A case in Vancouver

von momo
GeschichteAbenteuer / P12
Dana Scully Fox Mulder
09.04.2004
09.04.2004
9
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09.04.2004 903
 
Angst essen Seele auf
~afrikanische Spruchweisheit~


23:49 Uhr
Vancouver
Kanada

Alexis war kein ängstlicher Junge. Angst war etwas, das er sich ebenso wenig leisten konnte wie einen neuen Baseballhandschuh. Er hatte heute die Erlaubnis seiner Mom bekommen, bei Dave die Nacht zu verbringen. Eigentlich war es seiner Mutter immer egal, wo ihr Sohn schlief, sie scherte sich einen Dreck um ihn. Sie war Alkoholikerin und das ganze Geld, das sie für ihre Fließbandarbeit in der Tunfischfabrik am Hafen bekam, in der sie den ganzen Tag schuftete, gab sie für irgendeinen billigen Fusel aus. Seinen Vater hatte der Junge nie gekannt, er war abgehauen, als er erfuhr, dass Alexis' Mutter schwanger mit ihm war. Das hatte sie ihm jedenfalls erzählt, und wenigstens das glaubte er ihr. Er hatte irgendwo eine ältere Schwester, Jeanny. Sie war vor zwei Jahren mit 16 abgehauen. Sie lebte jetzt bei ihrem Freund in Seattle. Er hoffte, es ging ihr gut, er hatte seitdem nichts mehr von ihr gehört. Sie war mehr als nur eine Schwester für ihn gewesen, sie war eine Art Mutterersatz geworden.
Seit sie weg war, wurde die Sauferei seiner Mutter immer schlimmer und sie war fast nie mehr ansprechbar. Er ging noch zur Schule, weil er es selbst so wollte er hatte einmal gelesen, dass man ohne Lesen und Rechnen zu können, nicht weit kam, das Geld für die Schulbücher verdiente er sich mit Autowaschen und Zeitungen ausbringen selbst. Er war jetzt 13 Jahre alt. Alexis hatte schon früh gelernt, alleine zurecht zu kommen.
Er hatte sich vor zehn Minuten mit Dave gestritten, dabei hatte er ihm einen Kinnhaken versetzt und Dave's Mutter hatte ihn daraufhin vor die Tür gesetzt, sie hatte etwas von "Lass dich hier nicht mehr blicken!", und "Deine Mutter sollte die Manieren beibringen und nicht so viel saufen!" geschrieen, aber solche Worte hörte er schon gar nicht mehr. Er beschleunigte seine Schritte und überlegte, ob er nach Hause gehen sollte, sich das lallende Geschimpfe seiner Mutter und das Geschrei anhören zu müssen, oder ob er wie in letzter Zeit immer öfter, wieder unter der alten Brücke an der Vincent Street schlafen sollte. Irgendwelche Penner hatten da mal gehaust und Decken und sonstiges Gerümpel waren immer noch da. Schließlich entschied er sich für letzteres und bog in eine kleine Seitengasse ab, die eine Abkürzung darstellte. Die Brücke lag ein wenig abgelegen und wurde nur selten von den Bullen kontrolliert. Er kickte eine leere Coladose vor seinen Füßen her und erschauderte bei dem Echo,
das die engen Häuserwände zurückwarfen. Neblige Schwaden zogen durch diese unheimliche Finsternis und langsam bekam sogar er eine leichte Gänsehaut.
Er fing an, langsam vor sich hinzusummen um sich selbst zu beruhigen, als er plötzlich ein Geräusch hörte. Er kniff seine Augen zusammen und starrte angestrengt in die dunkle Gasse vor ihm. Alexis erkannte zwei alte Mülltonnen. Eine fette Ratte huschte ungefähr einen Meter vor seinen Füßen vorbei und er unterdrückte einen leisen Aufschrei. Irgendetwas lag da vorne im düsteren Zwielicht vor den beiden Mülltonnen auf dem Boden. Er konnte seine Neugierde nicht unterdrücken und ging langsam darauf zu. Plötzlich stieg ihm ein süßlicher Verwesungsgeruch in die Nase. Den hatte er das letzt Mal gerochen, als er und Dave einmal eine tote Ratte aus dem Fluss gezogen hatten. Angewidert zog er sich seinen Pulli vors Gesicht und überlegte, ob er nicht lieber doch umdrehen und nach Hause gehen sollte. Er wollte in sein warmes Bett und würde all das Geschimpfe seiner Mutter und die Gürtelhiebe ungerührt einstecken. Alles besser als diese Ungewissheit und Kälte hier draußen. Angst machte sich in ihm
breit. Trotzdem ging er noch ein paar Schritte auf das Etwas zu.
Schließlich erkannte er, was es war. Es war eine Leiche! Einige dicke, schwarze Ratten hockten auf dem leblosen Körper und er konnte leise, schmatzende Geräusche vernehmen. Er rieb sich ungläubig die Augen. Er hatte so etwas schon einmal in einer Serie im Fernsehen gesehen, bevor seine Mutter den Flimmerkasten verkauft hatte, um Geld für Bier zu haben. Sein Magen verkrampfte sich und er musste sich übergeben. Schließlich hatte er sich gefangen und betrachtet die Leiche näher. Trotz der Dunkelheit konnte er erkennen, dass es eine Frau mit langem blondem Haar gewesen sein musste. Ihre Gliedmaßen waren unnatürlich verdreht und ihr Kleid war zerrissen und blutdurchtränkt. An ihrem Bauch konnte er lange graue angefressene Schlingen erkennen, die wahrscheinlich ihre Eingeweide darstellten. Er nahm sein Baseballcap ab "Heilige Scheiße!", fluchte er. Er kramte in seiner Hosentasche und fand ein bisschen Kleingeld. Er nahm seine Füße in die Hand und suchte nach einer Telefonzelle, um die
Bullen zu rufen.
Kurze Zeit später zerriss Sirenengeheul die nächtliche Stille.
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