Geschichte: Freie Arbeiten / Poesie / Krieg / Angst

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Angst

von Kes
GeschichtePoesie / P12 / Gen
13.04.2004
13.04.2004
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Angst


Hast du schon einmal Angst gehabt?
Ich meine wirkliche Angst.
Nackte, alles einnehmende Angst.

Angst um dein Leben.

Vielleicht hattest du einen Autounfall und in dem Augenblick, in dem du von der Straße abkamst und wusstest, dass du die Kontrolle über den Wagen verloren hattest, wusstest, dass du nichts mehr tun konntest, um das Unglück zu verhindern

- hattest du Angst?

Vielleicht blieb dir beim Chinesen ein Stück gebratene Ente im Hals stecken, und als du vergeblich versuchtest, es zu schlucken oder wieder auszuhusten, und dir weder das Eine noch das Andere gelingen wollte; während deine Tischnachbarn dich zögernd ansahen

- hattest du Angst?

Vielleicht hattest du einen Herzinfarkt, du hast den Schmerz gespürt, der deinen linken Arm hinaufkroch, die beklemmende Enge in deiner Brust, du konntest nicht mehr atmen und

- hattest Angst?

Kannst du dich an das Gefühl erinnern?
Wie hilflos und unerfahren du einer Situation gegenüber standest, aus der du keinen Ausweg finden konntest?

Würdest du dieses Gefühl wieder erleben wollen?

Ich möchte dir klar machen, wer ich bin.
Was in mir vorgeht.
Was mich geprägt hat, mich ausmacht.

Warst du schon einmal auf einem Schlachtfeld? Gefangen in feindlichem Feuer, umgeben von sterbenden und toten Kameraden?

Billy oder Franky, mit dem du noch gestern gepokert hast, liegt neben dir.
Er verblutet und er weiß es.
Seine Augen sind voller Tränen und Angst, sein Gesicht ist unnatürlich weiß und seine Lippen zittern.
Er sagt dir, dass er nicht sterben will, er gerät in Panik, doch er kann sich kaum mehr bewegen.
Während du machtlos neben ihm sitzt und weißt, die nächste Kugel könnte dich treffen.
Die nächste Granate könnte dich zerreißen.

Kannst du dich an das Adrenalin erinnern, deinen rasenden Herzschlag, als dein Auto auf die Leitplanke zuraste?
Deine Erleichterung und Freude, die Hysterie, als die Gefahr vorüber war und du wusstest, dir war nichts zugestoßen?

Eine volle Woche unter Beschuss, in der Hitze der Wüste, in der es nachts so kalt wird, dass du deine Zehen in den schweren Stiefeln nicht mehr spürst.
Es gibt kein Wasser mehr und die Munition geht zu Ende.
Der Gestank des Todes haftet an dir und deinen Kameraden, und der Feind ist überall.
Du hast seit Tagen nicht geschlafen, nicht gegessen, nicht aufrecht gestanden.
Jedes Mal, wenn du glaubst, die so dringend benötigte Pause von der ständigen Anspannung zu bekommen, startet der Feind einen neuen Angriff.

Neben dir fällt der Nächste.
Und du fängst an zu glauben, dass du nie wieder nach Hause kommst.

Stell dir vor, der Moment des Infarkts, in dem dein Herz stehen bleibt und du weißt, dass du jeden Augenblick sterben kannst, dauert eine Woche lang.
Von Zeit zu Zeit glaubst du, dass du es heil überstehst, doch dann plötzlich kehrt der Schmerz zurück.

Du hast Angst.
Und die Angst hört nicht auf.

Ich war auf dem Schlachtfeld.
Nur einen Schritt vom Tod entfernt.
Unzählige Male.
Obwohl ich weiß, was mich erwartet, gehe ich immer wieder an die Front.
Die Army ruft und ich folge.
Ich ziehe in den Kampf gegen übermächtige Feinde, begebe mich in ausweglose Situationen.
Jedes Mal rechne ich damit, dass Menschen sterben.
Soldaten unter meinem Kommando, Zivilisten, Kinder.
Ich.
Sie alle haben Angst.
Ich habe Angst.

Was glaubst du, kostet es mich, aufrecht durch die Gänge meines Stützpunktes zu gehen?
Mit Kameraden zu lachen, ihnen beizustehen, Small Talk zu halten und ihre Familien zu Barbeques zu besuchen?

Denkst du ich habe noch Angst?
Denkst du ich fühle noch?

Willst du wirklich ein Held sein?


Ende

© Juli 2002, Kes
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