Die Entscheidung

von Eowyn
GeschichteDrama / P6
Frodo Samweis / Sam Gamdschie
08.04.2004
09.04.2004
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08.04.2004 7.640
 
Er war über alle Maßen erleichtert, daß er nicht sprechen mußte, denn zu sprechen vermochte er nicht. Sams Herz war schwer von Trauer, so erfüllt von namenloser Traurigkeit, daß er nicht daran zu glauben wagte, sie möge jemals wieder vergehen, doch bleiben sollte sie auch nicht.
Frodo hätte ihn niemals so sehen mögen, das wußte Sam, und doch konnte er sich dessen nur schwer erwehren. Er dachte daran, wie sehnsüchtig er zuhause von seiner lieben, guten Rosie und seiner kleinen Elanor erwartet würde. Viel zu lange schon warteten sie, doch dieses eine Mal hatte er noch gehen müssen, sollte es doch das letzte Mal sein, daß er Frodo sehen und an seiner Seite sein konnte.
Doch half es ihm nicht sehr, an seine Familie zu denken, hatte er Frodo doch gerade verloren. Niemand konnte ihn je ersetzen.
Wenig Trost spendete ihm die Erinnerung an Frodos Worte, daß es vielleicht doch nicht das allerletzte Mal gewesen sein sollte, daß sie einander in den Armen hielten. Wenn die Zeit reif war und Sam es wünschte, so konnte auch er dorthin fahren, wo es kein Leid gab, kein Übel und keinen Schmerz.
Mehr als alles andere hatte Frodo es verdient, von den düsteren Erinnerungen und den Qualen erlöst zu werden, die ihn besonders des Nachts immer wieder heimgesucht hatten. Sam wußte davon, obgleich Frodo niemals davon gesprochen hatte, doch er hatte den Seelenschmerz seines Herrn gespürt, ihn sogar im Schlaf sprechen hören, wenn er voller Unruhe hochgeschreckt war. Tränen waren über Frodos Wangen gelaufen in seinem Schlaf, er hatte sich hin- und hergeworfen und die rechte Hand auf die linke Schulter gepreßt, eine Narbe zur anderen, doch waren dies nur die sichtbaren Narben.
Aufgewacht war sein Herr nicht, aber Sam hatte sich vor sein Bett gekniet, die Hand ausgestreckt und auf die tödliche, beißende Kälte gelegt, die von der fürchterlichen Wunde ausging, die niemals gänzlich heilen sollte.
Und wenn er das tat, dann wurde Frodo ruhiger und die Tränen versiegten und er hatte im Schlaf wieder seinen Frieden gefunden.
Wie oft und wie gern hätte Sam ihm helfen mögen; doch das Leid seines Herrn zu lindern, das vermochte er nicht, so dachte er zumindest. Er war kein großer Heiler und kein Weiser, er hatte nur die Fähigkeiten eines Hobbits - wenngleich eines mutigen - jedoch unterschätzte er zuletzt noch die Fähigkeiten, die ein Freund allein aufgrund seiner Liebe hatte, welche die größte Macht der Freundschaft war. Vielleicht die größte überhaupt.
Gänzlich erfüllt von schwerer Traurigkeit ritt Sam inmitten der ruhmreichen Herren Meriadoc und Peregrin, die im Auenland in aller Munde waren und von deren Taten oft und viel gesprochen wurde, wenn auch in vielen Fällen nur die Hälfte der Geschichten der Wahrheit entsprach.
Diesen beiden erging es wenig anders als ihrem von Trauer ergriffenen Freund Samweis, obwohl der Verlust Frodos sie ungleich weniger belastete. Schließlich war es Sam gewesen, der Frodo bis zum bitteren Ende begleitet hatte.
Frodo hatte Sam niemals traurig sehen wollen, doch sein Fortgehen war der Grund für Sams Trauer. So sehr er sich auch bemühte, er konnte es nicht verhindern, daß eine dicke Träne über seine Wange kullerte und hinabtropfte auf den Ärmel seines Hemdes, der unter seinem wärmenden grauen Elbenmantel hervorschaute.
Wie sollte er nicht trauern, wenn Frodo auf immer gegangen war? Wie konnte Frodo glauben, Sam würde nicht mit schwerem Herzen nach Beutelsend zurückkehren, dorthin, wo Frodo die meiste Zeit seines Lebens verbracht hatte, um es Sam schließlich zu überlassen?
Alle Schätze der Welt hätte Sam gegeben, um Frodo im Auenland ein Leben zu ermöglichen, wie er es nun haben würde bei den Elben im fernen Westen. Wenn er doch nur hätte bleiben können.
Stumme Verzweiflung ergriff den kleinen Gärtner, wußte er doch genau, warum Frodo gegangen war. Er hatte so oft unter der Vergangenheit gelitten, die Aufgabe hatte ihm nun doch keinen Rückweg mehr offen gelassen. Zwar hatten sie in Mordor unter dem feurigen Berg geglaubt, die Reise würde mit dem Tode für sie enden, aber der Rückweg ins Auenland war Frodo dennoch versperrt gewesen. Wie hätte er sich auch heimisch fühlen sollen nach allem, was er erlitten hatte?
Er hatte es in Worte gefaßt, als er gesagt hatte, daß einer für andere etwas aufgeben mußte, damit es den anderen bliebe. Sich hatte er geopfert. Und bei allen Qualen, so glaubte Sam, hatte Frodo es gern getan, weil er es aus Überzeugung getan hatte.
Für seine Heimat hatte er es getan, für das friedliche Auenland und die unschuldigen Hobbits, die doch vom namenlosen Grauen im Osten nichts wußten und gar nichts wissen sollten. Er hatte für ganz Mittelerde gekämpft bis über den Rand der Erschöpfung hinweg, er hatte alles ertragen und nur selten geklagt.
Doch nun war er fort, hatte nicht dort bleiben können an dem Ort, für den er es getan hatte. Er hatte es nicht gekonnt, aber er hatte es auch nicht gewollt.
Sam wußte mit quälender Gewißheit, daß Frodo auch gerade seinetwegen gegangen war.
"Ganz sollst du sein."
Immer wieder hallte es in Sams Kopf nach, er konnte Frodos Worte noch immer hören, und er konnte noch nicht glauben, daß er gar selbst einmal davon gesprochen hatte.
Er hatte nicht mit Frodo zu Bilbo gehen wollen, weil er doch zu seiner geliebten Familie gehörte, und es hatte ihn zerrissen.
Frodo war gegangen, weil er sich wünschte, daß Sam nur für seine Familie sorgen sollte und nicht auch für ihn, doch hatte er sich je gefragt, ob Sam sich das auch gewünscht hatte?
Wie gedankenlos hatte Sam doch gesprochen, als er selbst von seiner Zerrissenheit geredet hatte! Denn es war ihm doch in den vergangenen zwei Jahren so oft gelungen, es zu bewältigen, er hatte so gern für Frodo gesorgt und auch für Rosie, er hatte sich so sehr auf seine kleine Tochter gefreut und alles war gut gewesen. Er war ganz gewesen. Er hatte sich doch nicht zerrissen gefühlt, denn Frodo war immer dort gewesen.
Ein einziges Mal hatte er gesagt, er fühle sich zerrissen. Ein Mal zuviel.
Sam fragte sich gar, ob er nicht seinem Herz hätte folgen und Rosie heiraten sollen.
Hatte Frodo ihn gar ermutigt, es zu tun, weil er seinen Fortgang bereits beabsichtigt hatte?
Aber nein, er liebte Rosie von ganzem Herzen und wußte, er wollte niemals ohne sie sein.
Sam hatte sich nur einem Traum hingegeben, einem schönen Traum. Wie glücklich hatte er sich geschätzt, daß er für Frodo sorgen konnte und auch für seine Familie, es war ihm eine wahre Erfüllung gewesen. Er konnte nicht sein ohne eine Aufgabe und so hatte er zahlreiche Aufgaben gehabt.
Nein - wenn Frodo gegangen war, um ihn nicht unglücklich zu machen, hatte er falsch gehandelt.
Ruckartig hob Sam den Kopf und blickte auf die sanften Hügel, die vor ihnen lagen, genau wie hinter ihnen bereits viele zurückgeblieben waren, bis schließlich die Küste folgte und das Meer - die Häfen, welche sie erst vor Stunden verlassen hatten.
Nur ein einziges Mal wollte er Frodo noch sehen, um ihm zu sagen, daß es ihm gar eine Ehre wäre, für ihn zu sorgen. Nichts wollte Samweis Gamdschie lieber tun, er wollte es bewältigen, so Frodo ihn nur ließe...
Doch es war zu spät. Ganz langsam ließ Sam den Kopf wieder hängen und starrte durch Tränen auf den Weg, über den der treue Lutz stetig trabte.
Sam spürte eine warme Hand auf seinem Arm und sah durch seinen verschwommenen Blick Merry, Frodos lieben Vetter, auf dessen Wangen selbst feuchte Tränen glänzten. Merry lächelte, doch es war kein glückliches Lächeln, so sehr er sich auch bemühte.
Keiner der drei sprach. Keine Worte hätten sie gefunden, um den Schmerz auszudrücken, den sie fühlten. Doch erging es Merry und Pippin in einer Sache nicht wie Sam.
Sie hatten niemals derartig viel mit Frodo geteilt, wie Sam es getan hatte. Samweis hatte Frodo tapfer vor nahezu allen Gefahren beschützt auf der großen Reise, ihn die Hänge des Schicksalsberges hinaufgetragen, als Frodo selbst keine Kraft mehr gehabt hatte.
Und er hatte in Beutelsend bei Frodo gelebt und gesehen, wie gut es ihm oft gegangen war außer in den Zeiten der Jahrestage, die Frodo seine Erinnerung durch Schmerzen zurückgebracht hatten.
Immer wieder dachte Sam an die gleichen Dinge, in seinem Kopf waren immer nur dieselben Gedanken.
Frodo war fort, vermutlich würde Sam ihn niemals wiedersehen und noch wußte er nicht, was er tun sollte, um damit zu leben.
Gleichzeitig schämte er sich seiner selbstsüchtigen Gedanken, die jedoch einen bestimmten Ursprung hatten. Es war so unvermittelt gekommen, so überraschend, nichts hatte auf Frodos Fortgang hingedeutet.
Dieses eine Mal konnte Sam seinen Herrn nicht verstehen. Zwar wußte er, was Frodo gemeint hatte mit den Worten, daß das Auenland für ihn nicht gerettet sei; doch so sehr Sam auch versuchte, diesen plötzlichen Entschluß zu verstehen, so wenig gelang es ihm.
Hätte Sam es denn nicht zuvor bemerken müssen, daß der Ring seinen armen Herrn so sehr zugrunde gerichtet hatte?
Doch hatte er das tatsächlich? So viele frohe Tage voller Licht und ungetrübtem Glück hatte es doch noch gegeben, die Frodo nun aufgegeben hatte, um in der Ferne bei den Elben zu leben.
Sicherlich war auch das schön. Sam lächelte versonnen bei dem Gedanken an die schöne Frau Galadriel und ihre Güte, er erinnerte sich daran, wie er zum weisen Herrn Elrond aufgeblickt hatte.
Leise seufzte Sam. Für ihn war nur wichtig, daß Herr Frodo glücklich war, und wenn er das nur im Westen sein konnte, so wünschte Sam ihm alles erdenkliche Gute, auch wenn er gehofft hatte, an Frodos Leben teilhaben zu können.
Doch diese Entscheidung stand ihm nicht zu.

Einige Stunden danach lehte Sam rücklings an einem Baum, während seine Weggefährten neben ihm schlafend lagen, in ihre Mäntel eingewickelt und leise schnarchend. Pippins Schnarchen war ein wenig lauter als Merrys, doch ließ es Sam genügend der Stille, auf seinen eigenen Atem lauschen zu können.
Immer hatte er dies getan, wenn er Nachtwache gehalten hatte. Über Frodos Schlaf hatte er gewacht und sich vor Gollum in acht genommen. Er erinnerte sich daran, wie oft er derweil an Rosie gedacht hatte, jedoch ohne sein Fortgehen mit Frodo zu bereuen. Damals hatte er noch nicht geahnt, wie wichtig seine Familie ihm einst sein würde. Vielleicht hätte er sonst anders entschieden und wäre nicht in den nahezu sicheren Tod gegangen.
Er wußte es nicht. Aber er bereute bislang nichts, was er je getan hatte.
Das Bild seiner Familie, das in Sams Gedanken erschienen war, wurde jedoch mit einem Mal von Frodos Gesicht verdeckt. Sam sah ihn lächeln, doch schmerzte ihn dies zutiefst, würde er ihn doch nicht mehr lächeln sehen.
Eine Träne löste sich und kullerte über Sams Wange und ihr folgten viele weitere, aber Sam blieb stumm, starrte reglos in die Ferne und versuchte, nicht das Bild von Frodos Lächeln zu vergessen, es niemals zu vergessen.
Trauer kannte keine Vernunft. Und über jede Vernunft und jede selbstlose Liebe zu Frodo hinweg trauerte Sam und vermißte ihn, daß er glaubte, dies müsse ihn zerreißen. Sam konnte nicht anders, als sich zu wünschen, Herr Frodo wäre nicht gegangen.
Wenig schlief er in dieser Nacht und den folgenden. Eine gute Woche ritten die drei Hobbits gemeinsam, bis sie endlich der Heimat wieder ganz nah waren innerhalb der Grenzen des Auenlandes. Bis dorthin sprachen sie kein Wort und nur ihre Anwesenheit spendete den Freunden Trost in der gemeinsamen Trauer. Sie schauten nicht zurück, erinnerten sich nur an Frodo Beutlin und ihre Dankbarkeit für sein Opfer kannte trotz allem keine Grenzen.

"Seht nur, wie viele Birnen die Bäume hervorgebracht haben!" brach Pippin endlich das Schweigen; er deutete auf einen kleinen Hain voller früchtetragender Birnbäume, die sanft vom Wind hin- und hergewiegt wurden.
Sam atmete tief durch. Eine Belanglosigkeit, doch eine, die es vermochte, einen Sonnenstrahl in sein Herz zu lassen. Von Tag zu Tag hatte er ein wenig der Trauer vergessen können und nun, da er wieder die sanften grünen Hügel seiner Heimat erblickte, die von kleinen Bächen und Wegen durchzogen wurden, wurde ihm ganz warm ums Herz. Die Pflanzen wuchsen gut und gediehen und Merry begann fröhlich, ein Lied zu pfeifen, zu dem Pippin bald einen Text dichtete und so ritten sie weiter auf ihren Ponys über die schmalen Pfade, auf denen sie nicht vielen Hobbits begegneten. Die wenigen jedoch, die sie trafen, grüßten sie freundlich und wohlwollend.
"Eine gute Heimreise wünsche ich", sagte Sam schließlich, als er Lutz auf einer Kreuzung vor Wasserau zum Stehen brachte. Einige Worte wechselte er noch mit Pippin und Merry, bevor diese schließlich weiterritten und er sich allein auf den Heimweg nach Hobbingen machte.
Die kleinen Höhlen waren säuberlich wiederrichtet worden, die Ernte war gerade eingeholt und wer nun noch auf den Straßen war, war auf dem Heimweg und sicherlich getrieben von Hunger, der gestillt zu werden suchte. Umgeben von der friedvollen Idylle ritt Sam schließlich den Bühl hoch und erblickte einen ersten hell leuchtenden Stern am rötlichen, dunstverhangenen Abendhimmel.
Es schmerzte ihn nicht zu sehr, als er sich fragte, ob auch Frodo diesen Stern nun sähe.
Sicherlich würde Frodo sich an dessen Anblick erfreuen, so wie er sich nun an vielem erfreuen würde.
Sam jedoch freute sich nun ganz besonders auf ein gutes Abendessen.
Er brachte Lutz in dem kleinen selbstgezimmerten Stall unter und als er sich umwandte, bevor er ins Haus ging, warf Sam einen flüchtigen Blick auf Hobbingen hinab, wo alle kleinen Fenster hell erleuchtet waren und alle bei Tisch versammelt.
Er hatte kaum die Tür erreicht, als Rosie ihm bereits öffnete und seine Hand nahm, ihn dann hereinzog und ihn in die Küche führte, aus der bereits ein köstlicher Duft entströmte.
Sam setzte sich auf seinen Stuhl und nahm seine kleine Tochter auf den Schoß, als Rosie sie in seine Arme entließ.
"So, da bin ich wieder", sagte Sam und erwiderte Rosies seliges Lächeln.
Mit großem Appetit aß Sam und konnte sich diesmal besonders an seiner kleinen Tochter erfreuen, die noch immer auf seinem Schoß saß und begeistert mit den winzigen Fingern auf dem Tisch herumtastete, während ihr Vater sie liebevoll fütterte. Wilde blonde Locken hatte Elanor und Sam war sich sicher, eines Tages würde sie ein wunderhübsches Mädchen sein. Er hätte nie gewußt, seinen Stolz auszudrücken, denn er liebte sein kleines Mädchen von ganzem Herzen.
Noch bevor sie ihre Portion gegessen hatte, ließ sich die Kleine in die zärtliche Umarmung ihres Vaters zurücksinken und schließlich fielen ihr die Augen zu. Selig schlummernd lehnte Elanor an ihrem Vater, der sie behutsam in den Armen wiegte und glücklich lächelnd zu Rosie schaute.
"Hierher gehöre ich", murmelte er leise und stand schließlich auf, um Elanor in ihr Bettchen zu legen. Rosie folgte ihm und beobachtete Sam, wie er seine Tochter in die Kissen bettete und vorsichtig zudeckte.
Als Sam der Kleinen einen Kuß gegeben hatte, erhob er sich wieder und wollte den Raum wieder verlassen, doch er wäre nahezu mit Rosie zusammengeprallt, die hinter ihm gestanden hatte und nun seine Hand nahm.
Ohne ein Wort zu sprechen gingen sie hinaus und setzten sich noch für eine kleine Weile in der Küche vor dem wärmenden, fröhlich prasselnden Herdfeuer zusammen.
"Wo ist er?" fragte Rosie unerwartet. Sam wandte langsam den Kopf und begegnete ihrem Blick.
"Er ist mit den Elben gegangen und mit Herrn Bilbo. Alles hat er mir hinterlassen, denn er kommt nicht zurück. Nie mehr."
Und mit einem Mal begann seine Stimme zu zittern und ein schwerer Kloß lag ihm im Hals. Sam sprach nicht weiter und Rosie stelle ihm keine Fragen mehr, denn sie ahnte, welcher Verlust dies für Sam war.
Es war der Abend des sechsten Oktober und Sam erinnerte sich, wie drei Jahre zuvor der Hexenkönig auf der Wetterspitze seine Klinge gezogen und Frodo schwer verwundet hatte.
Ob Frodo dies nun immer noch spürte?
Aber aus diesem Grunde war er doch gegangen, um es nie mehr spüren zu müssen. Bestimmt war er von seiner düsteren Erinnerung erlöst.
Und trotzdem war es seltsam für ihn, als Sam zu Bett ging, ohne Frodo eine gute Nacht gewünscht zu haben.
Genauso seltsam war es, als Sam früh am nächsten Morgen nur kurz nach dem ersten Hahnenschrei erwachte und bald aufstand, um nach Elanor zu sehen und Licht nach Beutelsend hereinzulassen.
Gewohnt leise öffnete er die Tür und sah hinein in das Zimmer, das nach verstaubten Büchern roch.
Es war nicht mehr bewohnt. Sam hatte in der Tat erwartet, Frodo schlafend im Bett zu finden, doch er war nicht mehr dort.
Mit gesenktem Blick ging Sam zum Fenster und sorgte für Licht, doch dann verweilte er für einen Moment.

"Möchtest du etwas Besonderes zum Tee haben, Herr Frodo?"
"Ein Stück von Rosies Kümmelkuchen würde mir zusagen", hörte Sam die leise Antwort seines Herrn aus dessen Arbeitszimmer. Sam nickte gedankenverloren zu sich selbst und betrat die Speisekammer, um ein Stück des Kuchens für Frodo zu holen.
Bald hatte er alles aufgetischt und ging vor die Tür, um Rosie hereinzuholen, die mit einer Nachbarin auf dem Weg stand und in ein Schwätzchen verwickelt war. Als Sam wieder in Beutelsend verschwand, hörte er, wie Rosie sich verabschiedete, um ihm zu folgen. Sam war so in Gedanken, daß er nicht einmal bemerkte, wie ein Lächeln sich auf sein Gesicht legte. Er ging hinüber zu dem Zimmer, in dem Frodo noch immer saß, und lehnte am Türrahmen, während er Frodo beobachtete.
Dieser stellte die Feder zurück ins Tintenfaß und wartete noch, bis die Tinte auf dem Papier getrocknet war, bevor er das Buch zuklappte und aufstand. Frodo streckte sich und wandte sich um, erblickte dann Sam und lachte.
Sam schrak zusammen.
"Was ist denn so lustig?" fragte er verwirrt.
"Mein lieber Sam, du ahnst nicht, wie du dreinschaust. Man könnte glauben, du wolltest die ganze Welt umarmen, denn wie glücklich du bist, sieht man dir an!"
Betreten senkte Sam den Blick und errötete leicht.
"Wirklich? Aber... ich muß immerzu daran denken! Denk doch nur, Herr Frodo, wie das wird! Kannst du dir das vorstellen? Ich kann es noch gar nicht glauben!"
Frodo lächelte und kam auf Sam zu, dann legte er einen Arm um die Schultern seines Freundes und gemeinsam gingen sie hinüber zur Küche. Frodo schüttelte belustigt den Kopf und sah Sam ermutigend an.
"Das schaffst du schon. Ich freue mich für euch. Es ist so viel Platz hier in Beutelsend für Kinder! Es wird doch nicht bei diesem einen bleiben?"
Sam antwortete nichts, aber im Stillen träumte er davon, einmal viele Kinder zu haben. Wortlos setzten sie sich zusammen in die Küche und als Rosie ebenfalls hereinkam, entging Sam und Frodo nicht der glückliche Ausdruck in ihrem Gesicht.
Sam zog sie in seine Arme und seufzte zufrieden. Sie wurden Eltern!

Den ganzen Tag schon hatte Sam ihn nicht zu Gesicht bekommen. Beim Frühstück hatte Frodo nur sehr wenig gegessen, aschfahl war er im Gesicht gewesen und hatte sich schließlich schweigsam in sein Arbeitszimmer zurückgezogen. Womit Frodo sich dort die Zeit vertrieben hatte, vermochte Sam nicht zu sagen, aber am Abend vor dem Essen betrat der Gärtner das Zimmer doch und fand Frodo am Tisch sitzend. Er las im Roten Buch und obwohl er Sam gehört haben mußte, rührte er sich nicht. Er hatte sich mit dem linken Arm auf den Tisch gestützt und als Sam näher trat, entdeckte er, daß Frodo die rechte Hand auf die linke Schulter gepreßt hatte. Seine Augen waren dunkel umrändert und blutunterlaufen; krank sah er aus, krank und sehr schwach. Bevor Frodo seinen Freund bemerkte, legte er die Hand auf den weißen Edelstein, den die Königin Arwen ihm geschenkt hatte und schloß leise seufzend die Augen. Tatsächlich schien der Stein ihm zu helfen, denn als Frodo die Augen wieder öffnete und Sam vor sich
stehen sah, lächelte er und sagte: "Es ist so schön, von Bilbos Abenteuern zu lesen."
Sein Blick verlor sich irgendwo, Sam vermochte nicht zu sagen, was Frodo vor sich sah, aber er fragte ihn, ob etwas nicht in Ordnung sei.
"Verwundet bin ich, und niemals wird die Wunde wirklich heilen", sagte Frodo, bevor er aufstand und sich streckte. Fast unmittelbar darauf kehrte ein wenig Farbe in sein Gesicht zurück und seine Wangen waren wieder von einem lebendigen Rot, als er Sam zulächelte und noch immer den Edelstein mit der Hand umschloß.
Eine weitere Erklärung erteilte Frodo dem ratlosen Sam nicht, als er das Zimmer verließ und seinen Freund hieß, ihm zu folgen. Sie bereiteten das Essen vor und Frodo schien wieder ganz gesund, auch wenn er nicht so aussah.
Anfangs dachte Sam sich nichts dabei, doch als er einige Tage danach über diesen Abend nachdachte, fiel es ihm ein. Schon am nächsten Morgen war Frodo wieder gewesen wie sonst, also konnte er gar nicht krank gewesen sein.
Es war die Erinnerung gewesen, die ihn befallen hatte. Sie hatte es schon zuvor getan.

"Und sie hätte es immer wieder getan", murmelte Sam leise vor sich hin und seufzte gedankenversunken. Immer noch stand er mitten in Frodos Studierzimmer und schaute sich um. Sobald er den Geruch des alten Papiers in der Nase verspürte und die eigentümliche Wärme des Zimmers wahrnahm, fiel ihm alles wieder ein, es genügte ihm, das Rote Buch auf dem Tisch liegen zu sehen und er erinnerte sich an die vielen Momente, in denen er Frodo dort hatte sitzen sehen.
Er ging hinüber zum Tisch, öffnete das Buch und blätterte bis zum Schluß der Eintragungen, welche von Frodo stammten. Die saubere Handschrift hatte ebenfalls nichts verraten. Auch sie war gewesen wie eh und je.
Es sah noch sehr wüst aus in einigen Ecken des Zimmers. Sehr ordentlich war Frodo nie gewesen und Sam hatte sich immer gehütet, Ordnung schaffen zu wollen, weil Frodo seine Sachen dann nicht mehr gefunden hätte.
Plötzlich traf es den kleinen Hobbit wie ein Schlag. Es war so unordentlich wie immer, es war auch noch alles an seinem Platz; Frodo hatte nichts mitgenommen. Gar nichts außer den Dingen, die er bei sich getragen hatte.
Also hatte er nicht zuvor bereits daran gedacht, daß er gehen würde?
Sam schluckte schwer. Er fühlte sich wie Tage zuvor, so als wäre Frodo ihm gerade entrissen worden.
Wenn er die Augen schloß und dann alles so vor sich sah, wie es ihn in diesem Moment im Zimmer umgab, war es ihm, als könnte er Frodo am Tisch sitzen sehen, wie er schrieb und alles um sich herum vergessen hatte.
Doch das kalte Licht des gerade beginnenden Tages holte Sam zurück, als er die Augen wieder öffnete und feststellen mußte, daß Frodo nicht mehr dort war. Der Stuhl stand unbenutzt vor dem Tisch.
Sam überlegte, ob er aufräumen sollte, doch er entschied sich dagegen. Wenigstens die Unordnung Frodos sollte ihm bleiben.
Traurig seufzend verließ er das Zimmer und schloß die Tür hinter sich, um erst einmal vor die Haustür zu treten und die frische Luft des klaren Morgens zu atmen.
Es war noch früh. Doch kaum, daß Sam seine Blicke über den Garten schweifen ließ, entdeckte er wild wucherndes Unkraut an dem Zaunpfahl, der dem Tor am nächsten stand.
"Nicht in meinem Garten!" entfuhr es Sam voller Entrüstung und er ging, seine Werkzeuge zu holen. Er wollte sich ablenken durch seine Arbeit und das gelang ihm auch.
Er arbeitete für einige Zeit sehr eifrig und pflückte schließlich eine kleine letzte Blume, die bald beim ersten Frost sicherlich erfrieren würde, um sie mit hinein zu nehmen und sie Rosie zu schenken.
Am liebsten wollte er ihr alle Blumen auf der Welt schenken, doch sein Gärtnerherz sagte ihm, daß sie im Garten besser aufgehoben seien. Es sei denn, die Zeit stand kurz vor dem Wintereinbruch. Sam ging hinein und trat vor das Bett, in dem Rosie noch immer friedlich schlafend lag, kniete sich dann davor und küßte sie auf die Wange, kitzelte indes aber ihre Nase mit den Blütenblättern.
Verschlafen blinzelte Rosie und lächelte leicht, als sie Sams gütigen Gesichtsausdruck vor sich erblickte.
"Guten Morgen", flüsterte Sam und stand wieder auf, um nun noch nach seiner Tochter zu sehen.

Sam blinzelte schläfrig, er war von der Müdigkeit noch ganz gefangen, und lauschte angespannt hinaus in die Dunkelheit. Einige Tage waren nun vergangen seit seiner Heimkehr.
Was hatte ihn mitten in der tiefsten Nacht aufgeschreckt?
Für einen Augenblick hörte er gar nichts, doch dann drang leises Weinen, traurig und zugleich ein wenig ängstlich, an sein Ohr. Müde streckte Sam seine Beine aus dem Bett und warf die Decke zurück.
Seine kleine Elanor war es, die weinte, er hörte es sofort, noch bevor er die Tür geöffnet hatte und zu ihrem Zimmer hinüberschlich, unhörbar wie alle Hobbits, denn Rosie sollte nicht geweckt werden.
Alles war dunkel, doch Sam kannte Beutelsend gut genug, um auch blind den Weg zu finden. Er konnte die Hand vor Augen nicht sehen, folgte aber seinem Gehör und öffnete dann die Tür zum Kinderzimmer, aus dem ersticktes Schluchzen drang.
"Was ist denn, mein Kleines? Hast du schlecht geträumt?" wisperte Sam und griff zuerst ins Kinderbettchen, hob Elanor heraus und hielt sie in den Armen fest an sich gedrückt. Das kleine Mädchen schlang ihre Arme um Sams Hals und weinte leise an seiner Schulter, derweil suchte Sam jedoch nach der Kerze auf dem kleinen Schränkchen und entzündete sie, um die nächtliche Finsternis aus dem Zimmer zu vertreiben.
Die kleine Flamme loderte auf und verbreitete warmes Licht, in dessen Trost Sam seiner Tochter über den Kopf streichelte, um sie schließlich mitzunehmen, als er ins Bett zurückkehren wollte. Diesmal leuchtete die Kerzenflamme ihm den Weg, auf dem Elanor endlich gänzlich verstummte, denn nun spielte sie mit ihren kleinen Fingern am Hemdkragen ihres Vaters herum.
Sam ließ die Kerze noch ein Weilchen brennen, legte sich jedoch wieder ins Bett und hielt sein Töchterchen im Arm, während er die Decke wieder hochzog und der Kleinen liebevoll über die Wange strich.
"Schlaf, Liebes, wir sind bei dir", flüsterte er, als seiner Tochter die Augen zufielen und sie schließlich fest schlummernd neben ihm lag.
Die Kerze brannte herunter, es war nur noch ein kleiner Stumpf gewesen, und deshalb hatte Sam sich gar nicht mehr darum gekümmert. Die Wärme seines Kindes neben sich zu spüren erinnerte ihn unwillkürlich an eine Nacht, die noch nicht lange zurücklag.

Von einer seltsamen Unruhe geplagt schlug Sam die Augen auf, er hatte keinen ruhigen Schlaf mehr gehabt, bis er schließlich aufgewacht war und dem Grund seiner Unruhe auf die Spur zu kommen suchte. Als ein seltsames Geräusch an seine Ohren drang, bekam Sam es erst mit der Angst zu tun, schalt sich jedoch einen Narren und hörte dann genauer hin.
Eine heisere, leise Stimme nahm er wahr, wie sie undeutlich und von schmerzerfülltem Stöhnen unterbrochen etwas murmelte.
Es war Frodo, der sprach, und Sam ahnte bereits, daß sein Herr wieder im Schlaf sprach, daß er wieder von üblen Träumen geplagt ward, die der Schatten der Nacht über ihn brachte, um ihm den Frieden zu rauben.
Sam griff nach der Kerze und entflammte sie, stolperte schlaftrunken über den Gang und gähnte, bevor er Frodos Zimmer unhörbar betrat.
Ruhelos warf Frodo sich auf die andere Seite. Schweiß stand auf seiner Stirn, zitternd bewegten sich seine Lippen, als er die Hand unter der Decke hervorzog und zur Faust geballt auf die linke Schulter preßte, genau auf seine Narbe. Er war totenblaß.
Sam stellte die Kerze auf die Kommode neben Frodos Bett, bevor er sich vor dieses kniete. Frodo sprach noch immer unverständlich im Schlaf, doch je näher Sam kam, umso deutlicher wurde für ihn das Leid seines Herrn, auf dessen Wangen Tränen glitzerten. Das Kissen war schon feucht davon.
Wiederum stöhnte Frodo unter Schmerzen, worauf Sam ihm zu helfen versuchte. Als er jedoch Frodos Hand von der Wunde nehmen wollte, spürte er, wie fest und unter welchem Druck Frodo sie auf die Narbe gepreßt hielt.
Bitterkalt war die Narbe, eine tödliche, eisige Kälte ging von ihr aus; das fühlte Sam, als er schließlich seine Hand unter Frodos auf seine Schulter legte. Frodo schien es zu spüren, denn seine verwundete Hand klammerte sich an Sams, der ihn bekümmert ansah und die bösen Schatten zu vertreiben suchte.
Mit seinem Hemdärmel trocknete Sam äußerst vorsichtig Frodos tränennasse Wangen. Frodos Atem beruhigte sich langsam, der Druck auf Sams Hand ließ nach, doch sie war inzwischen kalt geworden, hatte sie doch umgekehrt ein wenig Wärme spenden können, die so dringend gebraucht wurde.
Es dauerte ein Weilchen, bis Frodo wieder friedlich schlief; obgleich er nicht aufgewacht war, hatte er doch nicht ruhig geschlafen. Sams Nähe jedoch, die Nähe eines Freundes, hatte Frodo den Frieden zurückgebracht, der seinen finsteren Traum vertrieb und seine Schmerzen auslöschte.
Sam hatte beruhigt ins Bett zurückkehren können, wußte er doch, daß auch Frodo in dieser Nacht von keiner Plage mehr gestört würde.

Auf dem Rücken seines treuen Ponys Lutz ritt Sam den Bühl hinab, geschäftig dreinblickend, aber nicht ohne ein fröhliches Lied auf den Lippen. Dies nun war der letzte Tag in einer Woche, die der Gärtner mit der für dieses Jahr letzten Sichtung seiner neuen Pflanzungen verbracht hatte. Seit seiner Heimkehr war er jeden Tag in der Umgebung beschäftigt gewesen und hatte auf das einen Blick geworfen, was aus seiner Arbeit erwachsen war. Prächtig blühten und gediehen die Bäume, wenngleich sie bereits ihre Blätter verloren hatten. Der Winter war nicht mehr fern, der Blothmath stand vor der Tür und die Tage wurden immer kürzer und dunkler und kühler.
Seit nunmehr etwa zwei Wochen war Sam nun wieder in Beutelsend und er hatte sich an sein neues Leben als Hausherr und Hüter des Smials und seiner Schätze gewöhnt. Er war nun zufrieden und glücklich mit seiner Familie und kannte nur wenige Sorgen, da Frodo ihm all seine Besitztümer hinterlassen hatte. Für Samweis Gamdschie war das Geheimnis um den alten Schatz von Herrn Bilbo kein Geheimnis mehr, nun wußte er um das sichere Versteck, in dem alles das untergebracht war, was der stattliche Herr von seinem Abenteuer mit heimgebracht hatte.
Einen Schatz jedoch hütete der Hobbit wie seinen Augapfel, und dieser Schatz war das kurze Schwert Stich. Mehr aus Gewohnheit hatte Sam das Schwert unter sein Bett gelegt und zu niemandem darüber gesprochen, daß er sich dadurch geschützt fühlte. Es war doch so, daß Sam um lauernde Gefahren wußte und auch, wenn er im Auenland nicht mit viel zu rechnen hatte, so wollte er lieber nicht unbewaffnet einem möglichen Übel gegenüberstehen.
Zumal es doch das Geschenk von Herrn Frodo war, das er so hütete.
Sicherlich war dieser nun glücklich und von allem befreit, das ihm in seiner Heimat den wohlverdienten Frieden geraubt hatte.
Es verging wohl kein Tag, an dem Samweis nicht an Frodo dachte und dann nahm sein Gesicht einen Ausdruck von Wehmut an, denn Frodo fehlte ihm sehr nach all den Gefahren, die sie gemeinsam besiegt hatten. So vieles hatten sie durchgemacht und waren so sehr aufeinander angewiesen gewesen. Sam hätte nicht gewußt, wie er den Heimweg hätte finden sollen und Frodo hätte den Weg zu den Schicksalsklüften niemals allein bewältigen können.
"Aber du bist jetzt glücklich", flüsterte Sam und Lutz trabte in diesem Augenblick um eine Wegbiegung, die den Blick auf die taubehangene Festwiese freigab. Stolz seufzte Sam, war er es doch gewesen, der den gefällten Baum durch den prächtigen Mallornbaum ersetzt hatte, dessen Samen das Geschenk der Frau Galadriel gewesen war.
Noch war der Baum nicht mehr als ein Schößling, aber er wuchs unaufhaltsam und schnell, schien gesund und kräftig und verzauberte jeden bei seinem Anblick.
Unwillkürlich erinnerte Sam sich an den Tag des großen Festes, an dem Herr Bilbo seinen einundelfzigsten Geburtstag gefeiert hatte. Daß Herr Frodo an diesem Tag dreiunddreißig Jahre alt geworden war, hatte derweil niemanden sonderlich gestört, denn für die Leute war es weitaus interessanter gewesen, das Alter des äußerlich junggebliebenen Bilbo Beutlin zu feiern.
Es war ein wundervolles Fest gewesen. Das Feuerwerk, für welches Gandalf gesorgt hatte, war allen tief im Gedächtnis verwurzelt geblieben, es hatten im Überfluß Bier und Pfeifenkraut darauf gewartet, bei den Festgästen für höchsten Genuß zu sorgen und verstohlen erinnerte Sam sich daran, wie er schon damals den einen oder anderen verträumten Blick zu Rosie geworfen hatte, dem hübschesten Mädchen weit und breit.
Seufzend ritt Sam an der Festwiese vorbei und sah in seinem Gedächtnis noch diese Bilder vor sich, die Bilder der Erinnerung an einen wunderschönen Abend, lange Jahre bevor auch nur von einem entferntesten Gedanken an eine Reise außerhalb des Auenlandes die Rede sein konnte.
Doch damals hatte es angefangen mit dem Ring; Frodo hatte ihn schließlich besessen, das üble Ding, welches ihn zerstören sollte.
Wie wenig war an diesem denkwürdigen Fest davon zu spüren gewesen!
Doch nicht nur an diesem Tage.

"Kaum zu glauben, wie schnell daraus ein wahrer kleiner Baum erwachsen ist!" sagte Frodo voller Staunen und klopfte Sam anerkennend auf die Schulter. Dieser errötete voller Stolz und griff ein weiteres Mal zu seinem Bierkrug.
"Nicht mein Verdienst, Herr Frodo", murmelte Sam geflissentlich und nahm noch einen Schluck.
"Alles der Verdienst der elbischen Saat aus Lorien. Wenn ich es doch sage! Ewig soll ich der Frau Galadriel dankbar sein."
Gelächter erregte ihre Aufmerksamkeit. Sam grinste, als er sah, mit welcher Hingabe Pippin sich des Bierzapfens verschrieben hatte. Natürlich verkostete er selbst genügend des guten Gebräus.
Die kleine Kapelle spielte ein frohes Lied und es wurde getanzt. Sam rührte sich diesmal nicht, für einen Moment genoß er es, das bunte Treiben des Festes von der Bank aus zu beobachten. Rosie war ebenfalls beschäftigt, sie achtete auf ihre kleine Tochter, die sie im Arm hielt.
Es fand ein Fest statt zur Feier des neuen Baumes auf der Festwiese, der natürlich sofort eingeweiht gehörte.
Etwas unbeholfen stolperte Pippin über die Wiese und versuchte tunlichst, Juweline immer wieder vor die Füße zu laufen.
"Einige Krüge zuviel hat der Gute bereits geleert", bemerkte Frodo grinsend und hob seinen Krug daraufhin. Sam lachte belustigt.
"Natürlich hat er das. Wir kennen doch Pippin! Aber sieh, Herr Frodo, wie Juweline ihn anschaut! Wenn sie ihn nicht mag, dann soll ich wahrlich dumm sein!"
"Jedoch tut er etwas, was man nun von Merry nicht behaupten könnte!" erwiderte Frodo und sah hinüber zu seinem Vetter, der abseits mit dem Dicken stand und plauderte. Zwar hielten sie sich in der Nähe einiger hübscher Mädchen auf, unter denen auch eine ganz bestimmte war, doch es würde noch viel Zeit ins Land gehen, ehe Merry sich dazu entschließen würde, mit ihr einmal zu sprechen.
Viele waren gekommen aus allen Teilen des Auenlandes, denn etwas wie diesen Mallornbaum gab es kein zweites Mal zu sehen. Kinder spielten und scheuchten sich zwischen den Beinen ihrer Eltern herum, die auf diesem Wege davon abgehalten wurden, ungestört zu tanzen. Wer noch immer nicht gesättigt war, tat sich an den vielen aufgetischten Köstlichkeiten gütlich und vielerorts saß man in kleinen Gruppen zusammen und hielt ein Schwätzchen.
Sam musterte Frodo, wie er aufmerksam die Leute beobachtete. Schon lange war Frodo nicht mehr unter Leuten gewesen und dies hatte Sam sehr bekümmert, ebenso hatte es ihn einige Überredung gekostet, Frodo zum Besuch dieses Festes zu überreden.
Er fühle sich wie ein Außenseiter, hatte Frodo gesagt und Sam war wiederholt entrüstet gewesen, dachte er doch daran, wie wenig ihm seine Tapferkeit im Ringkrieg nun in seiner Heimat vergolten wurde. Sehr ungerecht war das, doch ändern konnte Sam es nicht.
Jedoch saß Frodo nun zwischen Rosie und dem alten Ohm und gut schien es ihm zu gehen, denn sein Gesicht zeigte einen zufriedenen Ausdruck, den Sam schon lange an ihm vermißt hatte.
Schließlich bemerkte Frodo Sams Blicke und erwiderte diese, bevor er sagte: "Dafür hat es sich gelohnt, nicht wahr, Sam?"
Sam lächelte und schaute umher.
"In der Tat hat es das, Herr Frodo", antwortete er und seufzte. Glücklich war er jedoch, als eine Weile später Rosie aufstand und ihn bat, ihr Elanor abzunehmen. Dann forderte sie Frodo zu einem Tanz auf und belustigt bemerkte Sam Frodos hilfesuchenden Blick, als dieser sichtlich überrumpelt aufstand und Rosie folgte.
Doch es bereitete ihm Freude, das konnte Sam ebenfalls sehen und er dankte Rosie im Stillen, daß sie dies für Frodo getan hatte, denn auch sie sah Frodos Einsamkeit mit jedem Tag wachsen. Alle Fürsorge tat dem nicht genüge, denn eigentlich brauchte Frodo mehr als nur die Gesellschaft von Sams kleiner Familie in Beutelsend.
Im Stillen hatte Sam manchmal daran gedacht, daß es wohl doch nicht so gut war, daß Frodo niemals eine eigene Familie gegründet hatte. Zu lange hatte er bei Bilbo gelebt und war das Junggesellendasein gewöhnt.
Wenn nun jemand dagewesen wäre, um wirklich für Frodo zu sorgen, wäre ihm so sehr geholfen gewesen. Sam wußte, daß Frodo liebenswert war, doch ergeben hatte sich niemals etwas, was Sam sehr bedauerte.
Er hätte es ihm wirklich gewünscht.
"Ach, das war wundervoll", sagte Frodo, als er sich wieder Sam gegenüber setzte. Über das ganze Gesicht strahlte er und sah sehr zufrieden aus.

Drei Monate mochten zwischen jenem Festtag und dem Tag liegen, an dem Sam die letzte Sichtung seiner Pflanzungen abschloß. Er hatte bald die Festwiese aus den Augen verloren und war in südlicher Richtung geritten, um sich alles anzuschauen. Und fast hätte man sagen können, daß es wieder wie früher war.
Zusammen mit seinem vierhufigen Freund Lutz machte er sich am späten Nachmittag auf den Heimweg. Er hatte es nicht mehr weit, nur noch einige wenige Meilen, und er würde wieder zuhause sein bei seiner Familie. Pfeifend trottete er neben dem Pony über die Straße entlang der Wässer und dachte mit Vorfreude an das gute Abendessen, das ihn erwartete.
Die Sonne neigte sich dem Horizont zu und färbte den wolkenlosen Abendhimmel tiefrot hinter den kahl werdenden Bäumen. Schnell wurde es kühler und Sam eilte sich, schnell nach Hause zu kommen. Schon waren die ersten Häuser von Hobbingen in Sicht und alles schien friedlich. Aus dem Gasthaus drang lautes Gelächter, die letzten spielenden Kinder wurden zu Tisch gerufen und die Lichter angezündet, denn die Dämmerung war nun schon sehr weit fortgeschritten. Jetzt war es nicht mehr weit und er glaubte schon, der Geruch seines auf ihn wartenden Abendessens steige ihm in die Nase. Doch Sam wollte sich erst um das Wohl des Ponys kümmern, bevor er daran denken mochte, endlich in die Küche zu schleichen und in den Töpfen einen Blick auf das Abendessen zu erhaschen.
Wie sehr freute er sich doch auf das wohlverdiente Mahl bei seiner Familie!
Als er die letzte Biegung auf dem Bühl umrundete, holte er einmal tief Luft, bevor er sich Beutelsend zuwandte.
Wieder hatte er den Stern am nun dunstverhangenen Himmel entdeckt, wie er leuchtend blinkte und funkelte.
Ob Frodo diesen Stern nun ebenfalls betrachtete?
Er fehlte Sam so sehr. Immer wieder dachte er an ihn, jeden Tag, der Gedanke an seinen Freund war bei jeder Arbeit und jedem Ereignis gegenwärtig - mal ein wenig mehr und mal weniger, aber die Gewöhnung an Frodos Abwesenheit fiel Sam mehr als schwer.
Er fühlte sich seinem Freund in diesem Moment ganz nah und seufzte wehmütig.
Solange Frodo nur glücklich war... Sams eigene Traurigkeit bedeutete in diesem Moment nichts.
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