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Piratenhände

von Kati
GeschichteLiebesgeschichte / P18 Slash
Captain Jack Sparrow James Norrington
11.04.2004
11.04.2004
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Piratenhände


Für Caro zum 13. Februar 2004
mit lieben Wünschen von Kati




Bis der Großmast fiel, einfach gefällt von einer Bö, geknickt wie ein Streichholz zwischen Riesenfingern, hatte ihn dieser Sturm nicht besonders beunruhigt.
Als der Wind ihm den Hut mitsamt Perücke vom Kopf gerissen hatte, hatte er noch gelacht. Stürme gehörten dazu, wenn man auf einem Schiff fuhr, wenn man am Meer lebte, selbst in der Karibik.
Aber dieses Geräusch war selbst im Sturmgetöse ungewöhnlich laut und mißtönend. Ein hochaufragender Brecher begrub die "Dauntless" für kurze Zeit unter sich, und das Schiff schien sich zu ducken, bevor es wieder aus den Fluten auftauchte. Es sah unbeschädigt aus, unbeeindruckt von der unbändigen Kraft, der es gerade widerstanden hatte, und fasziniert bewunderte er die Stärke, die das Schiff der entfesselten Wucht des Wassers und des Sturms entgegensetzte, bis er dieses eigenartige Geräusch vernahm.

Und dann sah er auch schon die Ursache dafür: Der Großmast war von dem - im wahrsten Sinne des Wortes - *Brecher* erfaßt und verletzt worden. Eine weitere Sturmbö fiel über das geschwächte Holz her, das bereits splitternd knickte.

"Gillette!", brüllte er dem Offizier zu, der unmittelbar neben dem Mast stand, aber der hörte ihn durch das Jammern und Tosen des Sturms nicht, und so sprang er von der Brücke aufs Hauptdeck hinunter, machte zwei, drei Schritte in Richtung seines Untergebenen und riß den Mann beiseite.
In diesem Moment schoß ein ellenlanger Holzsplitter wie ein Pfeil aus dem direkt an seiner Verankerung knickenden, bereits fallenden Mast, in seine Richtung - und blieb in seinem Oberschenkel stecken. Eigenartigerweise spürte er nichts, sondern betrachtete nur interessiert das Stück hellen Holzes, das plötzlich aus seinem Bein ragte, ein Fremdkörper, der dort nicht hingehörte.
Er drehte sich nach Gillette um, der am Boden lag und erstaunt zu ihm aufblickte. Der Mann schien unverletzt.
"Laßt die Seile kappen - und die anderen Masten, Gillette! Wir müssen das Schiff vorm Kentern retten!", brüllte er ihm zu und bekam nicht mehr als ein erschrockenes Nicken zur Antwort, denn die Worte, die Gillettes Mund formte, wurden vom Sturm hinweggeweht.

Ein weiterer Wellenberg rollte heran, und das Schiff legte sich auf die Seite. Der abgebrochene Mast, der nun lose in den Tauen hing, schwenkte herum, und als er ihm auswich, ergoß sich eine weitere Wasserladung über das Deck, riß ihn mit sich und spülte ihn über die Reling hinaus ins tosende, aufgewühlte Meer, mitsamt dem sich losreißenden Großmast.

Es erschien ihm wie eine Ewigkeit, bis sein Kopf aus dem Wasser auftauchte, bis er wieder Luft bekam, die Augen öffnen und sich umblicken konnte. Vor sich sah er nur die dunkle, aufgewühlte See, gewaltige Wogen mit weißen, flüchtigen Schaumkronen, zerfurcht von einem unberechenbaren Gegner. Das Wasser, sonst blau und leuchtend, hatte eine grüngraue Farbe angenommen unter einem Himmel von derselben Farbe, über den eine tiefhängende, dichte Wolkendecke dahinjagte, gehetzt vom wütenden Sturm.
Wo war die "Dauntless"?

Er zwang sich, ruhig zu bleiben und drehte sich im Wasser um seine eigene Achse, aber auch hinter ihm war das Schiff nicht zu sehen. War er so lange unter Wasser gewesen, daß es sich bereits außer Sichtweite befand?
Da berührte ihn etwas unsanft an der Schulter, und er bekam ein Tau zu fassen, das am Großmast befestigt war. Der Mast trieb unmittelbar neben ihm in den Wogen, auf und ab, und er erschrak bei dem Gedanken daran, wie leicht der schwere Rundbalken ihn hätte erschlagen können. Er umfaßte das Tau noch fester und zog ihn näher zu sich heran. Mit der anderen Hand ergriff er den Mast, und dann wickelte er sich das Seil um den Körper, bevor er es noch einmal um das Holz schlang und dort verknotete. Mit beiden Armen klammerte er sich an seinen hölzernen Rettungsanker, das einzige Stück der "Dauntless", das ihm geblieben, mit dem er nun verbunden war... vielleicht auf ewig... und keine Ahnung hatte, wie lange das wäre.
Oder ob er je gerettet würde.

Und plötzlich meldete sich auch der Schmerz, den seine Verletzung verursachte - und die in der Karibik so ungewohnte Kälte, die in ihm hochkroch -, und die Erschöpfung der letzten Tage, an denen er kaum Ruhe gefunden hatte, tat das ihre... und ließ ihn in eine hilflose, betäubende, sehr unruhige Ohnmacht sinken, auf- und abwogend, schaukelnd, schlingernd in der nassen, aufgewühlten Endlosigkeit des Meeres.
Entfernt nahm er wahr, wie alles um ihn herum leiser wurde, und er dachte daran, wie es war, bevor man vor Erschöpfung einschlief und das Unterbewußtsein alles ausblendete - wenn alle Laute, Stimmen, Geräusche abklingen, alles abebbt und zu einem leisen, steten Rauschen wird, das gleichmäßig bleibt, einen mauerartig umschließt und von der Außenwelt trennt, das einen in den Schlaf wiegt und beinahe in Schwerelosigkeit sinken läßt - und er empfand es fast als komisch, das auch hier zu erleben, naß, frierend und verletzt, mitten im stürmischen Meer.

Einzig die Kälte, die immer unangenehmer wurde, störte ihn, und er fragte sich, ob dieses Meer wirklich so kalt war oder ob er es nur so empfand. Flüchtig stieg die Erinnerung an die Kälte seiner englischen Heimat in ihm hoch, an die Winter, die er dort erlebt hatte, die er in der Karibik nicht vermißt hatte. Winter, in denen es so kalt war, daß die Sonne silbern schien statt golden und der Himmel blaßblau und verwaschen aussah - und ihm weiter entfernt als sonst erschienen war.
Aber auf eine unbestimmte Weise war ihm egal, daß es irgendwo auf dieser Welt solche Winter gab... ob er fror oder Schmerzen hatte oder im Meer dahintrieb.

Oder alles zusammen. Er wußte, daß diese aufkeimende Gleichgültigkeit etwas Tödliches in sich barg, aber sie bedingte auch die Ruhe, die sich in ihm ausbreitete und mit der er sich in dieses Schicksal fügte.
Dann fiel er in einen unruhigen Schlummer.

Und so bemerkte er nicht, wie der Sturm um ihn herum allmählich immer weniger laut toste, das Meer weniger wütend schäumte, wie sein Körper langsam immer kälter und steifer wurde.
Ebensowenig spürte er, wie zwei Hände nach ihm griffen und das Tau, das seinen Körper mit dem Mast der "Dauntless" verband, lösten, wie dieselben schlanken Hände ihn an seiner Kleidung über einen Bootsrand zerrten, wie eine angestrengte Stimme dabei Flüche zwischen zusammengepreßten Zähnen hervorstieß.
"...könntest mir, verdammt nochmal, wenigstens helfen, anstatt hier so steif herumzuhängen... Was wundert's mich eigentlich? Der Kerl muß schon bei seiner Geburt steif wie ein Brett gewesen sein!"

Und er bemerkte nur vage, wie er von seinem schweren, vollgesogenen Uniformrock befreit und das abgesplitterte Stück Holz aus seinem Bein gezogen wurde, hörte kaum das ratschende Geräusch, mit dem seine Hose aufgerissen wurde, und er nahm kaum wahr, wie jemand die Wunde mit kundigen Händen verband. Sein eigenes Stöhnen war nur ein weiterer, unbestimmter Laut in seinem rauschenden Kopf, und sein Körper erschien ihm wie etwas Fremdes, Kaltes, das nicht zu ihm gehörte. Nicht wirklich.

Dann war da etwas, das Wärme ausstrahlte, und je mehr er darüber nachsann - nur instinktiv, nicht mit dem Verstand, der verlorengegangen war, irgendwo zwischen der "Dauntless" und diesem Moment hier - und versuchte, *es* zu erfühlen, desto mehr kam er zu dem Schluß, daß es ein Mensch sein mußte.
Ein Körper, warm und fest, der sich eng an ihn schmiegte und ihm von seiner Wärme abgab, ihn aufzutauen schien... und je mehr er von dieser Wärme erhielt, desto mehr wollte er davon haben.
Mit der letzten Kraft, die ihm geblieben war, mit dem letzten Bißchen an Willen, das in ihm war, drängte er sich an diesen schlanken, so wärmenden Körper, der ihn in sich einzuwickeln schien und dafür sorgte, daß er die Kälte, die so unerbittlich in ihn hineingekrochen war, überwinden würde...

In seinem Kopf war Nebel, aber das Denken setzte langsam wieder ein, als seine Wunde sich meldete, ein stechender Schmerz im Oberschenkel, der langsam alles in ihm aufdämmern ließ, was passiert war.
Der erste *richtige* Gedanke, der sich in ihm formte, galt der "Dauntless" - und er hoffte so sehr, daß es sie noch gab. Und dann nahm er seine Umgebung wahr, undeutlich noch, aber er spürte, wie er langgestreckt dalag, und das sanfte Geräusch des wogenden Meeres drang an seine Ohren.
Leises Plätschern und Glucksen, friedlich und gelassen. Von entfesselter Wut keine Spur mehr. Die Bewegungen des Bootes, in dem er sich befinden mußte - ein Schiff bewegte sich bedächtiger und schwerer, das wußte er -, waren gleichmäßig und ruhig, sachte schaukelnd, und unter ihm schwappte das Wasser träge an die hölzernen Planken, aber irgendetwas paßte nicht dazu...

Er selbst? Hm.

Ja, es war dieses Zittern, das ihn heimsuchte, das ständige Beben, das aus seinem Innern kam, das nicht unter Kontrolle zu bringen war. Zuvor war sein Körper nur unbeweglich gewesen, steifgefroren, fast versteinert ... abwegig, der Gedanke an einen Stein, der im Meer trieb... und jetzt schien er jede Bewegung nachholen zu wollen, die in seiner vorherigen Starre nicht möglich gewesen war.
Der andere Körper - der, der ihn umschloß und wärmte - drückte sich fest an ihn, und er nahm dankbar wahr, wie schlanke Arme ihn festhielten, wie eine starke Hand die Stellen, die sie erreichen konnte, rieb, während der Rest dieses Körpers fast schmerzhaft auf ihm lag und ihn an die harten Planken unter ihm preßte.
Etwas kitzelte an seiner Nase, etwas, das er nicht zuordnen konnte.
Er schluckte... und bemerkte gleichzeitig, daß das nicht möglich war. Sein Hals, seine Kehle, alles war zu grobem Packpapier geworden, rauh und schmerzend trocken. Es mußte wohl doch mehr als ein Schwall Salzwasser gewesen sein, den er geschluckt hatte.

Ihm entrang sich ein Ton, ein knarzendes Geräusch, das ihn eher an das Krächzen eines Raben erinnerte als an eine menschliche Stimme, und wenn er sich nicht so schlecht gefühlt hätte, hätte er sicher darüber gelacht.
Sofort spürte er, wie sich der fremde, so wohltuende Körper von ihm löste, und er hob den Arm, um ihn festzuhalten. Seine starren Finger griffen in Hemdenstoff, verzweifelt und verkrampft, aber eine warme Hand löste sie davon ab, einen nach dem anderen, und der Körper richtete sich auf... als seine Finger wieder den Stoff suchten und hineingriffen.

"Na? Kannst nicht genug von mir bekommen, was?", fragte belustigt eine dunkle Stimme, die ihm bekannt vorkam, die er aber nicht sofort zuordnen konnte, und widerwillig öffnete er die Augen.
"Ah - da ist er ja wieder, mein nasser Commodore!", stellte Jack Sparrow zufrieden fest und grinste ihn breit an, daß die Goldzähne in seinem Mund aufblitzten.

Und jetzt kam das Lachen doch noch.

Sein geschundener Körper schüttelte sich nicht mehr nur von der Kälte - das auch -, nein, jetzt stieg ein lautloses, hier und da durch ein Fiepen oder Krächzen unterbrochenes Gelächter in ihm hoch, das unkontrollierbar war, fast hysterisch und irr, und je ungläubiger ihn Sparrow anblickte, je größer und erstaunter dessen Augen wurden, desto unbeherrschter stieg es in seine Kehle auf und platzte aus ihm heraus.
Er selbst wurde zu einem schmerzhaften, unfreiwilligen Lachen, geschüttelt von Eruptionen, die seine Schmerzen nur steigerten, die aber nicht zu verhindern waren, nicht mit seinem Willen, nicht mit irgendetwas in diesem Leben.

Von allen Menschen auf diesem Planeten, von allen Lebewesen dieser Welt mußte ihn ausgerechnet ein Jack Sparrow vor dem Tode erretten! Ihm schien es fast, als würde dieser Pirat *ihn* verfolgen, nicht umgekehrt, und langsam hegte er den Verdacht, daß das etwas mit dem zu tun haben könnte, was man Schicksal nennt.
Jack Sparrow, sein Lieblingspirat, die andere Seite *seiner* Medaille. Hm. Das Durcheinander in seinem Kopf mußte wohl doch größer sein, als er dachte...

Schließlich mußte er husten, und es gelang ihm, das sinnlose Gelächter halbwegs in den Griff zu bekommen, als er mit Mühe ein Wort hervorbrachte.
"Durst.", formten seine Lippen fast lautlos, aber Jack verstand es sofort und reagierte. Norringtons kalte Finger aus dem Stoff seines Hemdes lösend, stand er auf und verschwand aus dessen Blickfeld, um sogleich mit einer bauchigen Bastflasche in der Hand wieder aufzutauchen.

Der Pirat kniete sich neben den zitternden Körper seines Widersachers, schob eine Hand unter dessen Kopf und hielt ihm mit einer ruhigen Bewegung die Flasche an die Lippen.
Das Schlucken fiel ihm schwer, und ein weiterer Schmerz gesellte sich zu den anderen, die sein Körper zu erdulden hatte, aber er genoß die Frische des Wassers, die durch seinen Mund und in die Kehle floß, die trockene Pein sofort mindernd, die brennende Salzkruste, die sein Inneres überzogen zu haben schien, hinwegspülend.

Nach nur wenigen Schlucken hatte er das Gefühl, daß er genug hatte, vor allem sein grummelnder Magen, und er drehte den Kopf zur Seite. Die Hand, die seinen Kopf gehalten hatte, glitt darunter hinweg, und er schloß die Augen.

Noch immer war dieses Zittern in seinem Körper, zwar weniger intensiv, aber trotzdem fühlte er sich nicht in der Lage, es unter Kontrolle zu bekommen. Insgeheim wünschte er sich, Sparrow möge sich wieder zu ihm legen und ihn wärmen, aber jetzt meldete sich auch schon wieder sein Stolz, und er wäre lieber erfroren, als diesen Piraten darum zu bitten, ihm mit seinem Körper Wärme zu spenden.

Seine Lebensgeister mußten bereits erwacht sein, wiedererwacht, denn ein Gefühl wie Stolz konnte man sich als Sterbender nicht leisten... und er grummelte über sich und seinen Dickschädel, zitternd und bibbernd... und fast hätte er wieder angefangen zu lachen, weil ihm einfach alles so grotesk erschien... und so albern.
Da er sich aber - schließlich war er Commodore der königlichen Marine! - unter Kontrolle hatte, erschien auf seinem Gesicht nur ein spöttisches Grinsen... über sich selbst. Da lag er nun, unterkühlt und verletzt, und war zu stolz, seinen Retter um die einzige Wärmequelle zu bitten, die es hier zu geben schien.

Norrington hob den Blick und sah leichten Dunst, der über dem Wasser um sie herumwaberte - vom Wasser selbst konnte er nichts erkennen, weil die Bootswand ihn daran hinderte -, sah in einen immer noch wolkenverhangenen Himmel, der aber schon wesentlich freundlicher aussah als... wann eigentlich?
Gestern? Der Sturm war am Nachmittag ausgebrochen... ja... aber wann war er über Bord gegangen? Und war jetzt noch gestern... oder schon morgen? War er die ganze Nacht im Wasser gewesen?
Er hatte das Gefühl für Zeit verloren...

Was war jetzt für eine Tageszeit? Morgen? Oder...

"Du solltest die nassen Sachen ausziehen, Norri. Nicht, daß es mich was angeht, aber du mußt bestimmt fünfzehn, vielleicht zwanzig Stunden im Wasser gewesen sein, falls du während des Sturms baden gegangen bist...", meldete sich Sparrow, und er blickte in braune Augen, die ihn ernst ansahen, fast besorgt.
James deutete ein Kopfschütteln an.

"Comm...", sagte er, wurde aber sofort unterbrochen.
"Aye, *Commodore* Norri. - Soll ich dir beim Ausziehen helfen?", fragte der Pirat grinsend, wartete aber keine Antwort ab, sondern begann, Norringtons Hemd aus dessen Hosenbund zu ziehen, schob es dann hinauf und streifte es über den Kopf des ihn nach Kräften unterstützenden Commodore, der seine Arme und den Oberkörper hob, so gut er konnte. Warme Hände streiften leicht über die Haut seines Brustkorbes, der sich in einen Eisberg verwandelt hatte, so sah er zumindest aus, als er ihn kurz betrachtete - blaß und kalt, fast blaugefroren.
Genauso wie er sich anfühlte.

Die Hände des Piraten ließen ihn zusammenzucken... wohlig zusammenzucken. Die leise Berührung der Fingerspitzen war so wohltuend... und löste Gefühle bei ihm aus, die ihn verwunderten. Aber fürs Wundern war jetzt keine Zeit. Und er hatte auch gar keine Lust, darüber nachzudenken, warum diese Hände überhaupt Gefühle in ihm weckten...

Nun ja... er war verletzt, schiffbrüchig, unterkühlt... und sein Verstand war wohl etwas geschwächt... Aufgeweicht? Ja, sicher, das mußte es wohl sein. Er war nicht er selbst... Und Jack Sparrow nutzte das schamlos aus. Was konnte man von einem gerissenen Piraten wie ihm anderes erwarten?
Bereits als Jack das Hemd über seinen Kopf streifte, vermißte er diese wärmespendenden Hände... Aber natürlich nur der Wärme wegen, sagte er sich, und er mußte ein weiteres Grinsen unterdrücken... und zitterte noch mehr, als eine leichte Brise über seine nun nackte Eisberg-Haut strich.
Das nasse Hemd, das nur ein Klumpen Stoff war, flog in hohem Bogen über Bord, und ein leichtes Gefühl des Ärgers stieg in ihm hoch.

Wieso warf der Pirat sein Hemd weg? *Sein* Hemd! Es hätte doch trocknen können...
Aber der Gedanke verflog so schnell, wie sein Hemd hinter der Bootswand im Meer verschwunden war, mit einem leisen Klatscher, als die warmen Hände sich nun an den Knöpfen seiner Uniformhose zu schaffen machten, den Schlitz Knopf für Knopf öffneten und dann den feuchtkalten Stoff von seinen Hüften schoben... süchtigmachende Hände, sanft und fast liebkosend an seiner bloßen Haut, und es erregte ihn, zuzusehen, mit welch ungeahnter Langsamkeit und Vorsicht Jack das Kleidungsstück, das einmal weiß gewesen war, immer weiter hinunterzog, sachte die zerfetzte Seite an seinem verletzten Bein weiter aufreißend, um die Wunde nicht zu berühren, bis er die zusammengeklumpte Hose über die Strümpfe hinunter ganz auszog - und auch diese über Bord warf, was ihn aber dieses Mal nicht mehr so beunruhigte.

Der Mann würde schon wissen, was er tat... oder?
Hm. Jack Sparrow... und wissen, was er tat? War das nicht ein Widerspruch in sich? Darüber mußte er später nachdenken...
Seine Füße waren ohne Schuhe - er mußte sie im Meer verloren haben.
Als Jack die Strümpfe an seinen Schienbeinen hinunterschob, einen nach dem anderen, blickte er ihm dabei in die Augen, die lächelten, zugleich spöttisch und neugierig, als der Pirat den zitternden Körper seines Schiffbrüchigen betrachtete.

"Du bist gar nicht so kühl, wie du immer tust, Commodore.", sagte er, als auch die Füße nackt waren wie der Rest von ihm, und er schien diesen Körper von oben bis unten zu begutachten, wobei seine braunen Augen liebkosten, was sie da sahen... zumindest hatte James das Gefühl, daß sie das taten.
Es war eigenartig, aber fast genoß er diese Blicke, und das einzige, was ihn daran beunruhigte, war eben, daß es ihn überhaupt nicht beunruhigte, *wie* der Pirat ihn betrachtete.
"Was? Nun... ich denke, im Moment bin ich sogar *noch* kühler, Sparrow.", antwortete er, und er spürte, wie sich Verlegenheit in ihm ausbreitete.

Verlegen! Du? Vor *dem* da? Pah!', schalt er sich selbst, aber er konnte nicht leugnen, daß er gerade in diesem Moment rot wurde.
Er seufzte und ließ seinen Kopf wieder auf die Planken unter sich sinken.
Ein gestandener Commodore, der errötete...

Schräg hinter ihm war die Ruderbank des Bootes, deren grobgezimmerte Holzbretter schon grau und rissig vom Salzwasser waren, und er fragte sich, wieso Jack Sparrow allein in diesem Boot saß und ihn aus dem Wasser gezogen hatte... Wieso trieb sich dieser Piratenkapitän in einem Ruderboot herum?
"*Käpt'n* Sparrow, Commodore.", ließ Jack ihn wissen, als er sich zu seinen Füßen hinunterbeugte und begann, diese zwischen seinen Händen zu reiben, diesen warmen, wohltuenden Händen, die so sanft waren... und überhaupt nicht piratig. Oder zumindest nicht so, wie James sich "piratige" Hände vorgestellt hatte... und die Frage nach Jacks mysteriöser Anwesenheit hier verlor sich irgendwo zwischen den hinteren Windungen seines angestrengten Hirns und dem wohligen Gefühl, das durch die Hände des Piraten in seinen Körper floß.
"Käpt'n, natürlich! *Käpt'n* Jack Sparrow... und ich... äh... ich danke Euch für... meine Rettung, Käpt'n.", antwortete er, und es war schon wieder zum Lachen komisch, seine pflichterfüllte Stimme zu hören, die sich bei diesem Piraten bedankte - mit gleich dreimal "Käpt'n" in einem Satz! -, der gerade seine Füße warmrieb. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er das sagte, und ein Lächeln Jacks kehrte zu ihm zurück.
"Gern geschehen, Norri.", sagte der - und ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er das genervte Augenrollen "Norris" bemerkte.

Dann fügte er hinzu: "So eine fette Beute konnte ich mir doch nicht entgehenlassen."
Norrington lachte leise.
Natürlich. Das war Jack Sparrow, der ihn gerettet hatte... und er war sich auf einmal nicht mehr sicher, ob es eine Rettung gewesen oder er wirklich zur Beute geworden war. Naja, immerhin war er am Leben. Und immerhin schienen sie allein in diesem Boot zu sein, das auf den Wellen schaukelte - weit und breit keine anderen Piraten. Das machte es zu einer weniger ungleichen Situation, wenn man davon absah, daß er Schüttelfrost hatte, verletzt war und sich so schwach wie selten in seinem Leben fühlte...
Und daß er nackt und Sparrow angezogen war.

Na gut, eine Breitseite mehr zu Sparrows Gunsten, aber als erfahrener Soldat wußte er, wie schnell sich das Blatt wenden konnte.
"Na, wenigstens bin ich nicht die fette Beute' von Kannibalen geworden, die mich aus dem Wasser gezogen und wieder in eine andere Suppe gesteckt hätten. Ihr seid wohl das kleinere Übel, denke ich...", sagte er lächelnd und blickte in samtig-dunkle Augen, die immer näher kamen, als sich der Pirat jetzt neben ihn auf den Boden des kleinen Bootes legte.

"Aber die Suppe wäre bedeutend wärmer für dich gewesen als das Meer, mein Freund!", sagte Jack mit einem erhobenen Zeigefinger.
Dann überlegte er einen Moment lang.
"Hmmm... Commodorefleisch. Ich habe keinen Proviant...", sagte er leise und sah James hungrig an - so erschien es ihm jedenfalls.

"...und keine Decke. Wenn du willst, decke ich dich mit *mir* zu. Vielleicht hörst du dann auf zu zittern. Oder zitterst du vor Angst, Commodore Sonntagsbraten? Vielleicht habe ich dich ja gar nicht gerettet und du bist tot... und ich bin der Teufel, der nicht deine Seele will, sondern dein Fleisch...", flüsterte er mit geheimnisvoll belegter Stimme.
James blickte an sich herunter, auf seine über der Brust gekreuzten Arme, auf seinen blassen, steifen Körper, dessen einzige "Kleidung" das blutdurchtränkte Stück Stoff war, das um seine Wunde gebunden war, auf die nackte Haut, die so weiß in diesem diffusen Licht aussah... und auf den Piraten, der links neben ihm lag, auf der Seite, den Kopf auf den angewinkelten Arm gestützt und ihn durchdringend ansah.
Bloß weil er nackt und verletzt war, war das noch lange kein Grund, solche Dinge zu ihm zu sagen, oder? Ein wenig Respekt dürfte doch selbst ein Pirat wie Sparrow empfinden...

"Teufel? Sonntagsbraten? Ihr seid ein wahrhaftiger Satansbraten, Spa...", begann er und richtete sich mühsam auf, als ein Mund auf seinen Lippen landete, warm und weich, über dem ein kitzelnder Bart wuchs, der sich mit seiner bereits stoppeligen Haut im Gesicht vereinte.

Ein wahrhaft teuflischer Mund, verführerisch und fordernd, mit überraschend weichen Lippen.
Eine sanfte Hand strich über seine rechte Schulter, so willkommen warm, daß er vor Überraschung - nicht vor Schreck, der jedoch sicher noch kommen würde! - in halber Höhe verharrte, ratlos, was er tun sollte. Die Hand glitt hinauf zu seinem Hals bis in seine noch feuchten Haare, die wirr und offen auf die Schultern hinabhingen, hielt jetzt seinen Kopf fest, während die Lippen noch immer auf seinem Mund waren und sich daran festzusaugen schienen. Er spürte, wie Jacks Körper sich an ihn drückte, immer näher kommend, wie er langsam seinen eigenen Körper eroberte, bis er auf ihm lag. Jacks Haarpracht kitzelte ihn im Gesicht und am Hals, auf den Schlüsselbeinen und Schultern, begleitet vom Klimpern der Perlen und Münzen, die darin eingeflochten waren, aber es war nicht unangenehm, stellte er fest.

Durch die Kleidung des Piraten hindurch konnte er dessen Wärme spüren, die sich jetzt auch langsam auf ihn übertrug, und er hob den Arm, während er sich mit dem anderen abstützte, um diesen Körper näher an sich heranzuziehen, so nahe, wie es möglich war.

Seine Hand griff in Hemdenstoff, der grob war, aber darunter spürte er die Haut, die sich ebenmäßig und verführerisch anfühlte, und ihn überkam das Verlangen, diese Haut direkt zu berühren und den schlanken Körper, der auf ihm lag, ohne Barriere dazwischen auf sich zu spüren. Ungeduldig zerrte er am Hemd, als Jack seine Lippen von seinem Mund löste und ihn lächelnd anblickte.

"Ich hatte recht. Du bist wirklich nicht so kühl, wie du immer tust... du bist das Gegenteil davon, Commi...", flüsterte er und fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen, die braunen Augen direkt vor James' grünen, jetzt erstaunt weit aufgerissenen.

"Hmmm. Du schmeckst wie meine zweite Liebe, Jimmy.", fügte der Pirat hinzu, und die ganze Zeit über streichelten seine schlanken Finger das braune Haar des Commodore.
James stockte der Atem, und komischerweise hatte er keine passende Antwort parat, sondern stotterte nur eine Frage... eine sehr unpassende Frage, wie er fand.
"*Zweite* Liebe?", hakte er nach und hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen, so blöd kam er sich vor.
Aber Jack schien das überhaupt nicht zu bemerken - weder die Verwirrung, noch die Dummheit dieser Frage.
"Aye! Die See. Grün wie deine Augen, blau wie der Himmel... salzig wie du.", sagte er ernst, fast feierlich, mit einem weggetretenen Ausdruck im Gesicht.

Jack Sparrow, der Poet. Das wurde ja immer merkwürdiger...
Naja, vielleicht war ja die Frage doch nicht so dumm gewesen... nicht für Jack?
James schluckte. Wieso gefiel ihm die Nähe dieses Piraten so sehr? Und wieso interessierte ihn überhaupt, was dieser Pirat empfand?

"Was ist denn deine *erste* Liebe?", fragte er dann, wieder innerlich den Kopf über sich selbst schüttelnd, was aber, wie er entfernt feststellte, eigentlich nur der Pflicht wegen geschah - der Pflicht, diesen Mann da zu verabscheuen. Und er stellte außerdem fest, daß er dieser Pflicht sehr ungern entsprach, was ihn beunruhigte, aber nicht zu sehr.

"Die Pearl natürlich.", antwortete Jack jetzt mit einem träumerischen Ausdruck in den Augen.
"Für den Schrecken der Karibik bist du aber sehr naiv, Commodore.", setzte Jack nach, und ein Grinsen vertrieb das Verträumte aus seiner Miene.
"Ich dachte, das wärst *du*.", sagte James, noch irritierter.
"Was? Ich bin doch nicht naiv!", erwiderte Jack verwundert.
"Ich meinte, *du* bist der Schrecken der Karibik', nicht *ich*!"
Jack richtete sich auf, und James spürte mit Bedauern, wie kühle Luft über seine Haut strich, wo gerade noch der Körper des Piraten auf ihm gelegen hatte.
Jack schüttelte den Kopf.

"Du hast keine Ahnung, Jimmy. Du solltest mal hören, wie die Welt über dich und deine Taten spricht."
Die Welt? Über ihn? Und seine *Taten*?
War das hier eine verkehrte Welt? Sprach die Welt nicht über Jack Sparrow - Käpt'n Jack Sparrow -, den Piraten, den Kapitän der berüchtigten "Black Pearl", den Schrecken der Karibik?
James lehnte sich zurück, vorsichtig den Kopf einziehend, um nicht an die Ruderbank zu stoßen, weiter weg von Jack, denn er hatte entschieden das Gefühl, daß er jetzt Abstand brauchte, auch wenn es nur ein paar Zentimeter waren. Seine Schulter schmerzte, und als er den Kopf drehte, bemerkte er den großen blauen Fleck, der sich von der Schulter über den Oberarm zog.

Das war der Mast gewesen, sein Retter... der, der ihn gerettet hatte, *bevor* Jack ihn aus dem Wasser gezogen hatte und zu seinem zweiten Retter geworden war.
Ihm entging nicht die Ironie der Situation, in der er von Jack als seinem Retter dachte, und wieder glitt ein leises Lächeln über sein Gesicht, trotz der Empörung, die in ihm hochstieg. Wie kam der Mann dazu, ihn mit unverhohlener Bewunderung einen Schrecken zu nennen? Ihn, James Norrington, den Beschützer Port Royals?
"Du kannst nicht Menschen jagen, ohne daß man dich dafür haßt. Du kannst nicht massenweise Leute hängen, ohne dafür ins Gerede zu kommen, mein Freund.", sagte Jack und blickte ihm gerade in die Augen.
James schluckte. Nie hatte er das, was er tat, infragegestellt - und nie daran gezweifelt, daß er auf der richtigen Seite stand... mit einer einzigen Ausnahme, vor ein paar Monaten, als er Jack Sparrow hängen hatte wollen. Müssen.

Damals waren auch ihm Zweifel darüber gekommen. Aber nur, was Sparrow betraf, nicht, was das Gesetz anging, dem er diente...
"Ich habe Verpflichtungen, ich bin...", versuchte er sich zu rechtfertigen, wurde aber von Jack unterbrochen, der ihm den Finger auf die Lippen legte.

"...ein verdammt gutgebauter Commodore Norri.", sagte er, wischte alle Argumente mit einer Handbewegung beiseite und beugte sich wieder zu ihm hinunter. Seine Lippen berührten James' Ohrläppchen und streiften auf dem Weg zum Mund sein Auge, das erwartungsvoll geschlossene Lid, die langen, dichten Wimpern, die zitterten, die stoppelige Wange... bis sie auf James' Lippen trafen, die leicht geöffnet waren vor Erwartung und Erstaunen.

Der Kuß war ungleich intensiver als der erste, tiefer und gefühlvoller, leicht und sacht, rauh und fordernd zugleich. Ebbe und Flut.

Und gegenseitig.

James stöhnte auf, als Jacks Hand über seine Schulter glitt, aber es waren nicht die Schmerzen, die ihn stöhnen ließen, sondern dieses aufregende Prickeln, das diese Hand in ihm auslöste, das ihn plötzlich lebendig werden ließ, und er bemerkte, wie das Beben, das die Kälte in ihm verursacht hatte, allmählich nachließ und Ruhe in ihn einkehrte... Ruhe, die von einem Gefühl der Geborgenheit herrührte.

Und sich allmählich in Erregung und Wärme... Herzklopfen... verwandelte, und jede Faser seines Körpers drängte sich an den schlanken, festen Leib, der jetzt wieder auf ihm lag. Seine Hände suchten nach einem Weg, unter die Kleidung, die überflüssigen Sachen zu gelangen, die den Körper des Piraten vor ihm verbargen, und ungeduldig zerrte er das Hemd aus dessen Hose, schob es Jacks Rücken hinauf und genoß jedes Stück nackter, glatter Haut, die seine Hand eroberte.

Als ihre Zungen sich berührten, durchfuhr ihn ein Schauer, und er bemerkte, daß es Jack ebenso ging, als dessen Körper über ihm leicht erbebte. Jack ließ sich zur Seite rollen, zog ihn jedoch mit sich, so daß sie nun beide auf der Seite lagen, engumschlungen, sich noch immer küssend... und er schmeckte, was er in dem Piraten gesehen hatte: Wärme, Dunkelheit, Ironie, Verrücktheit, Rum... und all das schmeckte soooo guuuut!
Nach "Sich-Fallenlassen", einfach nach Jack.

Wieso fiel ihm das hier alles so leicht - wieso *versuchte* er nicht einmal, "Widerstand" zu leisten? Warum empfand er das alles als so normal?
Er wußte es nicht, und im Moment war es ihm vollkommen egal, er wunderte sich nur darüber, daß ausgerechnet jetzt so eine Frage in ihm aufkeimte, wenn auch nur schwach - er wollte nur eins: Jack Sparrow.
Und der war so nahe, so aufregend, so gefährlich, überhaupt nicht beunruhigend, sondern einfach nur da...
Jack-Sparrow-Hände, die über seinen Po strichen, über seinen Rücken, die ihn an sich zogen, noch näher, die diesen festen Jack-Sparrow-Körper an seinen drückten. Einen Körper, der warm war, an dem er sich rieb und dem er das Hemd über den Kopf ziehen wollte... aber dessen Lippen er auch nicht für eine Sekunde von seinem Mund gelöst haben wollte...

Hmmmmm.

Rauhes Stöhnen aus einem Jack-Sparrow-Mund, der sich von seinem löste, verschleierte, dunkle Augen, halbgeschlossen, die in seine eigenen blickten, ernst und erwartungsvoll, ein Geschenk, das direkt vor seinem Gesicht glänzte, das er sich nur noch zu nehmen brauchte.
Schnell schob er das Hemd über Jacks Kopf, der bereitwillig die Arme hob - ein Bedauern erfaßte ihn, als er diese Hände nicht mehr auf sich spürte - und schon trafen sich die Lippen wieder, schlossen sich die Augen, berührten sich ihre Zungen.

Seine Hände erkundeten fremdes Terrain, als sie über Jacks Rücken hinauf zum Nacken glitten, sich in den wirren, herrlich vielen Haaren verfingen, und plötzlich wußte er, daß es genau das war, was er schon immer gewollt hatte, seit er ihn zum ersten Mal gesehen hatte: in Jack Sparrows Haaren wühlen, in dieser so verschwenderischen Fülle dunklen, so überraschend weichen Haares...
Er stöhnte erneut auf, als er eine Hand spürte, die über seine Hüfte glitt, langsam hinunter gen Süden, in die Gegend, in der bisher nur seine eigenen und wenige Frauenhände gewesen waren, und seine Lippen lösten sich von Jacks Mund.

"Jack...", flüsterte er, und seine halbgeöffneten Augen sahen genau das, was sie sehen wollten - mitten hinein in wissende, jetzt verträumte und zugleich hellwache, alles aufsaugende Piraten-Augen.
"Hmmmm. Comminorrijimmylieb...", murmelte Jack, nein, er sang es in einer aufregenden, sorglosen Melodie, und er hob lächelnd den Kopf, glänzende Augen sahen ihn an, genauso glänzend wie das entblößte Gold seiner Zähne.

Auch James mußte lächeln.
"Das ist zu schön, um wahr zu sein...", entfuhr es ihm, und es wunderte ihn dann doch etwas, wie einverstanden er mit allem war, was hier geschah. Daß sein Schüttelfrost verschwunden war, daß er anscheinend wieder zu Kräften kam, nahm er nur nebenbei wahr. Und daß es ihn so gar nicht kümmerte, welche Konsequenzen das hier alles haben konnte...

"Ah. Norri-Schatz... wenn du nur die Augen offenhältst, die Nase in den Wind, dann siehst du sie überall, die Schönheit der Welt. Und hören kannst du sie natürlich auch, bloß daß Sehen viel mehr Spaß macht. Aber du weißt das, nicht wahr? - du bist ja selbst ein Teil davon."
War er das?
Egal. Er faßte mit der Hand eine dicke Strähne von Jacks Haar und zog den Kopf, zu dem dieses prächtige Haar gehörte, wieder zu sich herunter. Mehr! Mehr Piratengeschmack, mehr Piratenwärme, mehr Piratenküsse!
Und Piratenhände!

Hmmmmmm.

Jaaaa... eine Hand war gerade dabei, seine südlichen Gefilde auszukundschaften, und als sie seine vor Erregung bereits schmerzende Härte berührte, stöhnte James wieder auf, sich der Hand entgegenschiebend, während seine eigene über den festen, kleinen Po des Piraten glitt, der leider noch immer in dessen Hose steckte.

Das mußte sich sofort ändern!
James' Hand umschiffte die Hüfte, tastete sich über eine ausgeprägte Beule hinauf zum Bund der Hose und zerrte an den Knöpfen, die sich jedoch zu wehren schienen. Ohne auf das zu achten, was der Pirat machte, schob er seinen Kopf hinunter zu dessen flachem Bauch, um seine Zähne zu Hilfe zu nehmen, weil er seine andere Hand nicht aus Jacks Haaren bekam.
Jack schüttelte den Kopf.

"Nicht so ungeduldig, Jimmylieb. Warte, ich..."
In diesem Moment faßten James' Zähne den Stoff des Hosenbundes, zerrten daran... und der oberste Knopf sprang ab und prallte mit einem überraschenden, klickenden Laut von der Bootswand ab, um dann irgendwo auf den Planken auszurollen. Und als ob das einen Damm gebrochen hätte, konnte er nun, wiederum mit den Zähnen und der einen Hand, die ihm zur Verfügung stand, den Hosenschlitz aufziehen. Die Verbindung der Knöpfe löste sich fast von selbst, und Jacks brennendes Verlangen sprang heraus, befreit vom Gefängnis der Hose, und berührte James heiß im Gesicht.

"Ah... du hast meinen Enterhaken entfesselt, Norri... Jetzt muß ich dich kapern!", entfuhr es Jack, der fast zusammenzuckte vor Überraschung und der Erotik des Moments, als James seinen "Enterhaken" umfaßte, langsam daran entlangstrich und dann seine Hand um seine Hoden schloß.
"Siehst du nicht die weiße Flagge? Worauf wartest du noch, Pirat...?", erwiderte James leise, und seine Stimme hörte sich kehlig an, ungeduldig, während sein heißer Atem auf die empfindliche Haut von Jacks Unterleib hauchte.

Der Commodore hob den Kopf und sah in die erstaunten Augen, die auf ihn hinunterblickten, und erst da wurde ihm richtig bewußt, was er gerade gesagt hatte.

"Du bist mehr Pirat, als ich jemals sein werde, Commodore James Norrington.", stellte der *wirkliche* Pirat fest, zog den Kopf, der auf seinem Schoß lag, sanft zu sich hinauf und küßte den Mund, der sich ihm sofort öffnete, kurz und fest, bevor er mit den Lippen und seiner kundigen Zunge eine feuchte Spur auf James' Körper zeichnete, die über den Brustkorb, über den flachen Bauch hinweg zu den dunkelbehaarten Gegenden führte, in denen ein anderer "Enterhaken" sehnsüchtig auf diese Lippen wartete, noch umschlossen von einer Hand, während die andere sanft über den runden, glatten Commodore-Po strich.

James hatte die Augen geschlossen, als der Mund - der Piratenmund! - die Reise über seinen Körper begann, und er genoß diese Eroberung, das Kitzeln von Jacks Haar, das die feuchten Lippen und die Zunge begleitete, die Hand an seinem Po, die so wohltuend, so selbstverständlich dort verweilte - und dann den Moment, als sein Penis von besagtem Mund aufgenommen wurde, hineingesaugt in die heiße, feuchte Höhle, in der so viele Schätze vergraben schienen, die es zu kapern galt.

Und plötzlich konnte er nicht mehr anders als seine Augen zu öffnen - er mußte auf Jacks gebeugten Rücken blicken, auf den Körper, der auf ihm lag, so überraschend schlank, fast jungenhaft, muskulös und fest, und er richtete sich halb auf, um die Hose, die immer noch daran haftete, herunterzustreifen, den runden Po endlich freizulegen und zu berühren.

Und um sich anzusehen, nur zu betrachten, wie dieses Geschenk aussah, das sich ihm so unerwartet darbot...
In diesem Moment begann Jack, seinen Penis zu massieren und zu reiben, die Vorhaut hinauf und hinabzuschieben, während er ihn tiefer in seinen Mund sog und wieder hinausließ, in langsamen Bewegungen daran leckte und saugte, und wieder schloß James die Augen, ein wohliges Stöhnen auf den Lippen.
Er legte den Kopf in den Nacken und ließ es einfach nur geschehen, und Jacks Drängen nachgebend, ließ er sich willig auf die Planken sinken. Seine Hände ruhten still auf dem glatten, warmen Körper, der quer über ihm lag, und er horchte in sich hinein, durch sich hindurch, das harte Holz unter sich überhaupt nicht mehr wahrnehmend, genausowenig wie das Schaukeln des Bootes oder das Glucksen des Wassers.

Aaaaaaaaah...

Da war nur noch Jack - sein Mund, seine Zunge, seine Hände - alles zusammen in einem wunderbaren Rhythmus, der sich mit dem Schaukeln des Bootes vereinte. Hitze rieselte durch seine Adern, durch seinen gesamten Körper, aufregende Hitze, die ihn alles vergessen ließ, was er gerade hinter sich hatte - an das er sowieso nur verschwommene Erinnerungen hatte -, und in seiner Welt befand sich nur noch ein ganz bestimmter Pirat.

Kitzelndes Haar auf seinem Bauch... und Jacks Hände, die ihm so wohltaten, die sich in kleine, feste, fünfbeinige Tiere verwandelten, die seine empfindlichsten Körperpartien eroberten. Eines dieser so lebendigen, warmen, Krabbeltiere umfaßte seine Erregung, strich daran entlang, während die Eichel in Jacks Mund war, angesaugt von heißer Feuchtigkeit - das andere, so kundige Ding umfaßte seine Hoden, fünf Finger, die locker daran kneteten und spielten und ihn immer wieder erregt ein- und ausatmen ließen...
...bis er kam, bis diese Erregung seinen Körper überflutete und sich in Jacks Mund ergoß, Hitze, die aus dem Inneren eines Vulkans zu kommen schien, die ihn laut aufschreien ließ, so brennend erfaßte sie seinen gesamten Körper.

"Jack!"

Und seine Hände krallten sich in das Haar, das auf seinem Bauch ausgebreitet lag, verführerisch kitzelnd und in verschwenderischer Fülle. Jack hob den Kopf und ließ James aus sich herausgleiten, und James öffnete die Augen, die aber sogleich wieder zugeküßt wurden, als Jack sich zu ihm hinaufschob, die Hände um seinen Kopf legte und begann, sein Gesicht mit kleinen Küssen zu bedecken, Stück für Stück, bis hinauf in die Stirn und ins Haar.

"Hmmm. Du schmeckst so gut, Liebes... dein Haar ist so weich... Hmmm... so weich... Ich wußte, daß dein Haar so sein würde... genau wie deine Stimme, so unwiderstehlich... Ich habe gar nicht gehört, was du gesagt hast, damals, als wir uns zum ersten Mal trafen, ich habe nur deine Stimme gehört, viel zu schade für schlechtgelaunte Commodores, reine Verschwendung, um irgendwelche Befehle zu brüllen... wie dein Haar viel zu schade ist, um es zu verstecken... wieso trägst du bloß immer diese blöde Perücke?", murmelte er durch seine Küsse hindurch, immer wieder schnüffelnd den Duft des Haars aufsaugend, in dem er sein Gesicht barg.
James umfaßte den Körper, der auf ihm lag, diesen so wunderbaren, schlanken Piratenkörper, zog ihn enger an sich heran, und er genoß, wie sich ihre beiden "Enterhaken" in der Mitte berührten.

"Weil sonst alle Piraten mit ihren Säbeln' über mich herfallen würden...", erwiderte er und lachte leise.
Jack hob den Kopf und blickte in lachende grüne Augen.

"Du hast recht! Und dann noch alle Marinesoldaten und Offiziere der gesamten königlichen Marine mit ihren Musketen und Schwertern! Oh, nicht zu vergessen, alle Frauen in der Karibik... in der gesamten Welt!", sagte er voller Begeisterung mit aufgerissenen Augen und einem breiten, goldglänzenden Grinsen und streifte dabei seine bereits bis zu den Kniekehlen heruntergeschobene Hose ab. Seine Erregung stand hochaufgerichtet vor seinem flachen Bauch, und James streckte den Arm aus, um sie zu berühren.
Der Pirat wich etwas zurück, wobei sich ihre beiden "Enterhaken" wieder kurz berührten, und beugte sich mit aufgestützten Armen über ihn und grinste.

"Wir könnten sie ja als Schwerter benutzen und miteinander um die Vorherrschaft in der Karibik fechten, Commodore. Was hältst du davon, *Feind*?", fragte er, kniete sich über James, wackelte leicht mit den Hüften hin und her, wobei sein Penis in Bewegung geriet und immer wieder mutwillig gegen den seines liegenden "Gegners" schlug... und reizte James zum Lachen und machte ihn zugleich noch erregter, als er sowieso schon war.

"Du bist verrückt, Jack...", lachte er, und ein Gefühl sorgloser Freude durchströmte ihn. So mußte sich Glück anfühlen. Einfach sorglos.
"Ich habe nie behauptet, was anderes zu sein. Aber mit dir, Norri-Schatz, ist es ungleich schöner.", antwortete Jack, und sein Lächeln machte einem nachdenklichen, fast trauernden Gesichtsausdruck Platz, und James wurde bewußt, daß auch Jack um die Endlichkeit dieses Moments wußte.
Jack richtete sich auf und setzte sich einfach rittlings auf James, beide Hände auf dessen Brust - und James konnte spüren, wie Jack seinen Herzschlag ertastete. Er schlang seine Arme um Jacks Hüften, und die beiden blickten sich lächelnd in die Augen, wortlos, vielsagend... und zufrieden.
Auch wenn ihm einen Moment später das alles komisch erschien - Jack Sparrow, nackt auf ihm sitzend - so war doch dieser eine Augenblick, den sie da hatten, perfekt.

James richtete seinen Oberkörper auf und drängte sich an die nackte Piratenbrust mit den schrecklichen Narben - er mußte ihn später danach fragen! -, die so fest und muskulös war, und er spürte, wie Jack erbebte, spürte, wie diese Piraten-Hände wieder in sein Haar griffen und darin wühlten, spürte Jacks "Enterhaken", der seinen Bauch berührte, fordernd und heiß zwischen ihnen, und seine eigene Erregung stieg wieder, stet und schmerzend schön - und er fühlte sich lebendiger und wacher als er sich je in seinem Leben gefühlt hatte.
Über ihnen breitete sich der nun wieder blaue, unendliche Karibikhimmel aus, der die vorherigen Dunstschleier vertrieben zu haben schien - wann eigentlich? -, direkt hinter Jacks dunklem Schopf, und er versuchte, das alles in sich aufzunehmen, so viel davon, wie irgend möglich, in seinem Gedächtnis festzuschreiben... und es hätte ihm nichts ausgemacht, wenn dies hier das letzte gewesen wäre, was er in seinem Leben gesehen hätte...
"Sir?", sagte plötzlich eine Stimme. Eine eindringliche, unwillkommene Stimme, die ihn aufhorchen ließ.
"Was? Hast du das gehört? Da hat jemand etwas gefragt...", sagte er und blickte Jack erstaunt an.
Der schüttelte den Kopf.

"Nein. Was denn...?", antwortete der Pirat, aber da sah James hinter ihm eine Schiffswand aufragen, hölzern und dunkel, fast furchteinflößend, den blauen Himmel verdeckend. Über die Reling beugten sich uniformierte Oberkörper, Köpfe mit Perücken und Dreieckshüten, blaue, ovale Seemannshüte, rote Uniformröcke und mittendrin derjenige, dem die unwillkommene Stimme gehörte.

Gillette.

Und mit einem Schlag war seine Kehle wie zugeschnürt, ausgedörrt vom Schrecken, den dieser Anblick ihm bereitete.

Hmmm. Seit wann verursachte ihm der Anblick seiner Mannschaft Schrecken?
Jack drehte seinen Kopf nach hinten, die Schiffswand hinaufblickend, die Mannschaft und die Soldaten musternd, bevor er sich wieder zu James umdrehte und nicht die geringsten Anstalten machte, von James' nacktem Körper herunterzusteigen, auf dem er noch immer hoch aufgerichtet saß, fest und sicher im Sattel seines James-Pferdes.

James wurde heiß und kalt... und es entsetzte ihn, den ruhigen, fast gelassenen Blick, das entspannte Lächeln auf Jacks Gesicht zu sehen.
War diesem Piraten *überhaupt* nichts peinlich? Nun gut, in dieser zugegebenermaßen naiven Frage lag die Antwort bereits drin: Pirat!

Oh Gott - er war geliefert! Sie hatten ihn, sie hatten sie beide erwischt!
Er ließ sich nach hinten fallen... und stieß mit dem Hinterkopf an die Ruderbank. Der Schmerz durchzuckte ihn augenblicklich, Blitz und Donner zugleich. Das letzte, was er sah, war Jacks Lächeln, die braunen, schwarz umrandeten Augen unter dem roten Bandana, die ihn liebkosend anblickten, stumm abschiednehmend - wieso abschiednehmend? - und ein winziges, zerfetztes Stück blauen Himmels über Jacks Kopf, das über der "Dauntless" hervorlugte.

"Sir? Commodore?", fragte Gillette wieder.

Sein Kopf war voller Nebel, dick und wabernd, der Schwindel verursachte... aber die Stimme war ganz deutlich, direkt neben seinem Ohr.

Gillette. Oh Gott!

Er stöhnte auf, als etwas feuchtkaltes über seine Augen gelegt wurde, hob die Hand, um es wieder fortzuwischen... und öffnete endlich die schweren Lider.
Seine Kajüte. Über ihm die rötlichbraunen, glänzend lackierten Bretter, mit denen seine Koje verkleidet war, und als er den Kopf zur Seite drehte... Gillette, der auf einem Stuhl neben seinem Bett saß... und ihn froh anlächelte.

Wieso sah der so glücklich aus? Und wieso war in diesem Lächeln nicht eine Spur von Häme zu finden, kein bißchen Schadenfreude...? Was erfreute diesen Mann so, daß er ihm ein solch offenes Lächeln schenkte?
Erstaunt blickte James auf seine Hand, die den feuchtkalten Lappen hielt, den der Lieutenant auf seine Augen gelegt haben mußte - sonst war wohl niemand in seiner Kajüte, der das hätte tun können. Sein Kopf schmerzte höllisch, und automatisch griff er sich an den Hinterkopf... und bemerkte den Verband, mit dem sein Kopf umwunden war.

"Schön, daß Ihr wieder da seid, Sir. Wir alle haben gebetet, daß Ihr das Fieber überstehen würdet.", sagte Gillette, und seine Stimme klang genauso froh und ehrlich wie er aussah.
Ungläubig starrte er den Offizier an.

Fieber?

"Was...?", fragte er verwirrt, und seine Stimme klang fremd, sein Mund war trocken und rauh, und er fragte sich, wieso er sich so schlapp und wattig fühlte, wo er doch gerade noch Bäume hätte ausreißen können... vor Glück.
Gillette nahm ihm das feuchte Tuch aus der Hand und tauchte es in eine Schüssel ein, die neben ihm auf dem kleinen Tisch stand, wrang es aus und legte es behutsam zurück auf James' Stirn, dicht über die Augen, was dieser willenlos geschehen ließ.

Was wurde hier gespielt?
Wieder lächelte der Offizier.
"Oh... Ihr erinnert Euch doch noch an den Sturm und wie der Mast gebrochen ist? Als der Splitter in Euer Bein schoß, habt Ihr Euch zu mir umgedreht, Sir. Und dann hat Euch der Mast am Kopf getroffen - glücklicherweise nur gestreift! -, und beinahe wäret Ihr über Bord gegangen, wenn Lieutenant Groves nicht gewesen wäre. Wir konnten Euch vor dem nächsten Brecher bergen und hierherbringen. Glücklicherweise dauerte der Sturm nicht mehr lange..."

Was? James verstand überhaupt nichts mehr.

Er *war* doch über Bord gegangen!
"Die Dauntless'?", fragte er leise, die anderen Fragen auf später verschiebend, die Verwirrung ignorierend, die ihn fast verrückt werden ließ.
Gillettes Lächeln wurde zu einem Grinsen.

"Die Mannschaft hat schon Wetten abgeschlossen, Sir, ob das Eure erste Frage sein würde, wenn Ihr aufwachtet... *Wenn* Ihr aufwacht. - Die Dauntless' hat sich gut gehalten. Wir haben die Masten gekappt, wir Ihr es befohlen hattet, und bis auf ein Leck im Bug ist sie ohne größere Schäden durch den Sturm gekommen. Der Schiffszimmermann hat inzwischen wieder neue Masten errichtet, und die Männer pumpen Tag und Nacht, um den Wasserstand im Rumpf niedrigzuhalten.", berichtete der Offizier mit stolzer Stimme, und er blickte in die staunenden Augen seines Commodores... den Grund dieses Erstaunens völlig mißdeutend.
Hmmm. Inzwischen... wie lange wohl brauchte ein guter Zimmermann für die Masten der "Dauntless"?
"Wie lange...?", fragte er und richtete sich halb auf... und diese Frage war ihm fast wichtiger als die nach dem Schiff.

"Zwei Tage, Sir. Ihr wart zwei Tage nicht bei Bewußtsein, hohes Fieber von der Wunde in Eurem Bein und von der Kopfverletzung... und wir hatten wirklich Angst, Euch zu verlieren. Aber jetzt seid Ihr ja wieder da.", antwortete er mit einem glücklichen Lächeln.

Zwei Tage.

James schob das Laken, das ihn bedeckte, zur Seite, und er erschreckte fast, als er sein nacktes Bein sah, blau angelaufen um einen dicken, blutigen Verband herum, der um den Oberschenkel gewunden war, und bei dem Anblick kam ihm plötzlich auch der Schmerz zu Bewußtsein, den es verursachte. Dumpfer, auf- und abschwellender Schmerz, der in der Wunde pochte und seinen nackten Körper erschauern ließ. Schnell zog er das Laken wieder über sich.

"Kann ich etwas trinken?", fragte er leise, und Gillette reichte ihm zuvorkommend einen Becher mit Wasser. James' Hand zitterte leicht, als er das Gefäß an die Lippen führte, aber als das kühle Naß durch seinen brennenden Mund in seine Kehle floß, spürte er sofort Erleichterung, und als er Gillette den Becher zurückgab, umspielte eine leises Lächeln seine Lippen.

"Sir... ich schulde Euch meinen Dank. Ihr habt mir das Leben gerettet. Das... das werde ich Euch nie vergessen, Commodore.", sagte Gillette und blickte ihn ernst an, fast feierlich, wie es ihm schien.
James ließ den Kopf wieder aufs Kissen sinken, matt und schwach, wie er sich fühlte, war er froh, einfach nur dazuliegen.

"Schon gut, dasselbe bin ich Euch schuldig, Gillette. - Ihr werdet gebraucht. Ich glaube, ich habe jetzt keine Krankenschwester mehr nötig... und Ihr müßt das Schiff in meiner Abwesenheit führen...", sagte er, und es kam unwirscher heraus als beabsichtigt.

Der Lieutenant nickte und stand auf, sich verlegen nach der Tür umblickend.
"Falls Ihr etwas brauchen solltet... ich lasse eine Wache an Eurer Tür.", sagte er und schritt auf dieselbe zu. An der Tür blieb er stehen, zögernd die Hand auf den Knauf legend.

"Schon gut, Gillette... Ich... ich kann Euch nicht genug danken. Ich hoffe, Ihr habt nicht die gesamte Zeit hier bei mir gesessen...", sagte James, und ihre Blicke trafen sich, als sich der Angesprochene kurz zu ihm umdrehte, und sie lächelten sich an, bevor Gillette die Tür öffnete.
"Nein, das war Lieutenant Groves, Sir.", sagte er, bevor er den Raum verließ.
"Gillette!", rief er ihm hinterher, woraufhin sich die Tür noch einmal öffnete.
"Sir?", fragte der Lieutenant.

"Ich habe Hunger. Bitte laßt mir etwas bringen.", sagte James lächelnd.
"Natürlich, Commodore.", antwortete Gillette und sah hocherfreut aus.
James horchte auf seine sich entfernenden Schritte. Und dann, als die Luke zum Deck wieder zuklappte, hörte er die Stimmen seiner Mannschaft, die auf Gillette gewartet zu haben schien, und er konnte ein leises, weit entferntes "Huzzah!" hören... und lächelte in sich hinein.

Mühsam richtete er sich auf, den Lappen von seiner Stirn ziehend, den Verband vom Kopf streifend, stöhnte er auf, als er am eingetrockneten, vom Blut verklebten Haar riß, das am Verband haftete, und erneuten Schmerz verursachte. Er besah sich den Verband in seiner Hand, das blutverkrustete Stück hellen Stoffes und verzog das Gesicht.

Das sah wirklich nicht gut aus.

Zwei Tage... Fieber. Bewußtlosigkeit. Fieberwahn...
War Jack nur eine Fieberfantasie gewesen? Waren diese wunderbaren Piratenhände nur Fiebergebilde gewesen? War das alles nur ein Traum gewesen? Nur eine Halluzination?
Das konnte nicht sein! Es war so... *wirklich* gewesen, so echt, so... schmerzhaft wahr!
Für einen kurzen Moment schloß er die Augen.
Was bedeutete das? Daß er, James Norrington, Commodore der königlichen Marine, sich nach einem berüchtigten Piraten verzehrte?

Nun ja... aber er hatte sein Leben zurückbekommen... und einen sehnsüchtigen Schmerz dazu, der nicht von den äußerlichen Wunden herrührte, an den er jetzt jedoch keinen Gedanken verschwenden wollte.
Er seufzte, richtete sich mühsam im Bett auf und setzte langsam die Beine auf den Boden, eines nach dem anderen seitlich über den Kojenrand schwenkend - oder das, was er im Moment "schwenken" nannte. Ihm wurde fast schlecht, als er den Kopf hob, und für einen Moment verschwamm die Kajüte vor seinen Augen. Er fühlte sich elend und schwach, müde und erleichtert... und enttäuscht. Bitterkeit stieg in ihm hoch, und er versuchte krampfhaft, jeden Gedanken an Jack Sparrow aus seinem schmerzenden Kopf zu vertreiben.
An sich herabsehend, empfand er seine Nacktheit als fremd... weil er nun wußte, daß nicht Jacks Hände ihn ausgezogen hatten, sondern fremde Hände, andere Hände. Sein Körper erschien ihm ausgemergelt, und das verletzte Bein sah irgendwie anders aus, der Verband darum war anders gewunden, gröber und nachlässiger als der, den Jack ihm gemacht hatte.
Hatte Jack ihn verbunden?
In seiner Fantasie...

Sein Verstand sagte ihm, daß das nicht sein konnte. Aber sein Gefühl... sein aufgeregtes Gefühl, sein Gemütszustand... sagte ihm etwas anderes, und es beunruhigte ihn, daß er diesem mehr zu vertrauen schien als seinem Verstand.

Er schloß die Augen und lehnte sich an den Bettpfosten.
Jemand klopfte an die Tür, und er zog ein Stück des Lakens über seinen Unterleib, bevor er ein "Herein!" hören ließ und den Kopf hob. Es war ihm ganz recht, Besuch zu empfangen - alles, was ihn ablenkte, war ihm recht.
Groves betrat den Raum mit einem Lächeln, die Tür sachte hinter sich schließend.
"Guten Tag, Sir.", sagte er, ging auf ihn zu und blieb direkt vor ihm stehen.
"Guten Tag, Lieutenant.", antwortete James mechanisch und blickte in das offene Gesicht eines Zeugen, der die zwei Tage bei ihm verbracht hatte.
Hier. Auf der "Dauntless".
Er kam sich ein wenig jämmerlich vor, so nackt und schwach, aber er wußte, daß der Mann, der noch immer vor ihm stand, ihn bereits in seinem bewußtlosen, fiebernden Zustand gesehen hatte, und so war es ihm nicht ganz so peinlich.

"Nehmt Platz, Groves. Ich... ich bin Euch zu Dank verpflichtet..."

Und dann kam ihm ein Gedanke.
Er stellte seine Frage ganz spontan, noch bevor Zweifel in ihm aufkommen konnten.
"Habe ich fantasiert, Groves? Was habe ich gesagt? Es ist so... verwirrend..."
Groves zog den Stuhl zu sich heran, auf dem vorhin Gillette gesessen hatte, und blickte ihn nachdenklich an.
"Nun... ich weiß nicht. Vielleicht regt es Euch zu sehr auf. Sir...", sagte er unsicher, aber ein fester Blick aus grünen Augen sagte ihm, daß sein Vorgesetzter echtes Interesse daran hatte, die zwei verlorenen Tage im Fieber zu rekapitulieren.

"Ihr hattet nicht unerheblichen Schüttelfrost, hohes Fieber... Ihr *habt* fantasiert. Alle möglichen Dinge, die man sagt, wenn man nicht Herr seiner Sinne ist. Ihr habt fast die ganze Zeit über mit... Jack Sparrow gesprochen. Und Ihr habt einmal gelacht, laut und lange, und es war wie ein Anfall... wie ein Irrer. Und..."
Er brach ab, sichtlich verlegen.

James lächelte. Das war genau das, was er hören wollte. Genau das, was geschehen war. Oder?
"Nur zu, Ihr braucht keine Hemmungen zu haben. Ich sitze hier vor Euch im Adamskostüm, und Ihr kennt jedes Detail von mir... Ihr könnt offen sprechen.", ermunterte er seinen Offizier, der ein schiefes Lächeln zeigte... und sich räusperte, bevor er weitersprach.
"Nun... Ihr habt Hand an Euch gelegt. Aber, Sir, das ist... wir alle... Jeder von uns tut das..."
James hob die Hand.

"Schon gut. Danke, Lieutenant, für Eure Offenheit..."
Es paßte alles zusammen. Ja, es *mußte* ein Traum gewesen sein... keiner von den Fieber-Alpträumen, die er aus seiner Kindheit kannte, keiner von den schrecklichen, verstörend echten Gruselträumen, die ihm kalte Angst eingejagt hatten, an die er sich noch heute erinnerte als eine in seine Erinnerungen eingebrannte Furcht... nein, es war ein *schöner* Traum gewesen, einer von denen, die man auch nicht vergißt. Weil sie einem das Gefühl geben, das Leben könnte auch anders sein... einen Hauch davon aufzeigen, wie es sein könnte, wenn das Leben nicht wäre, was es war. Weil sie *echt* waren...

Und es war genauso, wie er im Traum zu Jack gesagt hatte: Zu schön, um wahr zu sein...
James atmete laut auf. Erleichtert... als Groves sich mit einem weiteren Räuspern wieder in Erinnerung brachte.
Er blickte auf.

Es wurde Zeit, aus den Träumen ins Leben zurückzukehren... in *sein* Leben.
Während er sich das Laken um die Hüfte wickelte, deutete er kurz mit dem Kopf auf den Kartentisch in der Mitte der Kajüte und fragte:
"Könnt Ihr mir unsere jetzige Position nennen? Wie weit hat der Sturm die Dauntless' vom Kurs abgetrieben... und wie lange schafft sie es noch mit dem Leck, von dem Gillette gesprochen hat... ohne Reparatur? Welches ist der nächste Hafen?"

Groves stand auf, beugte sich zu ihm hinunter und griff ihm vorsichtig unter die Arme.
"Darf ich, Sir?", und als James nickte, legte er seine Arme behutsam um den schlanken Körper seines Commodores und half ihm auf die schwankenden Beine.
Wieder drehte sich seine Kajüte um ihn, und er war froh, Groves' Arme um sich zu spüren, die ihn hielten und daran hinderten, das Gleichgewicht zu verlieren. Die paar Schritte bis zum Kartentisch legte er humpelnd und ächzend zurück, eher mit Hilfe von Groves' Beinen und Armen als aus eigener Kraft, und er ließ sich fast in den Lehnstuhl fallen, als er ihn endlich erreicht hatte.
Groves blieb abwartend neben ihm stehen, und mit einer Geste forderte James ihn auf, sich ebenfalls hinzusetzen.

Dann kam er sofort zum Thema:
"Wie steht es nun um die Dauntless'?"
"Sir? Darf ich offen reden?", fragte Groves, und ein Nicken ließ ihn fortfahren:
"Wir sind ziemlich weit nach Westen abgetrieben, und das Leck erfordert unsere ganze Aufmerksamkeit. Wir schaffen es höchstens noch ein, vielleicht zwei Tage mit den Pumpen, aber das Schiff muß in eine Werft, um wenigstens das Nötigste zu flicken, damit wir zurück nach Port Royal können. Der nächste Hafen, Sir... die nächste Anlaufstelle...  die *einzige* Alternative vor dem Kentern... wäre..."
Er stockte, und unsicher blickte er seinen Commodore an, der ihm mit einem Lächeln wieder aufmunternd zunickte.

"Tortuga."

James' Brauen schossen in die Höhe.
"Was?", fragte er irritiert.
"Nun... wenn wir klug verhandeln, könnten wir die Dauntless' notdürftig flicken lassen und gefahrlos nach Port Royal zurücksegeln. Man könnte für diese Zeit einen Waffenstillstand aushandeln, vielleicht eine Art neutrale Zone vereinbaren..."

Hmmm. Vielleicht ginge das wirklich? James überlegte einen Moment lang. Seine beiden Offiziere waren nicht müßig gewesen in den letzten beiden Tagen. Sie hatten ihre Pläne wohl gut ausgearbeitet, denn das, was Groves sagte, klang überzeugend. Er konnte sie sich gut vorstellen - wie sie überlegt hatten, was zu tun war, wie sie sich Pläne zurechtlegten, Verhandlungsmöglichkeiten erwogen und wieder verwarfen... ohne seine Hilfe, nur auf sich gestellt.

Und sie hatten die Probe bestanden.
"Zumindest müßte man es versuchen. In Tortuga muß es ja auch Zimmerleute geben - schließlich brauchen auch Piratenschiffe mal eine Reparatur...", stimmte er Groves zu, der erleichtert aufatmete.
Und er fügte ein anerkennendes: "Gute Arbeit, Lieutenant.", hinzu.
Groves nickte.

"Nach Tortuga also...?", fragte er freudestrahlend.
"Nach Tortuga.", war die Antwort.

~*~*~*~*~*~*~*~*~

Es war erst etwa eine halbe Stunde her, seit seine beiden Offiziere zur Verhandlung mit den Piratenkapitänen von Tortuga aufgebrochen waren, aber er war bereits so nervös, daß er immer wieder auf und abhumpelte, trotz der Schmerzen, die es ihm bereitete und obwohl er sie freiwillig - und einsichtig - hatte gehen lassen, auf ihre Klugheit vertrauend. Jedes Mal, wenn er die Krücke aufsetzte, die ihm Jones, der Zimmermann, gebaut hatte, schreckte er von dem dumpfen Geräusch, das Holz auf Holz macht, auf, aber er konnte nicht still auf der Stelle stehen - oder sich gar hinsetzen und warten.

Lange hatte er den beiden Booten hinterhergeschaut, die auf den Hafen zuhielten, hatte durchs Fernrohr beobachtet, wie sie am Steg anlegten und die beiden Offiziere ausstiegen - eine weiße Flagge hochhaltend - und dann in der Menge, die sich dort eingefunden hatte, verschwanden.

Der Steuermann, der, obwohl die "Dauntless" ankerte, an seinem Platz stand, groß und hager, angelehnt an die Reling hinter sich, blickte ihn von der Seite her an, als er wieder an ihm vorbeihumpelte... und wieder hatte er dieses eigenartige Gefühl, das ihn immer beschlich, wenn er ohne Perücke und Hut - die immerhin ein Teil seiner Uniform waren - von seiner Mannschaft gesehen wurde, obwohl sein Haar ordentlich zusammengbunden war...

Oder war es etwas anderes? Die Perücke war nun einmal weg - weggeweht vom Sturm, der die "Dauntless" so verletzt hatte... und ihn. Es ärgerte ihn, überhaupt einen Gedanken an ein so nutzloses Ding zu verschwenden. Äußerlichkeiten! Ganz nebenbei dachte er an das, was Jack gesagt hatte - der Jack aus seinen Fieberträumen - über sein Haar... und ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht. Komplimente eines Piraten... aus seiner eigenen Fantasie gesponnen.

"Sir. Eure Verletzung. Mit Verlaub, vielleicht solltet Ihr ruhen...", schreckte ihn die Stimme des Steuermannes aus seinen Gedanken, und er sah, wie der Mann respektvoll auf James' Oberschenkel zeigte.
James blickte ärgerlich an sich hinunter und wollte schon eine ablehnende Antwort geben, als er den roten Fleck auf seiner weißen Hose bemerkte, der langsam immer größer wurde. Nein - er wurde *schnell* größer.
"Oh nein...", seufzte James auf. Nicht schon wieder!

Er nickte dem Steuermann zu. Wenn er schon selbst nicht auf sich achtgab, so konnte er doch wenigstens Dankbarkeit zeigen, wenn es andere für ihn taten.

"Ich gehe in meine Kajüte, Mister Rayne. Verständigt mich bitte, sobald sich etwas Neues ergibt."
"Aye, Sir.", sagte Rayne und lächelte leicht. James lächelte zurück, bevor er sich umdrehte und mühsam die Treppe hinunterstapfte, Stufe für Stufe, stumm seinen desolaten Zustand verfluchend.
Bevor er endgültig im Innern der "Dauntless" verschwand, blickte er noch einmal hinüber in diese Bucht, die so rauh und unwirtlich aussah unter dem blauen Himmel der Karibik... und sah jetzt, wie drei Boote auf sie zuhielten, zwei kleinere - die der "Dauntless" - und ein größeres, das ihnen folgte.

Augenblicklich vergaß er seinen Zustand, die Schmerzen, den Fleck durchsickernden Blutes auf seiner Hose und daß er sich schonen mußte, humpelte zur Reling und blieb wie angewurzelt dort stehen - bis die Boote das Schiff erreichten und die beiden Offiziere zu ihm hochblickten.
Erleichtert nahm er ihre entspannten Gesichter wahr, als sie die Leiter hinaufkletterten, und als Gillette und Groves vor ihm standen, hielt er es nicht mehr aus.

"Was ist? Wart Ihr erfolgreich?"
Gillette nickte lächelnd.
"Der Werftmeister und einige seiner Zimmerleute sind schon mit uns gekommen.", sagte er und zeigte auf das größere Boot, das jetzt längsseits ging.
"Er will zunächst den Schaden begutachten, und wir haben für die Reparatur einen fairen Grundpreis ausgehandelt. Kommt drauf an, wieviel Material sie brauchen werden. Und einen Waffenstillstand gibt es auch..."
"Selbst diese Piraten haben eine gewisse Art von Seemannsehre, die bei Seenot eingehalten werden muß.", schob Groves mit einem anerkennenden Lächeln ein, bevor Gillette seinen Bericht fortsetzte.
"Unser Schiff und die Bucht sind neutrales Gebiet, solange die Reparatur dauert... und danach noch einen weiteren Tag, den sie uns als Vorsprung geben."
Gillette hatte mit ruhiger Stimme gesprochen, aber jetzt blickte er seinen Vorgestzten stolz an.

Der sah erstaunt aus - und zufrieden.
"Wie habt Ihr das gemacht?", fragte er, ohne die verlegenen Blicke zu bemerken, die Groves und Gillette sich zuwarfen.
Groves' Augen blieben an dem nun schon ausgedehnten Blutfleck auf James' Hose hängen.
"Sir. Ihr blutet schon wieder.", sagte er besorgt.
James winkte ab.
"Das heilt. - Wie sind die Bedingungen für diese Vereinbarungen mit den Piraten?", blieb er beim Thema.
Gillette schluckte, ehe er sprach.

"Nun... die Piratenkapitäne hatten einen Vertreter gewählt, der die Verhandlungen mit uns geführt und in fast allen Punkten unseren Wünschen entsprochen hat. Er war wirklich sehr zuvorkommend... Erstaunlich gesprächsbereit und großzügig. Nur... naja... den Vertrag wollte er nicht unterzeichnen - nicht ohne *Eure* Unterschrift, Sir. Die Bedingung ist, daß Ihr an Land geht und den Vertrag unterschreibt... Eigenhändig. Und bevor Ihr das nicht getan habt, werden die Reparaturen am Schiff nicht durchgeführt."

Während Gillette sprach, gingen seine Augen unruhig hin und her, zu Groves und zurück zu Norrington, und inzwischen waren auch die Zimmerleute aus Tortuga an Deck der "Dauntless" und ließen sich vom Bootsmann hinunterführen in den Laderaum, vorbei an den drei Offizieren, die so vertieft in ihr Gespräch waren, daß sie sie gar nicht wahrzunehmen schienen. Dafür streiften viele verstohlene Blicke den dunkelhaarigen Mann im blauen Uniformrock, der auf seine Krücke gestützt dastand und nur zuhörte.

Als sein Blick einmal dem eines vierschrötigen, bärtigen Mannes mit großflächigen Tätowierungen auf den Armen begegnete, bemerkte James dessen fast ehrfürchtiges, beinahe scheues Interesse, das so gar nicht zu diesem alten Seebären zu passen schien... und ihn streifte die Erinnerung an einen gewissen "Schrecken der Karibik", was ihn, gegen seinen Willen, erheiterte. Als er die ob seines Lächelns irritierten Blicke seiner Offiziere bemerkte, riß er sich zusammen und setzte wieder eine ernste Miene auf.

Was hatte Gillette eben gesagt? Er sollte *eigenhändig* diesen Vertrag unterzeichnen?
Seit wann machten Piraten *schriftliche* Verträge? Für jeden Piraten reichte ein Handschlag, um Verhandlungen abzuschließen.

Hmmm...

Und dann wurde ihm der Grund klar, und eigentlich hätte er die folgende Frage überhaupt nicht mehr stellen müssen, weil er die Antwort bereits wußte:
"Wer war dieser Verhandlungsführer?"

Die beiden schienen auf diese Frage gewartet zu haben, waren sich aber nicht einig darüber, wer sie beantworten sollte, und so sprachen sie gleichzeitig.
"Sparrow, Sir!"
James nickte. Natürlich... und als sein Blick in Richtung seiner beiden Offiziere glitt, bemerkte er deren Erleichterung, fast Heiterkeit, endlich alle Karten offen auf den Tisch gelegt zu haben.
Er tat ihnen den Gefallen, sich nichts anmerken zu lassen.

"So so. Jack Sparrow also. Nun... er schuldet uns ja noch einen Tag Vorsprung, nicht wahr? Gut, daß er das nicht vergessen zu haben scheint. Ich gehe mich kurz umziehen - laßt ein Boot klarmachen, Groves. Ihr und Gillette bleibt in meiner Abwesenheit auf dem Schiff.", befahl er, drehte sich um und verschwand unter Deck.
Als er endlich die Kajütentür hinter sich geschlossen hatte, lehnte er sich für einen Moment an, den Blick an die Decke geheftet, die Krücke noch immer unter die Achsel geklemmt - und seufzte tief. Er fühlte sich müde und schwach, und vor allem fühlte er sich unsicher.

Aber er durfte es nicht zulassen, keine Schwäche zeigen. Nicht als Commodore, nicht als Mensch, denn schließlich hatte er die Verantwortung für ein ganzes Schiff mitsamt Mannschaft, und er mußte handeln, anstatt zu grübeln oder an irgendwelche Fieberfantasien zu denken.
Gut. Also los!

James atmete tief durch und stieß sich von der Tür ab.
Die Krücke stellte er an die Wand neben dem Eingang, bevor er ohne Hilfe zum Schrank humpelte, der hinter dem Kartentisch in die Wand eingebaut war. Beide Türen mit einem Mal öffnend, stellte er sich direkt davor und blickte hinein. Glücklicherweise mußte man als Uniformträger nicht lange nach der passenden Kleidung suchen, dachte er, nahm ein frisches Paar weißer Hosen aus dem Fach und legte sie auf den Tisch, bevor er noch einen weiteren Blick in den Schrank warf.

Die Kleidung - der Uniformrock, die Hose und das Hemd -, die er an dem Tag getragen hatte, als er verletzt worden war, gab es nicht mehr. Lange hatte er danach gesucht, und von der Mannschaft hatte auch niemand eine Erklärung für deren Verbleib, und niemand konnte sich mehr daran erinnern, wer ihn ausgezogen hatte. Na gut, es war stürmisch gewesen, die Situation kritisch und gefährlich... sicherlich auch hektisch, aber es war trotzdem merkwürdig, wie seine gesamten Sachen so einfach verschwinden konnten. Eine flüchtige Erinnerung kam hoch. An seine Fieberträume, in denen Jack die Sachen einfach über Bord geworfen hatte, und er lächelte kopfschüttelnd. Seine Fantasie kannte wohl keine Grenzen...

Vorsichtig setzte er sich auf einen Stuhl und zog sich zuerst die Schuhe, dann die blutbefleckte Hose aus.
Er stöhnte leise auf, als er die verschmutzte Hose über seinen Oberschenkel hinunterschob und auf den Boden gleiten ließ. Vorsichtig löste er den blutdurchtränkten Verband. Die Wunde war noch immer nicht geschlossen - im Gegensatz zu seiner Kopfwunde, die sehr gut heilte -, und bei Überanstrengung fing sie immer wieder an zu bluten. Naja, im Grunde überanstrengte er sich immerzu, denn er hatte sich seit seinem Erwachen keine weitere Bettruhe erlaubt - außer der normalen Nachtruhe. Kein Wunder, dachte er... und seufzte.

James ließ den Verband neben seine Hose auf den Boden fallen und blickte sich um. Hinter ihm, wenige Schritte entfernt auf dem Bett lagen noch ein paar in Streifen gerissene Laken, und er stand auf, um sie zu holen, als er auf dem Boden etwas bemerkte.

Das Bücken fiel ihm schwer, zumal er viel mehr Gewicht auf sein verletztes Bein legen mußte, aber er hob den kleinen Gegenstand auf, bevor er sich aufs Bett setzte.
Erstaunt sah er auf seine Hand hinunter, in der ein Knopf lag. Kein Uniformknopf, sondern ein ganz normaler Hosenknopf.

Hm. Nun ja, ein Soldat oder Seemann, der hier saubergemacht hatte, konnte ihn verloren haben...
Nein - er wollte nicht darüber nachdenken, beschloß er plötzlich. Je schneller er sich umzog und diesen dummen Vertrag unterschrieb, desto schneller wäre die ganze leidige Jack-Sparrow-Sache erledigt. Klar soweit?
James rollte mit den Augen. Wie schlimm mußte es um ihn stehen, wenn er jetzt schon im Sparrow-Wotschatz dachte?

Kopfschüttelnd nahm er die frischen Verbände vom Bett und humpelte wieder zurück zum Kartentisch, den Knopf darauf ablegend. Mit wenigen Handgriffen hatte er dann den Verband befestigt, die frischen Hosen übergezogen, die Schuhe, dann sein Schwert umgeschnallt, und schon stand er vor der Tür, bereit, seinem Gegner ins Auge zu blicken.

Aus einem unerfindlichen Grund sah er sich noch einmal zum Kartentisch um, und aus demselben unerfindlichen Grund ging er noch einmal zurück und steckte sich den Knopf in die Hosentasche.
Stirnrunzelnd stand er dann da... gab sich endlich doch einen Ruck und lief zur Tür, so aufrecht wie es ihm möglich war. Vielleicht konnte er ja auf seine Krücke verzichten? Wenn er die Zähne zusammenbiß, würde es schon gehen - es ging ja auch jetzt schon viel besser, nicht wahr?

Nun ja. Es war schließlich nur ein Traum gewesen, eine anregende, witzige, lächerliche Fantasie, erzeugt von Fieber... und er war Commodore der königlichen Marine, ein Mann des Rechts - und es wäre doch gelacht, wenn er vor einem mickrigen Piratenkapitän nicht eine gute Figur abgeben könnte - zwar ohne Hut, aber immerhin! -, oder? Vor einem Piraten, in den er *nicht* verliebt war! Jawohl!

James hob das Kinn, straffte die Schultern, atmete tief durch und streckte den Arm nach dem Türknauf aus.
In diesem Moment klopfte es, und erschrocken zuckte James zusammen, wobei sein Bein wegknickte und er den Halt verlor, gegen die Wand neben der Tür fiel, daran herunterrutschte und die Krücke, die dort auf ihn gewartet hatte, polternd mit sich zu Boden riß.

Stöhnend verzog er das Gesicht.

Was war *das* eben gewesen? Commodore? Mann des Rechts? Gute Figur?
Ja. Natürlich.
Er war ein jämmerlicher Krüppel und benahm sich wie ein eitler Gockel! Fast war er aufgeregter als an dem Tag, als er Elizabeth einen Heiratsantrag machen wollte... und wir wissen ja alle, was danach alles passiert ist!

Arrgh!

Die Tür öffnete sich zögernd einen Spalt, und Groves schob seinen hellen Kopf hindurch, erstaunt auf den Commodore hinunterblickend, der an die Wand gelehnt auf dem Boden neben der Tür halb lag, halb saß und sauertöpfisch auf die Krücke blickte, die vor ihm lag.
"Ist alles in Ordnung, Sir? Ich wollte gerade fragen kommen, ob Ihr Hilfe benötigt... und melden, daß das Boot klar ist...", sagte der Lieutenant mit einem unsicheren Ausdruck im Gesicht und streckte ihm seinen Arm entgegen.

"Wenn man davon absieht, daß ich wohl sicherer auf allen Vieren unterwegs wäre und mein Stolz gerade seinen Tiefststand erreicht hat, ja, dann ist alles in Ordnung, Groves. Danke.", erwiderte James mit einem augenrollenden, unfreiwilligen Grinsen und ergriff Groves' Hand, um sich ächzend daran hochzuziehen.
Mit einem Seufzer lehnte er sich an die Wand und sah zu, wie sein Lieutenant sich nach der Krücke beugte, diese aufhob und hinstellte, sie vorsichtig in James' Hand drückend, als wäre er aus Porzellan. So ähnlich fühlte er sich auch - unsäglich überflüssig, zerbrechlich und hilflos, aber gleichzeitig ließ sich dieses Grinsen nicht aus seinem Gesicht vertreiben.

Über sich selbst, über diese, wie er fand, urkomische Situation... und er schüttelte den Kopf, als er Groves' fragenden Blick bemerkte - und daß auch auf dem Gesicht des Lieutenants der Hauch eines Grinsens stand.
"Schon gut, Lieutenant. Ihr dürft ruhig lachen... Mir geht es gut. Ich werde meine Pflicht erfüllen.", sagte er, schob sich die Krücke unter die Achselhöhle und den Offizier zurück in den Gang.
"Daran hatte ich nie einen Zweifel, Commodore.", sagte Groves hinter ihm anerkennend, aber James zog es vor, darauf keine Antwort mehr zu geben, sondern dankte seinem treuen Offizier nur mit einem stummen Lächeln, als er über die Schulter zurückblickte.

Die zehnminütige Überfahrt verbrachte er schweigend - und er wollte sehr schnell vergessen, wie er ächzend und so nervend langsam unter den Augen seiner Mannschaft die Leiter zum Boot hinabgestiegen war. Jede Leitersprosse schien die Schmerzen in seinem Oberschenkel zu vergrößern, bis er endlich fast ins Boot gefallen war. Den Gedanken an seine baldige Begegnung mit Sparrow verdrängte er durch eine angestrengte, intensive Betrachtung der Bucht, und der dunklen Berge, in die sie eingebettet war, und er vertiefte sich intensiv in den Anblick der sich wandelnden Farbtöne einer soeben untergehenden Sonne, deren Strahlen sich auf dem Wasser spiegelten und zitternd immer neue Farben und Lichtreflexe erzeugten.

Mit Unterstützung seiner Krücke, mit der ihn inzwischen eine Art Haßliebe verband, erhob er sich, als das Boot anlegte, und blickte stolz in die Menschenmenge, die sich auf dem Steg drängte, um ihn, den Commodore, den Narren, die Attraktion des Tages, zu sehen - ohne selbst etwas zu sehen.

Rayne, der mitgerudert hatte, sprang auf den Landesteg, drängte mit einer ausladenen Armbewegung die Meute etwas zurück, legte einen Strick um einen Pfahl und hielt dem Commodore seine ausgestreckte Hand hin. Bereitwillig nahm James die ihm dargebotene Hilfe an - in Erinnerung an die Szene in seiner Kajüte - und stieg, einigermaßen elegant, wie er zufrieden feststellte, aus dem Boot.

Und da stand er auch schon.
Abwartend, mit einem ruhigen, fast gelangweilten Blick aus dunkelumrandeten Augen, gelassen, ein leises, spöttisch-angehauchtes Lächeln im Gesicht, als würde er jeden Tag einen Commodore in Tortuga begrüßen: Jack Sparrow.

James reckte das Kinn in die Höhe und blickte an seiner Nase entlang auf den kleineren Mann, als er vor ihm stehenblieb, gestützt auf die Krücke, die seine Erscheinung etwas weniger würdig aussehen ließ, wie er dachte. Als er jedoch kurz dem ungläubig-verehrenden Blick eines älteren Mannes begegnete, der nahe bei ihm stand, bekam er für einen kurzen Augenblick eine Ahnung davon, daß selbst diese Beschädigung dem "Schrecken der Karibik" keinen Abbruch tat - sondern seine Erscheinung vielleicht noch unterstrich.

Aber diese Erkenntnis gelangte nicht in sein Bewußtsein, weil jetzt Jacks Stimme erklang.
"Willkommen in Tortuga, Commodore Norrington.", sagte er grinsend, und es war eigenartig, wie vertraut das mit dieser Stimme klang... und es war wie ein Signal, denn die zuvor andächtig schweigende Menge begann zu johlen, zu brüllen, zu lachen, zu pfeifen, gackerte los, sprach durcheinander, und als Jack ihm bedeutete, ihm zu folgen, sich umdrehte und durch die Menge voranging, teilte sich vor ihnen eine Gasse.

James blickte ihm kurz hinterher, seinen wankenden Schlenderschritt betrachtend, bevor er sich humpelnd in Bewegung setzte. Ein schwankender, hüftschwingender Piratenkapitän und ein humpelnder Commodore - was mußten sie beide für ein Anblick sein! Ein kaum merkliches Lächeln huschte über seine Miene, die aber sofort wieder konzentriert wurde, als er sich aufmachte, dem Piraten zu folgen. Die Handhabung der Krücke erforderte Übung, die er sich noch immer schwerfällig anzueignen versuchte - und was ihn mehr anstrengte, als er je zugegeben hätte.

Dann fiel ihm Rayne wieder ein, und er drehte sich kurz um und nickte dem abwartend dastehenden Steuermann der "Dauntless" kurz zu.

"Es wird sicher nicht lange dauern, Mister Rayne.", sagte er und setzte sich dann erneut in Bewegung, um Jack hinterherzuhumpeln, der am Ende des Landestegs bereits auf ihn wartete, den Schlag einer zweispännigen Kutsche aufhaltend, die James in dem ganzen Gewirr überhaupt nicht bemerkt hatte.

Und vor Aufregung.
Sein Herz pochte seit dem ersten Blick in die tiefen Augen Jack Sparrows, hüpfte wild und aufgeregt in seiner Brust, und er fühlte, wie sein Körper fast zitterte vor Anstrengung, diese Aufgeregtheit zu verbergen.
Jack hatte ihn angeblickt, nur ihn, und wenn er nicht genau gewußt hätte, daß alles, was er in seiner Fieberfantasie erlebt zu haben glaubte, nur seinem fiebrigen Hirn entsprungen war, dann hätte er diesen Blick als wissend deuten können - als den Blick eines Liebhabers, der sich freut, den Gegenstand seiner Liebe wiederzutreffen.

Aber das konnte nicht sein. Niemals!
Seine Kehle war wie ausgedörrt, und das Schlucken fiel ihm schwer, sogar das Atmen war mühsam, ganz zu schweigen von den Schmerzen, die sein verletztes Bein verursachte, das sich plötzlich wieder meldete... pochender Schmerz, der mit jedem Schritt zunahm... Auch das noch! Fehlten bloß noch ein erneutes Aufplatzen der Wunde und ein kleiner Ohnmachtsanfall vor der Piratenmeute, und sein Glück wäre komplett, dachte er, grimmig die Zähne zusammenbeißend.

James versuchte, seine Aufregung herunterzuschlucken, als er in die Kutsche einstieg und sich auf den ledernen Sitz niederließ, erleichtert aufatmend, weil er sein Bein entlasten konnte.
Jack nahm ihm gegenüber Platz - ihn grinsend mit einem Blick streifend -, und sofort setzte sich das Fahrzeug in Bewegung, um... nur ein paar Meter weiter wieder zum Halten zu kommen.
Fragend blickte er Jack an, der das aber gar nicht wahrzunehmen schien, sondern aufstand, den Schlag wieder öffnete, ausstieg und sich daneben plazierte, James seine Hand zur Hilfe hinstreckend.
Sollte das alles ein Witz sein? War er die Braut, die zur Kirche gebracht wurde?
Egal, er tat, als wäre es ganz normal. Die ihm hingestreckte Hand übersehend, erhob sich schwerfällig - er haßte es, schwerfällig zu sein! - und setzte den Fuß der Krücke aufs Pflaster der Straße, ehe er sich selbst aus der Kutsche hievte und hochblickte.

Sie standen vor dem Portal eines zweistöckigen Hauses, das einmal sehr schön gewesen sein mußte. Die Freitreppe davor war nur ein paar Schritte breit, aber an den Seiten elegant auslaufend mit einem in Stein geschlagenen, durchbrochenen Geländer von jetzt blaßgrauer Farbe. Die doppelflüglige, ehemals wohl weiße, schwere Holztür war reich mit Schnitzereien verziert und hatte eine riesige Klinke, welche jetzt von innen heruntergedrückt wurde. Ein Mann erschien in der Tür, nicht sehr groß, dafür aber umso breiter und kräftig. Ein graumelierter Backenbart gab ihm das Aussehen eines listigen Tieres, aber James kam im Moment nicht darauf, an welches Tier ihn dieser Mann erinnerte, der ihn und Jack nun breit angrinste - und er erkannte nicht einmal den Mann, der einst unter seinem Kommando gedient hatte.

"Willkommen in Tortuga, Commodore Norrington! Kommt nur herein in unsere bescheidene Hütte!", sagte er mit seiner angenehm tiefen Stimme und kam ihnen entgegen. Das alles - dieser Ort, die Kutsche, das Haus, der Mann mit dem Backenbart, der ihm irgendwie bekannt vorkam, hinter ihm Jack - erschien ihm unwirklich. Unwirklicher fast als seine Fieberfantasien... und das Boot, in dem er darin gerettet worden war.

Arrgh! Da waren sie schon wieder, diese vorlauten Erinnerungen, die keine waren, sondern nur... Fieberträume! Ja, Fieberträume! Nicht dran denken! Es hatte nie stattgefunden!
Zögernd erklomm er die wenigen Stufen, Schritt für Schritt, zuerst mit der Krücke, dann mit den Füßen... und trat hinter dem Mann durch die Tür, gefolgt von Jack.

Mühsam keuchend von der Anstrengung blieb er stehen und sah, wie der Mann sich an Jack wandte.
"Es ist alles fertig, Jack. Ich gehe dann mal...", sagte er und nickte ihm nur noch einmal kurz zu: "Commodore." - wieder mit einem breiten Grinsen -, bevor er nach draußen trat und die Tür hinter sich schloß.
Kerzenflackern war das erste, was er bemerkte in dem Schummerlicht, das in diesem Haus herrschte, Kerzenflackern und ein Geruch nach irgendwelchen Blüten... Jasmin, dachte er. Sogar in einer Piratenhöhle blühte Jasmin.

Dann fiel ihm wieder ein, warum er hier war. Er richtete sich auf, hob den Kopf und blickte sich nach Jack um.
"Wo soll ich unterschreiben, Sparrow?", fragte er mit beherrschter Stimme, stolz darauf, sich wieder im Griff zu haben.

"Nirgendwo natürlich, Comminorrijimmylieb!", flüsterte Jack, dicht hinter ihm, direkt in sein Ohr, und er konnte seinen heißen Atem spüren, der nach Rum roch... und anderen Dingen. Vertraut. James würde diesen Atem immer wiedererkennen... Aber... Hatte er sich verhört?

"Was...?", fragte er und ärgerte sich über das leichte Zittern, das in seiner Stimme mitschwang.
Und da waren sie, diese Hände. Die ganze Zeit über hatte er es erfolgreich vermieden, an diese unvergleichlichen Hände zu denken, diese wunderbaren Piratenhände aus seinem Traum... und plötzlich waren sie wieder da, als Jack ihn jäh von hinten umarmte.

Lebendig, wirklich...

Das war nicht möglich, und er spürte, wie sein Körper das alles verneinte und steif wurde, stocksteif und fremd und... nicht anwesend.
Die Hände streichelten genüßlich über seinen flachen Bauch, schoben den Uniformrock zur Seite und glitten hinauf auf James' Brust, in der sein Herz klopfte.

Laut und empört und glücklich und aufgeregt und protestierend und ungläubig.
Er hielt den Atem an, und als Jack um ihn herumstreifte - eine Katze am Bein ihres Milchgebers - und sich an ihn lehnte, gaben seine Beine nur nicht nach, weil er mit äußerster Willensanstrengung dagegen ankämpfte.
Mit einem Ruck wich er einen Schritt zurück, ließ die Krücke fallen und lehnte sich gegen die Tür.
Hm. Nicht mit dem Rücken zur Wand, aber mit dem Rücken zur Tür. Hatte das etwas zu sagen - oder machte es gar einen Unterschied? Er schüttelte den Kopf über so einen abwegigen Gedanken - in dieser Situation!
Das Poltern der fallenden Krücke war zu laut, um es zu ignorieren - selbst für einen Jack Sparrow. Verwundert blickte er James an.

"Was ist...?", fragte er, und dann unterbrach er sich selbst.
"Oh... entschuldige. Ich hatte deine Wunde vergessen, Norri-Schatz. Komm, ich stütze dich. Das Sofa steht dort hinten.", sagte er, legte vorsichtig James' Arm auf seine Schulter, umfaßte den jetzt sehr blassen Commodore, zog ihn hinüber zum zerschlissenen Sofa, das unter dem Treppenaufgang stand, und ließ ihn sacht auf die weichen Polster sinken. Mit Verwunderung ließ James das alles willenlos mit sich geschehen, und als er endlich saß, schloß er die Augen.

Er hörte, wie Jack sich entfernte, irgendwo im Raum mit Gläsern herumhantierte, hörte, wie eine Flasche entkorkt und ein Glas eingegossen wurde, wie Jack sich ihm wieder näherte... und dann roch er den Rum, den der Pirat ihm unter die Nase hielt. Scharfer, hochprozentiger Geruch stieg daraus hoch.
"Hier, nimm einen Schluck, dann geht's dir gleich besser.", hörte er Jacks besorgte Stimme sagen - wenn der Pirat kein Mann gewesen wäre, hätte er gut eine Mutter werden können, so gluckenhaft klang das! -, und er öffnete die Augen und griff mechanisch nach dem Glas mit der bronzefarbenen Flüssigkeit, das ihm hingehalten wurde.

Als das atemberaubend scharfe Getränk durch seine Kehle rann, mußte er husten, aber das brachte ihn wieder zur Besinnung und schien sein Gehirn zurechtzurücken. Vielleicht war es ja in Wirklichkeit auch der Rum, der das tat. Jedenfalls fand er seine Sprache wieder, wenn auch stockend.

"Dann ist es also *wirklich* passiert, Jack? Das... das ist nicht möglich!", brachte er hervor, ungläubig den Kopf schüttelnd, und ihre Blicke trafen sich.

Schweigend sahen sie sich an, beide in den Augen des anderen lesend. Dann stand Jack, der vor ihm gekniet hatte, plötzlich auf, ging quer durch den Raum - eine Eingangshalle, die auch ein Salon war -, und während James ihm hinterherblickte, blieb er vor einer großen, hölzernen Buckeltruhe stehen, die alt und zerschrammt aussah und verrostete Metallbeschläge hatte. Mit einem Handgriff öffnete er den Deckel, klappte ihn nach hinten gegen die Wand und bückte sich, um darin herumzuwühlen.

Was sollte das? Warum antwortete Jack ihm nicht? Was suchte er?
Anscheinend konnte Jack nicht finden, was er suchte und verließ den Raum, ohne sich noch einmal nach ihm umzublicken, vollkommen in Gedanken.

War er jetzt ganz und gar verrückt geworden? James blickte ihm erstaunt nach, sagte aber nichts.
Dann war er allein in diesem Salon, und ihm wurde plötzlich bewußt, wo er sich befand. In Tortuga, in einem Piratenhaus, auf einem Sofa... mit einem Glas Rum in der Hand. Und nebenan rumorte Jack... Käpt'n Jack Sparrow.

Um sich abzulenken, nahm James Notiz von der Einrichtung dieses Hauses, vom Haus selbst. Ein kleiner, geschnitzter Tisch, auf dem er das Glas neben einer Schale Äpfel abstellte, mehrere Hocker, das Sofa mit dem ausgeblichenen Gobelinüberzug, zwei geschwungene Stühle, ein kunstvolles Stilleben an der gegenüberliegenenden Wand über dieser überdimensionalen, jetzt aufgeklappten Holztruhe. Überall Kerzenleuchter, und keiner glich dem anderen... Jedes einzelne Stück hier schien gebraucht zu sein, alt und benutzt und irgendwie zerschlissen, nichts davon war neu, alles war wie von den Nachbarn ausgeborgt, zusammengewürfelt. Ach ja, es war wohl alles gekapert worden, zusammengetragen von Piraten...
Seine Aufmerksamkeit wandte sich wieder Jack zu, als der jetzt den Raum betrat und gefunden zu haben schien, was er gesucht hatte. Er hatte etwas auf den Armen - Stoff, Kleidung oder etwas in der Art - und steuerte zielstrebig wieder auf das Sofa zu, auf dem James noch immer unbeweglich saß.
Jack ließ alles, was er auf dem Arm hatte, in James' Schoß fallen, bevor er sich selbst auf dem Boden vor dem Sofa niederließ.

Da lag plötzlich ein ganzes Lumpenbündel in James' Schoß, verschmutzt, zerknittert und uralt, wie es ihm schien, leicht muffig riechend, und er wollte schon zurückweichen, als ihm etwas auffiel.
Etwas Gravierendes, Unglaubliches, etwas, das ihm den Atem verschlug.
Er schluckte, und wieder konnte er spüren, wie sein Herz in seiner Brust trommelte.

Es waren *seine* Kleider, sein eigener Uniformrock, sein Hemd, die Hose, zerrissen und zerknittert, von eingetrocknetem Blut ruiniert, fast nicht zu erkennen... aber es waren *seine* Sachen, genau die, die er an jenem Tag getragen hatte, der so stürmisch gewesen war... und so schicksalhaft.

Sprachlos sah er über seine Sachen hinweg in Jacks Augen.
Der Pirat, der vor dem Sofa kniete, eine Hand auf James' Schenkel, blickte ihn ernst und abwartend an, und Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus.
Es mußte etwas geben, etwas zwischen Himmel und Erde, etwas, das nicht für den rationalen Verstand galt, sondern... irgendetwas, das nicht zu erfassen war mit Logik, nicht in der realen Welt existierend - und doch wahrhaftig.

Wie hatte Jack das gemacht?

James schob die zerknüllten Sachen beiseite, hob ächzend sein Hinterteil an und tastete in seiner Hosentasche nach dem Knopf... und jetzt wußte er, warum er noch einmal zurückgegangen war und ihn eingesteckt hatte.
Dann hielt er ihn zwischen Daumen und Zeigefinger hoch, fast triumphierend.

"Du hast auch etwas verloren... Es ist also wahr! Wie... wie hast du das gemacht? Das geht doch überhaupt nicht!", sprudelte es aus ihm heraus - und er bekam dafür ein breites, goldglänzendes Lächeln geschenkt.
"Wieso soll das nicht gehen? Das fragst ausgerechnet *du*? Du hast gegen Barbossas lebende Skelette gekämpft... und fragst *mich*, wie ich Raum und Zeit überwinden kann, nur, um bei dir zu sein? Du bist in einer Geistergeschichte gewesen und glaubst nicht, was du *wirklich* erlebt hast? Das glaube *ich* nun wieder nicht!"
James schüttelte den Kopf, aber in seinem Innern keimte bereits die Erkenntnis...

Wie sonst - wie! - hätte er sich solche Dinge ausdenken können wie das so unfaßbar zärtliche Wort "Comminorrijimmylieb"? Oder einen noch ausstehenden *Kampf* mit ihren "Schwertern", welche wahlweise auch als "Enterhaken" benutzt werden konnten, um die Vorherrschaft in der Karibik? Oder... diese wunderbaren, unvergleichlichen Piratenhände? Das konnte nur ein *wirklicher* Jack Sparrow gewesen sein - und ganz bestimmt nicht seiner eigenen Fantasie entsprungen. Nicht in seinen wildesten Fieberträumen... Und war das hier - seine Sachen, der Knopf, die Vertrautheit... war das alles nicht Beweis genug?
"Warum?", flüsterte er, obwohl er die Antwort bereits wußte. Aber er wollte es hören, in Jacks Worten, hier und jetzt.

"Schatz!", sagte der, leise lachend, und ein Zeigefinger bohrte sich in seine Brust.
James hob eine Braue. Schatz? War er ein weiterer Schatz in Jack Sparrows Sammlung? Ein Blick in die dunklen, im warmen Kerzenlicht so leuchtenden Augen - oder kam dieses Leuchten nicht vielmehr von innen? -, die vor seinem Gesicht waren, beantwortete die Frage mit einem klaren Nein.

"Schatz!", wiederholte Jack, sichtlich dieses Wort genießend.
"Ich konnte dich doch nicht ertrinken lassen - auch wenn du dich so gerne mit Gewalt schlechtfühlst! Aber *den* Gefallen konnte ich dir nun wirklich nicht tun, auch wenn ich alles für dich tun würde... Seit wir uns da in Port Royal begegnet sind, war ich immer bei dir... irgendwie. Weißt du, wie du das geschafft hast?"
James blickte Jack fragend an.

Wie sollte er das geschafft haben? Was denn überhaupt - war es nicht etwas, was *Jack* geschafft hatte, nicht er?
Der Pirat grinste.
"Deine schlechte Laune war das, Norri. Hochnäsigkeit. Blasiertheit. Deine Hand, die mich auf der Stelle ergriffen' hat. Dein überlegenes Lächeln, das so unecht war und doch ganz du, dessen Wirkung du dir bei aller Einbildung nicht annähernd vorstellen konntest. Deine vorgetäuschte Ruhe... obwohl du so aufgeregt warst. Meinetwegen. Deine Stimme... Ah... deine Stimme! Die Neugier auf den Duft und die Weichheit deines Haares unter der albernen Perücke... Deine Traurigkeit, deine Einsamkeit, dein verlorenes Herz, vor denen ich dich retten mußte. Und als du mich dann nach meinem Schiff fragtest und dieses erotisch-ironische Käpt'n' hinterhergeschoben hast, da wußte ich, daß ich dich gefunden hatte. Dich, genau dich, kostbarer Norri-Schatz. Das genaue Gegenteil von mir. Mein Gegenmedaillon. Ein Huzzah auf Port Royal!"

James runzelte die Stirn. Wovon sprach Jack bloß?

"Was...? Dann bin ich also *wirklich* über Bord gegangen... und das Boot und alles war... ist passiert? Alles?", fragte er, und je mehr Jack ihm gesagt hatte, desto undurchschaubarer erschien ihm das Ganze.
"Aye! Oder wie man's nimmt... zumindest uns beiden, Norrilieb.", antwortete Jack, umschloß den vor ihm sitzenden James mit beiden Armen und legte seinen Kopf auf dessen Schoß.
Wie ging das alles? Hatte Jack Einfluß auf irgendwelche Bewußtseinsebenen? Und was war mit dem Hier und Jetzt? War das hier *echt*?

Dann überfiel ihn heißer Schreck... wartete nicht Rayne auf seine baldige Rückkunft?
"Mister Rayne! Meine Leute! Ich muß...", rief er aus, versuchte Jack von seinem Schoß zu schieben und wollte aufstehen, aber schlanke Piratenhände drückten ihn zurück aufs Sofa.

"Darum hat sich Mister Gibbs gekümmert. Du brauchst keine Angst zu haben, mein lieber, pflichtbewußter Commodore.", sagte Jack belustigt.

James ließ sich aufs Polster zurücksinken. Gut. Hm. Oder auch nicht...
Wieder schossen Fragen in ihm hoch, mehr, als er je zu formen vermochte, dachte er.
Wo waren sie beide jetzt? Nein, *wann* waren sie beide? Konnten sie beide sich von nun an immer treffen, ohne sich *wirklich* zu treffen, und doch wirklich? Irgendwo im Nichts - oder im Alles?

Was war...?
"Du bist ein Zauberer, *Käpt'n* Jack Sparrow!", entfuhr es ihm.
Der "Zauberer" schüttelte den Kopf.

"Wenn ich ein Zauberer bin, dann bist du auch einer, Commodore James Norrington.", sagte er mit einem überlegenen Lächeln, wichtigtuerisch mit beiden hocherhobenen Zeigefingern auf ihn deutend, bevor er seinen Kopf erneut auf James' Schoß bettete.

"Und dann müssen wir *endlich* noch um die Vorherrschaft in der Karibik fechten. Und zwar bald... gleich...", fügte er murmelnd hinzu, während seine Hände langsam und vorsichtig an James' Oberschenkeln entlangglitten, zielsicher in die Richtung, in der das "Schwert" war, das er zum Kampf herausfordern wollte.

Was...?
"Jack... was ist... Was machen wir, wenn Gillette mich jetzt wieder weckt?", fragte James, und ein glucksendes Lachen stieg aus seinem Innern empor, losgelöst und frei, als er begriff, endlich begriff, daß das Warum nicht wichtig war, daß es nicht wichtig war, eine Erklärung für das Unerklärliche zu finden, eine Erklärung für die Weisheit des Herzens... und die Betrügereien eines wunderbaren, eines geborenen Betrügers... und er strich sanft über Jacks Kopf, über die Haarfluten in seinem Schoß, über *seinen* Piraten, der jetzt wieder den Kopf hob und ihn mit diesen Augen anblickte, in denen er sich so gerne verlor.

"Wir entern den Jungen gleich mit. Klar soweit?"

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