Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Trauriges / Sakura

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Sakura

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P12 / Gen
09.04.2004
09.04.2004
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2.113
 
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09.04.2004 2.113
 
Es wehte ein leichter Wind und weiße Blüten flogen durch die dunkle Nacht, die ihren Schatten längst über die blühenden Bäume gelegt hatte und alles in ein tiefes Schwarz tauchte.
Die Blüten der Kirschbäume schwirrten in der Dunkelheit umher und ahnten wohl kaum, dass ihnen stumme Blicke zur Teil wurden.
Ein junges Mädchen stand an der hölzernen Absperrung zum Hang. Auch sie trug ein weißes Gewand, ihre pechschwarzen Haare wehten im Wind und Tränen, so schwarz wie eben diese Nacht und so rot wie das Blut der Seelen, liefen stumm über ihr Gesicht.
Jeden Abend war sie hier und blickte ins Tal hinab, jede Nacht stand sie hier und jede Sekunde der Dunkelheit fühlte sie mit ihren Tränen.
Sie war ausgebrannt, in ihr herrschte Leere....ja, in ihr war nichts weiter als Leere und tiefe Verzweiflung, zu mehr war sie nicht mehr im Stande. Ihre Seele war taub, ihr Herz leer und alles was noch von ihr übrig geblieben war, war eine Hülle, ein Körper ohne Leben,
der langsam verweste... .
Kälte.
Das Feuer in ihr war längst erloschen, ihre Hoffnung war fort und sie wusste das sie nie wieder zurückkehren würde.
Wie naiv sie doch gewesen war, hatte sie doch tatsächlich an das Gute im Menschen geglaubt! Ja, so dumm war sie gewesen... .
Sie hatte viel erlebt....in den wenigen Jahren die sie auf der Erde gelebt hatte. Sie hatte viel erfahren dürfen, Liebe, Freundschaft.......Geborgenheit... . Doch jetzt ? Was blieb ihr davon schon ? Nichts... .
Sie erinnerte sich zurück, an ihren ersten Kuss, wie schön diese Erinnerung doch war, sie erinnerte sich an zarte Lippen, an das Gefühl von Aufregung, wie wild ihr Herz doch geschlagen hatte.....wo war all dies jetzt ?  Sie erinnerte sich daran wie sie ihre beste Freundin kennen lernte, etwas Buntes, ja, es waren kleine, unschuldige Kinder gewesen.....sie erinnerte sich an das Gefühl der Freude, der Unbeschwertheit......doch wo war es jetzt ? Sie erinnerte sich an ihre Eltern.......sie hatte sie geliebt, ihre Eltern haben immer bedingungslos zu ihr gestanden und so streng sie auch waren, soviel Leid sie doch wegen ihnen erfahren musste, sie hatten das zierliche Mädchen geliebt........daran erinnerte sie sich......auch erinnerte sie sich an das Gefühl von Geborgenheit.......doch jetzt ? Wo war all dies auf einmal hin ?
Auf einmal lebte das Mädchen in einer Welt in der Gefühle nichtig waren, sie lebte JETZT in dieser Welt!
Sie wollte schreien, doch wer würde sie bemerken ? Sie war allein.....ganz allein und niemand war da, der sie in den Arm nahm, ihr einen Kuss auf die Stirn hauchte und sagte, es würde alles gut werden.......diese Zeiten waren vorbei.....ein für allemal..... .
Doch trotzdem schrie sie, sie schrie und hier Herz brannte, ihre Seele blutete und der Wind schien ihre Worte fort zu tragen.......sie waren weg......niemand hatte sie gehört... .
Sie war tot.....sie lebte nicht mehr.....damit musste sie sich abfinden.... .
Das junge Mädchen stieß sich von der hölzernen Brüstung, die mühevoll von den Männern des Dorfes unten im Tal errichtet wurde, ab und wandte ihren Gang den Kirschbaumplantagen zu.
Sanft strich der Wind ihr über die Haut, ihre Wangen, leicht gerötet sahen jung und gesund aus.......doch der Rest ihres Gesichts blieb blass, blieb tot......das Kleid wehte weiter im Wind und die Haare verloren sich weiterhin in der Dunkelheit... .
Sie irrte zwischen den Bäumen umher......als würde sie etwas suchen und es nicht finden... .
Ja in der Tat suchte sie nach etwas, doch nach was ? Die Antwort sollte und wollte sie kennen, doch sie tat es nicht.....vielleicht war das der Grund weshalb sie immer noch auf der Erde umherwanderte und versuchte ihren Frieden zu finden.....wer wusste das schon.... . Sie war so jung gestorben und ihre Seele hatte wohl noch weit weniger Jahre gezählt als diese zu Grabe getragen wurde, was wusste sie denn schon... .
Zum ersten mal erhellte etwas ihr Antlitz, ein zaghaftes, vorsichtiges und doch auch trauriges Lächeln umgab die zarten Gesichtszüge des zierlichen Geschöpfs....sie erinnerte sich an den Tag an dem sie starb, ihr Hochzeitstag, sie hätte glücklich sein sollen, hübsch ausgeschmückt und wunderlich viele Menschen um sich herum, wie eine Prinzessin hatte man sie geehrt......doch ihr stand die Trauer ins Gesicht geschrieben... .
Hatte sie ihn geliebt ? Hatte sie diesen Mann vor dem Altar wirklich geliebt ? Wie es schien nicht......sein Gesicht, sein Name.......sie konnte sich nicht erinnern, sie konnte sich nicht an den Mann erinnern den sie hätte heiraten sollen.... .
Doch an jemand anderes konnte sie sich sehr wohl erinnern......ihren besten Freund, er hatte sie immer Blüte genannt, wie es jeder getan hatte der sie geliebt hatte..... . Ja und tatsächlich hatte dieser Junge sie geliebt.....sie lächelte, doch sogleich flossen wieder Tränen über das blasse Gesicht.....sie hatte den einzigen Mann, der sie je wirklich geliebt hatte abgewiesen, weil sie sich selbst gelobte, vorlog, vorspielte, einen anderen zu lieben.... .
Bitterlich dachte sie zurück. Bis zu ihrem Tode hatte sie nie gewusst, was wahre Liebe gewesen, sie nie erfahren und nie gegeben... .
Diese Menschen waren längst tot......sie hatte über sie gewacht und sie danieder liegen sehen....für den Einen war es eine Erlösung......für den Einen.......den, den sie wirklich geliebt....die anderen....sie lebten weiter, sie vegetierten nicht, sie LEBTEN!
Doch nicht ein Tod war dem ihren ähnlich gewesen......sie, die kläglich zusammenbrach, vorm Altar, sie, die starb, bei ihrer Hochzeit......und sie, die alle ihre Lieben zurückließ, ohne ein Wort des Dankes und der Liebe.... . Sie starb vorm Altar, in einem Kleid, der Königen würdig, geschmückt und erstrahlend im Glanz des reichen Schmucks.....doch ihr Anblick war stumpf....dunkel, düster.....sie war nicht fähig gewesen ihren Mitmenschen Freude zu schenken....nicht einmal das schaffte sie... .
Stumm lehnte sie sich an einen Baum.....ja, die Bäume waren ihre Freunde. Wenn der Wind wehte, nahmen die Blüten sie zärtlich in die Arme. Wenn sie eine starke Schulter brauchte, dann setzte sie sich neben einen ihrer Freunde und ließ ihren Tränen freien Lauf......ja, die Bäume waren ihre Freunde... .
Sie war im Schatten des Mondes, auf einer stummen Lichtung, stehen gelblieben und blickte mit glänzenden Augen zum Himmel hinauf. Zum ersten Mal an diesem Abend konnte man das Mädchen wirklich sehen. Sie trug ein weißes, langes Kleid, ihr Gang war geschmeidig und das Kleid betonte dies nur noch, in ihrem Haar war ein goldenes Band eingeflochten und ihre nackten Füße schienen schon fast über den Boden zu schweben... .
Jahrhunderte lang schien sie, Nacht für Nacht, hier ihre Bahnen gezogen zu haben.....sie wusste nicht wie viel Zeit seit ihrem Tode vergangen war......doch es musste viel Zeit gewesen sein........ihre Familie, ihre Freunde.....alle waren sie seit dem gestorben.......blass, schön und kalt  zu Grabe getragen......zur ewigen Ruhe geleitet um nie wieder aufzuerstehen... .
Doch sie waren sofort ins Reich der Toten geleitet worden, warum sie nicht ? Was hatte sie getan oder verbrochen, dass es ihr verweigert wurde, zu ihren Lieben zurückzukehren ? Die Antwort.....sie war verborgen.....geschützt vor neugierigen Blicken... .
Ruhig sank sie im Schein des Mondes an einem Baum herab, ließ sich von den umherwehenden Blüten streicheln, zärtlich in den Arm nehmen, ließ sich Geborgenheit schenken... .
Sanft fing sie eine der umherwehenden Blüten auf, balancierte sie lächelnd auf ihrem Finger und schupste sie mit einem warmen Hauch ihres Atems wieder in die sanften Ströme des Windes... . Stumm belächelte sie ihre eigene Verspieltheit....war sie nicht alt genug um zu wissen, dass es nichts brachte zu träumen oder zu spielen ? Hatte sie nicht über all die Jahrhunderte hinweg sehen, erfahren müssen, dass die törichten Träume der Menschen nichts wert waren ? Müsste sie nicht längst wissen, dass es nichts brachte in seiner eigenen Phantasie zu leben?! Müsste sie das nicht....?
Traurig senkte sie ihren Blick.....sie war wohl immer noch dieses kleine, naive Mädchen das nur ihren Träumen nachhing.....sie würde der Realität endlich ins Auge blicken müssen....sie war tot.....sie war nicht mehr lebendig.....und alle Menschen die sie geliebt hatte waren tot!...sie würde sie nie wieder sehen!
Tränen rannen ihr über das reglose Gesicht und hinterließen leuchtende Bahnen die das Licht des Mondes wiederspiegelten und das Funkeln der Sterne zu kleinen Flüssen formten... .
Sehnsüchtig wandte sie ihren Blick zum Himmel....waren sie dort ? Waren dort die Menschen die sie liebte ? Die Menschen die immer noch in ihrem Herz waren ? WAREN SIE DORT?! Waren sie dort oben ? Konnten sie das Glitzern der Sterne ebenso sehen wie sie....?
Langsam breiteten sich kleine Tropfen auf dem Stoff ihres Kleides aus und die schmalen Sternenflüsse wurden zu salzigen Bächen.....WER HATTE SIE ZU DIESEM SCHICKSAL VERDAMMT?! Wer....?
Wenn es einen Gott gab, der sie erschuf, dann hätte sie doch irgendeine Aufgabe haben müssen.....aber die hatte sie doch nie gehabt oder war es etwa ihre Aufgabe im Tod durch dieses Blütenmeer zu schreiten ? War es wirklich das ? War ihre Aufgabe wirklich so völlig nutzlos ? Sollte sie denn nichts bewirken ?
Nicht einem Kind hatte sie das Leben geschenkt....nicht einem Mann war sie eine gute Frau gewesen.....nein....sie war vor dem Altar gestorben....ihr Leben war ohne jeden Sinn gewesen... .
Warum hatte man ihrem Leben denn schon so früh ein Ende gesetzt ? Warum war sie dazu verdammt sich jede Nacht wieder und wieder diese Fragen zu stellen und keine Antwort zu finden ? Warum?! Das einzige was sie wusste, was sie glaubte zu wissen, war das sie niemals wissen würde weshalb sie dieses Schicksal hatte... .

Die Sonne erhob sich über den Horizont und tauchte das Land in ein sanftes, warmes Licht, vertrieb das Dunkel der Nacht... . Das Mädchen legte sich zum Schlafe nieder, in einem Meer aus Blüten, unwissend das sich die Menschen unten im Tal wieder die Legende von einem jungen, hübschen Mädchen Namens Sakura, das nachts die Plantagen durchstreifte, erzählten.
Die Geschichte dieses jungen Mädchens war voller Schmerz und Trauer, ihre Seele war unrein gewesen....deshalb hatte sie in ihrem Leben so sehr leiden sollen, wie die Menschen die sie in ihrem vorherigen Leben gequält hatte.
Das strenge Elternhaus, der Verlust ihrer großen Liebe.....all dies sollte ihre Seele reinigen...doch der Körper des Mädchens, ihr Denken waren so rein das sie innerlich in zwei Teile zerbarst und als der Pfarrer sie bei der Hochzeit mit einem Mann, der ganze Jahrzehnte älter war als sie selbst, fragte ob sie ihn heiraten wolle, brach die zierliche Gestalt zusammen, versank in einem ewigen Schlaf, aus dem sie nie wieder erwachen würde. Das Böse in ihr sollte für seine Schandtaten Buße tun und so verlor sowohl das Himmelreich seinen schönsten und anmutigsten Engel, sowie der Hades seinen treusten und boshaftesten Dinner zur selben Zeit... .
Jedes Jahr, immer am selben Tag, zur selben Zeit, trugen die Bewohner des Dorfes im Tal das mühevoll aus dem Fluss, der im Tal floss, geschöpfte Wasser hinauf auf die Plantagen in den Bergen und gossen die Bäume. Das Wasser sollte die Seele des Mädchens reinigen, sollte ihr die schwere Last nehmen Nacht für Nacht umherzuwandern, sollte dafür sorgen das dieses vom Leid gequälte Wesen endlich wieder Gefühle, Empfindungen, spüren konnte und sollte ihr danken... . Dafür danken das ihr Schicksal die Menschen im Tal davon abhielt ihr Leben leichtsinnig wegzuwerfen, sie davon abhielt anderen Leid zuzufügen, ihnen zeigte, das alles einen Anfang hatte, aber auch das Ende immer kommen würde......und jeder seinen Lohn für seine Taten erhalten würde... .
Auf dem Friedhof des kleinen Dorfes konnte man einen weißen Grabstein sehen, das Grab das zu ihm gehörte war längst von Efeuranken überwuchert, doch die Innschrift des Grabes konnte man immer noch lesen. "Ruhe in Frieden Sakura, wir konnten dich nicht beschützen, doch wir werden dich auf ewig lieben. Vergiss uns nicht... ."
Der Geist würde diese Worte niemals lesen können, würde die langsam unkenntlich werdenden Zeichen nie zu Gesicht bekommen, wusste nicht, das es so viele Menschen gab, die versuchten, diesem traurigen Geschöpf zu helfen... .
Der Geist Sakuras würde sich irgendwann, in irgendeiner Nacht nicht mehr auf den Plantagen umweht von streichelnden Blüten wiederfinden, sondern in einem Reich, an einem Ort, an dem das Mädchen ihre Lieben wiedersehen würde....nach hunderten von Jahren der Trauer, der Angst, der Verzweiflung... .
Trotzdem....irgendwann würde sie von ihrem Leid erlöst sein....von Menschen die ein gutes Herz hatten, von denen es heute leider so wenig gibt....von eben diesen Menschen würde sie von ihrem Leid befreit werden ohne es zu wissen, würde erwachen und nicht die Dunkelheit der Nacht, die sie sanft einhüllte und ihr ihren Mantel überstreifte begrüßt werden, auch nicht von den wehenden Kirschblüten die sie in den Arm nahmen, nein sie würde von den Menschen begrüßt und in den Arm genommen werden die sie so lange vermisst hatte und die sie über so lange Zeit in ihrem Herzen behalten hatte....
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