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Chroniken der Engel - Letzter Weg

von sariel
GeschichteDrama / P12 / Gen
23.04.2004
23.04.2004
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Letzter Weg


Schon seit Stunden war Jibriel wach und sah aus dem hohen, bleiverglastem Spitzbogenfenster seiner Cellae. Gerade riefen die silbernen Glocken des Michaeli-Himmels dessen Bewohner zur Morgenandacht, und langsam erwachte das kollosaale Bauwerk zum Leben.
Draußen vor dem Fenster, weit über der grauen, regenschweren Wolkendecke die einige hundert Fuß unter ihm das Land überzog, öffnete sich Gottes Auge für einen weiteren Tag. Wehmütig betrachtete er die pastellenen Farben die sich über den düsteren Wolkenschleier ergossen und deren höchsten Stellen in Gold und Korall tauchten., die Lichtspeere die den Himmel durchstachen um mit Licht und Wärme die Erde zu segnen.

Eine zitternde Hand zog den schweren Vorhang vor das Fenster, und sperrte das neugeborenen Licht der wiederauferstandenen Sonne aus.
Der Engel trat vom Fenster zurück und drehte sich wieder dem Innenraum der Cellae zu, welche er sich mit seinem Bruder teilte. Alexandriel, vom Orden Michaels und sein einstiger Scharführer. Sein Gesicht lag im Schatten als er die Vorhänge vor das Glas gezogen hatte, doch er kannte es, jede Erhebung der glatten Haut, jeder Muskel der sich straff über den Knochen spannte, jeden Blick aus den tiefen saphirblauen Augen. Er wusste wie sein Antlitz strahlte, sein Lächeln konnte Herzen erobern.
Jetzt lag er im dunkeln, in Ruhe und Meditation versunken, die zusammengepressten Handflächen gen Erde weisend, die imposanten weißen Schwingen ragten weit hinter ihm auf, und streiften trotz seiner erhöhten Position den steinernen Boden mit den breiten Schwungfedern.
Nach Gottes Bild geschaffen strahlte Alexandriel all seine Macht und Erhabenheit aus, seine Worte waren die Worte des Einen, sein Handeln war Gottes Wille, und doch ,..der Eine hatte seinen Engel wieder zu sich befohlen, an seine Seite.
Jibriels Herz füllte sich mit einem dumpfen Schmerz der tief in ihm pochte und ihm Tränen in die Augenwinkel trieben.
Heute sollte Alexandriel seinen letzten Weg beschreiten und nach Hause zurückkehren. Sein Herz müsste eigentlich jubilieren das für ihn, seinen Scharführer, die Qualen auf Erden, die Entbehrungen, der Kampf, und diese irdische Gestalt bald der Vergangenheit angehörten und er zurück an Gottes Seite seien würde,... doch in ihm krampfte sich alles zusammen, und eine einzelne Träne rann dem Engel der Gabrieli über die Wangen.
Jahrelang wahren sie alle Wege gemeinsam gegangen. Hatten gekämpft gegen die Dämonen der Traumsaat, hatten Brüder und Schwestern sterben sehen... auch diesen Weg, so schwor sich Jibriel, würden sie gemeinsam gehen.

Der Todesengel zog die Riemen die sein Gewand, bestehend aus schwarzem Kriegsrock und etlichen, schmückenden und schützenden Votivbändern bestand, fester um seinen schmalen Körper. Das fast Hüftlange, rotgefärbte Harr band er sich mir einem schwarzen Tuch aus der Stirn und legte den schweren Schwertgurt an, an dem die Scheide des Flammenschwertes befestigt war. Kurz ruhte seine Hand auf dem breiten Griff, auch dieser war geschmückt mit unzähligen Segensbändern, fühlte das beruhigende Gewicht der heiligen Waffe an seiner Seite.
"Es ist Gottes Wille.." flüsterte er leise in Nichts, um seinem rasenden Herz doch endlich Einhalt zu gebieten.
Seine bebenden Hände griffen nach einem Dolch und versteckten ihn in den Falten des Rockes.
Als der noch junge Todesengel sich wieder um wand und den Michaeli-Engel betrachtete waren die Saphiraugen des anderen geöffnet und betrachteten Jibriel mit tief in sich ruhender Heiterkeit.

"Heute ist der Tag ..der Tag meiner Läuterung mein gabrielitischer Bruder...." Alexandriels Stimme war leise und wohlklingend, doch trug sie weit, und wurde begleitet von einem geheimnisvollen Lächeln.
"Ja ..heute ist der Tag..." es kostete Jibriel mehr Mühe als er gedacht und erhofft hatte seine Stimme nicht brechen zu lassen "...bist du bereit..?"
"Bereit?...wann ist man schon bereit dazu Gott ins Antlitz zu blicken?" klang er erheitert? Jibriel konnte es nicht genau sagen, doch schenkte er ihm ein zaghaftes, aufmunterndes Lächeln.
Alexandriel erhob sich aus seiner meditativen Haltung und streckte die mächtigen Schwingen, soweit der kleine Raum es zuließ und strich den weißen Rock glatt der seine schmale Hüfte umschlang. Blütendweiß wie seine Haut, blütendweiß als Kontrast zu den blauschwarzen, hauchfeinen Linien der Tätowierungen die den ganzen Körper des Engels zeichneten.
Gotte Wort.
Auf Haut geschrieben.
Gottes Macht.
Dem Engel verliehen.
Welche Pracht, Jibriel konnte seine Augen nicht von ihm nehmen, und selbst das spärliche Licht in der kleinen Cellae schimmerte auf seinem goldenen Harr wie eine Aureole.
Welch Verschwendung, doch Gottes Wille. Immer und immer wieder musste er es sich ins Gedächtnis rufen, sich vorsagen wie ein Mantra, ein Gebet das seine geschundenen Seele heilen sollte.

"Also will ich ihn nicht warten lassen...lebe wohl mein Bruder" Alexandriel drehte sich der Tür entgegen und Jibriel beeilte sich ihm zu folgen.
"Warte... alle Wege sind wir bisher zusammen gegangen... lass mich dich begleiten vor die Halle der Heimkehr.... lass mich dort für deine Seele beten..." er hatte den anderen Engel an der Schulter berührt um ihn zurückzuhalten. Seine Hände waren kalt wie vor einer Schlacht.
Alexandriels weltentrückte Augen wanden sich dem Todesengel zu. "Ich würde mich freuen wenn du mit mir gingest... der Weg ist schwer... und deine Gebete würden meine Seele hoch in den Himmel tragen...."
So verließ er die Cellae.
Jibriel folgte ihm. Blieb dicht hinter ihm. Die Pracht des Himmels erreichte ihn nicht, berührte ihn nicht. Seine Sinne waren abgestumpft, und doch sensibilisiert.. sensibilisiert für sein Inneres. Mit jedem schritt wurde die Last auf seiner Seele schwerer. Er wollte schreien, rufen, Alexandriel packen und wegfliegen, irgendwohin, nur weit weit weg. Er wollte etwas tun, ihm alles entgegenschreien, all die Worte die gesagt hätten werden sollen, und doch nie gesagt wurden. Doch auch jetzt schwieg er. Nichts verriet den Aufstand in seinem Inneren.
Er konnte ihm nur folgen, und das Lichtspiel in seinem Haar und auf dem Federkleid seiner Schwingen betrachten.
Jahr um Jahr waren sie Seite an Seite geflogen.
Alexandriel musste weit über die 17 sein. Sinnierend betrachtete Jibriel den muskulösen Rücken des Michaeli.
Alt,.. für einen Engel. Seine androgyne Schönheit wurde im laufe der letzen Jahre abgelöst von einer kantigen, herben Schönheit die ihn wild und majestätisch erscheinen ließ wie ein Falke, ..ja, ein blauäugiger Falke.

Er wurde aus seinen Gedanken gerissen als Alexandriel vor einer hohen Tür stehen blieb. In das ebenholzschwarze Holz der Tür war das Symbol des Erzengels Michael in Gold und Stahl eingelegt, welcher mit gebieterischer Geste das Tor zum Himmel, eine filigrane Silberarbeit, bewacht.
Fast wie von selbst öffneten sich die schweren Flügel und gaben den Blick auf eine, von aberhundert Kerzen, hell erleuchtete, mehrstöckige Kapelle frei.
Hohe Säulen, in der Form von zierlichen Engeln stützten mit ihren Flügeln das Kuppelgewölbe. Wände und Decken waren kunstvoll bemalt und verziert mit Szenen von Entzückung und glück von Heimkehr und dem ende der irdischen Qualen.
Jibriel wurde das Herz noch schwerer als er flüchtig über sie hinwegsah. Keines dieser Bilder zeigte wie viel Einsamkeit und Trauer in denen wütete die zurückblieben.
Zurückgebliebene wie ihn.

Der Michaelit schritt in die Kapelle, sicher wie ein König, ein Herrscher zu seiner Krönung.
Wie ein dunkler Schatten folgte der Todesengel. Eine Gewitterwolke voll dunkler Gedanken im Gefolge der Sonne.
Wehrend Alexandriel weiter vorschritt vor den niedrigen Altar blieb Jibriel direkt unter dem gemalten Himmel des Kuppeldaches stehen. Gespenstig und unruhig spielte das Licht der flackernden Kerzen mit seinem Schatten. Stille bis auf das rascheln ihres Rockes und das Geräusche das bloße Füße auf Stein erzeugten.

Fast völlig geräuschlos öffnete sich eine Tür am gegenüberliegenden ende der Kapelle. Ein dunkelgewandter Monach mit hochgeschlossener Robe und blassem, kahlrasiertem Schädel stand mitten in der nun offenen, doppelflügligen Tür.
Alexandriel ging sicheren Schrittes auf ihn zu, nur kurz vor dem Tor schien es als stauchel er ein wenig. Bei dem dunklen Monachen angekommen wand er noch ein letztes mal den Kopf und das saphir seiner Augen traf den Todesengel.
Jibriels Gedanken überschlugen sich. Ungehindert flossen die Tränen unter diesem Blick.
<Alexandriel....> er spürte wie der Geist des Michaeli nach dem seinigen tastete, spürte die Verbindung zwischen ihnen die hergestellt wurde
<Keine Angst mein Bruder...ich werde bei dir sein...>
<Ja ..denn auch deinen letzten Weg Alex...auch diesen wirst du nicht alleine gehen...> seine Hand glitt kurz zu der stelle an seinem Gewand zwischen deren Falten er den Dolch verborgen hatte.
In den Augen des blonden Engels leuchtete verstehen auf und er lächelte mild, als er seinen blick abwand und dem Monachen folgte.

Die Tür schloss sich hinter ihnen.

<...Jibriel...mein Bruder ..so vieles hätte gesagt...so vieles Getan werden müssen...>

Jibriel sank auf die Knie, er faltete die Hände und senkte das Haupt.
Zwischen seinen bebenden Lippen suchte sich ein zarter Ton seinen weg in die Welt, ihm folgten klarere, reinere ,..welche sich verflochten und eine Melodie ergaben die hinauftrug in den gewölbten Himmel der Kapelle. Ein reiner Sopran vertrieb die Stille, und selbst die Kerzen hielten für einen Moment inne als der kniende Todesengel, voll Trauer, Sehnsucht und Hoffnung das Hohelied des Erzengels Michael anstimmte.

<..ja ..so vieles...so viel Zeit ..verschwendet>

Oh Michael, Antlitz des Einen, wahrhaftigen Gottes, der du höher stehst als alle anderen Engel.....

<....Jibriel ..ich...>

..höhre die Lobpreisungen deiner Kinder
Oh Michael, Strahl der Sonne auf meiner Seele, führe uns aus der Finsternis der Welt in das Licht des Himmels

<..ich weiß...Alex...>
Er fürchtete seine Stimme würde Brechen, lange zurückgehaltenen Tränen bahnten sich ihren Weg.
Er hob seinen Blick und wie unter Schleiern sah er verschwommen die dunkle Tür durch die Alexandriel verschwunden war. Er spürte immer noch das Licht seiner Augen auf sich.
Fester presste er die Hände zusammen und legte alle Kraft in den Hochgesang...

Oh Michael.. gütiger Michael ..mit deinen Schwingen schirmst du die Gerechten und spendest ihnen Trost....

<.. vergib mir Jibriel...>
Der Todesengel spürte den Geist Alexandriels schwächer werden in seinen Gedanken, er spürte wie er entzogen wurde und davonglitt.
Seine Hand tastete herab und umfing den Dolch.

<... ich vergebe dich ..denn ich....>
<.. denn ich..>
Selbst jetzt nicht,.. selbst jetzt schwieg er. Er war schwach,.. so schwach.
Seine Hand führte die kalte Klinge des Dolches an seine Kehle.
Seine Stimme zitterte, und die Flammen der Kerzen flackerten wild, warfen unheimliche Schatten an die Wände und tanzten düstere Reigen am gemalten Firmament.

<...kalt ..mir ist kalt.... Licht... Jibriel...ich habe Angst.... ..............>
Seine Gedanken rissen, und brachen ab.
Leere.
Stille.
Wo vorher Alexandriels Geist den Jibriels berührte.
Zurück blieb Kälte und Einsamkeit.

<...keine Angst,...ich folge Dir.... du bist nicht alleine.. >

... führe unsere Herrscharen zum Sieg gegen das Böse und erlöse die Welt von allem Übel....
erlöse uns...
erlöse uns...
erlöse uns...

Als die letzte Note des Hoheliedes verklungen war, der Nachhall seiner Stimme stumme Echos in die steinerne Kapelle warf, warfen die aberhundert Kerzen ihr Licht auf die Klinge des Dolches die mühelos durch himmlisches Fleisch glitt.

Mit marmornen Gesichtern, und gnadenlosen, emotionslosen Augen blickten die Engel auf ihn herab.
Schatten tanzten in ihnen und hauchten ihnen Leben ein.
Und spöttisch huschte ein Lächeln über unbewegte Gesichter.
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