Tod in Raten

von LadyRaven
GeschichteKrimi / P12
18.04.2004
18.04.2004
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"Hier wären wir also!" Herr Mori stieg aus dem Auto aus und streckte sich. "Das wurde aber auch Zeit, ich bin schon ganz steif vom langen Sitzen."

Conan und Ran sahen sich vielsagend an. "Wir haben ja vorgeschlagen, alle zwei Stunden eine Pause zu machen, Paps", aber du wolltest unbedingt die ganze Strecke in einem durch fahren." "Wenn ich auf euch gehört hätte, wären wir wahrscheinlich noch zu spät gekommen", winkte Herr Mori ab. "Ihr hättet ja nicht mitkommen müssen."

"In dem Brief hieß es aber "Detektiv Mori und Begleitung", oder?", konterte Ran und öffnete den Kofferraum. "Jetzt sind wir jedenfalls alle zusammen hier und ich habe vor, das Wochenende auch zu genießen."

"Mausebein, vergiss nicht, dass es ein geschäftliches Treffen ist, obwohl es in einem Landgasthof stattfindet." Herr Mori nahm Ran den größten Koffer ab und keuchte bei dessen Gewicht. "Uns beiden kann es egal sein, mit wem du dich hier triffst, Paps, also werden wir dir sicher nicht im Weg rumstehen, versprochen."

Conan nahm seine Reisetasche und nickte. "Vertrau uns nur, Onkel. Außerdem weißt du ja nicht einmal selbst, wer jetzt dein rätselhafter Kunde ist, oder?"

Herr Mori zog es vor, keinen Kommentar abzugeben und nahm statt dessen einen neuerlichen Anlauf, den Koffer zu heben. Diesmal schaffte er glatt drei Schritte, ehe er ihn wieder absetzte und verschnaufte.

*Was für eine Flasche*, dachte Conan und sah betont unschuldig zu Rans Vater hoch. "Du solltest mehr Sport machen, Onkel Kogoro."

"Jetzt wird nicht gleich wieder frech!", schnauzte ihn der berühmte Privatdetektiv an. "Mein Job wir nun mal mit Hirnschmalz und nicht mit Muskeln erledigt."

"Trotzdem würden dir ein paar Muskeln nicht schaden, Paps", kam Ran Conan zu Hilfe. "Hier, nimm meinen Koffer." Sie stellte ihren kleine Koffer locker neben dem großen ab und wollte nach dessen Griff fassen, doch zu ihrem Erstaunen schüttelte ihr Vater den Kopf. "Nein, Mausebein, wie sieht denn das aus, wenn ich mir von meiner Tochter helfen lasse. Ich werde euch beiden zeigen, dass ich beides Habe, Hirn und Muskeln."

Gesagt, geschnauft. Herr Mori war völlig am Ende, als er es endlich geschafft hatte, den Koffer die dreißig flachen Stufen den Hügel hinauf zu schleppen. Vor dem Eingang musste er erst mal drei Minuten nach Luft ringen, ehe er es die Türe aufstieß. Obwohl es von außen wie ein traditioneller Gasthof wirkte, war das Innere topmodern eingerichtet. Keine Tatamimatten, sondern goldbraune Fliesen und bunt gemusterte Teppiche bedeckten den Boden. An der Rezeption stand nur ein junges Mädchen in Jeans mit einem Pferdeschwanz und tippte Daten in einen Computer ein.

Als Ran, Conan und Herr Mori ihre Koffer vor der Rezeption abstellten, sah sie hoch und schenkte ihnen ein herzliches Lächeln. "Willkommen im Gasthof Herbstrauch, die Herrschaften. Haben Sie reseviert?"

"Wir sind uns nicht ganz sicher", sagte Ran und fischte den Brief heraus. "Mein Vater hat diese Bestätigung zugeschickt bekommen. Ist sie echt?"

Das Mädchen warf einen Blick darauf und nickte. "Ja, bei uns wurden tatsächlich zwei Zimmer für Herrn Mori und Begleitung reserviert. Wenn Sie mir bitte folgen würden."

Auch die Zimmer, beide mit jeweils zwei Einzelbetten, entsprachen modernen westlichen Standarts. Es gab zu Herrn Moris Entzücken eine gut sortierte Minibar und einen kleinen Kühlschrank mit kleinen Appetithäppchen. Ran freute sich über die geräumige Dusche und den Fernseher.

Conan hingegen beschäftigte vor allem ein Gedanke. Wem hatten sie diese großzügige Einladung zu verdanken?

............

Drei Tage zuvor:

Conan spielte mal wieder Kind und saß vor einem ätzend einfachen Rätsel. Es war einfach zum Gähnen. Die anderen drei von den Detective Boys waren mit ihren Eltern in den Urlaub gefahren. Draußen staute sich der Verkehr in der feuchten Hitze und Rans Vater war mal wieder zu geizig, um die defekte Klimaanlage durch eine neue zu ersetzen.

Alle Türen standen weit offen, um nur jeden Luftzug zu erhaschen, der durch die halboffenen Fenster kommen wollte. Das Windspiel klingelte ab und zu leise.

Ran klapperte in der Küche mit den Töpfen, heute sollte es scharfe, gekühlte Nudeln geben. Der berühmteste Detektiv Japans hing mehr in seinem Sessel als er saß und kühlte sich mit einem Miniventilator die Frisur.

"Bring mir noch ein Bier, Ran!", rief er in die Küche. "Die Hitze bringt mich noch um!"

"Jedes Jahr das gleiche, Paps", sagte Ran kopfschüttelnd während sie die Dose aus dem Kühlschrank nahm und ihrem Vater auf den Tisch stellte. "Wann kaufst du uns endlich eine neue Klimaanlage?" "Die Dinger kosten ein Schweinegeld, das können wir uns nicht leisten."

"Wenn du ein Jahr lang kein Bier mehr trinken würdest, Onkel Kogoro, dann könnten wir uns sogar zwei Klimaanlagen leisten", meldete sich Conan zu Wort. Er sehnte sich nach seinem alten Leben als Shiniji Kudo und nach dem großen, kühlen Haus. Nur konnte er Rans Vater ja schlecht vorschlagen, dorthin zu übersiedeln.

"Ein Jahr lang kein Bier?" Der Schreck den dieser Gedanke in Kogoro Mori auslöste, war seinem Gesicht deutlich abzulösen. "Das würde ich nicht überleben."

"Schaden würde es dir auf keinen Fall, Paps", hieb Ran in die gleiche Kerbe. "In letzter Zeit trinkst du einfach zu viel. Irgendwann kriegst du einen Bierbauch, so groß wie ein Fußball."

"So ein Unsinn!" Herr Mori klopfte sich auf seine flachen, aber schlaffen Bauchmuskeln. "Ich bin immer noch in Topform." Er sah von Ran zu Conan. "Ihr könnt auf mich einreden wie ihr wollt, aber eine Klimaanlage ist zu teuer. Punktum."

"Dann fahr wenigstens mit uns ans Meer oder zum Campen an einen Fluss", drängte Ran. "Einfach irgendwohin wo es kühler ist."

"Würde ich ehrlich gern, Mausebein, aber derzeit ist einfach Ebbe in der Kasse."

*Kein Wunder, wenn er immer aufs falsche Pferd setzt*, dachte Conan und griff nach dem weißen Papierfächer, um die Hitze wenigstens ein bisschen abzumildern.

In diesem Moment läutete es an der Türe.

Ran ging zur Wohnungstür und öffnete sie. Es war der Briefträger. "Fräulein Mori, ich hätte da einen eingeschriebenen Brief für ihren Vater."

"Paps, such dein Namenssiegel raus, es ist Post für dich!"

"Das auch noch!", ächzte der Detektiv, legte widerwillig den Miniventilator beiseite und schloss die betreffende Schublade auf. Das Siegel lag wie immer an seinem angestammten Platz. Auf Ran war in der Hinsicht echt Verlass. Herr Mori drückte das Siegel in das dabei liegenden rote Stempelkissen und schleppte sich anschließend zur Haustüre, wo er den dicken Umschlag in die Hand gedrückt bekam und dessen Empfang bestätigte. Nachdem sich der Briefträger verabschiedet hatte, riss er gleich den Umschlag auf. Ein gutes Dutzend 10.000 Yen Scheine flatterte auf den Fußboden.

"Alle Achtung, Paps", sagte Ran überglücklich und machte sich daran, die Scheine aufzuheben. "Du hast mir gar nicht gesagt, dass dir ein Klient noch Geld schuldet."

Mittlerweile hatte Herr Mori den Brief herausgezogen und überflog die wenigen Zeilen. "Sag, Onkel Kogoro", fragte Conan neugierig, "von wem ist denn das Geld?"

Statt ihm wie üblich einen Klaps zu geben, runzelte der Detektiv die Stirn. "Das wüsste ich auch gern." "Was soll das heißen?" Ran sah auf das Büschel Geldscheine in ihrer Hand. "Ist das Geld am Ende gar nicht für dich?"

"Hier, lies selbst!" Er reichte ihr den Brief.

"Lies laut vor, Ran!", bettelte Conan und sie tat ihm den Gefallen.

"Sehr geehrter Privatdetektiv Mori,

Ihr vorzüglicher Ruf ist bis zu mir gedrungen und ich würde ihre Dienste gern in Anspruch nehmen. Beiliegend finden die erste Rate als Anzahlung. Bitte finden sie sich am 8. des Monats im Hotel Herbstrauch ein. Zimmer für sie und ihre Begleitung sind bereits reserviert. Eine Wegbeschreibung finden Sie auf der Rückseite. Hochachtungsvoll,

Ihr Klient"

Ran ließ den Brief sinken. "Denkst du, dass das ein dummer Witz ist?"

"Bei den Scheinen?", fragte Conan und schüttelte den Kopf. "Das wäre ein ziemlich teurer Scherz." "Vorausgesetzt die Scheine sind echt", fügte Detektiv Mori hinzu. Er nahm das Büschel aus Rans Hand und hielt einen ans Licht. "Hmm... scheinen in Ordnung zu sein. Sicherheitshalber werde ich in der Bank nachfragen."

"Kann man etwas an der Handschrift ablesen?", fragte Conan neugierig.

"Wohl kaum, da der Brief ja offenbar per Computer getippt wurde, selbst die Unterschrift wurde nicht per Hand geschrieben und auch Empfänger und Absender auf dem Briefumschlag", erklärte Rans Vater, nachdem er zweiteres näher in Augenschein genommen hatte.

"Tja, dann bleibt uns ja nichts übrig, als dieses Hotel aufzusuchen, oder?", sagte Ran und drehte das Blatt um. "Wow, der liegt ja mitten in den Bergen und ganz in der Nähe ist ein See. Ich packe meine Badesachen am besten auch gleich mit ein. Wie ist das mit dir Conan, hast du überhaupt eine Badehose?"

"Moment mal", ihr Vater hob abwehrend die Hände. "Wer sagt, dass ich euch überhaupt mitnehme?"

"Die Person, die uns die Reise bezahlt natürlich", konterte Conan. "Es heißt ja, mit Begleitung, oder etwa nicht. Offenbar möchte dein Klient, dich unauffällig treffen und wir sind deine beste Tarnung." "Das hätte ich nicht besser sagen können", stimmte ihm Ran zu. "Wie ist das jetzt mit deiner Badehose, Conan?"

"Hab ich nicht", musste dieser zugeben.

"Dann gehen wir jetzt gleich eine kaufen. Ich rufe Sonoko an, sie kennt immer die besten Sonderangebote."

"Und wer soll das bezahlen?", brummte ihr Vater. "Das Geld hier wird jedenfalls nicht angerührt, bis ich den Fall gelöst habe, was für einer das auch immer ist."

*Oho, welch ungewohnte Skrupel*, dachte Conan und sagte: "Ist von dem Geld, das meine Mutter da gelassen hat, noch etwas übrig?"

"Dass ich nicht gleich daran gedacht habe!", Ran klatschte in die Hände. "Es würde auch für eine Klimaanlage noch locker reichen."

"Ich hätte nichts dagegen", stimmte Conan zu. Beide sahen sie Herrn Mori an, doch der winkte ab. "Wir wissen nicht, wie lange wir ihn noch füttern und neu einkleiden müssen, ehe seine Eltern einen weiteren Scheck schicken."

Da Conan schon eine Weile nichts mehr von ihnen gehört hatte, konnte er Herr Mori nicht widersprechen.

"Was ist eigentlich mit den Nudeln, Ran?", fragte er mit einem Seitenblick in die Küche. "Du meine Güte!" Ran sauste zu ihren Töpfen, während Conan sich den Brief schnappte, ehe dieser zu Boden flatterte. Tatsächlich, kein einziges, Hand geschriebenes Zeichen. Hier war jemand mit größter Sorgfalt vorgegangen.

*Ich wette, dass es keinen einzigen Fingerabdruck des Schreibers gibt. Warum aber hat er sich solche Mühe gemacht? Eine fremde Handschrift hätte Rans Vater so und so nicht erkannt. Bleibt also nur...* Weiter kam er mit seinen Überlegungen nicht.

"Nun gib schon her", Detektiv Mori nahm ihm den Brief aus der Hand. "Andrer Leute Post zu lesen, sind sehr schlechte Manieren. Geh und fang an, den Tisch zu decken."

"Dürfen wir nun mit, Onkel Kogoro?", fragte Conan mit treuherzigem Blick.

"Meinetwegen, aber dass ihr mir die Besprechung mit dem Klienten nicht stört, verstaden?"

"Ehrenwort!", kam es aus der Küche und auch Conan nickte eifrigst.

................................

Das war jetzt drei Tage her und nun waren sie endlich der Hitze der Stadt entronnen.

Conan sah aus dem Fenster des Zimmers, das er sich mit Ran teilte (Herr Mori wollte lieber allein ein Zimmer für sich, also gab es nur die eine Lösung).

"Schau Ran, da drüben ist der See!"

Ran trat zu ihm und atmete tief die frische Luft ein. "Herrlich wie kühl es hier ist. Was meinst du, ob man in dem See baden kann?"

"Am besten fragen wir an der Rezeption", schlug Conan vor.

"Richtig, aber zuerst müssen wir noch auspacken." Ran hievte ihren Koffer auf ihr Bett und öffnete ihn. Conan tat das gleiche mit seiner Tasche. Es war ihm immer noch peinlich, wenn Ran seine Unterwäsche sortierte oder einräumte.

Während die beiden mit dem Auspacken beschäftigt waren, wurde im Flur gegenüber die Türe aufgerissen und eine junge Frau stürmte heraus. Conan, der zwecks Durchzug und frischer Luft, die Tür zum Flur nicht ganz geschlossen hatte, hielt inne, als er die helle Stimme rufen hörte: "Du verdammter Heuchler! Ich werde es dir schon heimzahlen, verlass dich drauf!"

Dann mischte sich eine Männerstimme ein: "Sakura, hör bitte auf, dich so hysterisch zu benehmen. Yuko hat gesagt, dass ich auch meinen Teil beitragen muss, also beschwere dich bei ihm!"

"Das werde ich auch, darauf kannst du Gift nehmen!", fauchte die Frau und stürmte den Flur hinunter. Der Mann seufzte hörbar und schloss die Zimmertüre hinter sich. Schritte waren zu hören und eine weitere Stimme mischte sich ein, ebenfalls die eines Mannes. "Was ist denn hier los, Koiji? Krach im Paradies?"

"Du musst gerade reden Yuko! Ich habe sie nicht zu dir geschickt, dass du sie gegen mich aufhetzt." "Nun krieg dich mal wieder ein. Ich werde mit ihr reden." Die Schritte entfernten sich. Der Mann namens Koiji schloss das Zimmer ab und ging langsam den Flur hinab. "Conan?" Ran packte ihn an den Schultern und zog ihn vor der Türe weg. "Wie wäre es, wenn du fertig auspackst, statt anderer Leute Gespräche zu belauschen."

"Aber Ran", protestierte Conan, obwohl er wusste, dass er gegen ihre Kraft nichts ausrichten konnte. "Ich wollte doch nur herausfinden, ob einer von denen dieser Klient sein könnte. Er ist doch bestimmt auch schon hier im Hotel, oder?"

"Hmm... interessieren würde mich das ja auch, aber wir haben Paps versprochen, ihm nicht im Weg zu sein. Wenn der Klient ihn sprechen will, muss er nur das Telefon benützen, schließlich steht in jedem Zimmer eines davon."

Conan hatte so seine Zweifel, was das direkte, offene Vorgehen des Klienten betraf. Als er und Ran mit dem Auspacken fertig waren und nach Herrn Mori sahen, lag dieser angezogen auf dem Bett und schnarchte. Sein Koffer stand noch immer ungeöffnet daneben.

"Armer Paps, die Autofahrt hat ihn müder gemacht, als ich dachte. Ich packe rasch mal seine Sachen aus, bringst du unseren Schlüssel zur Rezeption und fragst wegen dem See?"

"Klar doch!", Conan nahm den Schlüssel entgegen und ging hinunter in die Eingangshalle. Von hier aus konnte man auch in den Speisesaal sehen, wo soeben der Tisch für das Abendessen gedeckt wurde. Offenbar war der Landgasthof (wie der Schreiber des Briefes es nur hatte "Hotel" nennen können, konnte sich Conan nicht erklären) nicht stark belegt, lediglich zwei Tische waren gedeckt. An dem einen legte man gerade vier Gedecke auf.

"Das ist eines zuviel", sagte die junge Frau, die zuvor noch an der Rezeption gestanden hatte, zur Kellnerin. "Frau Tsukimori wünscht, dass ihr das Essen aufs Zimmer gebracht wird." "Immer diese Extras", brummte die Kellnerin und räumte das Besteck wieder fort. "Was ist, wenn sie es sich anders überlegt?"

"Das wird sie schon nicht, sie hat es die letzten zwei Tage so gehalten und so wird es auch dieses Mal sein."

Da sah die junge Frau Conan und den Schlüssel, den er in der Hand trug. "Du willst wohl raus und die Umgebung erkunden. Für ein Kind ist das hier nicht gerade der ideale Ort."

"Warum nicht, ich habe den See vom Fenster aus gesehen. Ich schwimme sehr gern."

"Ohne deine große Schwester gehst du nirgendwo hin!", sagte die Frau entschieden, nahm ihm aber den Schlüssel ab um diesen an den Haken über dem Fach zu hängen

"Wir sind nicht verwandt", lachte Conan und rieb sich verlegen den Hinterkopf. "Sie passt nur auf mich auf, damit ich nichts anstelle während meine Eltern im Ausland sind."

"Ah, so ist das, daher die verschiedenen Familienamen im Gästebuch", murmelte die Frau rasch.

"Und wie ist das jetzt mit dem See?", wollte Conan wissen.

"Er gehört nicht zum Hotel, aber Baden ist dort nicht verboten", formulierte sie sorgfältig. "Allerdings ist das Wasser sehr kalt und der Bootsteg ist schon ziemlich morsch und feucht. Ich würde dir nicht raten, dort baden zu gehen. Eine halbe Autostunde von hier gibt es ein großes Freibad mit Rutschen, mehreren Pools und so weiter. Ich kann Herrn Mori die Route aufzeichnen, wenn er möchte."

"Mit dem See ist also Essig?", Conan war ein wenig enttäuscht. Er hätte Ran gerne in dem knappen roten Bikini gesehen, den sie sich vom Wühltisch beim Abverkauf geschnappt hatte.

Jetzt erst bemerkte er, dass im Fach neben seinem und Rans, unter der Zimmernummer von Detektiv Mori ein Zettel steckte.

"Ist der für Onkel Kogoro?", fragte Conan. "Ran ist noch oben und packt seine Sachen aus, weil er eingeschlafen ist. Vielleicht verpennt er auch das Abendessen. Soll ich ihm den Zettel geben?"

Die junge Frau zögerte. "Frau Kamako!", rief die Kellnerin aus dem Speisesaal. "Soll ich die sechs Gedecke für die Gruppe aus Kyoto wieder so ordnen wie gestern?"

"Warte mal, ich komme gleich rüber und helfe dir!", rief Frau Kamao und reichte Conan den Zettel. "Aber verlier ihn ja nicht, sonst komme ich in Teufels Küche."

"Keine Sorge, ich passe gut drauf auf!" rief Conan und ging mit dem Zettel in der Hand die Treppe hoch. Außer Sichtweite des Speisesaales faltete er das Blatt auseinander. Es war wieder ein Computerausdruck ohne ein einziges mit Hand geschriebenes Zeichen.

"Sehr geehrter Detektiv Mori!

Ich freue mich sehr, dass sie meiner Einladung gefolgt sind. Noch habe ich mich nicht vollends davon überzeugt, dass sie meinem Problem gewachsen sein werden. Vergeben Sie mir meine Zweifel, aber ich werde Sie noch ein wenig aus der Distanz im Auge behalten. Ihre Zimmer sind für 14 Tage gebucht und wenn Sie ihrem Ruf gerecht werden, steht dem lukrativen Auftrag nichts im Wege und ich werde mich Ihnen zu erkennen geben.

Hochachtungsvoll,

Ihr Klient"

Conan faltete den Zettel wieder sorgsam zusammen und steckte ihn ein. Als er gerade die Türe zu Herrn Moris Zimmer öffnen wollte, kam Ran heraus. "Nun, Conan, was hast du herausgefunden? Können wir im See baden?"

"Eher nicht, das Wasser ist zu kalt und der Bootssteg ist nicht sicher."

"Aber so direkt verboten ist es nicht, oder?"

"Nein."

"Gut, dann sehen wir uns den See gleich aus der Nähe an. Dafür müsste vor dem Abendessen noch Zeit sein."

"Was ist mit Onkel Kogoro?"

"Paps schläft noch immer. Ich habe seinen Wecker mal auf die Zeit vom Abendessen gestellt, sonst ist er wieder so unleidig, wenn er nichts zu futtern kriegt."

"Hier!" Conan reichte Ran den Zettel. "Das hat mir die Frau an der Rezeption für Onkel Kogoro gegeben."

Ran nahm das Blatt und drehte es hin und her. "Wahrscheinlich eine Nachricht von dem Klienten, nicht wahr?"

"Woher soll ich das wissen?", fragte Conan.

"Spiel hier nicht den Unschuldigen, Conan", lachte Ran, "vor dir ist doch kein Geheimnis sicher. Was steht drin?"

"Nun ja ..." Conan wiederholte den Inhalt Wort für Wort.

"Dann ist es ja nicht so dringend. Warte mal kurz." Ran huschte ins Zimmer zurück und blieb dort für etwa eine Minute. Während Conan auf dem Flur stand wurde weiter unten eine Türe geöffnet und eine junge Frau mit einem Sommerhut und einem weit fallenden Kleid trat heraus. Im Arm hielt sie einen Strauß weiße Chrystanthemen.

Sie schritt an Conan vorbei und lächelte ihn dabei freundlich an. Dann stieg sie die Treppe hinab. Conan überlegte ob sie wohl zu der Gesellschaft aus Kyoto gehörte. Da kam Ran wieder aus dem Zimmer. "Ich habe Paps den Zettel neben den Wecker gelegt und ihm eine Notiz geschrieben, woher der Zettel kommt. Los, gehen wir!"

Ran und Conan waren offensichtlich nicht die ersten, die den Gasthof verließen. Nachdem Conan und Ran ihre Schuhe angezogen hatten, befand sich im Schuhfach nur noch ein Paar blaue Sandaletten und die Sommerschuhe von Detektiv Mori.

Vor dem Hotel streckte sich Ran und atmete wieder tief die frische Luft ein. "Hier ist es einfach herrlich. Schade dass Sonoko nicht mit wollte, aber ihr war ja die Sommernachtsparty wichtiger." Der Weg zum See hinab war gut beschildert und bequem. Der See war wirklich nicht sehr groß, Conan bezweifelte, dass es mehr als zwei Stunden dauerte, ihn zum umwandern. Unter den Wipfeln der Bäume war von der Sommerhitze die in der Stadt geherrscht hatte, nichts mehr zu spüren. Als der Weg eine Biegung machte, sah Conan die Frau mit den Blumen wieder. Sie kniete vor einem Stein und kratzte das Moos aus den Rillen des Schriftzuges, der darauf gemeißelt war. Die Blumen hatte sie vor den Stein hin gelegt.

Ran und Conan zögerten. Die Bewegung der Frau hatten etwas Andächtiges an sich, und ihnen beiden war nicht wohl dabei, sie zu stören.

Doch dann kam vom See herauf ein Mann spaziert, sah sie und blieb kopfschüttelnd stehen. "Aya, tust du dir das schon wieder an?"

Die Frau hob den Kopf kurz, sah den etwa gleichaltrigen, korpulenten Mann an und widmete sich wieder stumm ihrer Arbeit.

"Aya, das ist nicht einmal ihr Grab, es ist nur ein Gedenkstein, den du selbst setzen hast lassen. Warum lässt du sie nicht ruhen?"

Jetzt kam Bewegung in die Frau und sie stand schwungvoll auf. "Du hast sie ja kaum gekannt, Hamako, oder? Dir bedeutete ihr Tod nicht mehr als sonst einem Fremden, der zufällig dabei war. Aber Sanae war meine beste Freundin, für mich ist damals die Welt untergegangen."

"Und du hast Koiji bis heute nicht verziehen, das haben alle gestern Abend gemerkt."

"Warum sollte ich diesem dreckigen Mörder auch verzeihen?"

"Sie vorsichtig, was du sagst, Aya, es war ein Unfall!"

"Auf dem Papier vielleicht. In meinen Augen hat Koiji absichtlich dafür gesorgt, dass Sanae mit ihrem schwachen Herzen völlig überhitzt ins kalte Wasser gesprungen ist."

"Das war ihre Entscheidung. Sie hätte sich seinen dummen Witz nicht so zu Herzen nehmen müssen. Und reiß dich heute Abend bitte etwas zusammen. Es sind neue Gäste dazu gekommen, die müssen nicht unbedingt mit bekommen, was du von Koiji denkst."

"Nimm ihn nicht in Schutz. Er ist der kaltblütigste Unmensch, der mir je begegnet ist. Hast du gestern Abend nicht seine Häme gehört, als er sich über Akrios Praxis lustig gemacht hat? Okay, Akira steht vor dem Bankrott, aber ihm dann auch noch zum Gespött machen und alle Hilfe verweigern, ist eindeutig zuviel. Und was ist mit dir? Hat er dir nicht seine neue Verlobte ausgespannt?" Sie sah ihn herausfordernd an.

"So kann man das nicht nennen, wir waren lediglich ein paar Mal zusammen aus, ehe sie sich in Koiji verschaut hat. Und bitte komm nicht wieder mit der Behauptung, er hätte mir die Stelle als Assistent bei Professor Sagashi weggeschnappt. Es war eine faire Ausschreibung und seine Arbeit war nun einmal besser." Sein Versuch, sie zu beschwichtigen war nutzlos, so in Fahrt wie sie war.

"Aber wenn er nicht gewesen wäre, könntest du dich ins gemachte Nest setzen, so wie er das jetzt tut. Statt dessen hältst du dich als Landarzt über Wasser, dabei hast du den Uniabschluss mit weit größerem Erfolg gemacht als er, deine Doktorarbeit ist ausgezeichnet worden, oder?"

"Lassen wir die alten Kamellen, es müsste bald Zeit fürs Abendessen sein." Er fasste sie am Ellenbogen und versuchte, sie in Richtung Landgasthof zu ziehen.

"Du bist und bleibst eine Memme!", fauchte Aya und riss sich los. "Ich kann allein laufen. Irgendwann werde ich Koiji für das bezahlen lassen, was er uns allen angetan hat."

"So etwas zu sagen bringt Unglück", seufzte Hamako.

"Ich denke, wir sollten auch zurückgehen", flüsterte Ran. "Hoffentlich bemerken sie uns nicht, es wäre ihnen sicher peinlich und uns auch."

Conan nickte und sie liefen rasch den Weg zurück.

*Hier gibt es mehr Spannungen als in einer Seifenoper*, ging es Conan durch den Kopf. Ob "Der Klient" das geahnt hatte und ob er vielleicht jemand aus der Gruppe von Kyoto war, der wünschte, dass verschüttete Wahrheiten ans Licht kämen?

Selbst wenn sie nicht im See baden konnten, langweilig würde es sicher nicht werden, das hatte er im Gespür.

Ende von Teil 1
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