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Erinnerungen an Tristan

von Soja
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P12 / Gen
09.04.2004
10.04.2004
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3.915
 
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Das Licht fiel durch das offene Fenster, was von gelblichen Vorhängen, die verspielt mit dem Wind tanzten, umrandet war. Sie hörte das ferne Rauschen des Meeres. Früher einmal symbolisierten diese zarten Klänge für sie die vollkommene Freiheit. Zerfledderte Zeitschriften und Bücher aus längst vergangen goldenen Tagen übersäten den hellbeigen Marmorboden. Wie ein unsichtbarer Schleier umhüllte die stickige Luft dieses Zimmer. Der kleine Kanarienvogel im engen Käfig schrie förmlich nach Frischluft und Wasser. Doch die Besitzerin der kleinen Seele war in ihre Welt entflohen. Ein verträumtes Lächeln huschte über ihr von Falten überzogenes Gesicht, als der Walzer aus dem Monophon erneut anfing von Glück und Liebe zu philosophieren. Bilder entstanden vor ihrem Gesicht. Sie, tanzend. Jung und schön, im Arm eines schmucken Jünglings, dessen zärtliche Blicke vergötternd über ihr Antlitz streiften. Die Füße werden von der Musik getragen. Hoch oben in die Wolken des jugendlichen Leichtsinns. Die
Katze trat anmutig mit kleinen Sprüngen in die Tagträume der alten Dame. Ärgerlich sah sie die Katze an.
"Du dumme fette Katze...wenn du wenigstens reden könntest. Oder tanzen...."
Ein hochmütiges Miauen war die Antwort.
Die Musik entführte sie wieder in den Traum. Ja, er hatte ihr alles versprochen. Reichtum, ewige Liebe und Kinder. Doch was war ihr geblieben? Ein riesiges Haus, das für sie so unnütz war wie das Meer. Das Meer war der Verräter. Es hat sie den Mann gekostet. Vor 10 Jahren segelte er in die untergehende Sonne. Wie im Film, dachte sie damals naiv. Und wie im Film würde er sie mit herzzerreißenden Liebesbriefen in der Zeit seiner Abwesenheit beglücken, die ihre Wangen zum Glühen und ihr Herz schneller schlagen ließen. Doch es traf nur ein prägnanter Brief ein mit dem Notiz es ginge ihm gut und bald sei er wieder zu Hause. All die Jahre hatte sie gehofft, gebetet, gewartet. Und mit jedem vergangenen Jahr erstickte auch die Hoffnung er würde heimkehren und sie heiraten. Verehrer hatte sie, keine Frage. Doch eine Chance hatte keiner und diese netten Nebenerscheinungen verschwanden mit dem Zurückgehen ihrer Schönheit. Die Sonne schien in den verwahrlosten Garten. Ihre Strahlen fing der
tiefgrüne Gartenteich auf und reflektiert sie in das Zimmer. Das Weinglas in ihrer Hand zitterte. Mit einem Zug leerte sie es und stimmte lautstark in den schnulzigen Gesang des Sängergottes ein.
"Verzeihung, Madame..."
Sie fuhr zusammen. Den Gärtner hatte sie doch vor etlichen Monaten entlassen. Und welche Menschenseele bequemte sich in die einsam gelegte Villa "Montiquis" zu kommen um sie zu besuchen? Langsam drehte sie sich vom Fenster weg. In dem Türrahmen stand ein großer dünner Mann mit hellblonden Haaren. Er trug eine alte Hose, die Löcher und Flicken zierten. Ein hässlicher Pullover in dunkelblau und darüber eine braune Cordweste verstärkten den Eindruck eines Herumtreibers. Die ganze Erscheinung steckte in schwarzen Sommersandalen. Vor sich hielt der Mann seine Mütze, die er, nachdem die Dame ihn missbilligend anschaute, schnell vom Kopf riss und nun unsicher in den Händen wendete.
"'Tschuldige, dass ich so hereinschneie", nuschelte er. "Ich hab eine Autopanne und natürlich auch kein Handy mit, mein Sohn hat es sich heute Morgen extra mit in die Schule eingepackt, um bei seinen Mitschülern mächtig anzugeben." Er grinste sie offen an. Dabei blitzten seine blauen Augen auf. "Wie Kinder halt so sind." Scheinbar wartete er auf eine Reaktion von seiner Gegenüberen, als diese nicht kam, fuhr er mit einer Hand unsicher durch die Haare. Wirr standen sie vom Kopf ab. "Ja...könnte ich vielleicht mal Telefonieren?"
"Wie heißen sie?", unterbrach ihn die Dame schneidend.
"Finn. Also Finn Mitchard." Nervös weichte er den scharfen Blicken aus.
"Gut Mr. Mitchard. Folgen sie mir in den Salon!"
Mit mayästhetischen Schritten ging sie durch das Zimmer, quer durch die Eingangshalle. Aus den Augenwinkeln konnte sie schmunzelnd erkennen, wie ihr unerwarteter Gast staunend die riesigen Gemälde und kostbaren Wandteppiche betrachtete. Bei einer Holztür, die mit reichlich Schnitzereien verziert war blieb sie stehen.
"Ich hoffe sie werden mich nicht gleich überfallen, totschlagen und mein Haus ausrauben, Mr. Michtard?"
"Nein, nein Madame.", erschrocken schaute er sie an.
"Sie haben Recht, für einen Mörder sind sie zu harmlos. Hier da vorne bei der Kommode steht das Telefon."
Noch ein wenig ungläubig ging der Angeredete zur Kommode.
Wahrscheinlich hat er in seinem ganzen Leben noch nie solch ein Haus betreten, dachte sie. Wenn ich ihn mir so anschaue, er hat ähnliche Schultern wie Tristan. Aber Tristan strahlte nie Unsicherheit und Schüchternheit aus, sondern immer Lebensfreude und Charme.
Inzwischen hatte Mr. Mitchard zu Ende telefoniert. Dankbar drehte er sich zu der Dame.
"Madame, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich bin. Ich meine, es wird schon langsam dunkel und hier in der Gegend", er stockte, so als habe er Angst die Dame zu beleidigen. Fast entschuldigend fügte er hinzu: "Nun ja, was man so hört, von den Leuten, Madame."
"Hören Sie auf mich Madame zu nennen. Nennen Sie mich Mrs. Bailor."
"Mrs. Bailor, einverstanden."
Er hat so was von Tristan. Die Art wie er versucht meinen Blicken standzuhalten. Er ist nervös...
"So...und Sie leben hier, ja? Leben hier noch mehr Leute? Verwandte?"
Mrs. Bailor saß elegant, die eine, mit ihrem Weinglas, mit der anderen Hand eine Zigarillo haltend, auf dem viktorianischen Sofa. Langsam inhalierte sie einen kräftigen Zug und nippte an ihrem Glas.
"Nun, Mr. Mitchard. Wenn Sie mich nicht ausrauben wollen, was haben Sie dann vor?"
"Wie bitte? Was meinen sie?" Unruhig kratzte er sich am Kopf. Seine Gedanken fuhren Achterbahn. Jetzt nur nichts falsch machen. Nicht jetzt, Finn, wo du so nah am Ziel bist.
"Ach bitte, erzählen sie mir keine Märchen. Hierher kommen keine zufälligen Leute mit Autopannen. Nein, in diese Villa kommen nur Leute, die sich vor ihrer Umwelt verstecken. Schauen Sie mich nicht an wie das Kaninchen vor der Schlange. Ein einfacher Pullover kann ihre Häftlingskleidung nicht verstecken."
Erschrocken fuhren seine Hände in den Nacken. Verdammt, ein leuchtend orange- schwarzer Streifen blitzte verräterisch hervor. Was tun? Bis zur Tür konnte er es nicht schaffen. Zu weit, zu gering die Wahrscheinlichkeit vor Mrs. Bailor die Pforte in seine Zukunft zu passieren.
"Hören Sie auf ihr hübsches Köpfchen zu zerbrechen. Ich werde Sie nicht verraten. Meinetwegen können Sie hier bleiben. Allerdings nur diese eine Nacht, schließlich wird die Polizei bald bei mir klingeln und mich nach Auffälligkeiten befragen. Zu dumm, wenn Sie dann einen Häftling in meiner Villa finden. Mein Ruf ist bereits ruiniert, aber mein Gesicht will ich noch wahren", genüsslich zog sie erneut an ihrer Zigarillo. "Ist das nicht amüsant? Sie stehen hier in meinem Salon und ich habe sie vollkommen in meiner Gewalt. Das ist Spannender als meine Bilder zu malen, ja genau diese worauf sie wie verrückt starren."
Ertappt schaute er Sie an.
"Schöne Bildchen. Ich male auch manchmal. Hören Sie, ich bin kein typischer Gauner. Vermutlich halten Sie mich für einen Nichtsnutz, der den ganzen Tag trinkt und keinen Job hat."
"Was ich von Ihnen halte geht Sie nichts an, Mr. Mitchard", erwiderte die Dame kühl. "Merken Sie sich das, die Menschen denken nie das, was Sie sich von Ihnen zu denken erhoffen."
Eine kurze Stille trat ein.
"Nun setzten Sie sich doch endlich auf den Sessel. Es macht mich krank Sie die ganze Zeit stehen zu sehen."
Wie ein unartiger Junge, der gerade etwas Verbotenes angestellt und von seiner Mutter erwischt worden war, gehorchte er ihr. Durch die staubige Terassentür fielen die letzten eingefangenen Sonnenstrahlen. Der Garten war eingetaucht in Dunkelheit. Die friedliche Stille wurde nur durch das Zirpen der Grillen durchbrochen. In der Ferne konnte man die Umrisse des beginnenden Waldes erkennen, der sich etliche Kilometer talabwärts erstreckte. Eine Motte schwirrte, angelockt durch das helle Kaminfeuer, in das Zimmer. Mrs Bailor stand auf. Mit mühsamen Schritten ging sie auf Mr. Mitchard zu. Nur wenige Zentimeter vor seinem Gesicht blieb sie stehen. Sie war so dicht vor seinen Augen, dass er die dicke Make-up Schicht erkennen konnte. Der verzweifelte Versuch die Jugend, die auf dem Friedhof der Zeit vergraben lag, wieder zu beleben. Der Alkoholatem blies ihm penetrant ins Gesicht. Angeekelt blickte er zu Seite. Sie drehte ihn zu sich und schaute ihm eindringlich in die Augen.
"Siehst du diese Motte?" Die Motte schwirrte immer näher an das gefährlich lockende Feuer. "Du bist diese Motte. Und ich bin das Feuer. Du musst mir gehorchen, sonst droht dir dasselbe Schicksal wie diesem armen Tier hier." Es zischte kurz auf, und der leblose Körper fiel in das Feuer. Hämisch lachte Mrs. Bailor.
Mit offenem Mund sah er sie an. Blaue Augen wie Tristan. Ihr Herz durchfuhr ein Stich, doch sie ignorierte ihn, wie so oft in all den Jahren. Reichlich angetrunken wankte sie zurück auf ihren mit weichen wertvoll bestickten Kissen staffierten Stammplatz, auf dem Sofa.
"Also Finn. Ich darf doch Finn sagen?", fragend schaute sie ihn an.
Natürlich darf sie mich so nennen, ihre Macht hat sie doch bereits überzeugend demonstriert.
Leicht nickte er.
Sie lächelte. "Gut Finn. Normalerweise ist es äußerst unhöflich nach so kurzer Zeit sich mit dem Vornamen anzureden. Aber in unserem Fall, mein Lieber, Chers!" Ein Hustanfall zerstörte das hoheitsvolle Bild, was sie so gern dargestellt hätte. Finn konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Sofort als sie ihn finster taxierte fiel er in seine Rolle des Unterwürfigen zurück.
"Erzähl mir was von dir. Du musst wissen, es ist nicht alltäglich, dass Strafgefangene in meinem Salon sitzen."
"Was wollen Sie denn hören, Mrs. Bailor?"
"Alles. Erzähl mir aus deinem Leben. Hast du eine Familie? Einen Beruf? Wieso bist du eigentlich im Gefängnis?" Für einen kurzen Moment stand die pure Neugierde in dem alten Gesicht geschrieben.
Er räusperte sich, fuhr sich durch das weizenblonde Haar, das im schummrigen Licht geheimnisvoll schimmerte.
"Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen. Bei meinem Vater. Meine Mutter ist schon früh mit ihrem Liebhaber durchgebrannt. Sie meinte sie halte es nicht mehr zu Hause aus. Mein Vater hat sie geschlagen, müssen sie wissen. Er war kein guter Ehemann. Ihm war wichtig, dass wir genug zu Essen hatten, er seinen Fischer Job gut erledigte und dass er mit seinen Freunden regelmäßig ein Bier trinken gehen konnte. Bei Jim, in der Eckkneipe." Verträumt starrte Mr. Mitchard in die Kaminflammen. "Ja, das war eine tolle Zeit. Ich bin oft mit meinem Vater fischen gegangen. Manchmal, wenn er zu viel getrunken hatte, habe ich ihn nicht wieder erkannt. Er schrie, zertrat Möbel und wetterte er kann sein Leben nicht mehr ertragen. In dieser Kleinstadt, die von Klatsch und Intrigen geprägt war. Der ewige Konkurrenzkampf machte ihm sehr zu schaffen. Nirgends wurde an Mitmenschen gedacht, es hieß immer nur: man kümmert sich nicht um die Angelegenheiten von Anderen. Geredet wurde trotzdem. Darüber, dass
meine Mutter physisch ein wenig labil war. Und das nur, weil sie einmal einen Weinkrampf im Supermarkt hatte. Aber wer weint nicht in seinem Leben? Manche heimlich unter seinem Kopfkissen und Andere nun einmal im Supermarkt. Man kann einen Menschen doch deswegen nicht verurteilen, verstehen sie mich, Madame?" Mit kindlichen Augen blickte er zu ihr.
"Mrs. Bailor, Finn, Mrs. Bailor", sagte sie heiser.
"Nun, dann ist sie bald abgehauen. Eines Nachts, als sie es nicht mehr aushielt, weil mein Vater zu viel getrunken und sie zu stark ins Gesicht geschlagen hatte. Sie sagte mir "Gute Nacht" und ging. Mein Vater und ich haben nie wieder darüber geredet. Ich entwickelte mit der Zeit einen richtigen Hass gegen ihn. Nichts passte mir. Das Bild des perfekten Vaters zerbröckelte mit der Zeit. Eines Nachts, scheint so als ob alle schicksalhaften Ereignisse in meinem Leben, nachts geschehen." Er stieß ein trauriges Lachen aus. "Jedenfalls eines Nachts diskutierten mein Vater und ich über meine Berufswahl. Er wollte schon seit meiner Kindheit einen richtigen Fischer aus mir machen. Doch meine Welt ist das Malen. Wissen Sie, wie toll es ist, einer leeren weißen Leinwand Leben einzuhauchen? Mit Formen, Farben und Ideen?"
"Ja ich war auch einmal voller Elan für das Zeichnen", mehr zu sich selbst sagte die alte Dame: "Das muss wohl in einem anderen Leben gewesen sein."
"Mein Vater stellte mir ein Ultimatum entweder er und die Fischerei oder ich verließ sein Haus und würde auf der Straße verkommen. Das sagte er genauso zu mir." Traurig sah Finn zu Mrs. Bailor. "Kennen Sie das Gefühl, was man nicht in Worte fassen kann? Wenn der Schmerz so groß ist, dass man nicht einmal weinen kann?"
Statt eine Antwort zu geben stand die Dame auf. Die Katze, die sich so eben auf dem Sofa ins Reich der Träume begeben wollte, fauchte ärgerlich, als sie in den Garten verscheucht wurde.
"Katzen sind so dumm. Sie denken sie seien etwas Besseres dabei sind sie faul und egoistisch, wie die meisten Menschen." Mit einem leisen Zischen entkorkte sie die Weinflasche und füllte ihr leeres Glas auf. "Fahren Sie fort, Mr. Mitchard. Noch bin ich nicht auf den Grund ihrer Kleidung gestoßen. Chers!"
"Zu dem Grund komme ich sofort. Sie müssen sich in mich hineinversetzen. Mein Vater behandelte mich seit dem Fortgehen meiner Mutter so, als sei ich ein Versager. Ein Versager, mit Illusionen, denen er mit Pinselfarbe ein Gewand aus Realität ankleiden wollte. In diesem Moment bin ich ausgerastet. Es hat klick gemacht und meine Unsicherheiten waren verschwunden. Ich weiß nicht mehr genau wie es passierte." Er stockte. Energisch stand er auf und ging vor der alten Dame auf und ab. Verwundert wollte diese schon mit barschem Befehlston ihn an die Rollenverteilung erinnern, doch sie nippte kurz an ihrem Weinglas und ließ ihn weiter erzählen.
"Plötzlich lag er vor mir auf den Boden, blutüberströmt und ich hielt das Heizungsrohr zitternd in der Hand fest, was er noch am nächsten Tag reparieren wollte. Ich dachte zunächst er wolle mir einen Schrecken einjagen, zur Rache, dass ich es wagte meine Stimme gegen ihn zu erheben. Doch er regte sich nicht mehr und mit blanken Entsetzten wurde mir klar, dass dies grausame Wahrheit war. Ich hatte meinen eigenen Vater getötet." Finn war stehen geblieben und schaute hinaus in die dunkle Nacht. Durch die Terassentür drang nun milde Abendluft in das stickige Innere. Die Grillen verstummten kurz, um dann erneut in ihr monotones Zirpen einzustimmen. "War es falsch?", fragte er mit leiser Stimme.
"Nun, ich kann nicht richten über Gut und Böse. Und weiß Gott, was habe ich schon für schlimme Gedanken gehabt, mein lieber Finn. Doch ausgeführt habe ich sie zum Glück nie. Falsch? Ja das war es. Doch was ist schon richtig. War es richtig als ich Tristan gehen ließ? War es richtig, dass ich keinen Anderen geheiratet und somit alle meine Träume begraben habe? Sieh mich an. Mein Herz ist gebrochen und schlägt gebrochen weiter. Ich bin hier. Alleine. Zurückgeblieben mit meinem Schmerz. Mit meiner Enttäuschung." Ein Hustanfall durchfuhr den alten Körper der Dame.
"Ist Tristan der junge Mann in der Uniform, da auf dem Photo?", fragend blickte er zu der Kommode. Neben dem Telefon stand ein alter Bilderrahm, der ein vergilbtes Photo umrahmte, das einen schmucken Mann in Uniform mit stolz geschwellter Brust abbildete. Voller Liebe schweifte Mrs Bailors Blick über das Photo. "Du hast nicht telefoniert, richtig?" Mr. Mitchard nickte.
"Erzähl weiter Finn", verlangte sie leise. Stöhnend setzte sie sich wieder und füllte das Glas randvoll.
"Danach fing mein Irrweg an. Ich sammelte meine Malsachen ein, nahm mein gespartes Geld und rannte los. Ich weiß noch, als ich das Haus verließ empfing mich der kalte Abendhauch. So kalt wie mein Herz das ich nicht mehr fühlen konnte. Ich rannte die Straße runter und wusste nicht wohin. Freunde, die mir Unterschlupf hätten gewähren können, hatte ich nicht. Wie auch? Einen Einzelgänger, der abstrakte Bilder in seiner Freizeit malte, mit einer Mutter, die verrückt war und mit einen gewalttätigen Vater, nein also ich entsprach wahrhaftig nicht den Kriterien eines perfekten Freundes. So wählte ich das Los unter einer Brücke zu schlafen. Vielleicht denken Sie, Mrs Bailor, wo sie ja Luxus gewöhnt sind, wie kann man nur unter einer Brücke schlafen? Doch wenn man nur eine Möglichkeit hat um der Realität zu entfliehen, dann wählt man den Schlaf. Ich wachte mit ungutem Gefühl auf und meine innere Stimme gab mir Recht. Bereits mittags wurde ich aufgegabelt und in das Städtische Revier gebracht.
Dann ging alles sehr schnell. Schuldig nicht schuldig? Hatte ich eine Chance? Gegen ein Heer aus Männern mit geballtem Justizwissen und auf der gegenüberliegenden Seite war nur ich- ohne Verteidiger, den ich mir nie hätte leisten können." Er stockte.
"Was ist, Finn?", die alte Dame schaute ihn an. "Wieso erzählen Sie nicht weiter?"
"Ich will nicht von der Zeit im Gefängnis erzählen. Bitte zwingen Sie mich nicht."
"Meine Güte, stellen Sie sich nicht so an!", erwiderte die alte Dame scharf. "Gut, wenn es ihre Gefühlsseite zu sehr strapaziert, dann überspringen sie den Teil."
"In Ordnung. Es ergab sich also die Möglichkeit zur Flucht, die ich natürlich auch nutzte. Es war wieder einmal Nacht und ich lief und lief wie ein Verrückter. Sie müssen wissen, durch ein Zufall war ich zum Hafen gelangt, wo meine Gelegenheit auf mich wartete."
"Und wie ich sie nun seit einigen Stunden kenne, wollen Sie mir nicht verraten, wie sie zu diesem Glück gekommen sind?"
"Nein, eher nicht". Betreten schaute Finn zu Boden.
"Natürlich", meinte sie ironisch.
"Ich lief also, das Einzige, was für mich von Bedeutung war, war aus dieser Situation wieder heil herauszukommen. Angetrieben wurde ich durch das beklemmende Gefühl meine Verfolger dicht an meine Fersen geheftet zu haben. Ich rannte immer schneller. Mein Herz hämmerte so stark wie noch nie, und ganz ehrlich, für einen kurzen Moment spielte ich mit dem Gedanken aufzugeben. Ich meine was hätte es schon für einen Sinn? Nun gut, ich war frei, aber wohin? In dieser auffälligen Bekleidung war ich ein Brennpunkt in der Umgebung. Ich weiß nicht ob Sie es kennen, Mrs. Bailor, aber es gibt Momente im Leben, da weiß man egal, warum man gerade etwas tut, dass hinter dieser Wand voller Zweifel und Argwohn die vollkommene Zufriedenheit des ewigen Glücks verborgen ist. Und dieser Moment war so einer."
"Wie theatralisch", murmelte die alte Dame vor sich hin.
"Weiter! Drängte meine Stimme im Kopf und Aufhören! verlangte diese meines Körpers. Ich schleppte mich weiter und spürte erst jetzt den weichen Sand unter meinen zerschundeten Füßen. Waren sie schon einmal am Strand, Mrs. Bailor?", strahlend funkelten die kornblauen Augen sie an.
Tristan...
"Was? Am Strand?", zerstreut blickte sich hoch. "Ja, sicherlich. Doch die Meeresluft ist nicht gut für meine Dauerwelle", bemerkte sie schnippisch.
"Es war wie im Märchen. Sie leben in einer traumhaften Umgebung, Mrs. Bailor! Das Schilfgras schimmerte geheimnisvoll im Mondlicht und über mir spannte sich ein Meer aus Sternen. Die Wellen rauschten leise vor sich hin und ich fühlte mich einen Moment wie neugeboren. Dann bin ich eingeschlafen. Bis Mittag habe ich durchgeschlafen. Dann bin ich weiter gelaufen, habe ihr Haus gesehen und gedacht, mit der Notlüge eine Autopanne zu haben, könnte ich vielleicht in ihr Haus eindringen und ein kurzes Bleibe genießen. Tut mir leid, dass ich sie ausnutzen wollte, ehrlich." Er gähnte herzhaft. Seine Haare waren noch zerzauster als am Anfang des Nachmittages. Sein rundliches Gesicht verlieh ihm einen kindlichen Touch.
Sie lächelte. Doch dann besann sie sich.
"Sie wollten also tatsächlich mich wehrlose Frau überfallen? Nun, ich bin zu müde um auf ihre Späße einzugehen. Gute Nacht, Finn. Au revoir." Sie schloss ihre Augen.
"Sie wollen schon schlafen?" Etwas überrascht verstummte er. Sie sah im schlafenden Zustand sehr friedlich aus. Wie viel Schmerz und Enttäuschung kann eine alte Dame wohl ertragen? Es wurde dunkel.

Helle Lichtstreifen fielen durch die noch immer offen stehende Tür. Vögel zwitscherten und die Welt schien noch im Dämmerzustand zu sein. Finn erwachte. Er hatte einen schlechten Traum von seinem Vater gehabt. Doch jetzt wollte er nicht darüber nachdenken. Solche Träume war er schon gewohnt. Er blickte auf. Auf dem Sofa lag Mrs. Bailor. Die Arme verschränkt, in der einen Hand das halbvolle Weinglas. Vorsichtig nahm er es ihr aus der Hand und stellte es auf die Kommode. Sie war friedlich eingeschlafen - für immer.
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