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Autor: Yggdrasil
Review 1 bis 1 (von 1 insgesamt):
18.02.2022 | 14:34 Uhr
Hallo :)

Ich bin ja um ehrlich zu sein kein Fan von einem Finnick mit (vor allem jüngeren) Geschwistern – einfach, weil ich mir nicht vorstellen kann, wie ein Mann mit so viel Herz wie er alle Hebel in Bewegung setzt, dass Plutarch Annie rettet, aber seine Familie ihm dann egal ist. Und selbst wenn sie dann schon tot ist – warum auch immer sie das sein sollten, Finnick hat doch immer brav alles gemacht, was Snow verlangt hat, und seine Spiele auch mit Recht, Ordnung und Fans gewonnen –, dass er sie nie erwähnt, ist für mich einfach irgendwie ein Logikloch. Katniss quatscht ja dauernd von Prim, das wäre doch der perfekte Moment für Finnick, eine eigene jüngere Schwester zu erwähnen und mit Katniss einen bonding moment zu finden, sie macht es einem ja schwer genug. Und da Finnick ein Typ ist, der sehr gut weiß, wann er was sagen sollte, kann ich mir auch nicht vorstellen, dass er spontan vergisst, dass er Familie hat. Das nur vorab, um zu erklären, wieso ich in die andere FF, die du erwähnst, nie reingelesen habe. Bei dir hat mich dann aber die Sache mit der Angst vor Blut neugierig gemacht. Das finde ich eine interessante Prämisse.

Jetzt aber wirklich mal zu diesem Text hier, bevor ich mich komplett verquatsche. Rein vom ersten Eindruck her fand ich Keany als Name mit (im weitesten Sinne) Meeresmotiv schon mal passend, ansonsten gefällt mir, dass du hübsch ordentlich das Vorwort vom Kapitel getrennt hast – gibt einige FFs, da geht das fließend ineinander über und man checkt erstmal gar nicht, was wohin gehört, das ärgert mich immer ein bisschen. Dann das Kapitel nochmal zu benennen ist auch gut, auch wenn das nicht in Anführungsstriche gemusst hätte – „“ zeigt an, dass was gesagt wird oder zitiert wird, und das ist ja ein Titel. Zum Trennen von dem „1. Kapitel“-Teil der Überschrift hätte sich vielleicht ein Doppelpunkt besser gemacht. Aaaaaber völlig egal, ich wollte eigentlich was zum Text an sich sagen, oh Himmel, ich bin mal wieder vollkommen unfähig, mich kurzufassen.

Ich mag den Einstieg, du hast kurz und knapp Keanys Zwiespalt klargestellt und sowohl ihr größtes Problem als auch die Familie charakterisiert. Das mit dem Blut hätte man vielleicht auch zeigen können anstatt sagen, also dass sie sich vielleicht schneidet und dann umkippt, aber da es eh schon in der Kurzbeschreibung stand, finde ich das halb so wild. Dazu passt übrigens auch richtig gut die lebhafte Fantasie – das lässt mich viele gedankenverlorene Zeilen mit kompletten Überreaktionen erwarten, was in den Spielen gleichermaßen sehr gefährlich, aber auch hilfreich sein kann.
Dass Keany bereits einen Sieger in der Familie hat, ist in einem Distrikt wie 4 auch nur logisch, auch wenn ich mich zu erinnern meine, dass Cashmere canonically die 64. Spiele gewonnen hat. Millven generell, mit der Narbensache und wie er angefressen ist, dass Finnick hübscher ist, finde ich übrigens unterhaltsam. An der Stelle zu erwähnen, dass er ganz knapp selbst an einem Sieg mit 14 vorbeigeschrammt ist, finde ich auch lustig; aber dieser nischige trope „hat kurz nach Ernte Geburtstag und rutscht in andere Alterklasse“ hat es mir eh angetan.
An Klein gefällt mir die Kreativität, die du in dem Nagelband zeigst. Schade, dass er so jung ist und daher nicht unbedingt Hungerspiele-Showtime kriegen wird, aber Kleany könnte sich ja in den Spielen an seinen brutalen Erfindergeist erinnern.

So schön du die Figuren aber auch charakterisierst, du beschreibst mir ein bisschen zu viel. In diesem ersten Kapitel passiert nichts, da ist keine Handlung. Alles, was passiert, sind Erzählungen aus der Familie (nicht mal wirklich Keanys Vergangenheit, sondern alle anderen) und Beschreibungen davon, wer wie aussieht. Das ist eine Aneinanderreihung von Backgroundinfos, die sich besser gemacht hätten, wenn sie hin und wieder mal aufgekommen wären, wenn es zur Handlung passt, mal da ein Teil der aktuellen langen Textblöcke, mal dort ein bisschen, über mehrere Kapitel und natürlich eingeflochten. Jetzt ist es ein Infodump, ein bisschen wie ein ausformulierter Steckbrief. Von Keany kriegt man sehr wenig mit, und wie gesagt, es passiert überhaupt nichts, keiner macht irgendwas. Das ist schade, weil die Art, wie du schreibst, also deine Sätze, die Wortwahl, all das ist gar nicht schlecht, man kommt flüssig durch den Text. Aber für mich war es halt ein ständiges Warten darauf, dass mal was passiert, und mit jedem neuen Absatz war es dann ein größeres Seufzen, so nach dem Motto „ah Mist, wie viele Mitglieder muss diese Familie denn noch haben“. Wenn es eh um die Hungerspiele gehen soll, sind doch mindestens die Eltern spätestens ab Kapitel 2 super egal. Versteh mich nicht falsch, es ist gut, dass du all diese Dinge über deine Figuren weißt, und ich würde die als Leser auch gern irgendwann alle wissen, um die Figuren greifen zu können, aber wenn du mir alles direkt am Anfang vor die Nase haust, werde ich mir das kaum merken können. Das sind fremde Leute für mich, die ich gern nach und nach kennenlernen würde. Jetzt setzt du einem das alles auf einmal vor, so nach dem Motto „merk’s dir, lern’s auswendig, mehr wird es nie geben“. Das ist zumindest meine Befürchtung. Vor allem die Backstory des Vaters ist irgendwie unerheblich, den Flashback hätte ich kursiv gemacht und ohne Keanys Ich-Form erzählt, einfach von außen in der dritten Person mit einem auktorialen Erzähler komplett von der Handlung getrennt. Diese Überschrift „39. Hungerspiele, Ernte, Distrikt 4“, gefolgt von etwas, das mit Keany und den 67. Spielen, von denen diese FF doch in der Kurzbeschreibung angekündigt hat, zu erzählen, gar nichts zu tun hat, reißt einen aus der Story raus.

Mein konkreter Verbesserungsvorschlag wäre, einen Tag aus Keanys Leben an den Anfang zu setzen. Dann kann quasi der erste Absatz stehen bleiben, dann steht sie auf und macht irgendwas, zum Beispiel trainieren, dabei begegnet sie ihren Brüdern und dabei können nach und nach Infos über die beiden eingestreut werden, dann geht sie weg und macht was anderes, dann dasselbe mit den Eltern. Die Infos sollten dabei aber wie gesagt abgespeckt werden, ein paar zu Anfang, das wichtigste, und dann später die Sachen, die für einen ersten Eindruck nicht wichtig sind. Millvens Hass auf Finnick hätte besser an einer Stelle gepasst, an der Finnick vorkommt, Klins Waffe hättest du ihn aktiv benutzen lassen können, anstatt einfach nur zu sagen, dass er da was erfunden hat. Auch der Job von Kleanys Mutter ist nichts, was sofort wichtig ist, wenn man eine Person das erste Mal sieht – einfach, weil man es nicht von außen sieht und sie ja offenbar nicht mal für den Reichtum der Familie mitverantwortlich ist; ihr Publikum kann ja nicht groß sein, wenn du Karriero-Familien ihre Bücher kaufen.

Komisch fand ich, dass Keany von ihren Brüdern mit Nachnamen denkt. Letztendlich ist ein Text aus der Perspektive einer Figur ja das, ihr Denken und Handeln, und wenn sie nur so casual an ihre Brüder denkt, würde ich die nicht mit dem Nachnamen betiteln, einmal weil klar ist, dass die heißen wie sie (und ihren Nachnamen hättest du erst zur Ernte droppen können, wie häufig denkst du im Alltag an deinen Nachnamen?), und andererseits, weil eigentlich sogar schon „meine Brüder“ oder „Millven und Klin“ gereicht hätte (vielleicht bin das auch nur ich, aber wenn ich über meinen Bruder rede, dann ist er entweder „mein Bruder“ oder „Name“, nicht beides, das klingt doch seltsam doppelt gemoppelt, und in meinem Kopf brauch ich die Spezifizierung eh nicht, ich weiß ja, über wen ich in dem Moment nachdenke).
Und wo ich grade selbst tausend Klammern gesetzt habe, spreche ich jetzt auch einfach noch darüber: Klammern zeigen Auslassungen, also Sachen, die für das Grundverständnis des Gesagten unerheblich sind. Wenn du oben nochmal drüber liest, sind meine Argumente außerhalb der Klammern, innen drin sind nur Beispiele oder meine zusätzlichen Labergedanken – zumal (mindestens meine) Reviews linguistisch gesehen vermutlich sowieso nicht einmal unbedingt als geschriebene, sondern als gesprochene Sprache zählen würden, wegen dem casual Umgangston, sprich, da ist das eh nochmal was anderes. Aber eine FF ist definitiv ein Text in Schriftsprache, und da werden Klammern in den allermeisten Fällen nicht gesetzt, außer wenn man irgendwie Seitenzahlen angeben will in wissenschaftlichen Arbeiten, wenn man nicht gerade mit Fußnoten zitiert. Kurzgesagt: Klammern zeigen an, dass das, was darin steht, streichbar ist, und du hast direkt im ersten Absatz einen ziemlich wichtigen Satz da reingepackt. Mehr will ich gar nicht sagen :D
Und, GANZ GANZ große Sache: Niemals, wirklich NIEMALS packt man Erklärungen, oder noch schlimmer, Links MITTEN IN DEN TEXT. Uff. Ich fühle mich gerade wie eine Lehrerin, aber das geht einfach nicht. Nenn mir ein Buch aus deinem Regal, in dem es sowas gibt. Wenn du Anmerkungen hast, mach Sternchen oder so Hochzahlen an die Wörter und erklär die dann ganz am Ende, oder erwähn es im allerersten Vorwort und dann nie wieder; wer es sich bis es im Text kommt nicht gemerkt hat, hat Pech. Aber so Anmerkungen reißen einen komplett aus dem Text raus. Da wird gerade eine Geschichte erzählt, aus der Sicht von Keany, und plötzlich kommst DU, als Autor, und sagst da irgendwas auf der Metaebene, das mit der Handlung und Keanys Gefühlen absolut nichts zu tun hast? Ne.

An manchen Stellen sind dir die Anführungszeichen verrutscht. Du hast dann teilweise die von Word („“), teils die von FF.de (""), und teils vorne und hinten unterschiedliche. Ansonsten ist mit an Kleinkram noch aufgefallen, dass du mal „wusste“ mit ß geschrieben hast, das ist aber alte Rechtschreibung, die in den 90ern geändert wurde. Und bei Gedankenstrichen kommt vorher und nachher eine Leerstelle.

So, das war jetzt ganz schön viel. Ich hoffe, meine positiven Kritikpunkte sind nicht völlig untergegangen. Generell schreibst du gut, das möchte ich deshalb nochmal hier erwähnen, und die Grammatiksachen sind eher so ein Spleen von mir und überschaubar. Ich dachte nur, wenn ich eh grade dabei bin, dann hau ich mal alles raus, was mir auffällt.

Liebe Grüße (ich hoffe, du hasst mich nicht, lol)
Annika

Antwort von Yggdrasil am 26.02.2022 | 18:24 Uhr
Hallo, Annika!
Mein erster Review! Yeah :D
Zwar viel Kritik, aber jetzt hab ich 'ne Ahnung, auf was ich besonders achten sollte! Ich will damit sagen, dass mir einige Dinge — vor deinem Review — garnicht klar gewesen waren, z.B. das Logikloch mit Finnicks Geschwistern (zu dem haben Wusilo und ich uns inzwischen etwas überlegt). Bei den optischen Dinge — wie das Kursiv-Schreiben — hatte ich da noch keine Ahnung, wie man's macht, sonst wäre der Flashback kursiv gewesen:), inzwischen habe ich es aber herausgefunden und dies — und einige andere Dinge auch — verändert.
Echt, ich war wirklich erstaunt, als ich gesehen habe, wie lang der Review ist! Aber ich muss auch sagen, dass ich beeindruckt bin, wie viel Mühe und Gedanken du dir dabei gemacht hast! Dankeschön:))
Also dann: Guten Abend noch!
LG
Yggdrasil, der Weltenbaum

PS: Keine Sorge, ich hasse dich nicht! ;))
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