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Wie Montignac unsere Welt veränderte

von TalynWB
GeschichteHumor / P12 / Gen
08.04.2004
08.04.2004
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Wie Montignac unsere Welt veränderte


By Talyn,The WarriorBard



Meine Freundin Julia ist ein ausgesprochen großzügiger Mensch. Genau genommen, habe ich noch niemals jemanden gekannt, der in so vielen Dingen so freigebig ist.
Das zieht natürlich auch Schmarotzer und Parasiten an und wenn Julia auch mit zunehmend einschlägiger werdenden Erfahrung auch wählerischer geworden ist, so gibt es da immer noch die eine oder andere "gute" Freundin, die sich in ihrem Dunstkreis mit der Hartnäckigkeit einer Virusinfektion festklammert.

Ein solches Virus war Sandra, die das Prinzip des Ganzheits-Ausnutzens zu ganz neuer Perfektion gebracht hatte.
Zum Zeitpunkt des nachstehend geschilderten Wochenendes ertrug Julia diesen Zustand mit einer Geduld, um die Ghandi sie beneidet hätte, bereits seit fünf Jahren.
Das lag zu einem großen Teil daran, dass Julia, bedingt durch ein ungeliebtes Studium, das sie dennoch etliche Jahre durchhielt und noch einiger anderer nach und nach hinzukommender persönlicher Probleme, immer weniger und weniger Freunde oder auch nur Bekannte hatte, bis zuletzt nur noch Menschen in ihr Leben traten, die ihre Lebensqualität weiter verringerten.
Wie sagt sie selbst so schön? Elend zieht Elend an und wenn auch Julia selbst ihre Kämpfernatur nie völlig verloren und inzwischen restlos wiedergefunden hat, so konnte man das von den Behelfssatelliten, die sie anzog nicht im mindesten behaupten.

Nun hat auch eine Julia, der es ziemlich schlecht geht noch immer einiges zu geben, materiell und in Form von Energie und Seelenbeistand und so war sie ein gefundenes Fressen für Sandra, die sich der geneigte Leser etwa so vorstellen muss:

Ein unförmiges, quallenähnliches Geschöpf ohne Hals, mit unvorteilhafter Langhaarfrisur und einem Blick, der zwischen gierigem Taxieren und wehleidigem Glotzen hin- und herwechselt.
Telefoniert man mit ihr, kann man froh sein, wenn man auch mal zu Wort kommt und wenn das geschieht, hat man sogar den Eindruck, dass Sandra zuhört, was allerdings nur eine Illusion ist.
Irgendjemand hat Sandra mal gesagt, sie könne sehr gut zuhören, was sie Julia auch stolz verkündete, aber wir vermuten stark, dass sie das Ende des Satzes: Sandra, du kannst sehr gut zuhören, aber nur wenn Bush und Saddam mit einem Walzer den Wieneropernball eröffnen, einfach überhört hat.
So ist Sandra: was ihr nicht passt, nimmt sie einfach nicht zur Kenntnis.

In den letzten Wochen sind mehrere Dinge geschehen, die Sandras Parasitenherz eigentlich hätten höher schlagen lassen müssen.
Julia kam endlich aus der jahrelangen Depression heraus, änderte ihr Leben völlig, fing ein neues, ihr wesentlich mehr liegendes Studium an und rundete das ganze mit einer Ernährungsumstellung ab, die es in sich hatte.
Kurz: Stimmung, Energiepegel und Lebensqualität rasten mit einer Geschwindigkeit die Messlatte des glücklichen Lebens hinauf, die Schumacher wie einen Trabifahrer aussehen ließ.

Mit Parasitenaugen gesehen hatte sich meine Freundin damit in ein reichhaltiges Büffet verwandelt, an dem man sich nach Belieben und so oft man wollte, bedienen und obendrein noch eine ganze Menge in der seelischen wie materiellen Tupperdose mit nach Hause nehmen konnte.
Der Haken bei der Sache war nur, dass Julia mit steigender Lebensfreude auch die Fähigkeit zur Erkenntnis zurückgewann und damit auch den Unwillen, sich weiterhin so schamlos ausnutzen zu lassen.

Und diese Erkenntnis breitete sich wie ein Leuchtfeuer im Bewusstsein meiner Freundin aus, als sie Sandra und mich für ein Wochenende zu sich nach Nürnberg einlud, um uns beiden die neue Ernährungsform, die ihr so viel brachte, nahe zubringen.

Vor allem Sandra, die auch nach jahrelangem angeblich strengen Pilgern zum WeightWatchers Tempel ihr reichliches Übergewicht nur teilweise hatte verringern können und nun schon seit mehr als einem Jahr stagnierte, hätte von der Ernährung nach Montignac profitieren können. Und nicht nur auf diese Weise, denn mit der Umstellung auf die Essgewohnheiten des cleveren Franzosen verschwinden auch etliche kleinere und größere körperliche Beschwerden, ganz zu schweigen davon, dass die allgemeine Stimmung sich um einiges bessert, weil man sich ganz einfach in seiner Haut wieder wohlfühlt.
Diese Erfahrung hatte Julia ebenfalls gemacht und wollte sie nun mit uns teilen.

Ich freute mich ganz besonders auf das Wochenende, zum einen, weil ich durchaus gespannt auf Sandra war, von der ich aus Julias Erzählungen wusste, dass sie ihre alten Fehler mittlerweile zu einem großen Teil abgelegt hätte und die ich bis dato nur von ein paar Telefonaten her kannte und zum anderen, weil Julia und ich uns nach einer kleinen Krise in den Sommermonaten endlich wieder so richtig gut verstanden.

Dem Wochenende unmittelbar vorausgegangen war ein Dreier-Telefonat zwischen Sandra, Julia und mir, in dessen Verlauf auch geregelt wurde, dass ich mit Sandra in Julias Bett schlafen würde. Dem folgten dann einige erotische Plänkeleien, die meine Vorfreude noch steigerten, da ich zu diesem Zeitpunkt, wie bereits erwähnt, Sandras noch nicht ansichtig geworden war.
Nicht, dass ich mich zu heißen Orgien im Bett meiner Freundin hätte hinreißen lassen, aber man unterhält sich doch noch mal so gerne mit einer Frau, wenn sie auch dem Auge einen ästhetischen Genuss bietet und ein leichtes Prickeln allgegenwärtig ist. Zumindest mir geht es so.

Als ich am Freitag morgen frohgemut in den Zug stieg, war ich so gelöst und friedlich, wie schon lange nicht mehr. Mein Besuch in Nürnberg lief dann auch sehr gut an; da es uns beiden wieder so gut ging, waren auch sämtliche Spannungen der letzten Wochen zwischen Julia und mir verschwunden und wir verbrachten einen schönen Nachmittag zwischen Kino und Gesprächen.

Danach fuhren wir einkaufen und während ich zusah, wie Julia Obst, Gemüse, Hühnchenfleisch und noch etliches andere in den Wagen häufte, fragte ich mich unwillkürlich, ob sie vielleicht noch ein Rudel vegetarischer Wölfe bei sich zu Hause beherbergte. Aber ich vertraute darauf, dass Julia schon wusste, was sie tat.
An der Kasse trug meine liebe Freundin mir auf, Sandra übers Handy anzurufen und ihr zu verkünden, dass wir in einer halben Stunde bei ihr einflögen und sie mit gepacktem Wochenendköfferchen an der Eingangstür stehen sollte.
Ich tat, wie mir geheißen.
Erwartungsgemäß, zumindest für Julia,  war Sandra, die schon seit Tagen wusste, dass im Laufe dieses Nachmittags ihr persönliches Taxi kommen würde, gerade erst aufgestanden.
"Kenne ich schon," winkte Julia ab. "Das ist typisch Sandra. Deshalb solltest du ja anrufen."

Da wir noch durch die ganze Innenstadt mussten, wurde es doch etwas mehr als eine halbe Stunde, bis wir vor Sandras Haustür standen.
Aber wenn ich jetzt geglaubt hatte, dass das vorübergehende Objekt meiner erotischen Phantasien gestiefelt und gespornt auf uns wartete, wurde ich herb enttäuscht.
Julia zündete sich erst mal mit der Gelassenheit des Buddha eine Kippe an, nahm dann gemütlich ihr Handy aus der Tasche, tippte Sandras Nummer ein und trat ihr freundlich aber bestimmt in den trägen Hintern.
Es dauerte dann auch nur noch zwanzig Minuten bis sich die Tür öffnete und meine erotischen Phantasien zerstoben wie eine zehntausend Jahre alte Mumie, die irgendjemand aus Versehen fallengelassen hat.

Geschockt von dem Anblick einer Presswurst im Sommerkleidchen, brachte ich erst mal außer "Hallo," nicht viel geistreiches heraus.
Sandra konzentrierte sich zum Glück aber erst mal voll auf Julia, die sie, nachdem sie vorne im Auto Platz genommen hatte - "Mir wird ja so schnell schlecht, wenn ich hinten sitze!" - ohne Punkt und Komma mit irgendeinem uninteressanten Blödsinn zuzutexten begann, während Julia alle Hände voll zu tun hatte, sich auf den Verkehr zu konzentrieren und gleichzeitig Sandra die von ihr erheischte Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen. Denn Sandra vertritt die Auffassung, dass man sie beim Reden anzuschauen hat und der Straßenverkehr dabei eine eher untergeordnete Rolle spielt.

Während ich hinten saß und das an mir vorbeiplätschern ließ, was Sandra für eine interessante Unterhaltung hielt, betrachtete ich das Profil meiner wochenendlichen Bettgenossin und erwog kurz den Gedanken, aus dem Auto zu springen und den Rückzug zum Bahnhof anzutreten.
Doch zum einen hätte ich das Julia niemals angetan und zum anderen wäre das ohnehin nicht gegangen, weil das Auto nur über zwei Türen verfügt.
Begleitet von Sandras fröhlichem Geplauder, das während der ganzen Fahrt, inklusive Parken in der Garage nicht verstummte, erreichten wir Julias Domizil.

Sandra schwieg erst, als wir die Wohnung betraten. Nach der obligatorischen Katzenbegrüßung - Julia hat drei süße Kätzchen, die auf die klangvollen Namen Shari, Polgara und Silk hören und mir jedesmal die Trennung von meinen eigenen Katzen sehr erleichtern - ließ sich Sandra erst mal auf eines der beiden Sofas im Wohnzimmer fallen und blickte seelenvoll vor sich hin. Ich hatte mittlerweile beschlossen, das Beste aus der Situation zu machen, was mir nicht sonderlich schwer fiel, da es ja immer noch Julia gab.
Da ich wusste, dass Sandra sehr stark an Esoterik interessiert war und sie mir auch gerade durch die Vermittlung eines Buches indirekt geholfen hatte, mit ein paar Problemen klar zu kommen, hatte ich geglaubt, mit dem Objekt meiner Nicht-Begierde zumindest das eine oder andere Gespräch in dieser Richtung führen zu können.
Doch schon die ersten Sätze belehrten mich eines Besseren - diese Frau laberte zwar viel, war aber von nur wenig Sachkenntnis und Einsicht getrübt. Mehr als oberflächliches Wortgeplätscher war da nicht zu erwarten und die Kritiklosigkeit, mit der Sandra alles, was irgendwie mit dem zu tun hatte, was sie als "Spiritualität" bezeichnete, übernahm, ging mir ziemlich schnell gewaltig auf den Zeiger.

Zum Glück erschien Julia rasch wieder, Sandra wandte ihr sofort ihre Aufmerksamkeit zu und fragte mit großen, weit aufgerissenen Kinderaugen: "Darf ich mal ins Bad?"
Sandra kennt Julia seit fünf Jahre, man sollte nicht glauben, dass sie noch um Erlaubnis fragen muss, das Bad zu benutzen. Dementsprechend war auch der Blick, den Julia ihr zuwarf, doch sie schluckte das "Nein, geh' dafür gefälligst nach Hause" tapfer hinunter und nickte nur.
Sandra stand auf, ging in Richtung Bad, blieb kurz auf dem Flur stehen, um noch irgendeinen Blödsinn an Julia loszuwerden und ich hatte Muße, die beiden nebeneinander zu betrachten.
Der Unterschied war so gigantisch, dass es mich geradezu faszinierte.
Auch Julia hat ein paar Pfund zuviel, was sie weiß und woran sie gerade arbeitet, aber neben der unförmigen Sandra, wirkte sie so leicht wie die Luft, die ihr Element ist.
Sandra ist das Musterbeispiel eines Bauerntrampels, grobschlächtig und unvorteilhaft in Kleidung und Benehmen. Ihr Element ist die Erde, was sich in ihrer ganzen Erscheinung zum Ausdruck bringt, leider nur auf negative Weise.
Wäre es mir nicht schon vorher klar gewesen, spätestens jetzt hätte ich gewusst, weshalb Julia auch mit Übergewicht noch immer eine attraktive Frau ist.

Sandra verschwand im Bad und erschien erst eine halbe Stunde später wieder auf der Bildfläche, ein Chaos hinterlassend aber immerhin sauber.

Ich bekam dann auch gleich Gelegenheit eine von Sandras hervorstechendsten Eigenschaften kennenzulernen, die sie vorzugsweise einsetzt, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken: Wehleidiges Gejammere.

Mit einer Miene, die das Leiden Christi als lockere SM-Parodie erscheinen ließ, verkündete sie uns, dass es ihr ja noch immer nicht so richtig gut gehe, nachdem sie ein paar Tage mit einer Magen-Darm-Geschichte krank geschrieben gewesen sei. Zum Glück verzichtete sie auf nähere Einzelheiten.
Ach ja, und Kopfschmerzen hätte sie auch.
Julia knurrte etwas Unverständliches und verschwand in der Küche, sie war an diesbezügliches Theater gewöhnt. Ich erkundigte mich kurz, ob Sandra vielleicht ein Aspirin wolle, was sie verneinte, da sie Aspirin nicht vertrage und damit war für mich das Thema erledigt. Schließlich wäre Sandra ja nicht hier, wenn es ihr wirklich schlecht ginge, dachte ich in meinem jugendlichen Leichtsinn, obwohl ich die ersten Anzeichen des Gemeinen Wehleiders, auch: hypochondris vulgaris genannt, bereits erkannt hatte.
Nichtachtung ist hier das beste, also ging ich zu Julia in die Küche.

Sandras leidvolle Stimme sollte uns noch über das ganze Wochenende begleiten wie eine Schmeißfliege eine Herde Araberhengste, aber vorläufig brachten wir sie zum Verstummen, indem wir die ersten Folgen der sechsten Staffel der Fantasy-Serie "Xena, die Kriegerprinzessin" in den DVD-Player warfen. Es gelang uns tatsächlich, Sandra von ihrer Agonie abzulenken und es wurde sogar zeitweise ganz lustig.

Julia hatte für das Wochenende einen Speiseplan erstellt, streng nach der Montignac-Methode, die ich jetzt aber nicht näher erläutern möchte. Wer gerne mehr darüber wissen möchte, kann gerne eine E-Mail an die Autorin senden. Auf jeden Fall beinhaltete der Speiseplan gutes, reichliches, gesundes und leckeres Essen, was Julia auch gleich am ersten Abend unter Beweis stellte. Als Vorspeise gab es Champignonsalat aus frischen Champignons mit einer überaus leckeren Vinaigrette, den Hauptgang bildeten Vollkornbandnudeln mit Tomatensoße.
Julia isst gerne scharf und so war auch die Soße nicht nur ausgezeichnet gewürzt sondern auch recht feurig, aber dennoch ohne Probleme essbar.
Sandra konnte jedoch nicht umhin, das erste Gemeckere anzubringen, indem sie konsterniert feststellte, die Soße sei aber sehr scharf und ob sie Cayenne-Pfeffer enthalte.
Julia bestätigte das, aber nur eine Messerspitze.
Sandra stürzte sich auf dieses Geständnis als habe sie gerade den Serienmörder Ted Bundy persönlich überführt und erklärte mit dem beleidigten Stolz des nichtbeachteten Kranken, sie vertrüge keinen Cayennepfeffer. Absolut und gar nicht.
Diese Eröffnung wäre wesentlich glaubwürdiger gewesen, wenn sie dabei nicht weiterhin Nudeln mit Soße in sich hineingestopft hätte, als wären es die letzten Teigwaren ihres Lebens.
Julia, die im Gegensatz zu mir, die ich direkt neben Sandra saß, das zweifelhafte Vergnügen hatte, das Gesicht der eingebildeten Kranken zu sehen, blieb noch immer eher gelassen.
Sollte jemals wieder jemand behaupten, Julia habe keine Geduld, so sei ihm die Lektüre dieser Geschichte anempfohlen.

Sandra leerte ihren Teller in bemerkenswerter Geschwindigkeit und verlangte dann nach einer zweiten Portion, was Julia und mich nun doch veranlasste einen bedeutungsvollen Blick zu tauschen.
"Vielleicht etwas weniger scharf," setzte Sandra noch hinzu, als sei Julia in der Lage, den Cayennepfeffer Körnchen für Körnchen wieder herauszufiltern.
Verdünnt mit etwas Milch ging es dann und Sandra vertilgte genüsslich einen Nachschlag, der größer war, als Julias und meine Portion zusammen.

Nach dem Fressen zog sich das Ungeheuer dann gesättigt aufs Klo zurück, während Julia ergeben den Tisch abräumte und bemerkte, Sandra wäre ja immerhin so nett gewesen, sie zuerst zu Ende essen zu lassen, bevor sie ihren Nachschlag serviert bekam. Es stahl sich allerdings schon ein gewisser Zynismus in Julias Tonfall, was den weiteren Verlauf des Wochenendes schon deutlich anklingen ließ, sofern sich Sandra nicht ein wenig zusammenreißen würde.
Sandra dachte jedoch gar nicht daran, setzte ihre diesbezüglichen Aktivitäten aber erst am nächsten Morgen fort.

In der Nacht wachte ich mit Atembeklemmungen auf, denn Sandra bestand darauf, bei geschlossener Tür - damit die Katzen nicht reinkamen - und lediglich auf Kippe stehendem Fenster zu schlafen.
Für einen Augenblick der Verwirrung glaubte ich, in einem Pferdestall zu liegen, bis ich begriff, das der fette Arsch und das Schnauben, Schnaufen und Schnarchen von dem Walross kam, dass nur mit BH und Slip bekleidet, neben mir lag.
So tief bist du also gesunken, Talyn, dachte ich bei mir und sehnte mich geradezu nach der tröstlichen Gegenwart eines pelzigen kleinen Kätzchens. Ich überlegte, ob ich so lange den Atem anhalten sollte, bis ich in eine gnädige Ohnmacht fiel, stand aber statt dessen auf, bekämpfte meine inzwischen massiv einsetzenden Kopfschmerzen mit einem Aspirin und schlief zum Glück bald wieder ein.

Am nächsten Morgen erwachte ich zeitig, schlich mich aus dem Schlafzimmer, duschte und machte dann Kaffee. Julia, die im Wohnzimmer schlief, wurde munter, kaum dass ich mich auf dem Sofa niedergelassen hatte und es entspann sich rasch eine schöne Unterhaltung, wie sie vor Montignac mit seiner selbst die Morgenstimmung verbessernden Ernährung, nicht so ohne weiteres möglich gewesen wäre.
Unsere gute Laune erhielt einen kleinen Dämpfer, als schließlich Sandra ihre zerknautschten Gesichtszüge ins Wohnzimmer streckte, den übrigen Körper gnädigerweise mit der am Abend zuvor achtlos abgeworfenen Kleidung verhüllt. Ich atmete auf, denn mir hatte schon gereicht, was mich das Licht des Vollmonds hatte erahnen lassen.

Sandra verschwand schweren Schrittes im Bad und Julia meinte, der Guten sei erst eingefallen, dass sie ein T-Shirt zum Schlafen bräuchte, als ich bereits ins Bett gegangen war. Und da mich Julia nicht mehr hatte wecken wollen, musste Sandra eben nur in der Unterwäsche schlafen. Ich erzählte meiner Freundin von dem Horror der letzten Nacht und sie meinte, ihr wäre es eigentlich auch lieber, wenn Sandra, die ohnehin im Laufe des Vormittags nach ihrem daheim zurückgebliebenen Hasen sehen wollte, gleich dort bliebe.

Zum Frühstück entschieden Julia und ich uns für Spiegeleier mit Salami, die wir unter den gierig-neidischen Blicken von Sandra, die sich leider zu früh für Müsli mit roten Beeren entschieden hatte, mit Genuss verzehrten. Ich schaffte nicht alles, worauf sich Sandra am liebsten auf die Reste gestürzt hätte, wenn Julia ihr nicht erklärt hätte, dass sie bis zum nächsten Essen mindestens drei Stunden warten müsse.

Xena rettete den Vormittag, ganz wie es sich für eine gestandene Kriegerprinzessin gehört. Im Anschluss daran fuhr Sandra nach Hause und zwar mit öffentlichen Verkehrsmitteln, nachdem Julia Sandras selbstverständliche Annahme, sie würde mit dem Auto gebracht, ebenso selbstverständlich zurückgewiesen hatte.

Wir verbrachten zwei angenehme Stunden, bis Sandra zurückkehrte, umgezogen zwar, aber noch immer nicht anziehender als ein Kuhfladen im Hochsommer, es sei denn für Fliegen.
Sie schlich zu Julia in die Küche und sagte mit einer Stimme, die sie wohl für jungmädchenhaft-schüchtern hielt, sie bekäme jetzt doch so langsam Hunger.
Julia zeigte ihr ein breites Lächeln und erwiderte in einem Ton, der den Sandras wunderbar karikierte: "Na, dann sieh' mal zu, dass du etwas schneller Hunger kriegst, dann fange ich mit dem Kochen an!"
Ich musste mich abwenden und ans Fenster stellen, um den Lachanfall wenigstens notdürftig zu verbergen.
Das gelang mir zwar nicht wirklich, doch Sandra war viel zu sehr damit beschäftigt den Weihnachtskarpfen zu geben, als sie mit offenem Mund Julia anstarrte, während ihr bisschen Verstand fieberhaft zu ergründen versuchte, ob sie soeben verarscht worden war.
Julia dachte gar nicht daran, ihr bei der Wahrheitsfindung zu helfen und ich war viel zu sehr mit Lachen beschäftigt.
Sandra gab es schließlich auf und verschwand im Wohnzimmer.

Eine halbe Stunde später servierte Julia das Mittagessen, das wirklich reichlich war. Es gab einen großen Teller Tomatenscheiben, wahlweise mit Geflügelfleischwurst oder Mozzarella, dazu die bereits bewährte Vinaigrette.
Sandra hatte sich für Mozzarella entschieden, drei reichlich gut geformte Exemplare des wohlschmeckenden Gummikäses räkelten sich appetitlich in einem Kranz von Tomatenscheiben. Auf meinem Teller, der von Sandra neidisch beäugt wurde, befand sich hingegen ein kleiner Berg Fleischwurststückchen.
Wieder einmal schien Sandra ihre Wahl zu bereuen, sagte aber zunächst nichts.
In weiser Voraussicht hatte Julia Sandras Portion schon um einiges größer ausfallen lassen, als unsere, doch es half nichts.
Nachdem Sandra ihren Teller geleert hatte, tat sie sich noch an den Überresten meiner Fleischwurst gütlich und wandte sich dann um eine zweite Portion an Julia.
Julia starrte Sandra so entgeistert an, als habe sie sich vor unseren Augen in eine siebenköpfige Raupe verwandelt.
"Kann ich noch zu Ende essen?" brachte sie tonlos ob dieser so schonungslos zur Schau gestellten Gefräßigkeit hervor.
Sandra nickte gnädig, schließlich ist sie ja kein Unmensch.

Ich half Julia die Teller in die Küche zu bringen, abgesehen davon hatte ich das Gefühl, dass meine Freundin dringend was loswerden wollte.
Und so war es denn auch. Während Julia die Tomaten schnitt, als wäre jede einzelne von ihnen Sandras Kehle, ließ sie sich zornig über zügellose Schmarotzer im Allgemeinen und Sandra im besonderen aus. Selbst der Dümmste hätte gemerkt, dass Julia es satt hatte, sich ausnutzen zu lassen und Sandra bewegte sich gerade auf gefährlichem Pflaster, was sie natürlich aufgrund chronischer Dickfelligkeit nicht bemerkte.

Der zweite Teller fiel sogar noch ein bisschen größer aus, als der erste, aber Sandra leerte ihn bis auf den letzten Tomatenkern, gerade dass sie sich noch beherrschen konnte, nicht auch noch die restliche Soße nach Katzenart aufzuschlabbern, nur ohne die den Katzen eigene Anmut.

Julia hatte sich inzwischen an den PC gesetzt und trug die neuesten Gewichtszahlen in die von ihr erstellte Tabelle ein. Sie war zu Recht Stolz auf das Erreichte, immerhin hatte sie zu diesem Zeitpunkt mit der neuen Ernährung schon mehr als vier Kilo abgenommen.
Ich kam hinzu und ließ mir das Ergebnis zeigen.
Währenddessen erreichte unsere Ohren zufriedenes Grunzen - Sandra war endlich gesättigt.

Julia beschloss, einen weiteren Versuch zu starten, Sandra die Grundlagen der neuen Ernährung etwas nachhaltiger zu erklären und in ihr die Einsicht zu wecken, dass sie auf diese Weise nicht nur Gewicht verlieren, sondern auch eine ganze Reihe Wehwehchen loswerden konnte, die Sandra bis dato plagten. Was Julia dabei gänzlich außer Acht ließ, war die Tatsache, dass Sandra zu den Menschen gehört, die gerne leiden, weil sie auf diese Weise Aufmerksamkeit erregen können. Dass es sich bei dieser Aufmerksamkeit lediglich um mehr oder weniger höfliches Mitleid handelte, schien ihr egal zu sein oder sie registrierte es einfach nicht.

Während ich mich wieder ins Wohnzimmer setzte und in einer kleine Broschüre über Ludwig II von Bayern las, konnte ich das Gespräch zwischen Julia und Sandra mitverfolgen, denn das Arbeitszimmer, in dem der PC steht, grenzt unmittelbar an das Wohnzimmer.
Julia bemühte sich wirklich um Sandras Verstehen. Die ihr eigene Begeisterung, die mich persönlich immer wieder mitreißt, war deutlich herauszuhören.
"Du hast doch in den letzten Jahren schon so viel erreicht, Sandra," drang es an mein Ohr. "und das weiß ich ja auch zu würdigen und da kannst du....."
... stolz drauf sein, wollte sie eigentlich sagen, doch es war meiner Freundin nicht vergönnt, den Satz zu beenden.
Ein langgezogenes Schniefen und leises Gewimmer wiesen untrüglich darauf hin, dass Sandra soeben in Tränen ausgebrochen war.
Julia und ich wechselten einen konsternierten Blick.
Was war geschehen?
Hatte Julia ohne es zu wissen, geschweige denn zu wollen, einen wunden Punkt auf dem empfindlichen Seelchen getroffen?

Auf Nachfragen kam erst mal Geschniefe und Gekrächze wie von einem kaputten Anrufbeantworter, bis Sandra schließlich damit herauskam, es sei ja so demütigend, wie Julia sie behandelte, so herablassend der Ton indem sie mit ihr spräche, dass Sandra sich geradezu klein und elend vorkäme.

Ich traute meinen Ohren nicht.
Herablassender Ton? Dass ich nicht lache!!
Julia und ich telefonieren seit mehr als einem Jahr fast täglich, ich kenne die Nuancen in ihrer Stimme sehr, sehr gut und der Ton, in dem sie mit Sandra gesprochen hatte, war von Herablassung soweit entfernt wie das wehleidige Walross von einem realistischen Weltbild.

Julia war der gleichen Ansicht und abgesehen davon riss ihr in diesem Augenblick auch der Geduldsfaden, an dem Sandra schon seit fünf Jahren mit penetranter Hartnäckigkeit scheuerte.
Julia stellte sich in aller Deutlichkeit die Frage, ob sie es wirklich nötig hatte, sich von Sandra weiterhin so behandeln zu lassen.
Was hatte Sandra materiell nicht schon alles von ihr bekommen, kaum dass sich die Nur-zu-Gern-Nehmende ein gelegentliches "Danke" abrang. Wie oft hatte sie schon als seelischer Mülleimer und Energielieferant gedient, wenn sich Sandra wieder mal an einen der in ihrem Leben sehr beliebten Looser-Typen gehängt hatte, die sie anzog, wie vergammeltes Aas die Hyänen?

Und jetzt, wo sie versuchte, Sandra etwas zu vermitteln, das ihr auf Dauer und wirklich helfen konnte, wurde sie der Herablassung bezichtigt, weil sich Sandra mit ihrem Problem nicht auseinandersetzen wollte.
Sisyphus muss sich so gefühlt haben, als ihm klar wurde, dass der Felsbrocken immer wieder zu Tal rollte, so oft er ihn auch den Berg hinan schob.

Nachdem meine Freundin entschieden hatte, dass sie eine solche Behandlung nicht nötig hatte und sich auch nicht länger bieten lassen würde, schiss sie Sandra nach allen Regeln der Kunst zusammen und gab ihr damit netterweise einen Grund für ihr vorher absolut sinnloses Geflenne.

"Ich schmeiß' dich nicht raus, Sandra, du kannst bleiben!" erklärte Julia am Ende der Strafpredigt, während sie aufstand und ihre Jacke anzog, um im nahegelegenen EDEKA die arg ramponierten Vorräte aufzufüllen. "Aber ich muss jetzt einfach hier raus, um mich etwas zu beruhigen."

Sprach's und verschwand durch die Haustüre, die geräuschvoll ins Schloss fiel.

Ich hatte der Versuchung widerstanden, ihr nachzurufen, sie solle die Würstchen für Willi nicht vergessen, was sich im Nachhinein als kluge Entscheidung erwies, da Julia ansonsten ihre Maske des Zorns nicht mehr hätte aufrecht erhalten können.

Sandra stand da wie ein großer Haufen Elend und sah mich aus tränenverschleierten Augen wie ein waidwundes Mammut an.
Nichts wäre mir jetzt lieber gewesen, als dass Sandra tatsächlich, wie angedroht, ihre Sachen gepackt und nach Hause gegangen wäre, aber ich widerstand der Versuchung, ihr ein Taxi zu rufen und ihr zu raten, sich einmal gründlich im eigenen Bett auszuschlafen.

Stattdessen machte ich ihr noch mal klar, wie saublöd sie sich gerade verhalten habe. Unter nervtötendem Schluchzen erklärte sie, sie wäre in der letzten Zeit ohnehin etwas überempfindlich und reagiere unverhältnismäßig auf Kleinigkeiten. Auf meine Nachfrage, wann das angefangen habe, erklärte sie, dass es zeitgleich mit dem Erscheinen des neuesten Verlierers in ihrem Leben geschehen sei, worauf ich ihr nur riet, das mal zu überdenken und alles weitere in ihre inkompetenten, schwitzigen Hände legte.

Inzwischen kehrte Julia wurstbeladen zurück, warf der auf dem Sofa sitzenden Sandra einen Blick zu, als habe die Katze auf den Schonbezug geschissen und ging ohne ein Wort ins Arbeitszimmer.  

Sandra erhob sich unsicher, ging ihr nach und entschuldigte sich mit leiser Stimme, was aber nicht über die Tatsache hinwegtäuschte, dass Sandra mit dem Theater wieder einmal dem eigentlich Problem ausgewichen war.
Nichtsdestotrotz nahm Julia die Entschuldigung an und behandelte Sandra im Folgenden so freundlich, dass ich nicht umhin kam, meine Freundin rückhaltlos zu bewundern. Bei mir wäre Sandra schon längst rausgeflogen, wehleidige Jammerlappen sind mir ein Greuel.
Julia hingegen ging es nicht um Sandra, sondern darum die Stimmung nicht völlig auf den Tiefpunkt sinken zu lassen und das vor allem meinetwegen.

Wir schauten weiter Xena und während Sandra mit Leichenbittermiene da saß und auf mitleidsvolles Nachfragen hoffte, vergnügten Julia und ich uns mit dummen Sprüchen aus dem gerade am Vortag genossenen Film "Fluch der Karibik" und hatten einen Heidenspaß. Da Sandra zur Unterhaltung nichts Geistreiches beizutragen wusste, verdrängten wir sie völlig aus unserem Wahrnehmungskreis, bis sie sich schließlich nachdrücklich erkundigte, ob jetzt schon genug Zeit verstrichen sei, um wieder etwas zu essen.
ESSEN!!???
Hatte diese Hydra nicht gerade erst ein mehr als reichliches Mittagessen förmlich inhaliert? Wie konnte sie jetzt wieder Hunger haben?!
Nur aus Neugier, was Sandra tun würde, nickte Julia.
Postwendend stand die Darbende auf und holte sich zwei Orangen, die sie geräuschvoll verzehrte.

Julia und ich konzentrierten uns weiter auf Xena, Gabrielle und unsere ureigenen Art von Humor.

Nach dem Vitaminschock wurde Sandra gesprächiger und erläuterte uns ihre Vorstellung von Romantik, in der ein in den Krieg ziehender und dort fallender Geliebter und das Anziehen eines ausladenden Barockkleides tragende Rollen spielten.
"Das ist nicht romantisch, das ist dämlich," kommentierte Julia kurz das erstere und setzte mit einem Blick von oben bis unten auf Sandra noch hinzu: "Und mit so einem Kleid sähst du aus wie eine Puderquaste!"
Sandras kläglicher Versuch, sich zu verteidigen, ist mir nicht erinnerlich geblieben, wohl aber ihr Gestöhne, unmittelbar nachdem sich Julia in die Küche begeben hatte, um das Abendessen zuzubereiten.
Bereits vorher hatte Sandra versucht, unsere Aufmerksamkeit zu erregen, indem sie erklärte, sie habe vom Weinen Kopfschmerzen bekommen und ob Julia vielleicht japanische Heiltropfen oder so was hätte.
Julia hatte sich Zeit gelassen, aber schließlich ein kleines Tiegelchen mit Tigerbalsam hervorgezaubert, ein höllisch scharfes Zeug, das manchmal bei Erkältungen und leichten Kopfschmerzen half, wenn man sich ein wenig davon auf die Schläfen und unter die Nase schmierte. Betonung liegt hier auf dem Wort wenig.

Kaum war Julia verschwunden, griff Sandra so herzhaft in den Tiegel, als müsse sie den Körper eines Sumo-Ringers einölen und klatschte sich das Zeug auf die Schläfen.
Ich hielt den Atem an - und richtig!
Besonders wohl schien sich Sandra mit dieser Rosskur nicht zu fühlen, sie hütete sich jedoch nach einem Blick auf mein Gesicht vor weiterem Gestöhne.

Wir guckten schweigend weiter Xena, bis Julia die Tomatensuppe servierte, lecker gewürzt mit Curry, aber wohl nicht ganz Sandras Geschmack, denn sie schaufelte die Suppe mit so angewidertem Gesicht in sich hinein, dass man unwillkürlich an den Spruch erinnert wurde: Lieber sich den Magen verrenken, als dem Wirt was schenken.

Zum Glück für Sandra, konnte ich ihr Gesicht nicht sehen, erfuhr erst im Nachhinein von Julia davon. Das ersparte dem mäkeligen Parasiten eine Abreibung, die sich gewaschen hätte.

Zum Hauptgang gab es Hähnchenbrust mit gemischter Gemüsepfanne. Eingedenk der mittäglichen Sandra'schen Fressorgie hatte Julia extra die dreifache Portion Gemüse aus dem Gefrierfach genommen und zubereitet.
Sandra aß drei Bissen und erklärte dann mit näselnder Stimme zu Julia gewandt:
"Du, sei mir nicht böse, aber mir geht's grad nicht so gut. Ich esse, glaube ich, nicht weiter."
Und um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, stand sie auf und verschwand im Bad.

Julia starrte ihr nach, nicht einmal ihr fiel darauf so spontan etwas ein.
"Die frisst nicht!!" stellte sie schließlich fest. "Ich fasse es nicht! WARUM FRISST DIE NICHT?!"

Sandra erklärte bei ihrer Rückkehr vom Orkus huldvoll, sie könne den Rest ja morgen in einer Tupperdose fürs Abendessen mitnehmen. Julia war das inzwischen vollkommen egal, meinetwegen hätte Sandra damit auch zu Hause ihre Wände tapezieren können.

"Ach ja, und könnte ich noch ein Aspirin haben?!" setzte Sandra der Situation noch die Krone auf, was Julia nun doch zu der verständnislos vorgebrachten Bemerkung veranlasste: "Ich dachte, die verträgst du nicht?"
Sandra zuckte die Achseln murmelte irgendetwas, das ohnehin keinen interessierte.
Julia knallte ihr das Glas mit dem Aspirin hin, das sich im Wasser ebenso schnell auflöste, wie Julias restliche Sympathie für Sandra.

Der Rest des Abends verlief dennoch in guter Stimmung, denn Julia und ich ignorierten Sandra weitestgehend und überließen uns unserem persönlichen Vergnügen.

Die Nacht verbrachte ich um einiges ruhiger, stand wieder am frühen Morgen auf und begann den neuen Tag sehr angenehm mit einem Kaffee und einem guten Gespräch mit meiner Freundin.

Zuvor war Sandra kurz durch die Wohnung getrampelt, hatte sich aber zum Glück nach einem Klobesuch wieder ins Dormitorium zurückgezogen.
Ihre Gestampfe hatte jedoch Julia unsanft geweckt, die zwar auch mich schon gehört, sich aber dadurch nicht gestört gefühlt hatte.
"Welcher Idiot trampelt hier so herum?" fragte sie rein rhetorisch, denn die Antwort kannten wir beide.
Irgendwann gegen elf erhob sich Julia, um Saft zum Frühstück zu machen. Die Saftpresse weckte Sandra dann endgültig auf, die mit beleidigtem Gesicht den Kopf zur Schlafzimmertür hinausstreckte und sich über den Krach beschwerte.
"Ich dachte, du müsstest um halb eins bei deinen Eltern sein?" flötete Julia, ohne das geringste schlechte Gewissen. "Ist es da nicht langsam Zeit zum Aufstehen?"
Sandra grummelte und entschwebte ins Bad.
Ihre Laune besserte sich auch nicht sonderlich, als sich ihre Hoffnung auf ein ebenso reichhaltiges Frühstück wie wir es am Vortag genossen hatten, zerschlug, denn Julia und ich hatten uns für Obst zum Frühstück entschieden.

Wir wären beide froh gewesen, wenn sich Sandra nach dem Frühstück auf den Weg gemacht hätte, doch den Gefallen tat uns die Dickfellige nicht, sie bewies Sitzfleisch und wollte überdies erst noch bei ihren Eltern anrufen, um ihr ohnehin dort eingeplantes Kommen anzukündigen. Das Besetztzeichen nahm sie nicht etwa zum Anlass schon mal loszumarschieren und es unterwegs vom Handy aus noch mal zu versuchen - nein, das hätte sie ja was gekostet. Also probierte sie es weitere sechsmal, bis sie endlich eine freie Leitung erwischte.
Zwischendurch versuchte sie mich noch für irgendwelche Musik zu begeistern, die ihr gefiel, aber ich las zu diesem Zeitpunkt einen von Julia geschriebenen Text, der mein volles Interesse in Anspruch nahm und mich viel zu sehr begeisterte, um meine Aufmerksamkeit noch niederen Lebensformen zuzuwenden.

Endlich erfreute uns Sandra mit den erlösenden Worten: "Ich geh' dann mal jetzt."
Wir trieben sie erleichtert in Richtung Türe und nachdem sie sich etwas lahm bedankt hatte, trat sie endlich unter Zurücklassung ihres in eine Tupperdose verpackten Abendessens sowie sämtlicher Rezepte, die Julia für uns beide kopiert hatte, den Heimweg an.

Das Wochenende klang für Julia und mich so harmonisch aus, wie es begonnen hatte und Sandra entschwand so schnell aus meinem Gedächtnis, wie ein schlechter Witz, der zum hundertsten Mal erzählt worden war.

Julia berichtete mir dann später am Tag per Telefon, dass Sandra auf ihren Anrufbeantworter gesprochen und angekündigt habe, sich das vergessene Abendessen eventuell noch zu holen und falls sie das nicht schaffen sollte, habe ja Julia noch was zum essen.
Dieses auf die Spitze getriebene Schmarotzertum, trug nicht gerade dazu bei, Julias Groll zu besänftigen und als Sandra dann auch noch ein paar Tage später anrief und so tat, als wäre gar nichts gewesen, war der Ofen endgültig aus. Noch dazu erklärte Sandra, sie habe es mit der Montignac-Methode eine Woche lang selbst versucht, wolle aber erst mal ihre ganzen noch vorhandenen Vorräte aufbrauchen. Wohlwissend, dass Sandras Rezepte-Mappe unter ihrem Sofa lag, fragte Julia vorsichtig nach, wonach Sandra denn gekocht habe und erhielt zur Antwort: "Na, nach den Rezepten in der Mappe!"

Was auf diese dreiste Lüge folgte, sei mit dem Schleier der Barmherzigkeit gnädigst bedeckt.
Sandra erklärte zwar noch, sie habe am Wochenende einen Rückfall in alte Zeiten gehabt und sich daher so unmöglich benommen, doch das glaubte ihr Julia einfach nicht mehr, vor allem, weil dem ja gerade erst eine Lüge vorausgegangen war. Das Gespräch endete schließlich mit reichlich Geflenne von Sandra und einem aufgeknallten Hörer seitens meiner am Ende ihrer Geduld angelangten Freundin.

Julia hat Sandra inzwischen von ihrer Liste der Weihnachtskartenempfänger gestrichen und wird ihr demnächst die Hausschlüssel zurückbringen, die sie bisher in Verwahrung hatte. Bei dieser Gelegenheit wird sie sich die von Sandra seit langem geliehenen und immer zurückzubringen versäumten Sachen wiederholen. Nach reiflicher Überlegung und unter Aufbietung aller ihr zur Verfügung stehenden Toleranz und Nächstenliebe, wird Julia davon absehen, auch noch das mitzunehmen, was Sandra im Laufe der Zeit von ihr so alles unentgeltlich überlassen bekommen hat, als da wäre: der Fernseher, der PC, der DVD-Player etc.

Aber falls Julia sich anders entschließen sollte, dann helfe ich ihr tragen und es wird mir ein Vergnügen sein!!!


ENDE

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          







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