Der Preis der Unsterblichkeit

von Beerchen
GeschichteMystery / P12 Slash
13.04.2004
08.05.2004
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~ Der Preis der Unsterblichkeit ~



Amélie. Wie oft hatte sie in letzter Zeit an sie gedacht? Sie konnte nicht mehr zählen, wie oft dieser wunderschöne Name, dieses magische Wort, leise und beschwörend gemurmelt, wie ein Zauberspruch, sich in ihre Gedanken schlich.

Amélie. Sie wollte die Person, die sich hinter diesem Namen verbarg hassen, sie wollte sie vergessen, nie wieder einen Gedanken an sie verschwenden, aber es ging nicht. Dieser Name, das Bild dieser jungen Frau würde sie bis über deren Lebensende hinaus verfolgen. Ihr eigenes Lebensende hatte sie ja schon längst überschritten, deshalb musste sie sich wohl damit abfinden, bis in alle Ewigkeit den Schmerz, den sie mit dem Gedanken an Amélie verband, mit sich herumzutragen.

Er würde sich immer tiefer in ihre Seele brennen, bis sie eines Tages endlich daran zugrunde ginge. Doch würde sie das wirklich tun? Konnten Geschöpfe wie sie, konnte die Vampirin Viola an Liebeskummer sterben?

Sie wusste es nicht und es war niemand da, den sie um Rat hätte bitten können. Es war sehr unvorsichtig für ein Wesen wie sie, in einer alten, scheinbar lange nicht mehr genutzten Scheune den Tag zu verbringen und das auch noch einige Tage, einige Wochen über, aber sie konnte hier nicht mehr weg.

Sie musste in der Nähe dieses kleinen Bauerndorfes im Süden Frankreichs bleiben, denn hier hatte sie vor einigen Wochen das erste mal dieses wunderschöne Wesen entdeckt, dessen Bild sie nun nicht mehr losließ. Viola würde hier bleiben, solange Amélie hier wohnte, koste es sie, was es wolle.

Sie war noch nicht sehr lange ein Vampir, drei Jahre war es erst her, seit ihr kleiner Bruder, der einzige, der von ihr aus ihrer Familie noch geblieben war, ein unschuldig aussehendes Kind und doch eine reissende Bestie, ihr den dunklen Kuss schenkte. Sie hatte sich nicht gewehrt, ihr war nicht bewusst gewesen, welchen Preis die Unsterblichkeit sie kosten würde.

Viola hatte es bis zu dem schicksalsträchtigen Abend vor etwa einem Jahr nicht gewusst, an dem in dem kleinen Dorf Domrémy ein Frühlingsfest stattgefunden hatte.

Die Bewohner des Dorfes hatten auf einer der Wiesen nahe des Waldrandes ein großes Feuer entzündet und es wurde bis spät in die Nacht hinein gegessen, gelacht und getanzt. Sie war neugierig am Waldrand, versteckt zwischen einigen Bäumen, stehengeblieben und hatte auf ein Opfer gewartet, dass sich alleine in die unmittelbare Nähe des Waldes wagen würde.

Sobald einige der Menschen zuviel getrunken hatten, würde dies zweifellos passieren. Für sie war das immer ein gefundenes Fressen, auch wenn sie noch Stunden danach mit dem ihr ungewohnten Alkohol im Blut dieses Opfers kämpfen müsste. Hauptsache, ihr quälender Durst nach frischem Blut verschwand.

In diesem Augenblick sah Viola sie. Eine junge Frau, die inmitten einer Reihe anderer Frauen tanzend und singen um das Feuer sprang.

Das glatte, schwarze Haar fiel ihr wirr ins Gesicht, ihre Wangen hatten sich gerötet und ihre Augen glänzten vor ausgelassener Freude.Viola war in diesen Anblick versunken regungslos dagestanden, unfähig, etwas zu tun, sie konnte dieses schöne Geschöpf nur anstarren, sich das Bild, das sich ihr bot, für immer in ihr Gedächtnis brennen.

Plötzlich hatte der Ruf eines jungen Mannes den beinahe mystischen Augenblick durchbrochen.

"Amélie!"

Der schlanke, junge Mann mit den strubbeligen, braunen Haaren war auf Amélie zugerannt und hatte sie lachend aus Violas Blickfeld gezerrt. Sie war zu überrascht gewesen, um darauf zu reagieren und hatte nur eine unbändige Wut auf diesen Menschen empfunden.

Nach dieser bedeutungsvollen Nacht hatte sie Amélie viele male wiedergesehen, hatte es aber nie gewagt, sie anzusprechen, oder sich ihr gar zu zeigen. Viola hatte es vorgezogen, das Wesen, das eine so plötzliche und verzehrende Zuneigung in ihr entfacht hatte, im Stillen und Verborgenen zu beobachten, da sie fürchtete, Amélie zu erschrecken und sie hätte es nicht ertragen, wenn Amélie ihr gegenüber Angst empfunden hätte.

Nun lag sie hier im alten Stroh einer noch älteren Scheune und versuchte, einen schwerwiegenden Entschluss zu fassen. Mittlerweile war sehr viel Zeit vergangen und sie hatte Amélie näher kennen gelernt, ohne dass die junge Frau auch nur etwas von Violas Existenz ahnte.

Der junge Mann, der sie damals vom Feuer weglocken konnte, hieß Jean und war ein einfacher Bauerssohn, genau wie Amélie die Tochter eines einfachen Bauers war. Viola hatte schnell gemerkt, wie die Beziehung zwischen den beiden Menschen geartet war und jedesmal, wenn Jean Amélie auch nur flüchtig in seine Arme schloss, durchfuhr ein sehr schmerzhafter Stich ihr Herz.

Sie konnte sich selbst nicht erklären, wie das geschehen konnte, ihr Herz hatte doch schon lange aufgehört zu schlagen, es war kalt und tot, wie alles an ihr. Doch weshalb schmerzte dieses tote Herz dann, weshalb konnte sie überhaupt noch etwas empfinden, außer der Gier nach Blut?

Sie hatte keine Antworten mehr, seit ihr Bruder und sie eigene Wege gegangen waren, sie war niemals auf ein Wesen ihrer Art gestoßen. Vielleicht fühlte sie sich deshalb so allein?

Ihre Gedanken glitten wieder zu Amélie zurück. Sie hörte die Turmuhr im Dorf elf Uhr nachts schlagen und wusste, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb.

In ein paar Stunden brach Jeans und Amélies Hochzeitsmorgen an und von diesem Tag an würde Viola die junge Frau ganz verloren haben. Sie würde sie verlieren, wenn sie nun nichts unternahm. Doch sie zögerte. Die einzige Möglichkeit, Amélie für sich zu beanspruchen war, sie zu einer der Ihren zu machen. Zweifel plagten sie.

Hatte sie überhaupt das Recht, einen Menschen ungefragt in einen Vampir zu verwandeln? Konnte sie das überhaupt? Ihr blieb nichts anderes übrig, als es selbst herauszufinden, doch durfte sie Jean und Amélie um ihr gemeinsames Glück betrügen?

Wenn sie sich selbst dafür ewiges Glück bescheren konnte, lautete die Antwort auf jeden Fall: Ja.

Mit einem Ruck richtete Viola sich auf, zupfte sich einige Strohhalme aus den Haaren und verließ schließlich die Scheune. Wenn sie Glück hatte, würde sie nie wieder alleine dorthin zurückkehren.

Leise wie eine Katze bewegte sie sich über das vom Regen feuchte Gras und erreichte schließlich Domrémy. Da Amélies Familie am Rand des kleinen Dörfchens wohnte, dauerte es nicht lange, bis sie vor dem in der Nacht dunkel daliegenden Haus stand.

Zum ersten mal, seit sie die Scheune verlassen hatte, kamen Zweifel in ihr auf. Doch diese konnte sie nun überhaupt nicht gebrauchen, deshalb verschwendete sie keinen zweiten Gedanken daran, sondern schlich durch den Garten vorsichtig auf das Haus zu. Sie war hier oft gewesen, fast zu oft, deshalb fand sie Amélies Zimmerfenster ohne suchen zu müssen.

Mit geringen Kraftaufwand hatte war sie durch das wegen der lauen und für die Jahreszeit viel zu warmen Frühlingsnacht offenstehende Fenster geklettert und stand nun vor Amélies Bett.

Sie sah so unschuldig aus, wie sie da lag, wohlwissend, dass das die letzte Nacht in ihrem Elternhaus sein würde. Leise schlich Viola näher und beugte sich über das engelsgleiche Geschöpf, das da im Bett lag. Nun gab es kein zurück mehr, sie musste es tun - oder am nächsten Tag vor Kummer zugrunde gehen.

Sie hörte Amélies Blut, dass von ihrem Herzen aus durch ihren Körper gepumpt wurde. Violas Eckzähne blitzten in der Dunkelheit, die sonst im Zimmer herrschte, gefährlich auf und berührten die warme Haut des Halses der jungen Frau.

Doch sie konnte nicht zubeissen. Sie konnte es nicht zu Ende bringen, niemals. Sie war nicht in der Lage, dieses unschuldige Geschöpf, das sie so abgöttisch liebte, in eine Bestie zu verwandeln, wie sie selbst eine war. Das konnte sie dem einzigen Wesen, das sie liebte, nicht antun.

Eine einzelne, blutige Träne rollte über Violas Wange und tropfte auf Amélies makellosen Hals.
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