Der Ruf des Palantir

von Gundolf
GeschichteAbenteuer / P12
Aragorn Legolas
09.04.2004
20.03.2005
22
70717
1
Alle Kapitel
27 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Disclaimer: Alle Charaktere, Orte und sonstige Begriffe, soweit sie im Roman oder in der Filmtrilogie "Der Herr der Ringe" erscheinen, gehören nicht mir, sondern sind geistiges Eigentum von  J. R. R. Tolkien bzw. Peter Jackson, Fran Walsh und Philippa Boyens.

Alles andere ist meins.


Prolog


Reisepläne



Der Ringkrieg lag nun fünf Jahre zurück. Seit fünf Jahren war Aragorn als Elessar Telcontar nun König von Gondor und Arnor. Seit fünf Jahren war eigentlich Frieden in Mittelerde, doch führte der König einen Krieg der besonderen Art: Papierkrieg! Entweder verfasste er Gesetze oder sprach Recht, schrieb Briefe, las Briefe, Berichte und Verträge, erteilte Weisungen. Im Moment wünschte er sich nichts mehr als Frieden auch an dieser Front. Der Stapel Akten, Briefe, Gesuche und Vertragsunterlagen auf seinem Schreibtisch hatte nach Elessars Überzeugung mindestens die Höhe des Mindolluin.

Der Blick des Königs suchte einen Ausweg, eine Rückzugsmöglichkeit und fiel auf eine kostbare, handgefertigte Landkarte, die eine Wand seines Arbeitszimmers schmückte, das sich im Weißen Turm von Minas Tirith über der Turmhalle befand. Es war lange her, dass er mehr als eine Stunde am Tag frische Luft geatmet hatte. Die Karte an der Wand zeigte ihm, was er - abgesehen von seiner Frau - so liebte: Mittelerdes viele Landschaften und Länder, manche dicht besiedelt, andere fast leer; manche fruchtbar, andere eher öd, aber immer interessant.

Er lehnte sich in den Schreibsessel zurück und erlaubte sich, einen Moment zu träumen - von dichten, würzigen Wäldern, von klaren Flüssen, rauschenden Wasserfällen, weiten Ebenen, Hügeln und schneebedeckten Bergen. Das Geräusch des plätschernden Wassers im Springbrunnen draußen vor dem offenen Fenster des Arbeitszimmers unterstützte seinen Tagtraum. Wie schön wäre es, wieder einmal für längere Zeit in der Natur zu sein!
'Ich brauche schlichtweg Urlaub! Ich muss hier 'raus, sonst bekomme ich noch eine Aktenallergie!' durchfuhr es Aragorn. 'Aber wer kümmert sich dann um das Land?' war sein nächster Gedanke. Nein, ein König konnte nicht einfach für ein paar Wochen verschwinden. Aragorn seufzte. Bevor er König geworden war, hatte er sich mehr vor der Machtfülle gefürchtet, die dem König zu Verfügung stand, als vor dem goldenen Käfig, den das Dasein als König auch bedeutete. Jetzt war er seit fünf Jahren König von Arnor und Gondor, seine Macht hatte er eher subtil genutzt, sie nie direkt ausgespielt. Sein Volk liebte ihn, es lebte in Wohlstand und Zufriedenheit, wie es vor dem Ringkrieg nur noch im Auenland gewesen war. Seine Soldaten waren ihm treu ergeben, ebenso seine Statthalter, die er in verschiedenen Provinzen seines Reiches eingesetzt hatte. Aber seit seiner Krönung war er nur sehr selten überhaupt aus Minas Tirith herausgekommen - eindeutig zu wenig für einen Mann, der jahrzehntelang abgesehen
von seiner Baumhütte in der Nähe von Bree, Besuchen in Bruchtal oder im "Tänzelnden Pony" kaum ein Dach über dem Kopf gehabt hatte -- und der jahrzehntelang völlig auf sich allein gestellt war. Selbst in Annúminas, der Hauptstadt Arnors, war er nur selten gewesen.
'Das ist die beste Gelegenheit, die du finden kannst, um der Enge von Minas Tirith eine Weile zu entfliehen, Estel.' sagte er sich. 'Arnor braucht seinen König ebenso wie Gondor! Du solltest deinen Kram packen und für ein paar Monate nach Annúminas gehen. Du bekommst frische Luft, das Haus in Annúminas ist erheblich kleiner als der Palast hier, du brauchst nicht mal Personal mitzunehmen, weil es dort welches gibt, und unterwegs kannst du dich wieder einmal aus der Natur bedienen.'  
'Und was ist mit der Verwaltung von Gondor?' meldete sich ein anderer aufdringlicher Gedanke. 'Die willst du doch hoffentlich nicht schleifen lassen?!'
Aragorn hatte das Gefühl, Engelchen und Teufelchen säßen auf seinen Schultern und stritten miteinander, wozu sie den König überreden wollten.

Er sah aus dem Fenster, das nach Osten gerichtet war. In der Ferne waren bläulich schimmernd die zackigen Felsen der Ephel Dúath zu erkennen. Seit Mordor von Sauron frei war, gab es sogar wieder Schnee auf den Spitzen einiger Berge. Jetzt, im Abendlicht der hinter den Ered Nimrais untergehenden Sonne, leuchteten die weißen Spitzen in glühendem Rot. Aragorn drehte sich noch einmal zu seinem Schreibtisch um und beschloss, seine Arbeit für heute zu beenden, mochte ihn sein Aktenberg auch noch so vorwurfsvoll ansehen. Seit dem frühen Morgen, seit die Sonne hinter der Ephel Dúath aufgegangen war, hatte er gearbeitet und sein Arbeitszimmer nur zum Mittagessen verlassen. Auch von einem König konnte niemand erwarten, dass er rund um die Uhr arbeitete.

Er trat aus der Tür seines Arbeitszimmers und wäre fast mit Bergil, Beregonds Sohn, zusammengestoßen, der seit eben diesen fünf Jahren Aragorns Knappe war und der sich rührend um seinen Herrn und nicht weniger um seine Herrin bemühte.
"Lass' mich raten: Die Königin wünscht meine Gesellschaft beim Abendessen." grinste Aragorn, der dem Zusammenstoß nur knapp ausweichen konnte, so wie der Junge angestürmt kam. Aragorn kannte Arwens stete Sorge, dass er sich zu wenig um sich selbst kümmerte und die ihn deshalb regelmäßig von Bergil aus seinem Arbeitszimmer im Turm holen ließ.
"Ihr habt es erfasst, Herr." bestätigte der Knappe. "Aber es ist auch Besuch da."
"Und wer beehrt uns?" erkundigte sich der König.
"Herr Faramir und Frau Éowyn sind gekommen. Auch Herr Legolas ist da."
"Oh, das sind erfreuliche Aussichten. Komm, mein Junge." sagte er und legte Bergil väterlich einen Arm um die Schulter. Mit jetzt sechzehn Jahren hatte Bergil nun sein letztes Knappenjahr begonnen. Im nächsten Jahr um diese Zeit wollte Aragorn ihn zum Ritter schlagen und in die Turmwache aufnehmen. In den letzten zwei Jahren war der Junge in die Höhe geschossen und war inzwischen größer als sein Vater. Bergil war ein Schwertfechter geworden, der bei einem Turnier gute Aussichten auf einen der vorderen Plätze hatte. Es war Aragorn ein persönliches Vergnügen gewesen, den Jungen selbst in dieser Disziplin zu unterrichten.
"Ist dein Vater auch mitgekommen?" fragte Aragorn.
"Ja, Herr. Ich glaube, er würde Herrn Faramir ebenso wenig aus den Augen lassen, wie..." Bergil stockte und sah den König etwas verlegen an.
"...wie du mich oder die Königin nicht aus den Augen lassen magst, wolltest du sagen, oder?" lachte Aragorn. "Ist schon recht, mein Junge."

König und Knappe betraten den großen Speisesaal im königlichen Palast, wo Arwen schon für die Gäste hatte decken lassen. Arwen sah ihren Mann mit gewisser Verblüffung an.
"Du bist tatsächlich zum Essen gekommen? Wo schreibe ich das hin?" fragte sie neckend und umarmte Aragorn.
"Vielleicht in die Annalen des Hauses Telcontar, mein Liebling." schlug er ebenso neckend vor, erwiderte ihre Umarmung und küsste sie.
"Hat Bergil dir schon gesagt, wer zu Besuch gekommen ist?"
"Er hat. Wo sind denn unsere Freunde?"
"Hier, du ewig verliebter Kater." meldete sich eine helle Stimme aus dem Hintergrund, die sehr nach einem Elben klang. Aragorn drehte sich um. Éowyn und Faramir standen vor ihm; Legolas hinter ihnen.
"Herzlich willkommen in Minas Tirith." begrüßte Aragorn die Freunde, die Fürstin und den Fürsten von Ithilien und den Fürsten der Waldelben von Ithilien, umarmte alle drei voller Freude.
"Was führt euch her?"
"Genügt es dir nicht, dass wir dich und Arwen einfach nur mal besuchen wollten?" fragte Éowyn mit einem schelmischen Lachen.
"Natürlich. Schön, dass ihr da seid." erwiderte der König. "Kommt, lasst uns einen Happen essen." lud er dann zur Tafel.

Einige Zeit später, als ein reiches Mahl, begleitet von gutem Wein, seinen Weg in die hungrigen Mägen von Menschen und Elben gefunden hatte, nahmen die Freunde im einem gemütlichen Kaminzimmer Platz, Aragorn und Faramir stopften sich die Pfeifen, Arwen ließ noch von dem guten Wein für eine nette Plauderrunde servieren.
"Um der Wahrheit die Ehre zu geben:" setzte Faramir an, "Uns haben Beschwerden über dich erreicht."
"Beschwerden über mich?" fragte Aragorn mit einem Seitenblick auf seine Frau, die verschwörerisch schmunzelte. "So, so; und wer beschwert sich?"
"Unsere geliebte Königin, mein König." grinste Faramir. "Du arbeitest zuviel, sagt sie. Du findest den Weg aus deinem Arbeitszimmer nicht mehr."
"Ah, ja. Das sind natürlich gravierende Vorwürfe. Darf ich ein Geständnis ablegen, Hohes Gericht?"
Faramir machte eine einladende Handbewegung.
"Ich bekenne mich schuldig in diesem Anklagepunkt. Stimmt, ich sitze derzeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang vor meinen Regierungsakten, arbeite den lieben langen Tag, finde kaum Zeit zum Essen - und wünsche die Dinger in die Sammath Naur oder zu Sauron persönlich, wenn nicht gar bis zu Morgoth!" erwiderte Aragorn. Mit den Händen deutete er ein großes Tor an. "Siehst du dieses sperrangelweit offene Burgtor, mein Freund, das du gerade einrennst? Mir wäre nichts lieber, als die Ered Nimrais wieder in Form von Fels als in Form von Akten zu sehen! Als ich heute Abend beinahe unter diesen Bergen begraben worden wäre, kam mir der Gedanke, Urlaub zu machen - möglichst weit weg von Minas Tirith, möglichst ohne ein Heer von Wächtern."
Arwen, Legolas, Éowyn und Faramir sahen sich betroffen an. Sie hatten Aragorn dazu überreden wollen, endlich einmal an sich selbst zu denken und eine Weile Pause zu machen, hatten sich schon alle möglichen Argumente zurechtgelegt, mit denen sie den König zu seinem Glück nötigen wollten - und es war gar nicht erforderlich.
"Aber die Sache hat Haken." schränkte Aragorn dann ein. "Erstens..."
"Nein, hat sie nicht." widersprach Faramir. "Es ist klar, dass du Gondor nicht einfach ohne Verwaltung lassen kannst. Darum sind Éowyn und ich ja hier. Ich bin der Statthalter von Gondor, wie du dich dunkel erinnern wirst. Also machst du Urlaub und ich werde dich vertreten, bis du dich erholt hast. Sei sicher, dass du deinen Thron unberührt vorfinden wirst - und dass ich dich wieder in die Stadt lasse, wenn du zurückkehrst."
"Und ich habe mich schon gefragt, wie ich es dir schonend beibringen soll, dass du für eine Weile die Regierungsgeschäfte übernehmen sollst, Faramir." erwiderte Aragorn lächelnd.
"Allerdings..." meldete sich Legolas zu Wort, "du wirst nicht allein herumstreifen!" sagte er.
"Es ist einfach zu gefährlich." warnte Arwen. "Die letzten Male, die du auf eine Alleinreise bestanden hast, sind recht böse ausgegangen. Das möchte ich nicht noch mal erleben."
"Und welche Vorschläge habt ihr Verschwörer dazu?"
"Mindestens ich werde dich begleiten." sagte Legolas. "Was hältst du von einer Jagdreise nach Eriador? Ich meine, mich an ein wundervolles Jagdrevier am Baranduin zu erinnern, an eine Baumhütte in der Nähe von Bree..." sagte er in Anspielung auf Aragorns früheres Waldversteck, in dem Legolas seinen menschlichen Freund oft besucht hatte, wenn er Elben auf dem Weg nach Valinor bis nach Eriador begleitet hatte. Aragorn sah Arwen an.
"Auf dem Weg liegen auch Lórien und Bruchtal. Wann hast du deine Brüder eigentlich zuletzt gesehen?" fragte er. Arwen lächelte zauberhaft.
"Im letzten Zeitalter, liebster König."
"Dann wird es Zeit für ein Wiedersehen! Und dann reisen wir nach Annúminas weiter und bleiben noch einige Zeit am Abendrotsee."
"Doch keine Jagdreise?" erkundigte sich Legolas. Es klang fast enttäuscht.
"Oh, doch! Faramir, du wirst eine Weile in Minas Tirith bleiben müssen, fürchte ich..."
Faramir lächelte.
"Vielleicht geht es mir ähnlich wie dir: Ich war lange nicht mehr dort, woher ich gekommen bin. Ich liebe Ithilien, aber geboren bin ich nun mal in Minas Tirith. Geh' und erhole dich im Norden, mein Freund und König. Ich bleibe und wache für dich über den Süden."

Einige Tage brauchte die Reisevorbereitung doch. Vor allem wollte Aragorn vermeiden, dass seine Abwesenheit von Minas Tirith etwa den Haradrim oder dem Volk von Rhûn, den Rhûnrim, bekannt wurde. Zu groß war die Gefahr, dass diese Völker die Abwesenheit des Königs und die damit scheinbar verbundene Schutzlosigkeit des Landes zu neuen Attacken gegen Gondor nutzen konnten. Aragorn wies Faramir in die anstehenden Arbeiten ein, in den Stand der von ihm entwickelten Gesetze und den Stand der Beratung von Vereinbarungen mit anderen Fürsten Mittelerdes und zeigte ihm dann den Palantír, der im Arbeitszimmer eigentlich mehr Schmuck als Gebrauchsgegenstand war. Aragorn nutzte ihn meist als Briefbeschwerer, der auf einem hölzernen Ring in ebener Position gehalten wurde.
"Ich nehme den Palantír mit. Den Orthanc-Palantír lasse ich hier. Falls irgendetwas passiert, das meine Anwesenheit erfordert oder falls du mir etwas mitzuteilen hast, was keinen Aufschub duldet, benutze ihn."
Faramir sah ihn fragend an.
"Nein, ich kann dir den anderen nicht geben, mein Freund. Das, was du sehen würdest, bis du ihn wirklich unter Kontrolle hast, würde dir schreckliche Qualen bereiten und das will ich nicht." erklärte Aragorn. Es hatte ihm selbst einen regelrechten Schock versetzt, als er den Palantír aus dem Weißen Turm einmal mehr aus Versehen angeregt hatte. Faramir hatte noch nicht verstanden, das sah Aragorn an seinem Blick.
"Faramir, diesen Palantír hielt dein Vater in der Hand, als er sich im Haus der Statthalter mit Feuer das Leben nahm, weil er keine Chance sah, dass Minas Tirith und Gondor dem Angriff Saurons standhalten konnten. Schon das Wissen, dass dein Vater auf diese Weise ums Leben kam, ist grausam genug. Du solltest nicht mitansehen müssen, was sich genau abgespielt hat." sagte Aragorn leise. Faramir nickte.
"Ja, du hast Recht. Aber dir will ich es auch nicht zumuten. Warum willst du dich damit belasten und überhaupt einen der Palantíri mitnehmen?"
"Ich will dich damit nicht kontrollieren, versteh' mich recht. Das Ding steckt in meiner Satteltasche und da wird es bleiben, es sei denn ich bekomme einen Ruf von dir. Ich möchte nur, dass du die Möglichkeit hast, mich zu rufen, wenn es nötig ist."
"Man sagt, Dúnedain könnten hellsehen." bemerkte Faramir. "Hast du ein ungutes Gefühl?"
"Nein, das habe ich nicht. Aber gewisse Ereignisse seit meinem Regierungsantritt haben mich überzeugt, dass es besser ist, auf böse Überraschungen gefasst zu sein und reagieren zu können. Stell' dir vor, die Haradrim bekommen heraus, dass der König Minas Tirith verlassen hat und eine Reise in den Norden unternimmt. Vielleicht habe ich Glück und sie greifen mich nicht direkt an. Aber sie könnten auf die Idee kommen, Gondor einen unliebsamen Besuch abzustatten. Sie sind raffiniert und listenreich. Nicht, dass ich dir nicht zutraue, mit ihnen fertig zu werden, aber kleine Hintertüren können unendlich wertvoll sein."
"Gut. Ich verspreche dir, dass ich ihn nur im absoluten Notfall benutzen werde. Du sollst eine Weile Ruhe haben und nicht ständig an die Arbeit hier denken müssen. " erwiderte Faramir.

Als Aragorn Faramir mit dem Gebrauch des Palantír vertraut gemacht hatte, wies er auf sein Schwert Andúril, das an einem Haken an der Wand hing.
"Das," sagte er, "bleibt auch hier. Ich nehme mein altes Waldläufer-Schwert mit. Ich lasse auch Brego hier und nehme Hasufel für die Reise. Jedes Kind kennt das Schwert, und Bregos Fellzeichnung ist mindestens so bekannt wie das Wappen von Gondor. Zuweilen ist es besser, unerkannt zu bleiben."
Faramir grinste.
"Du hast gelernt, wie es scheint." sagte er.
"Ich möchte vermeiden, Arwen nochmals so viel Arbeit zu machen. Sie hatte ihre liebe Not, mich wieder zusammenzuflicken. Also werden wir ganz unauffällig reisen."
Review schreiben
 
'