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Sekunden der Erinnerung - Alleine

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P6 / Gen
12.04.2004
12.04.2004
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Wieso bin ich hier allein? Allein in der Dunkelheit? Warum zum Teufel, habe ich keine Freunde, warum hält keiner zu mir? Ich weiss es nicht. Echt nicht.
Immer war ich allein. Ich habe viel erlebt, und immer erlebte ich es allein. Nie war jemand da um einen Augenblick mit mir zu teilen. Ich musste mich damit abfinden. Und ich habe mich damit abgefunden. Allein ziehe ich durch die Welt, erlebe Schmerz und Leid, kann es niemandem erzählen, niemandem meinen Kummer zeigen. Oft sehe ich wie andere sich am Leben erfreuen, und ich kann es nicht verstehen. Wie kann man an so einer schicksalhaften Welt gefallen finden?

Ich erinnere mich daran, dass ich oft die Menschen zu einer Einheit machte, eine Einheit gegen mich. Viele Menschen bekriegten sich, hassten sich, und wollten nichts voneinander wissen. Aber als ich kam, wurden sie zu einer Einheit. Gemeinsam hassten sie mich, und ich wusste nie warum. War ich anders? Bin ich anders? In wiefern bin ich anders? Bin ich dumm? Oder hässlich? Sind meine Eltern dumm oder hässlich? Ich weiss es nicht. So wie die Menschen sagen, bin ich und meine ganze Familie ein primitiver Haufen von Hirnlosen Krüppeln. Warum? Ich verstehe es nicht? Ich bin doch gesund. Kann mich normal bewegen, kann denken, fühlen, hören, sehen... Ich bin doch genau so wie alle anderen, oder?
...meine Mutter sagte oft, dass jeder Mensch einzigartig ist, und in seiner ganz eigenen Weise ein Held, ein Genie, ein Schönling, ein ganz spezieller Mensch. Nur diejenigen die mit offenen Augen schauen, könnten diese Qualitäten sehen....sagte meine Mutter....Ich habe ihr nie geglaubt, bis jetzt.
Mittlerweile weiss ich warum man mich hasst. Ich bin in vielem besser. Ich war von Anfang an ein Kämpfer. Was ich an Talenten nicht hatte, machte ich mit Fleiss wett. Ich arbeitete an mir, versuchte zu gefallen. Konnte gefallen, konnte mehr leisten als andere, konnte erstaunen. Aber genau das warf mich wieder zurück. "Früher warst du weniger krüppelig...du Idiot" ....hörte ich oft....Ich strengte mich an um mich zu verbessern. Aber man erkannte meine harte Arbeit nicht.
Aber ich war besser...

Ich ertappte mich dabei, bei diesem Gedanken zu grinsen. Ich war tatsächlich etwas besseres. Ich musste mich nicht mit Fäusten wehren. Ich wollte mich nicht wehren. Ich durfte nicht, ich wollte nicht auf dieses niedere Niveau herunter sinken. Ein kleiner heiliger. Und niemand erkannte mich.

Die Laternen die aufblitzen holen mich jäh aus meinen Gedanken zurück. Mittlerweile ist alles beleuchtet. In der Dunkelheit der Nacht leuchten die Stadtlichter wie Sterne. Und ich, bin der Mittelpunkt. Seht! Alles dreht sich um mich, wenn ich mich im Kreise drehe. Es ist mein Universum, meine Galaxie. Es sind meine Sterne. Ich bin ein Gott, ein verstossener Gott. Wollte immer allen alles recht machen, aber man wollte nichts von mir wissen...

Zum Teufel, warum denke ich darüber nach? Mein Leben ist einen Dreck wert. Nein, falsch, Dreck ist wertvoller als ich. Jedes Staubkorn hat mehr rechte als ich.

Langsam trete ich aus dem Schein der Lichter heraus, die Hände tief in den Jackentaschen vergraben. Mittlerweile ist es kalt geworden. Dass ich das erst jetzt merke...Vielleicht ist es erst jetzt so kalt wie in meinem Herzen. Ich gehe weiter aus dem Licht heraus. Eigentlich wollte ich zu der alten Eiche, die mir schon oft Trost gespendet hatte. Um zur Eiche zu kommen muss ich über die grosse Brücke über die Schlucht.
Ich gehe die ersten Schritte auf der Brücke. Ein komisches Gefühl erfüllt mich. Ich fühle das zum ersten mal, und finde es angenehm.
Ich trete weiter in die Mitte der Brücke. Dann steige ich auf die kleine Geländermauer rauf. Als ich runterschaue fühle ich dieses komisch, angenehme Gefühl in meinem ganzen Körper. Am liebsten würde ich nun springen, dann könnte ich fliegen, wie ein Vogel, oder ein Gott. Fliegen...in den Himmel, von dort auf die primitiven Menschen hinunterschauen.
Der Schrei eines Vogels holt mich in die Wirklichkeit zurück. Ich verliere das Gleichgewicht und falle hinten raus. Ich lande auf den Kopfsteinen der Brücke und starre auf die Geländermauer.
Wollte ich da wirklich runter springen? Ich wäre etwa 5 Sekunden gefallen und dann auf den spitzen Felsen aufgeschlagen. Ich stelle mir vor wie lange diese 5 Sekunden wären. Wie lange ich fallen würde, wie es sich anfühlen würde, so ganz Schwerelos. Und wie würde es sich anfühlen wenn sich dieser Fels durch mich bohren würde?
Ich stehe auf und klettere wieder auf die Mauer. Nun muss ich es wissen, wie fühlt es sich an zu sterben? Ist es noch schlimmer als all die Qualen die ich bisher erlebt hatte? Oder ist es eine Erlösung?

Es gibt nur einen Weg das herauszufinden. Und es gibt kein Zurück. Wenn ich da runterspringe, werde ich zu einem Gott, einem toten Gott. Ein verstorbener Heiliger. Ein Held, ganz speziell in seiner ganz eigenen Art.
Mittlerweile habe ich mich auf der Mauer gesetzt.
Gäbe es etwas dass mir auf der anderen Seite fehlen würde? Nein...wirklich nicht, auf die anderen Menschen kann ich verzichten. Und sie, können wohl auch getrost auf mich verzichten.
Ich rücke vor und baumle nun über dem Abgrund. Mit meinen Händen halte ich mich noch an den Kanten der Mauer fest.
"Niemand wird mich vermissen. Niemanden werde ich vermissen. In unendlichem Glanz werde ich zu den Sternen steigen", spreche ich leise vor mich hin.


"Man lebt nur kurz, aber man stirbt ewig. Wähle deinen Weg!"
Immortal-Soul
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