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Ein typischer Tag im Leben eines Alkoholikers auf Abstinenz

von Pseudomat
GeschichteHumor / P12 / Gen
08.04.2004
08.04.2004
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08.04.2004 1.050
 
typischer Tagesablauf eines Alkoholikers auf Abstinenz.  

7 Uhr morgens, der Wecker klingelt.
Ich habe gerade angefangen, mit dem Trinken aufzuhören. Ich fühle mich gut, ich bin stark. Ich brauche keinen Alkohol. Sage ich zu mir.
Beim Zähneputzen fällt mein Blick auf die Liste der Inhaltsbeschreibung des Zahnspülwassers. Es enthält Alkohol. Mein Blick fährt leicht darüber hinweg und meine Gedanken verschwenden keine weitere Sekunde daran. Ich spucke es nach dem Spülen vollständig aus. Ich gehe los zur Arbeit.
Ich warte auf den Bus. Die Werbetafeln der Marken "Bacardi, Königs Pilsener, Feigling" und "Johnny Walker" sind überall zu sehen. An der Wand, am Bus, an einer Tafel, auf der Rückseite vom Zeitungsstand und gegenüber am Getränkemarkt, der grade öffnet. Ich bin völlig ruhig und steige in den Bus.
Ich arbeite bei einem x-beliebigen Unternehmen. Natürlich ist heute die Betriebsfeier. War ja klar. Um 9 Uhr morgens kommt die Sekretärin mit dem Tablett Sekt, von dem sich jeder bedienen soll. Das ist so üblich. Ich danke höflich ab, ich gebe vor eine Magenverstimmung zu haben. Nach mehrmaligem Bitten der Sekretärin, nehme ich doch ein Glas Sekt vom Tablett, um nicht als Spielverderber zu gelten. Ich schütte den Inhalt unbemerkt in den Blumentopf mit der kleinen Zimmerpalme, die im Flur steht. Es fällt nicht auf.
Ein Arbeitskollege, der 2 Wochen im Urlaub war, kommt plötzlich in mein Büro und hat einen Geschenkkorb dabei. Er hatte meinen Geburtstag vergessen, sagte er, und wollte hiermit nachträglich die besten Glückwünsche von ihm und seiner Frau weiterleiten. Ich bedanke mich höflich bei ihm. Der Geschenkkorb enthält eine Flasche Grappa, 2 Flaschen Italienischen Rotwein und 10 Mini-Fläschchen Schnaps. Zusätzlich brachte er eine bereits geöffnete Flasche Sekt aus seinem Büro mit, um mit mir anzustoßen. Er hält mir ein Glas hin, doch ich winke ab. Er besteht darauf und ich nehme das Glas in meine Hand. Er füllt es bis oben hin mit Sekt. Wir stoßen an und ich nehme ein wenig Sekt in den Mund, lächle und warte, bis er das Büro verlassen hat und spucke den Sekt wieder ins Glas zurück. Ich leere das Glas im Blumentopf. Der Pflanze wird es schon nicht schaden.
Heute ist ein besonderer Tag, auf Grund der positiven Umsatzbilanz des Unternehmens kommt der Bürgermeister gegen Mittag zu Besuch und hält im Konferenzraum eine Rede. Nach der Rede wird wieder Sekt verteilt. Um nicht aufzufallen, nehme ich ein Glas in die Hand, das ich später wieder im Flur unbemerkt auf die Zimmerpalme ausleere.
Der Bürgermeister hat ein Buffet spendiert, mit zusätzlich 8 Kästen Bier, 6 Kartons Sekt und 4 Kartons Wein für alle. Während dem Essen kommt der Leiter unserer Abteilung an unseren Esstisch und stellt mir eine eben geöffnete Flasche Bier hin. "Ich sehe sie essen, aber sie trinken ja gar nichts!", lacht er. Er will anstoßen und ich sage ihm, danke, aber ich sei etwas erkältet und nehme Antibiotika. Er behauptet, er täte das ebenfalls und er hätte noch nie irgendwelche Nebenwirkungen in Verbindung mit Alkohol gespürt. Ich nehme das Bier in die Hand, stoße an, lege zum Trinken an ... und plötzlich fällt ein Becher mit Weißweinschorle um, den ich der Frau des Bürgermeisters, die neben mir saß, unauffällig mit der anderen Hand umgestoßen habe. Ich nutze den Tumult, um das Bier im Flur zu entsorgen, im Blumentopf mit der Palme.
Ich gehe wieder in mein Büro und verstecke mich hungrig und zitternd unter dem Schreibtisch. Mir geht es gut, ich habe kein Problem mit Alkohol. Ich hab nur Probleme ohne Alkohol.
Endlich ist es 17 Uhr. Feierabend. Die ausgelassene Stimmung im Haus ist verebbt, einige Alkoholleichen liegen auf der Treppe herum. Ich ziehe mich unauffällig an und gehe aus dem Büro. Mir fällt auf, das die Palme, die sonst grade nach oben steht, seitlich auf den Boden geneigt ist und alle Blätter verloren hat. Das arme Pflänzchen, denke ich mir.
Im Supermarkt mache ich Einkäufe für zuhause. Ich bemerke, dass die Gänge im Supermarkt so angeordnet sind, dass man 5mal durch die Abteilung der Spirituosen gehen muss, bevor man die Kasse erreicht. Ich wundere mich nicht länger und kaufe nur alkoholfreie Getränke.
Als mein Bus in meiner Straße hält, sehe ich einen Riesen Tumult vor meiner Wohnung. Ein Transporter mit 10.000 Bierflaschen ist von der Straße abgekommen und direkt in mein Haus gedonnert. Ein zweiter Transporter, ein Tanklastwagen, der Wein getankt hatte ist ebenfalls direkt in mein Haus gefahren und hat den Keller mit Wein überflutet. Ein Heißluftballon mit der Aufschrift: "Trink frisches Weißbier!" und einem großen Bild eines gefüllten Bierglases ist direkt über meinem Haus heruntergekommen und legte sich derart über das Haus, das ganze Haus nun wie ein gigantisches Bierglas aussah. Aus den Rohren meines Hauses, die bei dem Unfall geborsten und aus den Wänden gekommen sind, kamen in alle Richtungen Strahlen von Bier statt Wasser, da gerade heute ein Mechaniker vom Wasserwerk einen Fehler bei den Anschlüssen gemacht hatte. Und zu allem Überfluß war in der Bar nebenan "Happy Hour".
Doch plötzlich wachte ich auf. Es war nur ein Traum. Ich stand auf, blickte auf die Uhr. Es war 14 Uhr 30. Ach was soll's, dachte ich mir, und ging zum Kühlschrank und holte mir ein Bier.
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