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Autor: DeepSilence
Reviews 1 bis 4 (von 4 insgesamt):
29.07.2020 | 14:36 Uhr
Hey Forbidden to Fly,

das bekommt man ja wirklich Beklemmung ... wie unterschiedlich die Dunkelheit der Nacht doch empfunden werden kann: für Lauri als Schutz außerhalb ihrer Mauern und für die wachhabenden Soldaten als Schatten, die erhellt und vertrieben werden müssen. So führt jeder seinen kleinen "Krieg" im Einzelnen und versucht zu überleben. Von Tag zu Nacht und umgekehrt. Immer nur so weit. Das ist eine schlimme Vorstellung. Und drumherum: "Nur noch Trümmer und Tod und Feuer und Rauch."
Dass sich Lauri immer wieder mit der Frage auseinandersetzen muss, inwiefern es für das Baby wohl besser gewesen wäre, niemals gefunden worden zu sein - weil Écoust so einem kleinen hilflosen Leben absolut keine Zukunft geben kann und kein Ort dafür ist um Wachsen zu können - das ist schon erschütternd ...
"Die Familie hatte das Baby zurückgelassen, weil es ihr eigenes Leben in Gefahr gebracht hätte ..." - das erinnert mich mit Schaudern an eine Geschichte damals um 2015, als die Flüchtlingskrise in den Medien (zu Recht) so groß thematisiert wurde (und nach wie ja noch existiert, auch wenn kaum jemand mehr darüber berichtet) - da erzählte eine Mutter von ihrer illegalen Überfahrt Nachts über das Mittelmeer und wie sie irgendwann ihr permanent schreiendes Kleinkind, um nicht gehört und entdeckt zu werden, über Bord werfen musste ... also ich weiß immer nicht, wieviel an solchen Geschichten dran ist, aber allein die Vorstellung verfolgt mich heute noch, wozu Menschen in ihrer Verzweiflung getrieben werden können.

Deine Beschreibung der Umgebung, und wie Lauri diese für sich beobachtet, ist mal wieder sehr gut und atmosphärisch gelungen - da habe ich gleich wieder den Soundtrack von "1917" im Ohr und sehe die schemenhaften und schwarz aufragenden Ruinen im Schein der Feuer und der Dämmerung vor mir. Ich kann mir tatsächlich gut vorstellen, dass diese Glutnester in den Ruinen von den "Besatzern" durchaus bewusst nicht gelöscht, sondern weiter genutzt wurden, um über Nacht die Überreste der Stadt besser "im Blick" zu haben und selbst besser geschützt zu sein - nicht nur vor herumstreunenden Tieren. Lauri und das Baby werden nicht die einzigen Überlebenden in den Trümmern sein.
Ich selbst habe mir darüber noch nie Gedanken gemacht - hast du dir das mit den Glutnestern selbst erschlossen, oder gibt es Berichte darüber? Ich fand das irgendwie interessant.
Nun hoffe ich, dass Lauri gut und lautlos an Muller und Baumer (hast du mit Absicht das ü und ä nicht benutzt, da es vornehmlich deutsches "Vokabular" ist?) vorbei kommt und die einsetzende Morgenddämmerung sie in die sicheren Schatten der Mauern zu scheuchen vermag.
17.07.2020 | 14:45 Uhr
Hallo,
was für eine ergreifende und hervorragend geschriebene Geschichte.
Deine bildliche Erzählweise hielt mich von Anfang bis Ende in ihrem Bann.
Wir leben hier im Wohlstand und denken kaum darüber nach,
über was wir uns manchmal aufregen.
Wie sagt man: Meckern auf höchstem Niveau.
๑ ⊱❀ LG Carmen ❀⊰ ๑
22.05.2020 | 15:48 Uhr
Hey ... (Konzentration) ... DeepSilence,

also man mag sich das in der Realität ja alles kaum vorstellen, beim Lesen sitzt man hier gemütlich daheim und schlürft Tee. Wie las ich neulich recht treffend zu einer Doku über den Vietnamkrieg "Und wir bekommen heutzutage schon die Krise, wenn der Bus nicht pünktlich kommt ..." Diese Kriege damals (und damit bin ich auch wieder im Jahr 1917) erreichten Dimensionen die man niemandem wünscht, aber die Auseinandersetzung damit ist und bleibt wichtig. Und irgendwie sehe ich gerade Einzelschicksale wie dieses von Lauri, was du hier beschreibst, auch wenn es fiktiv sein mag, doch auch sinnbildlich für die Generation dieses Krieges. Wohl jeder der vom Krieg Betroffenen hat für das Überleben im Großen wie im Kleinen Tag und Nacht gekämpft - und man musste sicherlich auch Glück haben (ich erinnere mich an eine Stelle in "Im Westen nichts Neues", wo beschrieben wird, dass jeder überlebte Tag (an der Front) zwar sicherlich mit Erfahrung ABER auch vor allem Fortune verbunden war - nur zehn Zentimeter weiter rechts gestanden und die Kugel wäre bspw nicht am Ohr vorbei geschossen ... u.s.w. und ich denke, das kann man auch gut auf die betroffene Zivilbevölkerung im Allgemeinen und hier Lauri im Besonderen anwenden) Insofern gehe ich hier gerade quasi jeden leisen Schritt mit Lauri bis zum Fluss mit und hoffe inständig, dass die Soldaten weiter schlafen mögen. Du hast die nächtliche Atmosphäre dieses unvermeidlichen "Ausflugs" wirklich ganz wunderbar und beklemmend in Worte gefasst - allein die Beschreibung des verschlammten Flusses und das vermutlich nicht ungewohnte Bild von Leichen am Ufer, oder die "flanierenden Ratten" (da musste ich kurz schmunzeln, das Kopfkino hat mich da kurz rausgebracht) und Lauris lautlose Bemühungen den versteckten Eimer vom Vortag wieder unter den Trümmern auszugraben ... dass sie das risikiert zeigt einmal mehr, was selbst so ein vermeintlich simpler "zweiter" Eimer in Tagen wie diesen zu bedeuten vermag - im besten Fall bedeutet es, nur noch alle zwei Tage zum Fluss hinunter zu müssen. Das kann schon entscheidend sein. Vielleicht denke ich da gerade auch zuviel hinein, aber ich fand diese kleine Episode sehr spannend von dir beschrieben. Denn dass im wahrsten Sinne jeder Fehltritt eine furchtbare Konsequenz haben kann, das zeigt das traurige Schicksal der Nachbarsjungen nur zu deutlich ... es muss schlimm sein, zu wissen, dass man dringend Wasser benötigt um weiter zu überleben und mit der Beschaffung doch eben jenes Leben riskiert (und in Lauris Fall stelle ich mir vor, dass die "Verantwortung" für dieses kleine Kind nochmal mehr belastet) - aber die Psyche des Menschen ist ein Wunderwerk, und ich kann nachvollziehen, dass Lauri intzwischen auch eine gewisse Routine (insofern man das so bezeichnen kann) und eigene kleine wie logische Überlebensmechanismen entwickelt hat, welche nicht nur das Wasserfiltern betreffen (woran du alles denkst, es passt sich ganz selbstverständlich ein, Respekt). Der Mensch vermag sich anzupassen - gerade das Thema "Resilienz" ist momentan ja wieder sehr verbreitet - und insofern empfand ich Lauris Umsicht, während sie quasi dort draußen ist und jederzeit entdeckt werden kann, nach dem Wasserschöpfen zunächst den Eimer außen abzuwischen, um keine Spur zu hinterlassen, nun ja, irgendwie bezeichnend und gleichzeitig erstaunlich. Man würde selber erstmal nicht darauf kommen, aber die Erfahrung ist ein guter Lehrmeister. Mir gefiel dieses Detail ... überhaupt, mir gefiel dieses Kapitel sehr und mit ein wenig Sorge erwarte ich nun "Luft" und "Feuer" (in welcher Reihenfolge auch immer) ...
21.04.2020 | 13:22 Uhr
Hey Forbidden to Fly,

ich versuche gerade zeitlich zu rekapitulieren, wann genau die Ereignisse von "1917" stattfanden, auch im April? Dann würde Lauri also womöglich bald auf Schofield treffen ... Diese Szene im Film mit der Frau und dem Kind, die empfand ich, zugegeben, irgendwie etwas deplatziert, als wollte man noch schnell die Thematik der Zivilisten (insbesondere Frauen und Kinder) mit reinquetschen, aber man tat das dann doch wiederum recht flüchtig und wenig authentisch. Es kam zudem sehr unvermittelt. Und das Ganze hat mich eher aus dem Geschehen rund um Schofield und dessen Mission herausgerissen. Ich habe den Film erst ein einziges Mal sehen können, von daher konnte ich diesen Eindruck leider auch noch nicht revidieren - aber bisweilen ändern sich Ansichten ja bei mehrmaligem Sichten. Mein Kollege damals, der den Film mit ansah, meinte ja, man könnte diese Sequenz auch so interpretieren, dass es zwischen all den Trümmern und Toten, die der Krieg mit sich bringt, eben doch immer noch das Leben gibt, dass der Krieg nicht alles ausrotten kann. Wie eine Blume oder ein Grashalm in der schwarzen verbrannten Erde (gab es in dem Film nicht auch eine Szene, wo man Grün in all dem Grau der Trichter gesehen hat, oder verwechsele ich das jetzt). Woanders habe ich gelesen, dass sich Schofield die Begegnung mit der Frau und dem Baby nur eingebildet hat ... das glaube ich dann aber eher nicht. Naja, jedenfalls gibt es eine Menge Spielraum für Interpretationen von dieser Sequenz.

Soviel dazu, nun zu deinem Text, und ich finde es wirklich interessant, dass du dich der Frau (Lauri) und dem kleinen Kind angenommen hast ... solche Hintergrundgeschichten füllen dann Lücken die der Film hinterließ, ergänzen Fragen und verringern vielleicht auch die Skepsis. War es im Film auch so, dass das Kind nicht ihr eigenes ist? (wie gesagt, es ist eine Weile her) Wahrscheinlich Ja, sonst hätte sie dem Kleinen ja Milch geben können (aber zu dem Thema (Kuh)Milch sage ich jetzt mal nichts)... mir gefällt wieder einmal sehr die dichte Atmosphäre die du hier schaffst und ich könnte mir unter den Umständen, die du beschreibst (mann, du bist ein Meister darin Szenen dermaßen beklemmend zu beschreiben, da wird einem ganz anders beim Lesen), nun durchaus vorstellen, dass es neben Lauri vielleicht noch andere wenige Überlebende in diesen Ruinen gibt. Und das wiederum lässt die Thematik der Zivilisten schon wieder durchaus relevant und möglich erscheinen - auch an diesem völlig zerstörten Ort. Für die Deutschen scheint die Stadt ausgeräuchert und ausgeplündert zu sein, da wird wohl nicht mehr jeder Winkel abgesucht ... dennoch ist gerade die Unberechenbarkeit (vor allem was die Aufmerksamkeit durch Schreien angeht) eines so kleinen Wesens wie das Baby wirklich ein gewisser Risikofaktor, und es ist Lauri wirklich hoch anzurechnen, dass sie allein (!) in all den Trümmern zumindest das schafft (bisher), was die Eltern des Kleinen nicht schafften. Der kurze Gedanke von ihr, dass dem Baby womöglich am besten geholfen wäre, wenn es sterben würde - das ist wirklich heftig, aber absolut nicht verwerflich; unsereiner war nie in so einer Lage, zwangsläufig wird sich Lauri öfter fragen, weshalb sie das Kleine am Leben erhält, in dieser Welt ringsum, welche nur noch raucht und brennt und den Tod bringt. Eine Flucht ist da sicher schwer zu planen, genauso schwer wie das Überleben vor Ort. Du bemerkst, ich beginne Anerkennung für Lauri zu entwickeln, und allein durch deine Zeilen bis hierher wird sie für mich als Charakter schonmal greifbarer.
Man könnte es sogar verstehen, wenn Lauri aufgeben würde, genauso wie man es versteht, dass sie weiter ums Überleben kämpft. In welcher Hoffnung auch immer - 1917 wussten sie noch nicht, dass der Krieg "nur" noch ein Jahr andauern würde.
Sie scheint ihre Tagesabläufe zu haben, zumindest wenn das Kind schläft ... Und es ist wirklich wagemutig von ihr rauszugehen, wenn das Kind jederzeit wieder wach werden kann (und, wie du ja beschreibst, was wäre, wenn die Deutschen Lauri zu fassen bekämen) - aber wann soll Lauri das sonst tun? Ich habe mich damals beim Filmgucken immerhin auch gefragt, wie überhaupt diese ganze Versorgung möglich ist (also insofern dass es gerade so zum Leben reicht, dem Kind fehlt es ja aufgrund der nicht vorhandenen Milch wirklich nahezu an allem) und ich kann mir vorstellen, dass Lauri nicht vorhat mit dem Kind die ganze Zeit über in den Ruinen zu bleiben, insofern die Engländer und Franzosen nicht bald wieder diesen Landstrich einnehmen, das ging ja bisweilen ziemlich hin und her ... es ist gut für ihre eigene Grundversorgung, dass es den Fluß so unmittelbar in der Nähe gibt - auch wenn dieser sicherlich besonders bewacht wird. Vielleicht hört Lauri ja sogar die vereinzelten Schüsse auf Schofield dort am Ufer ... o.o

ich bin gespannt wie es weitergeht.
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