Der Gefangene von Cayenne

von Gundolf
GeschichteAbenteuer / P12
Captain Jack Sparrow Elizabeth Swann Will Turner
09.04.2004
07.03.2005
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Die Rechte an dieser Story – soweit sie nicht ersichtlich vom Film bzw. Buch abweicht –, den handelnden Personen und den gewählten Orten, soweit sie nicht historisch sind, liegen ausschließlich bei Disney, Gore Verbinski und den Drehbuchautoren.

Ich habe mir Figuren, Orte und Grundlage der Erzählung lediglich ausgeliehen und verdiene hiermit kein Geld.





Kapitel 1



Das Erbe des Meisters




Es war Frühling auf Jamaica - nun ja, wenigstens dem Datum nach, denn die klimatischen Bedingungen der Karibik schufen eher einen Dauersommer. Hier herrschten das ganze Jahr über sommerliche Temperaturen und selbst die Nächte waren so warm, dass man zum Schlafen außer dem unabdingbaren Moskitonetz allenfalls ein dünnes Baumwolllaken benötigte, aber ganz gewiss kein Federbett. Die Kolonisten, die seit der Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus hierher gekommen waren, hatte durchaus auch die chronische Wärme angezogen. Auf jeden Fall galt das für die, die aus dem ewig verregneten und kalten England den Weg in die tiefblauen, glasklaren Gewässer der Karibik gefunden hatten.

Jamaica war eine englische Kolonie und vor noch nicht allzu langer Zeit eine Hochburg der karibischen Piraten, die die Gewässer hier nach wie vor unsicher machten. Doch seit Sir Henry Morgan Vizegouverneur von Jamaica gewesen war, war es mit der Piratenherrlichkeit auf dieser Insel vorüber. Gesetz und Ordnung regierten hier und das zu dieser Zeit in Gestalt von Weatherby Swann. Er war ein Mann der von großen Festen nicht unbedingt etwas hielt, der aber auch nicht abgeneigt war, ein solches zu geben, wenn der Anlass entsprechend war.

Ein solcher Anlass war gerade vier Wochen her und er betraf die Hochzeit seiner einzigen Tochter Elizabeth. Elizabeth hatte nach etlichen Schwierigkeiten, die zwei Entführungen ihrer Person durch Piraten einschlossen, endlich ihren langjährigen Freund und kurzzeitigen Geliebten William Turner heiraten können. Die Hochzeit war ein rauschendes Fest gewesen, bei dem der Gouverneur wirklich nicht gespart hatte. Wohl hatte er gewisses Magendrücken angesichts des Bräutigams gehabt, schließlich war William Turner jr. kein reicher Plantagenbesitzer, sondern der Geselle des örtlichen Waffenschmiedes; ein ehrbarer Handwerker, wenngleich sein Vater Pirat gewesen war. Dass Will, wie der junge Mann allgemein genannt wurde, gewisse Anteile von Piratenblut hatte, hatte sich während der letzten Monate zwar gezeigt, doch Will war nach diesen Abenteuern wieder in die Schmiede und zu seinem bürgerlichen Leben zurückgekehrt - und das beruhigte seinen nunmehrigen Schwiegervater doch. Zudem hatte Will gute
Manieren, verstand es trotz seiner einfachen Herkunft, sich recht gewählt auszudrücken und er hatte ein mehr als nur ansprechendes Äußeres.

Der Nachmittag war heiß, auch für karibische Verhältnisse. Im Schatten betrug die Temperatur wenigstens 100° F und obendrein war es feucht. In der Schmiede war es noch heißer. Will und sein Meister hatten am Oberkörper nur noch die ledernen Schürzen, die sie vor den sprühenden Funken der Schmiedestücke schützen sollten. Jeder arbeitete an einem Marinedegen, denn in den nächsten Tagen erwartete Port Royal wieder eine festliche Zeremonie. Commodore Norringtons Blitzkarriere setzte sich fort. Nach nur gut einem halben Jahr als Commodore sollte er zum Rear-Admiral befördert werden und Lieutenant Gillette sollte den Rang eines Lieutenant-Commander erhalten. Für beide hatte Gouverneur Swann neue Degen bestellt. Norrington musste bald eine ganze Sammlung haben, wenn er für jeden Dienstgrad, den er befördert wurde, einen neuen Degen bekam, mutmaßte Will, während er an dem neuen Stück arbeitete. War schon der vorhergehende Degen aus gefaltetem Stahl und exakt ausgewogen, hatte Will in diesen
Ehrendegen eine Wolkendamaszierung eingearbeitet, in die unmittelbar unter der Fehlschärfe ein vollgetakeltes Segelschiff eingeätzt werden sollte, das der HMS Dauntless mehr als nur ähnlich sah - so jedenfalls sah es die Zeichnung vor, die Will sich als Vorlage gemacht hatte. Die Fehlschärfe selbst war vergoldet, der Griffkorb sollte in drei geschwungenen Stangen zum Knauf hin auslaufen, die wahrhaftig aus purem Gold bestanden.

Sein Chef mühte sich mit dem neuen Stück für Gillette ab, das wesentlich weniger prächtig ausfallen würde. Meister Brown, gut einen Kopf kleiner als sein Geselle, dafür aber doppelt so breit, schnaufte schon seit dem Vormittag wie ein überanstrengtes Pferd. Er schob den Degen wieder in die Esse und setzte sich erschöpft auf seinen Stuhl.
"Will, meine Flasche ist leer." schnaufte er. "Ich brauch' was zu trinken."
Will war mit der Damaszierung der von ihm bearbeiteten Klinge noch nicht zufrieden und schob sie ebenfalls wieder in die Esse.
"Meister, wenn Ihr mir einen Rat erlaubt, solltet Ihr bei dieser Hitze besser keinen Rum mehr trinken. Soll ich Euch Wasser holen?"
Brown sah seinen jungen Gesellen mit rotunterlaufenen Triefaugen an.
"Ich bin durstig, mein Junge, nicht schmutzig!" wies er Will zurecht. Will zog skeptisch die linke Augenbraue hoch. Sie schwitzten beide, dass ihnen der Schweiß in Bächen über den Körper rann. Wenn jemand jetzt in die Schmiede kam, stolperte er rückwärts wieder heraus vor dem Mief aus Schweiß, Alkoholdunst, glühender Holzkohle und heißem Metall, dessen war Will sicher.
"Na schön, Ihr müsst es wissen. Ich habe Euch gewarnt." seufzte er und verließ die Schmiede, um Wasser für sich und Rum für den Meister zu holen.

Als er unten im Keller war, wo Meister Browns Rumvorräte lagerten, hörte er einen dumpfen Aufprall. Besorgt sprang er die Stufen in die Schmiede hinauf. Meister Brown war vom Stuhl gestürzt und rührte sich nicht mehr. Will klopfte ihm an die Wangen, rief ihn - keine Reaktion. Eilig rannte er in den Hof hinaus, schöpfte Wasser aus dem tiefen Brunnen, schüttete seinem Meister den halben Eimer direkt ins Gesicht, der schnaubend und prustend wieder hochkam.
"Hey, was soll, das?" keuchte Brown.
"Ihr seid schlichtweg umgekippt, Meister. Und jetzt trinkt Ihr das hier!" erwiderte Will mit einem Ton, der keinen Widerspruch duldete und flößte seinem Meister Becher Wasser ein.
"Uuahh, scheußlich! Das Zeug hat wirklich keinen Geschmack!" fluchte Brown.
"Kommt, trinkt noch eins. Ist wirklich besser als Rum, Meister." entgegnete Will und hielt seinen immer noch schlappen Meister fest im Arm, damit er nicht wieder umkippte. Brown trank brav und merkte, dass es ihm allmählich besser ging.
"Danke, mein Junge." sagte er nach einer Weile. "Ich glaub', ich sollte mich 'ne Weile hinlegen. Bring' mich nach oben, Will."

Will half ihm auf und beförderte ihn in die Wohnung über dem Schmiedenanbau. Mabel, Meister Browns Frau, öffnete auf Wills Klopfen.
"Joseph! Es ist heller Nachmittag, und du bist schon besoffen!" schalt sie.
"Nee, das is' nur die Hitze, Schätzchen." brummte Brown. Seine Frau sah Will an, der nur verlegen, aber vielsagend die Augenbrauen hob.
"Ist wirklich heiß, Madame." sagte er entschuldigend. Mabel hörte schon am Ton des jungen Mannes, dass er mit Meister Browns Saufeskapaden keineswegs einverstanden war, aber letztlich dagegen ebenso wenig tun konnte wie sie selbst.
"Leg' ihn in die Hängematte auf der Veranda, Will!" wies sie ihn an. Will merkte, dass seinem Meister die Beine erneut wegknickten, hob ihn auf seine Arme und trug ihn auf die schattige Veranda, wo im leichten Seewind des Meisters liebste Hängematte baumelte und beförderte ihn hinein. Als er wieder gehen wollte, hielt Brown ihn fest.
"Will, warte mal."
"Meister?"
"Komm, mein Junge, setz' dich her." erwiderte Brown und zog den jungen Mann auf den Stuhl, der neben der Matte stand.
"Hör mal, die beiden Degen müssen heute noch fertig werden."
"Ich weiß, deshalb will ich ja auch wieder 'runter." grinste Will. Joseph Brown schüttelte heftig den Kopf.
"Nein, zuerst hörst du mir zu!" versetzte er. "Mabel, komm du auch her!" rief er dann nach seiner Frau, die auch sofort kam.
"Will, wie lange bist du jetzt bei uns?"
"Fast neun Jahre, Meister."
"Wie lange bist du jetzt Schmied?"
"Ich bin doch gleich bei Euch in die Lehre gegangen, Meister." erinnerte Will verblüfft. 'Der Alkohol verursacht offensichtlich Gedächtnisschwund.' dachte Will bei sich. Brown grinste leicht.
"Wie lange hast du gelernt?"
"Offiziell vier Jahre, Meister, aber wer lernt schon aus?" erwiderte Will schmunzelnd.
"Dann bist du jetzt fast fünf Jahre mein Geselle." stellte Brown fest. Will nickte.
"Als du mal herkamst, warst du ein schmächtiges Kerlchen, aber du warst und bist gelehrig und du hast eine Kraft entwickelt, die bemerkenswert ist, so 'n schmales Hemd wie du bist. Was... würdest du davon halten..., die Schmiede zu übernehmen, mein Junge?"
"Wie bitte?"
"Sieh mal, ich bin jetzt bald sechzig und schon 'n bisschen klapprig. Ich hab' dir alles beigebracht, was ich weiß und was ich kann. Kinder hab' ich keine, denen ich die Schmiede hinterlassen könnte. Das hier -" Meister Brown wies nach unten, " - ist die einzige Waffenschmiede in der ganzen Karibik, aus der wirklich brauchbare Schwerter kommen. Unsere Entwicklung von widerstandsfähigen Metallen, denen auch Salzwasser nix anhaben kann, ist 'ne tolle Sache, mein Junge. Ich hab' das Patent drauf."
Will nickte.
'Ist ja auch meine Entwicklung gewesen, lieber Meister! Genauso, wie die perfekt ausgewogenen Klingen, die du nie hingekriegt hast!' dachte er. Den in gewisser Hinsicht resignierten Gesichtsausdruck schien sein Meister nicht zu bemerken.
"Du hast das Patent drauf - aber Will hat sie gemacht, die Spitzenklingen." warf seine Frau ein, die schon lange nicht mehr damit einverstanden war, dass Will die gute Arbeit machte und ihr Mann dafür die Lorbeeren bekam. Brown grinste.
"Was meinst du, warum ich Will die Schmiede übergeben will, Mabelchen?" versetzte er. "Und zwar samt den Patenten, die auf ihn überschrieben werden. Ich stell' nur ein paar Bedingungen dafür."
"Und die wären?" erkundigte sich Will.
"Mabel und ich dürfen hier auf Lebenszeit mietfrei wohnen und der Name der Schmiede bleibt erhalten - natürlich mit dem Zusatz, dass du der Inhaber und Meister bist."
"Und was verlangt Ihr als Preis?" fragte Will vorsichtig und dachte an seinen schmalen Beutel. Die Schmiedeeinrichtung war wohl alt, aber durchaus noch richtiges Geld wert, die Materialien, die dort lagerten, waren zum Teil wirklich teuer und die Patente waren ein Vermögen wert. Als Schmiedegeselle verdiente er nicht viel und das, was ihm der Schatz der Isla de Muerta eingetragen hatte, konnte er nicht einfach ausgeben, ohne dass bekannt wurde, dass es sich um Piratengold handelte. Die Folge malte Will sich lieber nicht aus. Und seinen Schwiegervater wollte er nicht um ein Darlehen bitten. Es reichte eigentlich, dass er mit Elizabeth im Palast des Gouverneurs wohnen durfte. In weitere Abhängigkeit wollte Will sich nicht begeben.
"Ich glaub' du hast mich falsch verstanden, mein Junge: Du wirst das hier erben. Natürlich müssen Mabel und ich von was leben. Also möchte ich, dass du uns eine Leibrente zahlst. Ich denke an dreißig Prozent der Einnahmen aus der Schmiede."
Will überschlug schnell, um welche Summen es ging. Seit er Meister Browns Geselle war, machte er nicht nur die Klingen, er führte auch die Bücher und wusste deshalb um Preise, Umsatz und Gewinn der Schmiede. Dreißig Prozent, das war eine Menge, aber wenn er die Kunden halten konnte und noch ein paar dazu gewann, brachte ihm die Schmiede wenigstens das Fünffache dessen ein, was er jetzt als Geselle bekam.
"Der Einnahmen oder des Gewinns, Meister?" fragte Will noch mal nach, um sicherzugehen, um welche Größenordnung es ging.
"Gewinn, mein Junge, Gewinn." erwiderte Joseph Brown.
"Einverstanden, Meister." sagte Will.
"Gut, dann gehen wir morgen früh zum Notar und ab morgen Mittag bist du hier der Chef, Meister Turner." schlug Brown vor und hielt seinem Gesellen die Hand hin, der mit einem freundlichen Lächeln einschlug.
"Abgemacht." sagte Mabel und umfasste die Hände ihrer Männer als Zeugin der Verhandlung. Ihre Hartnäckigkeit zeigte endlich Wirkung. Seit wenigstens einem Jahr lag sie ihrem Mann nun schon in den Ohren, dass er Will endlich die Anerkennung zukommen ließ, die ihm eigentlich schon lange zustand. Denn was an erstklassigen Klingen aus der Waffenschmiede von Meister Joseph Brown kam, war seit wenigstens zwei Jahren ausschließlich unter William Turners Hammerschlägen entstanden.
"So, und jetzt ab mit dir an den Amboss!" befahl Brown, wieder ganz der Meister.
"Bin schon weg, Meister!" rief Will und sprang eilig nach unten in die Schmiede zurück.

Als er in den halbdunklen Raum kam, schlug ihm eine fürchterliche Dunstwolke entgegen. Will öffnete sämtliche Fenster und die Tür der Schmiede, um Luft hereinzulassen und machte sich dann wieder an die Arbeit. Diese beiden Ehrendegen würden noch Meister Browns Marke tragen, aber die nächsten...
"Hey, Will!" hörte er die Stimme seines Meisters von oben. Will kam samt Schmiedestück und Hammer aus der Schmiede.
"Ja, Meister?"
"Die Dinger bekommen deine Marke, klar?" rief Joseph herunter.
"Aber die sollen doch morgen schon abgeliefert werden." erinnerte Will. Brown musste lächeln. Wirklich, kaum zu glauben, dass der Junge der Sohn eines Piraten und Schlitzohrs war. Will war so was von grundehrlich, er hätte sogar dem Teufel sein Eigentum zurückgegeben.
"William Turner jr.! Du stellst sie her und du wirst sie für dich stempeln!" setzte Mabel Brown hinzu.
"Gut, Frau Meisterin!" grinste Will. Wie konnte er sich dem Willen seines Meisters auch widersetzen? Die beiden Klingen waren ohnehin fast fertig. Bei dem Ehrendegen für Norrington fehlten nur noch der Zusammenbau, die Gravierung und das Portepee und der Degen für Gillette musste noch einmal überarbeitet werden. Alles andere hatte Zeit.

Die Dunkelheit war längst hereingebrochen, als Will völlig verschwitzt, aber mit zwei fertig gestellten Ehrendegen im Präsentkasten das Haus seines Schwiegervaters durch den Personaleingang betrat. Jenny, eine der Zofen, öffnete ihm die Tür.
"Guten Abend, Master Turner. Eure Frau macht sich schon Sorgen, dass Ihr so lange ausbleibt."
"Hallo, Jenny. Ist sie oben?"
"Ja, Master Turner. Soll ich Euch ein Bad richten."
"Oh, das wäre sehr lieb von dir. Danke." erwiderte Will. Oben wurde es laut, als Elizabeth die Treppe herunterkam.
"Meine Güte, ich dachte schon, es wären wieder Piraten in Port Royal!" platzte sie heraus.
"Hallo, Liebling. Warum das?"
"Weil du eigentlich seit zwei Stunden Feierabend hast. Bist du Jack über den Weg gelaufen?" erwiderte sie. Sie schnüffelte vorsichtig. "Kommst du grad' aus dem Schweinestall?"
"Wenn du die Schmiede so nennen willst, ja. Ich hab' die Degen fertig gemacht, weil dein Vater sie morgen schon braucht. Ich wollte nur noch baden und dann einen Happen essen, wenn du nichts dagegen hast."
"Was, die sind schon fertig?" fragte seine Frau verblüfft. Will nickte.
"Hier, sieh mal: Gefalteter Stahl mit vergoldetem Griff für Gillette und eine Damaszenerklinge für Norrington."
Mit einem stolzen Lächeln öffnete er die Präsentkästen.
"Oh, Will! Sie sind einfach schön." sagte Elizabeth, als sie die glänzenden Schwerter sah. "Vater wird begeistert sein."
"Das hoffe ich."  
Elizabeth nahm den Ehrendegen für Norrington aus dem Kasten.
"Ziemlich schwer."
"Gut sechs Pounds. Der Griff ist schlicht und einfach Gold."
Sie sah die Marke auf der Fehlschärfe. WTJ und zwei gekreuzte Schwerter mit krummen Klingen zeigte die Marke.
"Habt ihr eine neue Hausmarke?"
"Nein, oder ja - wie man's nimmt. Das ist mein eigenes Firmenzeichen." lächelte Will. Elizabeth sah ihn verwundert an.
"Heißt das etwa, dass..."
"...Meister Brown mir die Schmiede übergeben hat, genau das, mein Schatz. Morgen gehen wir zum Notar. Ich habe diese Klingen auf seine ausdrückliche Anweisung heute schon mit meiner Marke gezeichnet. Das hab' ich sogar schriftlich von ihm."
Elizabeth wollte ihn umarmen, aber er wehrte vorsichtig ab.
"Lass' mich lieber erst baden, sonst beschwert sich noch der Butler, dass du auch stinkst." grinste er. Sie beließ es bei einem fast scheuen Kuss auf die Wange.

Will saß in der Badewanne und seifte sich gründlich ab, als der Mond aufging und in die Badestube hinein schien.
'Seltsam," dachte Will, 'ich habe das Medaillon ein paar Jahre besessen, aber der Fluch betraf mich nicht, weil ich es nicht selbst aus der Truhe genommen hatte. Dennoch wird mir bei Mondschein so komisch.'
Er betrachtete seine langen Finger, aber es war alles normal. Kopfschüttelnd stieg er aus der Wanne, trocknete sich ab, zog sich einen Hausmantel über und schüttete den Badezuber in den Zulauf der Abflussgrube aus. Jenny, eine der drei Hausmädchen, und nahezu allein für das junge Paar zuständig, hörte das Wasser plätschern und stürmte eilig in die Badestube.
"Lasst nur, Master Turner... Oh." stockte sie dann.
"Ist schon gut, Jenny. Ich werd' mich wohl nie dran gewöhnen, dass es hier Diener gibt." lächelte Will.
"Dann lasst mich wenigstens den Rest machen, Master Turner." bat die Dienerin und Will ließ ihr den Vortritt beim Aufräumen.

Noch in Gedanken versunken verließ er die Badestube und sprang eilig nach oben in die zweite Etage der Gouverneursvilla, wo Elizabeth und er eine große Wohnung hatten. Will gewöhnte sich nur schwer an sein neues Zuhause. In England hatte er mit seiner Mutter eine kleine Dachwohnung in Plymouth bewohnt, die gerade ein einziges Fenster gehabt hatte - und das führte auch noch auf einen winzigen Hinterhof. Sie hatten ein bescheidenes Leben geführt, in dem es oftmals nur für eine anständige Mahlzeit am Tag gereicht hatte. Seine schmale Figur hatte durchaus etwas mit diesem Umstand zu tun. Doch seine Mutter hatte gewollt, dass aus ihrem Sohn einmal etwas wurde und hatte ihn in eine für ihre Verhältnisse eigentlich viel zu teure Schule geschickt, in der er mehr gelernt hatte als Lesen, Schreiben und Rechnen. Er hatte eine Grundausbildung in Geografie, Geometrie und Mathematik, verstand etwas Französisch und war schon in der Schule ein geschickter Bastler gewesen, der sich gern mit Metallen
beschäftigt hatte. Nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter, die eine simple Erkältung nicht überlebt hatte, weil das Geld für den Arzt fehlte, hatte ihr Cousin dafür gesorgt, dass Will seinem Vater in die Karibik nachreiste - ohne, dass er genau wusste, wo er eigentlich mit der Suche anfangen sollte; denn zu dem Zeitpunkt, als Will sich mit dem Geld seines Onkels in Plymouth auf der Dragonfly nach Jamaica einschiffte, hatte er seit mehr als zwei Jahren von William Turner sen. keine Nachricht mehr gehabt. Das letzte Lebenszeichen seines Vaters war das Aztekenmedaillon gewesen, das er Will zu dessen zwölftem Geburtstag als Geschenk geschickt hatte. Danach hatte Anne Turner von ihrem Mann nichts mehr gehört. Schließlich gab es die Nachricht, dass die Seagull, das Schiff, auf dem Will Turner sen. fuhr, mit Mann und Maus untergegangen war. Dennoch hatten Anne und Will jr. nie wirklich glauben wollen, dass ihr Mann und sein Vater tot war. Davor war William Turner sen. aber auch nur selten
daheim in England gewesen. Das letzte Mal, so erinnerte Will sich, hatte er seinen Vater gesehen, als er selbst neun Jahre alt gewesen war - vor vierzehn Jahren. Die Überfahrt nach Jamaica hatte mit dem Überfall der Black Pearl unter Captain Barbossas Kommando ihr Ende gefunden und Will hatte den Überfall nur knapp überlebt - als einziger Mensch an Bord der Dragonfly. Alle anderen waren von Barbossas Piraten massakriert worden oder ertrunken. Elizabeth, die damals mit der HMS Dauntless zusammen mit ihrem Vater nach Jamaica gesegelt war, hatte Will im Wasser treibend entdeckt und ihn damit gerettet. Weil er für einen Schiffsjungen damals zu schmächtig gewesen war, war er für die Royal Navy kein geeigneter Nachwuchs gewesen und Governor Swann hatte dafür gesorgt, dass der nunmehrige Waisenjunge bei Meister Joseph Brown in die Lehre als Waffenschmied ging. Brown war zwar ein geschickter Handwerker, der Will viel beigebracht hatte, der manches aber mehr theoretisch beherrschte und es
weniger selbst praktisch anwenden konnte. Zudem vertrank der Meister einen guten Teil seiner Einnahmen, so dass auch die Behausung und Verköstigung in der Schmiede eher bescheiden gewesen war. Nachdem Will dann Geselle geworden war und sein Lehrgeld abgearbeitet hatte, hatte er Nachforschungen nach seinem Vater angestellt, die für seinen bescheidenen Lohn teuer waren, aber die Spur verlor sich schnell. Erst durch Jack Sparrow hatte Will erfahren, dass sein Vater Pirat gewesen war und im Laufe der Aktion Aztekengold die Information bekommen, dass Will Turner sen. von Barbossa buchstäblich versenkt worden war.

So hatte Will sich nie viel leisten können, weder eine eigene Wohnung noch große Ausstattung. Als er mit Jack auf die Suche nach Elizabeth gegangen war, hatte er kaum mehr besessen als das, was er am Leibe trug. Durch das Gold, was ihm auf der Isla de Muerta zugefallen war, hatte er sich ein paar Kleidungsstücke kaufen können, aber Will war es gewohnt, sein weniges Geld zusammenzuhalten. Er hatte aus bekannten Gründen auch nicht zu sehr mit dem Piratengold gehandelt. Allzu schnell konnte jemand, der Piratengold besaß, selbst zum Piraten gestempelt werden und Will reichte es eigentlich, dass sein Vater Pirat gewesen war. Er musste nicht noch für diesen Umstand hängen und blieb der bescheidene Schmiedegeselle. Er hatte nie den Plan gehabt, reich zu heiraten - doch genau das war geschehen. Und es war immer noch ungewohnt für Will, dass es Diener gab, die sich um seine Sachen kümmerten, ihm ein Bad richteten oder es wegräumten, dass er in einer Wohnung lebte, die eine ganze Etage in einer
großen Villa einnahm. Will sah durch das Flurfenster den Vollmond. Diese Gedanken überkamen ihn jedes Mal, wenn Vollmond war. Es war schon seltsam...

Elizabeth nahm ihn mit einer liebevollen Umarmung in Empfang und küsste ihn.
"Komm, Liebling, das Abendessen wartet auf dich." sagte sie leise. "Du siehst müde aus." setzte sie hinzu. Will nickte nur. Der Tag war wirklich anstrengend gewesen, aber er hatte das Ergebnis seiner Handwerkskunst buchstäblich greifbar. Die beiden Ehrendegen waren echte Meisterstücke. Er hatte gerade zu Ende gegessen, als es klopfte und Governor Swann eintrat.
"Jenny hat mir gesagt, du hast die Degen mitgebracht, William." sagte er. Will nickte.
"Ja, ich hab' sie heute fertig stellen können. Hier." erwiderte er und öffnete die Präsentkästen. Swann nahm einen nach dem anderen in die Hand.
"Wieder so wunderbar ausgewogen. Wirklich. Gute Arbeit." lobte der Gouverneur. Dann sah er die Marke und sah Will fragend an. Der wiederum nahm das Schreiben seines Meisters aus der Tasche und zeigte es seinem Schwiegervater. Swann sah eine Weile darauf, blickte dann Will an.
"Ich bin kein Schmied, mein Sohn, aber... sie haben große Ähnlichkeit mit dem letzten Ehrendegen, den ich bei Meister Brown bestellt habe."
Will lächelte in seiner unnachahmlich freundlichen Art.
"Das wundert mich nicht. Ich weiß nicht, wer Norrington es gesagt hat, aber der wusste jedenfalls, dass ich sein Schwert gemacht habe." sagte er.
"Warum hast du mir das nicht gesagt?" erkundigte sich der Gouverneur. Wills Lächeln wurde noch breiter.
"Ich glaube nicht, dass Ihr es geglaubt hättet, Sir." entgegnete er.
"Und ab morgen bist du also der Meister... Herzlichen Glückwunsch, mein Junge. Ich habe immer gehofft, dass du es eines Tages sein würdest. Aber dass du es schon jetzt wirst... Ich wäre erfreut, wenn du mich zu der Zeremonie morgen begleiten würdest."
"Wann ist sie morgen angesetzt?"
"Für zehn Uhr, wie üblich in solchen Fällen."
"Dann wird der Notar sich hoffentlich beeilen, denn um neun wollen Meister Brown und ich den Übergabevertrag unterzeichnen."
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