Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Trauriges / Miss U

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Miss U

von SeiKaze
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P12 / MaleSlash
09.04.2004
09.04.2004
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Miss U

Einsam saß er auf der Schaukel in seinem Garten. Das leise quietschen der alten Scharniere begleitete seine Gedanken, die durch den dunklen Sternenhimmel über ihm streiften. Seinen Gedanken in die Vergangenheit folgend, liefen warme, salzige Tränen die Wangen des blonden Jungens hinab und benetzten sein schwarzes Shirt. "Warum...?" Wie ein Vorwurf stand dieses eine, verzweifelte Wort in der Luft, hallte wie ein Echo in seinen Ohren wieder. Ein Zittern ging durch seine Gestalt, Schluchzer schüttelten ihn, ließen seinen schlanken Leib erbeben. Er schlug sich die Hände vors Gesicht, weinte hemmungslos seinen Kummer heraus. Unter seinen Schluchzern, seinem Leid hörte man seine zitternde Stimme: "Warum?! ... Warum musstest du nur für immer von mir gehen...?"
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Lautes lachen drang aus dem Klassenzimmer. Vor der Türe stand scheu ein kleiner, schmächtiger junge. Er hatte kurze, schwarze Haare, die ihm sanft und weich ins Gesicht hingen. Seine leuchtenden, blauen Augen waren starr auf die Türe gerichtet. Er schluckte, schüttelte den Kopf und griff nach der Türklinke. //Na dann wollen wir mal...// Langsam drückte er den Griff hinunter und zog die Türe auf. Die Blicke von 26 Schülern und ihrer Lehrerin richteten sich auf die Türe, wo der 15 Jährige verloren Stand. "Aah, du bist wohl der neue!", die sanfte Stimme der Lehrerin wehte ihm entgegen und beruhigte ihn ein wenig. Er nickte nur und lächelte dann leicht. "Ich bin Matt Sishero..." Mit diesen leisen, kaum hörbaren Worten, so schüchtern und zart hervorgebracht, reserviertest du dir einen Platz in meinem Herzen.
~
Schon nach wenigen Tagen hattest du dich in der neuen Klasse eingelebt. Auch wenn du schmächtig und schwach wirktest, so warst du doch das genaue Gegenteil. Stark, schnell, gut in Sport und im Unterricht... nur ein wenig schüchtern. Ich weiss nicht, ob du es bemerkt hast, aber ich habe immer wieder zu dir hinüber geschaut... schon in den ersten paar Tagen...
Warum ich das tat, verstand ich damals selber nicht... Irgendwie glitt mein Blick immer wieder über die Bänke vor mir (ich saß ja ganz hinten in der ecke, wie du weist...). Er schwebte über Stühle, Tische, Klassenkameraden... und blieb an dir hängen...
Es war wohl Liebe auf den ersten Blick... doch ich verstand meine Gefühle nicht und verleugnete sie... Wie sehr ich es doch bereue...
Das erste Mal, als ich es nicht mehr leugnen konnte, dass ich dich irgendwie total mochte, war, als wir uns richtig kennenlernten. Du weist sicher noch, dass ich der Außenseiter, der geheimnisvolle, dunkle Typ am Rande der Klasse war... Ich begreife immer noch nicht, wie wir uns unter diesen Umständen ineinander verlieben konnten...
Wir trafen uns nach der Sportstunde. Ich musste die Sportgeräte abräumen, weil ich zu spät gekommen war... Und du?... du bist einfach dageblieben und hast mir geholfen...
~
//Mist... nur weil ich zu spät komme brummt mir Sensei diese Aufgabe auf...// Meine Stimmung war mies. Ich grummelte vor mich herum, während ich alleine die Badminton-Schläger einsammelte und in die Gerätekammer brachte. Als ich wieder aus der Dunkelheit auftauchte, standest du in der Mitte des Raumes. Klein, keine 1,65m groß, mit einem Lächeln die schwarzen, feinen Strähnen aus deinem Gesicht zurückstreifend. "Keniro-san...", sagtest du vorsichtig und blicktest mir fragend in die Augen, "...soll ich dir vielleicht beim Aufräumen helfen?" Du ließt deinen Blick durch die Halle schweifen und schütteltest deinen Kopf. "Das ist eindeutig unfair, dass Sensei dich das hier alleine machen lässt!" Die Naivität, die Ehrlichkeit in deiner Stimme lässt mich noch heute lächeln. Ich lachte leise, nickte dir zu. "Hai, wie du willst, aber du musst es nicht tun..." Du strahltest mich bloß an und griffst zu einigen Seilen, die am Boden herum lagen. "Ich helf' dir aber trotzdem!" Dein Eifer ließ mich
noch mehr lächeln. "Kannst mich Issei nennen, Keniro-san hört sich so steif an..." Ich nickte dir leicht zu, packte eines der vielen Geräte die noch in der Halle herumlagen und ging wieder zur Gerätekammer. "Issei-san...?", ertönte deine sanfte Stimme hinter mir und ließ mich innehalten. Dieser zarte, undurchdringliche Blick den du mir zuwarfst hielt mich fest und scheuchte einen rosanen Schimmer auf meine Wangen. "Ja?" Das Lächeln lag immer noch so naiv und unschuldig auf deinen Lippen, dass mir der Atem stockte und ich endgültig erstarrte. "Lass uns Freunde sein!"
~
Ich erinnere mich gut an die Zeit danach. Wir wurden wirkliche Freunde, die besten die es geben kann... und mehr. Sonst war ich eher der Einsame, der Zurückgezogene gewesen... ohne Freunde, ohne Feinde, mir waren einfach alle aus dem Weg gegangen... Doch du, mit deiner kleinen, zierlichen Gestalt wecktest in mir den Wunsch, dich zu beschützen, vor allem und jedem...Genau so war es, als du mir das erste mal von deinem Leiden erzählt hast...
~
"...nicht wahr, Matt?" Ich drehte mich lächelnd zu dir um. Meine Augen weiteten sich verwirrt. Du standest nicht neben mir. Plötzlich hörte ich hinter mir das laute Hupen eines Autos. Mit einem Ruck hatte ich mich umgedreht und starrte auf die, nun vor mir liegende Straße, auf der du mittendrin ganz alleine und verloren standest, die Hand über dem Herzen festgekrallt, stoßweise keuchend, Gefahr laufend, jeden Moment das Bewustsein zu verlieren. "MATT!!!!" Wie der Blitz schoss ich auf die Straße, wich den Autos aus und konnte dich fangen, kurz bevor du in Ohnmacht fielst. Ich drückte dich an mich, nahm dich auf die Arme und rannte mit dir über die Straße in einen kleinen Park hinein. Besorgt legte ich dich sanft auf das Gras. Vorsichtig deine Wangen tätschelnd, versuchte ich dich aufzuwecken, dich aus dem mir todbringend erscheinenden Schlaf zu reißen, als du endlich die Augen aufschlugst. "Was...?", fragtest du erstaunt, als ich dich schon feste an mich presste, mein Gesicht an deiner
kleinen Schulter vergraben. "Tu sowas nie wieder...", flüsterte ich leise gegen deine Schulter. Ich erinnere mich an deinen erstaunten Gesichtsausdruck, als ich dich so umklammert hielt. Es heißt, man weiß erst, was man an jemandem hat, wenn man diesen jemand verloren hat... Derjenige der das gesagt hat muss ein ziemlich schlauer Kerl gewesen sein...
Mein Blick suchte den deinen und mit Erleichterung erkannte ich, dass es dir wieder gut ging. Verlegen ließ ich dich los und wandte mein rotes Gesicht zur Seite. Als du mir dann sanft die Hand auf die Schulter legtest blinzelte ich in deine Richtung und blickte dir in deine klaren, blauen Augen. "Danke... mein Lebensretter..." Ein Lächeln umspielte deine Lippen und deine kleine, zierliche Hand hob sich von meiner Schulter und strich sanft über dein Herz. "Es tut mir Leid...", erklärtest du mir leise, mit einem, um Entschuldigung heischenden, Blick, "Ich... ich habe einen seltenen Herzfehler..." Dein Lächeln wurde trauriger, hoffnungsloser. "Ich habe diesen Fehler schon seit meiner Kindheit und ab und zu kriege ich dann solche Anfälle... Die Ärzte sagen, sie können mir nicht helfen... und dass ich wahrscheinlich nicht älter als zwanzig werde..." Diese Nachricht, so ruhig, so traurig von dir hervorgebracht, erschütterte mich zutiefst. "Nein!", rief ich verzweifelt aus und schloss dich
wieder in meine Arme, "Du darfst nicht gehen!!" Meine Stimme musste wohl wahrlich hoffnungslos geklungen haben, denn du legtest deine wie zerbrechliches Glas wirkenden Arme um mich und drücktest dich an mich. "Ich verspreche dir", sagtest du leise, nur ein Hauch im Wind, "Ich werde immer bei dir sein... Ich werde immer bei dir bleiben..." Gerührt blickte ich zu dir hinab, direkt in deine ernsten, leuchtenden Augen. Nur wenige Zentimeter trennten unsere Gesichter voneinander. Ich spürte deinen warmen, süßen Atem, der mir sanft ins Gesicht wehte. Deine Lippen, weich, lächelnd, so nah und doch so fern, berührten plötzlich die Meinen, flüchtig, zart, leicht wie der Schlag eines Schmetterlingsflügels. Verblüfft starrte ich dich an, sah, wie du, vor Verlegenheit rosa angelaufen, die Augen niederschlugst und mit leiser Stimme hauchtest: "Ent...Entschuldigung, Issei... ich ... ich konnte nicht anders..." Du hobst den Kopf, blicktest mir mit einem seltsamen Ausdruck in meine Augen. "Ich ..."
Ich
stoppte dich, legte sanft meinen Finger auf deine Lippen. "Shhh...", flüsterte ich kaum hörbar und lächelte über den erstaunten, naiven Ausdruck, der plötzlich in deinen Augen lag, als ich mich zu dir hinabbeugte, um mich für den Kuss zu revanchieren.
~
Es war eine schöne Zeit... Die schönsten Monate die ich je hatte... Immer war ich mit dir zusammen... wir lachten, spielten, schworen uns beiden unsere Liebe...
Doch dann... wurde alles anders...
~
"Hey Matt! Kommst du endlich?!" Ungeduldig schaute ich auf die Uhr. Ich stand bei dir im Zimmer, welches ich nun schon so gut kannte, und blickte ungeduldig in Richtung der Badezimmertüre hinter der du vor einiger Zeit verschwunden warst. Endlich öffnete sich die Türe und du tratst, etwas bleicher als sonst, aus dem Bad. Ein besorgter Ausdruck huschte über mein Gesicht, wurde aber sofort von einem überirdischen Glücksgefühl verdrängt, als du mich entschuldigend anlächeltest, leise "Aishiteru" hauchtest, meine Hand ergriffst und mich hinaus zogst.
Ich weiß noch genau, wir wollten ins Kino, uns irgendeinen neuen Film anschauen.
Wir liefen gemeinsam die Straße entlang, scherzten, redeten und lachten ... zum letzten mal in unserem Leben.
Um zum Kino zu gelangen mussten wir auf die andere Straßenseite überwechseln. Als kein Auto kam, rannte ich lachend los. "Komm schon, Matt! Wer als erster drüben ist!" Ich hörte dein Lachen hinter mir und mir wurde warm ums Herz. "Hey, Issei! Das ist unfair! Du bist zuerst losgelaufen!" Laut lachend gelangte ich auf die andere Straßenseite und drehte mich zu dir um. "Wenn du so lahm bist..." Die Worte blieben mir im Halse stecken, als mein Blick dich traf. Taumelnd standest du mitten auf der Straße, die Hand über dem Herz in dein Shirt gekrallt. Dein bleiches Gesicht war schmerzverzerrt, als du langsam auf die Knie sankst. "Matt!!" Erschrocken stolperte ich auf die Straße, als ich plötzlich ganz nah das Brummen eines viel zu schnellen Autos wahrnahm, welches mir vorher entgangen war. Ein schwarzes Cabrio preschte mit mords Tempo um die Kurve und direkt auf dich zu. Vor Schreck unfähig mich zu bewegen, starrte ich auf die grausame Szenerie, die sich mir bot. Kreischend hörte ich die
Bremsen des Cabrios anschlagen, doch es war zu spät.
"NEEEEEEEEEEIN!!!!!!!!"
Ich rannte zu dir, nur einen Gedanken im Kopf: Du durftest nicht sterben!!  Neben dir ließ ich mich niederfallen und zog dich auf meinen Schoß, hielt dich fest umklammert. "Matt! Nein, du darfst nicht sterben! Bitte bleib bei mir! Ich liebe dich doch...!", schluchzend streichelte ich dir sanft über die Wange. Ein schwaches Lächeln glänzte mir entgegen und trieb mir die Tränen in die Augen. Du hobst deine kleine Hand zu meinem Gesicht, legtest sie auf meine Wange und sagtest sanft und leise. "Ich liebe dich auch... deshalb werde ich dich nicht verlassen... Ich habe dir doch versprochen ... für immer... bei dir zu bleiben..." Ich spürte wie deine Hand von meinem Gesicht abglitt und in meinen Schoß fiel. Glanzlose, blaue Augen blickten mir leer entgegen, als ich dich sanft rüttelte. "Matt...?" Immer heftiger schüttelte ich dich. Ich konnte es nicht glauben, ich wollte es nicht glauben. "MAAAAATT!!!!"
~
Nach deinem Tod hatte ich zu nichts mehr Lust... Nein, ich habe zu nichts mehr Lust... Ich kann es immer noch nicht glauben, will es nicht glauben, dass ich dich nie mehr wiedersehen soll... Jeden Moment denke ich, kommst du um die Ecke gerannt hierher in den Garten.... stürzt dich in meine Arme und sagst mir, wie sehr du mich liebst... Doch es wird nie wieder so sein... nie wieder...
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Schließlich waren die Tränen doch versiegt, die Augen zu trocken um noch mehr zu weinen. Issei stand schwankend vor Erschöpfung auf, hörte das leise quietschen, dass die hin und her schwingende Schaukel von sich gab. Mit schweren Schritten, den Kopf müde gesenkt lief er auf das kleine Haus zu, dass er mit seinen Eltern bewohnte. Ein schwaches Schimmern strahlte ihm hell entgegen. Er lugte zwischen seiner Haarmähne hervor und hielt perplex den Atem an. Nur wenige Schritte vor ihm, eingehüllt in dieses unirdische Leuchten, stand die silberne, durchsichtige Gestalt Matts. Issei schluckte krampfhaft. Das konnte nicht sein! Matt war tot... Zwei weiße, reine Schwingen zogen Isseis Aufmerksamkeit auf sich. Mit vor staunen geweiteten Augen blinzelte er der Gestalt entgegen und flüsterte leiser als ein Windhauch: "Ma... Matt?" Hoffnung, Verzweiflung, Unglaube. All das schwang in seiner Stimme mit, die aus der Himmlischen Gestalt ein glückliches Lächeln hervorlockte. "Hai... Ich bins...
Issei..." Matts sanfte Stimme wehte durch den Garten und erreichten Isseis Ohren, die nach eben jenen Worten dürsteten. Trockene Augen füllten sich abermals mit warmen, salzigen Wasser, wurden von einer Woge Gefühle überflutet. "Ma...tt..." Langsam schwebte die silberne Hoffnung Issei entgegen, lächelte sehnsüchtig und strich ihm sanft über die Wange. Ein kalter Schauer ging durch Isseis Körper, doch er war nichts gegen die kochende Hitze, die Matts Berührung bei ihm auslöste. Wie eine Kettenreaktion löste sich die Starre in Isseis Gliedern und er stürzte sich in Matts Arme. Eisige Kälte umfing ihn, doch das war ihm egal, solange Matt bei ihm war. "Oh Matt!" Wahre Bäche an Tränen bahnten sich den Weg über seine Wangen und näßten sein Shirt. "Matt, bitte verlass mich nie wieder!" Mit verheulten, verquollenen Augen blickte er Matt an. Dessen Lächeln war die ganze Zeit nicht von seinen zarten, weichen Lippen gewichen. "Hai... wir werden zusammen zurück gehen, ok?" Stumm nickte Issei und
klammerte sich an den kleinen Engel, spürte nach und nach, wie sich die Kälte in seinem Körper festsetzte. Voller Liebe drückte er seinen Engel an sich, bis das frostige Kalt ihn vollkommen Umhüllte...
~
Der Morgen brach an. Plötzlich gellte ein Schrei durch die frühen Morgenstunden. Mrs Keniro starrte mit weit aufgerissenen Augen auf das Bild, dass sich ihr bot:
Issei lag im taufeuchten Gras. Ein sanftes lächeln hing auf seinen warmen, doch toten Lippen. Sein Kopf war angelehnt an der Schulter seines Liebsten, den er fest umschlungen in seinen Armen hielt. Matt lag feste an ihn gekuschelt, ebenfalls warm, ebenfalls tot.

~Owari~
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