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Zurück zu Dir

von KayMcCall
GeschichteLiebesgeschichte / P6
13.04.2004
16.04.2004
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Hastig eilte Hikari über die Eisenbrücke, die die beiden Seitenstreifen der Hauptstraße miteinander verband. Sie hatte früher als sonst das Training beendet und sogar auf das Duschen verzichtet, um nicht unnötig Zeit zu verlieren, denn die Sonne senkte sich bereits langsam dem Horizont entgegen und sie hatte noch so vieles zu erledigen. Flinken Fußes sprang sie die Treppenstufen hinunter, wobei sie vor ihrem geistigen Auge noch einmal die Planung der nächsten Stunden durchging.
"Hikari, warte doch mal!" Verdutzt und aus ihren Gedanken gerissen blieb Hikari stehen und blickte sich in die Richtung um, aus der die Stimme nach ihr gerufen hatte. Dort oben, ungefähr auf der Hälfte der Brücke, stand Satomi und wedelte hektisch mit den Armen. Als Hikari ebenfalls kurz den rechten Arm hob, um ihr zu signalisieren, daß sie ihre Freundin erkannt hatte, setzte diese sich eiligst in Bewegung.
Mißmutig legte Hikari die Stirn in Falten. Das war ja mal wieder großartig! Sie hatte sich extra abgehetzt, um ein wenig Zeit gut zu machen und nun kam Satomi dazwischen und brachte alles durcheinander... typisch! Prustend und mit krebsrotem Gesicht kam Satomi vor ihr zum Stehen, die Sporttasche nur noch halb über der Schulter hängend.
"Himmel, Satomi, was ist denn los?"
Satomi stütze sich mit beiden Händen auf den Oberschenkeln ab, während sie japsend Luft in ihre strapazierten Lungen pumpte: "Du...bist eben...so schnell...weg gewesen..." ächzte sie und legte den Kopf weit zurück in den Nacken um besser atmen zu können, "ich...wollte Dich...unbedingt etwas...fragen!"
Nun mußte Hikari doch über die Anstrengungen ihrer Freundin lächeln: "Tut mir leid, das ich Dir nichts gesagt habe, aber ich mußte unbedingt los. Ich hab noch so schrecklich viel zu tun zu Hause. Jetzt, wo meine Eltern zwei Wochen im Urlaub sind, bleibt die ganze Hausarbeit an mir hängen. Und für den Test übermorgen habe ich auch noch keinen Funken getan."
"Ist schon okay...kann ich verstehen", Satomi war noch immer damit beschäftigt, ihre Sauerstoffzufuhr zu normalisieren, "aber sag mal...hast Du nicht ein bißchen Angst...so ganz allein in dem leeren Haus?"
"Das kann ich Dir jetzt noch nicht sagen, meine Eltern sind doch erst heute morgen losgefahren. Geht's denn wieder?" bei den letzten Worten hatte Hikari ihrer Freundin mitfühlend eine Hand auf den Rücken gelegt, worauf diese sich grinsend wieder zu ihrer vollen Größe aufrichtete: "Ja, ist schon okay. Nur...wenn der Coach sieht...was ich für eine miese Kondition habe...streicht er mir bis an mein Lebensende alle...Süßigkeiten."
Beide Mädchen mußten anfangen zu lachen und setzten dann gemeinsam ihren Weg fort.
"Aber mal ernsthaft", murmelte Satomi in einem vertraulichen Ton, nachdem sie endlich wieder zu Atem gekommen war, "wenn Du möchtest, würde ich gern zu Dir ziehen, während Deine Eltern weg sind. Oder wenigstens für ein paar Tage, damit Du ein wenig Gesellschaft hast."
"Ach, Du bist wirklich süß!" Hikari drückte ihr dankbar den linken Arm: "Aber ich habe doch Chacha, der paßt schon auf mich auf!"
"Bist Du sicher, das dicke Wollknäuel liegt doch den ganzen Tag nur faul in der Ecke rum, glaubst Du ehrlich, daß der einen guten Wachhund abgibt?" Satomi schien da eher skeptisch eingestellt.
"Aber klar, und zur Not verkrieche ich mich eben heute nacht unter der Bettdecke und Du ziehst morgen bei mir ein. Heute will ich es wenigstens mal alleine probieren!" diese Antwort klang äußerst zuversichtlich und ließ nicht den geringsten Zweifel daran, daß Hikari es auch so meinte.
Satomi schien das beinahe zu enttäuschen: "Gut, wie Du meinst, aber beschwer Dich hinterher nicht bei mir, wenn Du vor lauter Zähneklappern nicht schlafen konntest."
"Keine Sorge, ich trage die alleinige Verantwortung", versöhnlich hakte sich Hikari bei ihrer Freundin ein, "war es das, was Du mich fragen wolltest?"
"Ähm..." Satomi verlangsamte mit einem Mal ihren Schritt und fuhr sich sichtlich nervös durch die Haare, "na, ja, eigentlich ja, schon, ich meine, nicht so richtig, aber irgendwie..." verzweifelt biß sie sich auf die Unterlippe und sah die verdutzte Hikari unsicher an. Diese war stehengeblieben und hatte ihren Rucksack auf den Gehweg gestellt. Erwartungsvoll hielt sie dem Blick stand: "Nun sag schon, Du weißt doch, daß ich nicht so viel Zeit habe!"
"Äh, ja weißt Du, also ich, ähm..." verlegen senkte Satomi die Augen und fingerte an ihrer Armbanduhr herum, "ich wollte eigentlich wissen, ob Du...na, ja, schon was von...Natsukawa gehört hast."
"Was..." ein zorniges Glühen zuckte plötzlich durch Hikaris Blick, "ich hoffe, das ist nicht Dein Ernst!" ihre Stimme wurde ohne Vorwarnung laut und unkontrolliert: "Seit zwei Wochen liegst Du mir mit diesem Schwachsinn jetzt in den Ohren. Ich kann diesen bescheuerten Namen nicht mehr hören, verstehst Du! Natsukawa ist ein absoluter Vollidiot, ich begreife einfach nicht, was Du an diesem Typen finden kannst. Der hat Deine Aufmerksamkeit gar nicht verdient, geschweige denn, daß er sie zu würdigen wüßte!"
Satomi duckte sich unter Hikaris scharfen Worten hinweg, als fürchtete sie, von ihnen durchbohrt zu werden. Warum hatte sie auch diese blöde Frage stellen müssen, sie hatte doch gewußt, wie schlecht Hikari auf ihren Schwarm zu sprechen war: "T...tut mir leid, ich dachte doch nur, weil...weil er direkt neben Dir wohnt..."
"Satomi, ich habe Dir versprochen, Dich zu informieren, falls ich ein Lebenszeichen von ihm erhaschen sollte, also verschone mich bitte mit diesem Kerl, ja!" fauchte Hikari gereizt. Wütend griff sie nach ihrem Rucksack und überließ Satomi einfach ihrem Schicksal. Daß sie aber auch jeden Tag aufs Neue nach Natsukawa fragen mußte, versetzte sie in Rage. Höchstwahrscheinlich hatte Satomi auch nur bei ihr übernachten wollen, um als erste vor Ort zu sein, wenn ihr Märchenprinz auftauchen sollte. Hikari schnaubte verächtlich und versuchte gegen die Übelkeit anzukämpfen, die in ihr hochstieg. Früher hätte es ihr wahrscheinlich nicht ausgemacht, über Natsukawa zu reden, doch seit einem halben Jahr hatte sich das grundlegend geändert. Er war damals einfach sang- und klanglos verschwunden, ohne sich zu verabschieden, ohne zu sagen, wohin er gehen würde. Erst ein paar Wochen später hatte sie dann aus einer Musikzeitschrift erfahren, daß er zusammen mit seiner Band Mr. D in England war, um eine
Platte aufzunehmen. Aber sie hatte von ihm persönlich nie wieder etwas gehört. Er hatte es weder für nötig gehalten zu schreiben, noch hatte er angerufen, was Hikari einen tiefen Stich versetzt hatte. Seitdem war Natsukawa für sie gestorben, und sie sah auch nicht ein, weshalb sie sich seinetwegen noch irgendwelche Gedanken machen sollte.
"Tschuldige, Hikari", Satomi hatte sie schnell wieder eingeholt, "es ist doch nur so, daß ich mir Sorgen mache. Laut dieser Zeitschrift sollte Mr. D schon seit einer Woche wieder hier sein..." sie hielt Hikari ein leicht abgenutztes Magazin unter die Nase, auf dessen Titelseite Natsukawas Portrait thronte. Er trug einen abscheulich kitschigen Anhänger im linken Ohr und sein Pony war leuchtendgrün gefärbt. Angewidert schlug Hikari Satomis Hand weg: "Hör zu, ich werde es Dir sagen, wenn er hier aufschlägt, aber das ist auch schon alles, kapiert. Verlange nicht von mir, daß ich mit Dir über ihn philosophiere oder mir widerwärtige Bilder von ihm ansehe. Mir ist es nämlich verdammt egal ob der Kerl je wiederkommt oder nicht!"
"Nicht, daß es mich etwas angeht", Satomis Augen verengten sich zu Schlitzen, "aber ich glaube, Du tust ihm ganz schön unrecht!"
Wenn Hikari nicht schon nach der ersten Frage vor Wut gekocht hatte, dann war es jetzt mit Sicherheit so weit: "Was bitte soll denn das heißen? Ist er damals einfach so abgehauen ohne sich zu melden, oder war ich das? Ich schätze, die Kälte bekommt Deinen Gehirnzellen nicht gut!" zischte sie empört, doch dieses Mal blieb Satomi völlig unbeeindruckt: "Es ist ja wohl auch keine Wunder, daß er einfach so verschwunden ist. Nachdem Du ja nur Augen für Ohishi hattest!"
"Was hat denn jetzt auf einmal Ohishi damit zu tun?" ein kleiner Schmerz durchzuckte Hikaris Brust. Natürlich hatte sie sich vor einiger Zeit in Freundschaft von ihm getrennt, doch etwas wehleidig war ihr beim Gedanken an ihn doch zumute. Sie wußte selbstverständlich, daß er besser zu Hazuki paßte und daß er für sie in Wirklichkeit nie mehr als eine Schwärmerei gewesen war, aber trotzdem...
"Tu doch nicht so", fauchte nun Satomi ihrerseits unbeherrscht, "jeder wußte, wie vernarrt Du in Ohishi gewesen bist, da ist es doch wohl klar, daß Natsukawa sich nicht auch noch zum Idioten stempeln lassen hat, wo Du ihn schon nicht wolltest!"
Beschämt wandte Hikari sich von ihr ab: "Ich weiß überhaupt nicht, wovon Du redest..." ihre glühenden Ohren straften sie allerdings Lügen.
"Wahrscheinlich hast Du die wirklich nicht." War Satomis geradezu mitleidige Antwort, mit der sie ihrer Freundin den Rücken zukehrte und die andere Richtung davon stapfte.
Hikari sah ihr nicht nach, sondern rannte so schnell sie konnte durch die Kälte nach Hause: "Die haben doch alle keine Ahnung..." murmelte sie verletzt und schüttelte heftig den Kopf. Natürlich wußte sie, wovon Satomi gesprochen hatte, wer tat das schließlich nicht? Seit Natsukawa damals vor seiner Reise in einem Interview verkündet hatte, er wäre in ein Mädchen verliebt, war die halbe Schule davon überzeugt, daß es sich dabei nur um Hikari handeln konnte. Aber sie wußte es besser, sie kannte ihn doch mehr als jeder andere Mensch. Auch wenn er gelegentlich mal nette Anwandlungen gehabt hatte, so war und ist er doch das gleich Ekel geblieben, als das Hikari ihn seit einigen Jahren kennengelernt hatte. Sein Verhalten vor und während seiner Reise hatte es doch mal wieder eindrucksvoll bewiesen: er scherte sich einen Dreck darum, was Hikari anging, oder was sie fühlte, und wenn sie sich selbst gegenüber ehrlich war, dann schmerzte das doch sehr.
Trotz seiner Macken hatte sie ihn doch immer sehr gern gehabt, denn im Gegensatz zu Ohishi hatte sie sich bei ihm immer darauf verlassen können, daß er für sie dagewesen war. Doch vor einem halben Jahr hatte er sie im Stich gelassen, und das tat insgeheim noch viel mehr weh, als die Trennung von Ohishi. Natürlich hätte Hikari das niemals offen zugegeben. Sie wandelte ihren Schmerz in Wut um, weil sie diesen leichter ertragen konnte.

Atemlos war Hikari in ihre Straße eingebogen und stand nun mit düsterem Gesicht vor Natsukawas Haus, das wie ausgestorben wirkte: "Ich tue Dir unrecht, wie? Du haust einfach ab, ohne einen Ton zu sagen und ich soll auch noch Schuld daran sein. Von mir aus kannst Du doch in England verrotten!" schoß es ihr wie jeden Tag durch den Kopf, wenn sie hier vorbei kam, doch heute war sie dank Satomi ganz besonders sauer. Wahrscheinlich hätte sie das Haus auch noch mit weiteren stillen Beschimpfungen belegt, wenn ihre Finger nicht langsam vor Kälte zu scherzen begonnen hätten. Also warf sie dem Objekt ihres Unmuts noch einen weiteren giftigen Blick zu und beeilte sich dann schleunigst, ins Warme zu kommen.
Chacha begrüßte sie wie üblich mit freudigem Schwanzwedeln, was ihre Laune ein wenig anhob: "Na, mein Süßer, hast Du mich vermißt?" liebevoll kraulte sie ihn hinter den Ohren, bevor sie ihre dicke Winterjacke und die Stiefel auszog. Dann ließ sie Chacha in den Garten und brachte ihren Rucksack rauf in ihr Zimmer.
"Jetzt werde ich erst einmal das Geschirr spülen, dann im Wohnzimmer Staub saugen und die Waschmaschine anstellen..." zählte sie laut die Planung der nächsten Stunde auf und -war schon wieder wie ein Irrwisch die Treppe hinunter geflitzt. Während sie in der Küche schon das Wasser einlaufen ließ, schaltete sie noch schnell das Radio im Wohnzimmer an, um nicht Gefahr zu laufen, sich in Selbstgespräche zu vertiefen. Und dann machte sie sich wieder einigermaßen fröhlich an die Arbeit, tanzend und singend, wie ein energiegeladener Teenager das eben so tat, wenn er sich unbeobachtet fühlte.
"Wenn ich heute noch etwas lernen will, dann muß ich mich ganz schön ranhalten. Es wird schon dunkel, und wir wissen ja beide, wie faul ich bin, wenn es das Lernen angeht, nicht wahr, Chacha." lachend blickte Hikari ihrem Hund hinterher, der vor ihrem Übermut Reißaus nahm.
"Na gut, dann eben nicht. Eine schöne Hilfe bist Du mir!" sie tauchte einen Topf ins Wasser, in dem sie sich einige Stunden zuvor ihr Mittagessen gekocht hatte, da klingelte das Telefon.
Widerwillig wischte sich Hikari die Hände an der Jeans ab und machte sich auf den Weg, denn immerhin bestand ja die Möglichkeit, daß es ihre Eltern waren, die sich nach ihrem Befinden erkundigen wollten.
"Kamiyu?" meldete sie sich gleich absichtlich ohne ihren Vornamen um keinen Zweifel daran zu lassen, daß sie hier die Herrin im Haus war.
"Hikari, bist Du es?" meldete sich am anderen Ende eine Jungenstimme, die ihr durchaus bekannt vorkam; trotzdem brauchte sie einige Sekunden, um sie eindeutig zu identifizieren: "Jimmy?" konnte es denn sein, daß tatsächlich der Bassist von Mr. D bei ihr anrief?
"Ja, ich bin's, wir ähm, sind hier im Sonyawa Krankenhaus..."
"Was, wer ist im Krankenhaus?"
"Na, die ganze Band, wir hatten einen kleinen Unfall, als wir vom Flughafen gekommen sind..."
"Oh mein Gott", unterbrach Hikari ihn keuchend; ihr war, als hätte eine eiskalte Hand nach ihrem Herzen gegriffen: "Ist Nat... ist jemand von Euch verletzt?" eine Gänsehaut lief ihren Rücken hinunter.
"Chari, Keesu und mir geht es gut, aber ich fürchte Natsukawa hat ganz schön was abbekommen. Er..."
Hikari hatte das Gefühl, als würde die Welt um sie herum aufhören zu existieren. Ihre Hände zitterten wie Espenlaub, ihr Puls raste und sie glaubte, jede Sekunde ersticken zu müssen: "Wie schlimm ist es Jimmy?" sie zwang sich, ihre Stimme unter Kontrolle zu halten.
"Weiß nicht genau, er ist noch in der Notaufnahme. Wir dachten, Du solltest es wissen, wo doch seine Eltern..."
"Ich bin schon auf dem Weg, Jimmy!" nun zitterte ihre Stimme doch. Sie legte hastig den Hörer auf und bemerkte gar nicht, daß Ihre Sicht durch einen Tränenschleier vernebelt wurde. So schnell es ging rannte sie zur Garderobe, zog sich Mantel und Schuhe an und war auch schon zur Haustür raus. Was hatte Jimmy gesagt, das Sonyawa Krankenhaus! Wie es geschafft hatte, dort eine viertel Stunde später anzukommen, wußte sie später selber nicht mehr so genau. Sie rannte, ohne irgend etwas um sich herum wahrzunehmen. Sie spürte weder die schneidende Kälte in ihrem Gesicht, noch das Stechen in ihren Lungen und bemerkte auch nicht, daß sie mehrere Leute beinahe über den Haufen lief. Ihr Bewußtsein war nur mit einem schrecklichen Gedanken erfüllt: Natsukawa lag schwer verletzt im Krankenhaus und brauchte sie!
Das hell erleuchtete Portal der Klinik erschien ihr wie das Ziel einer endlosen, düsteren Reise, wie das Licht am Ende eines Tunnels. Verzweifelt und aufgelöst wie sie war, schaffte Hikari es gerade noch, sich an der Information nach der Band zu erkundigen und den ihr erklärten Weg zu finden. Mit letzer Kraft lief sie einen Gang entlang, der sie zur Notaufnahme führen sollte. Doch je weiter sie kam, desto mehr stieg auch die Angst in ihr, die Angst um Natsukawa. Wie schwer war er wirklich verletzt? Jimmy hatte ja keine klare Auskunft geben können. Ihm durfte einfach nichts schlimmes zugestoßen sein.
Keuchend bog sie um die nächste Ecke, und dort... saß Natsukawa! Sein linker Fuß war eingegipst und sein rechtes Handgelenk war bandagiert, aber abgesehen davon schien es ihm gut zu gehen. Hikari schluchzte vor Erleichterung und lehnte sich erschöpft an einen Kaffeeautomaten.
Überrascht blickten Natsukawa und die umstehenden Personen, der Rest der Band und ein Arzt, zu ihr herüber.
"Hikari?" Natsukawa konnte es nicht fassen, dort stand tatsächlich Hikari; mit tränenüberströmtem Gesicht, vor Anstrengung geröteten Wangen und zitternden, blauen Fingern.
"Natsukawa", flüsterte sie und versuchte sich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen, "Jimmy hat bei mir angerufen und..."
Sie bemerkte, wie Natsukawa Jimmy einen finsteren Blick zuwarf und schaffte es endlich, ihre Beine zum Weitergehen zu bewegen. Der Arzt schenkte ihr ein verständnisvolles Lächeln: "Ich kann Sie beruhigen, mein Fräulein, "außer einer leichten Gehirnerschütterung, dem gebrochenen Fuß und einigen Kratzern fehlt ihrem Freund nichts."
Hikari sah Natsukawa tief in die Augen und vergaß einfach alles um sich herum: ihre Erschöpfung, das letzte halbe Jahr, die aufgestaute Wut, ja, sie versäumte sogar, dem Arzt zu sagen, daß sie überhaupt nicht Natsukawas Freundin war: "Wie... wie fühlst Du Dich?" fragte sie liebevoll und mußte das Verlangen unterdrücken, ihn zu berühren.
Natsukawa erhob sich schwerfällig und mit leicht schmerzverzerrtem Gesicht. Trotzdem konnten seine Augen nicht von den ihren lassen: "Ist halb so wild", antwortete er in seiner typisch rauhen Art, "Du hättest ehrlich nicht herzukommen brauchen, Jimmy neigt gelegentlich zu Übertreibungen..."
Betretenes Schweigen machte sich in der Runde breit und Hikari fürchtete, alle würden ihr Herz rasen hören. Aber sie wußte einfach nicht, was sie sonst noch sagen sollte, jetzt wo sie so unerwartet wieder vor Natsukawa stand.
Erneut war es der Arzt, der das Schweigen brach: "Von mir aus können Sie ihn mit nach Hause nehmen. Ich denke, Ihre Pflege wird ihm wesentlich besser bekommen als die, die wir ihm anbieten können", als Hikari verstand, daß er zu ihr sprach, schoß ihr die Röte ins Gesicht, "aber passen Sie gut auf ihn auf. Unser junger Heißsporn braucht mindestens eine Woche Bettruhe, damit die Gehirnerschütterung abklingt.
"So'n Blödsinn!" murmelte Natsukawa unwirsch, was den Rest der Band unweigerlich zum Kichern brachte. Auf Keesu und Chari gestützt humpelte er dann in Richtung Ausgang davon. Hikari wollte ihnen hinterher eilen, doch zuerst verneigte sie sich tief vor dem Arzt: "Ich danke Ihnen vielmals, Herr Doktor!"
Der Herr in weiß ergriff  lächelnd ihre Hand: " Sie brauchen mir nicht zu danken, sorgen Sie nur dafür, daß ihr Freund die Ruhe bekommt, die er benötigt."
Zuerst wollte Hikari ihn noch über dieses kleine Mißverständnis aufklären, beließ es dann aber doch dabei und verabschiedete sich.

Auf der Taxifahrt nach Hause sagte Hikari kein Wort. Jimmy und Chari diskutierten eifrig ihren Unfall, typisch Glatteis, während sie versuchte, Natsukawas Gesicht im Rückspiegel zu erforschen. Es war irgendwie ein merkwürdiges Gefühl, jetzt mit ihm in einem Auto zu sitzen, wo sie sich vor zwei Stunden noch gewünscht hatte, er möge in England verrotten. Sie war froh, daß er wieder hier war, auch wenn sie es unter diesen Umständen hatte erfahren müssen. Es beruhigte sie zu wissen, daß er wieder nebenan wohnen würde, ganz in ihrer Nähe. Merkwürdig, wie schnell man seine Meinung doch ändern konnte!
Fast war sie deswegen auch ein bißchen ärgerlich, denn immerhin hatte er sie sehr verletzt, aber er brauchte nur eine Gehirnerschütterung zu haben und alles war vergessen. Ihre Augen trafen sich mit seinen im Rückspiegel und ein heißer Blitz durchzuckte ihren Körper: "Nein, Hikari, soviel Aufmerksamkeit verdient er nicht!" mahnte sie sich selbst und blickte aus dem Fenster in die Dunkelheit. So sehr mußte sie sich schließlich nicht darüber freuen, daß er wieder da war, oder zumindest brauchte er es nicht zu wissen.
Allerdings vergingen kaum fünf Sekunden, bis sie erneut in den Spiegel schaute, nur um enttäuscht festzustellen, daß Natsukawa jetzt ebenfalls aus dem Fenster sah. Hikari betete, daß die Taxifahrt bald enden mochte, doch als ihr Wunsch sich einige Minuten später erfüllte, stellte sie mit Entsetzen fest, daß sich ihre Lage nicht wirklich gebessert hatte. Mit einem Mal war sie allein mit ihm!
Sie standen zusammen auf dem Bürgersteig vor seinem Haus und musterten intensiv die leere Straße.
"Tja, ähm, also", Hikari stellte seine Reisetasche auf den Asphalt, "willkommen zu Hause!"
"Ja", Natsukawa wollte nach seiner Tasche greifen, "nochmal danke, daß Du ins Krankenhaus gekommen bist, das war echt nicht nötig."
"Laß nur, ich trag sie schon. Der Arzt hat doch gesagt, Du sollst Dich nicht überanstrengen."
"Schwachsinn, ich brauche Deine Hilfe nicht." Er entriß ihr das Gepäck und humpelte in Richtung Gartentor, an dem ihn jedoch ein starkes Schwindelgefühl übermannte und er sich anlehnen mußte.
Als Hikari ihn dort so stehen sah, so vollkommen hilflos, faßte sie einen Entschluß: "Natsukawa, so geht das nicht", sie eilte zu ihm und griff nach seinem Arm, "in Deinem Zustand kannst Du unmöglich alleine für Dich sorgen!"
"Du tust gerade so, als ob ich schwanger wär", er lachte ironisch, "außerdem wirst Du wohl nicht viel daran ändern können, oder hast Du vor, bei mir einzuziehen?" mit Mühe schüttelte er ihre Hand ab.
"Nein", Hikari wollte nicht locker lassen, "aber Du wirst bei mir wohnen!" sie war sicher, Natsukawa noch nie in seinem Leben so perplex gesehen zu haben: "Ich werde was tun?"
"Du ziehst zu mir, wenigstens für die nächste Woche. Meine Eltern sind verreist und drüben kann ich mich besser um Dich kümmern!"
Wut blitzte in Natsukawas Augen auf: "Wer um alles in der Welt hat Dich um Deine Hilfe gebeten?"
"Der Arzt, wenn Du es genau wissen willst", war Hikaris schlagfertige Antwort, "und wenn Du Dich noch so sträubst. Ich habe ihm versprochen dafür zu sorgen, daß Du Ruhe bekommst. Und ich will nicht, daß man mir hinterher nachsagt, ich hätte meine Bürgerpflichten vernachlässigt." Sie war felsenfest davon überzeugt, Natsukawa umstimmen zu können. Der erwies sich allerdings als ziemlich harter Brocken: "Auf Dein Mitleid kann ich verzichten. Verschwinde endlich, ich komme allein klar!"
"Ich sehe doch genau, daß Du nicht klarkommst! Ich weiß, was für ein riesiger Dickschädel Du bist, und ich weiß auch, daß es eigentlich keinen Sinn hat, dagegen anzureden. Aber heute läßt Du mir eben keine andere Wahl. Ich trage die Verantwortung für Dich!"
Fuchsteufelswild starrte Natsukawa sie jetzt an, als wollte er sie mit seinen Blicken töten: "Hörst Du mir eigentlich zu? Ich will Deine blöde Hilfe nicht, kapiert! Ich wollte nicht mal, daß Du ins Krankenhaus kommst!"
Das traf genau Hikaris wunden Punkt. Sie hatte sich zwar vorgenommen ruhig zu bleiben, aber dieses Mal war er einen Schritt zu weit gegangen: "Gut, ich habe schon verstanden", fauchte sie aufgelöst, "ich weiß sowieso nicht, warum ich wie eine Geistesgestörte ins Krankenhaus gerannt bin. Ich meine, Du haust einfach so nach England ab und meldest Dich die ganze Zeit nicht, da hätte ich mir ja wohl denken können, daß Du mich nicht sehen willst! Und eigentlich sollte es mir auch egal sein, wenn Du jetzt da in Deine Bude humpelst und dort jämmerlich eingehst. Ist es mir aber leider nicht, verstehst Du? Es ist also völlig egal, was für Gemeinheiten Du mir noch an den Kopf knallst, dieses Mal wirst Du mich nicht los. Schade, was. Von mir aus können wir auch sagen, daß Du Dich in Deiner Männlichkeit herabgelassen hast, mich zu beschützen, dann müßtest Du nicht zugeben, daß Du meine Hilfe brauchst. Mir ist das so ziemlich egal. Nur hör verdammt noch einmal auf, hier den starken Helden zu
mimen. Ich kenne Dich viel zu gut, als daß ich Dich nicht durchschauen könnte. Und ich sage Dir, dieses Mal wirst DU nachgeben..."
"Ist ja schon gut", geradezu schockiert über Hikaris Anfall legte Natsukawa ihr eine Hand auf die linke Schulter, "ich komm ja mit, sonst keifst Du hier noch die ganze Nachbarschaft zusammen und ich kriege noch ne Klage an den Hals!"
"Nenn es wie Du willst." Antwortete Hikari mürrisch und griff ihm stützend um die Taille. Zuerst wollte er ja zu einem neuen Protest ansetzen, aber dazu hatte er weder die Nerven noch die Kraft.

"Ich werde Dich erstmal im Wohnzimmer stationieren, dann ein paar Sachen von Dir holen und dann das Zimmer von meiner Schwester für Dich wohnlich machen..."
Diese Planung Hikaris löste eine neue Debatte aus, denn Natsukawa sah es ganz und gar nicht ein, in ein Mädchenzimmer ziehen zu müssen, aber der Sieg ging ziemlich schnell an Hikari. Also wurde Natsukawa aufs Sofa gebettet, während Hikari nahezu eine Stunde damit beschäftigt war, drüben die notdürftigsten Sachen zusammen zu suchen. Als sie endlich schwer bepackt mit zwei Taschen wiederkam, empört über die Unordnung, die in seinem Haus herrschte, war Natsukawa bereits eingeschlafen.
"Natsukawa", sie schlich vorsichtig an ihn heran und kniete sich vors Sofa, "guck mal, Chacha, er ist eingeschlafen!" flüsterte sie ihrem Hund zu, der friedlich auf einem der Sessel döste.
"Eigentlich kann ich ihn jetzt nicht aufwecken, da soll er lieber heute nacht auf dem Sofa schlafen!" sie lief flugs hoch in ihr Zimmer um eine Bettdecke herunter zu holen. Ganz vorsichtig, um ihn auf keinen Fall zu wecken, deckte sie ihn zu und gab geflissentlich acht, daß auch wirklich jeder Zentimeter unterhalb des Kopfes unter der Decke verschwand.
Wo sie ihn jetzt so ruhig und friedlich dort liegen sah, tat Hikari der Streit von eben doch irgendwie leid. Immerhin hatte er doch einiges durchgemacht an diesem Tag, und welcher Junge gab schon gerne zu, daß er auf die Hilfe eines Mädchens angewiesen war? Meistens war er Hikari wie ein ungehobelter Grobian vorgekommen, doch wie er jetzt so dalag, mit entspanntem Gesicht und gleichmäßigen Atemzügen, kam er ihr zum ersten Mal richtig verletzlich vor. Sanft strich sie ihm über die Haare, die jetzt wieder ihre normale Farbe hatten, und berührte sanft einen Kratzer auf seiner Wange: "Es ist schön, daß Du wieder da bist... schlaf gut!" schüchtern drückte sie ihm einen Kuß auf die Stirn und erschrak zutiefst, als Natsukawa sich bewegte, doch er schlief ruhig weiter.
Mit einem Lächeln auf den Lippen erhob sich Hikari und machte sich auf in ihr Zimmer, um endlich ein wenig für den Test in zwei Tagen zu lernen.
"Hikari..." wie vom Blitz getroffen fuhr sie herum, doch noch immer schien Natsukawa tief und fest zu schlafen: "Er redet im Schlaf, hoffentlich verfolgt er mich nicht gerade mit einem Hackebeil..." kicherte sie und stieg zufrieden die Treppe hinauf.

Als Hikari am nächsten morgen erwachte, fühlte sie sich wie gerädert. Sie hatte die halbe Nacht kein Auge zugetan, weil sie ständig daran hatte denken müssen, daß Natsukawa unten auf ihrem Sofa lag. Sie konnte nicht sagen, warum, aber irgendwie hatte ihr dieser Gedanke immer wieder so ein merkwürdiges Kribbeln im Bauch beschert. Und dann war ihr immer wieder der Anruf von Jimmy durch den Kopf geschossen. Was, wenn Natsukawa nun wirklich etwas ernsthaftes zugestoßen wäre? Natürlich wußte sie, daß es ihm gutging, aber allein die Vorstellung hatte ihr wieder Tränen in die Augen getrieben, und so war sie nach einer halben Ewigkeit im Wechselbad der Gefühle in einen unruhigen Traum gefallen.
Bei dieser furchtbaren Nacht ließen sich die dunklen Ringe unter ihren Augen natürlich sehr leicht erklären, wesentlich schwieriger war es da schon, sie unter der kalten Dusch wieder loszuwerden.
Alles in allem war sie aber dennoch bei guter Laune, als sie mit Ihrer Schultasche in der Hand ins Wohnzimmer kam. Vorsichtig lugte sie über den Sofarand: Natsukawa schlief noch so selig, als hätte sie ihn gerade erst vor ein paar Minuten allein gelassen. Beinahe war sie darüber etwas enttäuscht, denn sie hätte ganz gern ein oder zwei Worte mit ihm gewechselt, bevor sie zur Schule ging. Nun, er brauchte ja den Schlaf, und Reue zeigen und sich für sein grobes Verhalten entschuldigen konnte man sich schließlich auch ohne Worte. Nachdem sie Chacha versorgt hatte, machte sie sich an ein herzhaftes Frühstück mit dem sie Natsukawa ein bißchen verwöhnen wollte. Fein säuberlich baute sie es neben seinem Nachlager auf, holte noch ein paar Bücher, Comics und Videos, legte Telefon und Fernbedienung auf den Tisch, damit er nicht groß herumlaufen brauchte und sorgte auch für einige Happen, die die Zeit zwischen Frühstück und Mittagessen überbrücken sollten. Dann schrieb sie ihm noch einen Zettel,
daß sie so gegen 13:00 Uhr zurück sein würde und daß er sich die Zeit nicht zu lang werden lassen sollte. Nach einem letzten zärtliche Blick verließ sie gut gelaunt das Haus.
Draußen auf der Straße ertappte sich Hikari bereits dabei, wie sie sich Sorgen um Natsukawa machte: "Reiß Dich mal ein bißchen zusammen. Du tust ja schon wie ne Ehefrau, die ihren kranken Mann betuddelt. Ein paar Stunden wird er es schon mal ohne mich aushalten!"
So ganz überzeugt von ihren eigenen Worten war sie natürlich nicht, zumindest machte sie in der Schule einen mehr als nur zerstreuten Eindruck. Nirgends war sie richtig bei der Sache und konnte sich einfach nicht konzentrieren. Ihre Gedanken kreisten ständig um Natsukawa; ob er sich in dem fremden Haus zurecht finden würde? Hoffentlich lief er nicht unvernünftiger Weise zuviel herum und strapazierte damit seine Gesundheit! Wahrscheinlich war es wohl das beste, wenn sie bei ihm anrief, um sich nach seinem Zustand zu erkundigen. Es war ja immerhin möglich, daß er etwas brauchte, was sie ihm nach der Schule mitbringen konnte.
Hikari war tatsächlich schon drauf und dran gewesen, in der Pause zur nächsten Telefonzelle zu gehen, aber dann hatte sie es sich doch noch anders überlegt. War es nicht wahrhaftig ein wenig übertrieben, bei ihm anrufen zu wollen? Immerhin lag er doch nicht im Sterben! Nachher verstand er das wohl möglich falsch und dachte noch, sie wollte etwas von ihm...
Um Himmels Willen, daran wollte Hikari nicht einmal denken, es war schon so schwierig genug, im gleichen Haus mit ihm zu wohnen.
Allerdings waren mit Natsukawa noch ganz andere Probleme verbunden, die sie über die Ereignisse des letzten Abends völlig vergessen hatte: ihr Streit mit Satomi. Eigentlich hätte Hikari es ja schön gefunden, sich wieder mit ihr zu versöhnen, aber dann hätte sie nach allem, was sie versprochen hatte, auch erzählen müssen, daß sich Natsukawa mittlerweile als Gast in ihrem Haus befand. Und welche Reaktion das zur Folge haben würde, war Hikari mehr als bewußt.
Deshalb ging sie ihr aus dem Weg so gut es ging und schaffte es auch tatsächlich, die Schule hinter sich zu bringen, ohne einer direkten Konfrontation mit Satomi ins Auge blicken zu müssen. Eilig machte sich Hikari nach der letzten Stunde auf den Weg nach Hause, um jede noch mögliche lauernde Gefahr zu umgehen. Immer wieder vergewisserte sie sich, daß Satomi nicht doch vielleicht noch unerwartet auftauchte und atmete erst auf, als sie in ihre Straße einbog. Nur wie so oft im Leben schlug das Schicksal genau dort zu, wo man am wenigsten damit rechnete.
"Hikari, warte mal..." als Hikari sich zu der heran eilenden Satomi umdrehte, hatte sie das merkwürdige Gefühl eines Déjà-Vus und fragte sich, warum die Welt in letzte Zeit nur so grausam zu ihr sein mußte.
"Ich wollte mich bei Dir entschuldigen", Satomi blieb vor ihr stehen und scharrte nervös mit dem linken Fuß, "schließlich geht es mich nichts an, was Du über Natsukawa denkst, Du kennst ihn immerhin schon eine ganze Weile länger als ich!"
"Ach, ist schon vergessen." Hikari wurde siedendheiß. Warum war sie nur auf dem Nachhauseweg nicht gelaufen, dann hätte sie Satomi sicherlich abhängen können! Nun saß sie in der Falle.
"Das ist schön... mehr wollte ich eigentlich auch gar nicht, ich muß nämlich nach Hause! Wir sehen uns ja nachher beim Training, oder?" strahlend wollte sich Satomi von Hikari verabschieden, doch sie wurde von ihrer Freundin zurückgehalten: "Nein, ich werde heute nicht zum Training kommen, wahrscheinlich die ganze nächste Woche nicht..."
Satomi sah sie verblüfft an: "Wieso, bist Du krank!"
Hikaris Kehle war staubtrocken, aber jetzt gab es kein Zurück mehr: "Nein, nein, ich bin in Ordnung, es ist nur... Also weißt Du, Satomi", Himmel, war das schwierig, "Natsukawa ist gestern abend nach Hause gekommen. Er hatte einen Autounfall auf dem Weg vom Flughafen..."
"Oh, mein Gott, ist er verletzt?"
"Na, ja, er hat einen gebrochenen Fuß und eine leichte Gehirnerschütterung. Der Arzt meint, er bräuchte für einige Zeit Hilfe und darum wohnt er jetzt bei mir....!"
Satomi konnte es nicht fassen: "Und warum hast Du mir das nicht schon heute morgen erzählt?"
Hikari kratzte sich nachdenklich am Kopf: "Weil es ihm bestimmt nicht recht wäre. Ich habe es Dir überhaupt nur erzählt, weil ich mein Versprechen nicht brechen wollte!"
"Ach so..."
"Bitte", sie sah Satomi flehend an, "Du darfst niemandem etwas davon erzählen, keiner Seele, verstehst Du. Ich glaube er würde ausrasten!"
Satomi blickte ihre Freundin etwas schräg an, so als müsse sie kurz überlegen: "Na, gut, das geht klar, aber nur, wenn ich jetzt kurz mitkommen kann!"
"Satomi!"
"Ach, bitte Hikari, nur eine winzige Minute... nur um ihm gute Besserung zu wünschen, ja?"
Bei dieser Bitte siegte Hikaris Nächstenliebe über ihren Verstand und sie willigte schweren Herzens ein: "Aber wirklich nur ganz kurz."
Nachdem Satomi ihr dieses mehrmals eindringlich bestätigt hatte, nahm sie sie schweren Herzens mit zu sich nach Hause. Sie fühlte sich dabei nicht sehr wohl in ihrer Haut und ihre Finger zitterten, als sie den Schlüssel ins Schloß steckte. Vorsichtig schob sie die Tür auf, so als befürchtete sie, Natsukawa könnte direkt dahinter stehen.
Das tat er natürlich nicht. Er lag brav auf dem Sofa und sah Fern: "Bist Du es Hikari?" klang seine Stimme über den Flur und für den Bruchteil einer Sekunde vergaß Hikari, daß Satomi ja noch bei ihr war: "Ich denke schon. Wie geht es Dir?"
Natsukawa wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als die beiden Mädchen das Zimmer betraten. Seine Worte erstarben ihm in der Kehle und das eben noch vorhandene Lächeln verwandelte sich in eine mißmutige Fassade: "Was soll das? Ist Besichtigungstag, oder was?" die Blicke, die er Satomi zuwarf waren nicht gerade freundlich.
"Ähm, ja..." antwortete sie eingeschüchtert, "Hikari hat mir von Deinem Unfall erzählt, und..."
"So..." die bösen Blicke wanderten zu Hikari und durchbohrten sie förmlich, "hat sie das?"
"Also", man merkte, wie unangenehm Satomi die Situation war, "ich wollte Dir auch eigentlich nur gute Besserung wünschen und gar nicht weiter stören. Wir sehen uns dann morgen, Hikari, ich werde Dich beim Training entschuldigen!" ihre Worte sprudelten schnell wie Wasser aus ihrer Kehle und im nächsten Moment war Satomi schon aus dem Haus.
Betreten hob Hikari den Kopf und schaute in Natsukawas wütendes Gesicht. Sie wollte etwas sagen, sich bei ihm entschuldigen, aber irgendwie schnürte ihr sein Blick die Kehle zu.
"Kannst Du mir mal verraten, was das sollte?" seine Stimme war weder laut noch unbeherrscht, doch die hatte diesen schneidenden Ton, der Hikari durch Mark und Bein ging. Sie wollte etwas erwidern, aber noch immer bekam sie kein Wort über die Lippen.
Natsukawa erhob sich langsam vom Sofa: "Veranstaltest Du jetzt schon Führungen, damit jeder sich darüber amüsieren kann, was für ein hilfloser Trottel ich bin?"
"Das ist doch Quatsch..." endlich hatte sie ihre Stimme wiedergefunden, aber er ließ sie gar nicht ausreden: "Quatsch ist das also, ja? Dann verrate mir mal, was die hier zu suchen hatte!"
"Sie wollte doch nur schauen, wie es Dir geht, weil sie so ein großer Fan von Dir ist."
"Wie reizend", Natsukawa versuchte nicht erst, seine aufsteigende Entrüstung zu verbergen, "und woher, wenn ich fragen darf, wußte sie überhaupt, daß ich einen Unfall hatte? Weil Du es ihr erzählt hast... Sag mal, wie kommst Du eigentlich dazu? Wem hast Du das denn noch alles gesteckt? Der Presse vielleicht?"
"Natürlich nicht", jetzt wurde Hikari langsam mutiger, "Satomi ist die einzige, die es weiß. Ich mußte es ihr erzählen, weil ich es versprochen hatte!" und das war doch wirklich ein einleuchtender Grund; wenn auch nicht unbedingt für Natsukawa: "Du hast es ihr versprochen, das ist ja niedlich. Nächstes Mal pfeifst Du auf Deine dummen Versprechen, kapiert!"
"Ich weiß ja nicht, was Du eine Vorstellung von Freundschaft hast", rief Hikari außer sich, "aber ich halte für gewöhnlich meine Versprechen. Aber daß Dich sowas nicht groß interessiert, hätte ich mir ja denken können!"
Genervt hob Natsukawa die Hände: "Verschone mich bitte mit diesem Theater von wegen Freundschaft, ja."
Verächtlich starrte Hikari ihn an: "Was hast Du bloß für ein Problem damit, hm?"
"Gar nichts, solange Du Deinen Bekanntenkreis von hier fern hältst."
"Wie stellst Du Dir denn das bitte vor?" Hikari stemmte empört die Arme in die Hüften: "Soll ich etwa draußen ein "Betreten verboten" Schild an die Tür hängen, nur weil Du hier bist?"
"Einen Moment, die Sache wollen wir doch gleich klarstellen", Natsukawa baute sich vor ihr auf und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf ihre Nase, "Du warst doch diejenige, die darauf bestanden hat, mich hierher zu verfrachten. Also gib mir jetzt nicht die Schuld an dem ganzen Theater..." plötzlich griff er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an die Schläfen und sank zurück aufs Sofa.
"Natsukawa", besorgt kniete sich Hikari neben ihn und legte ihm eine Hand auf die linke Schulter, "hast Du Schmerzen..." der Streit schien für sie wie weggeblasen.
"Ach, laß mich doch in Ruhe", grob stieß er ihre Hand weg und wandte ihr abweisend den Rücken zu. Hikaris Hände verkrampften sich vor Wut und Enttäuschung: "Von mir aus, mach doch, was Du willst!" tief verletzt rauschte sie aus dem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu.
Was bildete sich dieser Kerl bloß ein? Da versuchte man, es ihm so angenehm wie möglich zu machen, war freundlich, ließ sogar das Training ausfallen und er hatte nichts besseres zu tun, als sie von früh bis spät zu kritisieren.
Wütend warf sie ihre Jacke und ihre Schultasche in die Garderobe und war drauf und dran nach oben in ihr Zimmer zu gehen, um Natsukawa seinem Schicksal zu überlassen, aber sie wußte, daß sie genau das nicht durfte. Wenn sie in den kommenden Tagen mit ihm auskommen wollte, durfte sie sich von ihm nicht schikanieren lassen. Sie hatte nun einmal ihr Wort gegeben, sich um ihn zu kümmern, also mußte sie das jetzt auch durchziehen. Und wenn es noch so viele Streitereien geben sollte. Immerhin konnte sie ihn schlecht auf dem Sofa verhungern lassen, wenngleich ihr dieser Gedanke im Moment irgendwie Genugtuung verschaffte. Sie durfte sich von ihm nicht unterkriegen lassen!
Aufgrund dieses Vorsatzes ging Hikari in die Küche und machte sich an das Mittagessen. Es würde ihn sicherlich überraschen, wenn er trotz seines unmöglichen Verhaltens etwas zu essen bekam. Und tatsächlich zeigte sich eine kleine Veränderung in seinem mürrischen Gesicht, als sie eine halbe Stunde später das Tablett auf den Wohnzimmertisch stellte: "Ich hoffe, an meinen Kochkünsten hat der Herr nichts auszusetzen, denn sonst wirst Du leider verhungern müssen. Ich werde jetzt hoch gehen und Dein Zimmer fertig machen, da kannst Du Dich dann von mir aus vor Besuchern verkriechen. Ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen stieg Hikari die Treppe in den ersten Stock hinauf und betrat das Zimmer ihrer Schwester. Sie war vor einigen Monaten ausgezogen, und nun stand das Zimmer leer. Es hatte ein eigenes Waschbecken, was Hikari geradezu ideal für die Einquartierung von Natsukawa fand. Sie sammelte Bettwäsche, Handtücher und Waschlappen zusammen und nahm sich auch den Inhalt der zwei Taschen vor,
die sie aus Natsukawas Haus mitgebracht hatte. Sorgfältig bezog sie das Bett, räumte seine Sachen in eine leere Kommode und richtete das Waschbecken mit dem nötigsten her. Alles in allem sah das Zimmer wieder recht wohnlich aus.
Gerade als sie fertig war, erschien Natsukawa in der Tür: "Laß das", murmelte er und wies mit einem Kopfnicken auf das Bett, "ich denke, es wäre wohl besser, wenn ich nicht länger hier bleibe."
"Für mich wäre es das auf jeden Fall, aber ich habe Dir schon einmal gesagt, daß ich das mit meinem Gewissen nicht vereinbaren könnte, nicht einmal bei Dir!"
"Übernimm Dich nur nicht!" fauchte er im selben Tonfall wie Hikari.
"Keine Angst, mit Dir werde ich schon fertig. Jetzt tu mir bloß diesen einen Gefallen und leg Dich ins Bett, damit ich im Wohnzimmer wieder Klarschiff machen kann."
"Oh, bitte, wenn ich Dir im Weg stehe..." patzig tat Natsukawa, was Hikari ihm befohlen hatte, doch anscheinend hatte sie ihn mit ihrer schroffen Antwort gekränkt. Denn als sie ihm einige Zeit später eine Flasche Saft und die Sachen aus dem Wohnzimmer hochbrachte, tat er so, als wäre sie Luft.
"Schön, wenn Du nicht mit mir reden willst, kannst Du mir wenigstens auch nicht mit Deiner Nörgelei auf die Nerven gehen." als Hikari dieses Mal die Tür hinter sich schloß, tat sie es absolut würdevoll und mit völligem Desinteresse an Natsukawa. Vielleicht, so hoffte sie inständig, würde er mit diesem kindischen Theater aufhören, wenn sie nicht mehr auf seine Sticheleien einging. Auf jeden Fall vermied sie so, daß die Streitereien noch weiter eskalierten.
Mit vollem Eifer machte sie sich jetzt an die Hausarbeit, um ein bißchen auf andere Gedanken zu kommen. Es war äußerst erstaunlich, was sich innerhalb von zwei Tagen so im Haus angesammelt hatte; Hikari brauchte gut zwei Stunden, um die ganzen kleinen Arbeiten zu erledigen, die sie bei ihrer Mutter immer für selbstverständlich gehalten hatte. Danach war sie so erledigt, daß sie sich kurzerhand entschloß, ein Bad zu nehmen; das würde ihrem gestreßten Körper auf jeden Fall guttun. Also ging sie ins Badezimmer und ließ die Wanne bis zum Rand mit heißem Wasser voll laufen. Die Aussichten auf diese Wohltat ließen Hikari Natsukawa und die Streitereien fast augenblicklich vergessen. Schnell schlüpfte sie aus ihren Sachen und tauchte genüßlich in das dampfende Wasser ein.
Wie wohltuend diese Wärme in der Tat war, genauso, wie sie es nötig gehabt hatte. Zum ersten Mal an diesem Tag konnte sie sich wieder wie sie selbst fühlen und alle Sorgen abschütteln.
"Das Leben ist doch eigentlich gar nicht so schlecht," überlegte sie verträumt, "mal so ganz ohne Aufpasser... kann man sich denn was schöneres vorstellen? Vollkommen frei und unabhängig, kann man sich denn etwas schöneres..." Kann man sich denn etwas schöneres vorstellen hatte sie sagen wollen, aber plötzlich im Satz sprang plötzlich die Tür auf Hikari starrte voller Entsetzen auf Natsukawa, der sie seinerseits mit einer Mischung aus Überraschung und jungenhafter Spitzbübischkeit musterte.
"Mach, daß Du raus kommst!" keifte sie mit hochroten Ohren und schmiß ihm einen nassen Waschlappen an den Kopf. Natsukawa verschwand wieder, aber man konnte ihn durch die geschlossene Badezimmertür fluchen hören: "Sag mal, spinnst Du, wohl schon vergessen, daß ich eine Gehirnerschütterung habe, wie!"
"Dann klopf das nächste Mal gefälligst an, Du Idiot. Was fällt Dir ein, hier einfach so hereinzuplatzen?" Hikari schämte sich und war fürchterlich aufgebracht.
"Ist es meine Schuld, wenn Du nicht abschließen kannst?" tönte es eben so sauer von draußen zurück.
"Hau doch endlich ab und laß mich in Ruhe!" schrie Hikari schon fast, erhielt aber überraschender Weise keine Antwort mehr. Er hatte es anscheinend wirklich vorgezogen, das Schlachtfeld vorerst zu räumen. Schwer atmend sank Hikari zurück ins Wasser: er hatte es mal wieder geschafft, der ganze Abend war hinüber. Hätte sie ihn doch nur nie zu sich nach Hause geholt, Natsukawa war ja schlimmer als die übelste Landplage. Wie sollte das bloß noch werden, wenn bereits der zweite Tag in so einem Desaster endete? Hoffnungslos schüttelte sie den Kopf: "Auf jeden Fall werde ich vorerst mal hier drinnen bleiben, sonst laufe ich noch Gefahr, ihm den Kopf abzureißen!" grummelte sie vor sich hin und hoffte, daß sich sowohl ihr Gemüt, als auch das von Natsukawa bis zur nächsten Konfrontation wieder etwas besänftigt hatte. Also blieb sie noch gemächliche zwanzig Minuten im Wasser liegen und ließ sich auch danach extrem viel Zeit mit dem Verlassen des Bades.
Alles in allem trat sie eine Stunde nach dem peinliche Vorfall hinaus auf den Flur und wollte in ihr Zimmer gehen, um sich ihren Schlafanzug anzuziehen, aber kaum daß sie die Tür geöffnet hatte, stieg ihr ein würziger Duft von gebratenen Nudeln und würziger Soße in die Nase. Etwas ungläubig runzelte sie die Stirn und stieg neugierig die Treppe hinunter. Diesem Duft mußte sie auf die Spur kommen, auch wenn sie lediglich mit einem Bademantel bekleidet war.
Als sie das Wohnzimmer betrat, wäre sie vor Überraschung beinahe in Ohnmacht gefallen. Im Kamin loderte ein knisterndes Feuer, auf dem Tisch stand ein festliches Mahl und auf dem Sofa saß Natsukawa, der selbstzufrieden vor sich hin lächelte.
"Ich glaub, ich träume!" Hikari wollte ihren Augen einfach nicht trauen.
"Soll ich Dich kneifen, damit Du aufwachst?" Natsukawas Stimme hatte jeden Hauch von Zorn verloren und klang so fröhlich, wie sie es selten erlebt hatte.
"Sag bloß, das hast Du alles alleine gemacht..." ihr war bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal bewußt gewesen, daß er überhaupt kochen konnte.
"Nein, natürlich nicht", sein Gesichtsausdruck wurde noch amüsierter, "ich habe bei der Heinzelmännchengerwerkschaft angerufen und alles bestellt!"
"Aber Du sollst Dich doch ausruhen und im Bette bleiben... wieso hast Du das überhaupt gemacht?" Hikari konnte sich noch immer nicht vom Fleck rühren, so baff war sie.
Gleichmütig hob er die Schultern: "Ich dachte, ich hätte bei Dir ein bißchen was gut zu machen!"
"Du entschuldigst Dich bei mir?" nun wurde Hikari doch unsicher: "Wo ist der Haken? Du hast Dich noch nie für irgendwas entschuldigt!"
"Nun mach mich mal nicht schlechter, als ich es bin!" war Natsukawas leicht beleidigte Antwort: "Ich weiß, daß ich ein ziemliches Ekel gewesen bin, und immerhin hast Du ja ganz schön was zu tun meinetwegen!"
Hikari merkte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete: "Ich... weiß nicht, was ich sagen soll..." überglücklich sah sie in Natsukawas Augen, in denen sich das Feuer des Kamins spiegelte.
"Sag einfach gar nichts, sondern setz Dich hin und iß!" einladend klopfte er neben sich auf das Sofa. Hikari lächelte und folgte nur zu gern dieser Aufforderung: "Mein Güte, sieht das lecker aus, ich hätte nie gedacht, daß Du kochen kannst!"
"Ach", es sah aus, als würde ihm das Blut in den Kopf schießen, oder war es nur der Schein der Flammen, "das ist ja nun nichts dolles. Nudeln kochen kann doch jeder, na, ja, und die Soße habe ich aus dem zusammen gemixt, was ich so in der Küche finden konnte!"
Aber Hikari hatte vollkommen recht, das Essen war absolut erstklassig und sie genoß es in vollen Zügen.
Es war schön, im gleich Zimmer wie Natsukawa sein zu können, ohne sich mit ihm zu streiten. Im Gegenteil, sie verstanden sich sogar ausgesprochen gut. Hikari erzählte, wie sie in der Schule versucht hatte, Satomi aus dem Weg zu gehen, und Natsukawa berichtete, wie er sich tagsüber die Zeit vertrieben hatte.
Keiner von beiden merkte, wie schnell die Zeit verging, und als die Wanduhr acht schlug, fuhr Hikari erschrocken zusammen: "Verdammt, schon so spät? Ich muß unbedingt noch was für die Schule tun!" sie wollte aufspringen, um eilig den Tisch abzuräumen, doch Natsukawa hielt sie am Arm fest: "Kannst Du den Kram nicht mal vergessen? Laß uns noch ein bißchen hier sitzen bleiben und reden, immerhin bist Du der einzige Mensch, den ich in der nächsten Zeit zu sehen bekommen werde."
Hikari wollte Protest einlegen, aber als sie Natsukawas flehendem Blick begegnete, ließ sie sich wieder aufs Sofa sinken: "Na gut, aber nicht mehr zu lange, sonst kann ich den Test morgen gleich abhaken!"
"Einverstanden!" damit schien er vorläufig zufrieden gestellt zu sein.
"Eigentlich ist das ja auch wirklich mal ein Grund, eine Klausur in den Sand zu setzen, wenn man bedenkt, wie lange Du nicht hier gewesen bist." Hikari lachte fröhlich, doch Natsukawa starrte nur versonnen in die Flamme: "Ein halbes Jahr. In dieser Zeit muß sich doch einiges getan haben. Daß Du immer noch Sport machst, hat Satomi vorhin ja schon ausgeplaudert, aber was treiben die anderen so?"
"Oh", Hikari fuhr sich nachdenklich durch die Haare, "Hazuki hat mir der Gymnastik aufgehört. Sie trainiert jetzt kleine Kinder, ich glaube, das macht ihr unheimlich viel Spaß..."
"Hm, und Ohishi?" er hatte das sehr leise gefragt und Hikari fragte sich, ob das wohl einen speziellen Grund hatte: "Er macht immer noch Sport, aber ich habe ihn in letzter Zeit nicht so oft gesehen, er verbringt ziemlich viel Zeit damit, Hazuki zu unterstützen."
Plötzlich musterte Natsukawa sie mit durchdringenden Augen: "Stört es Dich denn nicht, wenn die beiden soviel Zeit miteinander verbringen?" sein Blick war ihr unangenehm.
"Nein, wieso", was sollte diese merkwürdige Frage, "ich freue mich doch für die beiden!"
"Aha..." Natsukawa wandte sich wieder dem Kamin zu und Hikari beobachtete ihn neugierig aus den Augenwinkeln. Obwohl er doch so viele Monate fort gewesen war, hatte er sich eigentlich gar nicht verändert, und trotzdem sah sie ihn mit einem Mal mit anderen Augen: früher war ihr nie aufgefallen, wie anziehend er eigentlich wirkte. Er hatte mit Ohishi so gar nichts gemein, und doch wirkte er plötzlich viel attraktiver, als Ohishi es je hätte sein können.
Natsukawa drehte ihr das Gesicht zu und Hikari fühlte sich bei ihrer heimlichen Beobachtung ertappt. Schnell senkte sie die Augen und merkte zu ihrem Ärger, daß sie rot wurde: "Du hast mir auch noch gar nicht erzählt, wie es in England gewesen ist."
"Da gibt es auch nicht besonders viel zu erzählen. Die meiste Zeit haben wir gearbeitet, für große Sightseeing Touren war da nicht viel Zeit, weißt Du?" er sagte das so, als wollte er nicht so gerne über dieses Thema reden.
"Wieso hast Du nicht mal angerufen, oder mir wenigstens mal eine Karte geschrieben?" entfuhr Hikari die Frage, die sie nun schon solange gequält hatte. Und im gleich Atemzug bereute sie sie auch schon wieder, denn insgeheim hatte sie Angst vor der Antwort.
Natsukawa sah sie nicht an, sein Blick wanderte einfach ins Leere: "Warum?"
"Na hör mal, Du hast Dich damals nicht einmal verabschiedet..."
"Du weißt, daß ich kein Fan von diesem ganzen sentimentalen Quatsch bin. Wohl möglich hättest Du noch angefangen zu heulen oder so. Ich dachte, es wäre für uns alle besser, wenn ich einfach verschwinde."
Beleidigt verschränkte Hikari die Arme: "Das ist ja wohl ein Witz. Ich hätte schon nicht gleich angefangen zu heulen, nur weil Du nach England wolltest!"
"Ach, nein, und was war gestern im Krankenhaus?" fragte Natsukawa neckend, woraufhin Hikari noch heißer wurde: " Das war etwas ganz anderes! Wenn Jimmy nicht so maßlos übertrieben hätte, dann hätte ich mir auch nicht so große Sorgen um Dich gemacht!"
Das Grinsen von Natsukawas Gesicht verschwand und machte einem ernsten Ausdruck Platz: "Du hast Dir echt Sorgen gemacht, oder?" seine Stimme war weich und warm und brachte ihr Herz zum Rasen. Verlegen spielte Hikari mit der Kordel ihres Bademantels und versuchte, seinen Blicken auszuweichen.
"Hikari..." flüsterte Natsukawa leise und plötzlich spürte sie, wie sich sein rechter Arm um ihre Schultern legte. Erschrocken blickte sie auf, direkt in seine ernsten blauen Augen. In ihrem Kopf begann sich alles zu drehen und ihr Magen fühlte sich an, als würden tausend Schmetterlinge darin herumfliegen. Er zog sie ein wenig näher an sich heran und durch seine Wärme kamen plötzlich all die Gefühle und Ängste wieder in Hikari hoch, die nach dem Telefonat und auf dem Weg ins Krankenhaus über ihr zusammen geschlagen waren. Ihre Lippen, ihre Hände, ihr ganzer Körper begann bei dieser schrecklichen Erinnerung vor Angst zu zittern. Tränen schossen ihr in die brennenden Augen und ein herzzerreißendes Wimmern entrang sich ihrer Kehle: "Natürlich habe ich mir Sorgen gemacht, Du verdammter Idiot. Die ganzen letzten sechs Monate war ich mit nichts anderem beschäftigt", schluchzte sie verzweifelt, "aber gestern abend wäre ich beinahe gestorben vor Angst!"
sie wollte sich aus Natsukawas Umarmung lösen und in ihr Zimmer flüchten, aber er war schneller aufgesprungen und nahm sie fest in die Arme. Zuerst wehrte sie sich dagegen und trommelte hilflos gegen seine Brust, doch dann legte sie einfach die Arme um seinen Hals und klammerte sich fest an ihn. Seine Wärme tat so unheimlich gut und löste die ganze Wut, die sich seit seinem Abflug damals angestaut hatte in Tränen auf.
Natsukawa sagte gar nichts, er hielt sie einfach nur fest umschlungen und vergrub sein Gesicht in ihren Haaren. Nach einer Weile merkte Hikari, wie sich sein Griff lockerte und dann legten sich seine Hände auf ihre Schultern. Er schob sie einige Zentimeter von sich weg, um ihr in die Augen schauen zu können, aber Hikari starrte beschämt auf ihre Hände, die nicht mehr um seinen Hals lagen.
Erschrocken fuhr sie zusammen, als eine von Natsukawas Händen ihre Wangen streichelten, so etwas hatte noch nie zuvor ein Junge bei ihr getan. Natsukawa beugte sich langsam zu ihr vor und küßte zärtlich die Tränen von ihren Wangen. Hikari fürchtete, ihre Beine würden versagen und einfach unter ihr zusammenklappen, aber nichts dergleichen geschah. Sie genoß Natsukawas Liebkosungen, die sich unaufhaltsam ihren Lippen näherten, doch in letzter Sekunde wandte sie sich von ihm ab: "Bitte, laß das." Ihre Worte waren nicht mehr als ein flehendes Wimmern.
"Was ist... habe ich etwas... falsch gemacht?" Natsukawa sah sie unsicher an. Hikari drehte sich zu ihm herum und mit Schrecken erkannte er, daß sich Zorn in ihren Augen widerspiegelte: "Ob Du etwas falsch gemacht hast", ihre Stimme klang zittrig, "Du verschwindest, ohne Dich zu verabschieden, meldest Dich über sechs Monate nicht und fragst dann auch noch, was Du falsch gemacht hast? Glaubst Du vielleicht, ich fand es lustig, die letzten Monate immer nur aus den Zeitungen zu erfahren, was Du gerade so getrieben hast? Und dann sagst Du auch noch... daß Du nicht einmal wolltest... daß ich ins Krankenhaus komme. Und... jetzt... jetzt", Hikari setzte sich aufs Sofa und verbarg die Augen hinter den Händen, "bist Du von einer Minute auf die andere so freundlich... und zärtlich... da kann doch was nicht stimmen! Gib zu, daß... Du die Situation einfach nur... ausgenutzt hast... und ich dumme Kuh bin auch noch... drauf reingefallen!"
Natsukawa schüttelte schockiert den Kopf: "A...aber das hast Du alles ganz falsch verstanden. Hikari..."
"Ach ja", sie blickte ihn vernichtend durch ihren Tränenschleier an, "und wie erklärst Du mir dann Deinen plötzlichen Sinneswandel?"
"Bitte Hikari", er kniete sich vor ihr auf den Boden, was in Anbetracht des Gipsfußes gar nicht so einfach war, und nahm ihre Hände in die seinen, "ich wußte doch nicht... Es tut mir leid, daß ich mich so benommen habe. Wenn ich gewußt hätte, daß Du Dir das so zu Herzen nehmen würdest..."
"Ach, das war schon alles?" gereizt zog sie ihre Hände weg, doch Natsukawa ließ nicht locker: "Hör mir doch zu! Ich hatte meine Gründe, warum ich so klammheimlich abgehauen bin..."
"Da bin ich gespannt. Laß mich raten, es ist Dein Hobby, auf den Gefühlen von andern herumzutrampeln!" zwei dicke Tränen kullerten Hikaris Wangen hinunter.
"Wenn ich Dir damals von meinen Plänen erzählt hätte, dann wärst Du bestimmt mit den anderen zum Flughafen gekommen, aber das wollte ich nicht!"
"Ja, ja, ich weiß schon, weil ich da rumgeheult hätte!" schniefte sie traurig.
"Nein, sondern aus dem gleichen Grund, weshalb ich Dich auch niemals angerufen habe", Natsukawa erhob sich langsam und betrachtete die brennenden Holzscheite, "ich wußte doch, wie verliebt Du in Ohishi gewesen bist. Aber wenn Du damals am Flughafen gewesen wärst, dann... dann hätte ich keine Rücksicht auf Deine Gefühle genommen... ich hätte Dir gesagt, was ich für Dich empfunden habe... und damit alles kaputt gemacht." Er blickte sie unverwandt an und Hikari stockte der Atem: "Verstehst Du nicht, ich wollte diese Sache uns beiden ersparen. Und aus England habe ich Dich nicht angerufen, um nicht noch mehr an Dich denken zu müssen!" er setze sich neben sie und wischte ihr eine Strähne ihres frisch gewaschenen Haares aus der verweinten Stirn: "Ich habe Dich auch so schon schrecklich vermißt!"
"Natsukawa..." Hikari ergriff seine Hände und drückte sie fest an ihre Wangen.
"Ich war so furchtbar glücklich, als Du im Krankenhaus aufgetaucht bist, weil Du wirklich so schrecklich besorgt ausgesehen hast. Und als Du dann eben noch das mit Hazuki und Ohishi erzählt hast...!"
"Als ich gestern abend dachte, Du könntest vielleicht so schwer verletzt sein, daß Du..." sie wagte es nicht, diesen schrecklichen Gedanken auszusprechen und zitterte allein beim Gedanken daran.
Zärtlich zog Natsukawa Hikari an sich: "Aber mir geht es gut... und ich bin endlich wieder hier, bei Dir!"
Hikaris Herz pochte wie wild und Blut pulsierte durch ihre glühenden Wangen. Langsam, beinahe wie in Zeitlupe näherte sich sein Gesicht dem ihren, bis sie schon seinen Atem spüren konnte... da klingelte es plötzlich an der Haustür.
Hikari fuhr so erschrocken hoch, als ob ihre Mutter die beiden gerade unerwartet überrascht hätte, doch Natsukawa zog sie an sich: "Bitte, laß es klingeln... geht jetzt nicht!"
Doch sie wandte sich schnell aus seiner Umarmung und rückte den Bademantel zurecht: "Das geht doch nicht. Wenn es nun noch einmal Satomi ist, die weiß doch daß ich da bin. Außerdem brennt Licht, was sollen die Leute denn denken?" ohne einen weiteren Einwand abzuwarten flitzte sie durch den Flur zur Haustür.
Ihr war siedendheiß und ihr Kopf schwirrte von den Dingen, die Natsukawa ihr gerade gesagt hatte. Diese Gedanken nahmen ihre Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch, daß sie nicht bemerkte, wie ihr Bademantel wieder verrutscht war, und so öffnete sie mit einem ziemlich locker sitzenden Seidenkimono bestückt die Tür.
"Ohishi!" entgeistert starrte sie den braunhaarigen Jungen an, der dort vor ihr stand und sie bewundernd ansah: "Also Hikari, wenn Du jeden Abend so... anziehend rumläufst, komme ich morgen wieder vorbei!"
Entsetzt zog Hikari ihr Kleidungsstück fester um ihren Körper und versuchte vergeblich, nicht rot zu werden: "Was...was treibt Dich denn um diese Zeit noch hierher?"
Ein verschmitztes Lächeln stahl sich auf Ohishis Gesicht: "Ach, ich habe gehört, daß Du heute nicht beim Training warst, und dachte, Du wärst vielleicht krank!"
"Und da bist Du extra vorbei gekommen, um nach mir zu sehen?" Hikaris Herz machte einen kleinen Hüpfer, obwohl sie sich dafür im nächsten Moment wie ein Betrüger fühlte, nachdem, was zwischen ihr und Natsukawa geschehen war.
Ohishi mußte diesen Sinneswandel an ihr bemerkt haben: "Ähm, wenn ich störe, dann... gehe ich wieder ja!" sein Blick drückte aber aus, daß er eigentlich lieber reingebeten werden wollte.
"Nein, Du störst nicht!" es wäre doch recht unhöflich gewesen, ihn wegzuschicken, wo er sich Sorgen um sie gemacht hatte. Insgeheim hoffte Hikari zwar, Ohishi möge die indirekte Einladung ablehnen, aber er trat sich freudig die Füße ab und schloß die Tür hinter sich. Nun saß Hikari in einer Falle, aus der es kein Entrinnen mehr gab.
"Komm mit, wir sind im Wohnzimmer..." brachte sie zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor und wies auf den erleuchteten Türrahmen am Ende des Flures.
"Wir", Ohishi stutze, "hast Du Besuch? Vielleicht sollte ich dann doch besser..." er blieb stehen, wurde aber von Hikari am Ärmel weitergezerrt: "Jetzt bist Du drinnen und bleibst es auch. Außerdem sollte Dich der Besuch auch interessieren!"
Sie ging vor und schob sacht die Wohnzimmertür auf. Natsukawa saß noch immer auf dem Sofa und lächelte ihr zärtlich zu: "Wer...?" wie von einer Tarantel gestochen sprang er auf, als Hikaris Begleitung den Raum betrat: "Ohishi!"
"Natsukawa, ich werd verrückt!" Ohishi war nicht minder überrascht, seinen alten Freund wieder zu sehen und kam freudig auf ihn zu: "Mein Güte, wie lang ist das her?" er drückte Natsukawa an sich und merkte dabei gar nicht, daß sein Gegenüber nicht sehr erfreut darüber war, Ohishi gerade hier bei Hikari wiederzutreffen.
"Herrje", Ohishi stieß einen leisen Pfiff aus, als er den eingegipsten Fuß sah, "was hast Du denn gemacht?"
"Autounfall..." war Natsukawas knappe Antwort, während er sich wieder auf das Sofa setzte. Ohishi war aufgrund dieser schroffen Art doch etwas unsicher geworden. Verwirrt blickte er von Natsukawa zu Hikari, die recht unentschlossen und mutlos im Raum herum stand. Schließlich fiel sein Blick auf die Überreste des romantischen Abendessens: "Ich schätze mal, ich habe doch gestört, wie?" betreten blinzelte er zu seinem Freund hinüber, doch bevor dieser etwas sagen konnte, war Hikari schon hastig eingesprungen: "Blödsinn, wobei solltest Du denn gestört haben? Wir haben nur ein bißchen geredet... schließlich haben wir uns ja eine ganze Weile nicht gesehen!" sie sah mit Schrecken, daß Ohishi bereitwillig den Sessel ansteuerte und beeilte sich, ihm zuvor zu kommen. Jetzt, wo er hier war, wollte sie sich nicht neben Natsukawa setzen; irgendwie wäre ihr das zu peinlich gewesen.
Nun nahm Ohishi neben ihm Platz: "Mensch, das finde ich ja echt toll, daß Du wieder hier bist. Wann seid Ihr angekommen?"
"Gestern abend..." Natsukawa verschränkte mißmutig die Arme, denn Ohishis Auftauchen und vor allem Hikaris verändertes Verhalten paßte ihm ganz und gar nicht. Sie saß dort in ihrem Sessel und hatte nichts besseres zu tun, als Ohishi blöde anzugrinsen.
"Ist ja wirklich ein Zufall, daß wir uns gerade hier bei Hikari getroffen haben!"
"Eben das ist fürchte ich leider kein Zufall..." dachte Natsukawa ironisch, ließ sich aber nichts anmerken.
"Weißt Du, Ohishi, Natsukawa ist wegen des Unfalls hier. Der ist passiert, als die Jungs gestern abend vom Flughafen gekommen sind. Jimmy hat mich vom Krankenhaus aus angerufen und gesagt, ich sollte schnell kommen, weil Natsukawa schwer verletzt sei..."
"Und als sie das gehört hat, ist sie natürlich sofort losgerannt, weil sie sich unnötig Sorgen um mich gemacht hat!" warf Natsukawa mit einem triumphierenden Grinsen ein, das Hikari die Röte ins Gesicht trieb.
"Glaub ihm kein Wort", beschwor sie Ohishi mit verächtlicher Miene, "nach Jimmys Bericht lag er so gut wie im Sterben, da konnte ich ja wohl schlecht sagen, daß ich nicht kommen wollte!"
"Danke!" Hikari versuchte, diesen gekränkten Kommentar zu überhören, doch er versetzte ihr trotzdem einen schmerzlichen Stich.
"Ach, Hikari, ich kenne Dich doch. Du warst wahrscheinlich ganz außer Dir vor Sorge", Ohishi lächelte, als könnte er sich genau vorstellen, wie der gestrige Abend tatsächlich verlaufen war, "und deswegen hat sie Dich wahrscheinlich auch hier einquartiert, nicht wahr!" mit einem vielsagenden Lächeln stieß er Natsukawa leicht gegen die Schulter.
"Das habe ich nur getan, weil ich es dem Arzt versprechen mußte. Der hat mich nämlich versehentlich für Natsukawas Freundin gehalten..." erschrocken blickte Hikari zu Natsukawa hinüber. Das hatte sie eigentlich nicht sagen wollen, es war ihr einfach so heraus gerutscht. Aber der Blick, den sie auffing, ließ keinen Zweifel daran, daß es für eine Entschuldigung bereits zu spät war.
Mit einem schrecklich verletzten Ausdruck erhob sich Natsukawa: "Ein echt abartiger Gedanke, nicht wahr!" seine Stimme war selten ironischer gewesen und augenblicklich krampfte sich Hikaris Magen zusammen: "Wo... gehst Du hin?" ihre Frage war nicht mehr als ein Flüstern.
"Nach oben, ich bin kaputt", er würdigte Hikari keines Blickes mehr, sondern klopfte Ohishi verschwörerisch auf die Schulter, "viel Spaß noch!"
Dann verschwand er wortlos in Richtung Treppe und das letzte, was Hikari und Ohishi von ihm hörten, war die Zimmertür, die lautstark ins Schloß fiel.
"Was ist denn mit dem los?" Ohishi starrte Hikari verblüfft an, die wie ein Häufchen Elend in ihrem Sessel kauerte.
"Ich habe keine Ahnung!" ihre Stimme zitterte und beinahe hätte Hikari einfach angefangen zu weinen, so leid tat es ihr, was sie Natsukawa gerade an den Kopf geworfen hatte. Aber diese Blöße wollte sie sich nicht geben.
"Hikari", Ohishis Blick ruhte mahnend auf ihr, "Du weißt ganz genau, wie gut ich Euch beide kenne. Und so, wie ihr Euch eben benommen habt, muß doch vorher was gewesen sein!"
Hikari biß sich verzweifelt auf die Unterlippe. Wie gerne hätte sie sich Ohishi anvertraut, ihm erzählt, was sie quälte, aber da war noch immer etwas, das sie davon abhielt: "Ich weiß nicht, wovon Du redest, Ohishi!" sie wagte es nicht, ihn anzusehen.
Eine kurze Pause entstand, in der Ohishi anscheinend überlegte, was er als nächstes sagen sollte. Seine nun folgende Frage war so leise, daß man sie kaum hören konnte: "Ist etwas zwischen Euch beiden?"
"Was?!" wie vom Donner gerührt sprang Hikari auf. Ihre Wangen wurden feuerrot und ihre Augen weiteten sich: "Wie meinst Du das?"
Ohishi zuckte verlegen mit den Schultern: "Na, ja, Ihr habt Euch doch so lange nicht gesehen, und jetzt, wo er wieder da ist, wohnt er sogar bei Dir. Machst Du das wirklich alles nur, weil Dich der Arzt darum gebeten hat?"
"Natürlich", Hikari fuhr sich nervös durch die Haare, "glaubst Du wirklich, ich hätte ihn freiwillig zu mir eingeladen? Wir sind doch wie Hund und Katze, Du hättest mal erleben sollen, wie oft wir uns seit gestern abend schon gestritten haben!"
"Ich weiß nur, daß Du Natsukawa ziemlich viel bedeutet hast, als er damals nach England gegangen ist. Und die Art, wie er Dich eben angesehen hat, zeigt doch..."
"Oh bitte", Hikari sah ihren Freund flehend an, "hör auf damit, Ohishi, ich weiß doch selber nicht, was los ist!"
"Aber es stimmt, Hikari. Auch wenn Natsukawa das vielleicht nicht immer so zeigt, er mag Dich sehr, da bin ich mir ganz sicher. Und Du magst ihn doch auch, nicht wahr?"
Hikari schüttelte verzweifelt den Kopf: "Ich weiß es nicht, okay! Ich weiß es einfach nicht! Als ich gestern abend dachte, er würde vielleicht...ich war wirklich völlig außer mir. Und als ich dann gesehen habe, daß es ihm gut ging, war ich glaube ich so glücklich, wie noch nie. Aber kaum daß wir wieder fünf Minuten zusammen waren, haben wir uns schon wieder in den Haaren gelegen, und dafür könnte ich ihn ehrlich hassen..."
Ohishi stand auf und ging auf Hikari zu: "Er ist doch nur so grob zu Dir, weil er nicht weiß, wie Du zu ihm stehst. Er hat Angst verletzt zu werden und wehrt deswegen alles mit seiner schroffen Art ab." Er steckte eine widerspenstige Strähne von Hikaris Haaren hinter ihr linkes Ohr und streichelte leicht ihre Wange: "Laß Dich dadurch nicht abschrecken. Wenn er Dir etwas bedeutet, dann versuch das ein für alle mal mit ihm zu klären!"
Noch vor einigen Monaten wäre Hikari bei Ohishis Berührung wahrscheinlich in Ohnmacht gefallen, aber im Moment konnte sie an nichts anderes als Natsukawa denken: "Vielleicht hast Du recht, ich sollte mit ihm darüber reden!" entschlossen ergriff sie Ohishis Hände und drückte sie fest: "Ich danke Dir, ich glaube, es war ganz gut, daß Du heute vorbei gekommen bist!" immerhin wußte sie jetzt doch sicher, daß sie wirklich nicht mehr in Ohishi vernarrt war.
"Wofür sind denn Freunde da?" er drückte ihr einen Kuß auf die Stirn und lächelte zuversichtlich: "Es wird schon alles gut werden!"
Hikari brachte ihren Besuch hinaus und lehnte schwer atmend an der Haustür, nachdem sie sie hinter Ohishi geschlossen hatte. Es war natürlich eines, sich gute Vorsätze zu machen, solange Ohishi noch da gewesen war, um ihr Deckung zu geben, aber nun war sie mit Natsukawa allein und wußte nicht, was sie tun sollte. Natürlich war ihr klar, daß sie sich endlich mit Natsukawa aussprechen mußte, auch wenn sie keinen blassen Schimmer hatte, was sie ihm sagen sollte. Sie stieg doch durch das große Gefühlschaos, das in ihrem Herzen herrschte selber nicht durch, wie sollte sie es da Natsukawa erklären.
Leider hatte sie keine Möglichkeit mehr, sich einen geeigneten Schlachtplan zurecht zu legen, denn der Krieg schlug eher los, als sie erwartet hatte.
Mit gekränktem Gesichtsausdruck kam Natsukawa die Treppe herunter gehumpelt. Er hatte seine Jacke angezogen und trug in der linken Hand seinen Haustürschlüssel. Dieser Anblick versetzte Hikari in großes Erstaunen: "Was hast Du vor?" sie stieß sich von der Haustür ab und ging auf ihn zu.
"Das siehst Du doch wohl", bissig wich er Hikari aus, die ihm eine helfende Hand entgegen gestreckt hatte, "ich verschwinde!"
"Was?" dieser Schock traf sie so unvorbereitet, daß sie dachte, ihr Herz würde aufhören zu schlagen.
"Spreche ich chinesisch?" kein Mensch konnte gleichzeitig so gleichgültig und scharf klingen, wie Natsukawa.
"Aber", Hikari wurde von einer ernsten Verzweiflung gepackt, "Du kannst doch nicht einfach..."
"Ich halte es einfach nicht mehr aus, unter ein und demselben Dach mit Dir zu wohnen, kapiert!" er starrte sie mit dunklen, funkelnden Augen an.
"Aber, warum..."
"Das fragst Du noch? Glaubst Du, ich lasse mich hier noch länger von Dir für dumm verkaufen?"
"Wovon redest Du bitte?" Hikari war der Verzweiflung nahe, was sollte sie bloß tun?
Wütend krachte Natsukawas rechte Faust auf den unteren Treppenpfosten nieder und erschreckte sie beinahe zu Tode: "Ich rede davon, daß Du immer noch in Ohishi verknallt bist!" diese Anschuldigung nahm Hikari auch noch den letzten Wind aus den Segeln: "Wie kommst Du denn darauf?" sie klang völlig entgeistert, was Natsukawa aber völlig kalt ließ.
"In dem Moment, wo er das Haus betreten hat, war ich doch schlagartig Luft für Dich!"
Hikari wurde siedendheiß, denn sie wußte, daß er die Wahrheit sagte.
"Dazu fällt Dir nicht mehr viel ein, wie? Es war Dir plötzlich ganz schön peinlich, zuzugeben, daß Du Dir Sorgen um mich gemacht hast, wie? Ist ja auch klar, daß Du das Deinem geliebten Ohishi nicht einfach so sagen konntest!"
"Dafür hast Du es ihm aber ganz gewaltig unter die Nase gerieben!" Hikari war aus ihrer Trance erwacht und versuchte sich nun nach bestem Vermögen zu verteidigen.
"Entschuldige, ich hätte nicht gedacht, daß das so schlimm für Dich war!"
"Du hast Dich fast so aufgeführt, als wolltest Du sagen: schade, Kumpel, ich war zuerst hier! Was war das? Besitzanspruch geltend machen?" langsam kam Hikari in Fahrt, denn sie wollte nicht einsehen, warum sie komplett alleine die Schuld an dem ganzen Drama haben sollte.
"Bild Dir bloß nichts ein, meine Süße, so begehrenswert finde ich Dich nun auch wieder nicht! Und Dein Ohishi ist auch ziemlich schnell wieder abgedampft!" schnippisch warf er den Kopf nach hinten.
"Du bist so ein fieser Kerl..." Hikaris Lippen bebten und ihre Hände verkrampften sich zu Fäusten. Wieso mußte er immer gleich Schläge unterhalb der Gürtellinie austeilen?
"Jetzt dreh hier bloß nicht alles ins Gegenteil, so als wärst Du diejenige, die gekränkt sein müßte!"
Hikari stemmte die Fäuste in die Hüften: "Und wieso solltest Du gekränkt sein, wenn Du mich doch gar nicht so begehrenswert findest? Da sollte es Dir doch eigentlich egal sein, was ich hier unten mit Ohishi gemacht habe!"
Natsukawas Augen verengten sich zu zwei Schlitzen, die Hikari böse anstarrten: "Weißt Du was? Es ist mir auch egal! Von mir aus kannst Du hier rummachen, mit wem Du willst, ich hätte nur gedacht, daß Du langsam etwas vernünftiger geworden bist!"
"Das ist mal wieder so typisch für Dich", Hikaris Stimme hatte deutlich an Lautstärke zugenommen, aber das war ihr mittlerweile egal, "in Wahrheit bist nämlich Du derjenige, der sich kein bißchen verändert hat. Du kannst es einfach nicht eingestehen, wenn Du verletzt bist. Ohishi hatte schon ganz recht, Du machst immer einen auf coolen Typen, damit Dir bloß keiner weh tun kann."
Dieser Wutausbruch hatte Natsukawa etwas verunsichert: "Was für ein ausgemachter Schwachsinn..." brummte er, ohne Hikari dabei anzusehen.
"Ach, ja, Schwachsinn? Und weshalb erzählst Du mir dann vorhin, daß Du Dich nicht von mir verabschiedet hast, weil Du Angst hattest, Du hättest mir sagen können, was Du für mich empfindest, und jetzt sagst Du, daß Du mich nicht so begehrenswert findest und daß es Dir egal ist, was ich mit anderen treibe!"
"Weil..." anscheinend hatte sie einen wunden Punkt bei ihm getroffen, "weil ich dachte, ich sage Dir mal was nettes. Immerhin gibst Du Dir ja Mühe, mich hier zu pflegen..."
Hikari traten Tränen in die Augen: "Wenn das der einzige Grund ist, wenn Du mich wirklich nur angelogen hast vorhin, dann ist es glaube ich wirklich besser, wenn Du jetzt verschwindest und mich in Ruhe läßt!" verletzt rannte sie die Treppe hinauf in ihr Zimmer und warf sich schluchzend aufs Bett. Ohishi hatte doch unrecht gehabt!
Natsukawa war und blieb ein unsensibler Klotz, der keine andere Daseinsberechtigung hatte, als ihr das Leben zur Hölle zu machen. Er war eiskalt und nahm absolut keine Rücksicht auf die Gefühle anderer. Die ganze Zeit hatte er ihr nur etwas vorgemacht, von wegen, sie bedeutet ihm sehr viel, das war doch alles nur Lüge gewesen! Dicke Tränen liefen Hikaris Wangen hinunter und tropften auf die Bettdecke. Wie hatte sie so dumm sein können, ihm zu glauben? Warum war sie auf Natsukawas blödes Getue bloß herein gefallen? Sie hatte sich doch tatsächlich für wenige Minuten eingebildet, er würde sie mögen, vielleicht sogar noch etwas mehr als das, wie töricht das doch gewesen war! Natsukawa würde niemals jemanden lieben außer sich selbst!
Hikari war so mit ihrer Enttäuschung beschäftigt, daß sie nicht bemerkte, wie sich Natsukawa in ihr Zimmer stahl. Unsicher stand er vor ihrem Bett und wußte nicht, wohin mit Händen und Füßen: "Hikari..." flüsterte er vorsichtig, um sie nicht zu erschrecken.
Entgeistert fuhr sie hoch: "Was willst Du denn noch..." rief sie aufgebracht, doch als sie sein Gesicht sah, änderte sich ihre Stimmung schlagartig. Täuschte sie sich, oder weinte Natsukawa? Seine Augen waren rot und schimmerten verdächtig, und auf seiner linken Wange sah sie eine kleine Tränenspur.
"Ich bin ein Idiot", niedergeschlagen setzte er sich zu ihr aufs Bett und starrte betreten vor sich hin, "ich glaube, Du hast wirklich recht. Sobald ich fürchte, jemand könnte mich verletzen, schalte ich auf stur..."
"Natsukawa." Hikari stütze sich auf ihre Ellenbogen und sah ihn verwundert an. Sollte sie sich doch geirrt haben? War Natsukawa tatsächlich so sensibel, wie Ohishi behauptet hatte?
"Ich habe vorhin gelogen, Hikari. Es stimmt nicht, daß Du mir egal bist."
Hikaris Herz machte einen kleine Sprung und ihr Puls schlug plötzlich wie wild. Wie meinte er das bloß?
"Was ich Dir vorhin nach dem Essen gesagt habe, ist die Wahrheit. Ich habe Dich vermißt, als ich in England gewesen bin, und es ist mir auch nicht egal, was Du unten mit Ohishi gemacht hast", er sah ihr unverwandt in die Augen, was ihren Puls noch mal um einiges beschleunigte, "im Gegenteil, es nicht zu wissen, macht mich nahezu wahnsinnig..."
"Natsukawa", Hikari setzte sich auf die Knie und krabbelte zu ihm, "es ist nichts passiert. Ich mache mir nichts mehr aus Ohishi, das mußt Du mir glauben!" sie legte ihm sanft die rechte Hand auf die Schulter, woraufhin er kurz zusammen zuckte.
"Eigentlich geht mich das ja auch überhaupt nichts an, es tut mir leid, daß ich so ausgerastet bin... es ist nur... vorhin nach dem Essen, da, da dachte ich... Du könntest Dir vielleicht..."
"Was?" Hikari kroch noch näher an ihn heran, so daß ihre Beine die seinen berührten. Ihn schien das sichtlich nervös zu machen, denn seine Ohren röteten sich langsam und seine Hände begannen leicht zu zittern: "Ich habe schon so lange gehofft, daß Du... Dir vielleicht doch einmal etwas aus mir machen könntest... und dann vorhin nach dem Essen, da..." schüchtern hob er eine Hand und legte sie auf Hikaris, die noch immer auf seiner Schulter ruhte. Er nahm sie behutsam und umschloß sie ganz fest: "Ich hatte zum ersten Mal den Eindruck, daß ich Dir etwas bedeute!"
Ein Kribbeln lief durch Hikaris Körper, so wie ein schwacher Stromschlag: "Natsukawa..." flüsterte sie atemlos und näherte sich langsam seinem Gesicht.
"Hikari", auch seine Stimme war nicht mehr, als ein schwaches Flüstern, "ich wollte es Dir schon so lange sagen, aber ich hatte irgendwie nie den Mut..." er blickte tief in ihre braunen Augen und zog sie langsam zu sich heran, "ich...ich..." die Worte erstarben in seinem Mund. Wie hypnotisiert starrte er Hikari an. Unsicher fuhr er ihr durchs Haar und streichelte ihre Wange, wobei ihr eine kleine Gänsehaut über die Arme lief. Er beugte sich vor und legte den Arm ganz um Hikari. Wie in Zeitlupe zog er sie an sich.
Hikari schloß die Augen und ließ sich treiben, sie spürte seine warme Wange an ihrer, fühlte seinen Herzschlag und merkte, wie er zitterte. Sie wollte etwas sagen, doch noch bevor sie einen Ton heraus gebracht hatte, hatten sich Natsukawas Lippen auf ihre gelegt und verschlossen sie mit einem innigen Kuß.
Eine Welle des Glücks brach über Hikari zusammen. Plötzlich war sie frei von allen Zweifeln, allen Ängsten und aller Scheu. Leidenschaftlich schlang sie die Arme um seinen Hals -und erwiderte den Kuß von ganzem Herzen. Natsukawa griff um ihre Taille und zog sie mit hinunter aufs Bett. Für einen kurzen Moment lösten sich ihre Lippen von einander und sie sahen sich tief in die Augen. Das Glitzern, das er bei Hikari sah, bestätigte ihm endlich, wonach er sich so lange gesehnt hatte: "Ich liebe Dich!" flüsterte er, um die Situation nicht kaputt zu machen. Hikari war einfach nicht in der Lage zu antworten, so überwältigt war sie von seinem Geständnis, aber das war auch gar nicht nötig, denn Natsukawa konnte in ihrem Gesichtsausdruck viel mehr lesen, als hundert Worte zu sagen vermocht hätten. Er schloß sie einfach fest in die Arme und genoß dieses lang erhoffte Gefühl, das nun endlich Wirklichkeit geworden war...
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