Anzeigeoptionen  Review schreiben Regelverstoß melden Sortieren 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 
Reviews 1 bis 4 (von 4 insgesamt):
13.10.2021 | 13:36 Uhr
Hallo! Habe deine Geschichte in den Social Media Empfehlungen gesehen :>
Ich stimme dir vollkommen zu. Goethe schreibt sehr oft darüber, wenn man genauer hinsieht. Alle Blumen, die er sieht, "pflückt" er. In Blumensprache bedeutet das ja oft den Tod, beziehungsweise Vergänglichkeit, nur die mit dem Boden verankerte Blume ist wirklich am Leben.
Als kleine Ergänzung: Für mich klang es nur immer so, als wäre der Erlkönig und der Vater eins. Der Erlkönig ist für das Kind der Täter, den er nicht mit seinem liebevollen Vater in Verbindung bringen kann. Der Vater verspricht ihm anfangs Wärme, die er ihm dann wieder nimmt. Genauso wie materielle Dinge wie das güldene Gewand der Mutter oder Ringelreihe mit den Töchtern, wenn er jetzt ganz "artig" ist. Dass Täter*innen gerne das Beste versprechen, bevor sie missbrauchen, ist bekannt. "Zuckerbrot und Peitsche". Deshalb glaubt er dem Sohn auch nicht. Ich fand die letzte Strophe "Den Vater grausts" schon immer absurd. Das Kind hat es ihm ja gesagt. Vielleicht graust es den Vater ja auch, weil jetzt jeder das Leid seines Sohnes sehen kann, das er ihm zugefügt hat, nachdem der Lebenswille aus ihm schwindet oder er fürchtet, dass seine Machtausübung in Gefahr sein könnte.
Allerdings waren für mich die Töchter und der Palast nicht real, genauso wie das Pferd (Er "reitet" mit seinem Sohn). Es ist nur eine Fantasiewelt, in die sich der Sohn flüchtet, während der Vater ihn missbraucht.
Das ist natürlich eine sehr düstere Deutung. Aber es ist ja eigentlich eine Ergänzung zu deiner Interpretation :> Was sagst du dazu?

Apropos: Der Erlkönig KÖNNTE auch eine Umdeutung von Odin/Wotan/Wodan sein - der EK wird auf jeden Fall mit der Wilden Jagd in Verbindung gebracht. Das ist in "germanischen" (gibts ja auch nicht, ist eine Fremdbezeichnung) Legenden eine Kriegertruppe, die an Silvester unterwegs ist, deren Anführer Odin ist. Und Odin wird auch gerne mit Wald oder Pferden in Verbindung assoziiert, was ja beides im "Erlkönig" vorhanden ist. Das hier ist ganz interessant: http://www.arnshaugk.de/diktynna/erlkoenig.htm

Tja vor 10 Jahren im Deutschunterricht hätte man nicht gedacht, dass es so anregend sein kann, sich über den Erlkönig Gedanken zu machen:D Vielen Dank dafür!

Liebe Grüße,
buecherherz

Antwort von meinungsschreiber am 13.10.2021 | 13:55 Uhr
Hallo buecherherz,

Für wahr eine sehr düstere Interpretation. Als Ergänzung zu meiner würde ich das nicht sehen, da in meiner Interpretation der Erlkönig und der Vater unterschiedliche Personen sind und ich bewusst auf eine metaphorische Interpretation verzichtet habe.
Aber ich finde auch deine Interpretation durchaus schlüssig. Da in der Wirklichkeit leider viel zu oft Täter auch Familienmitglieder - in diesem Fall Vater - sind, müssen Opfer oft zwischen der liebenden Person und dem Monster unterscheiden, weil die arme Kinderseele der Last nicht mehr standhält. Sie malen ihre innere Dunkelheit auf ein Blatt Papier oder verunstalten ihre eigenen Spielsachen. Denn so viel ist klar, ein Vater, der sein Kind missbraucht, kann - entgegen der vorherrschenden Meinung - ein liebender Vater sein.
Es stellt sich die Frage, ob Goethe - wenn überhaupt - auf einen pädophilen oder einen machthungrigen Triebtäter anspielt. Während der pädophile Triebtäter sich tatsächlich zu Kindern hingezogen fühlt, ist der machthungrige oftmals gar nicht an Kindern interessiert. Wenn er von einer erwachsenen Person nicht bekommt, was er will und muss er es sich bei einem wehrlosen Geschöpf (Kind) holen. Um auf deine Interpretation Bezug zu nehmen: Vielleicht "grausts" den Vater, weil er seinem Drang nicht standhalten konnte und sich selbst verabscheut, auch das kennt man aus der realen Welt. In seiner verdrehten Wahrnehmung tut er dem Kind nichts Böses, er liebt es sogar und dem Kind gefällt, was er tut. Er erkennt schlussendlich aber - erst als es viel zu spät ist - was er dem Jungen wirklich angetan hat.

Liebe Grüße
meinungsschreiber
11.10.2021 | 21:22 Uhr
Huhu,

ich habe über die Empfehlungen hergefunden und wollte dir einfach kurz dalassen, dass ich es total toll finde, dass du diesen Text hier besprichst.
Er enthält so viel, viel Liebe, viel Grusel, viel Unausgesprochenes … Aber vielleicht ist das gerade das, was ihn so schaurig und bekannt gemacht hat.
Es ist noch gar nicht lange her, da mussten einige Zeilen aus dem Erlkönig für einen meiner Text herhalten, daher habe ich noch gut im Kopf, wie ich nach langer Zeit … sprich nach der Schulzeit x) … viel mehr damit anfangen konnte als damals. Und je nach Laune liest er sich wieder anders – schon echt verrückt :')

Vielen Dank für die schöne Interpretation!

Liebe Grüße
Dalia

Antwort von meinungsschreiber am 12.10.2021 | 05:07 Uhr
Hallo :)

Vielen Dank für das tolle Feedback.
Ich finde das Gedicht ist eine wunderbare Metapher für so vieles im Leben. Gerade deswegen halte ich es auch für wichtig, dass es jeder kennt.

Liebe Grüße
meinungsschreiber
10.10.2021 | 20:42 Uhr
Hi,
ich bin über die Empfehlungen auf deine Interpretation gestoßen.
Die übliche Interpretation mit dem vor Fieber halluzinierenden Kind kenne ich natürlich auch.
Aber deine Interpretation finde ich absolut schlüssig und fast sogar logischer als die übliche Interpretation. Und das fasziniert mich schon sehr. Mich würde wirklich interessieren, was meine frühere Deutschlehrerin zu so einer anderen Interpretation sagen würde. :-D
Danke für die Horizonterweiterung.
LG Bernsteineule

Antwort von meinungsschreiber am 12.10.2021 | 05:13 Uhr
Hallo Bernsteineule,

vielen Dank für dein Review.
Es ist schon interessant, wie unterschiedlich Deutschlehrer*innen denken.
Mittlerweile bin ich froh, dass die meisten Lehrer*innen aber mehr als nur die übliche Interpretation zulassen. Das wäre sonst keine richtige Interpretation mehr...

Liebe Grüße
meinungsschreiber
16.04.2021 | 12:30 Uhr
Ich bin hier eher zufällig drübergestolpert. Nichtsdestotrotz möchte ich Dir mitteilen, dass ich weitestgehend gleich über den Erlkönig denke - für mich klingt der Erlkönig nach einer Vergewaltigung oder zumindest einer Kindesmisshandlung. Möglicherweise sogar durch den Vater selbst - so hatte ich diesen letzten Halbsatz immer interpretiert. Mag eine gewagte These sein, ich begründe es aber genau damit, dass der Vater im Moment des Geschehens dabei ist und all die Ängstes des Knaben abtut, es sei ja alles ganz normal, er bilde sich das ein etc. Der Knabe hingegen kann nicht verstehen, was mit ihm geschieht, was ihm angetan wird. Der Vater allerdings realisiert, dass er einen Fehler gemacht hat und bekommt es selbst mit der Angst zu tun. Vielleicht ist er sogar der Mörder seines Kindes?
Da man sowas in der damaligen Zeit meines Wissens nicht thematisiert hat, ist es schwer nachzuvollziehen. Meine Deutschlehrer haben jedenfalls nichts davon wissen wollen.
Mittlerweile findet man aber durchaus öfters Deutungen in diese Richtung.

Ich für meinen Teil habe schon eine weit weniger grausige Parodie darauf zum Besten gegeben.
Frag mich nicht, was mich da geritten hat - es ... war einfach plötzlich da.

Herzengrüße
Amatra

Antwort von meinungsschreiber am 16.04.2021 | 14:44 Uhr
Vielen Dank für dein Review :)

Ich muss sagen, dass deine Deutschlehrer einfältig waren, wenn sie keine anderen Interpretationen zuließen als die eigenen. Da hatte ich mit meinen Lehrern und Lehrerinnen mehr Glück. Diese ermutigten mich immer dazu, meine eigenen Ansichten darzulegen und auch zu vertreten. Eine falsche Interpretation gibt es nicht, sofern man gute und vor allem plausible Begründungen liefert.

Deine Interpretation, dass der Vater auch der Täter ist, gefällt mir ebenfalls sehr gut und ist durchaus eine denkbare Variante.

Ich denke, dass oft auch das eigene Erlebte der/des Interpretierende/n ankommt, was man in dieser Ballade sieht und zu lesen vermag.

Liebe Grüße
meinungsschreiber
 Anzeigeoptionen  Review schreiben Regelverstoß melden Sortieren 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast