Ame no Mahou - Der Zauber des Regens

von Styko
GeschichteRomanze / P12
Conan Edogawa Yusaku Kudo
17.04.2004
17.04.2004
3
18199
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Titel: Ame no Mahou - Der Zauber des Regens
Teil: 1/3
Teiltitel: Akisame - Herbstregen
Grund des Schreibens: Herbst-/Winterfanficwettbewerb bei Animexx
Platz: 1.  (*es immer noch nicht wirklich glaubt...*)
Genre: Darkfic, Romance, Comedy
Warning: dark, depri, teilweise com, sap, vielleicht etwas fluff
Pairings: ShinichiXRan (Haupt) KaitoXAoko (Neben)

Summary: Dunkelheit ist es, was einen umgibt, wenn der Geliebte unerreichbar fern und auch der einzige Mensch, den man noch einen wahren Freund nennen konnte, fortgegangen ist. Ran muss dies feststellen als mit Conans Abschied ihre Welt zusammenzufallen beginnt. Doch auf dem Weg der Dunkelheit gibt es immer noch die Möglichkeit sich umzuwenden und zurückzukehren. Aber was ist, wenn das Licht zu weit weg ist um zu führen? Weiter der Dunkelheit entgegengehen? Oder sich umsehen und nach anderen Lichtern suchen?

Bemerkung: Oh, ich glaub es immer noch nicht, dass ich gewonnen hab *sich so abartig freut* ^__^  Dafür, dass ich so unter Druck geschrieben hab (ich glaube, ich kann unter Druck irgendwie besser arbeiten o.O *immer wieder auffällt*)
Nun gut, es gibt nicht sonderlich viel zu sagen. Das Pairing ist für mich ja wirklich sehr ungewöhnlich, da ich ansonsten ausschließlich Shounen Ai/Slash schreibe, aber für diese Idee brauchte ich... nun ja, sagen wir mal ein ,vorgegebenes' Pairing und ShinichiXRan hat sich nun mal am besten dafür geeignet.
Da ich nicht wirklich Japanisch kann musste ich mich bei dem Titel und Teiltitel auf die Hilfe diverser Wörterbücher und meiner doch eher minderen Grammatikkenntnisse verlassen. Ich weiß also nicht, ob die Übersetzung hundertprozentig richtig ist, aber ich denke vom Sinn her wird's stimmen^^'
Da mir an dieser Story doch schon einiges liegt, würde ich mich sehr über einen Kommentar freuen^^ und nun will ich euch nicht länger aufhalten und wünsche euch viel Spaß beim Lesen^^

Disclaimer: Weder "Meitantei/Detektiv Conan" noch "Majikku Kaito/Kaito Kid" mit ihren Charas gehören mir, sondern Gosho Aoyama. Ich leihe sie mir lediglich aus und mache keinen Profit hiermit. Der Inhalt dieser Story ist jedoch meiner Fantasy entsprungen und sollte er jemandem nicht gefallen bitte ich sie/ihn diese Geschichte kommentarlos zu ignorieren (ich habe nichts gegen konstruktive Kritik, ich möchte nur keine Flames oder ähnliches nur weil ich über ein Pairing, eine Situation etc. geschrieben habe, das jemandem nicht in den Kram passt.)

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Ame no Mahou - Der Zauber des Regens



Akisame - Herbstregen



Schwere Regentropfen trommelten gegen das Fenster, als wollten sie mich für das schelten, was ich getan hatte. Unaufhörlich klopften sie, so stark, dass ich das Gefühl hatte, sie würden jeden Augenblick die Scheibe zertrümmern, um auf mich niederzuschlagen mit einer Kraft, die man ihnen nicht zutraute.

Natürlich war mir klar, dass die Regentropfen das nicht vermochten und sie mich auch nicht für das verdammten, was ich getan hatte. Niemand würde mich für so was verdammen. Ich hatte ein Kind seinen Eltern wiedergegeben, es wieder in die Obhut der Menschen entlassen, die es doch eigentlich brauchte und nicht die eines vollkommen Fremden und dessen Tochter, die doch selber noch ein Kind war... Und trotzdem... es quälte mich, dass ich ihn hatte gehen lassen.

,Tschüss, Ran!' Vor meinen geschlossenen Augen drängte sich augenblicklich wieder das Bild des kleinen Jungen mit der Brille auf, der sich winkend verabschiedete und so glücklich wirkte, wie ich ihn nie zuvor erlebt hatte. Schmerz und Eifersucht wallten in mir auf und im nächsten Augenblick verfluchte ich mich bereits für meinen Egoismus. Wie konnte ich erwarten, dass es ihm schwerfiele zu gehen? Natürlich war er glücklich gewesen wieder zurück zu seinen Eltern zu gehen, jedes Kind wäre das. Selbst Conan, der sonst immer so still und beinah schon erwachsen gewirkt hatte. Er war ein Kind gewesen, ein ganz normales Kind, das sich wie jedes andere auch nach der Wärme und Geborgenheit sehnte, wie nur Eltern sie einem schenken können.

Aber trotzdem, es tat weh ihn gehen zu sehen. Bald zwei Jahre hatte er bei uns gewohnt, hatte mit uns gelacht, mit uns getrauert und mit uns gelebt. Er war ein Teil unserer kleinen Familie geworden. Ich nahm an, selbst mein Vater würde ihn vermissen. Auch wenn er ihn immer als lästig bezeichnet hatte, sie wurden von Tag zu Tag wie Vater und Sohn und ich glaubte, ich hatte meinen Vater schlucken sehen, als Conan aus der Tür hinausging und uns verließ. Es würde ihm schwer mitnehmen und ich hoffte, dass er nicht in die gleiche Lethargie verfallen würde wie damals, als Mutter von uns weggegangen ist... Ich würde es nicht noch einmal ertragen ihn so zu erleben...

,Vielleicht sehen wir uns ja irgendwann mal wieder!' Er hatte gegrinst bei diesem Satz. Das unschuldige Grinsen eines Kindes, die Stimme so voller Zuversicht und Freude wie bei jedem anderen Kind auch. Und doch war da dieser Unterton gewesen, der mitschwang, der mir verdeutlichte, dass ich ihn nie wieder sehen sollte. Nicht einmal mehr mit ihm sprechen oder ihm schreiben war mir vergönnt, das wurde mir in diesem einen Augenblick klar. Genauso schnell, wie er in mein Leben getreten war, war er auch wieder gegangen. So war er schon immer und so würde er wohl immer sein.

Ein Lächeln schlich sich auf mein verweintes Gesicht, als mir dieser Gedanke kam. In diesem Punkt war Conan ihm immer so ähnlich gewesen - und vielleicht war es gerade deshalb, dass mir der Verlust des Kleinen noch näher ging, als es unter normalen Umständen bereits der Fall gewesen wäre: Er war immer mein Ersatz gewesen, mein Halt in der schweren Zeit der Trennung. Nur durch ihn, durch seine Nähe, seine Anwesenheit hatte ich es überhaupt geschafft die Zeit ohne ihn durchzustehen.

Es zog mir das Herz vor Angst zusammen, als ich mir dies eingestand, denn nun, wo Conan auch verschwunden war, wie sollte ich diese ganze Situation noch durchstehen? Niemand hatte mich je so gut verstanden, wie der kleine Junge. Nicht mein Vater, nicht meine Mutter, auch nicht Sonoko oder eine meiner anderen Freundinnen. Sie konnten es nicht verstehen, wie ich in meinem Alter einen Jungen derart vermissen konnte. Ich selbst wusste es nicht, aber ich wusste, dass es echt war, kein falscher Liebeschmerz, wie es sich die Jugend in diesen Zeiten doch so oft einredete. Conan hatte mich verstanden und mir den Halt gegeben, den ich brauchte. Aber nun war auch dieser einzige Halt, den ich noch gehabt hatte, verschwunden und in dieser einen schwarzen Herbstnacht, in der der Regen schwer an mein Fenster trommelte, spürte ich, wie sich unter meinen Füßen ein großer, dunkler Abgrund auftat, in den ich langsam drohte zu fallen, würde ich nicht bald eine rettende Hand gereicht bekommen.

Mit einem erneuten Weinkrampf drehte ich mich auf die Seite, die Beine nah an den Körper gezogen und die Arme darum geschlungen, versuchend mir selbst etwas von der Wärme zu geben, die ich mir so ersehnte. Doch meine Träume, in die ich fiel, spiegelten die Realität wieder, die ich mir noch nicht eingestehen wollte: Dunkelheit.



~ ~ ~



"Ran. Ran! Ran wach auf!"

Eine leise Stimme drang durch die Stille und Schwärze meiner Gedanken und riss mich langsam hinaus. Nach einer Weile bemerkte ich auch die Hand an meiner Schulter, die mich mehr unsanft als sanft rüttelte, vermutlich um mich endlich aufzuwecken. Ich versuchte mich zu widersetzen, einfach weiterzuschlafen, doch die Stimme und die Hand gaben nicht nach und so fügte ich mich schließlich und öffnete flackernd die Augen.

Doch sobald sie auch nur einen Spalt offen waren, waren sie schon wieder geschlossen. Ein brennender Schmerz war durch sie gezogen, als das grelle Licht der Lampe mich geblendet hatte. Aber ich hatte Sonoko erkannt und fragte deshalb schlaftrunken:

"Was ist denn?"

"Das wird aber auch mal Zeit! Na mach schon, wir haben Schule! Wenn du nicht gleich aufstehst, kommen wir noch zu spät!"

Mit einem Ruck war ich hellwach und richtete mich so schnell auf, dass Sonoko erschrocken zurückwich und - Plumps!

"Aua... Mensch... warn' mich doch, bevor du wie von der Tarantel gestochen auffährst..."

Ein kleines Grinsen huschte über meine Lippen, als ich meine beste Freundin betrachtete, die auf dem Boden neben meinem Bett saß und sich ihren schmerzenden Po rieb, auf den sie kurz zuvor gefallen war. Doch ich wischte es augenblicklich wieder fort, wusste ich doch, wie leicht es war Sonoko beleidigt werden zu lassen. Außerdem musste ich mich beeilen.

"Entschuldige bitte", während ich aus dem Bett kletterte, nahm ich ihre Hände und zog sie wieder auf die Füße, dann ging ich zu meinem Kleiderschrank, um die Schuluniform herauszuholen.

"Ich brauch' nicht lang', bin gleich fertig. Könntest du mir einen Gefallen tun und Conan wecken, sonst kommt er auch noch zu spä-"

Ich merkte nicht, wie mir die Kleidung aus den erschlaffenden Händen rutschte und sie achtlos auf den Boden fiel. Ich merkte nur, wie die Dunkelheit wieder über mir hereinbrach. Mein Herz krampfte sich zusammen und ich glaubte, mir stäche jemand mit Tausenden von kleinen spitzen Nadeln hinein. Ich hatte vergessen, dass er weg war. War in meinen Träumen der Realität entflohen gewesen und hatte mich nicht darauf vorbereiten können ihr wieder ins Gesicht zu sehen.

"Ran..." Sonoko nahm mich in den Arm, aber ich erwiderte ihre Umarmung nicht. Sie hätte sich eigentlich warm anfühlen müssen, doch alles was ich in diesem Augenblick fühlte war Kälte. Kälte im Raum, Kälte von Sonoko und Kälte tief in mir drin.  

Er war weg. Mein kleiner Halt war weg. Genauso wie mein großer. Conan würde niemals wiederkommen. Niemals. Würde Shinichi wieder kommen? Was wäre, wenn Shinichi auch für immer gegangen war, damals in dem Vergnügungspark, als er in der Dunkelheit verschwand? Und mit diesen Gedanken rissen die Ketten der Dunkelheit in meinem Herzen, die ich all die Zeit davor hatte gefangen halten können und krochen langsam auf mein Herz zu. Auf meine Seele und meine Gefühle. Ich wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis sie alles erreicht und verschlungen hätte. Damals, in diesen regnerischen Septembertagen, wurde mir klar, dass ich vom Schiff des Lichtes gefallen war, hinein in die schwarze Dunkelheit der Einsamkeit, nur gehalten von ein paar dünnen Rettungsleinen, die bald zu zerreißen drohten.



~ ~ ~



Es ist seltsam, dass man erst dann erkennt was wirklich wichtig ist, wenn man es verloren hat. Bei Shinichi ging es mir so und bei Conan war es genauso. Die ganze Zeit denkt man, es ist ganz selbstverständlich und im nächsten Augenblick ist es weg und man begreift zuerst gar nicht, was passiert ist. Dann langsam wird es einem klar und mit dieser langsam aufflackernden Erkenntnis, verstärkt sich auch die innere Stimme, die einem immer wieder vorwirft, dass man es hätte wissen und sich darauf vorbereiten können.

"Alles in Ordnung, Ran?"

Aus den Augenwinkeln warf ich Sonoko einen Blick zu, nur ganz kurz, da ich die Augen anderer Personen nicht mehr ertragen konnte. In allen sah ich entweder Conans oder Shinichis Augen, meistens sogar beide. Und es war schier unerträglich für mich.

"Ran?"

Ich seufzte und schüttelte den Kopf. Es hatte ja keinen Sinn zu lügen, darin war ich nie gut gewesen und außerdem stand es mir wohl ins Gesicht geschrieben, dass etwas nicht stimmte.

Conan war nun zwei Tage weg und alles lief so wie immer - und gleichzeitig doch ganz anders. Ich stand morgens auf und weckte den Rest des Haushaltes. Doch anders als zuvor war es nur noch mein Vater, der geweckt werden musste und kein kleiner Junge mit Brille und großen blauen, neugierigen Augen mehr. Ich bereitete das Frühstück zu, für zwei, nicht mehr für drei. Ich ging mit Sonoko zur Schule, aber machte keinen Umweg über die Grundschule. Das Mittagsessen war nur für zwei Personen, das Abendessen genauso. Vater ging wieder alleine zu den Fällen, ohne Conan und mich mitnehmen zu müssen, weil der Kleine so neugierig war. Ich lernte, ich kochte, ich wusch, ich putze. So wie ich es früher getan hatte. Aber es war nicht mehr das gleiche, es würde nie mehr das gleiche sein. Außer wenn er zurückkäme. Nicht Conan. Denn Conan würde nie wiederkehren, das wusste ich. Auf Conan durfte ich nicht mehr hoffen, es wäre nur unnütz. Der einzige, auf den ich noch hoffen konnte, war Shinichi... doch
ich spürte, wie die Dunkelheit die Leinen langsam zerfraß.

"Ich vermisse ihn..." Meine Stimme war nur leise gewesen, doch anscheinend hatte Sonoko sie trotzdem gehört.

"Conan?", fragte sie behutsam, während sie einen Arm tröstend um meine Schultern legte.

"Auch..."

Ich musste sie nicht ansehen, um zu wissen, dass sie ihre Augenbrauen zusammenzog und die Stirn in leichte Falten legte.

"Wen noch?"

"Das weißt du doch..." Ich konnte nicht verhindern, dass ein vorwurfsvoller Ton in meiner Stimme mitschwang. Sie wusste ganz genau, von wem ich sprach, genau wie mein Vater und meine Mutter und alle anderen Freunde, denen ich es einst gewagt hatte meine Gefühle anzuvertrauen. Es war ein großer Fehler gewesen, das hatte ich im Nachhinein gemerkt. Besonders bei den Erwachsenen. Alle sagten mir, ich solle Shinichi vergessen, mir keine Sorgen um ihn machen. Ich sollte mein Leben weiterleben und es nicht mit Warten auf ihn verschwenden. Sie alle verstanden einfach nicht, dass ich ihn liebte. Mehr liebte als alles andere auf dieser Welt und mit jeder einzelnen Faser meines Körpers. Jugendliebe ist etwas vergängliches, sagt man. Aber man sagt auch, dass es nur eine wahre Liebe gibt, dass man nur einmal im Leben liebt und genau das war es, was ich gegenüber Shinichi empfand. Es war die wahre Liebe, auch wenn jeder andere versuchte mir das auszureden, ich wusste, dass es wirklich war. Doch
auch wenn ich nichts mehr auf die Meinung meiner Eltern und Freunde gab, so konnte ich mich nicht allein auf mein eigenes Gefühl stützen, denn es gibt einen Aspekt, der das wichtigste an der Liebe ist: Zum Lieben gehören immer zwei.

Auch wenn er es mir nie gesagt hatte, ich wusste, dass er mich liebte. Genauso stark wie ich ihn liebte. Aber dann, als Conan weggegangen war, da drängte etwas in mir nach einer Bestätigung, nach einem Geständnis... nach einer Rettungsleine, die stark genug war mich vor der herannahenden Dunkelheit zu schützen.

Aber es war mir klar, dass ich diese Rettung wohl nicht bekommen würde. Denn das einzige, was meine langsam zerbrechende Hoffnung hätte reparieren können, war er. Er selbst. Keine Stimme über das Telefon, kein Brief, kein Schatten, der mit mir sprach. Um von dieser Gefahr gerettet zu werden bedarfte es Shinichi selbst, direkt mir gegenüber, damit ich in seine Augen sehen konnte und wissen, er würde niemals wieder gehen. Aber so wie es aussah, würde genau dies niemals eintreten...



~ ~ ~



Der Regen prasselte auch noch am sechsten Tag nach Conans Abschied unaufhörlich auf die Erde nieder. Früher mochte ich den Regen nicht, er kam mir immer so trist und traurig vor, wie er unaufhörlich auf den Boden tropfte. Erst nachdem ich jeglichen Halt in meinem Leben verloren hatte, verstand ich ihn. Er war einsam und verlassen, fühlte sich ungeliebt und war von der Dunkelheit verfolgt. Genauso wie ich...

"Hey, kommst du nach dem Kino noch mit zu mir?"

"Natürlich, was denkst du denn?!"

Ich sah nicht auf, als das junge Pärchen neben mir vorbeilief. Ich wollte nicht sehen, wie glücklich sie waren, während die Einsamkeit und Verzweiflung mich selbst zerfraßen. Zu sehr würde es schmerzen. Noch mehr würde meine bereits zerfetzte Seele reißen.

Auf meinem Weg durch die Stadt begegnete ich noch anderen glücklichen Menschen. So vielen, wie ich nie gedacht hätte, dass sie existierten. Aber war es nicht immer so, dass man ausgerechnet dann all die Menschen traf, zu denen man sich zählte, wenn man selbst gerade genau das Gegenteil war?!

Ein Seufzen drang aus meiner Kehle, während ich an einem Restaurant vorbei ging. Warum konnte mich keiner verstehen? Ich hatte mich mit Vater gestritten, hatte Sonoko am Morgen auch schon verschreckt und hatte nun niemandem mehr, an den ich mich wenden konnte. Früher war da noch Conan gewesen, doch heute war da niemand mehr. Niemand, der mich mehr verstand.

Mein ganzer Verstand fühlte sich nur dumpf an, meine Sinne waren wie vernebelt und so hörte ich das unablässige Hupen des Autos erst, als es zu spät war und ich auf der Mitte der Straße stand, mich nicht entscheiden könnend, ob ich nach vorne oder nach hinten gehen sollte.

Ich wusste nicht, wie ich in solch einem Moment so einen Gedanken hegen konnte, aber in diesem Augenblick kam es mir so vor, als wäre diese Straßenmitte der Scheideweg meines Lebens. Würde ich zurückgehen, würde ich so weiter machen wie zuvor. Ginge ich aber nach vorne, würde mein Leben eine drastische Wendung nehmen. Und da ich sowohl Angst vor dem einen wie auch dem anderen hatte, blieb ich einfach stehen und sah die grellen Scheinwerfer unaufhaltsam auf mich zu kommen.

Mit geschlossenen Augen hörte ich die quietschenden Reifen des Autos, die auf der regennassen Fahrbahn keinen Halt fanden, die entsetzten Schreie der Passanten und ich spürte den auf mich fallenden Regen, der mir in diesem Moment seltsam tröstend vorkam.

Mein Gesicht wandte sich gen Himmel und im nächsten Augenblick hatte ich das Gefühl ich würde schweben, weit oben, über jedem Menschen und allen Sorgen, die das Zusammenleben mit sich brachte. Erst als ich den Sog nach unten und den Ruck der Landung spürte, wurde mir klar, dass ich tatsächlich in der Luft gewesen war.

Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich angesichts des ungewöhnlichen Druckes um meine Hüfte, ich wäre von dem Auto in die Luft geschleudert worden, doch als ich behutsam auf meinen Füßen aufsetzte ohne jeglichen Schmerz, realisierte ich, dass etwas anderes das Schweben verursacht haben musste.

Verwirrt öffnete ich meine Augen, blickte umher und sah nur die angsterfüllten Blicke der Umstehenden auf mich gerichtet. Und dann bemerkte ich die anderen Blicke, die auf etwas hinter mich gerichtet waren. Blicke voller Überraschung, Bewunderung, aber auch der Angst.

Der Druck um meine Hüfte ließ etwas nach und als ich nach unten blickte, sah ich zwei Arme darum geschlungen. Mein Herz fing an zu rasen, warum wusste ich nicht. Es war, als hätte mir jemand meine Entscheidung abgenommen und ich wusste nur einen, der dies konnte und durfte.

Ich wandte mich um, langsam, als fürchtete ich, ich würde ihn verschrecken, bewegte ich mich zu schnell. Wirre Gedanken rasten durch meinen Kopf, verklärt, nicht erkennbar, nur ein Wort blitzte immer wieder grell aus ihnen hinaus: Hoffnung. Und schließlich hatte ich den Kopf weit genug gewendet.

Ich sah die blauen Augen. Ich sah die braunen Haare. Und ich hörte die Stimme, die nicht ihm gehörte.

Die Rettungsleinen rissen, ich hing nur noch an einer dünnen, die von den herabfallenden Scherben der Hoffnung langsam zerschlissen wurde und die Dunkelheit hatte sich mit einem Mal um mich herum ausgebreitet.



~ ~ ~



Sanftes Licht drang in meine Augen, als ich sie wieder öffnete, blendete mich nicht, wie es die grelle Lampe meines Zimmers einige Tage zuvor getan hatte. Verwirrt sah ich mich um. Ich kannte den Ort nicht, an dem ich mich befand. Alles war fremd. Die Wände, die Fenster, die Möbel. Selbst die Kleidung, die ich trug. Aber es war warm hier, nicht nur von der Temperatur, sondern auch von der Atmosphäre. Dieser Raum und alles in ihm strahlte etwas aus, dass selbst mein erkaltetes Inneres ein wenig zu wärmen vermochte.

"Bist du wach?" Erschrocken fuhr ich auf und zog die Decke höher, warum wusste ich nicht. Sie hätte mich nicht schützen können, egal vor was.

Ich suchte nach dem Ursprung der Stimme und fand ihn in einem Sessel, der vor dem prasselnden Kamin stand. Ein junger Mann mit blauen Augen und braunen Haaren. Der junge Mann, den ich zuvor für ihn gehalten hatte. Jetzt, bei näherer Betrachtung, fiel mir auf, dass er ihm vom Aussehen vielleicht etwas ähnelte, aber ansonsten ganz anders war. Seine Haare waren strubbelig und in seinen Augen lag ein Ausdruck kindlicher Verspieltheit und Freude, den Shinichi selbst in seiner Jugend nicht besessen hatte.

Schließlich stand er von seinem Stuhl auf und legte das Buch beiseite, das er gelesen hatte. Er begann auf mich zuzugehen, hielt dann aber inne.

"Kann ich zu dir kommen? Oder ist es dir lieber, wenn wir über eine gewisse Entfernung miteinander reden?"

Verwirrt sah ich ihn an. Ein leichtes Grinsen schlich sich auf seine Lippen, bevor er erklärte:

"Naja, du bist vorhin zusammengeklappt, als du mich angesehen hast, da hab ich gedacht, dass es vielleicht an mir lag..."

Noch immer stand in meinem Gesicht die Verwirrung geschrieben, konnte ich mich doch nicht richtig erinnern, was zuvor geschehen war.

"Was ist passiert?"

Ich sah, wie er skeptisch eine Augenbraue hochzog. Doch mit einem kaum merklichen Schulterzucken, lag bereits wieder ein Lächeln auf seinen Lippen.

"Du wärst fast von einem Auto überfahren worden. Ich hab dich von der Straße weggezogen und als du dich dann zu mir umgedreht hast, bist du ganz plötzlich bewusstlos geworden. Das hat mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt, weißt du?! Ich hab schon gedacht, was ist jetzt los. Die Leute ringsum meinten, es sei vielleicht der Schock und ich sollte dich in ein Krankenhaus bringen, aber ich hab dann beschlossen, dass es meine Wohnung erst mal auch tun würde. Ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel. Oder willst du lieber in ein Krankenhaus? Ich kann ein Taxi rufen, das uns hinfährt. Du kannst aber auch alleine fahren, wenn du willst."

"Nein...", kam es stotternd aus meinem Mund, immer noch verwirrt und auch etwas verstört angesichts des Redeflusses des Mannes, der sich bereits zur Tür gewendet hatte, um wohl das Telefon zu holen. "Schon gut... Mir fehlt nichts... Ich... ich hatte nur..."

Ich brach ab, als ich bemerkte, dass ich ihm etwas erklären wollte, dass er sowieso nicht verstanden hätte. Doch ich hatte angefangen und nun sah er mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ich wandte den Blick ab und schüttelte den Kopf, mehr um meine Gedanken zu ordnen, als ihm zu bedeuten, dass ich nicht darüber reden wollte. Wie er es auffasste, wusste ich nicht, denn ich sah ihn aus den Augenwinkeln heraus nur die Schultern zucken und schließlich an das Bett treten. Er setzte sich auf die Kante und bückte sich ein wenig, um mir in die Augen sehen zu können.

"Alles in Ordnung?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Soll ich dir irgendwas holen?"

Ich schüttelte wieder den Kopf.

"Hm..."

Ich wollte gerade sagen, dass er sich keine weitere Mühe machen sollte und ich ihn nicht weiter belästigen wollte, als er aufsprang und zur Tür rannte. Im Weggehen meinte er:

"Ich mach dir einen Kakao. Schokolade hilft immer! Warte hier, bin gleich wieder da!"

Erneut verwirrt blieb ich sitzen, wie er es mir gesagt hatte. Eigentlich hatte ich gleich gehen wollen, ihm nicht weiter zur Last fallen, aber irgendetwas sagte mir, dass ich ihn dadurch nur beleidigen würde. Also blieb ich sitzen und sah mich ein wenig im Zimmer um.

Es war ein großer gemütlicher Raum, mit hohen Wänden und hohen Fenstern. Der Boden war mit einem hellen Teppich ausgelegt. Die gegenüberliegenden Fenster waren mit weißen Vorhängen verhangen, die unter normalen Umständen sicherlich recht lichtdurchlässig waren, doch noch immer regnete es draußen und die Welt war von den grauen Wolken verdunkelt. In der linken Wand war ein Kamin eingelassen, in dem ein Feuer flackerte. Davor stand, neben dem Sessel, in dem er gesessen hatte, noch ein Sofa und ein kleiner Tisch, auf dem jetzt das Buch und ein großer Zylinder lagen. Auf meiner Seite befand sich nur das Bett, in dem ich saß und auf der rechten nur die große Eichentür. Vereinzelt hingen ein paar Gemälde an der Wand, von Landschaften im Herbst- oder Winterkleid. Besonders faszinierte mich jenes, auf das ich von meinem Bett aus genau drauf sah. Eine weite Hügellandschaft mit einer Schlossruine, alles bedeckt von dem reinsten Weiß, das ich jemals gesehen hatte. Der Himmel war strahlend blau
und die Sonne malte blaue Schatten auf die Landschaft unter sich. Ich hatte niemals ein Bild gesehen, das den Winter in einem solchen Licht erstrahlen ließ.

Wie der Regen hatten Herbst und Winter immer eine trübe und traurige Wirkung auf mich gehabt. Ich mochte diese Monate nicht, hatte den Frühling und Sommer mit seinen bunten Farben und erblühendem Leben lieber, doch dieses eine Bild zeigte mir, dass der Winter, wenn er wollte, tausendmal schöner als der Sommer aussehen konnte.

Ein leises Klicken riss mich aus meinen Gedanken. Ich nahm meinen Blick von dem Bild und sah ihn auf mich zukommen, mit einer dampfenden Tasse in der Hand. Mit einem freundlichen Lächeln reichte er mir sie und setzte sich auf die Bettkante.

"Ein schönes Bild, nicht wahr? Es heißt ,Fuyubi'."

Er sah zu der sonnigen Winterlandschaft, um kurz darauf den Blick wieder zu mir zu wenden. Ich schwieg einige Sekunden, dann nickte ich. Meine Augen verweilten auf der Tasse, konnte ich doch immer noch nicht den Blick anderer Leute ertragen. Obwohl mir, wie mir in diesem Moment auffiel, sein Blick fast nichts ausmachte. Es lag so viel Wärme und Freundlichkeit darin, fast so wie in dem Winterbild.

"Ähm... sag mal... kann ich dich was fragen?" Mit einem verlegenen Lächeln bückte er sich wieder, um mir in die Augen sehen zu können, und ich, von dieser Frage viel zu verwirrt, nickte nur.

"Also, du musst nicht antworten, wenn du es nicht willst, ich hab dich im Grunde ja auch ziemlich überfallen, aber... naja, ich wüsste nur gerne, wie du heißt."

Blinzelnd sah ich ihn an, dann antwortete ich:

"Ran. Ran Mori."

Sein Gesicht hellte sich augenblicklich auf und er streckte mir die Hand entgegen, die ich annahm. "Kaito Kuroba. Freut mich dich kennenzulernen"

"Mich auch."

Wieder grinste er mich freundlich an. "Oh, kann ich dir noch was bringen? Oder willst du jemanden anrufen? Vielleicht macht sich jemand Sorgen um dich!" Er war erneut fast aufgesprungen, doch ich versuchte ihn zurückzuhalten, zog meine Hände jedoch gleich wieder zurück. Er schien allerdings verstanden zu haben und setzte sich erneut.

"Es macht sich niemand Sorgen. Mein Vater ist nicht da... und meine Mutter wohnt nicht bei uns."

"Achso... und ansonsten? Brauchst du wirklich nichts?"

Einige Sekunden konnte ich mich dazu überwinden in seine Augen zu sehen. Es kam mir fast unwirklich vor, wie sich ein vollkommen Fremder so um mich sorgte.

"Nein, mach dir keine Mühe, du hast sowieso schon-"

Ich brach ab, als mir plötzlich etwas klar wurde. ,Du wärst fast von einem Auto überfahren worden. Ich hab dich von der Straße weggezogen.' Er hatte mich gerettet. Obwohl ihm dabei auch etwas hätte passieren können!

"Wieso... wieso hast du mich von der Straße weggezogen? Das war doch gefährlich!"

Für ein paar Momente sah er mich verwirrt an, schien anscheinend nicht zu verstehen, wie ich plötzlich wieder darauf kam. Dann zuckte er mit den Schultern.

"Ich hätte dich da schlecht von dem Auto überfahren lassen können, oder?" Ich hatte bereits den Mund geöffnet, als er mir mit einer Geste bedeutete still zu sein. "Mach dir keine Gedanken. Ich bin sportlich, ich hüpf' immer irgendwo in der Gegend rum und außerdem hab ich nen guten Schutzengel. Mir passiert so leicht nichts! Also will ich kein ,wenn' und ,aber' hören, verstanden?!"

Ich nickte und sah etwas verlegen auf meine Tasse hinab. "Danke", meinte ich schließlich leise.

"Ach was", er machte eine wegwerfende Handbewegung. "Vergiss es! Für mich ist so was selbstverständlich!"

"Auch, dass du dann wildfremde Personen mit in deine Wohnung nimmst und dich um sie kümmerst?"

Er zuckte nur wieder mit den Schultern. "Ich bin halt ein sehr sozialer Mensch."

Auch wenn die Dunkelheit meine Seele noch immer umzingelte, ich konnte nicht anders als ein kleines Lächeln auf sein Grinsen zu erwidern.

~ ~ ~

Eine Weile herrschte Stille zwischen uns. Ich starrte fortwährend auf meine Tasse, spürte aber, dass er mich musterte, wägte gedanklich wahrscheinlich ab, warum ich so traurig war. Doch er stellte keine Fragen und ich war ihm dankbar dafür.

Während ich an meiner Kakaotasse nippte, fiel mein Blick wieder auf den kleinen Couchtisch am Feuer und somit auch auf den Zylinder. Um das Schweigen zu brechen, fragte ich schließlich:

"Was ist mit dem Zylinder auf dem Tisch da?"

Er folgte meinen Blick, wandte ihn dann aber wieder auf mich.

"Habt ihr zuhause keinen Zylinder auf dem Tisch stehen?"

Überrascht sah ich ihn an. Meinte er das ernst? Sein Gesicht und sein Ton waren so ruhig und normal gewesen, dass man es glauben konnte. Doch dann schlich sich ganz plötzlich ein freches Grinsen auf seine Lippen und ein Lachen unterdrückend meinte er:

"Das war nur ein Scherz, nicht ernst nehmen!" Mit einem weiteren Lachen stand er auf und ging zum Couchtisch. "Weißt du, ich bin Zauberer. Jedenfalls hobbymäßig. Und naja, wir Zauberer haben ja alle irgendwo einen Zylinder herumstehen, aus dem wir Kaninchen herausziehen, nicht wahr?"

Ich blinzelte erneut verwirrt, wusste ich doch nicht, ob er dies nun ernst meinte oder nicht.

"Allerdings", meinte er dann und sah mit prüfenden Blick in das Innere des Hutes, bevor er seinen Arm hineinsteckte, um kurz darauf etwas kleines braunes mit einem buschigen Schwanz herauszuholen, "bevorzuge ich eher Eichhörnchen!"

Ich musste wohl so verdattert gucken, dass er Mitleid mit mir bekam. Während er sich wieder auf die Bettkante setzte, legte er das kleine schlafende Tier vorsichtig zurück in den Zylinder und hielt ihn mir so hin, dass ich hinein gucken konnte. Es sah sehr mager und krank aus. Es atmete ruhig, machte hin und wieder aber einen schnaubenden Laut, der sich fast wie ein Niesen anhörte.

"Eigentlich hab ich das arme Ding verletzt im Park gefunden und zu einem Tierarzt gebracht. Der hat gemeint, es hätte so keine Chance über den Winter zu kommen, also hab ich beschlossen es zu pflegen, bis es wieder gesund ist."

Ich strich leicht über das weiche Fell. Dann meinte ich leicht lächelnd "Du hast wirklich ein großes Herz."

"Oh... ach was", verlegen winkte er ab. "Ich bin halt so, kann auch nichts dran machen."

"Mir gefällt das", sagte ich leise und da keine Reaktion kam, hatte er mich wohl nicht gehört. Er sah mich nur blinzelnd an, anscheinend nicht sicher, ob ich etwas gesagt hatte oder nicht. Aber ich machte keine Anstalten es zu wiederholen und lächelte nur. Es tat gut endlich mal wieder aufrichtig lächeln zu können. Es erschien mir wie eine Ewigkeit, seit ich dies das letzte Mal getan hatte.



~ ~ ~



Wieder herrschte Stille, während ich das schlafende Eichhörnchen in seinem Zylinder betrachtete und an meinem Kakao trank. Und wieder spürte ich seinen Blick auf mir, seltsam intensiv und trotzdem nicht wirklich unangenehm. Er war ein ungewöhnlicher Mensch, das war mir vom ersten Augenblick an klar gewesen.

"Magst du das Bild?"

Seine Frage kam ganz unvermittelt und ich brauchte einige Sekunden, bis ich sie realisiert hatte. Ich sah ihn an, doch seine Augen lagen auf dem Winterbild, das ich mir zuvor angeschaut hatte.

"Ja", sagte ich leise. "Es strahlt so eine Wärme aus, obwohl es eine kalte Landschaft zeigt..." Mit verklärten Augen starrte ich auf das Gemälde und obwohl ich wusste, dass seine erneut auf mir lagen, fuhr ich leise fort. "Ich wünschte, ich würde so etwas in Natura sehen können..."

"Dann solltest du diesen Winter vielleicht danach suchen. Es wurde in Japan gemalt, irgendwo wird es diese Landschaft sicherlich geben."

Ich wand den Blick schließlich ab und richtete ihn auf das Stück Decke neben mir. Und bevor ich darüber nachdenken konnte, waren die verhängnisvollen Worte bereits ausgesprochen:

"Aber es wäre nicht das gleiche ohne ihn..."

Meine Augen weiteten sich geschockt, als ich bemerkt, was ich gerade gesagt hatte und noch mehr, als ich realisierte, dass er es gehört hatte. Er sah mich verwirrt an.

"Was?"

"N-Nichts...", ich hob abwehrend die Hände und versuchte zu lächeln, doch es gelang mir nicht wirklich und sah nur gequält aus.

"Du bist dir hoffentlich im Klaren darüber, dass ich das nicht glaube." Mein Lächeln erstarb augenblicklich. Er sah nicht böse aus, hatte die Augenbrauen nur hochgezogen und sah mit Erwartung auf mich. Für einen Moment war ich versucht es ihm zu erzählen, alles. Er strahlte etwas aus, was einem praktisch zum Vertrauen zwang, aber trotzdem wollte ich es ihm nicht sagen. Ich wollte ihn nicht mit meinen Problemen belästigen. Er hatte schon viel zu viel für mich getan.

"Es ist nicht wichtig..."

"Oh, ich glaube doch, dass es wichtig ist, ansonsten würdest du wohl kaum so schrecklich traurig aussehen."

Ich blickte ihm in die Augen, nur kurz, länger konnte ich es nicht. Es war, als würde er mich mit nur einem Blick zwingen können ihm alles zu erzählen.

"Wir kennen uns nicht...", versuchte ich mich schließlich herauszureden, auch auf die Gefahr hin, ich würde ihn durch diese Bemerkung verletzen.

"Ja, das mag stimmen, aber weißt du, manchmal kann man Fremden seine Probleme besser erzählen, weil die nicht wissen, was man gewöhnlich tut und einen deshalb nicht für verrückt, wahnsinnig oder blöd halten." Perplex blinzelte ich ihn an. Er sah noch immer mit diesem Blick auf mich, blinzelte dann aber auch und zog schließlich nachdenklich die Augen zusammen. "Hm... ich hab das Gefühl so was irgendwann schon mal gesagt zu haben...

Naja, egal. Also, was ist jetzt? Wer ist er? Dein Freund? Dein Bruder? Dein Vater? Dein Hund?"

"Mein Hund?"

Er zuckte nur mit den Schultern. "Nya, manchmal spielen Hunde auch eine sehr wichtige Rolle im Leben von Menschen. So wie... Lassie. Was wär Timmy denn ohne Lassie gewesen? Todunglücklich, genau! Oh und ein nerviger kleiner Junger... obwohl er das auch mit Lassie war..."

Wieder konnte ich ihn nur perplex anschauen, bis ich in einen leichten Kicheranfall verfiel. Doch dann wurde ich mir wieder unseres eigentlichen Themas bewusst und seufzte laut.

"Mein Freund", sagte ich schließlich leise.

"Hat er dich verlassen?", fragte er behutsam und so sanft, dass ich ihm unmöglich böse sein konnte.

Ich schwieg eine Weile. "Nicht direkt... aber er... er ist Detektiv... und er muss einen wichtigen Fall bearbeiten..."

"Aber danach kommt er doch zurück, oder?"

"Ja, aber...", ich stockte und musste die Tränen hinunterschlucken, bevor ich leise fortfuhr. "Aber er ist schon so lange weg..."

"Du magst ihn sehr, hm?"

"Ich liebe ihn." Ich sagte es einfach, denn es stimmte. Ich wollte nicht mehr leugnen, damit man mich nicht für verrückt hielt. Ich sah aus den Augenwinkeln sein überraschtes Gesicht und seufzte. Vielleicht war er doch wie all die anderen auch. Doch dann - ganz plötzlich - sah ich das Lächeln auf seinen Lippen. Seine Hand legte sich auf meine und drückte sie tröstend und in diesem Moment konnte ich in seinen Augen sehen, dass er mich verstand. Dass er mich nicht für verrückt hielt in meinem Alter von Liebe zu sprechen. Er glaubte mir und noch viel wichtiger, er fand es in Ordnung, freute sich sogar für mich. Und ohne darüber nachzudenken, was ich tat, umarmte ich ihn und flüsterte ein leises ,Danke'.



~ ~ ~



Nachdem er sich von meinem kleinen Überfall erholt hatte und ich mich entschuldigen wollte, er es aber nur mit einem Schulterzucken abtat und meinte, wir wären jetzt quitt, unterhielten wir uns noch eine Weile, bis ich mich schließlich auf den Weg machen wollte. Doch es dauerte noch etwas bis ich ihn davon überzeugt hatte, dass er mich nicht begleiten musste.

Auf dem Weg zur Tür fiel mir plötzlich wieder ein, dass ich gar nicht meine Sachen anhatte, die ich zuvor getragen hatte.

"Oh, ja. Die sind von meiner Freundin. Sie hat dich vorhin auch umgezogen, also nichts falsches denken, ja? Sie musste allerdings wieder weg. Schade, dass du nicht länger bleibst, ihr hättet euch bestimmt gut verstanden."

Ohne dass ich darauf etwas antworten konnte, hatte er mir eine Tüte mit meinen Sachen in die Hand gedrückt, dann hielt er mir eine Jacke hin.

"Aber-"

"Nein, nein, kein ,aber' hab ich doch vorhin gesagt. Du gehst mir da nicht ohne Jacke raus. Und einen Schirm nimmst du auch mit. So hast du außerdem einen Grund uns nochmal besuchen zu kommen."

Ich konnte erneut nicht ablehnen und nickte lächelnd.

An der Tür angekommen gab er mir den Schirm. Ich zögerte einen Augenblick, umarmte ihn aber schließlich doch noch einmal.

Dann wollte ich mich umwenden, aber er hielt mich an den Schultern fest. Verwirrt blickte ich ihn an und sein Blick war ungewöhnlich ernst.

"Hör zu, Ran. Auch wenn die Welt manchmal kalt und dunkel erscheinen mag, irgendwo scheint immer ein kleines Licht, das wärmt. Du darfst niemals aufhören zu hoffen, okay?"

Völlig perplex stand ich vor ihm und war nicht fähig meinen Blick von seinen Augen zu lösen, von denen ich in diesem Augenblick dachte, sie könnten direkt in mein Innerstes blicken. Irgendwann nickte ich stumm mit dem Kopf und augenblicklich war der freundliche Blick und das Lächeln zurück auf seinem Gesicht.

"Gut", er schloss mich noch einmal in eine Umarmung. "Oh, hier", er zog eine Karte aus dem Nichts hervor und drückte sie mir in die Hand. "Da steht Telefonnummer und alles von mir drauf. Wenn du reden willst, einfach anrufen, egal wann, ja?! Kannst auch jeder Zeit vorbei kommen. Oh, aber die nächsten zwei Wochen bin ich nicht da, also wenn was ist, dann per Handy. Nummer steht auch drauf. Also, bis dann! Mach's gut, Ran!"

Ich war bereits losgegangen, ohne irgendwas zu erwidern. Er war ein seltsamer Mensch, mit einer Freundlichkeit und Offenheit, die ich bisher selten erlebt hatte. Doch ich war froh darum ihn kennengelernt zu haben.

"Oh, rufst du mich an, wenn du zuhause angekommen bist? Sonst mach ich mir wieder Sorgen. Weißt du, bei diesem Wetter kann man leicht auf dem nassen Laub ausrutschen und sich was brechen. Das ist gefährlich!

Er winkte noch eine Weile, bevor er wieder in seinem Haus verschwand.

Ich ging immer noch leicht perplex weiter, fortwährend auf die Karte starrend, ohne sie wirklich zu sehen. Ein kleines Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Ich wusste nicht, ob ihm klar war, dass er das kleine Licht für mich war, von dem er gesprochen hatte. Aber das war er nun. Er war einer der wenigen Menschen, die mich verstanden. Und doch wusste ich nicht, ob sein Schein ausreichen würde, die tiefe Dunkelheit um mich herum zu erhellen.



~ ~ ~



Die nächsten Tage zogen sich hin wie eine endlose graue Masse. Anfangs noch etwas erhellt vom Licht meines neuen Freundes, verdeckten die dunklen Schatten, die sich erneut über mir zusammenzogen dieses langsam. Vielleicht wäre er selbst dazu in der Lage gewesen sie zu verscheuchen, vielleicht wäre er mein neuer Halt gewesen in dieser Welt, die mir nur noch wie ein senkrecht abfallender Lüftungsschacht ohne Nischen zum Festhalten vorkam. Aber ich hatte mich anderen noch nie gerne aufgedrängt und schon gar nicht Personen, die ich nie zuvor getroffen hatte. Auch wenn von ihm ein Gefühl der Vertrautheit ausging, als würde ich ihn bereits seit Jahren kennen.

"Woher hast du die Jacke?" Meine Mutter hatte beschlossen mit mir einen Einkaufsbummel zu machen, etwas was sie sonst nie tat. Sie wollte mich wohl aufmuntern. Wie all die anderen auch und die mit ihrer Ablehnung gegenüber ihm doch letztlich nur das Gegenteil bewirkten.

"Von einem Freund."

Ich musste nicht aufsehen um das Blitzen in ihren Augen zu sehen. Diesen Hoffnungsschimmer, dass ich letztendlich doch noch Vernunft annehmen und mich endlich von Shinichi abwenden würde. Ich ignorierte es, wollte nicht schon wieder in einen Streit darum geraten. Ich hatte schon genug Sorgen, schon genug, das mich belastete, und das mir doch keiner abnehmen konnte.

"Ran... ich habe mit deinem Vater gesprochen..."

Das war es also, warum wir uns getroffen hatten, obwohl sie sonst immer so beschäftigt war. Ich seufzte, als sie begann zu erklären. Auf mich einzureden. Dass ich ihn doch endlich vergessen solle. Beide. Conan und Shinichi. Dass ich mich auf das konzentrieren sollte, was wirklich wichtig war im Leben und nicht irgendwelchen Gespenstern nachjagen, die sich doch sowieso nicht fangen ließen.

Ich wollte ihr nicht zuhören und doch drangen die Wörter in meine Seele, vermengten sich mit der Dunkelheit, die sich ohnehin schon um mich ausgebreitet hatte. Sie wurde immer noch dunkler, schwärzer als ich es je gesehen hatte und ich merkte langsam, dass es wohl kein Hinaus mehr geben würde. Alleine würde ich es nicht mehr schaffen, dafür war ich zu schwach, zu verloren... zu hoffnungslos...

Ich brauchte Hilfe. Eine starke Hand, die mich zu halten vermochte. Aber alle Hände, die ich unter sonstigen Umständen hätte ergreifen können, hatten sich zurückgezogen. Alle, die sonst immer zu mir gehalten hatten, hatten sich nun abgewendet. Keiner von ihnen konnte verstehen, dass ich Shinichi doch brauchte. Keiner konnte verstehen, dass es mich zerfraß, mich von innen zerstörte, dass er nicht da war. Ich wusste, dass wir fast noch Kinder waren. Dass wir eigentlich gar nicht von Liebe hätten sprechen dürfen. Aber gleichzeitig wusste ich auch, dass wir etwas hatten, das manch Erwachsener nie in seinem Leben erfahren würde. Unsere Liebe war jung, zugegeben, vielleicht auch etwas naiv. Aber sie war auch wirklich. Wirklicher als alles andere in meinem Leben und wirklicher als manch andere angebliche Liebe Erwachsener.

Ich seufzte als Mutter fertig war und wir in ein Geschäft gingen. Der restliche Tag zog sich dahin, wie noch nie ein anderer zuvor. Ich spielte die Glückliche, die Fröhliche. Lächelte hin und wieder, aber nur mit den Lippen, nicht mit den Augen.

Früher waren meine Augen blau gewesen, strahlten mit Fröhlichkeit und Heiterkeit. Doch nun waren sie stumpf geworden, hatten all ihr Strahlen und Leuchten verloren und als ich an diesem Tag die heitere Tochter spielen musste, da merkte ich, dass genau durch dieses Schauspielen die Dunkelheit in meiner Seele nur noch schneller vorzurücken vermochte. Aber ich konnte nicht anders, musste es einfach tun. Denn wenn ich mich so gegeben hätte, wie ich wirklich war, dann wäre alles nur noch schlimmer geworden.



~ ~ ~



"Ran! Ich gehe jetzt! Ich bin in einer Woche wieder da, okay? Mach's gut, Mausebein!" Ohne auf eine Antwort zu warten, war er bereits verschwunden. Er war noch immer sauer auf mich, weil ich ihn ignorierte, wenn er mit mir über Shinichi und Conan sprechen wollte.

Ich saß auf dem Sofa und starrte vor mich hin. So wie ich es in letzter Zeit oft tat. Ich dachte dabei nicht nach. Ich schaute nur der Dunkelheit in meinem Inneren zu. Es würde bald soweit sein.

Ich fühlte mich wie in einem tosenden Sturm auf höchster See und ich mitten drin in dem eisigen, schwarzen Wasser, das mich strudelnd in die Tiefe riss. Die Rettungsleinen waren alle gerissen, nur eine kleine hielt mich noch schwach fest, aber auch sie würde bald reißen angesichts der großen Last, die sie zu tragen hatte.

Mein Blick glitt langsam zum Schreibtisch meines Vater, dort wo das Telefon stand. In meiner Tasche befand sich Kaitos Karte. Ich nahm sie hinaus und starrte sie an, wie lange wusste ich nicht. Sekunden, Minuten... vielleicht auch Stunden. Draußen trommelte erneut der Regen gegen die Scheiben, genauso stark wie in der Nacht, in der Conan gegangen war. Gefühle wallten wieder in mir auf, schrecklich beißend schmerzhafte Gefühle. Doch ich versuchte nicht mehr sie zu verdrängen, so wie ich es anfangs noch getan hatte. Es würde sowieso nicht helfen, es würde meine Qual nicht lindern, sondern nur noch verschlimmern. Also ließ ich sie zu und sah die Wellen der Dunkelheit sich über mir aufbäumen. Bald würden sie zusammenbrechen und mich unter ihnen begraben. Und dann konnte niemand mehr, egal wer, mich noch aus ihnen retten.

Wieder glitt mein Blick zum Telefon, von da aus erneut zu der Karte in meiner Hand. Zuhause war er nicht, das hatte ich nicht vergessen, aber die Handynummer stand deutlich vor mir auf dem kleinen Stück Papier.

Als ich vor ein paar Tagen sein Haus verließ, da hatte ich mir vorgenommen ihn nicht anzurufen. Ihn nicht zu belästigen. Auch wenn er der einzige war, der es zu verstehen schien. Ich wollte es nicht. Doch nun waren mein Herz und meine Seele derart von der Dunkelheit bedroht, dass ich Angst hatte. Ich wusste nicht, was danach sein würde. Wenn sie mich verschlungen hätte. Alles was ich wusste war, dass es kein Zurück mehr für mich geben würde.

Irgendwann erhob ich mich, schritt langsam auf den Schreibtisch zu und blieb schließlich davor stehen, den Blick auf das Telefon gerichtet, die Karte in der zitternden Hand. Ich konnte mich nicht entscheiden und wieder war es mir, als stünde ich vor einem Scheideweg meines Lebens. Vor oder zurück. Ich konnte mich nicht entscheiden, wie zuvor auf der Straße, denn noch immer hatte ich Angst davor eine Entscheidung zu treffen. Was wäre, wenn es die falsche sein würde? Was wäre, wenn ich sie eines Tages bereute? Ich wusste einfach nicht, was ich tun sollte.

Und dann war es wieder so, wie auf der Straße. Wieder nahm mir jemand die Entscheidung ab, obwohl er das gar nicht durfte und konnte.

Ich stand bewegungslos da, nur den Kopf zur Tür gewandt, an der es zuvor geklingelt hatte. Ich wartete, dass der Besucher gehen würde, wollte ihm nicht auf machen, aber er hörte nicht auf zu klingeln und so tat ich schließlich meinen ersten Schritt, der mich in die endgültige Dunkelheit führen sollte. Denn das kleine, schwache Licht, das von Kaito vielleicht hätte ausgehen können, erlosch nun, da ich beschlossen hatte ihn nicht anzurufen. Vielleicht war es auch besser so, vielleicht war ich schon gar nicht mehr zu retten und würde ihm nur unnötige Sorgen machen.

Es war seltsam. Alle anderen Menschen, die mir einst wichtig waren, waren mir mittlerweile egal. Aber er, den ich noch gar nicht lange kannte, nicht. Vielleicht war ich mein Leben lang mit den falschen Menschen zusammen gewesen. Keiner von ihnen verstand, was in mir vorging. Hatten sie es überhaupt je getan?

Auf diesem Weg zur Tür wurde mir klar, dass es nur drei Menschen auf der Welt gab, die mich überhaupt je verstanden hatten. Shinichi, Conan und Kaito. Nur diese drei, sonst keiner. Und auch, wenn mir doch alle anderen egal hätten sein können, hatte ich doch diese drei, so zerfraß es mich trotzdem, war doch keiner von ihnen zu diesem Zeitpunkt bei mir. Ich war allein und zog die Dunkelheit an.

Es klingelte ein weiteres Mal. Dunkel erinnerte ich mich, wie ich früher freundlich lächelnd die Tür öffnen und die Gäste begrüßen konnte. Mit ehrlicher Freundlichkeit, mit ehrlichem Lächeln. Nicht mit diesem falschen Mienenspiel, das ich in letzter Zeit trug. ,Erinnern'. Wie lächerlich es eigentlich war, wenn ich dieses Wort benutzte. War es doch gerade mal zwei Wochen her, seit der Zusammenbruch meiner Welt begonnen hatte.

Die schwarzen Wellen brachen nun über mir zusammen, als ich die Türklinke hinunterdrückte und langsam die Tür aufzog. So hatte es vor zwei Wochen angefangen, so hatte ich die Tür geöffnet und Conans Mutter davor stehen sehen. Mit dieser ähnlichen Geste und den Bildern des Déjà vus öffnete ich nicht nur die Tür, sondern schnürte mich gleichzeitig von jeglicher Rettungsleine ab, die es vielleicht noch vermocht hätte mich etwas zu halten. Ich konnte nicht mehr und gab mich der Dunkelheit hin.

Und dann war die Tür offen und ein gleißend helles Licht erstrahlte und verbannte augenblicklich sämtliche Dunkelheit aus meinen Gedanken. Eine starke Hand ergriff mich und zog mich zurück auf das sichere Boot, hielt mich fest und ich wusste, sie würde mich niemals wieder loslassen.

Es war als wäre er nie weg gewesen. Er hatte immer noch das selbstsichere Grinsen auf den Lippen, immer noch diesen wissenden Blick in den Augen, was seinem ganzen Auftreten einen fast hochnäsigen und doch so eleganten Touch gab. Er stand wie immer da, die Hände in den Hosentaschen vergraben, lässig, als würde ihn nichts auf der Welt erschüttern können. Er sah ein wenig erschöpft aus, fast so als hätte er in den letzten Stunden schreckliche Schmerzen ertragen müssen.

Und doch strahlten seine Augen mit einer Frische, die der eines Kindes so ähnlich war. Er sah so glücklich aus, wie ich es noch nie bei ihm erlebt hatte und in genau diesem Augenblick wusste ich, dass das Grausame und Schreckliche, was er vielleicht erlebt hatte, unwichtig geworden war, nichtig, nun da er mich sehen konnte, mich wiederhatte und endlich das tun konnte, wonach er sich schon so lange sehnte.

Ich konnte mich noch immer nicht bewegen, als er auf mich zutrat und mich in seine Arme nahm. Ich spürte die Wärme seines Körpers, das leichte Zittern, das Beben seiner Schulter. Er weinte. Und ich konnte mich ihm nur anschließen, endlich all den Gefühlen freien Lauf lassen, die ich so lange unterdrückt hatte.

Und so standen wir dort, an diesem letzten Tag des trüben und verregneten Herbstes, festumschlungen auf der Schwelle meiner Wohnung, weinend aber glücklich und merkten nicht, wie ein kleiner klarer Sonnenstrahl die schwere Wolkendecke durchbrach und strahlend hell die graue Welt unter sich erhellte.



Fortsetzung folgt...
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