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Die Suche

von Elbereth
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Aragorn Gandalf
10.04.2004
09.05.2004
6
10.995
 
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Die Gestalt war nicht mehr als ein düsterer Schatten, umrissen vom rötlichen Schimmer zuckender und tanzender Flammen. Das Feuer brannte niedrig, doch in der bitteren Kälte des Winters strahlte es eine gewisse Wärme aus, der die Gestalt abgeschabte und zerkratzte Lederstiefel und lange Beine in Hosen aus dickem Wollstoff entgegenstreckte.
Einmal löste sich ein Holzscheit in funkensprühenden Glutschauern auf, welche die Umgebung für Augenblicke in ein unwirkliches Licht tauchten.
Der Mann saß ganz ruhig da, sein Gesicht war nicht zu erkennen unter der Kapuze seines abgetragenen und vielfach geflickten Umhanges aus grünlichem Loden, doch so wie er sich an den Baum anlehnte, strahlte er eine Gelassenheit und Selbstsicherheit aus, die vielleicht ungewöhnlich war angesichts der Tatsache, daß er sich in den Tiefen der Wildnis von Eriador befand.
Um sein linkes Handgelenk schlang sich ein Riemen, der an einem Langmesser mit leicht gekrümmter Spitze befestigt war, seine rechte Hand umfaßte eine Wasserflasche aus Leder, die er nun an versteckte Lippen hob. Das Feuer flackerte, aber der Wind, der nun in trägen Böen darüber hinwegstrich, vermochte es nicht weiter anzufachen.
Viel war von dem Mann nicht zu erkennen, nur daß er groß und schlank war.
"Streicher?"
Da war ein Schatten, der nun wieder heiser flüsterte: "Streicher, bist du es?"
"Steh auf."
Erschrocken fuhr die Gestalt, die hinter einem Busch gekniet hatte, in die Höhe und drehte sich um, starrte geradewegs auf die kantige Spitze eines Pfeils.
"Zum Feuer."
Die Stimme des Mannes klang weich und dunkel, und wie die eines einsamen Wanderers, der sie schon lange nicht mehr benutzt hat.
"Hinknien, Hände hinter den Kopf."
Zögernd gehorchte der Fremde und senkte den Kopf, während sich seine Lippen bewegten.
"Schimpf nur weiter, kleiner Dummkopf, ich bin der, den du suchst."
Er sprach nun deutlicher, der Fremde atmete leise, fast erleichtert aus und hob wieder den Kopf.
"Ich suchte dich", sagte er und stand langsam auf. Der Himmel hatte sich inzwischen am Horizont hell eingefärbt, im ersten schimmernden Tageslicht war die Umgebung deutlich zu erkennen, deutlich für die scharfen Augen Streichers. Der Fremde war klein und drahtig, in ähnliche Kleider wie der hochgewachsene Waldläufer gekleidet und nicht minder abgerissen und heruntergekommen, scheinbar jedenfalls.
"Menschen kommen aus dem Süden herauf und ziehen nach Eriador", sagte er und sah sich um. "Ich hatte gehofft, dich früher zu finden. Du bist schwer aufzuspüren."
Streicher lachte leise und strich die Kapuze zurück. Ein hageres und dunkles Gesicht kam zum Vorschein, umrahmt von schulterlangen schwarzen Haaren, gezeichnet von Wind und Wetter, doch von grimmiger Erhabenheit. Es war, als verdecke der Waldläufer in ihm eine größere, eine gewaltigere Gestalt. Mit kühlen grauen Augen blickte er auf den anderen herab. "Hast du mich deswegen gesucht, Brendel?"
"Nein." Brendel schüttelte den Kopf und kramte in einer Tasche, die an seinem Gürtel befestigt war. "Ich habe eine Botschaft für dich, vom grauen Wanderer."
Er reichte Streicher ein Stück Pergament, der faltete es auseinander und las es stirnrunzelnd.

Komm zum Gasthaus Zum Tänzelnden Pony! Mein Herz sagt mir, daß Eile Not tut. Dieser Nichtsnutz von Brendel wird dich wie ich hoffe gewissenhaft suchen und aufspüren.

Leb wohl



Wir haben keine Zeit zu verlieren", sagte Streicher bestimmt, während er sich in Bewegung setzte. Unter dem Mantel lugte nun teilweise ein Langschwert hervor, eine sicherlich ungewöhnliche Bewaffnung für einen Waldläufer.
Nur mit Mühe konnte Brendel den langen Schritten des anderen Waldläufers folgen, der nun gedämpft sagte: "Du wirst dir ein Pferd suchen und nach dem Evendim See reiten, so rasch es dir nur möglich ist. Dort wird sich wohl Halbarad aufhalten. Teile ihm mit, daß er von nun an die Dúnedain zu führen hat."
"Gandalf muß düstere Dinge gesehen haben", meinte Brendel, verneigte sich kurz und war schon verschwunden.
Streicher verharrte nicht in seinem Lauf und wanderte Stunden später durch ein kleines Tal, das an die Westmark des Auenlandes anschlossen. Das Land breitete sich weiß vor ihm aus, mit niedrigen Hügeln und weiten Wiesen. Unter der Schneedecke mochte so mancher Bachlauf verborgen sein.
Die Sonne neigte sich in seinem Rücken hinab und verschwand recht bald hinter den Bergen. Ein kühler Wind kam auf, Streicher hob kurz den Kopf und schnupperte. Es roch nach Schnee und mehr Kälte, Frost und sogar einem fernen Sturm. Das Ende seines Mantels flatterte hin und her, während er sich nun nach einem Nachtlager umblickte. Im letzten Dämmerlicht erreichte er ein kleines Dickicht, das geschützt vor den Unbillen des Wetters schien. Lautlos begann es zu schneien, weiße Flocken, die aus dem Himmel fielen, sich mehrten und in dichten Schauern kamen. Er spürte sie nicht, weder Nässe, noch Kälte, als er sich unter einer Fichte niedersetzte und so fest wie möglich in seinen Mantel wickelte, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. In dieser Haltung verschmolz er förmlich mit seiner Umgebung, kein noch so scharfes Auge hätte hier wohl einen Menschen vermutet.
Ein Fuchs strich durch das Unterholz, für einen Moment verharrte er irritiert und schnüffelte, dann senkte er Kopf und Schweif und machte sich mit seinen eigenen Gedanken auf und davon.

Der Wind wuchs zu einem Sturm, trieb Schnee zu Haufen zusammen und schüttelte die Kronen der Bäume. Die Klage eine Wolfes erscholl, schwoll zu einem kummervollen Aufschrei an und verklang abrupt, ein anderer fiel ein, dann wieder einer, und Streicher erwachte. Kein verdächtiges Geräusch hatte ihn geweckt, sein innerer Sinn hatte ihm gesagt, daß die Sonne bald aufgehen würde. Nur wenig Schnee hatte den Weg in das Gehölz gefunden, er schüttelte ihn von seinem Mantel und streckte sich ein wenig. Seine Haare wurden von dem Wind durcheinandergewirbelt, während er gestern gesammelte Zweige aufschichtete. Jeglicher Zunder wurde sofort ausgeblasen, doch endlich gelang ihm ein Funke, der sich festsetzte, von seinem Mantel beschützt. Er schmolz über dem Feuer in einem zerkratzen kleinen Holztopf Schnee und weichte cram darin ein, das Wegbrot der Waldläufer. Es schmeckte fade, eigentlich nach gar nichts, und er dachte doch ein wenig wehmütig an das lembas der Galadrim. Ein feines Lächeln huschte
über seine Lippen, während er das Feuer mit Schnee erstickte, und die geschwärzte Stelle verbarg. Cerin Amroth tauchte vor seinen Augen auf, ihre schwarzen Haare, mit denen der Wind spielte, während sie gemeinsam nach Westen auf die Dämmerung blickten, umgeben von blühendem Elanor und Niphredil. Verborgener Schmerz klang in ihrer Stimme, als sie sagte: Ich will zu Euch halten, Dúnadan, und mich von der Dämmerung abwenden. Doch dort liegt das Land meines Volkes und auf lange das Heim meiner ganzen Sippe.'
Das Lächeln auf seinen Lippen schwand, machte dem grimmigen Ausdruck in seinem Gesicht wieder Platz, der seit den langen Mühen seiner Wanderungen in den Süden nur selten gewichen war. Langsam richtete er sich auf und blickte auf seinen rechten Zeigefinger. Der Ring Barahirs, seit jeher Pfand der Verbundenheit zwischen Edain und den Elben, nichts anderes hätte er ihr geben können mit seinem Treueschwur.
Der Sturm flaute allmählich ab, eine eisige Stille legte sich über das Land, das im Frühling fröhlich und bunt sein mußte, doch nun still und dunkel dalag. Als sich die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont schoben, brachen sie sich glitzernd und funkensprühend in Eis und Schnee. Streicher senkte den Kopf und balancierte über einen Baumstamm, der über einem eingefrorenen Bach lag. Forschend sah er sich um, ehe er mit einem geschmeidigen Satz in den Schnee sprang. Er hatte es Brendel gegenüber nicht gezeigt, doch die Botschaft von Gandalf beunruhigte ihn zutiefst. Wenn der graue Zauberer ihn um Hilfe bat, dann konnten es keine guten Neuigkeiten sein.
Eine Straße wand sich unter ihm vorbei, die sich nach Hobbingen wandte und von dort aus nach Bockland. Für einen Augenblick zögerte er und kniete dann unter einem Baum nieder. Seine Hand strich über zwei zusammengeflochtene Zweige, er nickte kurz und richtete sich dann wieder auf. Er wußte, daß ihn mehrere Augen beobachteten, aber er hielt sich nicht auf und wanderte weiter. Hier war die Bewachung nicht so dicht wie nach dem Süden hin, denn in seinem Rücken lagen die weißen Türme Mithlonds, und von dieser Richtung war wenig Übel zu erwarten.
Auf dem Schnee, der die Straße bedeckte, hatten sich Karrenspuren eingegraben, auch Fußabdrücke waren zu erkennen. Selbst im Winter herrschte hier anscheinend reger Verkehr. Über dem Hängen südlich von ihm aus stieg blauer Rauch in Spiralen in die Höhe, während er nun auf der Straße weiterging.
Hier und da zweigten kleine Pfade ab, einmal konnte er zwei Reiter auf Ponys erkennen, die im Galopp zu den Hügeln hin verschwanden. Einige Krähen strichen über ihn hinweg, machten kehrt und kreisten eine Weile über ihm, ehe sie sich endlich wieder aufmachten. Doch er wußte, daß dies keine gewöhnlichen Vögel gewesen waren, er blickte ihnen eine Weile nach und schüttelte dann den Kopf. Gandalf hatte einmal gesagt, daß das Auenland überwacht werde, doch von wem, das hatte er nicht gewußt.
In der Dämmerung blinkten überall in den Hügeln kleine Lichter. Rufe, Gelächter war zu hören, hier und da Gesang. Hobbingen wirkte friedlich, für einen Moment huschte ein Lächeln über sein Gesicht, während er die Straße hinabblickte. Zwei Hobbits tauchten auf und ritten nebeneinander den Beutelhaldenweg hinauf, einer hielt einen Lederschlauch in der Hand, der Geruch von Wein wehte herüber. Beide waren sie in dicke Wollmäntel gehüllt, während sie die Ponys auf einen Seitenpfad lenkten und verschwanden. Es mochten die selben sein wie zuvor, er hielt sich nicht mit Überlegungen auf, sondern ließ seinen Blick über die vielen versteckten Höhlen der Hobbits wandern, ehe er in den Schatten neben dem Weg untertauchte. Das kleine Volk der Halblinge lebte still und vergnügt, nichtsahnend ob des mächtigen Schutzes, der ihr Land bewahrte.
Seit sich Gandalf im Jahre 3001 an ihn gewandt hatte, war viel geändert worden. Er ahnte, warum Gandalf wiederum um Hilfe bat, es konnte nur um Gollum gehen, dieses kriecherische Geschöpf, das sie lange vergebens gesucht hatten. In den letzten Jahren war es Streicher kaum möglich gewesen, sich weiter um diese Angelegenheit zu kümmern, doch nun.
Für einen Moment stand er still und sann nach. Der direkte Weg nach Bree war der durch Bockland, und er kannte wohl das Mißtrauen der Brandybocks gegenüber Menschen. Sicherlich würden sie sich verwundert zeigen, wenn er durch das Nordtor Bockland verlassen wollte. Allerdings konnte er sich den Umweg nicht leisten, der ihn an der Hecke vorbeiführen würde.
In einem Dickicht schlug er sein Nachtlager auf, doch er konnte lange nicht einschlafen. Es lag nicht an der Kälte, sondern vielmehr an seinen düsteren Gedanken.
Am anderen Morgen schritt er langsam über die Brücke, die den Brandywein überschlug. An der anderen Seite, wo die große Hecke Bockland von dem Alten Wald trennte, war ein schmiedeeisernes Tor, das geöffnet war. Zwei Hobbits stellten sich ihm in den Weg und sahen zu ihm auf. Der eine, ein korpulenter Bursche, stemmte beide Fäuste in die Seite und fragte barsch: "Wohin des Wegs, Mensch? Name und Begehr!"
Streicher verneigte sich leicht und richtete sich dann zu seiner vollen Größe auf. Ein seltsames Feuer glühte in einen Augen, unwillkürlich wichen die beiden Hobbits zurück und starrten ihn mit offenen Augen an. Er mochte ihnen als abgerissener Wanderer erschienen sein mit seinem fleckigen grünen Mantel aus schwerem Tuch und den schlammbespritzten Stiefeln, doch wie anders wirkte er nun, der Schatten etwas Größerem und Schönerem lag über ihm, das ihm einen schimmernden Schein verlieh. Stumm verneigten sie sich und gaben den Weg frei, er nickte ohne ein Lächeln und schritt an ihnen vorbei.
Erst jetzt huschte ein feines Lächeln über seine Lippen, in dem Moment, in dem er ihnen den Rücken zukehrte und sich in der Wildnis jenseits von Bockland verlor.
Die Straße nach Bree lag still da, in dem gefallenen Schnee zeigten sich keinerlei Spuren, nur Fährten der Wildtiere, Füchse, Rehe, Krähen. Er blickte nach oben, doch der stahlblaue Himmel war leer, kein Vogel flog, weder schwarz noch anderer Art. Dennoch fühlte er sich beobachtete und wußte, daß die Augen, die auf ihn schauten, nicht menschlich waren. Jedoch, er ließ sich davon nicht beunruhigen, sondern forschte nach Zeichen. Kaum eine Stunde später stieß er auf den ersten Dúnadan, der ihm mitteilte, daß ein anderer Trupp Waldläufer von Menschen aus dem Süden angegriffen wurde.
"Sie kamen den Grünweg hinauf", sagte der junge Waldläufer, dessen lange braune Haare zu einem Zopf gebunden waren. Seine blauen Augen blitzten zornig, während er weiter erzählte: "Es gab ein kleines Scharmützel, aber unsere Bögen haben sie schnell das Laufen gelehrt. Sie waren auf Unruhe aus, und wir wissen nicht, wer sie schickte oder warum."
"Wie viele?"
"Rund zwanzig, die keinerlei Ähnlichkeit mit den Menschen aus Bree hatten. Sie waren krumm, mit schiefen Augen, und sie erinnerten mich ein wenig an Orks. War es das, was Gandalf erwartet hatte?"
"Wer weiß, was ein Zauberer weiß", meinte Streicher ernst. "Brendel hat eine Botschaft von mir nach Fornost bekommen, du wirst sie zum nächsten Wächter bringen. Für eine Weile wird Halbarad das alleinige Kommando haben, denn ich muß fort."
"Ja, Herr", sagte der junge Waldläufer und wandte sich sofort ab. Er hatte nicht gefragt, was der Grund war, oder wohin sich Streicher wenden wollte, denn er wußte selber sehr genau, daß er auf solche Fragen keine Antwort bekommen würde.
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