Der Ruf des Palantir

von Gundolf
GeschichteAbenteuer / P12
Aragorn Legolas
09.04.2004
20.03.2005
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Kapitel 1


Freundschaftsbesuch




Zwei weitere Tage später machte sich eine kleine Reisegesellschaft auf den Weg nach Norden, die kaum Aufmerksamkeit erregte. Aragorn trug seine Waldläuferkluft mit dem Umhang aus Lórien, dessen Kapuze er tief ins Gesicht gezogen hatte und Arwen ihr elbisches Reitgewand ebenfalls mit einem Umhang aus Lothlórien. Allenfalls konnte auffällig sein, dass mit Bergil, Dwiher und Celdor der Knappe des Königs und zwei seiner Leibwächter die beiden vermummten Reiter und den Elben begleiteten. Die meisten, die die Reiter sahen, nahmen jedoch an, der König habe seinem elbischen Freund eine Eskorte mitgegeben.

Asfaloth, Arod und Hasufel hatten einen ebenso schnellen wie für die Reiter angenehmen Galopp. Aragorn genoss es ebenso wie Arwen, wieder unter freiem Himmel zu nächtigen, den Sternenhimmel über sich zu sehen, am offenen Feuer Wildbret zuzubereiten, das sie selbst mit Pfeil und Bogen erlegt hatten. So erreichten sie nur fünf Tage nach ihrem Aufbruch Edoras, wo sie Station machen wollten. Gamling, nach Hámas Tod von Éomer zum Obersten der Wächter der Goldenen Halle ernannt, hielt die Reisenden vor der Halle auf.
"Halt! Wer seid Ihr?" fragte er streng. Legolas wollte schon aufbegehren, spürte aber Aragorns Hand auf seinem Arm und hielt sich zurück.
"Meldet Eurem Herrn, Streicher sei gekommen." kam es aus der Tiefe der Kapuze.
"Ich glaube nicht, dass König Éomer jemanden dieses Namens kennt." erwiderte Gamling.
"Probiert es, lieber Herr Gamling. Vielleicht erinnert er sich an den Namen Telcontar."
Gamling erschrak und wäre fast in die Knie gegangen, hätte Aragorn ihn nicht zurückgehalten.
"Verzeiht, Herr! Ihr seid es?" hakte der Wächter betroffen nach. Aragorn schlug die Kapuze zurück.
"So ist es." gab er sich zu erkennen. "An Euch kommt man nicht vorbei, Herr Gamling. Éomer hat einen guten Wächter." lobte er dann.
"Kommt herein, Herr. König Éomer und Königin Lothíriel werden sich freuen, Euch zu sehen." sagte Gamling und trat, sich noch höflich von Arwen verneigend, beiseite. Die Torwächter öffneten die Tür der Goldenen Halle und ließen die Besucher ein. Éomer bemerkte die Ankömmlinge, erkannte sie und eilte ihnen durch die Halle entgegen.
"Willkommen in Edoras, meine Freunde!" begrüßte er den Menschen und die beiden Elben. "Was führt euch her?"
"Wir sind auf der Durchreise nach Annúminas und wollten dich einfach nicht übergehen, wenn wir schon bei dir vorbeikommen." entgegnete Aragorn, die brüderliche Umarmung Éomers erwidernd.
"Bleibst du länger dort?" erkundigte sich der König der Mark.
"Möglich. Ich brauche einfach mal Abstand zu meinen Aktenbergen."
"Dann werde ich dich nicht mit Problemen belästigen, Aragorn. Wenn ihr hungrig seid, kommt ihr gerade recht. Eben habe ich den Hinweis bekommen, dass das Essen fertig ist. Kommt, gehen wir zur Tafel."

Was Éomer auftischen ließ, hätte selbst den ausgehungertsten Hobbit satt gemacht, dessen waren sich die Gäste sicher.
"Erwartest du noch unsere kleinen Freunde aus dem Auenland?" fragte Aragorn als er die reiche Tafel sah. Éomer lachte herzlich.
"Nein, aber Rohirrim können auch gut essen, vor allem, wenn sie den ganzen Tag draußen auf den Koppeln waren. Und ich selbst bin eben erst von einem größeren Inspektionsritt bei meinen eigenen Zuchthöfen zurückgekommen. Setzt euch."
Das rohirrische Königspaar und seine Gäste nahmen Platz und speisten, plauderten entspannt über alle möglichen Dinge.
"Du sprachst von Problemen, Éomer." bemerkte Aragorn nach einiger Zeit. Auf Éomers Gesicht zeigte sich ein Schatten.
"Du solltest dich einmal nicht um Probleme kümmern, Freund." sagte er ausweichend.
"Deine Probleme sind zumeist auch die meinen. Also, was ist los?" beharrte Aragorn.
"Genau genommen weiß ich noch nicht, ob es wirklich ein ernsthaftes Problem ist, oder ob es sich bald von selbst auflöst..." versuchte der König der Mark eine weitere Umgehung. Aber je mehr er darüber schweigen wollte, desto mehr wollte Aragorn wissen, das spürte Éomer deutlich.
"Es gibt einen seltsamen Geheimbund, der sich im östlichen Dunland und in den westlichsten Teilen der Mark gefunden hat." sagte er schließlich, als Aragorn nicht locker ließ. "Nach Saurons Untergang haben sich die im Grenzgebiet verbliebenen Dunländer anständig benommen und sind friedliche Bauern geworden - wie die Rohirrim auch. Wir Eorlingas sind wohl grundsätzlich ein kriegerisches Volk, aber auch das kriegerischste Volk sehnt sich wohl nach so vielen Jahrhunderten Dauerkrieg nach Frieden. Nun ist er endlich da, aber nicht alle können ihn wirklich genießen. Seit einigen Wochen werden Rohirrim, die in den äußersten westlichen Teilen der Westfold wohnen, von recht seltsamen Gestalten bedroht, die in völliger Vermummung auftreten und die nicht gerade zimperlich sind. Nun, wir Rohirrim sind es auch nicht und die Burschen haben sich schon recht blutige Nasen geholt. Aber jetzt gehen sie auch gegen Gondorer vor, die ebenfalls dort Land erworben haben. Das aber sind Leute, die hier in
Rohan Ruhe und Frieden gesucht haben, die wollen nicht unbedingt kämpfen. Einerseits habe ich zu wenig Soldaten, um die Höfe zu schützen, andererseits tauchen diese vermummten Gestalten auch immer dort auf, wo gerade keine Bewachung stattfindet. Hinzu kommt, dass ich nicht zu grob zugreifen will. Gerade bei solchen Geheimbünden besteht eine große Gefahr, die Falschen zu erwischen und die vielleicht attackierten Gutwilligen zu einem Aufstand aufzustacheln - gegen den König von Rohan oder - noch schlimmer - gegen König Elessar, befürchte ich." erklärte Éomer.
"Also könnte Verrat im Spiel sein?" mutmaßte Aragorn. Éomer nickte.
"Vermutlich." räumte er ein. Arwen sah den Blick, den ihr Mann und Legolas tauschten und hatte das ungute Gefühl, dass Aragorn abenteuerlustig war und dass Legolas geneigt war, mitzumachen. Sie seufzte vernehmlich.
"Warum habe ich das Gefühl, dass ich bald mehr Athelas brauche als in deinen Beutel passt?" fragte sie.
"Ich möchte dir nicht gern Ungelegenheiten bereiten, das weißt du." erwiderte Aragorn sanft. "Aber wenn Gondorer bedroht werden, haben sie ein Recht darauf, dass der König für sie da ist."
"Für gewöhnlich hat der König für solche Dinge seine Soldaten." gab die Königin zu bedenken, doch sie entdeckte in Aragorns Augen ein Glitzern, das sie schon länger nicht mehr bei ihm gesehen hatte. Ihr war klar, dass er eher heimlich aus dem Fenster steigen würde, um seinen Untertanen zu helfen, als dass er sich davon abhalten lassen würde. Sie gestand sich ein, gewusst zu haben, dass Aragorn ein Kämpfer war, der nur dann nicht weiterkämpfte, wenn er dazu körperlich nicht mehr in der Lage war. Und wenn Menschen bedroht wurden, die sich von ihm Hilfe versprachen, wäre Aragorn der Letzte, der diese Menschen enttäuschen würde. Sie erinnerte sich, wie sehr es ihn gequält hatte, dass er Frodo und Sam auf ihrem Weg nach Mordor nicht hatte beschützen können, wie er es bei Elronds Rat versprochen hatte; dass er Merry und Pippin für eine gewisse Zeit in den Händen der Uruk-hai hatte lassen müssen; dass sie sich selbst hatten befreien müssen, weil Aragorn, Legolas und Gimli Sarumans Häschern
trotz aller Anstrengungen nicht so schnell hatten folgen können, wie sie gewollt hatten.

Etwas später zogen sich die Gäste in die Gemächer zurück, die Éomer ihnen hatte bereiten lassen. Arwen stand am Fenster des Schlafgemachs und sah auf die mondbeschienene Ebene nördlich von Edoras hinaus. Ein leichter Schritt hinter ihr ließ sie sich umsehen. Aragorn stand nah bei ihr und umarmte sie zärtlich. Arwen sah ihn prüfend an.
"Möchtest du den Bart an den Wangen eigentlich wieder wachsen lassen?" erkundigte sie sich dann. Er nickte nur und zog sie nah an sich.
"Ich kann mir vorstellen, dass du Angst hast." sagte er leise. "Doch ich habe geschworen, Unglück von meinem Volk fernzuhalten, soweit ich es vermag. Wenn Gondorer bedroht werden, kann ich das nicht ignorieren, muin nîn (sind.: mein Liebling) Zunächst möchte ich mir ein Bild machen, was überhaupt los ist. Legolas und ich werden nicht unvorsichtig sein, das verspreche ich dir."
"Versprich mir nichts, was du nicht halten kannst." bat sie und sah ihn lange an. Er schüttelte den Kopf.
"Da ist noch ein kleines Problem, das wir beide nicht übersehen sollten, speziell, was Soldaten aus Gondor betrifft: Rohan ist mit Gondor und Arnor verbündet, aber ich bin in Rohan nicht König. Es ist ein selbstständiges Land und unsere Soldaten haben hier nichts zu suchen, es sei denn, Éomer fordert mich direkt auf, ihm mit gondorischen Soldaten Hilfe zu leisten. Schon deshalb können gondorische Soldaten hier nicht für gondorische Bürger streiten - abgesehen davon, dass Éomer den hierher ausgewanderten Gondorern das rohirrische Bürgerrecht verliehen hat." erklärte Aragorn sanft und streichelte seine Frau beruhigend. Erst, als sein Finger zart über ihr Gesicht strich, spürte sie, dass ihr Tränen über die Wangen liefen. Seine Küsse beruhigten sie nur langsam.
"Gen milin." flüsterte er. "A aníron gen, bereth nîn (sind.: Ich liebe dich und ich begehre dich, meine Königin.)"
"Gen milin, aran nîn (sind.: Ich liebe dich, mein König). " erwiderte Arwen, ebenso flüsternd. Sie spürte, dass er sie auf seine Arme hob und zum Lager trug. Die zärtliche Leidenschaft des königlichen Paares in der mondhellen Nacht verwandelte Arwens Zweifel wieder in Vertrauen in Aragorns Geschicklichkeit, Schnelligkeit und Kraft. Dicht aneinandergeschmiegt sanken sie schließlich in tiefen, ruhigen Schlaf, den niemand störte. Zwar konnte Arwen sich als Kind des Elbenvolkes durch die betrachtende Meditation der Schönheit des Sternenhimmels genügend ausruhen; doch seit sie Aragorns Gemahlin war, hatte sie sich immer stärker zu ihrem eigenen menschlichen Erbe bekannt und hatte sich angewöhnt, mit geschlossenen Augen zu schlafen.

Irgendwann in der Nacht schreckte Arwen, von einem Albtraum gepeinigt, wieder hoch. Nur langsam beruhigte sich ihr rasender Herzschlag. Sie erkannte, wo sie sich befand und atmete tief durch. Neben sich bemerkte sie Aragorn, der tief und ruhig schlief. Es dauerte eine Weile, bis sie sich erinnerte, was er am folgenden Tag vorhatte. Sie lächelte. Natürlich wollte er keine Hilfe, zumal, wenn er nur auf Erkundung gehen wollte, das wusste sie nur zu gut. Aber sie würde nicht zulassen, dass Aragorn ohne jede Unterstützung blieb, mochte Éomer auch tausend Ausreden haben, um nicht auf eigenem Boden Krieg zu führen. Ihre Idee ließ sie wieder beruhigt einschlafen. König Éomer würde helfen. Oh, ja, das würde er. So viel Überredungskunst besaß sie durchaus...
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