließ Duo die Arme langsam wieder sinken und blinzelte.

Vor ihm war nichts.
Der Wing Gundam existierte nicht mehr.

Wie lange er an die Stelle gestarrt hatte, an der noch vor Sekunden die wuchtige Form des Gundam gehangen hatte, wußte er nicht. Duo schien jedes Zeitgefühl verloren zu haben. Sein Blick verschwamm, als sich seine Augen mit heißen Tränen füllten und ihm über die Wangen liefen.

Heero war tot. Tot!!!

Seine Hände krampften sich in hilflosem Entsetzten zusammen. Immer heftiger werdende Schluchzer schüttelten seinen Körper, der gebeugt im Pilotensessel hing.

Erst als eine weitere Explosion Deathscythe erschütterte, kam er wieder zu sich.
Sein Blick fiel auf die dunklen Umrisse, die sich ihm näherten. Oz Maschinen. Seine Augen begannen vor Haß zu funkeln, während seine flinken Finger sicher über das Armaturenbrett huschten. Finster erwartete er die Ankunft der feindlich Maschinen.
Keine würde ihm, dem Gott des Todes, entkommen.

Die Maschinen begannen bereits aus allen Rohren zu feuern, als Deathscythe seine gewaltige Sense zündete und sie mit tödlicher Sicherheit führte. Innerhalb von fünf Minuten war alles vorüber. Duo wischte sich mit zitternden Händen den Schweiß von der Stirn und die Tränen aus den Augen. Oz würde für Heeros Tod bezahlen.

"Jaaaa!!! Ihr werdet dafür bezahlen, ihr verdammten Schweinehunde!!!" Duo brach in ein irres Gelächter aus, das sich in ein Weinen und dann in ein Schluchzen verwandelte. Hilflos ließ er sich auf das Armaturenbrett fallen und schloß die tränenden Augen.

"Duo? Duo? Was ist los? Melde dich endlich!" Quatre saß in seinem Pilotensessel und versuchte schon seit Minuten, Duo über Funk zu erreichen. Ihm selbst rannen die Tränen über das junge Gesicht, als ihm klar wurde, daß sie Heero verloren hatten. Nervös hackte er auf der Konsole herum, als könnte das Duo dazu bringen, endlich zu antworten.

Nichts rührte sich. Sogar als er versuchte, mit Trowa Kontakt aufzunehmen, blieb es still im Äther. Quatre fühlte sich plötzlich sehr alleine.
Wie mußte sich da Duo fühlen? Keiner von ihnen war Heero näher gestanden als der Amerikaner. So verschieden sie waren, so gute Freunde waren sie gewesen, auch wenn das nicht immer offensichtlich gewesen war. Und jetzt hatte Quatre Angst davor, daß sich Duo etwas antun würde. Das durfte er nicht zulassen. Er war doch ihr Freund, er gehörte zu ihnen.

Das Piepsen seines Funkgerätes riß ihn jäh aus seinen Gedanken.

"Quatre? Kannst du mich hören?"
Bei dem Klang von Trowas Stimme zog sich Quatres Kehle zusammen.
Er konnte Trowa jederzeit verlieren, so wie sie heute Heero verloren hatten. Trowa, der schweigsame Trowa, der ihn überall und vor jedem beschützte... Quatre brach ein weiteres Mal in Tränen aus.

"Quatre? Ist alles in Ordnung? Quatre!"

Die Sorge um den Freund schwang deutlich in Trowas Stimme mit. Der blonde Junge schniefte: "Es... es geht mir gut. Aber Heer und... und Duo...."

Trowa schwieg. Was sollte er antworten? Das für Heero keine Rettung bestand? Quatres Schniefen tat ihm weh. Gerne hätte er ihn in die Arme genommen und getröstet.

"Hast du schon versucht, mit Duo Verbindung aufzunehmen?" wollte er statt dessen so ruhig wie möglich wissen.

"Ja *schniff*, aber er geht nicht dran."
"Versuche es weiter."
"Ja... und Trowa?"
"Hm?"
"Paß auf dich auf."

Mit diesen Worten klinkte sich Quatre wieder aus und versuchte ein weiteres Mal,
mit dem Deathscythe Piloten Kontakt aufzunehmen.

"Duo? Hörst du mich?" Das Funkgerät knackte und Duos sonst so fröhliche Stimme meldete sich endlich, unterlegt mit Haß und unterdrückter Trauer.

"Was willst du?!"
Quatre schwieg zuerst. Eine so barsche Antwort hatte er nicht erwartet.

"Ist alles in Ordnung mit dir?"
"Natürlich. Sicher. Mein Freund wurde gerade in tausend Stücke zerblasen, aber mir geht es fabelhaft. Danke auch."
"Duo..."
Aber der Gott des Todes hatte sich bereits ausgeklinkt.  

Während dieser Gespräche starrte Wufei, der letzte der fünf Piloten, nachdenklich aus dem Frontfenster seines Gundam. Seltsam, er hätte schwören können... nein, unmöglich!

*

"Lt. Zechs?"
Das maskierte Gesicht mit den blonden langen Haaren wandte sich dem Funkgerät zu.

"Sprechen Sie!"
"Äh... ich habe neue Nachrichten vom Kampfplatz, Sir." Die junge Stimme des Mannes am anderen Ende der Leitung zitterte leicht. Aber er riß sich zusammen und fuhr fort: "Unsere Einheit ist es gelungen, den Wing Gundam zu zerstören, wurde jedoch selbst vor wenigen Minuten von den Gundams vernichtend geschlagen und völlig zerstört..."

Eisiges Schweigen.

"Sir?"
"Seien Sie still!" mit einer frustrierten Bewegung schaltete Zechs Marquise das Funkgerät ab.
Eigentlich sollte ihn die Zerstörung des Wing Gundam freuen, aber sie hatten in diesem Kampf sieben Maschinen verloren! Das war nun schon die dritte Niederlage innerhalb einer Woche! Wenn das so weiterging... Zechs rieb sich müde über die Augen. Daran wollte er gar nicht denken.

Neben ihm begann plötzlich das Funkgerät ein weiteres mal nervend zu piepsen.
Was ist denn jetzt schon wieder los?

"Ja, Lt. Zechs hier. Was gibt es?"
"Verzeihen Sie mir, Lt. Zechs, daß ich Sie ein weiteres Mal stören muß." Klang die nervöse Stimme des jungen Mannes von vorhin.
Zechs antwortete nicht.

"Ähm... es gibt da noch etwas Wichtiges. Eine unserer Maschinen, die wir zum Kampfort geschickt hatten, hat dort in der Nähe eine Person aufgelesen. Hierbei handelt es sich sehr wahrscheinlich um den Piloten des zerstörten Wing Gundams, Heero Yuy."
"Heero Yuy?? Sind Sie sicher? Wo ist er jetzt?"
"In einem unserer Labors, Sir. Er hatte ziemlich schwere Verletzungen, als wir ihn gefunden haben und es ist fraglich, ob er sie überhaupt überlebt."

Zechs schaltete das Funkgerät ab. Ein Lächeln schob sich auf sein maskiertes Gesicht.
Heero Yuy. Wenn das kein Fang war!

*

"So, Doktor, wie sieht es aus?"

Zwei dunkle Augen sahen ihn hinter dicken Brillengläser ernst an.
"Sein Zustand ist zwar nach wie vor kritisch, aber ich denke, wir werden ihn durchbringen."

Zechs nickte und blickte vom Doktor auf die leblose Gestalt des jungen Mannes, der vor ihnen auf dem Bett lag. Dünne Schläuche verschwanden in seiner Nase, während ein Monitor über ihm den schwachen Herzschlag anzeigte. Sein Kopf war mit einem dicken Verband verbunden. Trotzdem konnte der Leutnant an manchen Stellen rote Flecken durchscheinen sehen. Der Gundam Pilot verlor also immer noch Blut.

"Das Problem ist, daß er sehr viel Blut verloren hat." Der Doktor hatte Zechs ernsten Blick richtig gelesen und wies mit einer weiten Handbewegung auf den schlanken Körper, der nur mit einem weißen Hemd bekleidet war, das ihm bis zu den Knien reichte.

"Verbrennungen gibt es kaum. Er scheint früh genug aus seiner Maschine herausgekommen zu sein. Dafür hat er eine schwere
Hirnerschütterung."

Zechs verschränkte nickend die Arme hinter dem Rücken.
Plötzlich bewegte sich die Gestalt vor ihnen und wandte stöhnend den Kopf zu Seite und riß im nächsten Moment die Augen auf.

Was? Wo bin ich? Sein Blick irrte hilf- und ziellos durch den Raum.
Wie der Blick eines gehetzten Raubtieres.

"Pst. Ganz ruhig."
Beruhigend legte der Doktor dem Jungen die Hand auf die Stirn, erreichte damit aber genau das Gegenteil. Als hätte ihn die Berührung elektrisiert bäumte sich Heeros Körper auf, seine Faust schnellte nach vorne, doch er hatte nicht die Zeit und die Kraft dazu, einen gezielten Schlag auszuführen, denn Zechs war dem Doktor beigesprungen, hatte den Schlag abgefangen und drehte dem tobenden Heero den Arm auf den Rücken. Was diesen nicht davon abhielt, um sich zu treten und sich verzweifelt in Zechs eisernem Griff zu winden. Woher nahm der Junge nur die Kraft für einen solchen Ausbruch?

"Mein Gott, Doktor! Tun sie endlich etwas!" brüllte Zechs, was absolut unnötig gewesen war, denn der Weißkittel hatte bereits eine Spritze in der Hand, die er dem brüllenden Gundam Piloten ohne zu zögern in den Arm rammte. Schon wenig später erschlaffte Heeros Körper unter Zechs Griff und dieser ließ ihn los. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.

"Ist alles in Ordnung, Lt. Zechs?"
"Ja, aber ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie irgendwelche Vorsichtsmaßnahmen treffen würden. Schon um ihn vor sich selbst zu schützen."
Der ist sogar halbtot noch gemeingefährlich.

So kam es, daß, als Zechs den Jungen wenige Tage später besuchte, dessen Handgelenke straff am Bett festgebunden waren. Er starrte die Decke  über sich an und schien Zechs Eintreten nicht bemerkt zu haben. Eine Schwester saß neben seinem Bett.

"Es scheint so, als würde es ihm besser gehen."
Sie nickte mit dem Kopf. Ihr etwas rundliches Gesicht blickte ihn ernst an.
"Kann ich mit ihm sprechen?"
"Sie können es versuchen, aber bis jetzt hat er noch keinen Ton gesagt."
"Glauben Sie mir, das ist nichts Ungewöhnliches."
Nachdem sie gegangen war, setzte sich Zechs auf den Stuhl neben Heeros Bett.
"Kannst du mich hören?"

Die blauen Augen des Gundam Piloten bewegten sich keinen Millimeter.
"Kannst du nicht sprechen? Oder willst du nicht sprechen?"
Keine Reaktion. Zechs seufzte. Er hatte keine Lust, seine wertvolle Zeit mit einem sturen Gundam Piloten zu verschwenden. Mit einem Seufzen stand er auf und ging zur Tür.

Seine Hand lag bereits auf der Klinke, als ihn eine Frage zurückhielt, leise und schwach zwar, aber unmißverständlich: "Wer bin ich?"
Zechs drehte sich überrascht um. Heero lag da wie zuvor.
"Was?"
"Wer bin ich?" Etwas glitzerte in den Augen des Jungen.
Tränen? Heero Yuy weinte?

Zechs wußte nicht, was er davon halten sollte und verließ schweigend den Raum.

*

"Eine Amnesie?"
"Ohne Zweifel. Er kann sich an gar nichts mehr erinnern. Weder an seinen Namen, noch an seine Kollegen, noch an irgend etwas anderes."
Zechs fuhr sich grübelnd über das Kinn.

Was für ein Zufall. Und noch ein guter dazu. Was, wenn ich ihm einreden könnte, er sei einer von uns? Den besten Piloten des Gundam Geschwaders auf unserer Seite zu haben wäre wirklich ein Vorteil. Unwillkürlich lächelte er vor sich hin.

"Lt. Zechs?"
"Äh, ja. Was ich noch sagen wollte, Doktor: Falls Der Junge wissen will, wer er ist, sagen Sie ihm einfach, er wäre ein Pilot von Oz und mehr bräuchte er nicht zu wissen. Verstanden?"
"Sicher. Wie Sie wünschen. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, Lt. Zechs, ich muß mich um meinen Patienten kümmern und ihm die Verbände wechseln. Auf Wiedersehen."

*

Einen Tag nach Heeros Tod lag Quatre lange wach. Hie und da linste der Mond durch die Vorhänge und warf sein fahles Licht über das große Bett. Neben ihm murmelte Trowa Unverständliches im Schlaf. Der blonde Junge hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt und starrte die Decke über sich an.

Ihm ging der Ausdruck auf Duos Gesicht nicht mehr aus dem Sinn, als der Amerikaner aus seinem Gundam ausgestiegen war. Glasige, rotgeränderte Augen, aus denen jegliches Leben gewichen war. Seine Hände hatten gezittert, während er mit schleppenden Schritten und ohne ein Wort an ihnen vorbei geschlichen war.

Quatre rieb sich über die Augen. Duo hatte sich danach sofort in das Zimmer mit dem roten Sofa verkrochen und war den ganzen Tag über nicht ansprechbar gewesen.
Wahrscheinlich saß er jetzt immer noch dort. Quatre wußte nicht, warum ausgerechnet dieses Zimmer eine so starke Anziehungskraft auf Duo hatte. In Quatres Haus, das die Gundam Piloten wie schon so oft als Unterschlupf benutzt hatten, gab es weit schönere und bequemere Zimmer.
Vermutlich hatte es mit Heero zu tun, was Quatre darauf brachte, daß morgen seine Beerdigung sein würde. Er hoffte nur, Duo würde diese Zeremonie gut verkraften.

Sein Blick fiel auf Trowas lange Gestalt, als sich dieser auf die andere Seite drehte. Seine braunen Haare hingen ihm weit über das schmale Gesicht. Sanft strich ihm Quatre mit den Fingern über die geschlossenen Lippen. Er hatte plötzlich Angst um Trowa.
Wie schnell konnte er ihn verlieren? Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, schmiegte er sich an ihn und legte seine Arme um die schlafende Gestalt. Trotzdem wachte Trowa auf. Er blinzelte Quatre verschlafen an.

"Tut mir leid, daß ich dich geweckt habe."
"Macht nichts." Trowa gähnte. "Ich habe ohnehin nur vor mich hin gedöst." Er legte seinen Arm um Quatres Schultern. "Und warum konntest du nicht schlafen?" Quatre schloß die Augen und legte seinen Kopf auf Trowas Brust. "Ich mache mir Sorgen um dich. Ich habe einfach Angst davor, daß es mir gleich geht wie Duo und ich dich verlieren werde."

Trowa streichelte ihm sanft über das blonde Haar. Er wußte, wie sich Quatre fühlte. Auch er trug diese Sorge mit sich herum. Anstatt einer Antwort küßte er seinen Geliebten auf die Stirn. "Denk nicht mehr weiter daran. Ich werde auf mich aufpassen, versprochen." Quatre antwortete nicht und trieb kurze Zeit später langsam in den Schlaf.

*

Die Sonne stand strahlend am blauen Himmel, an dem sich nicht ein Wölkchen zeigte. Alles mögliche Getier schwirrte munter in der Luft herum, Grillen zirpten und Vögel zwitscherten. Es war ein Tag wie ihm Bilderbuch und trotzdem war er für die handvoll Leute, die sich auf dem Friedhof versammelt hatten, ein Tag der Trauer.

Schweigend standen sie neben dem offenen Grab. Trowa, Quatre und Wufei lauschten mit mehr oder weniger gefaßten Gesichtern der Rede des Pfarrers, während Relena mit einem riesigen Taschentuch in der Hand dastand, das sie auch des öfteren benutzte. Nur von Duo war keine Spur zu sehen. Quatre hatte sich zwar kurz nach ihm umgesehen, die Suche aber bald eingestellt. Er hoffte nur, Duo würde keine Dummheit anstellen.

So niedergeschlagen wie in den letzten Tagen hatte er den Freund noch nie erlebt. Duo tat ihm leid. Schniefend hängte er sich bei Trowa ein, der ihm tröstend über das blonde Haar strich, selbst darum bemüht, die Tränen zurückzuhalten. Und sogar Wufei hielt den Kopf gesenkt, als müßte er etwas verbergen.

Irgendwo neben ihnen rotzte Relena mal wieder ihr Taschentuch voll. Behutsam wischte sie sich die Tränen von den Wangen.
Quatre warf ihr einen ärgerlichen Blick zu. Er wußte auch nicht warum, aber sie störte ihn. Sie war hier einfach fehl am Platz.
Wufei, der mit versteinerter Mine und vor der Brust verschränkten Armen vor dem Grab stand, nahm Relenas Heulerei scheinbar überhaupt nicht wahr. Statt dessen wälzte er schon seit Stunden einen Gedanken in seinem Kopf herum.

Heero war direkt vor ihm in die Luft geflogen.
Stimmte, oder? Und bei solch einer Explosion war die Chance gleich Null zu überleben. Stimmte auch. Das einzige, das Wufei an der ganzen Sache störte, war, daß der Wing Gundam einfach viel zu einfach zerstört wurde. Heero war ein exzellenter Pilot gewesen. Er hätte diesem Angriff eigentlich ausweichen können.

Warum hatte er es nicht getan, nicht einmal versucht? War irgend etwas an der Maschine nicht in Ordnung gewesen? Vielleicht war es gar nicht der Schuß der Oz Maschine gewesen, der Heeros Gundam zerfetzt hatte. War Heero diesmal wirklich so weit gegangen und hatte seinem Leben selbst ein Ende gesetzt? Aber wieso sollte er das getan haben? Und auch der Funk war so still gewesen. Kein Schrei, nichts. Wufei schüttelte langsam den Kopf. Er kam einfach zu keinem schlüssigen Ergebnis.

Nur wenige Meter von dem Begräbnis entfernt, hinter dem breiten Stamm einer Eiche versteckt, saß Duo, die Arme eng um die Knie geschlungen. Trotz des warmen Tages zitterte er am ganzen Körper, als wäre ihm kalt. Mit rotgeränderten Augen starrte er ausdruckslos vor sich hin, während er langsam vor und zurück wippte und an seiner Unterlippe herumnagte. Er konnte einfach nicht bei der Beerdigung bleiben und dort herumheulen wie Relena.
Bei dem Gedanken an diese eingebildete, verwöhnte Göre schob sich ein eisiges Grinsen auf Duos Gesicht.

Ich frage mich, was sie überhaupt hier macht. Langsam sollte sie doch gemerkt haben, daß sie Heero nichts bedeutet... nichts bedeutet hat. Er drückte seine Knie noch enger an seinen Körper.
Es hatte ihn immer geärgert, wie sie hinter seinem besten Freund her gewesen war.

Heero!! Vergiß nicht, daß du mich töten willst!! Gnagnagna... manchmal wünschte ich, ich wäre nicht dazwischen gegangen, als ich ihn das erste Mal getroffen habe und er hätte ihr eine Kugel durch ihren schönen Kopf gejagt. Aber wahrscheinlich wäre dann alles ein wenig anders abgelaufen.

Duo zog die Nase hoch und seufzte leise. Sie waren gute Freunde gewesen, er und Heero, auch wenn es dieser nur selten offen gezeigt hatte. Aber Duo wollte bei all dieser Freundschaft doch immer noch ein wenig mehr. Er wußte, auch Heero hatte so für ihn empfunden und es hätte nur ein wenig Zeit gebraucht und sie hätten zueinander gefunden. Zeit, die sie nicht mehr hatten.

Er ließ seinen Kopf nach vorne auf seine Knie fallen und begann zu schluchzen, als er daran dachte, was alles hätte sein können. Wie oft hatte er davon geträumt, sie beide könnten ein Paar sein, so wie Trowa und Quatre? Und jetzt, von einem Augenblick zum nächsten war es aus mit diesem Traum. Zerblasen in tausend Stücke.

Abwesend begann er mit seinem langen dicken Zopf zu spielen. Sein Blick wanderte hinauf zum strahlend blauen Himmel.

***

"Wie geht es ihm, Trowa?"
"Seine Wunden verheilen langsam, aber er hat über Nacht starkes Fieber bekommen."

Duo saß still neben Heero, der schwer atmend auf dem roten Sofa lag, nachdem Trowa das Zimmer verlassen hatte.
Sein Kopf und der Brustkorb waren verbunden, Schweißperlen standen auf seiner Stirn.

Heero, Heero. Warum tust du mir das an? Es mag sein, daß dir nicht viel an deinem Leben liegt,  aber mir liegt viel daran.

Sanft strich er die verklebten Haare aus Heeros schweißnasser Stirn. Der japanische Pilot zitterte unter der Berührung und tastete mit seiner Hand nach Duos. Heeros Hand fühlte sich heiß und klebrig an, als er schwach die Hand des Amerikaners drückte. Duo war überrascht. Heero haßte körperlichen Kontakt und jetzt berührte er ihn freiwillig??
Wahrscheinlich hatte das nur mit dem hohen Fieber zu tun und Heero war sich nicht bewußt, was er tat. Vorsichtig fuhr ihm Duo über die glühenden Wangen.

"Du bist einfach wunderschön." Flüsterte er leise und küßte ihn auf die Stirn. Dann zögerte er kurz, bevor sich seine Lippen um Heeros schlossen. Und wiederum war Duo überrascht, als Heero den Kuß schwach erwiderte.

Sie hatten über diese Begebenheit nie wieder gesprochen. Weder mit den anderen noch miteinander.

***

Heero, ich weiß, daß du irgendwo da oben bist und ich hoffe, dir geht es dort besser, als hier unten. Das sieht dir mal wieder ähnlich, mich hier unten allein zu lassen.

Fast unwillkürlich mußte Duo grinsen.

Aber so einfach wirst du mich nicht los. Ich habe da noch eine Kleinigkeit für dich.
Langsam holte er das Messer unter seinem Hemd hervor, das er dort versteckt hatte.
Ein lauer Wind kam auf und wehte trockenes Laub vor sich her, während Duo die Klinge vorsichtig prüfte. Gut, sie war scharf. Noch einmal strich er fast liebevoll über seinen Zopf, setzte dann das Messer direkt hinter den ersten Knoten und zog es mit einer schnellen, kräftigen Bewegung durch.

Schlaff hing das Bündel Haare in seiner Hand. Das Messer fiel ohne ein Geräusch in die weiche Wiese. Duos Augen füllten sich mit Tränen.

Idiot! Was machst du so ein Theater um die paar Haare? Trotzdem war es ein seltsames Gefühl, das vertraute Gewicht nicht mehr zu spüren.
Schniefend stand er langsam auf, schob sich seine Baseballkappe tief ins Genick, nahm den Zopf fest in seine Hand und ging zurück zu den anderen.

*

"... denn Asche wird zu Asche und Staub zu Staub."
Duo trat mit hocherhobenem Kopf neben Quatre und tat so, als würde er dessen verdutzten Blick nicht bemerken.
"Duo, was hast du mit deinen Haaren..."

Er warf dem blonden Piloten einen unergründlichen Blick zu und warf dann den Zopf mit einer Bewegung in das Grab. Und Quatre verstand: Der nußbraune Zopf war das letzte und persönlichste Geschenk, das Duo Heero machen konnte.

Quatre war froh, daß er Trowa hatte, der ihm nach wie vor tröstend über das Haar strich, sonst wäre er hier wahrscheinlich in Tränen zerflossen.
So wie Relena.

Auch ihr war der symbolische Akt nicht entgangen. Sie wußte zwar nichts über die tiefen Gefühle, die Duo für Heero hegte, doch hatte sie schon früher intuitiv gespürt, daß es da etwas gab. Und das hatte sie jedes mal eifersüchtig werden lassen. Sie starrte Duo aus zusammengekniffenen Augen an. Heero mußte ihm schon sehr viel bedeutet haben, daß er sich die Haare abgeschnitten hatte. Ein Gedanke schoß ihr durch den Kopf, den sie aber gleich wieder verscheuchte.

Die einzige Person, die er je geliebt hat, war ich.

Zufrieden seufzend wandte sie den Blick ihrer hellen Augen dem offenen Grab zu und warf eine rote Rose hinein.

*

"Wenn ihr mich fragt, langsam übertreibt er es wirklich. Mir geht Heeros Tod ja auch nahe, das könnt ihr mir glauben, aber er verkriecht sich nun schon seit drei Monaten in seinem Zimmer, ißt kaum was und, um ehrlich zu sein, sein Gequatsche geht mir auch ab."

Wufei hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Die drei Gundam Piloten saßen rund um den Tisch. Quatre nippte nachdenklich an seiner Tasse Tee. Trowa hatte seine bereits leer getrunken. Nur Wufei hatte dankend abgelehnt.

"Die Frage ist nur, wie überzeugen wir ihn davon, daß es so nicht weitergehen kann? Ich meine, selbst während des Kampfes ist er nicht mehr der Alte. Manchmal habe ich das Gefühl, er wartet nur darauf, daß sie ihm Deathscythe unter dem Hintern wegschießen."
"Uns muß schnell etwas einfallen."
Stellte Trowa mit vor der Brust verschränkten Armen fest. "Eine Mission folgt der nächsten. Wir können einfach nicht auch noch auf Duo verzichten, jetzt, da wir ohnehin nur noch zu viert sind."

Quatre und Wufei blickten Trowa aus großen Augen an. Für den großen Gundam Piloten war das ja ein langer Satz gewesen.
Sie saßen noch schweigend und grübelnd beisammen, als es plötzlich piepste.

"Ein neuer Auftrag?"
"Ja."
Quatre stellte vorsichtig seine Tasse vor sich auf den Tisch.
"Ich hole Duo."

*

Der Pilot, von dem die Rede war saß genau in diesem Augenblick zusammengekauert auf seinem roten Lieblingssofa und starrte trübsinnig vor sich hin.

Draußen schien zwar die Sonne, doch er hatte die Vorhänge zugezogen, als könnte er das Licht nicht mehr ertragen. So war der ganze Raum in dämmriges Licht getaucht.

Duos Haare waren kaum nachgewachsen und standen dreckig nach allen Seiten ab. Mager, mit eingefallenen Wangen und glanzlosen Augen, sah er wirklich wie die Reinkarnation des Gott des Todes aus. Abwesend kratzte er sich über den Kopf. Wann hatte er eigentlich das letzte Mal geduscht? War doch auch schon eine Ewigkeit her. Seufzend ließ er sich auf dem Rücken fallen und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Er hatte gedacht, er würde mit der Zeit über Heeros Tod hinwegkommen, aber das war ein Irrtum gewesen. Der Schmerz war da, stark, wie am Anfang.

Trotz all der Trauer und der seelischen Qual, die er mit sich herumtrug, vergoß Duo keine Tränen mehr. Er war zu erschöpft, um zu weinen.

In diesem Augenblick ging die Türe auf und Quatre trat herein.
"Duo, wir haben eine neue Mission..." angewidert schnüffelte er in der Luft herum.
"Aber zuerst stecken wir dich in die Badewanne. Du stinkst wie ein Haufen dreckiger Socken." Grinste er aufmunternd.
Duo gehorchte ohne einen Ton des Protestes. Wie ein Hund schlich er mit hängendem Kopf hinter Quatre her und ließ sich von ihm gründlich abschrubben, als er in der Wanne saß.
Quatre seufzte. Manchmal hatte er das Gefühl, daß sie zusammen mit Heero auch Duo verloren hatten.

Sobald die beiden fertig waren und Duo wie eine Blumenwiese roch, machten sie sich auf den Weg zu den anderen, bereits wartenden Gundam Piloten. Duo blieb mitten im Schritt stehen, als er Relena erkannte, die am Fuße der Treppe mit Trowa und Wufei in ein Gespräch vertieft war. Oder besser gesagt, sie redete und die beiden nickten hin und wieder mit dem Kopf. Obwohl sie mit dem Rücken zu ihm stand, hatte sie Duos Anwesenheit irgendwie bemerkt und wandte sich zu ihm um. Sie warf dem auf der Treppe Stehenden einen kühlen Blick zu.

"Ah, Duo. Ich dachte schon, ich würde dich heute überhaupt nicht mehr zu Gesicht bekommen. Wie geht es dir? Ich war gerade in der Gegend und hab mir gedacht, ich schau mal kurz bei euch vorbei. Außerdem wollte ich sowieso mit dir reden. Hast du kurz Zeit?" Er nickte leicht mit dem Kopf.

"Wenn du willst..." Er wartete mit ausdruckslosem Gesicht, bis sie die Treppe heraufgekommen war und an ihm vorbei in das Zimmer mit dem roten Sofa marschierte.
Sie scheint ja genau zu wissen, wohin sie will.

Seufzend ließ sie sich auf dem Sofa nieder und schlug elegant ihre schlanken Beine übereinander. Duo setzte sich im Schneidersitz neben sie und wartete geduldig, daß sie begann.
Relena räusperte sich ein wenig nervös.

"Ähm... du wirst dich sicher fragen, warum ich mit dir reden wollte."

Schweigen.

Relena räusperte sich ein weiteres Mal. Sie kannte Duo sonst nur als Plappermaul. Daß er so schweigsam sein konnte, machte sie irgendwie nervös.
"Es geht um Heero."
"Heero?"
"Ja. Seit der Beerdigung geht mir ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf, und ich muß jetzt einfach wissen, ob mich mein Gefühl täuscht oder nicht. Ich hatte bis jetzt nicht die Zeit, mit dir darüber zu reden, aber... war da jemals etwas zwischen Heero und dir?"

Duo schwieg verblüfft. Sie konnte unmöglich von den Gefühlen wissen, die er für seinen Kameraden gehegt hatte. Aber, es war ja nie etwas zwischen ihnen gewesen, oder?

"Nein, nein, was soll da gewesen sein?"
"Das dachte ich mir. Schließlich war Heero ja mit mir zusammen."
"So?"
Sie überhörte seinen eisigen Ton.
"Was willst du überhaupt hier? Mich ärgern?"
"Nein, natürlich nicht. Ich wollte nur wissen, in welcher Beziehung du zu Heero gestanden bist."
"Wir waren nur gute Freunde, das ist alles."
Leider.

Relena blickte ihn spöttisch an und stand auf. "Wie auch immer, ich bin froh, daß wir das geklärt haben. Ich hätte keine ruhige Minute mehr gehabt, wenn sich herausgestellt hätte, daß du und Heero... na ja... du verstehst?"
Für wie naiv hält sie mich eigentlich? Und überhaupt... Heero ist tot, und sie ist immer noch eifersüchtig? Das nennt man besessen...

Relena erhob sich, strich ihren Rock glatt und wandte sich noch einmal zu Duo um, ging dann aber doch, ohne ein Wort gesagt zu haben. Trotz allem, sie konnte sich nicht helfen, aber irgend etwas verheimlichte der Gundam Pilot vor ihr.

Verdammt, wieso habe ich ihr nicht an den Kopf geworfen, was ich für Heero empfunden habe? Das hätte sie sicher schockiert. Duo grinste vor sich hin. Doch gleich verfinsterte sich sein Gesicht wieder und er erhob sich.

Wenig später erreichte er die Gundams, wo Trowa, Quatre und Wufei schon ungeduldig auf ihn warteten und wenig später waren sie auch schon in der Luft.


~Ende Kapitel 1~
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