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Autor: Taudir
Reviews 1 bis 13 (von 13 insgesamt) für Kapitel 1:
Ophelias (anonymer Benutzer)
12.05.2021 | 17:15 Uhr
Hi,

Ganz allgemein hab ich zu dem Thema genderneutrale Sprache eine Laisser-faire-Einstellung - soll halt einfach jeder machen, wie's ihm passt, und in fünfzig Jahren schauen wir nach, was sich durchgesetzt hat.

Was ich so als Kernaussage deines Artikels wahrgenommen habe, war, dass du nicht willst, dass man genderneutrale Sprache durch Verbote durchsetzt. Da bin ich ganz bei dir - für das Thema irgendwelche offiziösen Regeln aufzustellen, finde ich auf jeden Fall falsch.

Ich glaube aber, dass viele Leute genderneutrale Sprache nicht benutzen, weil sie Angst haben, gecancelt zu werden, sondern weil sie es eben - aus welchen Gründen auch immer - tatsächlich für nötig und sinnvoll halten. Dann ist es ja irgendwie natürlich und sogar im Sinne einer Sprachevolution, dass man sich überlegt, wie man die Wörter abwandeln kann.

Bei dir klingt das so, als wäre Sprachevolution immer eine komplett homogene Entscheidung. Plötzlich ist das Wort da und alle benutzen es. Aber wir sehen ja gerade, dass das nicht so ist - die einen Leute benutzen gendergerechte Sprache und halten sie für sinnvoll, die andern tun's halt nicht.

Ich bin mir ehrlich gesagt nicht mal sicher, wie sinnvoll ich Debatten über so ein Thema überhaupt finde. Am Ende des Tages wird dieser Konflikt im Laufe der Zeit sowieso von uns allen unterbewusst gelöst werden. Ich persönlich lehn mich einfach mal zurück und lass mich überraschen.

Bloß wegen Gendersternchen den Untergang unserer Sprache und Kultur an die Wand zu malen, finde ich allerdings ein bisschen übertrieben.

Liebe Grüße,
Ophelias
10.05.2021 | 09:35 Uhr
Hallo, ich wurde auf deinen Text über die FF Empfehlungen aufmerksam und da ich mich mit dem Thema häufig auseinandersetze, wollte ich mal lesen was du dazu schreibst.
Ich muss sagen: ich stimme dir in vielen Punkten nicht zu. Du versuchst im ersten Teil darzulegen, dass Sprache nicht unser Denken beeinflusst. Das sehe ich völlig anders. Sprache ist - wie du ja schreibst - das Transportmittel unserer Gedanken. Gedanken jedoch, die durch Sprache vermittelt werden, können selbstverständlich andere beeinflussen. Ob nun direkt, in dem man jemanden bsw zum Lachen bringt oder jemanden beleidigt, oder unterbewusst, indem man Sachverhalte impliziert.

Zu deinem anderen Argument nur ein kurzer Denkanstoß: du kritisierst, dass beim wissenschaftlichen Arbeiten das Gendern mittlerweile Pflicht ist und dass du das als Zwang empfindest. Aber: das liegt doch in der Natur des wissenschaftlichen Arbeitens, dass es extrem feste Regeln gibt, die man nicht alle nachvollziehen kann, aber die man einhalten muss. Das Gendern ist dabei mein geringstes Problem.. :D
Es muss dabei eben alles einheitlich sein.

So jetzt habe ich einige meiner Gedanken formuliert. Nimm es mir nicht übel, dein Essay fordert ja geradezu zu einem Meinungsaustausch heraus.
Liebe Grüße, Elena
30.04.2021 | 15:38 Uhr
Genial! Du sprichst mir aus der Seele!

LG
Gundolf
21.04.2021 | 13:31 Uhr
Wow! Ich habe diesen Essay mit Begeisterung für mein bevorstehendes Deutsch-Abitur gelesen und muss sagen, dass dein Essay sprachlich überaus gelungen ist und dass du deine Meinung sehr schön und bildlich dargestellt hast.
Weiter so!
15.04.2021 | 22:46 Uhr
Hallo Taudir,
Ich werde nicht mit einem Essay auf Deinen reagieren. Dennoch will ich betonen, daß ich Dir zustimme.
Die Rechtschreibung wurde reformiert, damit alle Deutschsprachler, auch die in Österreich und der Schweiz, das gleiche Schriftbild bieten. Das stimmt nur nicht, da es immer noch länderspezifische Eigenheiten gibt. Das finde ich beruhigend. Das einzige, was mich daran ärgert, ist der Zwang, daß wir uns an die neuen Regeln halten sollen. Wenn man jetzt bedenkt, wie viele Neuregelungen still und heimlich zurückgenommen wurden, hoffe ich sehr, daß die *-Unkultur auch bald wieder in der Versenkung verschwindet. 'Augen zu und aussitzen' hilft vielleicht auch hier, eventuell verstärkt durch den Boykott der so verunstalteten Texte.
LG Bihi
Eaerendil (anonymer Benutzer)
14.04.2021 | 22:34 Uhr
Lieber Taudir, vielen Dank für deinen Text. Du legst sehr schlüssig dar, dass es keine schlagenden Gründe gegen das Gendern gibt und während ich es bisher eher sporadisch angewandt habe, werde ich das jetzt wohl sehr viel konsequenter tun.

Du sagst zu Recht, dass Denken unsere Sprache beeinflusst – Glückwunsch für diese Erkenntnis! Dem würden bestimmt alle Genderbefürworter*innen vehement widersprechen^^
Was du zum Glück nicht behauptest, ist, dass das eine monodirektionale Verbindung ist und somit eines das andere ausschließt. Ich habe mir als Kleinkind keine neue Sprache ausgedacht, sondern die übernommen, die mir beigebracht wurde, und die hat ganz entscheidened mein Denken beeinflusst – ja, überhaupt erst in der jetzigen Form ermöglicht. Und so habe ich neben vielem anderen auch gelernt, dass ich für fast alle Berufsgruppen einen spezifisch männlichen Vertreter mit dem gleichen Wort beschreiben kann, mit dem ich auch allgemein diese Berufsgruppe betitele. Die sind also gewissermaßen der Standard. Will ich eine weibliche Vertreterin beschrieben, so muss ich diesen Standard erst noch abändern, also gewissermaßen die Ausnahme herausarbeiten. Außer bei der Putzfrau.
Das Erschreckende ist natürlich erst einmal, dass das auch großteils die Realität abgebildet hat. Das ist aber ja zum Glück im Umbruch, es gilt also zunehmend eine neue Realität abzubilden.
Ursächlich dafür, dass Gendern inzwischen ein größeres Thema ist, ist also eine in Änderung begriffene Realität und ein gesteigertes Bewusstsein für Geschlechtergerechtigkeit, somit also eine Änderung im Denken, welcher auf Grundlage der von dir aufgezeigten Logik ja jetzt dann eine Änderung in der Sprache fast schon folgen muss.

Du sagst, der Sprache geht das Denken voraus. Ja, der Sprache geht das Denken der sprechenden Person voraus. Als hörende oder lesende Person FOLGT aber das Denken auf die wahrgenommene Sprache. Ich habe (um bei deinem Beispiel zu bleiben) von einem Computer gehört, lange bevor ich einen gesehen habe oder eine Vorstellung davon hatte, was ihn ausmacht. Wie er mir mit Sprache erklärt wurde, hat also alleinig mein Denken über und meine Vorstellung von einem Computer bestimmt. Die Sprache, die auf mich gewirkt hat, ist dem Denken von Menschen entsprungen, deren Kenntnisstand und vielleicht auch Anschauung von der meinen abwichen. Das hat natürlich mein Denken beeinflusst.

Ich finde es spannend, dass du eine „Sprach-Dikatur“ fürchtest und mir dann vorschreibst, dass ich kein Recht habe, Sprache zu verändern, das klingt sehr autoritär (fast schon diktatorisch).
Du vermischst hier wie ich finde zwei unabhängige Dinge: Wie du sehe ich es sehr kritisch, Menschen rechtlich vorzuschreiben, was sie und wie sie es sagen dürfen. Das hat im Kern aber rein gar nichts mit der Sinnhaftigkeit einer Bewusstseinsänderung zu tun, die sich auch in Sprache niederschlagen darf. Und als überprivilegierte cis-männliche Verteter haben wir in diesem Fall auch einfach nicht das letzte Wort, denn um uns geht es ausnahmsweise dabei mal nicht.

Du schreibst, Sprache sei ein evolutionäres Produkt UND unabhängig von den Launen der diese Sprache Sprechenden. Das wirft die Frage auf: Wer oder was bestimmt denn diesen evolutiven Prozess, wenn nicht die Sprechenden selbst es sind? Wer hat erreicht, dass wir das kolonial geprägte N-Wort überwunden haben? Wenn es nicht die Menschen waren, die Sprachen sprechen, dann bin ich sehr gespannt, wer das wohl war.

Ich bin unsicher, ob ich in deiner dargelegten Ansicht, dass Frauen und Kater ein gleichwertiges Sprachverständnis haben, auch die Motivation für deine Ablehnung des Genders sehen darf. Oder wie genau soll ich mit maximiertem Wohlwollen diesen Satz: „Dass sich der Kater, wenn wir ihn als „Katze“ bezeichnen, weder diskriminiert fühlt noch in eine gesellschaftliche Rolle gezwungen, die er nicht innehaben will, ist klar.“ anders auslegen? „Hei, hab‘ dich mal nicht so, die, die nicht verstanden haben, was ich gesagt hab‘, haben sich auch nicht darüber aufgeregt!“??? Sehr schlüssiges Argument…

Liebe Grüße, Eärendil
14.04.2021 | 12:25 Uhr
Hallo Taudir,

ich habe deinen Essay gerade gefunden und finde es sehr gut herausgearbeitet. Es stimmt, dass Sprache die Diskriminierung nicht abschaffen wird. Sexisten werden immer Wege finden, um ihre Diskriminierung auszudrücken, solange man freiheitliche Ideale hat. Man könnte dies tatsächlich nur aushebeln indem man streng reglementiert, was ausgedrückt wird und wie dies geschieht. Und in der Tat ist es nicht hilfreich, wenn diese Reglementierung, auch wenn sie auf den guten Zweck der Inklusion abzielt, autoritär durchgesetzt wird. Ist es nicht sogar schon totalitär, wenn man versuchen würde, von einer hohen Instanz die Sprache der Menschen so zu reglementieren?

Ich persönlich finde die Idee hinter dem Gendern gut. Es bereichert eine Sprache, wenn man neue Möglichkeiten findet, etwas auszudrücken.
Ich finde nur den Ansatz einen falschen. Das Gendersternchen ist ein Konstrukt, dass immer Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird und somit niemals normal benutzt werden kann, ohne als Statement benutzt zu werden. Aber ist es nicht das Ziel, dass die Frauen und andere Geschlechter, die sich durch das generische Maskulinum nicht repräsentiert fühlen, so in die Alltagssprache zu intergieren, dass sie normal immer mitgemeint sind, wenn sie mitgemeint sind? Das Konstrukt mit dem Gendersternchen sticht aber sowohl in der gesprochenen Sprache als auch in der Schriftsprache derart heraus, dass es immer ein explizites Mitmeinen ist. Und wird damit nicht Tür und Tor für Lippenbekenntnisse geöffnet, um diejenigen zu diffamieren, die es eben nicht explizit aussprechen?

Ich hätte einen anderen Ansatz dazu, der unsere Sprache ebenso bereichert, aber diese Sonderstellung nach einer Zeit verliert. Aber dazu später mehr.

Ich möchte in Bezug auf die Frage, ob wir das Recht dazu haben, die Sprache zu ändern, eine etwas andere Sichtweise anbringen:
Wenn wir nicht das Recht dazu haben, dann hat es niemand. Doch wenn es niemand hat, dann darf es auch nicht willentlich geändert werden. Ich finde, jeder Sprecher darf die Sprache ändern. Jedoch muss er dabei zwei Dinge beachten:

Zum einen muss er beachten, dass er noch verstanden werden. Er sollte es nicht übertreiben und jetzt bspw. für alles neue Worte erfinden. Dann wird er nicht mehr verstanden und hat damit den großen Zweck von Sprache verfehlt.

Zum anderen darf er seine Änderung niemandem aufzwingen. Das ist der Punkt, den du angesprochen hats, denn derartige Manipulation ist gefährlich und totalitär. Es muss also eine Änderung im freien Diskurs aller Sprecher geben. Ich schlage also eine Änderung vor, und jemand anderes schlägt eine andere vor und irgendwann wird man sehen, welche sich durchgesetzt haben wird.

Eine Zwangsnutzung des Gendersternchens ist demnach also wirklich falsch, weil sie den zweiten Punkt nicht erfüllt.

Ich schlage nebenbei als Alternative zum Gendersternchen eine neue geschlechtsunabhängige Endung vor, die wir einfach an den Stamm der Berufsbezeichnung hängen. Hier würde ich auch einfach so vorgehen, dass man einfach ein paar vorschlägt, die schön klingen und dann die Sprecher entscheiden lässt, welche sich durchsetzen wird. In 50 Jahren oder so kann man dann die am häufigsten genutzte in die Grammatik übernehmen.

So, langer Text, kurzer Sinn:
Ich fand den Text hier sehr schön und durchdacht. Weiter so!

Mit freundlichen Grüßen
Methos der Eine
13.04.2021 | 21:10 Uhr
Ich finde es sehr schön, dass das Thema hier mal so ausführlich aufgegriffen wird und sachlich Gegenargumente gebracht werden. Habe diesen Essay gerade in den Social Media-Empfehlungen gefunden, und da mir das Ganze mit dem Gendern auch immer wieder sauer aufstößt, musste ich mir den Text auf jeden Fall mal anschauen. Am Rande erwähnt - ich sage das als jemand, der selbst 'queer' ist (ordne mich als transmännlich ein, fühle mich oft aber auch weder wirklich männlich noch weiblich, also mehr dem Begriff 'non-binary' entsprechend) und absolut gegen klassische Geschlechterrollen und Geschlechterdiskriminierung. Ich sehe es aber genauso, wie in diesem Essay beschrieben. Durch die Sprache ändert sich nichts an der Diskriminierung. Es wäre schön, wenn man die so einfach loswerden könnte, aber so ist es nun mal nicht und so wird es auch nie sein, denn es wird vermutlich immer Menschen geben, die eine festgefahrene Meinung zu Männern und Frauen haben. Vielleicht - wünschenswerterweise - wird das mit der Zeit immer weniger und die Gesellschaft immer offener. Aber sicherlich nicht durch die Sprache. Wenn jemand frauenfeindlich ist, dann wird dieser Mensch nicht plötzlich 'erleuchtet', nur weil er von anderen um sich herum möglicherweise immer öfter hört, dass sie "zur Bäckerin gehen" statt "zum Bäcker". Ich würde vielleicht sogar das Gegenteil vermuten - dass solche Leute von dieser neuen Sprache so genervt sind, dass sie ihre Meinung erst recht weiter vertreten. Ich meine... nochmals gesagt, ich bin komplett GEGEN Diskriminierung jeglicher Art, und selbst ich bin davon genervt. 'Zum Bäcker' oder 'zum Arzt gehen' sind eben bestehende Begriffe, die von einem Beruf sprechen. Wenn ich da gezielt von einer Frau spreche, die ich persönlich kenne, dann benutze ich auch die weibliche Form. 'Meine Ärztin'. 'Arzt' ist aber eine Berufsbezeichnung und ein geschlechtsneutraler Begriff, es sollte klar sein, dass damit nicht nur männliche Ärzte gemeint sind. Wenn ich im Fernsehen höre "(...) fragen Sie Ihre ÄrztInnen oder ApothekerInnen", dann denke ich keine Sekunde lang, dass sich das weniger diskriminierend anhört. Ich denke nur, dass es total holprig und umständlich klingt und unsere Sprache kaputtmacht. Zumal 'ÄrztInnen und ApothekerInnen' sich in meinen Ohren auch eher anhört, als würde man die weibliche Form bloß stockend aussprechen.

Das Gender-Sternchen finde ich persönlich nicht so tragisch für die Sprache, da es zumindest nicht mitgesprochen wird und tatsächlich den Zweck erfüllt zu zeigen, dass nicht nur Cis-Männer- und Frauen sondern auch Transpersonen und alles dazwischen einbezogen sind. Ist ja auch nicht immer selbstverständlich. Mir hat das zum Beispiel schon mal geholfen, als ich mich über einen queeren Treffpunkt informiert habe, den ich besuchen wollte, bei dem ich spezifisch zu einem Jungs*treff gegangen bin. Das Sternchen hat mir in dem Fall verdeutlicht, dass es okay ist, da auch als Transjunge/mann hinzukommen. Inzwischen würde ich das ohnehin im queeren Bereich nicht mehr so in Frage stellen, da ich mittlerweile die Erfahrung gemacht habe, dass viel eher Hetero-Cis-Menschen, die nicht automatisch alle Begriffe und Abkürzungen aus der queeren Welt auf dem Schirm haben, da diskriminiert werden, was ich genauso dämlich finde. Aber nun ja. Das ist jetzt hier nicht das Thema.

Was ich mir beim Thema 'Gendern' auch immer wieder denke: In anderen Sprachen GIBT es überhaupt keine geschlechtsspezifischen Wörter. Führt das da zu Problemen? Ich denke nicht. Beispielsweise in der am weitesten verbreiteten Sprache, Englisch. Zum Teil gibt es zwar so etwas wie 'Actor' und 'Actress', aber es gibt auch genauso gut Wörter, für die es nur die eine Form gibt. 'Friend'. 'Writer'. Mir wäre jetzt nicht bekannt, dass sich im englischsprachigen Raum dauernd Frauen beschweren und fordern würden, dass das Wort 'Writress' erfunden wird. Andersherum könnte man auch argumentieren, dass es im Englischen nicht mal männliche, weibliche und neutrale Artikel gibt. Es gibt nur 'the', was doch quasi, wenn somit alle Geschlechter gleich behandelt werden ('the friend' spricht alles an; Männer, Frauen, non-binary-Personen oder was auch immer), genau das sein müsste, was auch im Deutschen erreicht werden will - aber gibt es aufgrund dessen in Amerika weniger Geschlechterklischees und Diskriminierung? Nein, ganz im Gegenteil, da gibt es noch ziemlich viel davon. Mehr als hier.

Alles in Allem finde ich es ja einerseits toll, wenn man gegenüber der Geschlechtervielfalt offener wird und sich dafür einsetzen will, dass das für die Allgemeinheit auch selbstverständlicher wird. Aber das ist meiner Meinung nach absolut nicht der richtige Weg und bezweckt im schlimmsten Fall eher das genaue Gegenteil. Ich hatte auch schon den Gedanken an '1984'. Wenn einzelne Personen das Gendern in ihren persönlichen Sprachgebrauch integrieren wollen - okay, wenn sie sich damit wohler fühlen. Aber es sollte bitte nicht jedem aufgezwungen werden. Wenn ich höre, dass es inzwischen schon teilweise in Arbeiten Punktabzug gibt, wenn man nicht gendert, macht mich das, ehrlich gesagt, ziemlich wütend. :'D
Gleichberechtigung und Freiheit SOLLTE angegangen werden, aber Sprache ist nicht die Wurzel allen Übels.
12.04.2021 | 22:15 Uhr
Hallo, Taudir!

Auch ich bin kein Fan von Gendern und muss es in letzter Zeit benutzen (vor ein paar Jahren war noch nicht so), deshalb habe ich mich gefreut, deinen Text zu lesen. Deine These ist mehr oder weniger, wenn ich sie richtig verstanden habe: Das Gendern ist eigentlich eine Vergewaltigung der Sprache. (Sätze wie "wir haben kein Recht", die Sprache zu verändern, sprechen dafür). Es ist gezwungen, ungewollt und schadet. Ich stimme Dir zu. Auch, was die Technisierung der Sprache, die Du am Ende ansprichst, gebe ich Dir recht.

Allerdings will ich hier auf einen Aspekt hinweisen, der bei mir auf ein wenig inneren Widerstand gestoßen hat. Ist die Sprache nur Mittel der Verständigung? Nützlich? Ökonomisch? Da hatte ich den Eindruck, hier fehlt eine ganze Dimension, für mich als Autorin auf dieser Seite vielleicht die wichtigste: die dichterische. Ich verstehe, in welchem Sinn Du von Nützlichkeit geschrieben hast und dass das Thema Gendern aus der Perspektive der Nützlichkeit sehr gut behandelt werden kann. Keine Frage. Trotzdem hätte ich mir eine nuancierte Auffassung von Sprache - gerade hier, auf einer Seite von Autoren - gewünscht. Hinzu kommt auch, dass z. B. meine Muttersprache aber auch die deutsche von Dichtern geschliffen worden ist - längst bevor Duden. Sie haben gewählt, geändert, vorgeschlagen, Wörter kreiert. Ich stimme Dir also nicht zu, dass die Sprache (nur) ökonomisch ist, nur der Verständigung der Menschen untereinander dient und dass man die Sprache nicht ändern darf, weil das von sich geschieht. Das passiert auch, man ändert sie. (Aber, ich betone es nochmal: Wie es durch Gendern gemacht wird, bin ich nicht einverstanden.) Und doch: Wenn Du von "kulturelles Erbe" und die Buntheit und Vielseitigkeit die Sprache schreibst, schließt Du auch die Dimension ein, von der ich rede. Oder?... Um es kurz zu fassen: Wenn man von Nützlichkeit redet, schließt man die Kunst aus. Und doch schafft die Sprache wunderbare Kunstwerke. Außerdem ist die deutsche Sprache besonders geeignet, um neue Wörter zu schaffen - durch ihre Kombinationsmöglichkeiten, durch ihr dynamisches Verständnis der Verben und trennbaren Partikeln, durch das Wandlungspotential der Wortarten in andere Wortarten (und bestimmt dank anderer Eigenschaften, die ich noch nicht kenne).

Ich finde, dass du in deinen Review-Antworten 3 weitere wirklich starke Argumente angeführt hast, die vielleicht in einem zweiten Teil des Essays gut passen würden:
- Nicht das eigentliche Problem wird dadurch gekämpft.
- Es geht nur um Geschlecht - eine Form von Sexismus.
- Mit Gendern stellt man die Form vor den Inhalt. (Und das empfinde ich beim Lesen auch so).
Jedenfalls: gut gemacht, das Thema muss meiner Meinung Nach immer wieder angesprochen werden!
12.04.2021 | 08:49 Uhr
Was mich an dieser ganzen Angelegenheit so dermaßen Stört, ist, daß 1984 noch nie so nahe war wie heutzutage.
Letztlich ist dieses ganze Gender-Neusprech nichts anderes als ein Versuch, den Umfang der Sprache einzuengen. Was das Ganze aber so brandgefährlich macht, ist, daß derjenige, der die Sprache letztenendes kontrolliert, damit auch das Denken der Leute beeinflußt. Wenn Begriffe einfach "mal so eben" für nicht zulässig erklärt werden, kann man die Dinge, die dieser bedürfen, eben nicht mehr ausdrücken. Genau das ist, was George Orwell in seinem Roman zum Ausdruck gebracht hat: Ein bestimmter Personenkreis versucht das Denken der Leute zu beeinflussen (Die Partei aka. der Große Bruder), und um das zu bewerkstelligen, wird die Sprache an diese Bedürfnisse angepaßt (Neusprech vs. Altsprech), was zu teils absonderlichen Sprachkonstrukten führt.
Alles in allem erkenne ich hier ein brandgefährliches Muster, da sowohl in "1984" als auch in puncto "Gendergerechtigkeit" im Namen der politischen Korrektheit eine Agenda durchgedrückt werden soll.

Einige Leute scheinen dabei jedoch zu übersehen, daß politische Korrektheit letztlich nur ein Schutzschild für die moralisch Inkorrekten ist.
11.04.2021 | 21:56 Uhr
Da greifst du einiges auf, was auch mich am Gendern - beziehungsweise der Art, wie es aktuell vorherrscht - stört. Mir graut in diesem Punkt vor der nächsten Facharbeit an der Uni... aber das ist ein anderes Thema.
Dieses Konstruieren ist es auch, was mich aufregt. Und dass es dann zum Teil auch noch an der Grammatik vorbeiläuft, setzte dem Ganzen das Sahnehäubchen auf.
Ich glaube, keiner (mit ein wenig gesundem Menschenverstand) will wirklich, dass das, was das Gendern eigentlich bringen soll, nämlich gleiche Sichtbarkeit für alle zu schaffen, nicht zum Tragen kommt. Aber noch haben wir kaum einen praktikablen Weg dazu gefunden und deswegen sollten wir das aktuelle Bastelpack auch nicht zur Norm erklären. Derartige Vorgehensweisen gehen schon an ganz anderen Stellen schief (Stichwort Bildungsreform etc.)

Bei dem Beispiel mit den Tieren musste ich lachen, weil ein Teil meines Freundeskreises und ich das mal zum Spaß gemacht haben. Sagen wir... es macht die Angelegenheit nicht unkomplizierter^^
Hinsichtlich der Katze ist es aber vor allem auffällig, wenn man sich mal auf Seiten diverser Züchter umguckt, dass die ja sogar die Kategorien "Kater" und "Kätzin" haben, um klarzustellen, dass Katze nicht gleich "weibliche Katze" ist. Jedenfalls nicht zwingend. Das unterstreicht deinen Punkt eigentlich gut.
08.04.2021 | 00:14 Uhr
Hallo Taudir,
ich fasse es nicht! *macht große Augen* Ein Alert zu einem neuen Werk zu dir. Da musste ich gleich mal draufklicken, zumal mich auch das Thema sehr interessiert hat. Erinnert durchaus an Annaerus Essay "Wie der Sexus in den Fokus gerückt wird".
Ich finde Sprachen unglaublich faszinierend. Worte können so viel ausdrücken, und auch wenn Kommunikation auch ohne Sprache möglich ist, so ist sie doch ein entscheidendes Kommunikationsmittel zwischen Menschen. Sie erlaubt es, wie du ja geschrieben hast, Gedanken auszudrücken, und das in einer sehr präzisen Art und Weise. Doch sie ist eben auch nur Ausdruck, soll ein Ereignis, einen Gegenstand, ein Erlebnis erfassen und nicht eine andere Denkweise hervorrufen.
Sprache "machen" kann man wohl nur, wenn man selbst eine erfindet, doch solange diese nicht gesprochen wird, ist sie tot und wird sich nicht von selbst weiterentwickeln, im Gegensatz zu einer Sprache, die tatsächlich gesprochen wird.
Ich finde deine Argumentation schlüssig und kann dir nur zustimmen. Ich denke nicht, dass durch ein "sichtbar machen" der Geschlechter in der Sprache mehr Akzeptanz derselben erreicht werden kann, eher regt es zum Widerspruch und zur Ablehnung an, wenn dies durch die Sprache aufgezwungen werden soll. Auch macht das Gendern vieles umständlicher, was nicht dem Sinn der Sprache entspricht, wie du ja ausgeführt hast. Und schlussendlich sehe ich im Gendern bzw. dieser "Sprachdiktatur" einen Versuch, den Ausdruck, die Auswirkungen eines Problems zu bekämpfen anstatt das Problem selbst. Das mag einfacher erscheinen, aber ist damit nicht auch automatisch zielführend.
Akzeptanz kann man nicht erzwingen, sie kommt aus einer inneren Einstellung heraus, und diese verändert sich nicht durch eine Veränderung der Sprache. Genauso wird jemand, der Schwarze ablehnt, diese Ablehnung wohl kaum ablegen, nur weil er sie nun nicht mehr mit anderen, als abwertend angesehenen Begriffen betiteln darf.
Wenn Gendern zur Pflicht wird, dann wird gegendert, aber nicht aus Überzeugung, sondern weil man es muss, und das erscheint mir wenig sinnvoll.
Dein letzter Satz fasst das auch, wie ich finde, unglaublich treffend zusammen, deshalb erlaube ich mir, ihn zum Schluss meines Reviews zu zitieren: "Dann haben wir eine Gebrauchsanweisung, was wir wann wie zu wem sagen müssen, aber eine Sprache ist das nicht mehr." Ein solcher Zustand ist wirklich alles andere als erstrebenswert.

Liebe Grüße
Elenor

Antwort von Taudir am 09.04.2021 | 22:19 Uhr
Hallo Elenor!

Tja, wenn sich andere Geschichten gerade ein wenig sträuben gegen das Schreiben, muss zur Abwechslung mal etwas anderes her. Mit Annaerus Essay hat dieser hier natürlich überhaupt nichts zu tun. Ironie verstehen Kinder übrigens ab etwa 12 Jahren.
Da du bereits geschrieben hast, dass du den Punkten meines Essays nur zustimmen kannst, muss ich jetzt sagen, dass ich den Punkten deines Reviews nur zustimmen kann. Beim „Sprache-Machen“ musste ich jetzt unwillkürlich an einen Autor denken, der das zur Perfektion gebracht hat. Was der wohl zum Gendern gesagt hätte … ?
Jedenfalls finde ich es auch eines der größten Probleme am Gendern, das man damit das eigentliche Problem nicht bekämpft. Wie es schon nichts bei der Erhöhung der Akzeptanz von Farbigen (oder „People of Colour“) beigetragen hat, zuerst „Neger“ zu verbieten, dann „Schwarzer“, dann „Farbiger“ etc., so wird auch das Gendern am echten Problem nichts ändern.
Ich möchte daher meine etwas kurze Reviewantwort mit denselben Worten beschließen wie die des Reviews von Thomas. Gestern habe ich im Satiremagazin „extra3“ zum Thema Gendern den Satz gehört: „Sprache ist ein Spiegel der Gesellschaft.“ Allerdings werde ich nicht davon hübscher, dass ich meinen Spiegel schön anmale …

Viele Grüße und ein schönes Wochenende
Taudir
07.04.2021 | 20:04 Uhr
Hallo Taudir,

ich habe Deinen Text schon heute nachmittag gelesen und wollte nun wenigstens einen kurzen Kommentar dazu hinterlassen.

Auch ich bin ganz und gar kein Freund von solchen Neuerungen wie dem Gendersternchen, obwohl ich viele der damit verbundenen Anliegen im Grundsatz für richtig halte; aber ich finde eben, daß solche Instrumente wie das Gendersternchen nicht so sehr Frauen und Menschen beliebiger Geschlechteridentitäten sichtbar machen oder gar befreien, sondern in erster Linie zur Sprachverhunzung beitragen. Daher stimme ich also schon mal der Grundaussage Deines Textes zu.

Mir gefällt aber auch der ruhige und nachdenkliche Ton Deines Essays; da habe ich kürzlich erst einen ganz anderen Text zu lesen bekommen, der sich kruder Vergleiche bediente und dann gar behauptete, hinter dem Genderstern stecke reiner Haß auf Männer - kurzum, der Text war geradezu ungenießbar. Da freue ich mich um so mehr, wenn auf sachliche Weise und fundiert gegen eine sprachliche Fehlentwicklung argumentiert wird, denn als solche sehe ich die penetrante Verwendung von Sternchen und Doppelpunkten an: ich merke das bei der täglichen Lektüre meiner Zeitung, deren Lesbarkeit in der letzten Zeit sehr gelitten hat, und ich hoffe, daß es nicht so weit kommt, daß irgendwann auch von Romanautoren oder gar Lyrikern solche Schreibweisen verlangt werden - und wie Du ganz richtig erwähnt hast, sind zumindest Ansätze zu einer solchen Entwicklung durchaus erkennbar. Ich glaube nicht, daß die Welt dadurch besser und gerechter wird, daß man die Sprache immer mehr künstlich normiert, bis zur Leblosigkeit bürokratisiert oder reihenweise Wörter verbannt. Vielen Dank daher für diesen Essay. (Mach Dich aber schon mal auf heftigen Widerspruch mancher begeisterter Anhängerinnen des Gendersternchens gefaßt!)

Liebe Grüße,
Thomas

Antwort von Taudir am 09.04.2021 | 22:11 Uhr
Hallo Thomas!
Vielen Dank für dein Review. Es freut mich, dass dir mein kurzer Essay gefallen hat. Auch ich sehe mich als Befürworter all der Anliegen, die die Genderbefürworter vertreten, aber auch ich glaube, dass eine zwangsweise Veränderung der Sprache im Endeffekt nichts zu diesen Zielen beitragen wird. Eher wird das Gegenteil erreicht: Durch die ständige Sichtbarmachung und dadurch die Überbetonung des Geschlechts rückt der eigentliche Inhalt des Wortes in den Hintergrund, und des geht nur noch ums Geschlecht, was eine Form von Sexismus ist.

Aufsätze, die einfach nur emotional gegen irgendein Thema wettern, sind natürlich weder genießbar noch für die vertretene Sache sonderlich hilfreich. Umso mehr freut es mich natürlich, dass du meinen Ton angemessen fandst – auch wenn ich zugeben muss, dass die ein oder andere etwas polemische Stelle schon dabei war.
Die Lesbarkeit von Texten leidet, wie ich finde, tatsächlich sehr unter dem Gendern. Ständig wird der Gedankenfluss durch merkwürdige Satzzeichen im Wort unterbrochen. Und das Schlimme an der ganzen Sache ist ja noch, dass all das überhaupt nichts zum Inhalt des Textes beiträgt und nur von ihm ablenkt. Mit Gendern stellt man die Form vor den Inhalt, und das ist eine Todsünde, finde ich.
Ja, die Lebendigkeit einer Sprache leidet sehr unter dem Gendern. In Romanen hat das ganze noch weniger zu suchen als sonst wo, aber ich finde es schon schlimm genug, dass bereits an Universitäten, an Orten der Bildung und des Wissens, Studenten mehr oder weniger dazu gezwungen werden, zu gendern.
Zum Schluss fällt mir noch ein Satz ein, den ich gestern in einem Satiremagazin gehört habe: „Sprache ist der Spiegel der Gesellschaft.“ Das stimmt. Aber ich werde ja auch nicht dadurch hübscher, dass ich den Spiegel anmale. Es wäre Zeit, die Probleme richtig anzugehen.

Viele Grüße
Taudir
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