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Autor: shutterfly
Reviews 1 bis 8 (von 8 insgesamt):
11.11.2021 | 11:02 Uhr
Lieber Stefan,

ja, mich gibt es auch noch :-)
Das „Gute“ an Corona ist, dass man, wenn man sich einen Infekt eingefangen hat, nicht mehr mit Kopp unterm Arm auf Arbeit pilgern muss, sondern vom Chef ein erschrockenes „Bleib bloß weg!!!“ an den Kopf geknallt bekommt. Und so habe ich endlich mal Zeit und Muße gefunden, vom gemütlichen Sofa aus mit dir durchs Humboldtforum zu schlendern.

Die ganze Welt unter einem Dach, wie schön! Bis auf das, was auf dem Dach ist. Was für eine unbeschreibliche Arroganz! Ich bin nur froh, dass immer mehr Menschen aufwachen und dem Verein den Mittelfinger zeigen.

Ich denke, den Humboldts hätte ihr Forum gefallen. Anfangs war ich skeptisch, wollte den Palst auch behalten, aber mittlerweile habe ich meine Meinung geändert, hab mich ausgesöhnt damit. Ich finde es um Welten besser als den Palast. Architektonisch gesehen war der ja nun wirklich kein Highlight. Und wenn man Fragmente von ihm weiterverwendet hat, ist doch alles gut.
Kulturvernichtung? So weit würde ich nicht gehen. Was hätte man machen sollen? Das Ding hinter Glas einmotten? Allein die Asbestsanierung wäre uferlos geworden. Der der Palast hat für mich immer auch den Größenwahn der SED verkörpert. Vor allem bei uns in der Provinz sah man es kritisch. Während unsere Innenstädte verfielen und die Menschen unter fragwürdigen Bedingungen hausen mussten, entstand in Berlin der „Palazzo Prozzo“, in dem das gemeine Volk bespaßt wurde. Ich war mehrmals drin, Disco, Kegelbahn, habe mir Revuen angesehen. Damals staunten wir Bauklötzer, heute sehe ich das in erster Linie als „Brot und Spiele“. Ich finde es gut, dass an seiner Stelle ein neuer Palast entstanden ist, nämlich einer der Bildung vermittelt. Das ist so wichtig in dieser Zeit, in der die Dummheit grassiert.

Tja, die Helden des Bauhaus. Mies van der Rohe, ich mag ihn auch nicht. Manchmal frage ich mich, wie moderne Architektur ohne das Bauhaus aussehen würde. Es war ohne Zweifel revolutionär zu seiner Zeit und ich finde die Gebrauchsgegenstände toll, die es hervorgebracht hat. Der modernen Architektur hat es, meiner Meinung nach, nicht gut getan. Aber das sind meine, überaus ketzerischen Gedanken, die ich oftmals für mich behalte, denn in meinem Berufsumfeld hat das Bauhaus schon fast religiöse Züge angenommen.

Unsere Museen sind voll von Raubkunst. Aber wo wären diese Dinge jetzt, hätten sie unsere Vorfahren nicht hergebracht? Ich will die Kolonialzeit sicher nicht gutheißen, doch wie viele dieser Kunstgegenstände gäbe es heute noch, wenn sie nicht in europäische Museen verbracht worden wären? Wie viele Dinge wären niemals entdeckt worden? Was geschieht mit den Exponaten, wenn sie zurückgegeben würden? Wandern sie tatsächlich wieder ins Museum und sind sichtbar für alle, oder stellt sie sich ein größenwahnsinniger Diktator in den Keller? Verscherbelt man sie für ein paar Dollar an den Meistbietenden? Kommt eine Horde Fanatiker und sprengt alles in die Luft? Ich finde, sie sollten bleiben, wo sie sind, denn dann bleiben sie wenigstens erhalten für die nächsten Generationen.

Der asiatische Teil ist toll. Asien fand ich schon immer faszinierend. Farben, Düfte, Kunst und Architektur, das Essen. Im Gegensatz zu dir würde ich mich gern mal quer durch den Kontinent essen.
Der Buddhismus ist wohl die einzige der großen Religionen, mit der ich mich arrangieren könnte, wäre ich gläubig.
Gut, dass es die Turfanexpeditionen gegeben hat. Sie hat Kulturschätze gerettet und so sollte es eigentlich sein. In unserer globalen Welt sollten alle gemeinsam versuchen, das Weltkulturerbe zu bewahren, und ich denke, dass das Humboldtforum diesen Zweck hervorragend erfüllt.

Habt ihr euch das alles wirklich in einem Ritt angesehen? Nach dem, was du beschreibst, habe ich das Gefühl, man braucht Tage, um sich alles anzusehen und vor allem, es auch zu erfassen.
Danke für die tolle Führung!

Liebe Grüße
H.

Antwort von shutterfly am 12.11.2021 | 13:46 Uhr
Hallo, meine Liebe!

Wie schön, dass du da bist. Siehste, auch Corona hat sein Gutes. Man kriegt bloß bei jedem Schnupfen sofort das blöde Gefühl, ob es nicht doch mehr ist. Zum Glück bei dir nicht. Genieße die Zeit und kurier dich gut aus.

Seit die Dachterrasse offen ist, sieht man leider auch das, was drauf ist, viel besser, als von unten. Also, man kann den blöden Spruch lesen und das Kreuz sehen. Gehört wirklich auf den Müll. Aufs Dach kann man, nachdem man unten am Fahrstuhl angestanden hat und auch was essen, das Restaurant hat offen. Auch da lässt die Gastronomie zu wünschen übrig, viel kleines Zeug, das am Nachmittag ausverkauft ist. Warum kriegt man das nicht gebacken?

Also, ich hätte es viel besser gefunden, den Palast ins Forum zu integrieren. Der Asbest wäre nicht so das Problem gewesen, das ICC war schließlich auch voll davon und man hat es saniert. War also doch politisch. Die Palastfassade mit den braunen Fenstern war um Längen schöner, als das glatte Betonteil, das nun an der Spreeseite steht.

Als Ostberliner hat man ja gerne den Rest der Republik ausgeblendet, deshalb trifft es mich nun schon, dass ihr alle eine so negative Meinung hattet. Jaja, ich weiß. Bei uns gabs wenigstens ab und zu was Schönes, obwohl wir dafür auch lange anstehen mussten unter der Gefahr, dass der Vordermann das Letzte abfasste, während es bei euch nicht mal H-Milch oder Klopapier gab. Kommt mir heute auch wieder irgendwie bekannt vor... Auch hier verfielen die Mietshäuser, Klo halbe Treppe, Selbstsanierung, Vitamin B. Wenigstens konnte man in den Palazzo gehen, um Spaß zu haben. Wenn man reinkam. Brot und Spiele für den Pöbel, das ist heute auch nicht anders. Wenn das Benzin teuer wird, da kocht die Volksseele, Hauptsache, der Ballermann ist offen. Und ich stimme dir absolut zu, dass ein Bildungspalast allemal mehr wert ist in einer Zeit der Verblödung.

Nicht weit von hier, wo ich wohne, gibt es ein Mies van der Rohe-Haus am See. Da war ich noch nie. Ist auch nicht spektakulär, gehört aber zur Architekturhistorie. Andererseits gefallen wir die vielen runden Ecken der Häuser, die hier im Westteil noch rumstehen. Kann man sich schönsehen. Religiös sollte der Geschmack aber nicht werden.

Ich stelle mir genau wie du dieselben Fragen bezüglich der Raubkunst - wenn man sie denn so bezeichnen will. Einiges ja, vieles nicht. Natürlich wären diese Sachen nie entdeckt worden, sie wären auf immer verloren gewesen und wir wüssten nur die Hälfte über Geschichte. Wahrscheinlich würden sie verscherbelt werden, um Waffen zu kaufen oder der IS kommt und zerstört wieder alles. Nee nee, sie sind hier gut aufgehoben.

Ja, die beiden Museen auf einmal war ziemlich viel. Auf jeden Fall gehen wir nochmal rein, dann weiß man schon, was einen erwartet und muss nicht alles durchlesen und/oder ausgiebig bestaunen. Ich habe von anderen gehört, dass es jetzt eine Aufpasserin gibt, die die Leute gleich in den Raum lotst, wo die Boote stehen. Na, bitte. Konstruktive Kritik hilft.

Ich danke dir herzlich, dass du an meiner Führung teilgenommen hast ;-) Mehr irgendwann... ich hoffe sehr, dass jetzt nicht wieder alles dichtgemacht wird.

Gute Besserung einstweilen und ganz liebe Grüße,
Stefan
20.10.2021 | 18:39 Uhr
Moin Stefan,

die Ostfassade soll an den Palast der Republik erinnern, teilt uns die Bootsführerin mit als wir am Humboldtforum vorbeischippern. Für mich wirkt diese Fassade befremdlich und ziemlich angeklatscht. Wenn schon Schloss, dann bitte für alle vier Fronten die klassizistischen Fassaden. Das Humboldtforum passt nun allerdings sehr gut zu den anderen Bauten auf der Museumsinsel. Der Vorplatz ist geräumig und ja, ein Spaziergang über die Straße unter den Linden bis zum Brandenburger Tor ist für mich nun eine Wohltat. Dann gleich weiter wandern ins Regierungsviertel oder bis zur Siegessäule und danach zum Hauptbahnhof. Das ist sicherlich nicht typisch Berlin, aber für mich ist dieser Spaziergang jetzt die erste Wahl, um einem Besucher Berlin als die Hauptstadt Deutschlands vorzustellen.

Ich war schon so oft in Berlin, aber noch nie auf der Museumsinsel, höre ich öfter von Bekannten. Das kann doch kaum sein, denke ich mir. Wo waren sie denn?

Humboldt Forum anschauen, stand bei mir oben auf der To-Do Liste und nachdem du deine zwei animierenden Kapitel geschrieben hattest, wurden Zeitfenster für das Ethnologische und Asiatische Museum und für den Schlosskeller gebucht. Mehr geht auch nicht, wenn wir noch die Architektur als Gesamtwerk auf uns wirken lassen wollen.

Der Keller ist sicherlich für Altberliner am eindrucksvollsten, aber auch ich habe mich in die Zeit zurückversetzen lassen und alles auf mich einwirken lassen. Keller anschauen gehört zu einem Besuch des Forums einfach dazu. Hier beginnt die Entstehung dieses Bauwerkes auf historischem Untergrund und es ist nur richtig, dass die Ausgrabungen im Keller frei zugänglich gemacht worden sind.

Dann durch die großzügigen leeren Räume nach oben ins Ethnologische Museum. Es sind zwar etliche Besucher mit uns da, aber es ist genügend Platz für alle. Die Dame am Eingang winkt sofort zur Seite und macht auf die Luf-Boote aufmerksam. Es sind, wahrscheinlich genau wir ihr, viele Besucher herumgeirrt und deshalb nun gleich der Hinweis. Dann stehen wir auch auf der Empore und schauen uns die Augen aus dem Kopf auf die guterhaltenen eindrucksvollen Boote. Sie sind schon das Highlight der Ausstellung. Die Ausstellung ist genauso wie du alles beschrieben hast und beim Lesen der kleinen Erklärungen denke ich an deinen Rücken. Ich erhalte doppelte Informationen, einmal hier im Museum, zum anderen habe ich deine Worte im Ohr. Überall ist zu lesen, es wurde sich intensiv mit dem Thema Raubkunst beschäftigt. Das ist richtig so und nimmt mir auch nicht die Freude an den unzähligen Exponaten. Die Räume sind lichtdurchflutet und vieles scheint mir sehr Coronakonform aufgestellt worden zu sein, mir fehlen genau wie dir die weniger ausgeleuchteten Ecken und Höhlen zum selber Erforschen. Das authentische Feeling eines fremden Landes und der typische Geruch eines Historischen Museums fehlen. Wir nehmen uns viel Zeit und dann geht es über den Gang in das nächste Stockwerk zur asiatischen Kunst und zu deinem aktuellen Kapitel.

Ich bin mit einer Freundin unterwegs, der Herr an meiner Seite radelt an der Ostsee.
Übrigens das Gepiepe war unerträglich, meine Begleiterin hat sehr lange einen Museumswärter bedauert, ob er nicht schon an Tinnitus leide. Es dauerte gar nicht mehr lange und plötzlich war Ruhe im Karton. Die Alarmanlage wurde ausgeschaltet.

Asiatische Kunst ist mir ebenfalls fremd. Ich hatte auch nie das Bedürfnis in wallenden Gewändern nach Indien zu reisen, war auch noch zu jung um Ende der sechziger Jahre zu reisen. Allerdings war Siddhartha von Herman Hesse meine zeitweilige Lieblingslektüre.

Wieder daheim habe ich dein Asiatisches Kapitel noch einmal gelesen. Du hast wieder so interessant und mitreißend berichtet, dass ich manchmal das Gefühl hatte in einem anderen Museum gewesen zu sein, aber als ich mir deinen Filmlink anschaute, war alles wieder präsent. Ich muss schon müde gewesen sein und konnte wohl langfristig geistig weniger aufnehmen als gedacht. Oder es ist tatsächlich so, die Kultur zu fremd, um vieles aufzunehmen. Natürlich hat mich die Video Installation an der Decke gefangengenommen, es fehlten allerdings die von dir gepriesenen Hocker, also immer schön den Kopf in den Nacken und stehend nach oben geschaut. Es war alles sehr interessant, aber deine Ausführungen sind bisweilen interessanter, informativer und bezaubernder als die Wirklichkeit mit müden Füßen. Wenn ich noch einmal diese zwei Ausstellungen besuchen werde, beginne ich mit der Asiatischen Kunst. Ein Museum pro Tag reicht für Touristen wirklich und dies waren mit dem Keller ja schon drei Ausstellungen plus Schlüterhof und die Architektur vom janzen Schloss und der Umgebung. Hinzu kommen ja noch die U-Bahn Erlebnisse für Touristen, die sich mühsam den Weg suchen müssen vom Hotel zu ihren Zielen.

Es ist mir ein sehr tolles Foto gelungen, der Blick von oben auf die Tür in der Eingangshalle, die abendlichen Sonnenstrahlen beleuchten als Band den Fußboden.

Wir gehen auf deine Empfehlung hin zum Essen ins Nikolaiviertel, zwar nicht zu Julchen Hoppe, aber doch tausendmal gemütlicher als im sterilen Restaurant des Humboldt Forums.

Natürlich hat sich der Besuch gelohnt, die Frage stellt sich auch gar nicht. Wer Berlin besucht, muss einfach in das neue Humboldt Forum gehen - aber sich vorher gut informieren. Hat ja nicht jeder einen Experten namens Stefan Shutterfly zur Seite.
Es ist schon phantastisch wie oft ich mit deiner Präsenz kulturelle Besichtigungen und Spaziergänge absolviert habe und ich freue mich jedes Mal auf neue Anregungen.
Bis zum nächsten Mal – wo auch immer- in Berlin oder Rom

Deine Mari

Antwort von shutterfly am 21.10.2021 | 13:49 Uhr
Liebe Mari,

an diesem stürmischen Tag! Ich hoffe, du überstehst ihn gut.

Herzlichen Dank für deinen ausführlichen Reiseeindruck! Das freut mich sehr. Ihr ward also auch auf dem Boot unterwegs, immer schön! Habe ich dieses Jahr nicht geschafft, entweder knallheiß oder Regen. Ach, in Rheinsberg hatten wir Schifffahrt, da hatte es gerade zu regnen aufgehört...

Also, die Ostfassade hat so wenig mit dem alten Palast zu tun wie ein Raddampfer mit einem Luxusliner. Der hatte wenigstens schöne, goldbraune Fenster. Ich verstehe die Intension - soll ja nicht DAS Schloss 1:1 sein, sondern modern, spiegelt sich auch in der Passage und an einer Seite des Schlüterhofs. Wir spazieren übrigens sehr gerne durchs Tor in den Tiergarten hinein. Oder von Friedrichstraße aus (Hinterausgang) an der Spree entlang zum Hauptbahnhof, wie du es getan hast.

Keine Ahnung, was Touristen so treiben in Berlin. Sie stehen rudelweise am Brandenburger Tor herum. Oder auf dem Ku'damm. Sehr viele ausländische Touristen besuchen aber die Museumsinsel, die wissen also mehr, als Westdeutsche. Meistens latschen sie aber nur ab, was ich an ihren leeren Augen sehe.

Drei Museen an einem Tag war mutig, aber, was soll man machen, wenn man nur kurz da ist. Habt ihr auch im "Sand" des Schlosskellers gebuddelt?

Ich freue mich wirklich, dass die Museen auf die Anmerkungen, Kritik und Vorschläge der Besucher eingehen! Erstens die Luf-Boote und dann die Alarmanlage! Prima. Hast du dir auch einen Roller gewünscht? Ja, der typische Geruch eines alten Museums fehlt, alles wirkt zu steril.

Im Asiatischen Museum waren wir dann auch schon müde und haben bestimmt einiges verpasst, weil wir den letzten Gang nicht mehr gemacht haben. Man muss sich schon reinknien und verstehen wollen, was dort geboten wird. Wahrscheinlich wäre ein Audioguide hilfreicher, als die winzigen Beschriftungen. Nächstes Mal... Und die Hocker haben gefehlt?? Oje, die werden sie doch nicht etwa weggeräumt haben?

Stell dir vor, du hättest noch die "Global Berlin"-Ausstellung mitgenommen oder die Elefanten! Und die Shops und das Lab und die Geschichte des Ortes! Nein, das ist alles zu viel und es folgen ja noch weitere Ausstellungen. Hauptsache, es hat euch irgendwie gefallen und die Architektur ist doch vom Feinsten, zumindest in der Piazza und im Schlüterhof. Die Baustelle der Wippe hat sich vergrößert, wie ich letztens sah.

Toll, dass du mich gedanklich immer mitnimmst :) Letzten Sonnabend haben wir den Reichstag besucht. Also, das Käfer-Restaurant, das Dach und die Kuppel. Auch erzählenswert. Eine Führung wäre noch besser gewesen.

Der Marathon von "Vacanze Romane" ist zu einem Halbmarathon geschrumpft. Aber es gibt noch etliche Baustellen zu beackern. Dieses Jahr werde ich auf jeden Fall fertig.

Dankeschön, dass du deine Eindrücke geteilt hast.

Alles Liebe und bleib weiterhin gesund!

Dein Stefan
10.10.2021 | 09:36 Uhr
Lieber Stefan,
diesen Bereich und somit auch das Kapitel finde ich besonders interessant. Ermöglicht dies doch ganz unterschiedliche Blicke auf die Kulturen. Deine Schilderungen sind locker und unterhaltend, außerdem – ich habe wieder was dazu gelernt.

Was den Buddhismus anbelangt, so wird dieser in den letzten Jahren als etwas gesehen, was vermutlich wenig mit der Realität zu tun hat. Er wird nicht mehr als Religion sondern als eine Art Lebensstil wahrgenommen. Vielleicht hängt dies auch mit der Unzufriedenheit was Christentum und die Kirche anbelangt, zusammen.

Ausreichend bequeme Sitzgelegenheiten- die vermisse ich oft in den Museen und Ausstellungen.

Stimmt- man darf sich nicht zu viel vornehmen. Irgendwann wird man müde und kann nichts mehr aufnehmen.

Obwohl ich es auch im Urlaub mag, ein bisschen in fremde Kulturen einzutauchen, war Indien, noch nie eines der von mir gewünschten Urlaubsländer. Irgendwie wirken viele Länder Asiens , u.a. besonders Indien, auf mich oft etwas abschreckend. Diese Menschenmassen auf den Straßen, die Armut und der Dreck in manchen Ländern.
Viele Leute lieben indisches Essen. Ich hatte jedoch jedes Mal hinterher Magen-Darm-Beschwerden. Vielleicht liegt es an den Gewürzen. Mit dem Essen beim Thai oder Chinesen hatte ich dagegen nie Probleme. Bulgur, Humus, Falafel mag ich genauso gerne wie Matjes mit Bratkartoffeln.
Ich meine gelesen zu haben, dass man gar nicht weiß, wie das Kastenwesen in Indien entstanden ist. Aber es verliert wohl in den Großstädten an Bedeutung und das ist erfreulich.

War wieder schön mit euch durch die Räume zu schlendern und zu staunen. Danke!

Bis zum nächsten Kapitel
herbstlady

Antwort von shutterfly am 10.10.2021 | 19:36 Uhr
Liebe Herbstlady,

Auch ich habe ganz viel gelernt und im Zuge dieser Kapitel noch viel mehr. Der Besuch beschäftigt mich noch heute, eben weil es eine ganz neue Erfahrung und Begegnung war. Buddhismus ist schick, wie seine Wohnung nach asiatischer Philosophie einzurichten, zu essen und überhaupt. Das mag jeder so halten, wie er will. Ich kann mit dem hyper-gestylten Zeug nicht viel anfangen und sicher lachen sie auch über uns Europäer, die das alles gar nicht richtig verstehen, aber mitmachen wollen.

Es gibt zum Glück sehr viele Sitzgelegenheiten im Forum, die auch bequem und fest sind. Nicht so wie im Kunstgewerbemuseum, die diese durchgesessenen Lederbänke haben, von denen du gar nicht mehr hoch kommst. Selbst die beiden Angestellten an der Kasse haben gejammert, als wir ihnen davon erzählten. Die Bänke sind neu und total unpraktisch.

Auch auf mich wirkt Indien abschreckend und Japan viel zu voll. Diese wuselnden Menschenmassen brauche ich nicht, habe ich hier genug. Und wie schön mögen die Meeresbuchten gewesen sein, als man sie noch nicht mit Hochhäusern und Blingbling zugestellt hat?

Ich hab nicht oft indisches Essen gegessen, wenn, dann war viel Paprika drin, was ich ja nicht esse, weil nicht vertrage. Ich hab schon drei mal nach koreanischem Essen Bauchschmerzen bekommen, da muss also was drin sein, das ich auch nicht vertrage. Am besten klappts mit Thai, das bekommt mir und ist total lecker. Tja. Das muss man also ausprobieren, ob das unsere europäischen Mägen vertragen ;-)

Ich weiß auch nicht, wie das Kastenwesen entstand. Muss ich mal nachlesen. Wahrscheinlich hat ein Reicher einfach beschlossen, dass es so ist, weil es bequem für ihn war.

Ich danke dir herzlich! Bis zum nächsten Mal. Jetzt bin ich aber noch in meiner Geschichte vergraben. Die Zielgerade ist ein Marathon...

Alles Liebe,
Stefan
08.10.2021 | 14:09 Uhr
Lieber Stefan!
Ich mochte das Kapitel wegen der vielen sinnlichen Eindrücke.
Wahnsinn, ihr habt ja eine ganze Orientreise gemacht.

Hesses Siddharta war ja Oberstufen-Literaturstoff.
Da zog Siddharta mit seinem Jugendfreund Govinda durch die Lande. Siddharta war der Sohn reicher Eltern, aber empfand eine innere Leere. Hätte er mal ordentlich arbeiten sollen…
Wo er zuerst Wissen und Ewigkeit gesucht und nicht gefunden hat, wählte er dann doch Lebenslust und Genuss. In der Mitte seiner Lebensgeschichte lt. Hesse führt er ein sehr ausschweifendes Leben, das ihm aber auch nichts gab. Die Liebe einer Frau und sein Sohn machten ihn nur für eine Weile glücklich.
Erst Govindas Kuss am Schluss bringt ihm die Erkenntnis und Vollkommenheit.
Mir gefällt Hesses Interpretation sehr gut ;)

Was für ein Anblick, was Schatzi dir da gezeigt hat.
Der Lackschirm war ein großzügiges Geschenk von Siemens.

Ich glaube, auch Österreicher führen sich daheim nicht so primitiv auf wie woanders oder am Oktoberfest, von den Deutschen sagen wir das auf jeden Fall immer im Urlaub. Ich kenne schon etliche Deutsche von dieser Seite hier persönlich, und keiner war so laut und grölend wie man Deutsche oft im Urlaub erlebt. Vielleicht sind es auch nur die feiernden Gruppen, die vielleicht in der Heimat auch auffallen in speziellen Lokalitäten,
denn verallgemeinern kann man das wirklich nicht und tun wir auch nicht.
Vielleicht will auch jeder im Urlaub die Sau rauslassen, was ich immer schade finde, wenn man sein Land so schlecht vertritt.
Es waren sicher außer euch eben nicht die kunstinteressierten Museumsbesucher bei Julchen.

Das H-F ist ja wirklich riesig.
Sicher anstrengend, und ihr habt euch Matjes bei Julchen wirklich verdient.

Das YT-Video war mega-interessant, viele Aha-Erlebnisse nun nach dem Lesen,
aber die Magie, die du beschrieben hast, konnte es nicht so wie du wiedergeben. Chapeau!

Danke für die schöne Besichtigung mit dir.
Ich wünsche euch ein schönes Wochenende.
R ❅

Antwort von shutterfly am 10.10.2021 | 19:34 Uhr
Liebe Du!

Erst Afrikafahrt, dann Orientreise, das gefiel mir. Hesses Siddharta habe ich nie gelesen, wir hatten anderen Lesestoff, aber der Kuss am Ende gefällt mir auch sehr viel besser :)

Ja, das Forum ist riesig und da passen jede Menge Museen, Ausstellungen und anderes rein. Das macht man sich erst klar, wenn man hinein geht. Ich war noch nie so kaputt nach einem Museumsbesuch wie nach diesem.

Nee, Julchen Hoppe ist eigentlich mehr für den durchschnittlichen Touristen. Ich habe dort schon Asiaten bei 30 Grad schwitzend Eisbein essen gesehen. Und die italienischen Ragazzi kamen sicher auch nicht aus dem Forum. Ist aber trotzdem anstrengend, wenn man sich entspannen will und dann so ein Radau herrscht, egal, von wem.

Ich dank dir herzlich fürs Lesen und Kommentieren! Es war nicht der letzte Besuch.

Alles Liebe nach Wien!
Stefan
05.10.2021 | 22:58 Uhr
Moin Stefan,

so schön von dir zu lesen. Ich bin sofort abgetaucht mit dir in das Forum. Nein, zuerst habe ich es von außen angeschaut. An die Kreuzdiskussion konnte ich mich erinnern. Mein Gott, hatte ich gedacht, wenn es vorher auf dem Schloss Sinn gemacht hat, weil dort die Kapelle war, dann kann es doch auf dem Neubau auch wieder drauf. Wenn man sich schon entschlossen hat, das Ensemble mit dem Berliner Dom neu erstehen zu lassen.

Dem ist aber nicht so, es gibt kein nostalgisches Erlebnis nach Art des früheren Residenzschlosses. Hier steht das Humboldtforum und nur einige Fassaden lassen das einstige Schloss als ebendieses erstrahlen. Es scheint gelungen zu sein, wie du sagst. Ein großartiger Blick also bis zum Brandenburger Tor. Ich kenne das alles bislang nur mit Bretterzäunen verbarrikadiert.

Wenn du schreibst, es sei gelungen, dann ist das so. Weil man natürlich auch den Palast der Republik hätte renovieren können. Ich bin glücklich, dass meine Hauptstadt - sie ist ja die meine, wenn auch weit entfernt – keinen nach neuesten Erkenntnissen energetisch korrekten Glasbau kreiert hat, sondern dem Schloss eine Chance gab. Ein Kreuz obendrauf hat dort natürlich gar nichts mehr zu suchen, verbietet sich geradezu, wenn dort nun die Kulturen aus aller Welt ihren Platz gefunden haben. Das schreit zum Himmel, da kann man sich nur wünschen, die Geister des ethnologischen Museums holen das Kreuz mitternachts irgendwann runter und beugen nicht ihre Knie. Wenn ich länger darüber nachdenke, werde ich richtig sauer. Der Spruch aus der Apostelgeschichte ist ein Hohn für dieses Forum. Gerade dieser Spruch war es doch mit dem die christliche Welt ihre Raubzüge untermauert hat, er war die Rechtfertigung für all die Gräueltaten der Kolonialzeit.

Alexander und Wilhelm von Humboldt wären sicherlich begeistert von diesem Forum, sie hätten das Kreuz samt Spruch zu verhindern gewusst. Weil sie mit ihrem Ansehen und ihrem Intellekt eine Erklärung abgegeben hätten. Aber von Intelligenz im Sinne von Anstand und Respekt vor historischen Zusammenhängen scheint es ja bei den verantwortlichen Bauherr*innen sehr zu mangeln. Ist Bauherr*innen jetzt korrekt geschrieben?

Statt sich grundlegende Gedanken zu machen, wurde also schön aufgepasst, dass alles political correct beschriftet wurde, allerdings nicht medical correct: ihr hattet Rücken.
Aber trotzdem habt ihr wegen der Luf Boote noch einmal eine Runde gedreht und es hat sich gelohnt. Ich sehe sie dank deiner begeisterten Schilderung direkt vor Anker liegen.

Wie auch all die anderen Exponate im ethnologischen Museum, die Township-Wall, den Thron, die Vitrinen, alles was du beschreibst, wird zu Bildern in meinem Kopf. Der Keller, in den ihr hinabsteigt und Geschichte findet, alles wir lebendig. Wäre ich Berliner, wäre ich jetzt so inspiriert und müsste gleich unbedingt ins Humboldt Forum. Bis zum 6. November noch kostenfrei. Da ich kein Berliner bin, kauf ich mir ein Bahnticket. Ich habe noch genug Guthaben bei der DB aus der unsäglichen Zeit des Lockdowns. Ist tatsächlich so! Nächste Woche bin ich seit langem wieder einige Tage in Berlin und finde hoffentlich Zeit, deine Eindrücke zu überprüfen. Die unbedingte Lust dazu ist da.

Diese von dir geschaffene Inspiration erzeugt keine noch so guten Illustration der Homepage, sondern deine persönlichen Ausführungen zur Architektur, zu den Exponaten und den Besuchern. Ich denke, du musst jedes Mal genau auswählen, was du uns unbedingt mitteilen willst. Wäre es ein Gespräch, du würdest übersprudeln von deinen Eindrücken, von deinem Wissen, von deinen Gefühlen. Dies macht jedes Kapitel von dir so interessant, lehrreich, mit einem Augenzwinkern und ob wir wollen oder nicht: es bringt uns zum Nachdenken. Zum Beispiel darüber, wo die Kulturgüter anderer Völker hingehören und was richtig oder falsch ist. Ich denke, darüber muss im Einzelfall entschieden werden. Dazu gibt es keine Grundsatzentscheidungen zu treffen. Allerdings, wenn solch ein Humboldtforum eröffnet wird, dann bringt es gar nichts die Exponate gleich mit einem schlechten Gewissen zu präsentieren. Dann kann man sie auch gleich zurückgeben Stück für Stück, so wie sie einst zusammengetragen wurden. Wollen wir aber nicht, wir wollen sie entdecken und aus der Geschichte lernen.

„Wissen ist ein Schatz; je mehr man weiß, desto furchtloser nähert man sich den Exponaten. Sie sind fremd. Sie müssen es nicht bleiben.“ Diesen Satz will ich zitieren, weil dies deine innere Antriebsfeder zu sein scheint, um uns wieder mitzunehmen in dein Berliner Museum, welches kein Museum ist. Ah ja, und deine große Freude an fremden Kulturen und vergangenen Epochen, die ist bestimmt auch maßgeblich daran beteiligt.

Ich freue mich auf mehr.
Deine Mari

Antwort von shutterfly am 06.10.2021 | 08:48 Uhr
Moin, Mari!

Toll, dass du da bist. Ja, jahrelang war die Straße nur hinter Bretterzäunen zu erahnen. Jetzt ist alles wieder frei, neue Linden angepflanzt, ein paar alte stehen ja noch. Es ist sehr schön geworden und das Ensemble der Straße ist nun wieder vollständig. Eine letzte Baustelle bleibt noch für diese Einheitswippe, auf die ich gerne verzichte. Es gibt auch tatsächlich eine Initiative, die eine Badeanstalt gegenüber des Eosander-Portals bauen will! Bloß nicht!

Die Kritik am Kreuz ist eingeschlafen; noch schlimmer der Spruch darunter, als wäre alles, was darin steht, unter der Knute des Christentums wie früher. Darüber sollte man sich aufregen, nicht über die Exponate. Ja, die Geisterahnen sollten beides runterholen.

Bauherr*innen klingt lustig ;-) Baudamen? Das ist alles absurd.

Super, dass du dir nächste Woche alles mit eigenen Augen ansehen möchtest! Dienstag ist Ruhetag. Und denk dran: gleich rechts nach der Township-Wall durch die offene Tür zu den Booten gehen. Bestimmt wird noch einiges besser ausgezeichnet werden, das sind Kinderkrankheiten und die Aufpasser dankbar für jede konstruktive Kritik, die sie weitergeben können.

Es gibt wirklich einige Highlight-Highlights in beiden Ausstellungen, die Fülle an Informationen erschlägt, man muss sich Zeit geben und wiederkommen. Und den Keller nicht vergessen.

Ich freue mich wirklich sehr, dass du Bilder im Kopf bekommst; es ist wirklich nicht leicht, das alles zu beschreiben und kann nur unzulänglich sein. Ich bin gespannt, wie das alles auf dich wirkt. Ich kann sagen, dass die Besucher sehr interessiert waren und nicht nur durchgelatscht sind. Ich hoffe sehr, dass Herrn Parzinger und Co kein schlechtes Gewissen plagt - sie machen auch nicht den Eindruck - aber sie fühlen sich in die Enge gedrängt, als wäre das alles ihre Schuld. Es ist eine so schöne Präsentation. Wenn sie nicht hier wäre, dann wüssten wir nichts über diese Kulturen, das kann doch auch nicht in ihrem Sinne sein. Nun ist sie für mich nicht mehr fremd, sondern eine große Bereicherung und Horizonterweiterung.

Herzlichen Dank für deine Gedanken! Im nächsten Teil geht es nun nach Asien. Auch mir fremd (gewesen).

Alles Liebe!
Stefan
04.10.2021 | 16:55 Uhr
Lieber Stefan,

schön, dass wir mal wieder etwas von dir lesen dürfen.
Von dem neu errichteten Berliner Schloss mit dem Humboldt Forum hatte ich schon gehört. Wir „Landeier“ beneiden euch Großstädter ja vor allem um die vielen Angebote von Kunst und Kultur und das Forum soll nicht nur das bieten, sondern auch ein Zentrum für Wissenschaft und Bildung sein. Da geht es um Kulturen aus der ganzen Welt, um historische und aktuelle Themen.
Ich denke, mir würde diese Vielfältigkeit gefallen.
Warum man ein Kreuz auf so einem Gebäude anbringt ist mir unverständlich. Dies war doch auch nicht von dem Architekten vorgesehen, sondern erst später (finanziert durch eine private Spende) wurde entschieden, dass das alte Kreuz auf die Kuppel gesetzt wird.
Von den Humboldt-Brüdern hast du schon mal berichtet. Sie waren wirklich vielseitig begabt, Vordenker und Reformer. Manche ihrer Ideen sind auch heute wohl noch aktuell.

Ich muss gestehen, ich finde diese geforderte politische Korrektheit in der deutschen Sprache etwas übertrieben. Für mich besteht z.B. ein großer Unterscheid zwischen einem Schimpfwort wie „Neger“ und der Bezeichnung „ Schwarzer“ oder „Dunkelhäutiger“. Inzwischen ist sogar das Zigeuner-Schnitzel von den Speisekarten verschwunden. Es ist falsch von Eskimos statt von Inuits zu sprechen. Die Mohren-Apotheken müssen umbenannt werden und Pippi Langstumpf soll künftig nicht mehr zum „N-König“ sondern zum Südseekönig reisen. Nicht immer Political Correct zu sein bedeutet doch nicht, dass man Diskriminierung gut findet. Wichtiger ist meiner Ansicht nach, wie man miteinander umgeht.

Seit vielen Jahren fordern verschiedene Staaten die Rückgabe von gestohlenen Kunstwerken. Aber nicht alles aus anderen Ländern, was in unseren Museen ausgestellt ist, ist geraubte Kunst. Es gab auch früher schon einen Markt für Europäer, wo sie halt bestimmte Dinge bestellt oder in Auftrag gegeben haben und nach Europa brachten. Und wie soll sichergestellt werden, dass die Sachen dann für die Allgemeinheit im Herkunftsland zu sehen sind? Es sollen auch schon zurückgegebene Kunstwerke dann anderweitig verkauft worden sein. Ich bin da etwas zwiegespalten. Hier sollte aus meiner Sicht von Fall zu Fall entschieden werden und keine grundsätzliche Vorgehensweise gelten. Auch frage ich mich in solchen Dingen immer wieder wo man anfangen und aufhören soll. Überall auf der Welt geschah (geschieht noch immer) diese Art von Unrecht. Vieles kann nicht rückgängig gemacht werden. Wichtig wäre doch, dass wir dazu stehen und es zukünftig besser machen.

Herzliche Grüße
herbstlady

Antwort von shutterfly am 06.10.2021 | 08:47 Uhr
Liebe Herbstlady,

Berlin erwacht aus dem Corona-Schlaf. Nach so langer Zeit muss ich mich erst wieder an die Fülle, den Lärm und das Gedrängel gewöhnen. Ich finde es nicht so schön und trauere dem langsameren Fluss nach - nur nicht der Ursache dafür.

Warum gerade das Humboldt-Forum derart angefeindet wird, kann ich nicht nachvollziehen. Ja, es war teuer (aber zum allergrößten Teil durch Spenden finanziert), aber der Nutzen ist unendlich größer. Sowas haben wir hier in der Stadtmitte gebraucht, eine ganz andere Art von Museum. Gestern habe ich einen Bericht über das neue Munch-Museum in Oslo gesehen, das mir in seiner Form großartig gefällt und auch von vielen abgelehnt wird. Man kann es nicht allen recht machen.

Die neue Korrektheit in der Sprache nervt auch mich. Man kann gar nicht mehr reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist, sondern setzt ständig eine Schere im Kopf an. Was darf man sagen, was nicht, wie sagt man es? Und am Ende sagt keiner mehr irgendwas. Jeder fühlt sich nur angegriffen, dabei ist es oft nie so gemeint. Gestern gabs einen hochinteressanen Beitrag in "Leschs Kosmos" über den Genderwahn. Das war mal ein intelligenter Beitrag über Maskulinität, Frauen-Toiletten und weibliche Crashtest-Dummies.

Ich denke auch, dass so ein "Museum" einen wichtigen Beitrag stellt, damit wir es in Zukunft besser machen. Bevor man etwas anders machen kann, muss man die Vergangenheit kennen und das Humboldt-Forum versucht wirklich, den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Jedenfalls eine hochinteressante Ausstellung mit einer Art von Kunst, mit der man sonst nicht in Berührung kommt.

Schön, dass du da bist! Ich danke dir herzlich und bis zum nächsten Kapitel!

Liebe Grüße,
Stefan
02.10.2021 | 17:49 Uhr
Lieber Stefan!
Freut mich, dass du wieder mit deinen Lesern durch Berlin spazierst!
Unregelmäßig zu posten, wenn ihr etwas erlebt und du inspiriert bist, finde ich sehr angenehm.
Es gibt auf FF übrigens als dafür passenden Geschichtentyp: Sammlung.

Ich liebe den Titel!
Berliner Luft = Pfefferminzlikör extra strong oder doch der Song:
"Das macht die Berliner Luft, Luft, Luft
So mit ihrem holden Duft, Duft, Duft
Wo nur selten was verpufft, -pufft, -pufft
In dem Duft, Duft, Duft
Dieser Luft, Luft, Luft." *lol*
Sicher die Großstadtluft, aber Berlin hat ja sehr viele Grünflächen und Naherholungsgebiete, also wird die Berliner Luft nicht so schlimm sein.

Die Gebrüder Humboldt waren keine christlichen Missionare sondern Forscher und Denker der Aufklärung. Du hast sie uns schon mal vorgestellt.
Und in vielem wären sie noch heute erstaunlich modern, dass alles Wechselwirkungen sind.
Außerdem haben sie mit ihren Reisen zur Zoologie und Geographie beigetragen. Sie haben auch viel zum Ruhm des Kaisers beigetragen.

Kreuze gehören auf Kirchen, ich frage mich gerade, ob im tiefkatholischen Ö überhaupt Kreuze außen/oben auf Schlössern sind. Wenn ja, dann sind sie mir nie aufgefallen.
Mir gefiel der Abschnitt sehr, wo du über die Geschichte schreibst, die ausradiert wurde. Sowohl fremde als auch deutsche.
Ich bin da eher wenig zwiegespalten. Sicher alles sehr schön (inkl. der U-Bahn-Station) für Touristen, die Berlin noch nicht kennen, aber es ist immer viel mehr schade um das, was nicht mehr vorhanden ist, aber Jahrhunderte überdauert hatte und weiter mit entsprechender Restauration hätte.

Also scheinbar auch hier eine digitale Führung dazu. Interessant, aber ich erlebe lieber die echten Eindrücke, eine gute Doku kann man auch im TV sehen. Da gefällt mir der reale Abstieg in den Untergrund schon besser.
Mit Mitmachstationen bringt man Familien mit Kindern dazu, ins Museum zu gehen.
Riechstationen zu Corona-Zeiten und Tanz im Iglu? Ich bin verwundert. Wir waren am Freitag erst in einer Galerie (World-Press-Photo-Award 2021), aber nur 3G und selbst Geimpfte nur mit FFP2-Maske.

Es muss wirklich riesig sein so wie du es beschreibst. Und ganz schön anstrengend.
Und immerhin auch so groß, dass es nicht in 1 Kapitel passt (zum Glück, denn man soll es in Ruhe lesen und nicht nur oberflächlich drüber, dafür gibt es zu viel Verschiedenes zu „schauen“).

Dass man manches nicht mehr sagen darf, ist schwierig für diejenigen, die es so noch in den Schulbüchern haben,
aber dass ganze Werke gesperrt werden, bis sie umgeschrieben werden, wie Pippi Langstrumpf, finde ich nicht so lustig, wenn die Autoren dazu bereits tot sind.
„Schwarzer“ darf ich nicht mehr sagen, aber „Black Live Matters“ ist selbst in Corona-Zeiten eine Demo, die gerne gesehen war und wo weder wegen der fehlenden Masken, der vielen zehntausenden Menschen noch wegen der Bezeichnung Einspruch war.
Und es fehlt oft das kulturelle Wissen beim „Radieren“. Unser Kinderspiel „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann“ fiel dem zum Opfer in den Kindergärten. Aber der schwarze Mann war kein Afrikaner, sondern der Kohlenlieferant, der (noch meinen Eltern zu meinen Lebzeiten) Kohle, Koks und Briketts ins Haus geliefert hat zum Heizen, als es noch keine Zentralheizungen gab, und der eben wie früher auch die Schornsteinfeger schwarz eingestaubt war. Und Kindern wurde eben oft damit gedroht, wenn sie nicht brav waren. Das mag nicht pädagogisch gewesen sein, aber dafür hat das lustige Kinderspiel wieder vieles gut gemacht, bloß rassistisch war davon gar nichts.

Mensch, was hat man denn geglaubt, bei wem Laschet sein Kreuzchen machen wird?
Als ob irgendjemand sich ernsthaft überrascht gefragt hätte, welche Partei oder welchen Kandidaten ein Politiker wohl wählt? *lol*

Museen bewahren ja auch alte Kunst. Bitte nicht in Kriegsländer zurückschiffen.
Im Gegenteil, in Ö gibt es viele private Sammlungen in den div. Museen. Reiche Familien, die Gemälde über Generationen gesammelt haben (und ich meine wirklich dafür bezahlt), geben sie nun an Museen ab. Sie bleiben in ihrem Besitz, aber Versicherungsprämien sind so horrend, die Angst vor Diebstahl, viele alte Werke muss man auch bei spezieller Temperatur oder Luftfeuchtigkeit lagern, das kann ein Museum besser leisten, und wenigstens hat auch der Kleine Mann was davon, nicht nur der reiche Gast in der Privatvilla.
Wer heute in Museen geht, der hat Ehrfurcht vor den Schätzen. Alle anderen gehen gar nicht hin.

Die Eingeborenen-Kultur bzw. die Musikinstrumente sind so toll für uns zu bestaunen auf sinnlicher Ebene, schön präsentiert. Würde man sie zurückschicken, wären sie wohl in der Heimat noch so wertgeschätzt? Denn auch diese Kultur ist doch heute längst eine ganz andere.
Schade, dass die Beschriftung so blöd angebracht ist. Da schauen sie alle länger auf den Boden als aufs Exponat.

Vieles ist passiert, das nicht rechtens war, das geht zurück bis ins Römische Reich, durch alle Jahrhunderte.
Es würde schon genügen, wenn wir es heute besser machen würden, aber davon sind weltweit alle Politiker mehr als nur weit davon entfernt. Und auch große Firmen wie Amazon.
Und Sklavenhandel gibt es heute auch noch. In vielen Ländern Zwangsarbeit, Zwangsprostitution, Kinderarbeit, Kinderehen, Rekrutierung von Kindersoldaten…
Auch prekäre Arbeitsverhältnisse auf den Feldern und der Fleischindustrie. War während Corona ein großes Thema, wenn dort Cluster entstanden.
Junge Mädchen und Frauen aus Osteuropa werden unter falschen Versprechungen von organisierten Banden nach Westeuropa gelockt, indem man ihnen eine lukrative Arbeit als Serviererin oder Au-pair-Mädchen verspricht. Am Ziel ihrer Reise werden sie ihrer Papiere beraubt, vergewaltigt und mit roher Gewalt in unwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen gehalten und im Rotlichtmilieu versklavt. Schätzungsweise werden so in der EU jedes Jahr mehrere Tausend Zwangsprostituierte durch Menschenhändler an Zuhälter verkauft. Die genötigten Frauen können sich weder wehren noch ihren Arbeitsunterhalt auf andere Weise bestreiten, da sie in der Regel keine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung besitzen.
Bauarbeiter, die um ihren Lohn geprellt werden. Arbeiterinnen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen Textilien für den Weltmarkt herstellen. Kindersklaven, die Lithium abbauen für Smartphones und Computer und Akkus. Auch für die E-Autos.
Die Formen extremer Arbeitsausbeutung und Sklaverei sind vielfältig und es gibt sie auch bei uns.
Bis ins 20. Jahrhundert hinein war Kinderarbeit in ganz Europa weit verbreitet. Deutschland bildete da keine Ausnahme. Gesetze konnten nicht verhindern, dass bis in die 1930er Jahre hinein sogenannte Schwabenkinder auf den deutschen Bauernhöfen schufteten. Aus Österreich, Graubünden oder Südtirol kamen Kinder, oft nicht älter als zwölf Jahre, zu Fuß über die Alpen.
Zuhause konnten die Eltern die kinderreichen Familien nicht mehr ernähren, also wurden die Kinder in die Fremde geschickt. 1930 kamen die letzten "Schwabenkinder" nach Deutschland.
Für Kinder, die aus dem Ausland nach Deutschland kamen, galten weder Schulpflicht noch Schutzgesetze, und so wurden diese Mädchen und Jungen auf Kindermärkten an die Bauern vermietet. Wie die Kinder behandelt wurden, ob sie genug zu essen bekamen, hing stark vom einzelnen Bauern ab.

Wie ich sagte: Vergangenheit ist Vergangenheit. Aber was wir heute tun, zählt.
Was wird man einige hundert Jahre später über das 21. Jh. schreiben?
Es war wieder ein sehr interessantes Kapitel, ausgewogen zwischen Schönem und Kritischen,
gute Links dazu.

Danke für dein Hiersein und dein Schreiben.
Stern ist angehängt.

Komm gut durch den Oktober!
Bleib gesund und pass gut auf dich auf.
R ※

Antwort von shutterfly am 02.10.2021 | 20:05 Uhr
Liebe Netzspätzin!

Das war eine ganz spontane Idee, ich wollte meine Muse wieder anlocken und es scheint funktioniert zu haben :) Es wird ganz unregelmäßig sein, die andere Geschichte hat Priorität.

Sammlung? Ach, ich hab dasselbe genommen wie immer.

Jaja, die Berliner Luft. Ist auch nicht mehr, was sie mal war. Aber nicht so schlimm, außer in gewissen Straßen. Gibts auch als Souvenir in Dosen! ;-)

Die Humboldts waren toll, zum ersten Male kamen Fremde nicht als Eroberer, sondern als Entdecker mit allem Respekt und aller Demut. Was wären wir ohne die Stein- und Pflanzensammlungen? Und die vielen Selbstversuche Alexanders?

Ich glaube, hier steht auf jeder Kirche ein Kreuz, so viele sinds ja auch nicht. Aufs Humboldt-Forum jedenfalls gehört keins, das macht mich sauer. Der Palast hätte mit dem Forum fusionieren können, aber man hat uns eingeredet, da wäre nix mehr zu retten, pfff. Das war pure Ideologie. Wenn man Geschichte bewahren will, dann bitteschön nicht nur die, die einem genehm ist. Das Olympiastadion steht ja auch noch.

Der Schlosskeller gefällt mir mit am besten. Maske muss man natürlich durchgängig tragen, auch das ist anstrengend nach ein paar Stunden. Gerochen werden durfte auch nur mit Maske, ich hab heimlich an ihr vorbeigerochen, und der Tanz war nur zwei Personen gleichzeitig gestattet. Ging auch nur ein paar Minuten, dann musste man wieder raus. Nach dem Impfstatus fragt hier kaum noch jemand, im Freien sowieso nicht. Im Restaurant schon, da kommt man so nicht rein. Aber noch ist ja Terrassenwetter.

Der Laschet ist auch wirklich ein Unglücksrabe. Die Wahl ist natürlich geheim und niemand darf sehen, was du da in die Urne schmeißt. Natürlich weiß jeder, dass er sich selber wählt, aber das Prinzip muss aufrecht erhalten bleiben.

Die Ausstellungen sind super-riesig! Viel zu groß eigentlich, eine reicht völlig; die zweite sollte man auf einen anderen Tag verschieben. Aber wie das so ist... ich bin halt furchtbar neugierig. Auf jeden Fall werde ich nochmal hingehen, beim zweiten Mal sieht man mehr und fragt sich nicht aufgeregt, was ist hinter dieser Wand oder im nächsten Raum?

„Black lives matter“ müsste man eigentlich auch einstampfen. Darf man ja nicht mehr sagen. Und der schwarze Mann war auch hier der Kohlenmann oder Schornsteinfeger. Mannmann, das ist alles Unsinn.

Ich hab ja nun wirklich jede Menge Videos gesehen, wo es um den Kolonialismus und Provenienzen geht, da ist auch oft der Parzinger dabei, der Chef der Stiftung, der sich alle Mühe gibt, die Aufgeregten im Zaum zu halten, die ihn manchmal ziemlich nassforsch angehen, als wären sie die Guten und er der Böse. Er hat doch die Sachen nicht hergeschleppt. Überall stehen jetzt Aufsteller, wo, wann, wo, wer und warum das hergebracht hat. Liest doch eh keiner. Es ist nicht so, dass mir das egal ist, beileibe nicht. Es ist auch gut, dass darüber diskutiert wird, der Kolonialismus ist einfach kein Thema gewesen. Die Aufarbeitung ist wichtig, aber man muss die Kirche im Dorf lassen. Auf keinen Fall dürfen die Güter in Kriegsländer zurück, dort werden sie gegen Waffen verscherbelt oder verstauben einfach, weil niemand Geld hat, sie anzusehen.

Ich weiß nicht, ob man die alten Stücke in den Herkunftsländern so wertschätzt, wie wir es tun. Es ist ja keine hervorstechende Kunst an sich, sondern Gebrauchsgegenstände, die für uns exotisch sind, für sie aber zum täglichen Gebrauch bestimmt waren. Trotzdem ist es hochinteressant, sie zu sehen, weil es eine ganz andere Richtung ist, als wir bislang in Berlin gewohnt waren. Okay, vieles war im Ethnologischen Museum in Dahlem, aber das ist tatsächlich am Arsch von Berlin und war kaum besucht.

Ich verstehe die Sammler, die ihre Schätze an Museen aus deinen genannten Gründen abgeben. Es kann sich nicht jeder ein eigenes Museum bauen wie Herr Plattner in Potsdam, wo er seine Privatsammlungen ausstellt und spektakuläre Ausstellungen macht.

Die moderne Sklaverei deckt alles ab, was du erwähnst und ich stimme dir hier hundertprozentig zu. Es wäre schön, wen diese Hysteriker sich darum genauso Sorgen machen und kümmern würden wie um die toten Dinge, die im Museum stehen. Unsere Welt ist ein Tollhaus, es gibt genug zu tun, anzuklagen, zu verändern, auf die Füße zu stellen. Die Geschichte können wir nicht ändern, wohl aber die Zukunft. Dazu kann so eine Ausstellung durchaus beitragen, denn erst durch die Vergangenheit lernen wir, es in Zukunft besser zu machen. Wer aber will das wirklich verändern? Zu viele Leute profitieren davon.

Es gibt einen tollen Film „Schwabenkinder“ mit dem von mir hochverehrten Tobias Moretti. Sollte man sich auch mal wieder angucken.

Danke fürs Sternchen! Pass auch du gut auf dich auf, wir hören uns wieder.
Herzliche Grüße!
Stefan
02.10.2021 | 14:13 Uhr
Meine Heimatstadt durch deine Augen noch einmal neu zu entdecken hat mir viel Freude bereitet. Ich bin hier geboren und niemals weggegangen, aber im Alltag wird man schnell blind für das Besondere.
Ich mus gestehen, ich schaue mir selten die Schätze und Neuerungen der Stadt an, doch deine Erlebnisse machen mir Lust wieder ein wenig auf Entdeckungstour zu gehen. Und ich muss dir zustimmen, der neue U-Bahnhof Museumsinsel ist wirklich toll mit diesem Sternenhimmel. <3

Ich freue mich aud den zweiten Teil und bin gespannt. :D

Antwort von shutterfly am 02.10.2021 | 18:40 Uhr
Hallo kleiner Drache!

Ja, im Alltag wird man schnell blind und hat keine Zeit. Wenn man welche hat, ist schlechtes Wetter oder Bahnstreik oder am Wochenende generell zu vollgestopft. Fürs schlechte Wetter bleibt immer noch das Museum. Da wir reich an Museen sind und immer wieder Sonderausstellungen dazu kommen, wird’s nie langweilig. Auch ich bin niemals weggegangen aus Berlin, ich wüsste nicht wohin, außer in ein Haus in der Toskana :)

Die neuen U-Bahnhöfe sind schön geworden, grade mit den vielen alten Fotos und Gemälden und natürlich dem Sternenhimmel. Hoffentlich bleibt es so sauber. Vor allem sind sie praktisch, man spart sich jede Menge Wegstrecke

Der zweite Teil kommt nächste Woche. Danke fürs Lesen!

Herzliche Grüße,
Stefan
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