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Autor: elektra121
Review 1 bis 1 (von 1 insgesamt):
23.05.2022 | 19:26 Uhr
Hallo elektra121!

Die Verfilmung, die du erwähnt hast, kenne ich leider nicht, und ich muss zugeben, dass ich Shakespeares Original nie besonders gemocht habe – trotzdem war ich hier jetzt neugierig und denke mir nach dem Lesen gerade: Vielleicht hätte ich das Original mehr gemocht, wenn das Potential der Figuren ein bisschen mehr ausgeschöpft worden wäre, anstatt alles recht… (Shakespeare möge mir das Wort vergeben) klamaukig zu halten. Denn fast nichts an der Handlung eignet sich im Grunde für eine Komödie, und trotzdem wurde – für mein Empfinden krampfhaft – eine draus gemacht.

Von daher bekommt eine so nachdenkliche Szene, wie du sie hier geschrieben hast, deinen beiden Figuren sehr gut. Antonio hat großen Wiedererkennungswert mit seinem sanften Wesen, dieser stillen Melancholie und seiner Schicksalsergebenheit – und gleichzeitig füllen seine Gedanken hier eine Lücke, von der mir nicht mal bewusst war, dass es sie gab, bis nun eben das fehlende Puzzlestück an seine Stelle gerückt ist. Wahrscheinlich weil mich das Original nicht begeistert hat, habe ich schlichtweg nicht aufmerksam genug hingeguckt, um das zu sehen, was nun, wo du es ausgeschrieben hast, offensichtlich wirkt: dass Antonios Charakter soviel ‚runder‘ und vollständiger wird, wenn man sich seine Beziehung zu Bassanio so denkt, wie du es hier getan hast. Und ich liebe diesen Satz: „Auch wenn Antonio nie ganz verstanden hat, warum Beten eine Strafe sein soll.“ Wie viel man doch über einen Menschen in einem einzigen Satz aussagen kann!

Und dann ist da dein Bassanio… Mit gerade mal einer kurzen Szene hast du es schon geschafft, diesem im Original so oberflächlichen Menschen Tiefe zu geben: Er weiß, dass er sich in Oberflächlichkeiten verliert und sich mit ihnen betäubt, er weiß, dass er berechnend ist, andere ausnutzt, und er leidet offenbar darunter, dass ihm kein anderes Wesen gegeben zu sein scheint, dass es irgendwie mit ihm so gekommen ist, dass er nicht anders leben kann – und in deinem Text wird ein fast kindliches Staunen und Ehrfurcht spürbar, als er in Antonio das komplette Gegenteil erkennt. Ihm ist klar, dass er ihn nach den Grundsätzen, nach denen er normalerweise lebt (nämlich danach zu gucken, was profitabel ist), eigentlich als Narren verachten müsste – aber er kann nicht. Weil er das ihn im erkennt, was ihm selbst fehlt, und schmerzlich fehlt, wie ihm bewusst wird, wenn er denn mal in die Verlegenheit kommt, darüber nachdenken zu müssen. Ich möchte geradezu sagen: Er staunt Antonio an wie ein Heiligenbild, dem man ja auch nicht böse sein kann dafür, dass es einen mit der Nase auf die eigene Unvollkommenheit stößt…

Und es ist traurig, dass sein Wunsch, einmal im Leben auch etwas Gutes und Selbstloses für seinen Freund zu tun, darin Ausdruck findet, dass er das, was zwischen ihnen sein könnte, ignoriert, um Antonio die Scham und die Gewissensbisse zu ersparen. Traurig auch deshalb, weil er wahrscheinlich wirklich recht hat, dass dies bei Antonio die unvermeidlichen Folgen wären….

Auch bedrückend übrigens diese ganz beiläufige Bemerkung in Bassanios Gedankengang: „…und ihn voller Verachtung anspucken, wie man einen Juden anspuckt.“ Das bringt das düsterere Thema des Originals in diese private kleine Morgenszene zwischen den beiden und ist gerade deshalb so wirkungsvoll, weil es eben so beiläufig ist: Weil es Bassanio einfach als etwas völlig Selbstverständliches rausrutscht, wo es ihm thematisch um ganz etwas anderes geht.

Liebe Grüße
Melmoth

Antwort von elektra121 am 26.05.2022 | 01:58 Uhr
Vielen lieben Dank für das tolle lange Review! Ich habe mich sehr gefreut. :)

Ich muss gestehen, dass ich selbst das Stück noch gar nicht gelesen habe, und meine Geschichte daher strenggenommen eher Fanfiction zu dem Film ist. Der bringt sehr wenig Klamauk – ehrlich gesagt, so wenig, dass man sich am Ende fragt, wieso das denn jetzt eine Komödie sein soll…? Okay, es wird geheiratet. Niemand stirbt. Das retardierende Moment sieht überhaupt nicht gut für die titelgebende Figur aus. Das war’s aber dann eigentlich fast schon.

Ich hab ja mal *hust, hust* sowas in die Literatur-Richtung studiert. Und da hab ich gelernt, dass Komödien eben keinesfalls einfach nur „lustige Stücke mit gutem Ende“ sind. Da Aristoteles nie über die Komödie geschrieben hat (oder, für die „Der Name der Rose“-Fans unter uns: sein zweites Poetik-Buch die Zeiten nicht überdauert hat), gibt es nur sehr wenig festgelegte Regeln für Komödien. In Komödien ist folglich nahezu alles möglich. Und das bedeutet: man kann in Komödien Dinge sagen und darstellen, die in jedem anderen literarischen (und möglicherweise gesellschaftlichen) Kontext völlig unmöglich anzusprechen wären. Egal. Komödien fliegen unter dem Radar – die nimmt niemand ernst, weil sie ja nicht „ernst“ sind. Außerdem gehen Komödien (im Gegensatz zu Tragödien) von einer grundsätzlich ungerechten Welt mit schlechten Bedingungen für die Figuren aus. In der Tragödie ist die Welt grundsätzlich gerecht und regelt sich selbst – in der Komödie ist sie grundsätzlich chaotisch und ungerecht, und ihre Helden müssen sich durchwursteln, schaffen es aber (im Gegensatz zur Tragödie) am Ende meist, ihre Ziele zu erreichen und am Ende besser dazustehen als am Anfang.

Das bedeutet: in einer Zeit wie dem 16. Jahrhundert, als es natürlich ordentlich Ärger gab, wenn man alllzu laut irgendetwas ansprach, dass nicht auf Linie war (wie auch in späteren Zeiten), konnte es sehr sinnvoll sein, eben gerade für sehr ernste Themen Komödien als Ausdrucksmittel zu wählen. (Interessanterweise sind während des Zweiten Weltkrieges im Exil als Theaterstücke fast nur Komödien entstanden, auch über Themen wie die Shoa – eben weil die Komödie die eigentlich entsetzliche Ungerechtigkeit der Welt viel besser einfängt.) In vielen Fällen dürfte das sogar die einzige Möglichkeit gewesen sein, bestimmte Sachen überhaupt künstlerisch anzusprechen. Und gerade von solchen Themen gibt’s ja im „Kaufmann“ genug: Kritik am Kapitalismus, Antisemitismus, Homosexualität, Sklaverei, ungewöhnliche Machtverhältnisse, studierte Frauen, Geschlechtswechsel usw. Ich denke, der „Klamauk“, der uns heute verständlicherweise stört, hat damals die Darstellung solcher Themen überhaupt erst möglich gemacht. Man darf das natürlich trotzdem doof finden.

Es hat mich wirklich gefreut, zu lesen, dass Antonio Wiedererkennungswert hat, eben weil ich das Stück noch gar nicht gelesen habe – das spricht ja aber sehr für den Film. Offensichtlich konnte er Antonios Wesen gut transportieren. Ich war echt erstaunt, als ich bemerkt habe, dass der Film Antonio wirklich eindeutig schwul darstellt (das war ja 2004 bei weitem noch keine Selbstverständlichkeit). Und ich muss sagen: es tut der gesamten Geschichte sehr gut. So ziemlich *alle* Konflikte und Motive im Stück werden dadurch sooo viel schärfer und die Figuren funktionieren sooo viel besser! (In dem Zusammenhang ist es wichtig, zu wissen, dass das Verbrechen der „Sodomie“, vergleichbar mit „Hexerei“ damals in Venedig wie London mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen bestraft werden konnte. Das war also keine besonders diffuse Diskriminierung, sondern bedrohte – ähnlich wie die Pogrome, bei denen Juden getötet wurden, ziemlich konkret das Leben von Schwulen.

Freut mich übrigens ebenfalls, dass dir der eine Satz so gut gefallen hat. Ich finde den nämlich ziemlich wichtig. Und tatsächlich, es ist ja, wen man mal drüber nachdenkt, wirklich sehr merkwürdig, als Buße für irgendetwas Gebete zu erteilen. Vermutlich sollte das ursprünglich mal zu besserer Konzentration helfen und das Nachdenken über das eigene Verhalten anregen oder sowas – aber es verkam ja irgendwann eher zu den „Gebühren“, die Antonio darin sieht. Er hat da nichts dagegen, wundert sich aber ein bisschen, weil er selbst persönlich ein wirklich frommer Mann ist. Und daneben muss er natürlich auch Frömmigkeit möglichst deutlich öffentlich performen, damit nur ja keiner auf die Idee kommt, dass er eventuell ein dunkles Geheimnis haben könnte. (Z.B. könnte er öffentlich Juden bespucken, damit nicht eines Tages er als "Sodomit" bespuckt wird.) ;)

Bassanio ist da ziemlich anders. Frömmigkeit und auch Selbstzweifel, ein „Sodomit“ zu sein, gehen ihm ab. Ich les‘ den als ziemlich bi, falls nicht sogar hetero: Da er offensichtlich (auch) auf Frauen steht, kann er ja wohl nicht schwul sein – folglich muss er sich überhaupt keine Gedanken machen. Er macht sich ja auch überhaupt nicht gerne welche! Dabei ist er keineswegs dumm.
Sein Problem ist meiner Meinung nach ein ganz anderes: er hat ein arges Problem mit seinem Selbstwert. Geld ist ihm deswegen so wichtig, weil er in seiner (offenbar nicht so schönen) Jugend erfahren hat, dass man Zuwendung und zwischenmenschliche Bindungen eigentlich nur bekommt, wenn man nach der neuesten Mode gekleidet ist, tolle Partys schmeißen kann, die Leute mit protzigen Statussymbolen beeindruckt – gegen Geld also. Bassanio hat nie erlebt, dass ihn irgendjemand lieb gehabt hätte als der Mensch, der er ist, unabhängig von seiner Kleidung, seinem Adelstitel, dem Geld, mit dem er um sich schmeißt. In Wirklichkeit hält er sich selbst nicht für liebenswert. Er kann sich nicht vorstellen, dass viel zu lieben an ihm übrig bliebe, wenn man mal von Geld und Status absieht. Und deswegen braucht er so verzweifelt Geld, viel Geld, immer und immer wieder. Denn es wird nie genug sein, diese Leere zu füllen, er kann sich immer nur kurzfristig ablenken. Er glaubt, er habe es nicht „verdient“, wirklich geliebt zu werden, habe einen von ihm so bewunderten Menschen wie Antonio nicht „verdient“.

Antonio sieht aber etwas „von hohem Wert“ in ihm. Damit kann Bassanio nicht so gut umgehen. Er spürt, wie gut es ihm tut, von jemandem bedingungslos geliebt zu werden; einfach nur, weil er der ist, der er ist. Antonio muss er nichts vormachen; kann er gar nichts vormachen. Er muss für ihn nichts tun. Bassanio käme vermutlich besser mit der Situation zurecht, würde sie besser verstehen, falls Antonio z.B. geschäftliche Vorteile oder sexuelle Gefälligkeiten von ihm fordern würde. Tut er aber nicht. Das ist Bassanio ein völliges Rätsel und lässt Antonio in seinen Augen fast ein bisschen zu einem Heiligen werden – der er nicht ist. Antonio ist allerdings ein geschickter Kaufmann – und das bedeutet u.a., dass er den Wert von Dingen sehr gut einschätzen kann. Und Antonio erkennt, was Bassanio nicht kann: nämlich, dass der ein sehr viel besserer, liebenswerterer Mensch ist, als er von sich selbst glaubt.

Zum Beispiel glaubt Bassanio ja von sich, er könne nicht aufrichtig zu sich selber sein, jedenfalls niemals so aufrichtig wie Antonio. Und doch ist dieser ganze innere Monolog von Bassanio schonungslos ehrlich und aufrichtig; egal, wie unangenehm ihm das ist. Wohingegen Antonio sich selbst vormacht, er wüsste nicht, weshalb er so traurig ist… Und Bassanio glaubt, er könne nie ein wirklich guter Freund sein: und verzichtet doch für das Wohlergehen des einzigen Menschen, der ihn wirklich liebhat, auf die Beziehung zu ihm, die „das Beste ist, was ihm je passiert ist“.
Er erkennt übrigens ganz richtig und sehr genau, was eine auch körperlich erfüllte Beziehung mit Antonio machen würde: sie würde ihn innerlich zugrunde richten. Die Umstände sind so, dass Antonio das niemals annehmen *könnte*, ohne sich dafür selbst zu verachten, so zerfressen ist er von internalisierter Homophobie. Und Bassanio weiß sehr gut, wie furchtbar es ist, sich selbst zu verachten. Das will er Antonio ersparen. In Bassanios Augen ist Liebeskummer und Verlassenwerden schlimm – aber man kann drüber hinwegkommen. Es ist das kleinere von zwei Übeln. Darüber, sich selbst zu verachten, kann man nicht hinwegkommen.

Und ja, Bassanio ist im Gegensatz zu Antonio, der ja einen persönlichen Grund hat, antisemitisch zu handeln, sehr „casual“ antisemitisch. Das ist etwas, das für ihn alltäglich und nicht besonders interessant ist. Er ist, sozusagen, nicht mit dem Herzen dabei. Das ist halt einfach so, da denkt man nicht drüber nach. (Was es nicht besser macht, aber seine Motivation ist anders als etwa die von Antonio.) Er hasst Shylock im Stück keineswegs besonders deswegen, weil er Jude ist – sondern vor allem, weil er eine Gefahr für Antonios Leben ist. Ich glaube, spätestens, als er sehen musste, dass Antonio seinetwegen in sehr akuter Lebensgefahr ist und glauben muss, er würde in den nächsten paar Minuten auf qualvolle Art sterben müssen und das alles war im Grunde genommen Bassanios Schuld! Dass das seine Prioritäten schon verändert. Wenn er sagt, dass ihm das Leben seiner Frau und sein eigenes egal wäre, wenn er damit nur Antonio vor dem Tod bewahren könnte – ich glaube, dass er das wirklich ernst meint. In ihm steckt wirklich mehr, als er glaubt.

Das ist jetzt sehr lang geworden – aber dein Review war schließlich auch lang. Vielen, vielen Dank nochmal.
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