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Gleichgültig?!

von ledai
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
09.04.2004
09.04.2004
1
3.774
 
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Es klopfte an der Tür des alten, etwas zerschrottetem Karawans. Malin war überrascht, sie erwartete keinen Besuch. Und außerdem, wer sollte sie denn schon besuchen? Seit sie mit 17 von daheim weggegangen war, um, wie sie so schön sagte „ein neues Leben zu beginnen“, lebte sie mehr schlecht als recht vom Arbeitslosengeld. Verbindungen hatte sie keine behalten, neue Kontakte hatte sie auch nicht geknüpft. Seit je her, hatte sie das Gefühl, dass sie nicht dazu gehörte, einfach nicht zu anderen Menschen gehörte. Eine Zeit lang war sie unglücklich darüber gewesen, doch inzwischen war sie es gewöhnt.
Trotz alledem öffnete sie die Tür. Davor stand ein Mann, dessen Alter zu bestimmen schwer gewesen wäre. Er hatte mehrere lange Narben im Gesicht und seine Arme waren ungewöhnlich kurz, verkrüppelt. Er trug alte, zerrissene Kleidung und hatte verfilzte hellbraune Haare. Das wunderte Malin nicht, in der Gegend gab es viele Arme, die sich nichts anderes leisten konnten. Ihr selbst ging es nicht viel besser. Doch in den bernsteinfarbenen Augen des Fremden lag ein solcher Stolz, dass Malin den Gedanken, an einen Armen verdrängen musste. Denn alle diese Leute, Bettler und Diebe, besaßen keinen Stolz mehr. Sie waren ausgelaugt, des Lebens müde. Worauf hätten sie denn auch schon stolz sein können?
Malin blickte den Braunhaarigen fragend an. Dieser starrte zurück und schien Malin von oben bis unten zu mustern, bis er meinte: „Komm mit.“ Seine Stimme war kehlig, fast röchelnd. Im Mund hatte er kaum noch Zähne.
Malin wusste nicht, was sie davon halten sollte. Es konnte schließlich sein, dass sie in einen Hinterhalt gelockt werden würde und währenddessen ihr Wohnmobil ausgeraubt wurde. Doch im Grunde hatte sie nichts zu verlieren, sie besaß ja kaum etwas, also ging sie mit. Und das nicht aus Neugierde oder Interesse, sondern einfach, weil es ihr gleichgültig vorkam, ob sie nun mitkam oder nicht.
Der Mann führte sie quer über den Platz, auf dem die vielen Leute, die sich nichts besseres leisten konnten, in ihren Campingwagen, Zelten oder noch primitiveren Einrichtungen hausten. Malin betrachtete alles teilnahmslos, es war ihr Alltag. Der Fremde schien seine ganze Interesse Malin zugewendet zu haben. Er betrachtete sie äußerst interessiert, manchmal zogen sich seine Lippen zu einem spöttischem Grinsen zusammen, was durch die vielen Narben hindurch, eher wie eine Grimasse wirkte. Ihr war es, wie alles um sie herum egal. Sie hatte es, wie so viele ihrer Gleichgesinnten geschafft, Gefühle komplett abzuschalten.
Plötzlich hielt der Mann an, Malin tat es ihm gleich und schaute sich ein wenig verwirrt um. Er stupste sie an und zeigte auf einen halbnackten, Jungen, einen Schwarzen, der zusammengekrümmt ein paar Meter vor ihnen lag. Er zischelte immer wieder etwas, als sei er vom Teufel oder wem auch immer besessen. Ab und zu, biss er sich selbst in den Arm, oder fügte sich auf andere Weise Wunden zu. Sein Körper war schon überall blutig, an manchen Stellen quoll gelber dickflüssiger Eiter hervor. Nebenbei spuckte er manchmal auf den Boden, Blut.
Malin brachte kein großes Interesse hervor, Kranke, Schizophrene, Geistig-Verwirrte oder gar Besessene, hatte sie bereits gesehen. Es erfüllte sie mit Gleichgültigkeit.
Sie wollte weitergehen, doch der Narbengesichtige hielt sie auf, er packte sie an den Schultern und wies erneut auf den Kranken.
„Siehst du nicht? Er braucht Hilfe. Willst du ihm nicht helfen geben?“,ertönte die merkwürdig kehlige Stimme. Malin zuckte mit den Schultern. Was hatte sie damit zu tun? Nichts. Rein gar nichts.
Sie ging ein paar Schritte, doch der Fremde hielt sie erneut auf.
„Ohne Hilfe, wird er sterben.“
„Na und? So ist das Leben“, entgegnete Malin schroff.
„Wirklich kein Mitgefühl?“, fragte er.
„Wieso helfen Sie ihm denn nicht, wenn Sie meinen gegen das Schicksal arbeiten zu müssen?“ Kühl klang Malins Stimme eigentlich immer, doch es hatte gerade einen Höhepunkt erreicht. Malin ärgerte sich über die Frage, die er ihr gestellt hatte.
Der Mann hob demonstratierend seine krummen Arme hoch. „Ich bin in meinen Möglichkeiten leider etwas eingeschränkt.“ Er grinste sein breites, grimassenartiges Grinsen.
„Was kann ich dafür?“
„Habe ich dir etwa etwas vorgeworfen?“
Malin schnaubte und sagte nichts.
Eine Zeit lang blieb alles, bis auf das Zischeln des Negers still, bis auch dieses verstummte...
Der Braunhaarige zuckte hoch und warf einen erschrockenen Blick auf den Kranken. Dieser jedoch lag stumm und still auf dem Boden, sein Gesicht war zu einer Grimasse verzogen, er atmete nicht mehr.
„Er ist tot...“, meinte der Fremde sachlich, nachdem er den Körper des Negers unbeholfen mit seinen beiden verkrüppelten Händen abgetastet hatte.
So etwas brachte Malin nicht aus der Ruhe, es war nicht das erstemal gewesen, dass sie einen Toten gesehen hatte, der Anblick erschreckte sie nicht.
„...weil du ihm nicht geholfen hast.“, fügte er hinzu.
„Was habe ich damit zu tun?“
„Er war einer deiner Mitmenschen, ein Mitglied deiner Gemeinschaft, ihr solltet zusammenhalten.“
„Mitmensch? Gemeinschaft?“ Malin lachte freudlos auf. „Hier gibt es keine Gemeinschaft, keinen Zusammenhalt, und niemand wird als Mitmensch bezeichnet. Hier gilt nur weiterleben oder sterben, wobei es wohl kein großer Unterschied ist ob man nun in dieser Kloake, sein körperliches, da das geistliche schon abhanden gekommen ist, Leben als einer der niedersten Menschen fristet, oder ob man tot auf der Straße liegt und womöglich in der Hölle schmort. Und warum sagen Sie 'ihr'? Sie gehören doch genauso dazu... Ich seh es Ihnen doch an, kaum mehr als die eigene Haut am Körper, abgemagert, zerlumpt.“ Und mit einem Blick auf die Arme des anderen: „Verkrüppelt.“
Merkwürdigerweise kam es Malin so vor, als ob das, was sie zu eben gesagt hatte nicht stimmte. Dieser Mann, zerlumpt oder nicht, war anders. Er gehörte nicht dazu.
„Wahrlich... damit magst du recht haben.“ Der Fremde lächelte schwach. „Doch sage ich dir, so, wie du bist, wie ihr vielleicht alle seid, so werde ich nie werden. Nie. Ich werde alles, was in meiner Macht steht, tun um das zu verhindern. Obwohl es wohl manchmal einfacher wäre, über alles hinwegzusehen, sich einfach dem Schicksal zu beugen, es machen lassen... Das ist die einfachste Methode, daher wählt ihr sie alle... Doch das ist falsch, das ist nicht gut. Ihr solltet euch wehren, solltet etwas tun, gegen das Unrecht, dass euch überschüttet.“
Langsam wurde Malins Wut immer größer. Da kam doch einfach so ein dreckiger Bettler daher und behauptete tatsächlich, etwas besseres als sie zu sein. Und seine Ansichten? Die waren doch auch nur Hirngespinste, die keinem etwas brachten. Vielleicht wollte dieser Mann sie auch eh nur verulken. Definitiv kein guter Witz.
Malin drehte sich um, um zu gehen. Sie konnte tatsächlich einige Meter gehen, ohne, dass er sie aufhielt und glaubte daher schon, dass er es aufgegeben hatte.
Doch schon hörte sie wieder die kehlige Stimme wispern. Malin beschloss nicht darauf zu achten und beschleunigte ihre Schritte ein wenig.
Der Fremde jedoch blieb hartnäckig.
„Stell dir einmal vor, du wärest, die da läge, halbtot, kaum noch zu rettend. Bist du dir so sicher, dass es dir egal wäre, dass alle, die vorbeigehen nur einen abwertenden Blick auf dich werfen? Verdrängen, was sie sehen, es vergleichgültigen?“
Abrupt drehte sich Malin um. Nein, es wäre ihr nicht egal.
„Ja.“
„Sicher?“
Malin verspürte große Angst, Angst davor jetzt aus der Fassung zu kommen, ihre Gleichgültigkeit, die sie vor so vielem beschützte, zu verlieren. Doch sie gab sich einen Ruck.
„Sicher“
„Dann...“ Langsam, mit, für einen Verkrüppelten ziemlich graziösen Bewegungen, zog er eine kleine Schusswaffe aus einer, kaum erkennbaren Tasche seines zerrissenen Mantels, hervor.
„...Macht es dir ja wohl auch nichts aus, wenn ich dich jetzt kurzerhand...“
Malin hatte nun endgültig die Fassung verloren.
„...So was dürfen sie nicht, das ist...“ Malin stockte.
„...Das ist... was bitte? ...Sagtest du nicht vorhin noch, dass es egal sei, ob du lebst, oder hier dein Dasein als eines der niedersten Geschöpfe fristest? Nein? Und außerdem, wen wird das interessieren? Eine sterbende Frau am Straßenrand? Na und? So ist das Schicksal. Das Schicksal ist an allem schuld und an ihm ist nicht zu rütteln.“
„Aber...“
„Sprech es nicht aus. Du weißt genau, du wirst daliegen, mehr tot als lebendig. Keiner wird dir mehr als eines hastigen Blickes würdigen. Wofür auch?“ Die Stimme war um einiges rauer geworden.
Gerade noch hatte Malin den Mund zum Sprechen geöffnet, als sie einen donnernden Schuss wahrnahm und kurz darauf: Einen starken Schmerz in der linken Brustseite.
Sie sackte zusammen, fiel, fiel durch Dunkelheit und schlug kurz darauf auf dem hartem Boden auf. Es kam ihr vor wie in Zeitlupe.
Wo sie grade noch klar und deutlich den Motorenlärm, wie ihn nur sehr viele Autos veranstalten können, hören konnte, war jetzt ein durchgehendes monotones Summen zuhören.
Sie wollte sich zu ihrem Mörder umdrehen, doch sie bekam den Kopf nicht gedreht. Außerdem konnte sie nicht einmal mehr wissen, ob er überhaupt noch da stand. Vielleicht war er inzwischen längst weggelaufen.
Wer war er eigentlich? Dieser Mann... Wie gern hätte Malin eine Antwort darauf gewusst, doch nun, nun war es zu spät.
Ihr wurde klar, dass sie ihr ganzes Leben verschwendet hatte, dass alles, was sie getan hatte falsch gewesen ist. Nie hätte sie das Haus ihrer Eltern verlassen dürfen, nie... Doch das war nur der erste Fehler gewesen... Und jetzt, jetzt konnte sie auch nichts mehr gut machen.

Nun... Dann muss es halt so sein, dann sterbe ich eben so.



<b><font face="Verdana">Gleichgültig...?!<o:p>
</o:p>
</font></b>




<font face="Verdana">Es klopfte an der Tür des alten, etwas zerschrottetem Wohnmobils. Malin war überrascht,
sie erwartete keinen Besuch. Und außerdem, wer sollte sie denn schon besuchen?
Seit sie mit 17 von daheim weggegangen war, um, wie sie so schön sagte &#8222;ein neues Leben zu beginnen&#8220;, lebte sie mehr schlecht als recht vom
Arbeitslosengeld. Verbindungen hatte sie keine behalten, neue Kontakte hatte sie
auch nicht geknüpft. Seit je her, hatte sie das Gefühl, dass sie nicht dazu
gehörte, einfach nicht zu anderen Menschen gehörte. Eine Zeit lang war sie
unglücklich darüber gewesen, doch inzwischen war sie es gewöhnt


Trotzalledem öffnete sie die Tür. Davor stand ein Mann, dessen Alter zu bestimmen
schwer gewesen wäre. Er hatte mehrere lange Narben im Gesicht und seine Arme
waren ungewöhnlich kurz, verkrüppelt. Er trug alte, zerrissene Kleidung und
hatte verfilzte hellbraune Haare. Das wunderte Malin nicht, in der Gegend gab es
viele Arme, die sich nichts anderes leisten konnten. Ihr selbst ging es nicht
viel besser. Doch in den bernsteinfarbenen Augen des Fremden lag ein solcher
Stolz, dass Malin den Gedanken, an einen Armen verdrängen musste. Denn alle
diese Leute, Bettler und Diebe, besaßen keinen Stolz mehr. Sie waren
ausgelaugt, des Lebens müde. Worauf hätten sie denn auch schon stolz sein können?


Malin blickte den Braunhaarigen fragend an. Dieser starrte zurück und schien Malin
von oben bis unten zu mustern, bis er meinte: &#8222;Komm mit.&#8220; Seine Stimme war
kehlig, fast röchelnd. Im Mund hatte er kaum noch Zähne.


Malin
wusste nicht, was sie davon halten sollte. Es konnte schließlich sein, dass sie
in einen Hinterhalt gelockt werden würde und währenddessen ihr Wohnmobil
ausgeraubt wurde. Doch im Grunde hatte sie nichts zu verlieren, sie besaß ja
kaum etwas, also ging sie mit. Und das nicht aus Neugierde oder Interesse,
sondern einfach, weil es ihr gleichgültig vorkam, ob sie nun mitkam oder nicht.


Der Mann führte sie quer über den Platz, auf dem die vielen Leute, die sich nichts
besseres leisten konnten, in ihren Campingwagen, Zelten oder noch primitiveren
Einrichtungen hausten. Malin betrachtete alles teilnahmslos, es war ihr Alltag.
Der Fremde schien seine ganze Interesse Malin zugewendet zu haben. Er betrachtete sie äußerst interessiert, manchmal zogen sich seine Lippen zu
einem spöttischem Grinsen zusammen, was durch die vielen Narben hindurch, eher
wie eine Grimasse wirkte. Ihr war es, wie alles um sie herum egal. Sie hatte es,
wie so viele ihrer Gleichgesinnten geschafft, Gefühle komplett abzuschalten.


Plötzlichhielt der Mann an, Malin tat es ihm gleich und schaute sich ein wenig verwirrt
um. Er stupste sie an und zeigte auf einen halbnackten, Jungen, einen Schwarzen,
der zusammengekrümmt ein paar Meter vor ihnen lag. Er zischelte immer wieder
etwas, als sei er vom Teufel oder wem auch immer besessen. Ab und zu, biss er
sich selbst in den Arm, oder fügte sich auf andere Weise Wunden zu. Sein Körper
war schon überall blutig, an manchen Stellen quoll gelber dickflüssiger Eiter
hervor. Nebenbei spuckte er manchmal auf den Boden, Blut.


Malin
brachte kein großes Interesse hervor, Kranke, Schizophrene, Geistig-Verwirrte
oder gar Besessene, hatte sie bereits gesehen. Es erfüllte sie mit Gleichgültigkeit.


Sie
wollte weitergehen, doch der Narbengesichtige hielt sie auf, er packte sie an
den Schultern und wies erneut auf den Kranken.


Siehst
du nicht? Er braucht Hilfe. Willst du ihm nicht helfen geben?&#8220;,ertönte die
merkwürdig kehlige Stimme. Malin zuckte mit den Schultern. Was hatte sie damit
zu tun? Nichts. Rein gar nichts.


Sie ging
ein paar Schritte, doch der Fremde hielt sie erneut auf.

&#8222;Ohne
Hilfe, wird er sterben."

&#8222;Na
und? So ist das Leben&#8220;, entgegnete Malin schroff.

&#8222;Wirklich
kein Mitgefühl?&#8220;, fragte er.

&#8222;Wieso
helfen Sie ihm denn nicht, wenn Sie meinen gegen das Schicksal arbeiten zu müssen?&#8220;
Kühl klang Malins Stimme eigentlich immer, doch es hatte gerade einen Höhepunkt
erreicht. Malin ärgerte sich über die Frage, die er ihr gestellt hatte.

Der Mann
hob demonstrierend seine krummen Arme hoch. &#8222;Ich bin in meinen Möglichkeiten
leider etwas eingeschränkt.&#8220; Er grinste sein breites, grimassenartiges
Grinsen

&#8222;Was
kann ich dafür?"

>&#8222;Habe
ich dir etwa etwas vorgeworfen?&#8220;

Malin
schnaubte und sagte nichts.

Eine
Zeit lang blieb alles, bis auf das Zischeln des Negers still, bis auch dieses
verstummte...

DerBraunhaarige zuckte hoch und warf einen erschrockenen Blick auf den Kranken.
Dieser jedoch lag stumm und still auf dem Boden, sein Gesicht war zu einer
Grimasse verzogen, er atmete nicht mehr.

Er
ist tot...&#8220;, meinte der Fremde sachlich, nachdem er den leblosen Körper
unbeholfen mit seinen beiden verkrüppelten Händen abgetastet hatte.

So etwas
brachte Malin nicht aus der Ruhe, es war nicht das erstemal gewesen, dass sie
einen Toten gesehen hatte, der Anblick erschreckte sie nicht.

&#8222;...weil
du ihm nicht geholfen hast.&#8220;, fügte er hinzu.

&#8222;Was
habe ich damit zu tun?&#8220;

&#8222;Er
war einer deiner Mitmenschen, ein Mitglied deiner Gemeinschaft, ihr solltet
zusammenhalten.&#8220;

&#8222;Mitmensch?
Gemeinschaft?&#8220; Malin lachte freudlos auf. &#8222;Hier gibt es keine Gemeinschaft,
keinen Zusammenhalt, und niemand wird als Mitmensch bezeichnet. Hier gilt nur
weiterleben oder sterben, wobei es wohl kein großer Unterschied ist ob man nun
in dieser Kloake, sein körperliches, da das geistliche schon abhanden gekommen
ist, Leben als einer der niedersten Menschen fristet, oder ob man tot auf der
Straße liegt und womöglich in der Hölle schmort. Und warum sagen Sie 'ihr'?
Sie gehören doch genauso dazu... Ich seh es Ihnen doch an, kaum mehr als die
eigene Haut am Körper, abgemagert, zerlumpt.&#8220; Und mit einem Blick auf die
Arme des anderen: &#8222;Verkrüppelt.&#8220;

Merkwürdigerweise
kam es Malin so vor, als ob das, was sie zu eben gesagt hatte nicht stimmte.
Dieser Mann, zerlumpt oder nicht, war anders. Er gehörte nicht dazu.

&#8222;Wahrlich...
damit magst du recht haben.&#8220; Der Fremde lächelte schwach. &#8222;Doch sage ich
dir, so, wie du bist, wie ihr vielleicht alle seid, so werde ich nie werden.
Nie. Ich werde alles, was in meiner Macht steht, tun um das zu verhindern.
Obwohl es wohl manchmal einfacher wäre, über alles hinwegzusehen, sich einfach
dem Schicksal zu beugen, es machen lassen... Das ist die einfachste Methode,
daher wählt ihr sie alle... Doch das ist falsch, das ist nicht gut. Ihr solltet
euch wehren, solltet etwas tun, gegen das Unrecht, dass euch überschüttet.&#8220;

Langsam
wurde Malins Wut immer größer. Da kam doch einfach so ein dreckiger Bettler
daher und behauptete tatsächlich, etwas besseres als sie zu sein. Und seine
Ansichten? Die waren doch auch nur Hirngespinste, die keinem etwas brachten.
Vielleicht wollte dieser Mann sie auch eh nur verulken. Definitiv kein guter
Witz.

Malin
drehte sich um, um zu gehen. Sie konnte tatsächlich einige Meter gehen, ohne,
dass er sie aufhielt und glaubte daher schon, dass er es aufgegeben hatte.

Doch
schon hörte sie wieder die kehlige Stimme wispern. Malin beschloss nicht darauf
zu achten und beschleunigte ihre Schritte ein wenig.

Der
Fremde jedoch blieb hartnäckig.

&#8222;Stell
dir einmal vor, du wärest, die da läge, halbtot, kaum noch zu rettend. Bist du
dir so sicher, dass es dir egal wäre, dass alle, die vorbeigehen nur einen
abwertenden Blick auf dich werfen? Verdrängen, was sie sehen, es vergleichgültigen?&#8220;

Abrupt
drehte sich Malin um. Nein, es wäre ihr nicht egal.

&#8222;Ja.&#8220;

&#8222;Sicher?"

Malin
verspürte große Angst, Angst davor jetzt aus der Fassung zu kommen, ihre
Gleichgültigkeit, die sie vor so vielem beschützte, zu verlieren. Doch sie gab
sich einen Ruck.

&#8222;Sicher&#8220;

&#8222;Dann...&#8220;
Langsam, mit, für einen Verkrüppelten ziemlich graziösen Bewegungen, zog er
eine kleine Schusswaffe aus einer, kaum erkennbaren Tasche seines zerrissenen
Mantels, hervor.

&#8222;...Macht
es dir ja wohl auch nichts aus, wenn ich dich jetzt kurzerhand

Malin
hatte nun endgültig die Fassung verloren.

&#8222;...So
was dürfen sie nicht, das ist...&#8220; Malin stockte.

&#8222;...Das
ist... was bitte? ...Sagtest du nicht vorhin noch, dass es egal sei, ob du
lebst, oder hier dein Dasein als eines der niedersten Geschöpfe fristest? Nein?
Und außerdem, wen wird das interessieren? Eine sterbende Frau am Straßenrand?
Na und? So ist das Schicksal. Das Schicksal ist an allem schuld und an ihm ist
nicht zu rütteln.&#8220;

&#8222;Aber...&#8220;

&#8222;Sprech
es nicht aus. Du weißt genau, du wirst daliegen, mehr tot als lebendig. Keiner
wird dir mehr als eines hastigen Blickes würdigen. Wofür auch?&#8220; Die Stimme
war um einiges rauer geworden.

Gerade
noch hatte Malin den Mund zum Sprechen geöffnet, als sie einen donnernden
Schuss wahrnahm und kurz darauf: Einen starken Schmerz in der linken Brustseite.

Sie
sackte zusammen, fiel, fiel durch Dunkelheit und schlug kurz darauf auf dem
hartem Boden auf. Es kam ihr vor wie in Zeitlupe.

Wo sie
grade noch klar und deutlich den Motorenlärm, wie ihn nur sehr viele Autos
veranstalten können, hören konnte, war jetzt ein durchgehendes monotones
Summen zuhören.

Sie
wollte sich zu ihrem Mörder umdrehen, doch sie bekam den Kopf nicht gedreht. Außerdem
konnte sie nicht einmal mehr wissen, ob er überhaupt noch da stand. Vielleicht
war er inzwischen längst weggelaufen.

Wer war
er eigentlich? Dieser Mann... Wie gern hätte Malin eine Antwort darauf gewusst,
doch nun, nun war es zu spät.

Ihr
wurde klar, dass sie ihr ganzes Leben verschwendet hatte, dass alles, was sie
getan hatte falsch gewesen ist. Nie hätte sie das Haus ihrer Eltern verlassen dürfen,
nie... Doch das war nur der erste Fehler gewesen... Und jetzt, jetzt konnte sie
auch nichts mehr gut machen.

<i>Nun... Dann muss es halt so sein, dann ist das wohl das Ende...Sterbe ich eben so.</i>
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