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For The Love Of Goddess

von Silfir
GeschichteDrama / P12 / Gen
Belldandy Hild Keiichi Morisato Sentaro Skuld Urd
08.04.2004
31.05.2004
15
52.534
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08.04.2004 4.589
 
EPILOG III - Belldandys und Urds Geheimnis

"Hast du dich eigentlich nie gefragt, warum sich dein Vater mit mir..."
"Doch. So oft, dass ich's nicht mehr zählen kann. Und seit ich Yggdrasil einmal ganz alleine in seiner verdammten Gesamtheit inspizieren musste, bin ich Experte im Zählen." Urd hob die Augenbraue. "So, diese Geschichte bekomme ich zu hören?" Beim Wort Gesamtheit' huschte ein undefinierbares Lächeln über Hilds Gesicht.
"Dacht' ich's mir doch. Also... Wie du weißt, gibt es schon seit Urzeiten den Pakt, der das Gleichgewicht der Kräfte auf einem bestimmten Niveau halten soll."
"Den Vertrag von Dasli meinst du, oder? Da sich die Kraft durch Vererbung unglaublich vermehren kann, dürfen die Herrscher von Unterwelt und Himmel keine Kinder bekommen. Dürfen ist doppelt unterstrichen, nicht wahr? Mit anderen Worten, sie dürfen auch nicht..."
"Jaja, zölibatär und die ganze Scharade. Vermutlich auch ganz sinnvoll. Aber weißt du, wie alt ich war, als ich Magna-Regentin wurde?"
"Nein."
"Sechzehn."
"Körperlich?"
"Du weißt, dass die ersten zwanzig Jahre ebenso schnell verlaufen wie die eines Menschen. Also sowohl körperlich als auch reale sechzehn Jahre, okay? Blödian."
"Du warst mit sechzehn die mächtigste Dämonin von allen?", fragte Urd skeptisch nach.
"Genaaaau!", rief Hild entnervt.
"Ich nehme an, damit hattest du nicht gerechnet."
"Nicht gerechnet? Ich war vollkommen überrumpelt. Zuerst war es verdammt anstrengend, dann habe ich den Rat meines Vorgängers befolgt und alles dem Hohen Rat aufgehalst. Worauf es recht lustig wurde, zumindest eine Zeitlang. Bis mich die ohnehin schon verzögerte Pubertät vollkommen eingeholt hatte.", erzählte Hild.
"Oh."
"Mein Vorgänger musste eintausend Jahre Zölibat durchstehen und ist seitdem berüchtigt für seine, sagen wir... außerordentlichen Bemühungen bezüglich des anderen Geschlechts."
"Ah ja...", murmelte Urd. "Da haben sich die ganzen Jahre förmlich aufgestaut..."
"Und er war hundert, als er Magna-Regent wurde. Das heißt, er hatte vorher einige Zeit für so etwas gehabt - im Gegensatz zu mir. Was meinst du, wie ich mich gefühlt habe, als ich realisiert hatte, wie lange ich auf das erste... du-weißt-schon-was verzichten musste? Mit einem Mal hatte ich es furchtbar eilig. Ich kam innerlich kaum noch zur Ruhe, konnte kaum an etwas anderes denken... Für ein Leben in Enthaltsamkeit muss man geschaffen sein, ansonsten ist es schrecklich!
Die Zeit verging und ich vollzog die letzten Schritte meiner Entwicklung. Als ich zwanzig wurde, erreichten meine Kräfte ihren Höhepunkt, der nahezu doppelt so hoch lag wie der des alten Magna-Regenten. Als ich realisierte, wie mächtig ich überhaupt war und wie lange es dauern würde, bis ich nicht mehr Magna-Regentin sein würde, war meine Panik wirklich überwältigend." Hild schüttelte den Kopf. "Ich weiß nicht mehr, wie, aber auf jeden Fall habe ich es geschafft, ein Weilchen durchzuhalten."
"Und was dann?"
Hild lächelte. "Ich habe auf den Pakt ehrlich gesagt relativ schnell keinen besonderen Wert mehr gelegt. Eigentlich war ich der Meinung und bin es heute noch, dass ein wenig Risiko doch wohl erlaubt sein wird. Dummerweise war anscheinend die gesamte dämonische Männerwelt anderer Meinung. Lieber wären die Kerle gestorben, als den Pakt zu verletzen."
"Na so was, solch Verantwortungsbewusstsein hätte ich denen nie zugetraut!"
"Das kommt davon, dass der Magna-Regent, der den Pakt schloss, einer der angesehensten, berüchtigtsten und natürlich mächtigsten von allen war. Es ist eben so, dass seine Handlungen einen absoluten Unverletzlichkeitsstatus hatten und haben.", sagte Hild achselzuckend.
"Und was ist mit dir? Nimmst du seine Handlungen nicht ernst?"
"Doch, eigentlich schon. Urd, ich war verzweifelt, vergiss das nicht!"
"Schon klar. Aber hast du jetzt getan?"
"Naja, ich habe mir gedacht, Mann bleibt Mann, egal wie, und deswegen... Naja, überleg mal, dann kommst du drauf."
"In der Hölle warst du schon, in den Himmel kannst du ja schlecht gegangen sein, da bleibt nur noch... die Erde?"
"Genau. Die Erde."
"Und was hast du dort getrieben?", fragte Urd. "Dich an Menschen rangemacht oder wie?"
"Richtig."
Urd schaute sie schief an. "Also wirklich, du musst ja verdammt verzweifelt gewesen sein...", murmelte sie.
"Ich sag's ja schon die ganze Zeit. Und was soll ich sagen, kaum war ich ein paar Tage dort gewesen, zum Eingewöhnen, hatte ich den Mann meiner Träume gefunden... oder zumindest kam es mir so vor."
"Aha. Und?", grinste Urd.
Hild grinste zurück. "Einige Dinge gehen dich einfach nichts an, meine Kleine. Ich kann jedenfalls mit Fug und Recht behaupten, dass ich ebenfalls eine gewisse Wirkung auf ihn hatte. Genauer gesagt eine außerordentlich eindrucksvolle Wirkung. Den nächsten Part kannst du dir ja sicherlich denken..."
"Ja..."
"Dann geschah etwas, womit keiner von uns beiden gerechnet hatte.", erzählte Hild.
"Was denn?"
"Ich wurde schwanger.", stellte Hild lakonisch fest.
"Und...?"
"Was und? Neun Monate später... Was passiert neun Monate später?"
"Äh... die Geburt?"
"Aha!"
"Und das war... ich?"
"Wer sonst, bitteschön? Der Osterhase?"
"Dann war der Kerl..."
"Dein Vater, du extrem schlaues Exemplar einer Göttin!"
"Aber... mein Vater ist doch... äh... ein Gott?"
"Ja. Und?"
"Was hatte er auf der Erde zu suchen?"
Hild zuckte mit den Achseln. "Bin nie auf die Idee gekommen, ihn zu fragen. Ist wohl auch nicht wichtig, vermute ich."
"Nicht wichtig? Na gut, wenn du es sagst.", murmelte Urd belämmert. Frag ich ihn halt selber...'
"Ein Jahr lang waren wir zu dritt, bis er eines Tages dahinter kam, dass ich eine Dämonin war... Im selben Augenblick, in dem ich seine wahre göttliche Natur erkannte. Als er dann zu allem Überfluss auch noch erfuhr, dass ich die Magna-Regentin höchstpersönlich war und den Pakt von Dasli verletzt hatte, war das Chaos perfekt, sage ich dir. Ein Wunder, dass wir beide uns noch soweit arrangieren konnten, dass er dich mitnahm und so den allgemeinen Frieden rettete."
"So war es also möglich, dass ich zwar von einer Dämonin geboren wurde, aber trotzdem als Göttin aufwuchs. Normalerweise müsste es ja in so einem Falle andersrum laufen. War mir bisher immer ein wenig unklar.", überlegte Urd gefasst. "Dann war ich also ein Unfall..."
"Ein Unfall? Wenn du es so nennen willst. Zufall, würde ich sagen, oder glückliche Fügung des Schicksals, falls dir das am besten behagt.", lachte Hild.
"Ich habe nichts anderes erwartet. Ich meine, sowas wie ich kann nur unbeabsichtigt entstehen. Aber sag mal... hast du..."
"Ob ich deinen Vater wirklich geliebt habe?" Hild atmete tief durch. "Ja, ich denke schon. Wer weiß, wenn wir beide einfach nur Menschen gewesen wären, würden wir immer noch..." Sie seufzte tief. "Es hat wehgetan, damals."
"Entschuldige.", sagte Urd schnell. "Das war mein Teil der Geschichte. Was ist mit Belldandy?"
"Ziemlich traurig, aber immerhin von diesem Gefühl befreit, kurz vorm Platzen zu stehen, kehrte ich in die Unterwelt zurück... um nach einigen Monaten entsetzt dieselben Symptome wie zwei Jahre vorher an mir festzustellen. Noch bevor mir irgendetwas anzumerken war - als Magna-Regentin ist man ja schließlich so gut wie nie irgendwann nicht von irgendwelchen Dienern umringt, ich hätte es unmöglich verbergen können - bin ich also erneut auf die Erde geflohen. Das waren die längsten vier Monate meines Lebens, soviel kann ich dir sagen... Ich saß in einem Hotelzimmer, dessen Miete ich einen gewissen Takoto Kishima bezahlen ließ, für dessen Finanzen ein gewisser Kenji Menasoto zuständig war, dessen Ausgaben auf der Spesenrechnung eines Ushiro Picheta standen, der im Dienste eines jemenitischen Scheichs stand. Ich glaube, die versuchen bis heute, an das Geld ranzukommen..."
"Du zögerst alles hinaus. Was war denn nun?"
"Ich habe das Zimmer die ganze Zeit über eigentlich kaum verlassen. Ich war vollkommen allein. Die einzige Gesellschaft war das ungeborene Kind in mir, und als mir relativ schnell klar wurde, dass ich es nicht behalten konnte, sank meine Stimmung auf den absoluten Nullpunkt."
"Und weiter?"
"Als die Zeit fast um war, nahm ich meinen letzten Mut zusammen und rief den Vater des Kindes an - Wer das war, stand für mich außer Frage - und bat ihn schweren Herzens, auch dieses Kind aufzunehmen, damit es, wenn schon keine echte Mutter, wenigstens eine echte Schwester haben würde." Hild seufzte. "Es war ein Mädchen."
"Belldandy."
Hild nickte. "Im Grunde ist das die ganze Geschichte."
"Wirklich, Mutter?", fragte Urd skeptisch.
Hild schaute sie verwundert an. Urd hielt ihrem Blick stand, denn sie wusste, dass die Sache noch nicht zu Ende war. "Na gut, du hast gewonnen.", lächelte sie. "Es gibt noch etwas, das ich dir erklären könnte... Falls du es hören willst."
"Was ist es denn?"
"Nun, als ich zurück war, bemerkte ich die Tragweite meiner Entscheidung erst richtig. Ich hatte das Gleichgewicht zusätzlich durcheinander gebracht - zugunsten der Götter, denn ich hatte mich selbst durch diese zwei Schwangerschaften geschwächt. Ich hoffte inständig, dass das Patt noch groß genug war, den Allmächtigen von einem Angriff abzuhalten. Bis jetzt sieht es glücklicherweise auch ganz danach aus. Nun ja. Da war eben immer noch die Frage, was für eine Rolle ihr beide in der ganzen Sache spielen würdet. Du, Urd, hast ja dein Blut irgendwann nicht mehr unterdrücken können und wurdest zur Königin der Dunkelheit. In diesem Zustand ist dir ein empfindlicher Schlag gegen den Himmel gelungen..." Hild seufzte. "In diesem Augenblick hätte die Unterwelt wohl die Macht gehabt, die Erde zu verheeren und in einem Kampf gegen die Götter zu obsiegen... Der Rat war schon soweit, nur ich habe den Plan gerade noch aufgehalten!" Urd war Hilds Aussage über das Gleichgewicht der Kräfte aufgefallen,
aber Hilds Bericht lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder ab.
Sie hob beide Augenbrauen. "SO knapp war das? Dann ist dir die Welt mehr schuldig, als wir dachten!"
"Ich habe es getan, weil ich wusste, dass Belldandy und du dem Angriff zum Opfer gefallen wärt...", erklärte Hild. "Ob mit oder ohne Siegel, gegen die geballte Macht der Unterwelt könnt ihr keinen Blumentopf gewinnen."
"So weit, so gut...", murmelte Urd. "Aber wie erklärst du mir deine Intrigen gegen uns, kurz nachdem ich dich um Hilfe bitten musste?"
"Vergnügungssucht?", riet Hild. "Es war ja immer noch ein Geheimnis, dass ich Belldandys Mutter war... Daher habe ich alles getan, um den Eindruck zu erwecken, ich hätte was gegen euch. Und ein wenig Spaß musste sein. Keine Angst, ich wusste schon vorher, dass Belldandy euch raushauen würde. Ich glaube, sie kannte mich besser, als sie selbst damals gedacht hätte."
"Jaja, ganz interessant und so weiter... Aber weißt du, da gibt es noch etwas, was mir schon länger im Kopf herumspukt. Eigentlich bist du ja nicht die Person, die ich fragen sollte, aber vielleicht könntest du aushelfen?"
"Aushelfen?"
"Es geht um die Pläne, die der Allmächtige mit Belldandy hatte. Ich weiß immer noch nicht den Grund, warum er Belldandy zurück in den Himmel zwingen wollte."
Hild wurde ernst. "Da muss ich etwas weiter ausholen, fürchte ich. Wieviel weißt du eigentlich über den Vertrag von Dasli?"
Urd überlegte angestrengt. "Nun ja, der Vertrag wurde geschlossen, um den Frieden zischen Himmel und Unterwelt zu wahren."
"Richtig. Weiter?"
"Was, weiter?"
Hild sah Urd erstaunt an. "Du weißt es nicht? Hm, tja, der Allmächtige hat es Belldandy ja schließlich auch nicht gesagt, und das aus gutem Grund..."
"Was denn nun?", fragte Urd, langsam ungeduldig werdend.
"Der Vertrag von Dasli sollte nicht nur Frieden schaffen, sondern auch ein Gleichgewicht der Kräfte zwischen Himmel und Unterwelt."
"Ein Gleichgewicht der Kräfte? Man kann doch gar nicht kontrollieren, wie das Kräfteverhältnis beschaffen ist. Dazu gibt es zu viele ungewisse Faktoren." So war Hild mal wieder auf das Gleichgewicht der Kräfte zurückgekommen. Urd fühlte, dass ihre verbliebenen Fragen nun beantwortet werden würden.
"Irrtum.", sage Hild schlicht. "Es gibt ein Computersystem, das Yggdrasil und Niflheim, dem Computer der Dämonen, gemeinsam ist."
Urd starrte sie an. "Könntest du das wiederholen?"
"Du hast schon richtig gehört. Ein gewisser Teil von Yggdrasil ist mit einem gewissen Teil von Niflheim identisch."
"Du meinst, sie stehen in Kontakt miteinander?"
"Nein, nein, sie sind ein Teil."
"Jetzt verstehe ich gar nichts mehr.", hauchte Urd.
"Yggdrasil und Niflheim sind beide auf verschiedene Realitätsebenen verteilt, richtig? Und es gibt in einer dieser Ebenen ein einziges Teilsystem, das zu beiden gehört. Dieses System ist auch als die Fate-Engine' mehr oder weniger bekannt. Ich sage mehr oder weniger', weil nur ich und der Allmächtige von ihrer Existenz wissen. Wie sie funktioniert, wissen wir jedoch beide ebenfalls nicht."
"Fate-Engine?"
"Diese Maschine modifiziert das Schicksal genau so, dass es die gleiche Zahl von Göttern und Dämonen gibt. So herrscht ein ständiges Gleichgewicht der Kräfte, und das ist, was den Frieden aufrechterhält."
"Warte, warte, was ist mit den Blutsbanden?", fragte Urd erhitzt. Sie sah ihr altes Bild von der Beziehung zwischen Himmel und Unterwelt förmlich zu Staub zerfallen.
"Sagen wir, eine kleine Absicherung, da wir beide nicht sicher sein können, ob die Fate-Engine zweifelsfrei funktioniert. Aber es ist wirklich nur eine kleine Absicherung. Schließlich sind nur etwa drei Prozent der Götter und Dämonen durch Blutsbande verbunden."
"Willst du damit sagen, die Fate-Engine bestimmt, wie viel Götter und Dämonen in die Welt gesetzt werden beziehungsweise ihr Leben lassen?"
"Sagen wir, sie passt auf, dass am Ende alles zusammenpasst. Sie greift nicht ein. Du musst das so sehen, als dass es gar nicht anders hätte laufen können als so, wie es gelaufen ist. Das ist das Schicksal. Das ist die Fate-Engine."
"Gut, gut. Ich begreife es zwar immer noch nicht so richtig, aber zurück zum Thema: Was hat das mit uns zu tun, bzw. mit Belldandy?"
"Ganz einfach. Ihr beide fallt aus der großen Rechnung Götter minus Dämonen gleich null' raus. Ihr seid schließlich beides."
"Deswegen hat die Fate-Engine unsere Existenz zugelassen?"
"So kann man es sagen, ja." Hild nickte ernst. "Das Problem war nun, dass es ein Ungleichgewicht gab. Ihr gingt zwar nicht in die Rechnung der Fate-Engine ein, dafür aber in die Realität, und in der Realität gab es jetzt zwei Göttinnen mehr als Dämonen, und zwei mächtige dazu."
"Aber eine ganze Weile lang, ohne dass etwas passiert wäre!", rief Urd. "Warum so plötzlich?"
"Sobald er von eurer Existenz erfuhr, wusste der Allmächtige, dass ihr beiden die einzige Möglichkeit wart, der Unterwelt überlegen zu sein. Dass eure Macht in einem eventuellen Krieg den Ausschlag geben würde. Also entschied er sich, euch gut auszubilden, besonders Belldandy, da sie die talentiertere von euch beiden war, um dann irgendwann die Dämonen besiegen zu können."
"Du willst mir erzählen, dass er wirklich vorhatte, diese ganze Welt hier ins Chaos zu stürzen?", rief Urd aufgeregt.
Hild schien sie zu überhören.
"Ich hab' dich was gefragt!"
"Ich weiß auch nicht alles... Aber ich glaube, es hilft, wenn du dir folgendes klarmachst: So, wie die Sache gelaufen ist, ist doch alles in Ordnung, oder?"
"Wie meinen?"
"Das Gleichgewicht ist erhalten geblieben.", sagte Hild bedeutungsvoll. "Herrlicher Zufall, was?"
Urd sah sie mit Telleraugen an. "Die Fate-Engine? Willst du damit sagen, dass die Fate-Engine bewirkt hat, dass der Allmächtige wahnsinnig wurde, damit genau das passieren konnte, was passiert ist?"
"Naja... Ich möchte nur anmerken, dass euer Allmächtiger etwa zur gleichen Zeit Allmächtiger wurde, in der Belldandy geboren wurde. Das gibt einem zu denken, nicht wahr?"
"Jetzt wo du es erwähnst, man hat mir mal gesagt, dass der Allmächtige in seiner Jugend sehr radikale Ansichten bezüglich der Dämonen vertrat...", murmelte Urd. "Bereits seine Wahl muss von der Fate-Engine beeinflusst worden sein..."
"Naja, das stimmt nicht ganz... Die Fate-Engine arbeitet... nun, anders." Hild fuchtelte ratlos mit den Armen in der Luft herum. "Ich weiß auch nicht, wie sie funktioniert! Ihre Funktionsweise ist seit Jahrmillionen nicht mehr bekannt. Lass es mich so ausdrücken: Es war wirklich alles Zufall. Doch der Zufall selbst wird von der Fate-Engine gesteuert..."
"Das Schicksal ist also durch die Fate-Engine vorherbestimmt...?", flüsterte Urd fassungslos.
"So gesehen, ja, teilweise zumindest. Da wir jedoch nicht das Schicksal kennen, das uns vorherbestimmt ist, und es nie kennen werden, brauchst du dir keinen Kopf machen. Was du nicht weißt, bleibt ungewiss. Du kennst doch Schrödingers Katze, oder?"
Hinweis: Was ist Schrödingers Katze? Es handelt sich dabei um ein Gedankenexperiment des deutschen Physikers Erwin Schrödinger. (Richtig, das ist derselbe Schrödinger, nach dem Schrödingers Wal aus Band 18 benannt ist.) Dieses Gedankenexperiment verläuft folgendermaßen: Man braucht eine Kiste, eine Katze und eine Spritze voller Gift. Das Ganze ist ein bisschen tierquälerisch, aber es ist ja nur eine imaginäre Katze.
Trotzdem: Macht das nicht zu Hause nach!
Wir stecken die Katze in die Kiste und machen sie zu. Wichtig ist, dass wir nichts mehr von der Katze bemerken. Die Kiste muss so undurchsichtig, so schwer, so schalldicht sein, dass sich die Katze nicht bemerkbar machen kann.
Nun überlegen wir: Ist nun eine Katze in der Kiste? Die Antwort lautet: "Ja, weil wir gerade eine hineingetan haben." Aber wir prüfen es nicht nach.
Das ist wichtig: WIR PRÜFEN ES NICHT NACH. Drücken wir das Ganze in Zahlen aus: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Katze in der Kiste ist, beträgt 100 Prozent, da wir davon ausgehen können, dass kein fieser Dämon uns das Experiment mit einem Teleportzauber kaputt macht, denn Skuld steht vor der Tür und passt auf.
Nun fragen wir uns: Lebt die Katze? Nun, in der Kiste ist nichts, was der Katze etwas zuleide tun könnte, und die Luft reicht noch für eine Weile. Also müsste die Katze mit einer Wahrscheinlichkeit von 100 Prozent leben.
Nun kommen wir zu dem Teil, wegen dem ich gesagt habe, dass ihr das Experiment nicht mit eurer geliebten Hauskatze durchführen sollt. Wir nehmen die Giftspritze und pieksen in die Kiste. (Das Loch, das dabei entsteht, ist immer noch zu klein, um hindurchzusehen.) Nun lassen wir das tödliche Gift in die Kiste strömen. Das Gift wird sich verflüchtigen und auf die Katze wirken. Aber wir haben der armen Mieze eine Chance gelassen: Das Gift wirkt nur mit einer Wahrscheinlichkeit von, sagen wir, 60 Prozent.
Und nun die große Frage: Ist die Katze tot oder lebt sie noch?
Euer erster Gedanke wird sein, die Kiste zu öffnen und nachzusehen. TUT ES NICHT. Versucht, diese Frage selbst zu beantworten.
Ihr werdet sagen: "Wir wissen es nicht!"
Und ich sage: "Die Katze ist mit einer Wahrscheinlichkeit von 60% tot und mit einer Wahrscheinlichkeit von 40% lebendig. Mit anderen Worten: Die Katze ist zu 60% tot und zu 40% lebendig."
Nun wird jemand kommen und sagen: "Das geht doch nicht! Man kann doch nicht zu 60% tot sein! Entweder man ist tot oder man ist nicht tot, aber nicht beides!"
Natürlich ist die Katze eigentlich entweder lebendig oder tot, aber nur eigentlich. In der Kiste ist bereits eine der beiden Möglichkeiten eingetroffen. Doch das können wir wirklich nur nachprüfen, wenn wir die Kiste aufmachen. Solange wir das nicht tun, bleibt die Katze zu 60% tot und zu 40% lebendig.
Und mit der Fate-Engine ist es ganz ähnlich. Sie plant Dinge, die geschehen werden, im Voraus so, wie sie geschehen werden, sie "bestimmt das Schicksal", wie wir auch sagen könnten. Gleichzeitig tut sie das aber unter Verschluss aller Blicke. Es ist wie mit der Katze, die wir nicht sehen können. Das Ereignis bleibt für uns unvorhersehbar, wir können nur seine Wahrscheinlichkeit errechnen. Wir errechnen eine Wahrscheinlichkeit von 60%, dann können wir sagen, das Ereignis wird zu 60% eintreten. Wenn wir eine Wahrscheinlichkeit von 1% errechnen, wird das Ereignis zu einem Prozent eintreten. Wenn wir eine Wahrscheinlichkeit von fast Null errechnen, können wir sagen: "Das ist ja fast Null! Ist doch viel zu unwahrscheinlich, um wahr zu sein!" und annehmen, dass das Ereignis niemals eintreten wird.
Doch genau da liegt die Macht der Fate-Engine. Sie kann dieses unglaublich unwahrscheinliche Ereignis eintreten lassen. Man könnte mit dieser Maschine alles tun, was man wollte. Daher hat sie auch selbst dafür gesorgt, dass sie niemals in die Finger eines Menschen, einer Gottheit oder eines Dämons kommen kann. Wie sie das angestellt hat? Wenn ihr mir diese Frage immer noch stellt, habt ihr es immer noch nicht begriffen. Macht nichts. Es war schwer genug...
"Schrödingers Katze? Ach, jetzt beginne ich zu verstehen... Ach, so ist das also! Diese Fate-Engine ist erstaunlich... Naja... Darf ich eine andere Frage stellen?"
"Nur zu, aber dann ist langsam Schluss. Es dämmert bald."
"Warum war ich damals als Dämonin sofort darauf aus, allen anderen wehzutun, während Bellira uns in Ruhe ließ? Ich hatte mich zwar zurückgehalten, aber wirklich nur unbewusst, nicht so Bellira."
"Blöde Frage. Belldandy... Ich würde ihre dämonische Seite nicht Bellira nennen, das bedeutet schlicht und einfach Schöner Zorn'. Es war symbolisch. Natürlich war und hieß sie eigentlich auch Belldandy. Aber lassen wir das... Überleg mal. Wie war es, als du reine Göttin warst? Warst du da genauso wie immer?"
"Nein, ich denke nicht. Meine dämonische Seite hat immer einen gewissen, anscheinend schlechten Einfluss auf meinen Charakter, habe ich mir sagen lassen. Ach, du meinst..."
"Richtig. Selbst während ihre dämonische Seite die Oberhand hatte, war ihre göttliche Hälfte immer da und hatte einen Einfluss auf sie. Nebenbei bemerkt handeln beide Seiten von Belldandy nie so unüberlegt wie du, Urd. Im Gegensatz zu dir damals hatte sie außerdem den echten Körper und wurde deshalb nicht vor Schmerzen wahnsinnig.", erklärte Hild. "Die Dämonin wusste, dass sie ihren Schwestern nichts tun konnte, und außerdem, nehme ich an, waren ihr die Leute um sie herum relativ egal... Abgesehen von Keiichi natürlich..."
"Kei-i-chi? Hat das wieder mit seiner komischen Kraft zu tun?", fragte Urd.
"Nein, es ist etwas verhältnismäßig Stinknormales, meine Kleine. Nämlich... Ach, ich erzähl's dir nicht. Wann sollst du schon erwachsen werden, wenn ich dir alle deine dämlichen Fragen beantworte?"
"Du weißt es selbst nicht, gib's zu!"
"Ich bin mir ziemlich sicher, genau weiß ich's natürlich nicht. Überleg mal ganz genau, Urd. Du kommst sicher drauf, ich habe dir schon genug Hinweise gegeben." Hild gähnte. "Ich mache mich wieder auf den Weg in die Unterwelt... so bald sehen wir uns wohl nicht mehr wieder."
"Doch, ich denke schon. Sogar relativ bald.", grinste Urd.
"Hm?", fragte Hild überrascht.
"Ach, sag bloß, du willst deinen Enkel gar nicht kennen lernen?", fragte Urd mit gespielter Verwunderung.
Hild schlug sich vor die Stirn. "Zum Henker, bin ich dämlich! Natürlich! Aber vergiss nicht, mich zu benachrichtigen, wenn's soweit ist, versprochen?", rief sie Urd lachend zu.
"Versprochen, Mutter!", grinste Urd und winkte ihr hinterher, als sie durch ihr Portal in die Unterwelt verschwand. Es begann langsam heller zu werden.
Urd seufzte. "Okay, jetzt gehe ich besser mal wieder zurück. Hoffentlich ist mit Skuld alles in Ordnung... ihre Mutter dreht mir sonst eigenhändig den Hals um!" Während sie zurücklief, sinnierte sie: "Was die beiden Frischverheirateten wohl gerade machen?"
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