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Reviews 1 bis 25 (von 38 insgesamt):
03.09.2021 | 16:28 Uhr
Hallo Thomas,

eine kurze Szene, aber eine sehr wichtige, da zukunftsweisend und eine sehr schöne, da sehr poetisch :)

Till ist sich also selbst nicht sicher, nur geträumt zu haben. Es ist auch nicht wirklich wichtig, denn er nimmt (wie ich schon in einer früheren Szene gehofft habe) das Traumgeschehen mit in sein waches Bewusstsein und weiß, dass nur er für sich selbst die Entscheidung für oder gegen das Leben treffen muss. Und was bin ich froh, dass er sich für das Leben entscheidet.

Jetzt wird mir auch die Verbindung zum Frühling klar, den wir hier noch einmal durch die Vögel verdeutlicht bekommen und die Till im Innersten ansprechen. Till hat den Winter überwunden und kann einen Neuanfang wagen, so wie die Natur im Frühling. Ich wünsche ihm, dass er das Leben genießen kann und mit sich selbst auch Frieden schließt. Der Anfang ist gemacht und das hat er aus eigener Kraft geschafft und ich finde da kann er schon auch stolz auf sich sein und Torben wird auch stolz sein, wenn er ihn mal wieder unbemerkt besucht, denn Till trägt Mut und Stärke in sich und steht von dieser Bank auf und stellt sich dem Leben.

Du wirst wahrscheinlich schon ahnen, dass mich die letzten Verse dieser Szene nicht kalt gelassen haben und die Tränen nicht ausgeblieben sind.

Mein Gesamturteil fällt über die Maßen positiv aus, denn neben dem Inhaltlichen, allen voran die existenziellen Fragen des Lebens, der Beziehung der beiden Brüder, überhaupt deine glaubwürdigen Charaktere, von denen mir Till natürlich am sympathischsten ist, und der Umsetzung der Figur des Konstrukteurs, bin ich davon hingerissen wie professionell sich dieses „Traumspiel“ liest, da die Verse fast ausnahmslos perfekt und deine sprachlichen Bilder überzeugend und schön sind. Dabei war es gar nicht anstrengend zu lesen, so wie ich das viele Klassiker sind und die Länge (oder besser Kürze) will ich auch noch einmal hervorheben, da ich keine Freundin von langatmigen Dramen bin und dein Stück trotzdem nicht knapp oder oberflächlich wirkt.

Heute gibt es selbstverständlich den Stern, auch wenn ich mir ab der ersten Szene sicher war, dir diesen zu verleihen, aber bei einem abgeschlossenen Werk bringe ich dann doch genug Geduld auf, ihn für das Ende aufzuheben.

Ach ja und ich habe mal ausnahmsweise schon vor meinem eigenen die Reviews der anderen gelesen (und damit gegen das Credo meiner Exegese-Professoren, niemals die Interpretation eines anderen zu lesen, bevor man sich nicht selbst Gedanken zu einem Text gemacht hat, verstoßen) und ich möchte mich auch gerne zur Premiere deines wunderbaren Stückes anmelden. Ein Platz in der ersten Reihe ist doch drin, oder? ;)

Liebe Grüße und bis spätestens zum Adrian, der aber noch ein bisschen warten muss...
Aida

Antwort von Thomas Heinrich am 04.09.2021 | 02:09 Uhr
Hallo Aida,

vielen Dank für Dein abschließendes Review zu diesem kurzen, aber zugleich sehr persönlichem Werk!

Die Frage, ob Tills Erlebnisse "nur" ein Traum waren oder mehr, habe ich bewußt offengelassen und der Einschätzung der Leserinnen bzw. Zuschauer überlassen; diese Offenheit brauchte ich wohl auch, um als Atheist ein solches Stück überhaupt schreiben zu können.

Und richtig, der Frühling hat hier auch eine symbolische Bedeutung: Till hat, wie Du sehr schön schreibst, den (inneren) Winter überwunden, so daß das streckenweise düstere Drama trotzdem einen hoffnungsvollen Abschluß findet. Eigentlich ist das sogar eines meiner hoffnungsvollsten Werke.

Deine Worte, die Deinen Gesamteindruck schildern, freuen mich natürlich sehr. Das Traumspiel ist tatsächlich sehr kurz ausgefallen (meine anderen Dramen, soweit sie abgeschlossen sind, sind z.T. deutlich länger), aber bei den Griechen gab es auch einige solcher Stücke, die ebenfalls recht kurz sind. Ich denke aber, daß trotzdem nichts fehlt.

Ob dieses Werk nun jemals eine Aufführung erleben wird, steht wohl in den Sternen... Aber wenn ich schon von Sternen rede, so nehme ich Deinen doch gern entgegen.

Dann bis bald!

Liebe Grüße,
Thomas
02.09.2021 | 16:15 Uhr
Hallo Thomas,

da sind wir nun also beim großen Konstrukteur. Für seine Erscheinungsform hast du dir etwas überzeugendes einfallen lassen. Außerdem gefällt mir, dass Till nicht in Ehrfurcht erstarrt oder in Schmeicheleien verfällt. Er ist höflich und respektvoll, aber doch vergleichsweise forsch. Er ergreift diese Chance und stellt seine Fragen.
Aber um das zu können muss man ja auch erstmal Fragen haben und schon über sie nachgedacht haben. Da ist die Begründung dafür, wen sich der Konstrukteur einlädt, sehr einleuchtend.
Beim Vergleich mit dem Huster in Konzerten musste ich übrigens grinsen. :)
Dass Till mit dem Bild vom Hirten ankommt finde ich auch gut nachvollziehbar, denn auch wenn er kein christliches Gottesbild hat, so ist ihm dieses sicher am vertrautesten, denn er ist ja entsprechend aufgewachsen und er benutzt eben zuerst mal die ihm bekannte Symbolik.
Der Konstrukteur hat ihn „schreien“ hören, obwohl Till seiner Meinung nach gar nicht auf der Suche war. Ich verstehe das so, dass Till sich eben Gedanken darüber gemacht hat und Antworten gewünscht hat, aber die Existenz eines „Urhebers“ (ich will nicht immer Konstrukteur schreiben, aber Schöpfer hört sich dann doch zu biblisch an) nicht in Betracht gezogen hat, wenn er sie wohl auch nicht absolut abgelehnt hat.

Was für eine Frage und was für eine Antwort!
Weißt du ich habe ja noch nie darüber nachgedacht, was ich auf eine solche Frage antworten könnte, sollte ich meinem Schöpfer doch irgendwann einmal gegenüberstehen sollte, aber jetzt habe ich Dank dir eine Vorlage!
Ja, ganz grandioses Bild mit den zwei Bechern für Lob und Tadel!
Das anschließende Gespräch über die Schönheit der Welt und das Leid aller Lebewesen ist dir sehr gelungen, die Ideen erinnern mich an deine Weltbetrachtung (außer dass dies alles auf einen Konstrukteur zurückzuführen ist), was ja nicht verwunderlich ist. Aber auch wenn mir deine Ansichten zu diesen Dingen bekannt sind, bewundere ich doch sehr, wie du wieder so passende Worte gefunden, diese in ein Gespräch gekleidet hast und das alles auch noch in Versen. Wie lange warst du denn an dieser Szene gesessen?

So aber weiter im Text: Bisher wurden ja die Fragen “Woher kommt die Welt?“ und „Warum gibt es Leid?“ abgearbeitet, das wars aber noch lange nicht, denn du Wahnsinniger (das meine ich natürlich als Kompliment) hast ja noch gleich mehrere existenzielle Fragen aufgeworfen:
„Warum gibt es die Welt?“ (Aus Einsamkeit? Das kommt mir irgendwie biblisch vor. Der Gedanke, dass der K. einen Kosmos erschaffen musste, damit Leben möglich ist und sich entwickeln kann ist dagegen beruhigend gut mit der Evolutionstheorie vereinbar.)
„Gibt es mehr mögliche Welten als diese und ist die unsere dann die bestmögliche?“
„Gibt oder gab es Leben außerhalb der Erde“
„Erwartet uns ein Jenseits und wenn ja wie sieht es aus?“ (das hört sich, zumindest der Teil nach dem Totenreich, paradiesisch an, eine bessere Welt. Vom Ewigen Leben ist aber keine Rede?)
In diesem Abschnitt ist mir übrigens ein kleiner Tippfehler aufgefallen, wenn ich mich nicht täusche:

KONSTRUKTEUR: Es war fürwahr der Kosmos, denn du kennst,
In dem zum ersten Mal das Wunder sich
Vollzog, daß totem Stoff das Leben hell
Entsprang.

Muss es nicht ..., den du kennst,... heißen? Den Satz an sich finde ich übrigens wunderbar! Wie so viele in dieser Szene.

Witzig, dass Till Mathefragen stellt. Die wären mir ja so gar nicht in den Sinn gekommen, und die Antwort würde ich ja doch nicht verstehen.
Ich würde Fragen, was die Liebe ist und warum es sie gibt (falls sich der zweite Teil nicht aus dem ersten ergibt). Die finde ich nämlich am rätselhaftesten und obwohl ich sie in mir spüre, ist mir doch ihr Wesen fremd. Ja also da würde ich nachfragen. Ob ich die Antwort allerdings verstehen würde ist fraglich.

Cooles Detail, dass sich die Kostüme der Lichtgeister der Morgendämmerung anpassen, jetzt da es ans Aufwachen geht.

jetzt muss ich mich erstmal erholen und damit meine ich nicht meine Finger, die das alles getippt haben, sondern meinen Geist, der hier auf Hochtouren arbeiten musste. Das ist ja quasi Elegia und Weltbetrachtung auf eine Szene komprimiert ;)

Liebe Grüße
Aida

PS: Dein neuestes Kapitel vom Adrian habe ich auch schon gelesen und ich mochte es wieder sehr :), das Review muss aber noch etwas warten, immerhin hatte ich heute einen Termin mit dem Konstrukteur, du verstehst sicher, dass das natürlich Vorrang hatte.

Antwort von Thomas Heinrich am 02.09.2021 | 16:49 Uhr
Hallo Aida,

vielen Dank für Dein Review!

Vielen Dank auch für den Hinweis auf den kleinen, aber trotzdem ärgerlichen Fehler, der sich eingeschlichen hatte - Du bist die erste, der er aufgefallen ist!

Nun aber zum Inhaltlichen: Tills wohl eher unbewußte Suche nach dem Konstrukteur kann man sicherlich als die Suche eines melancholischen jungen Mannes nach dem möglichen Sinn des Lebens und den denkbaren Antworten auf die entsprechende Frage deuten. Und fraglos nimmt Till, nach seiner Meinung über das Universum gefragt, kein Blatt vor den Mund (obwohl er sehr höflich bleibt), wobei deutlich wird, daß der Konstrukteur gerade diese Offenheit auch zu schätzen weiß (im Gegensatz etwa zum Gott des Alten Testaments, der ja immer ziemlich schnell eingeschnappt ist).

Wie lange ich an der Szene geschrieben habe? Einige Tage, glaube ich. Meine Batterien müssen damals voll aufgeladen gewesen sein, denn ich habe das gesamte Stück in nur drei Wochen geschrieben, was mir selbst immer noch unbegreiflich ist, da ich für all meine anderen Bühnenstücke erheblich länger gebraucht habe.

Ansonsten sind in diese Szene, wie Du ganz richtig feststellst, viele meiner philosophischen Überlegungen eingeflossen, wobei ich hier als Dichter ein etwas optimistischeres Bild von der Welt entworfen habe als in meinen philosophischen Betrachtungen. Trotzdem gibt es da natürlich jede Menge gedanklicher Verbindungen.

Mit den beiden mathematischen Fragen habe ich zum einen natürlich eigene Interessen einfließen lassen, aber ich habe mir hier auch einen kleinen Spaß erlaubt, wenn der Konstrukteur erwidert, daß der Beweis der Riemannschen Vermutung zu schwierig gewesen wäre, denn dieses Problem ist ja geradezu der Heilige Gral der Mathematik, und ich frage mich mitunter schon, ob dieses Problem überhaupt jemals gelöst wird...

Jedenfalls habe ich Deine Gedanken zu dieser Szene, die fraglos die wichtigste des Stücks ist, sehr gern gelesen. Es freut mich nebenbei bemerkt auch, daß das neuste "Adrian"-Kapitel Dir wieder gefallen hat.

Liebe Grüße,
Thomas
01.09.2021 | 11:57 Uhr
Hallo Thomas,

wieder ein schönes Bühnenbild und deine Kostümwahl ist gut durchdacht.
Für die Präsentation der drei Damen, die jeweils eine Zeitform verkörpern, hast du sehr passende Worte und Bilder gefunden.

Was Torben seinem kleinen Bruder noch zu sagen hat, muss für Till wahnsinnig viel bedeuten und erwartet hat er dies sicher auch nicht, denn er bringt ja zu den Abschiedsworten keinen Ton heraus. Torben rät Till nicht nur, ihm nicht zu folgen, sondern fordert ihn dazu auf zu leben, das ist in meinen Augen mehr als nur zu überleben oder zu existieren. Ich lese hier heraus, dass er seine Talente nutzen soll und sich erlauben darf glücklich zu sein und mit sich selbst auch zufrieden zu sein, denn dies machte Till ja auch zu schaffen, wenn ich an seinen Monolog am Grab denke. Dieser Abschied berührt mich natürlich sehr, aber es freut mich, dass er tröstlich und ermutigend ist, für Till, aber auch für die Zuschauer, die, sofern sie auch nur einen Hauch Empathie in sich tragen, nicht anders können, als mit Till mitzufühlen.

Das Ende dieser Szene, die lange Umarmung, die dann vom Vorhang unterbrochen wird, unterstreicht auf sehr emotionale Weise diesen versöhnlichen Abschied.

Ich freue mich schon auf die Begegnung mit dem Konstrukteur!

Liebe Grüße
Aida

Antwort von Thomas Heinrich am 01.09.2021 | 15:13 Uhr
Hallo Aida,

vielen Dank für Dein Review!

Schön, daß Dir der Auftritt der Zeitschwestern gefallen hat. Aber ich denke mal, daß die meisten Leser bzw. Zuschauer wohl auch Torbens Abschiedsrede als den berührenderen Teil dieser Szene betrachten dürften, doch im Moment fällt mir auch nichts rechtes ein, was ich noch dazu schreiben könnte.

Die Begegnung mit dem Konstrukteur findet in der nächsten Szene endlich statt; diese Szene ist dann als Höhepunkt des Dramas angelegt.

Liebe Grüße,
Thomas
31.08.2021 | 21:36 Uhr
Hallo Thomas,

lieben Dank für deine Erklärungen. Da war ich doch sehr bequem gestern, diese Deutung hätte mir schon auch selbst kommen können. Ich habe wohl geschrieben, bevor ich richtig nachgedacht hatte.

Was für eine wunderschöne Szene!
Schon wie du sie überschrieben hast: Sternentreppe, das klingt traumhaft.
Dann das Bühnenbild mit dem Turm, bei dem Quadrat und Kreis als Grundform ineinander übergehen und den Sterne zieren. Auch die Kostüme und die Choreographie der Lichtgestalten sind bezaubernd.
Und nicht zuletzt gefällt mir der Inhalt sehr.
Torben ist wieder ganz der sorgende, erfahrene und ratgebende große Bruder (und erinnert mich somit wieder sehr an Jonathan Löwenherz)
Ich finde es sehr gut, dass Till nachfragt, warum gerade er auserwählt wurde, denn das würde mich an seiner Stelle natürlich auch interessieren, Torben dies jedoch nicht beantworten kann. So wird deutlich, dass sich der Konstrukteur nicht in die Karten schauen lässt. Wäre ja auch zu einfach.
Das Gespräch wendet sich dann dem sehr interessanten Thema zu, dass wir Menschen, selbst die intelligentesten und gebildetsten, eben nur begrenzt fähig sind, die Dinge vollständig zu erfassen.
So und jetzt kommt der geniale Gedanke, dass Till sich in seiner ganzen Erschöpfung nach Licht sehnt. Die Erschöpfung und die Dunkelheit könnten für seine Depressionen stehen, das Licht für den Weg aus ihr heraus.
Die Lichtgeister tragen ein italienisches Sonett vor, soviel erkenne ich zumindest und auch das Reimschema, das du mir dazu erklärt hast und das im Deutschen so schwierig ist, was bei dir aber nicht auffällt, da du wunderbare Reime gefunden hast. Du nimmst Bezug auf die Schöpfungsgeschichte, wobei ich zu behaupten wage, dich in soweit schon zu kennen, dass der Konstrukteur mit dem alttestamentlichen Gott nicht viel zu tun hat. Aber wenn man im Dunkeln ist, sehnt man sich nach Licht und es ist auch die Voraussetzung für das Leben, also hat sich das Thema Licht natürlich auch in der ersten Schöpfungserzählung der Bibel niedergeschlagen. Ich nehme an, so etwas in der Art wolltest du im ersten Quartett zum Ausdruck bringen.
Ich bewundere sehr, wie es dir gelingt, in diesem Gedicht die faszinierenden Eigenschaften des Lichtes auf schönste poetische Weise zu beschreiben.
Zuletzt der Abgang, sie folgen den Lichtgeistern, man spürt, dass sie sich nicht mehr allzu fern vom Konstrukteur befinden. Ich bin wirklich begeistert von dieser Szene und sehr gespannt, wie es weiter geht.

Ok, dann sollte ich also mal für den Adrian den Faust auffrischen. Da habe ich doch noch ein bisschen Zeit, oder?

Liebe Grüße
Aida

Antwort von Thomas Heinrich am 31.08.2021 | 22:07 Uhr
Hallo Aida,

vielen Dank für Dein Review!

Es freut mich sehr, daß diese Szene Dir so gefällt, denn zum einen freut es mich natürlich generell immer, wenn etwas, das ich geschrieben habe, Anklang findet, in diesem Fall freut es mich aber auch, weil ich selbst mit dieser Szene sehr zufrieden bin. Sie ist zwar nicht besonders lang, aber das Gespräch der beiden Brüder ist ganz gut gelungen, wie ich glaube, und das eigentliche Glanzstück stellt für mich selbst der Gesang der Lichtgeister dar (bei dem es sich wirklich, wie Du richtig erkannt hast, um ein italienisches Sonett handelt). Der hat auch den früheren Lesern des Stücks immer recht gut gefallen. Einerseits gibt es in der Tat Anspielungen auf die Genesis, aber auch auf vier physikalische Effekte, die allesamt mit dem Licht zu tun haben. Insofern habe ich in diesem Gedicht, das die Lichtgeister sprechen, auch versucht, recht verschiedene Dinge und Geisteswelten miteinander zu verbinden.

Den Faust sollte man als Deutsche(r) sowieso mal gelesen haben, ganz unabhängig von meinen Schreibereien. Wobei ich da allerdings warnend darauf hinweisen muß, daß der zweite Teil sehr lang, sehr abstrakt und daher auch äußerst schwer zugänglich ist... Aber Grund zur Eile besteht jedenfalls nicht, wenn ich das in meinem Roman anspreche, wird es wohl kurz vor dem Ende des zweiten Teils sein, und ich bin ja noch nicht mal mit dem ersten fertig! (Das nächste Kapitel steht übrigens kurz vor dem Abschluß, dies nur als kleine Information für zwischendurch.)

Liebe Grüße,
Thomas
30.08.2021 | 14:42 Uhr
Hallo Thomas,

wieder eine sehr bühnentaugliche Szene, ein Raum in dem der Wahnsinn regiert. Wieso führt gerade Tills Weg zum Konstrukteur durch ein Irrenhaus?
Torben erklärt, dass die verwirrten Seelen noch leben. Das ist mal eine Idee, die ich so noch nicht gelesen habe: Seelen, die nicht deshalb umherirren, weil sie tot sind und etwas unerledigt geblieben ist, sondern weil sie im Leben etwas ruhelos sein lässt.
Ich halte den ersten Mann für einen Anhänger einer Verschwörungstheorie (oder soll ich lieber sagen, einen Mann mit einem klaren Blick, jemand der die volle Wahrheit erkannt hat, so bezeichnen sich nämlich die Vertreter dieser Art in meinem Umfeld...).
Der alte Mann könnte ein Geizhals sein, dem sein Besitz wichtiger ist als seine Mitmenschen und dadurch auch jedem gegenüber misstrauisch wird.
Die alte Frau kommt mir dement vor und die junge hat wohl Wahnvorstellungen?
Oder liege ich daneben?
Es gefällt mir, dass Till einen eigenen Willen hat und den Weg nach seiner Art gehen will. Nur nicht zu viel reinquatschen lassen von den älteren Geschwistern! Das ist schon richtig so, die Kleinen müssen auch ihre eigenen Fehler machen.

Nichts wie raus, weg von den Irren, glaub mir das kann ich sehr gut nachvollziehen, leider geht das im Leben nicht so einfach...

Diesen Satz Torbens finde ich echt richtig gut: „Doch letztlich machen nicht Erfolge uns
zum Menschen, sondern unsre Strebsamkeit.“ Über den muss ich nochmal ein bisschen nachdenken.

Liebe Grüße
Aida

Antwort von Thomas Heinrich am 31.08.2021 | 04:55 Uhr
Hallo Aida,

vielen Dank für Dein Review!

Da ich an sich ja kein Freund von Selbstinterpretationen bin, dürfte ich eigentlich gar keine Antwort auf Deine Frage geben, warum Tills Weg zum Konstrukteur durch dieses sonderbare Irrenhaus führt, aber ich tue es trotzdem mal: Till, der (wie schon zu Beginn recht deutlich wurde) hart am Rand einer Depression steht, läuft selbst Gefahr, zu einer verwirrten (oder zumindest verirrten) Seele zu werden.

Mit dem Mann im Käfig habe ich mir tatsächlich (mal wieder) einen Seitenhieb auf meine Lieblingsfeinde, die Verschwörungsschwurbler, erlaubt - die bekommen in meinen Werken öfters mal ihr Fett weg, da sie mich so aufregen. Und natürlich hast Du ganz recht: diese Leute sind immer der Meinung, daß sie den totalen Durchblick haben und halten sich für unerhört schlau!

Die anderen Figuren verkörpern eigentlich alle die verschiedenen Facetten eines Persönlichkeitsverfalls, wie er etwa bei einer Demenz auftritt - Halluzinationen inklusive. In dieser Szene habe ich einige Erfahrungen, die ich selbst machen "durfte", verwertet, allerdings in recht stilisierter Form, so daß das Ganze ins Konzept meines Stücks hineinpaßt.

Der von Dir erwähnte Satz Torbens stellt eigentlich eine Variation des berühmten Satzes aus der Schlußszene vom "Faust II" dar:

"Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen."

Ohne meine Antwort hier zu einem Seminar über das "Faust"-Drama zu machen, will ich doch noch anmerken, daß diese beiden Zeilen für mich die wichtigsten der besagten Schlußszene sind, wenn nicht sogar des gesamten "Faust"-Dramas. Vermutlich wird Adrian sich irgendwann ein wenig dazu äußern, wenn er ein paar Jahre älter geworden ist.

Liebe Grüße,
Thomas
27.08.2021 | 08:54 Uhr
Hallo Thomas,

was Torben über das Totenreich zu erzählen hat ist sehr interessant. Dass er die furchtbaren Gestalten der Weltgeschichte nicht lange ertragen kann ist verständlich und immerhin gibt es wohl irgendeine Form von Gerechtigkeit in diesem Jenseits. Seelen, die zusammengehören dürfen zusammen leben? Das ist schön.
Ich stelle mir Kant vor, wie er umherläuft und seine Philosophie unter die Leute bringen will und ihm niemand länger zuhört, während Einstein und Newton sich versteckt halten um nicht die Masse an Leuten ertragen zu müssen, die Antworten haben wollen und sie doch nicht verstehen ... obwohl, Kant hätte sicher auch einen Fanclub um sich herum.
Die Passivität der Bewohner im Totenreich ist auch nachzuvollziehen, wenn man eine Ewigkeit vor sich hat, wird man wohl lethargisch, ähnlich wie Riesenschildkröten.
Die Eheleute Schrader kann ich mir wieder so gut auf der Bühne vorstellen, wie sie Till und Torben unterbrechen und dann wieder verschwinden. Die beiden haben sich anscheinend auseinandergelebt und jetzt platzt der lieben Gerda der Kragen, als sie feststellt, was selbst in der Stunde ihres Todes dem Gatten am wichtigsten ist. Vielleicht lernt sie ja jetzt jemand neues kennen. Ach so nee, keine Leidenschaft mehr hat Torben gesagt. Ich glaube das Totenreich wär nichts für mich.

Sehr wahrscheinlich komme ich erst wieder Anfang nächster Woche zum Lesen, ich wünsche dir daher ein schönes Wochenende.

Liebe Grüße
Aida

Antwort von Thomas Heinrich am 27.08.2021 | 14:03 Uhr
Hallo Aida,

vielen Dank für Dein Review!

Die Erwähnung von Torbens Begegnung mit Kant war vor allem als ein etwas humorvolles Einsprengsel in dieser ansonsten ziemlich düsteren Szene gedacht - denn das Totenreich an sich wirkt nun wirklich nicht so sehr verlockend (was vielleicht auch daran liegt, daß ich der Vorstellung, daß nach dem Tod noch etwas kommt, irgendwie so gar nichts abgewinnen kann), und der Ehestreit des verunglückten Ehepaars ist ja nun auch nicht so sonderlich schön, da hier schon lange brodelnde Konflikte offen zum Ausbruch kommen. (Einige der früheren Leserinnen bzw. Leser fanden den Auftritt der Schraders zwar humoristisch, aber so war er ehrlich gesagt nicht gemeint...)

Die nächste Szene ist dann die finsterste des gesamten Stücks, danach wird die Atmosphäre freundlicher.

Dann wünsche ich Dir auch noch ein schönes Wochenende!

Liebe Grüße,
Thomas
26.08.2021 | 10:08 Uhr
Hallo Thomas,

Danke für deine beruhigende Antwort auf meine Nachricht. :)

Der Mondgarten muss wunderschön sein und wenn man davon träumt, wacht man sicher sehr erholt auf. Aber ums Aufwachen geht es hier ja nicht.
Das Gespräch nimmt eine ungekünstelt wirkende Wendung von der Natur zu den Dingen, die Tills Herz schwer machen. Ich freue mich sehr, dass Torben seinen kleinen Bruder von dessen Selbstvorwürfen und Unzufriedenheit mit seinem eigenen Leben freispricht. Sie sind sich wohl ähnlicher als sie wahrhaben wollten. Bleibt abzuwarten, ob Till das so annehmen kann und es ihm hilft. Ich wünsche ihm, selbst wenn er nur träumen sollte und es nicht wirklich Torben ist, der spricht, sondern sein eigenes Unterbewusstsein, dieses Gespräch mit ins wache Bewusstsein übernehmen zu können, denn ich gehe auch davon aus, dass er sich selbst um einiges härter verurteilt, als sein Bruder das je getan hätte.
Auf den Konstrukteur und das Gespräch bin ich natürlich sehr gespannt, ich nehme aber entsprechend Torbens Schlusssatz an, dass das noch etwas dauern wird.

Die Vorstellung, dass die Toten uns unbemerkt besuchen, finde ich übrigens sehr unangenehm. Dann müsste ich öfter Staub wischen und den Garten besser in Ordnung halten und nicht mehr nackt duschen und überhaupt... nein, keine schöne Vorstellung.

Liebe Grüße
Aida

Antwort von Thomas Heinrich am 26.08.2021 | 14:36 Uhr
Hallo Aida,

gern geschehen und vielen Dank für Dein Review!

Diese Szene ist recht kontemplativ, wobei natürlich die Persönlichkeiten der beiden Brüder und ihr Verhältnis zueinander das eigentliche Zentrum bilden. Über die Frage, ob Till nur träumt oder wirklich mit Torbens Geist spricht, will ich an dieser Stelle gar keine Spekulationen anstellen - bis zu Tills Gespräch mit dem Konstrukteur wird es aber tatsächlich noch etwas dauern, denn das findet erst in der vorletzten Szene statt.

Ich kann Dir aber zustimmen, was die Vorstellungt betrifft, daß Geister und unbemerkt besuchen würden. Das fände ich auch nicht angenehm - ohnehin mag ich eigentlich keine solchen Vorstellungen, daß irgendeine Macht unser Leben mit so einer Art ständiger Überwachungskamera verfolgt.

Liebe Grüße,
Thomas
25.08.2021 | 09:29 Uhr
Hallo Thomas,

Danke für die Hinweise zum Buch Hiob, eigentlich dürften die ja nicht nötig sein... ;)

Der gruselige Beginn erinnert mich an Lukas‘ Traum in Elegia. Ich finde du hast ein gutes Gespür dafür, was sich auf einer Bühne gut machen würde, die Schattenwesen beispielsweise, die kann ich mir sehr gut vorstellen. Torben, ganz der große Bruder, rettet Till und tritt dabei zum ersten Mal auf, verständlich, dass Till sich fragt, ob er nun ebenfalls tot ist.
Ich glaube der Wunsch seinen verstorbenen Angehörigen wieder zu begegnen oder zumindest die Chance zu bekommen noch einmal mit ihnen zu sprechen, ist sehr menschlich und bei Till noch leichter nachzuvollziehen, da es keinen Abschied gab und sicher viele Fragen bleiben. Dieser Wunsch scheint sich im Traum niederzuschlagen.
Ich weiß nicht, ob es noch zu früh für eine solche Deutung ist, aber Torbens Vergleich mit dem herausgeschleuderten Planeten und seine Aussage, Till aus dem Grab heraus zu retten, lässt mich vermuten, dass Torben die Sorge hat, Till könnte ihm nachfolgen, entweder weil ihm nun der Halt im Leben fehlt oder aus schlechtem Gewissen, was die Schattenwesen symbolisieren könnten.
Torbens Bemerkung darüber, wo die Hölle zu finden ist, ist interessant und er hat ja nicht unrecht.
Und ich darf mich auf einen Garten freuen? Sehr schön :)

Liebe Grüße
Aida

Antwort von Thomas Heinrich am 25.08.2021 | 16:55 Uhr
Hallo Aida,

vielen Dank für Dein Review!

Auf das Buch Hiob bin ich auch nur deshalb so genau eingegangen, weil Du in Deinem gestrigen Review erwähnt hattest, es noch nie ganz gelesen zu haben, und da ich nun nicht wußte, was genau Dir da fehlt, habe ich diesen kleinen Exkurs in meiner Antwort untergebracht.

Der Beginn erinnert schon an Lukas' Traum, und beides erinnert wieder an Dante und den ersten Gesang des Infernos - so wie ein Hauch von Dante durch nahezu das ganze Stück hindurchweht.
Und von Toten zu träumen, ist ja gar nicht so ungewöhnlich - mir zumindest ist das schon sehr oft passiert.
Schön, daß Du Torbens Bemerkung über die Hölle ansprichst, die halte ich selbst nämlich für eine der gelungensten in dieser Szene.
Und in der nächsten Szene geht es in der Tat in einen nächtlichen Garten hinein.

Liebe Grüße,
Thomas
24.08.2021 | 13:35 Uhr
Hallo Thomas,

Im Gespräch mit der Witwe erfahren wir nicht nur vom Schicksal der beiden verstorbenen Angehörigen, sondern auch vom verschiedenen Umgang mit der Trauer und dem Verlust.
Die Witwe drückt ihren Schmerz öffentlich aus und hat durch ihre religiöse Vorstellung von Tod und Jenseits auch einen gewissen Halt. Auch wenn sie den Sinn nicht erkennen kann, meint sie wohl, es wird schon richtig sein, wenn der liebe Gott so entschieden hat.
Till spricht nur auf Nachfrage und auch ohne seine Emotionen und Ansichten wirklich preiszugeben. Er will verständlicherweise seine Ruhe am Grab des Bruders haben und schon gar nicht wohlmeinende Worte hören, die ihn wohl trösten sollen(vielleicht sollen sie aber auch nur die Sprecherin selbst trösten), ihn aber nur aufregen.

Dass da nicht gerade wenig Emotionen da sind, lesen wir im Monolog, der mich in dieser Szene natürlich am meisten berührt. So wie zu lesen ist, war Till wütend (oder ist das ein zu hartes Wort?) auf seinen Bruder und das finde ich gut, dass er das zugelassen hat. Es tut mir leid zu lesen, wie sehr er sich selbst verurteilt, einerseits dafür, dass er sich als Versager sieht und andererseits dafür, dass er nicht bemerkt hat, wie es Torben gegangen ist. Ich weiß auch gar nicht, was ich ihm da tolles sagen würde, ich weiß ja auch zu wenig von ihm und nach Mitleid ist ihm wohl sowieso nicht, das hätte er von der Witwe haben können, wenn er das wollte.
Am meisten Eindruck hinterlassen haben bei mir die folgenden Verse:

„Gewiß, wir haben häufig uns gestritten,
Du warst mitunter Quälgeist und Tyrann,
Doch auch mein bester Lehrer und Beschützer,
Und keiner hat mich besser je gekannt.“

Die ersten beiden zeigen, dass Till die Beziehung zu seinem Bruder nicht verklärt. Die letzten beiden sind für mich die hoffnungsvollsten der ganzen Szene, denn ist es nicht das, was nach dem Tod eines unserer Lieben bleibt, was sie uns gelehrt und fürs Leben mitgegeben haben? Ich glaube auch sich beschützt und verstanden fühlen, kann den Tod überdauern. Mir geht es zumindest so und ich gehe sehr selten zum Friedhof, aber meistens dann, wenn ich das Bedürfnis habe verstanden zu werden und unter den Lebenden da niemand geeigneten finde (wenn ich das jetzt so aufschreibe, liest es sich seltsam, aber vielleicht verstehst du ja trotzdem, was ich meine).

Der Pastor spricht dann das an, was wohl auch die gläubigsten Menschen an einem Gott zweifeln lässt, der Tod von Kindern oder überhaupt die Theodizeefrage. Meiner Meinung nach muss der Pastor dies ganz und gar nicht verheimlichen, sondern sollte das gerne offen aussprechen, dass ihm da selbst nichts vernünftiges dazu einfällt. Vielleicht vergrault er ein paar Konservative, aber seine aufgeklärten Gemeindemitglieder (falls es die gibt) würden ihm das sicher nicht übel nehmen.
Ich muss Till hier in einem Punkt entschieden widersprechen (ich finde der Pastor hätte das auch sollen!): Es ist nicht die Pflicht des Kindes zwischen den Eltern zu vermitteln. Aber ich weiß, dass Kinder sich fast immer dafür verantwortlich fühlen, zu Hause für Harmonie zu sorgen, wenn es Streit zwischen den Eltern gibt und das kann Kindern das Leben ernsthaft schwer machen. Streiten sie wegen Torben? Das kann eine Ehe natürlich auch sehr belasten, wenn z.B. unterschiedlich mit der Trauer und dem Weiterleben umgegangen wird. Ich hoffe Till kann sich da distanzieren, aber vielleicht lese ich auch zu viel heraus aus diesem einen Satz.

Die gelben Rosen finde ich schön, die Farbe ist dir wohl wichtig, wenn du sie in die Regieanweisung geschrieben hast.
Da die Witwe Hiob erwähnt, das Buch habe ich noch nie ganz gelesen, aber ich meine mich zu erinnern, dass er Gott anklagt und dieser sich ihm am Ende zeigt und die Welt erklärt. Könnte das eine Parallele dazu sein, dass Till den Konstrukteur des Universums treffen wird, wie in der Kurzbeschreibung zu lesen ist?

Du siehst, ich hatte viel zu schreiben zu deiner ersten Szene, sie war ja auch sehr gehaltvoll und du weißt, dass das alles Themen sind, die mich ansprechen, da hast du wohl auch keinen Zweizeiler von mir erwartet. Hoffentlich habe ich nichts unangemessen interpretiert.
Ich freue mich schon auf deine Antwort und auf das Weiterlesen.

Liebe Grüße
Aida

Antwort von Thomas Heinrich am 24.08.2021 | 14:48 Uhr
Hallo Aida,

vielen Dank für Dein umfassendes und gedankenvolles Review!

Tills Gespräch mit der Witwe dient hier natürlich mehreren Zwecken: zum einen erfährt der Zuschauer, was mit Tills Bruder geschehen ist, zum anderen wird auch Tills Charakter schon ein wenig beleuchtet, gerade auch durch den deutlichen Kontrast zur Witwe, die mit ihrer Trauer anders umgeht, aber ihren Mann auch auf ganz andere Weise verloren hat. Trotzdem vermittelt dieses kurze Gespräch nur einen flüchtigen Eindruck von Tills Persönlichkeit, die im anschließenden Monolog schon deutlich mehr Konturen gewinnt.

Wie Du richtig feststellst, verklärt Till die Beziehung zu seinem Bruder nicht. Ich weiß, das viele Leute dazu neigen, verstorbene Angehörige zu idealisieren - je länger diese tot sind, desto mehr. Till gehört nicht dazu, wie sich hier zeigt; doch trotz der Tatsache, daß sein Verhältnis zu Torben nicht immer das einfachste war und er sich dessen auch noch bewußt ist, ist sein Schmerz immer noch sehr tief.

Dem Pastor fehlt letztlich wohl das Quentchen Mut, um in der Gemeinde offen über seine Zweifel zu sprechen, und man darf wohl davon aus gehen, daß es bei den Streitereien von Tills Eltern oft um Torben gehen wird. Aber letztlich kann dies jeder Leser bzw. Zuschauer den eigenen Vorstellungen gemäß deuten, denn Tills Eltern werden in diesem Stück nicht selbst in Erscheinung treten.

Was das Buch Hiob betrifft: ganz so, wie Du es beschreibst, ist es nicht; es gibt ja zunächst die Rahmenhandlung, in der der Satan von Gott die Erlaubnis bekommt, Hiobs Frömmigkeit auf die Probe zu stellen, indem er ihn ins Unglück stürzt, worauf dann der lange Hauptteil folgt, in dem Hiob mit seinen "Freunden" diskutiert, die der Auffassung sind, bei all dem Unglück, das ihm widerfahren ist, müsse er wohl etwas auf dem Kerbholz haben. Am Ende greift in der Tat Gott in das Gespräch ein und streicht heraus, wie großartig seine Schöpfung ist; warum aber Hiob aber all sein Unglück erleiden mußte, erwähnt er nicht, sondern sagt mehr oder weniger, daß es Hiob nicht zukomme, solche Fragen zu stellen, was ich dann alles in allem nicht wirklich als Erklärung der Welt bezeichnen würde. (Allerdings gibt Gott den merkwürdigen Freunden Hiobs auch nicht recht, was ein sehr wichtiger Punkt ist!) Jedenfalls ging es mir hier der Erwähnung Hiobs durch die Witwe eigentlich nur um diese duldsame Haltung, nach der man alles ertragen müsse, ohne Fragen zu stellen. (Eine Haltung, die natürlich nicht die meine ist!)

"Unangemessene" Interpretationen kann es eigentlich kaum geben, allenfalls solche, die nicht erkennen, was für Intentionen der Autor hatte. Aber damit müssen Autoren immer leben: sie schreiben einen Text, und sobald sie ihn in die Welt setzen, gehört er ihnen nicht mehr vollständig, sondern auch den Lesern und entwickelt sich dann durch deren Deutungen weiter. Umberto Eco meinte sogar (natürlich auch ein wenig ironisch): "Der Autor müßte das Zeitliche segnen, nachdem er geschrieben hat. Damit er die Eigenbewegung des Textes nicht stört."

Liebe Grüße,
Thomas
23.08.2021 | 22:11 Uhr
Hallo Thomas,

ich habe mir nun ein weiteres Werk aus der obersten Reihe deines Bücherregals ausgewählt. Ich glaube es passt mir im Moment ganz gut von der Länge her und ein Schauspiel habe ich von dir noch nicht gelesen. Seit der Schulzeit habe ich überhaupt gar keines mehr gelesen. Aber das hier könnte mir gefallen.
Vom Titel hätte ich nicht auf den Inhalt geschlossen, wie auch, es ist ja ein sehr offener Titel. Aber die Kurzbeschreibung macht deutlich worum es geht.
Ich bin sehr gespannt, was mich da erwartet, besonders interessiert mich, was Torben zu sagen hat und die Begegnung mit dem Konstrukteur.
Außerdem freue ich mich, dass ich diesmal nicht nur Leserin bin, sondern Zuschauerin im Theater, da war ich nämlich auch schon sehr lange nicht mehr und das hat nichts mit der Pandemie zu tun, sondern vor allem mit anderen Umständen.

Nun zu deinem Prolog, den ich dank dir als Sonett in der englischen Form erkenne. Der ist verdammt gut! Er wirkt klassisch, ich denke das macht die Form und die Thematik, andererseits ist die Sprache nicht altbacken und ich glaube auf einer Bühne würde er richtig cool rüber kommen. Einmal mehr hast du mir gezeigt, was du in deiner Betrachtung zur Schönheit festgestellt hast, dass es eben doch einen Unterschied macht, ob man sagt: „Alle müssen sterben und wer tot ist, ist für die Lebenden unerreichbar“, oder ob man diese Aussage in kunstvolle Verse verpackt, wie du es hier getan hast. Im Theater säße ich nun auf der vordersten Kante meines Sitzplatzes und hinge gebannt an den Lippen des Schauspielers.

Liebe Grüße
Aida

Antwort von Thomas Heinrich am 24.08.2021 | 01:59 Uhr
Hallo Aida,

vielen Dank für Dein Review (und Dein Interesse an einem weiteren meiner Werke)!

"Till Troschaks Frühlingstraum" ist wegen seiner Länge oder richtiger gesagt: Kürze (das Stück ist auch für ein Theaterstück ziemlich kurz, "Merlins Jugend" etwa ist mehr als doppelt so lang) recht schnell lesbar, aber auch keine so ganz einfache Kost, zumal es inhaltlich eine gewisse Verbindung zu "Elegia" gibt - das wirst Du beim Lesen der ersten Szene feststellen.

Aber natürlich freut es mich erst einmal, daß der Prolog Dir gefällt, und daher bin ich auch schon gespannt auf Deine Meinung zum eigentlichen Stück. (Und selbstverständlich lese ich gern, daß meinen Versen eine gewisse Überzeugungskraft für solche altmodischen Formen innewohnt...)

Liebe Grüße,
Thomas
05.07.2020 | 01:20 Uhr
Hallo werter Thomas,

Nun sind wir also am Ende angelangt und auch wenn es von meiner Seite aus teilweise recht lange mit den Rückmeldungen gedauert hat, habe ich es schlussendlich zumindest doch als eine Art Schlusslicht im Schneckentempo geschafft...

Dieses letzte Kapitel war nun nicht mehr sehr ereignisreich und es kommt durchaus auch recht kurz daher, aber genau diese Elemente verhelfen mitunter dieser Szene einen ruhigen, abklingenden Abschluss zu verleihen. Das Übernatürliche und all das Surreale sind verschwunden, ein neuer Tag ist hereingebrochen, die Vögel singen, eine hoffnungsvolle Atmosphäre herrscht und am Ende bleibt nur Till, welcher insbesondere durch seine Reise mit Torben einen gewissen Sinneswandel davongetragen hat. Er ist nicht auf magische Art völlig zu einer anderen Person geworden, aber er ist (was auch realistischer ist) bereit die Dinge etwas anders zu sehen und zu leben... Teilweise anscheinend auch für seinen Bruder, den er ohnehin früher oder später im Tod wiedersehen wird, sodass sie vereint sind.

Interessant ist noch, wie wunderbar du mit dem Umstand zu spielen weißt, dass der Großteil der Handlung deines Stücks genauso gut "nur" ein einfacher Traum sein könnte und keine "reale" Erfahrung. Wobei du hier auch sehr schön relativierst und den Umstand, dass es sich hier wortwörtlich um einen Frühlingstraum handeln könnte, kein bisschen herabsetzt.

Der Part an Torbens Grab war dann noch ein wunderschöner Abschluss. Ein perfektes Ende, welches mir die Augen feucht machte. (Naja, du weißt ja was für ein kleines Sensibelchen ich sein kann...)

Was nun noch meine allgemeine Meinung zu deinem Werk betrifft, empfand ich dein Stück wirklich als sehr schön. Und auch wenn meine Meinung als laienhafter Banause wahrscheinlich nicht den herausragendsten Wert besitzt, verkünde ich voller Ernst, dass du vom Sprachlichen bis zur Thematik und den Charakteren wie auch den phantasievollen Ideen her eine wirklich professionelle und bewundernswerte Arbeit geleistet hast! "Till Troschaks Frühlingstraum" wäre ein Werk, welches ich mit Freuden wie auch größter Faszination gerne auf einer echten Bühne sehen würde. Ein Stück, welches zu den Perlen dieser Seite gehört und das du ernsthaft irgendwo einschicken solltest!

Dann wünsche ich noch einen schönen Sonntag.

Mit freundlichen Grüssen
Jonathan Ghost

Antwort von Thomas Heinrich am 05.07.2020 | 03:07 Uhr
Hallo lieber Jonathan,

dann will ich auch noch auf Dein abschließendes Review zu meinem Stück eingehen!

In dieser Schlußszene wollte ich dann wirklich noch mal das frühlingshafte am "Frühlingston" ein wenig betonen; Till ist nun wieder in der uns vertrauten Welt angekommen, und ob seine nächtliche Reise duch andere Reiche tatsächlich stattgefunden gar oder eben "nur" ein Traum war, überlasse ich dann bewußt der persönlichen Entscheidung des Lesers (bzw. des Zuschauers, wenn es denn jemals zu einer Aufführung kommen sollte).

Ich freue mich auch über Deine lobenden Worte für Tills Schlußworte an Torbens Grab; da sind mir beim Schreiben selbst die Augen ein wenig feucht geworden, was ich Dir ja nicht näher zu erklären brauche...

Ich glaube selbst, daß dies ein zwar ziemlich kurzes, aber auch recht gutes Stück ist. Im Moment aber sieht es natürlich pandemiebedingt generell nicht so gut aus, was die Aufführung von Bühnenwerken betrifft. Mal sehen.

Dir wünsche ich auch noch einen schönen Sonntag.

Liebe Grüße,
Thomas
05.07.2020 | 00:25 Uhr
Hallo werter Thomas,

Während dieses gesamten Stücks, war Tills traumspielmässige Reise eine der faszinierenden Sorte, welche viele interessante "Haltestellen" besaß und in welcher bereits diverse besondere Begegnungen wie auch Momente vorkamen. Und stets musste ich immer wieder in meinen Reviews einen Punkt betonen, den ich hier nun ein letztes Mal erneut betonen werde: Obwohl das Treffen mit dem Konstrukteur von Anfang an ein reizvolles Ziel darstellte, dem ich erwartungsvoll entgegenfieberte, hast du es geschafft das "die Reise ist das Ziel"-Prinzip auf so überzeugende und wunderbare Art umzusetzen, dass ich oftmals fast den Hauptgrund dieses ganzen Abenteuers vergaß... Doch nun sind wir schlussendlich doch da. Der Hauptteil der Reise ist nun vorbei und Till trifft den Konstrukteur. Und ehrlichgesagt lohnte sich das Warten wirklich und die eventuelle Möglichkeit, dass diese Auflösung vielleicht nicht ganz befriedigend sein könnte, hat sich bereits bei etwa der ersten Hälfte des Kapitels in Luft aufgelöst... Ach, selbst nach dem siebten (JA!) Mal in welchem ich dieses wirklich gelungene und zutiefst interessante Kapitel gelesen habe, glaube ich nicht die richtigen Worte finden zu können! Ja, den in meinem Kopf schwirren derzeit so viele Gedanken, so viele zu verarbeitende Eindrücke... Aber auch wenn mein Kopf (erneut) nach dem Lesen dieses - meiner Meinung nach zumindest - so ziemlich besten Kapitels deines Stücks zu bersten droht, muss ich dir natürlich unbedingt dein verdientes Review endlich einmal schreiben. :)

Ein recht bescheiden wie auch gütig und intelligent daher kommender Schöpfer, der seine Schöpfungen nach ihrer Meinung fragt und die negative Kritik auch genauso offen wie die positive annimmt... Ja, definitiv kein Jahwe oder Allah!
Wie dem auch sei! Dein Konstrukteur ist wirklich alles was ich etwa von einer Interpretation deinerseits erwartet hätte - und noch so einiges mehr. Wirklich eine recht plausible und sympathische Schöpfergestalt, die ich mir im Grunde fast schon vorstellen könnte und bei der sich kein einzelnes antitheistisches Haar bei mir sträubt. Ich könnte so einen Konstrukteur wie den deinen ehrlichgesagt ziemlich gut akzeptieren.
Desweiteren möchte ich dir bei deiner Aussage recht geben, dass so ein "höchstes Wesen" als literarische Gestalt durchaus sehr interessant sein kann und einen gewissen Reiz besitzt. Du hast in dieser bisher längsten (und zugleich vom Gefühl her trotzdem so kurzen) Szene dieses literarische Konzept schön zu nutzen gewusst und deine Aussage herrlich zementiert.

Was das eigentliche Gespräch zwischen Till und dem Konstrukteur anbelangt, fand ich es durch und durch gut wie auch sehr interessant. Ziemlich befriedigend... Auch wenn ich vor lauter Verliebtheit zu dieses Kapitel sagen muss, dass ich auch mit Freuden noch mehr gelesen hätte. Aber vielleicht ist es doch besser, wenn dieses zutiefst philosophische Gespräch sich nicht all zu sehr in die Länge zieht. Immerhin mag es ja sicher nicht jeder, wenn sich solche Gespräche zu sehr in die Länge ziehen, und noch dazu hattest du hier wahrscheinlich zur Genüge zu tun, um bereits in diesem Umfang all diese verschiedenen Gedanken in wundervolle wie auch passende Wortgebilde hineinzubringen. (Für diesen Aspekt spreche ich dir auch noch hier ein spezielles Lob aus! So etwas könnte ich in dieser Form bestimmt nie).
Sehr interessant empfand ich es auch noch, wie unglaublich gleichberechtigt die Kommunikation zwischen Till und dem Konstrukteur hier ablief. Er gibt sich sehr mühe, die Grenzen verschwimmen zu lassen und seinen Status als höheres Wesen einfach als Fakt nebenbei zu betonen, anstatt ihn so stark heraushängen zu lassen... Und Till seinerseits war erfrischenderweise keineswegs unterwürfig. Irgendwie war hier alles balanciert, im passenden Gleichgewicht.
Es war wirklich schön, dass dieses Gespräch nicht zu einem "Insekt steht wimmernd und kriechend im Staub vor dem weitaus höheren und überlegenen Überwesen" verkommen ist, den sonst hätte es nicht dieses wahrhaft 2menschliche" gegeben. Ja, wenn ich näher darüber nachdenke, fühlt sich das gesamte Gespräch an sich - trotz des Inhalts - wie ein einfaches Gespräch zwischen zwei vollkommen menschlichen Leuten an... Im Großen und Ganzen, denn durchaus strahlt der Konstrukteur (passend zu seiner Erscheinung) etwas von einen weisen Lehrer aus, weshalb da durchaus ein wenig ein Unterschied vorhanden ist. Generell hatte er eine prägende Präsenz. (Seine Abneigung gegenüber den Klischees, dem Hirtengleichnis und der Religion lässt ihn auch noch nebenbei richtig cool erscheinen!)

Dein Konstrukteur ist auch noch ein sehr tiefgründiger wie auch tragischer Charakter, wie ich finde. Genauso wie Till empfand ich für ihn ziemliches Mitleid wie auch Verständnis. Das Konzept mit den mehreren gescheiterten Universen und unseren Universum als unvollkommener, aber funktionierender Prototyp gefiel mir auch, da dadurch der Konstrukteur als unvollkommen und zugleich auch als keineswegs allmächtig dargestellt wurde... Ehm, verstehst du etwa worauf ich hinaus will? Ich glaube nämlich, dass ich mich hier etwas komisch ausdrücke.

Dein Versuch die Sache mit der Theodizee zu erklären wie auch das Leid als etwas darzustellen, dass einfach zur Veränderung der Dinge dazugehört, haben mir ebenfalls sehr gefallen und erschienen mir genauso logisch wie der Grund des Konstrukteurs, das Universum nicht einfach vorzeitig zu beenden.

Tills Fragen zum Schluss wirkten ein wenig "komisch", aber ich verstehe dass du sie als Mathematiker nicht lassen konntest und an sich passt das ja auch zu der Persönlichkeit deines Protagonisten.

Dann ende ich hier einmal mit meinen Review und hoffe, dass ich nichts vergessen habe...

Mit freundlichen Grüssen
Jonathan Ghost

P.S: Ich hoffe innigst, dass es dir derzeit den Umständen entsprechend zumindest halbwegs gut geht... Eine Privatnachricht folgt bald, sobald ich genau weiß, was ich schreiben möchte. Bis dorthin widme ich mich einfach dem "nachholen" in Hinsicht auf das Schreiben einiger Reviews...

Antwort von Thomas Heinrich am 05.07.2020 | 02:57 Uhr
Hallo lieber Jonathan,

vielen herzlichen Dank für Deine abschließenden und sehr umfassenden Reviews zu meinem "lyrischen Traumspiel"! Ein so qualifiziertes und detailliertes Review zu lesen, läßt jedes Autorenherz höher schlagen, ganz anders als ein Review von der Sorte: "Ein tolles Kapitel. Till hat mir gut gefallen", das keinerlei Bezug zum Inhalt aufweist.

Doch nun zu Deinen Ausführungen. Diese Szene stellt natürlich, nicht allein wegen ihres Umfangs, so etwas wie das Herzstück des gesamten Schauspiels dar. Der Grundgedanke dabei war recht einfach: ich habe hier die deistische (und nicht etwa theistische!) Vorstellung eines persönlichen Schöpfers (bzw. Konstrukteurs) einmal ernst genommen, diesen aber bewußt als einen Gegenentwurf zu den herumpolternden Gestalten der diversen heiligen Schriften angelegt, und so kam letztlich ein ebenso mächtiges wie einsames Wesen heraus, das eher einem Wissenschaftler zu vergleichen ist als etwa dem narzißtischen Jahwe. Wie gesagt: ich persönlich neige zwar auch nicht zu einer deistischen Sichtweise, halte diese aber nicht per se für unvernünftig, da sie in vielen Belangen "bescheidener" ist als die theistischen Sichtweisen, die immer behaupten, die absolute Wahrheit zu verkünden (und sich gerade durch diesen überzogenen Anspruch als Schwindel entlarven).

Und das Gespräch auf Augenhöhe war mir hier auch wichtig. Der Konstrukteur wendet sich direkt an eher unglückliche Bewohner der Welt, die er einst zusammengebastelt hat, um dazuzulernen, und Till weiß die einmalige Gelegenheit auch zu nutzen und nimmt, obwohl er durchaus höflich ist, trotzdem kein Blatt vor den Mund.

So ganz nebenbei habe ich hier auch etwas von meinen naturwissenschaftlichen Kenntnissen (die nicht so groß sind, wie ich es mir wünschen würde) einfließen lassen und mich insbesondere mit der Frage beschäftigt, warum einige Naturkonstanten gerade solche Werte haben, daß unser Universum bewohnbar ist. (Das ist nämlich tatsächlich eine ziemlich interessante Frage, auf die ich aber an dieser Stelle nicht ausführlich eingehen will.) Und der Grund, warum der Konstrukteur trotz der vorhandenen Mängel des Universums nicht einfach "den Stecker rauszieht", ist eben auch plausibel: die meisten Lebewesen darin bejahen ihre Existenz, selbst wenn sie schwierig ist. (Allerdings gibt es immer auch ein paar Unglückliche, die sie verneinen - aber das ist dann ein Thema für sich.)

Die beiden Fragen am Ende zielen eben auf zwei der berühmtesten mathischen Probleme ab: die Fermatsche Vermutung ist mittlerweile tatsächlich bewiesen, worauf hier angespielt wird, die Riemannsche Vermutung ist um einiges bedeutender, aber nicht bewiesen. Hier wollte ich ein wenig ironisch deutlich machen, wie unerhört schwierig dieses Problem ist: selbst der Konstrukteur hat sich an den Beweis nicht herangetraut! Hier schlug einfach auch mein persönliches Interesse durch, wobei Till aber auch als Figur einen solchen Hintergrund hat, der es plausibel macht, daß er solche Fragen stellt.

Liebe Grüße,
Thomas

P.S.: Es geht mir tatsächlich den Umständen entsprechend gut (fast schon erschreckend gut); aber ich kann verstehen, daß Dir die Antwort schwer fällt, denn dies stellt für mich auf alle Fälle einen tiefen Einschnitt dar.
03.05.2020 | 01:48 Uhr
Hallo werter Thomas,

Obwohl ich müde bin kann ich nicht schlafen, also widme ich mich einfach einmal dem Schreiben einer Rückmeldung für diese sehr faszinierende und einmal wieder vortrefflich gelungene Szene!

Auch wenn mir an sich dein gesamtes Stück in seiner Gänze gefällt und ich durchaus jeder Szene bisher etwas abgewinnen konnte, gibt es natürlicherweise einige Szenen die mir doch mehr gefallen als andere Szenen. So eine der mir lieberen Szenen ist deine Nummer acht, welche in der sehr interessanten "Halle der Zeit", sozusagen dem Wartezimmer des Konstrukteurs, spielt und in der zwei wirklich großartige Dinge in Form der drei Schwestern wie auch des emotionalen Abschieds der beiden Troschak-Brüder vorkommen.
Aber alles der Reihe nach!

Trotz oder gerade wegen ihrer Kürze, ist diese Szene wirklich sehr einprägsam. Am einprägsamsten war am Ende aber natürlich der durchaus sehr emotionale, für mich sehr rührende Abschied zwischen Till und Torben, wo letzterer alles sagt was gesagt werden sollte und ersterer schweigend die Worte in sich aufnimmt... An diesem Punkt muss nicht länger etwas von Tills Seite aus gesagt werden, da alles klar ist. Torbens Aufgabe als Seelengeleiter ist erfüllt, er kann nicht länger an Tills Seite sein... Nun heißt es einfach noch den für sie beide gleichermaßen dringend benötigten Abschied zu tätigen und Till noch ein letztes Mal, noch als letzte Bestärkung, auf den Pfad zu führen, den Torben nicht beschreiten konnte... :(
Entschuldige falls meine Gedanken etwas wirr zu lesen sind, aber gerade bin ich ziemlich emotional. Außerdem ist in meinem Zimmer irgendwo ganz in meiner Nähe ein Unsichtbarer der unsichtbare Zwiebeln schält... Wenn du verstehst was ich damit meine!

Was die (klassisch in drei weiblichen Aspekten dargestellte) Zeit in Form der drei Schwestern betrifft, waren sie kein weniger faszinierender Part. Denn auch wenn mein Herz beim Abschied raste, habe ich noch immer - wie du ja weißt - eine große Faszination für die Zeit als literarisches Konzept. Die Zeit als Konzept fasziniert mich und gehört gleich nach dem Tod zu meinen liebsten Dingen, die man anthropomorphisieren kann. (Nebenbei, einfach so falls es dich interessiert: Meine liebste Darstellung der Zeit ist Meister Hora aus Michael Endes wundervollen Roman "Momo" - wobei er ja gleichzeitig auch den Tod verkörpert, bei dem ich aber eher eine andere Interpretation als meine liebste ansehe).
Ein wenig schade fand ich es, dass du die drei Schwestern nicht so genau charakterisiert hast. Aber ich kann das verstehen, da dies ja in erster Linie Tills Geschichte ist und diese drei Entitäten in dieser Geschichte vielleicht auch besser nicht all zu sehr vermenschlicht werden konnten, da es einfach nicht gepasst hätte.
Trotzdem gefiel mir ihre Vorstellung! Insbesondere die Vergangenheit hatte etwas Mächtiges wie auch eine perfekt passende Schilderung. Passt an sich ja auch, wenn man die Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart und Zukunft bedenkt und auch daran denkt, dass die Vergangenheit sich aus den zwei anderen Schwestern zusammensetzt.
Die Gegenwart ging meiner Meinung nach ein bisschen unter, auch wenn ihre Vorstellung eigentlich sehr gut war - was aber durchaus passt, da sie so schnell verfliegt, obwohl sie strenggenommen das einzige ist das wir wirklich haben. (Vielleicht ist es auch wie bei einem Sandwich, wo man als stärkstes Eben beim Zubeißen das obere und untere Brot bemerkt...)
Die Schilderung der Zukunft passte auch sehr gut, insbesondere in Hinsicht auf die Erwähnung das sie nicht feststeht. Ein Hoch auf Proteus!

Kaum zu glauben, dass das Ziel der Reise im nächsten Kapitel erreicht ist. Ich kann es kaum erwarten endlich zu lesen, wie das Treffen mit dem Konstrukteur laufen wird! :)

Jetzt bleibt nur noch eine Frage: Soll ich nun weiterlesen oder schlafen?

Mit freundlichen Grüssen
Jonathan Ghost

Antwort von Thomas Heinrich am 03.05.2020 | 12:18 Uhr
Hallo lieber Jonathan,

dann will ich auch dieses Review sogleich beantworten!

Schön, daß Dir auch diese Szene zusagte - sie ist ja nun nicht besonders lang, nimmt aber trotzdem einen wichtigen Platz innerhalb des Gesamtwerks ein. Im Gegensatz zur vorigen Szene habe ich mich hier kaum um wissenschaftliche Konzepte gekümmert, sondern ganz auf meinen poetischen Instinkt verlassen.

Beim Abschied der beiden Brüder habe ich mich (auf die Gefahr hin, nun leicht größenwahnsinnig zu erscheinen) ein wenig an Vergils letzten Worten in der "Göttlichen Komödie" orientiert, die er an Dante richtet, und die in Karl Vosslers Übersetzung lauten:

"Erwarte Lehre nicht noch Wink von mir,
denn frei, gesund und aufrecht ist dein Wille,
und Irrtum wäre es, jetzt ihn noch zu zügeln.
Du sei dein eigner Kaiser und dein Papst!"

Kurzum, Vergil entläßt Dante in die geistige Eigenständigkeit und teilt ihm mit, daß er ihm nichts mehr beibringen könne. Da Torben innerhalb meines Stückes ja eine ähnliche Rolle spielt wie Vergil in der "Comedia", habe ich mich auch hier ein wenig angelehnt, wobei es natürlich trotzdem im Detail beträchtliche Unterschiede gibt. Abgesehen davon, habe ich hier ganz bewußt darauf verzichtet, Till noch etwas auf Torbens Abschiedsrede erwidern zu lassen, dabei wäre vermutlich nur sentimentaler Kram herausgekommen.

Daß ich die Auftritte der drei Zeitschwestern etwas ausführlicher hätte gestalten können, ist sicherlich richtig, das habe ich selbst so empfunden. Dennoch denke ich, daß sie einigermaßen prägnant sind - wobei ich übrigens auch denke, daß mir die Vergangenheit am besten gelungen ist. Gerade bei den Zeitschwestern wäre es natürlich von Vorteil, das Stück wirklich auf einer Bühne zu erleben und sie in den entsprechenden Kostümen zu sehen.

Dann bin ich schon mal gespannt auf Deine Einschätzung der letzten beiden Szenen. Die nächste (Tills Begegnung mit dem Konstrukteur) ist die längste des gesamten Stücks, die letzte die kürzeste, trotzdem ist auch die keineswegs unwichtig.

Bis bald also.

Liebe Grüße,
Thomas
02.05.2020 | 23:21 Uhr
Hallo werter Thomas,

"Es werde Licht", sprach er zu Beginn seines Reviews, weil er es sich nicht verkneifen konnte... Gut, wo möchte ich jetzt anfangen? Vielleicht beim Ansprechen der Tatsache, dass dieses Kapitel wahrlich von der herrschenden Atmosphäre her einen beruhigenden, dringend benötigten Kontrast zur letzten Szene bildet.
Wie Till können auch wir Leser in diesem Kapitel nämlich kurz ein wenig Kraft sammeln, ehe es mit dem Weg immer weiter geht. Dabei wiederhole ich gerne meine Aussage, dass deine Geschichte hier wirklich den Weg als das Ziel zeigt, obwohl das eigentliche wie auch fortwährend immer näher kommende Ziel im Form des Konstrukteurs dadurch keineswegs weniger aufregend wird.

Und da kommen wir bereits zu den Gedanken, welche dein Protagonist Till und wahrscheinlich auch alle Leser deines Stücks bereits seit der ersten Nennung des Konstrukteurs haben: Warum soll ausgerechnet Till Troschak, unter den so vielen verschiedenen Menschen auf Erden oder gar Wesen im Universum allgemein, zu den wenigen gehören, welche den Konstrukteur des Universums treffen dürfen? Ja, was ist wohl so besonders an Till? Warum ausgerechnet er? (Die nächstliegendste Antwort auf einer Metaebene wäre wahrscheinlich, dass wenn Till nicht derjenige wäre der den Konstrukteur treffen soll, du dann einfach ein Stück über die andere Person die diesen trifft schreiben würdest, da der Protagonist deines Stückes eben aus handlungstechnischen Gründen sozusagen der "Auserwählte" sein muss).
Ich hoffe wirklich nur nicht das es auf ein "die Wege des Konstrukteurs sind unergründlich" hinauslaufen wird...

Desweiteren ist mir noch aufgefallen, wie deine Geschichte hier auf eine neue Stufe in Sachen Abstraktheit übergegangen ist, wie sie es bereits seit dem Anfang zunehmend von Szene zu Szene macht! Diese Szene fühlte sich wirklich von der Atmosphäre her ziemlich surreal an. Surreal und schön, gleichzeitig aber auch irgendwie süß, weil hier in dieser weniger "actionlastigen" Szene auch schön ein wenig Bruderliebe in Form von Torbens Sorge um Tills Wohlergehen hervorgehoben wird. Mich hat es schon ein wenig berührt, wie er nach einer Möglichkeit fragte um seinen jüngeren Bruder ein wenig zu helfen. :)

Neben der Bruderliebe war der Gesang der Lichtgeister aber selbstverständlich das Highlight dieses Kapitels! Der Chor hatte so etwas Erhabenes und Mächtiges vom Klang her - und noch dazu quilte es hier nur so von Naturwissenschaftlichen Referenzen, wie sie sich bereits seit dem Anfang auf dem Friedhof durch diese Geschichte ziehen... Wobei der Gesang hier nicht nur eine naturwissenschaftliche Anspielung darstellte, sondern wirklich sehr stark nach der Handschrift eines Liebhabers der Lyrik wie auch der Naturwissenschaft gleichermaßen roch.
So viele Infos auf so kunstvolle Art rübergebracht, ohne das es dabei trocken wirkt. Das schafft nicht jeder und wahrscheinlich habe ich auch nur die Hälfte der Referenzen verstanden!

Entschuldige wenn dieses Review einmal etwas kürzer war, aber dies waren eben alle meine Gedanken zu diesen Kap -dieser Szene!

Mit freundlichen Grüssen
Jonathan Ghost

P.S. Aha, also wenn ich deine Antwort auf mein letztes PS richtig verstanden habe, hat Till das Finger/Daumen-Prinzip in seiner Frage angewandt? Jeder Daumen ist ein Finger, aber nicht jeder Finger ist ein Daumen...

Antwort von Thomas Heinrich am 03.05.2020 | 11:48 Uhr
Hallo lieber Jonathan,

vielen Dank für dieses (und auch das folgende) Review!

In dieser Szene habe ich bewußt die Handlung einen Moment lang angehalten - zum einen schien mir eine Art Ruhepause nach der vorigen Szene angebracht zu sein, wichtiger aber war mir noch die Gelegenheit, Till noch eine Fragen stellen zu lassen, von denen ich annahm, daß sie nicht nur ihn beschäftigen, sondern auch den Leser (bzw. den Zuschauer, sollte dieses Stück jemals eine Aufführung erleben).

Die Antwort auf die Frage Tills, warum gerade er nun diese Ehre erfährt, ist natürlich nur vorläufig, dazu wird der Konstrukteur selbst noch etwas sagen. Daß Du die Szene als ein wenig surreal bezeichnest, freut mich übrigens, da ich ja schließlich das ganze Stück als ein "Traumspiel" bezeichnet habe, lag mir natürlich auch an einer etwas traumartigen Atmosphäre.

Den Chor der Lichtgeister halte ich selbst (wie schon in meiner vorigen Review-Antwort angedeutet) für den Höhepunkt der Szene. Physikalisch stecken hier vier verschiedene Dinge drin: die Lichtbrechung beim Übergang zwischen verschiedenen optischen Medien, der Welle-Teilchen-Dualismus, der in der Quantentheorie eine Rolle spielt, die relativistische Zeitdilatation und schließlich noh der Dopplereffekt, der auch bei Schallwellen auftritt. Trotzdem glaube ich, daß das ganze durchaus noch nach Poesie klingt und nicht einfach nach Physik-Vorlesung, weshalb ich auch ziemlich stolz darauf bin.

Meine Antwort ist nun auch nicht so lang ausgefallen, wie es Dein Review eigentlich verdient hätte - daher brauchst Du Dich bestimmt nicht zu rechtfertigen oder gar zu entschuldigen.

Dann bis gleich, zum nächsten Review!

Liebe Grüße,
Thomas
02.05.2020 | 18:14 Uhr
Hallo werter Thomas,

Nach dem zweiten Lesen des Kapitels erinnere ich mich wieder, warum ich plötzlich das Lesen dieses interessanten Stückes für eine Weile abgebrochen habe, woraufhin sich das erneute Lesen dann durch andere Umstände in die Vergessenheit schob... Du hast wirklich nicht übertrieben, als du meintest, dieses Kapitel wäre finster. Ich selber kann nichts Lustiges hier finden. Eher erscheint mir diese Szene wie eine reine Ansammlung aus finsteren wie auch verstörenden Bildern - furchtbaren Bildern die wir ziemlich leicht im Alltag begegnen könnten!
Die Bewohner dieser Burg sind allesamt tragische Gestalten, die bei mir tiefstes Mitleid wie auch furchtbare Angst wecken... Denn könnte nicht jeder von uns durch Wahnsinn und geistigen Zerfall so zu Grunde gerichtet werden? Eine wahrhaftige Horrorvorstellung, die direkt aus dem wahren Leben gerissen ist... Da fragt man sich beim Lesen wirklich, wer diese Menschen vorher waren? Was von ihren früheren Selbst noch übrig ist? Und wie sie waren bevor der Wahnsinn und/oder der geistige Zerfall sie so veränderten?
Irgendwie kam mir beim Lesen leicht ein Bedürfnis zum Weinen auf. :(

Das Lesen dieses Kapitels empfand ich wirklich als unangenehm. Aber wie immer betone ich, dass ich es gut finde, wenn ein Text gewisse Emotionen weck! Und meiner Meinung nach sollte das Thema auch nicht unbedingt beschönigt werden. Natürlich kann man Senilität oder dergleichen in einen anderen Text als etwas vielleicht halbwegs ein wenig lustiges darstellen, aber in der Regel ist es durchaus besser im ernsteren Bereich bei diesen Thematiken zu bleiben. Die ernste wie auch verstörende Darstellung der Verwirrten passte an sich ganz gut in deine Geschichte.
Nach meiner Interpretation handelt es sich beim Mann um irgendeinen Fanatiker oder einen armen Teufel mit schweren Wahnvorstellungen die ihn zum Gefangenen seiner eigenen wirren Realität machen. Der alte Mann hat ganz offensichtlich eine Form von Demenz und scheint einer der Fälle zu sein, wo der geistige Zerfall eine Person aggressiver wie auch paranoider machen kann. Die alte Frau hingegen wird durch ihre Demenzerkrankung "nur" stark verwirrt und verloren. Die junge Frau hingegen scheint eine stark ausgeprägte Form von Paranoia, schlimme Schizophrenie oder Wahnvorstellung zu haben, welche sich in Verwirrtheit und Gewalttätigkeit äußert... Nur so als meine laienhaften Deutungen.
Hm, interessant, falls meine Interpretation stimmt, stellst du dieselbe Erkrankung jeweils etwa bei zwei Personen unterschiedlich dar: Die eine Version in der die betroffene Person eher "nur" selber leidet und die andere Version wo die betroffene Person eine physische Gefahr für umliegende Leute darstellen kann.

Interessant ist aber auch noch die Sache mit den individuellen Wegen. Ist das ein wenig nach dem "Alle Wege führen nach Rom"-Prinzip? Wie dem auch sei, mir gefällt die Vorstellung mit den unterschiedlichen Wegen die unterschiedliche Personen auf dem Weg zum Konstrukteur haben. Dass Tills Weg durch die Burg führt, sehe ich in Anbetracht seiner emotionalen wie auch psychischen Verfassung nicht gerade als unlogisch an. Vielleicht kann man das alles als eine große Warnung verstehen?

Torben erscheint hier einmal wieder als der Seelengeleiter, der Till auf seinem Weg führt und zugleich auch beschützt wie auch berät, gleichzeitig ihn aber nicht wirklich zu etwas zwingt. Dies wird ziemlich deutlich als Till die Initiative ergreift, indem er sich über den Ratschlag seines Bruders hinweggesetzt hat, um der alten Frau zu helfen.
Da scheint mir nebenbei ein gewisser Unterschied zwischen den Brüdern sichtbar zu werden: Till erscheint mir nämlich etwas empathischer als Torben und ein klein wenig optimistischer wie (vielleicht) auch irrationaler. Wahrscheinlich nützt es am Ende eher wenig bis gar nichts, aber er versucht der alten Frau zumindest zu helfen! Ob diese Lüge oder der Versuch im Ganzen nun wirklich ein Akt der Güte war, ist ein schwieriges moralphilosophisches Dilemma wie ich finde, aber meiner Meinung nach ist es wichtig, dass er es zumindest versucht hat.

Dann folge ich den Brüdern einmal in die nächste Etappe der Reise!

Mit freundlichen Grüssen
Jonathan Ghost

P.S. Was war der Sinn der Frage, ob der Mann nur verwirrt oder ein Solipsist ist? Immerhin schließt das eine das andere doch nicht aus, wenn man wirklich ernsthaft an dieses Weltbild glaubt... :)

Antwort von Thomas Heinrich am 02.05.2020 | 21:41 Uhr
Hallo lieber Jonathan,

erst einmal vielen Dank für Dein Review!

Diese Szene ist definitiv die düsterste und unangenehmste des gesamten Stücks - allenfalls beim ersten Verwirrten ist auch ein Schuß Satire dabei, der mal wieder auf die Verschwörungstheoretiker abzielt, die kompletten Schwachsinn als "geheimes Wissen" ausgeben und vermutlich selbst an den Stuß glauben... Aber gerade die beiden Alten stehen natürlich für Demente, und da habe ich auch auf das zurückgegriffen, was ich selbst schon miterlebt habe - und daran ist dann wirklich überhaupt nichts komisches. Was allen Verwirrten gemeinsam ist, das ist eben ihre wahnhaft verzerrte Wahrnehmung der Realität.

Daß Tills Weg durch die Burg führt, läßt sich auch meiner Meinung durchaus als Zeichen verstehen, daß er seelisch zumindest recht instabil ist. Übrigens haben mir Deine Ausführungen zu den beiden Brüdern sehr gut gefallen, da muß ich eigentlich gar nicht sonderlich viel zu schreiben.

Die nächste Szene ist übrigens atmosphärisch viel angenehmer und hat außerdem ein italienisches Sonett zu bieten, das zu meinen besseren gehören dürfte.

Zu Deinem P.S.: Sicher, ein überzeugter Solipsist muß wohl ein wenig irre sein, aber ein Verwirrter ist nicht zwangsläufig Solipsist - Tills Frage ist also so zu verstehen, ob der Mann "nur" plemplem ist oder zusätzlich auch noch solipsistisch...

Liebe Grüße,
Thomas
03.03.2020 | 18:36 Uhr
Hallo werter Thomas,

Da bin ich wieder und melde mich auch kurz zu diesem Kapitel, welches ich - glaube es mir oder glaube es mir nicht - an so einigen Stellen als humorvoll wahrgenommen habe. Was an sich positiv ist, da diese Szene deines Stücks durchaus etwas Melancholisches und Trostloses hat, dass wirklich gut mit einigen etwas hebenden Aspekten aufgehellt werden kann.
Naja, ich weiß nicht ob das beim Schreiben dieser Szene deine Intention war, aber ich empfand durchaus vom Emotionalen her beim Lesen einen fließenden Wechsel zwischen traurig, trostlos, finster, ernst und humorvoll... Aber vielleicht liegt Letzteres einfach darin begründet, dass ich manchmal von Zeit zu Zeit einen ins Morbide und Zynische gehenden Humor besitzen kann.

Mir gefiel irgendwie die Idee, dass das Totenreich, welches in so vielen Kulturen auf unterschiedlichste Art mit diversen übertriebenen Beschreibungen verschiedenster guter und schlechter wie auch dazwischenliegender Arten geschildert wird, bei dir so unspektakulär und gar in seiner irgendwie "grauen" Einfachheit enttäuschend rüberkommt. Es ist natürlich nicht gerade die Form von Jenseits mit dem man Gläubige ködern kann (schon gar keine extremistischen Gläubigen), aber aus einem logischen Blickwinkel gesehen unterscheidet es sich nicht von der Ewigkeit all der anderen Jenseitsvorstellungen... Denn so wie ich das sehe, ist die Ewigkeit ein verdammt langes Konzept und dort müsste einfach logischerweise irgendwann der Punkt kommen, an dem selbst im tollsten wie auch schönsten und aktivsten Totenreich eine Art "leerer" Zustand bei den Leuten Einzug nimmt - sofern natürlich die Seelen der Menschen nicht auf eine magische Art plötzlich fähig werden, aus der Ewigkeit immer wieder neue Leidenschaft und neuentfachtes Interesse zu schöpfen. (Vielleicht durch ständiges Vergessen und Wiederholen?)
Dein Totenreich ist einfach eine Ewigkeit ohne diesen Umweg. Ob das besser oder schlechter ist sei dahingestellt. Am Ende ist die Ewigkeit eben ein kaum zu fassendes Konzept - ein kaum zu fassendes Konzept welches aber eine bestimmt, irgendwann eintreffende Langeweile verspricht.
Bei der kurzen, passenden Antwort von Torben auf Tills Enttäuschung konnte ich mir seltsamerweise mein zynisches Grinsen kaum verkneifen. Keine Ahnung warum, aber dieses Argument mit dem Vergleich zum Leben fand ich einfach genial!

Dass man sich im Totenreich nicht gerade großartig mit großen historischen Persönlichkeiten austauschen kann, finde ich ein wenig schade, aber es passt zu deinem Konzept. (Außerdem frage ich mich, ob nicht manche dieser Persönlichkeiten mit der Zeit genervt vom ganzen Gefrage sind, da auch sie vielleicht nur ihre Ruhe in ihren Zimmern wollen).
Die Idee, dass all die (anscheinend durch eine Art übergeordnete Moral als solche klassifizierte) schlechte Menschen sich ihre eigene Hölle machen und zum Wohle aller anderen ganz Unten eingesperrt werden, erscheint mir teilweise irgendwie fragwürdig, weil ich vielleicht nicht einmal den schlimmsten Monstern der Geschichte eine Ewigkeit in der eigenen Verdammnis wünsche...

Das streitende Ehepaar am Ende war meines Erachtens zum Teil eine witzige, schwarzhumorige Auflockerung der ernsten Handlung. Irgendwie Grotesk und seltsam vorzustellen... Wobei ich es aber trotzdem verstehe und sogar gut nachvollziehen kann, wenn einige Menschen den Tod nicht sofort auf der Stelle akzeptieren könnten. Das mit der "Todesverdrängung" ist ja ein gängiges Element in der Fiktion und beim genauen Nachdenken leuchtet es sicher ein, dass man bei einem Fortbestehen nach dem Tod leichte Probleme hätte diesen neuen Umstand zu Anfang gänzlich zu akzeptieren. Ja, vielleicht gelten die fünf Schritte der Akzeptanz auch für das Postmortale!

Das Paar war ziemlich bezeichnend für die Dinge, die uns Menschen wichtig sind: Die Frau dachte bei der Realisierung ihrer Lage als erstes an ihre Kinder, während der Mann (ganz der bei dir immer wieder vorkommende, lieblose Vater) an seine Firma und das Geld dachte. Beides ist schlussendlich nach dem Tod unbedeutend, wobei zumindest die eigenen Kinder trotzdem noch immer ein Trauergrund sind, während das Geld und eine Firme im postmortalen Zustand nicht länger Dinge sind, denen man hinterhertrauern müsste...

Sehr interessant dein Totenreich. Ich freue mich auf die weiteren Orte!

Mit freundlichen Grüssen
Jonathan Ghost

Antwort von Thomas Heinrich am 03.03.2020 | 20:27 Uhr
Hallo lieber Jonathan,

dann will ich auch auf dieses Review noch antworten!

Ich stimme zu, daß die Grundstimmung dieser Szene vergleichsweise trist ist (wenn auch diese längst noch nicht so düster ist wie die folgende Szene, die ich für die finsterste des gesamten Dramas halte).

Jedenfalls denke ich auch, daß bei all den gängigen Vorstellungen ein wichtiger Aspekt fast immer zu kurz gekommen ist: die Ewigkeit (oder auch nur eine sehr lange Zeit) ist doch auf Dauer eine verflixt langweilige Angelegenheit! Daher habe ich mich hier bewußt für eine eher unspektakuläre Schilderung in Grautönen entschieden - letztlich habe ich aber auch auf einen direkten Streifzug durch das Totenreich verzichtet, weil ich Dantes riesigen Schatten fürchtete.

Was die eingesperrten finsteren Gestalten betrifft, so hatte ich ein wenig die Vorstellung, daß sie vielleicht auch diese Räumlichkeiten verlassen könnten, wenn sie denn echte Einsicht und Reue zeigten - nur daß ich eben glaube, daß solche Leute wie Hitler, Stalin und Mao, um einfach mal die drei größten Verbrecher aller Zeiten zu nennen, vermutlich auch zehn Milliarden Jahren keinerlei Einsicht zeigen würden.

Was das Ehepaar am Ende der Szene betrifft, so hatte ich diesen Auftritt eigentlich nicht humoristisch gemeint, wobei ich aber gut nachvollziehen kann, wenn vor allem ihre zunächst ungläubige Reaktion so aufgefaßt wird (ich hatte aber eher den Film "The Sixth Sense" in Sinn, in dem es auch Tote gibt, die gar nicht wissen, daß sie tot sind). Der Streit, zu dem es dann zwischen den beiden kommt, war allerdings von mir selbst überhaupt nicht komisch gemeint.

Bis zur nächsten Szene und liebe Grüße,
Thomas
03.03.2020 | 15:23 Uhr
Hallo werter Thomas,

Gut, jetzt wo ich einen ruhigen, freien Tag habe, werde ich mich einmal daran machen dein wundervolles Stück Szene für Szene zu lesen und endlich auch meine bereits lange ausgebliebenen Rückmeldungen zu verfassen! Denn von den sechs bereits gelesenen Kapitel her kann ich bereits sagen, dass ich noch immer (wenn nicht gar mehr als zu Anfang) beeindruckt wie auch fasziniert von diesem Werk bin.
Doch die nächsten Kapitel sollen zu ihrer gegebenen Zeit einen eigenen Senftupfer abbekommen. Für das Erste möchte ich mich auf dieses Kapitel beziehen, welches vom Geschehen her auf dem ersten Blick durchaus etwas ereignislos anmutet, beim genaueren Lesen sich aber als reich im Hinblick auf die Schilderung der Beziehung wie auch der Persönlichkeiten der beiden Brüder herausstellt.

Ein deutlich erkennbares Charaktermerkmal deiner beiden Troschak-Brüder ist ganz offensichtlich ein starker Hang zum Perfektionismus, welcher Merkmale von Minderwertigkeitsgefühlen aufweist und auch in einer gewissen Hybris mündet. Torben hat das ins Verderben gestürzt und Till eifert ihm in dieser Hinsicht nach - vielleicht gerade wegen dessen Tod, der ihm eventuell Schuldgefühle und ein Bedürfnis "unbedingt etwas zu erreichen" eingepflanzt hat... Wer weiß? Für mich klingt das aus psychologischer Hinsicht durchaus realistisch und irgendwie würde ich da gerne wissen, wie genau das Elternhaus der beiden ist und ob dort eine "nur der erste Platz ist ein richtiger Platz"-Mentalität stark vertreten ist?
Wie dem auch sei, ist Tills Obsession unbedingt in seinem Fachgebiet Höchstleistungen zu erbringen oder, bei nicht Erfüllung seiner übertriebenen Erwartungen, ein völliger Versager im Leben zu sein, sehr gefährlich und ich finde es sehr gut, dass da Torben ihm von diesen Pfad abbringen möchte, finde ich wunderbar. Er will einfach nicht dass seinem Bruder dasselbe Schicksal wie ihn ereilt... Wie versprochen ist dieses Kapitel weitaus emotionaler als das Vorherige.

Gerne möchte ich noch kurz hervorheben, wie mir das Szenenbild in diesem wahrhaftig seinem Namen gerecht werdenden "Mondgarten" gefiel. Die Schilderung war wirklich schön, auch wenn sie natürlich nicht so genussvoll wie bei einem herkömmlichen Prosatext daherkommt - dafür war aber Tills Schilderung dieses Gartens sehr Emotional!
Die ganze Szene ist wie das Wasser aus dem Brunnen: Kalt und doch "friert" man als Leser nicht wirklich. Ja, so würde ich die Schönheit deines Mondgartens am ehesten zusammenfassen! Die leicht geisterhaft und melancholisch erscheinende Gestalt dieses Gartens passt zu dieser Geschichte und auch die Hervorhebung des Mondes gefiel mir, da ich den Mond mag.
Was die weißen Blumen betrifft, so glaubte ich bereits irgendwie als Till nachfragte, dass die Antwort lauten könnte, dass er diesen Garten mit seiner eigenen Trauer oder den vielen auf Torbens Grab gelegten Blumen anlegte... Weiß als Trauerfarbe eben.

Erwähnen wollte ich auch noch, wie sehr ich mich über die mythologischen Referenzen in deinem Stück freue! Mythologische Referenzen liebe ich ja, wie du bestimmt bereits weißt.

Die Vorstellung mit dem Besuch der unsichtbaren Toten empfand ich irgendwie als unheimlich oder gar verstören (und seltsamerweise ein wenig witzig).

Dass Till den Konstrukteur nicht gleich im nächsten Kapitel trifft, weiß ich bereits, weil ich die nächsten zwei ja wie bereits zuvor gesagt gelesen habe und Torbens "Denn vor uns liegt ein mühevoller Weg." bereits recht aussagekräftig war. Das gefällt mir auch wirklich, da ich ziemlich ein Verehrer des "Die Reise ist genauso wichtig wie das Ziel"-Konzepts bin und es recht blöd wäre, wenn die Geschichte gleich enden würde nachdem sie erst Fahrt aufgenommen hat. :)
Was ich bisher vom Konstrukteur weiß mach mich neugierig und ich gebe zu, dass ich es interessant finde, wie du als bekennender Atheist das Konzept eines kosmischen Konstrukteurs in einem Text behandelst... Aus philosophischer Hinsicht finde ich eben diese Thematik und dieses Konzept an sich sehr interessant, auch wenn ich selber nicht an einen Konstrukteur glaube (wobei ich aber irgendetwas wie eine höhere Macht nicht per se ausschließe... Nur eben die von Menschen erdachten Konzepte lehne ich hundertprozentig ab).

Dann bis zum nächsten Kapitel!

Mit freundlichen Grüssen
Jonathan Ghost

Antwort von Thomas Heinrich am 03.03.2020 | 19:57 Uhr
Hallo lieber Jonathan,

dann will ich nun auch auf Deine neuen Reviews zu meinem Stück antworten!

Diese Szene ist zwar an äußerlicher, dramatischer Handlung arm, aber trotzdem wichtig für das Werk, da hier die Persönlichkeiten der beiden Brüder und auch ihre Beziehung beleuchtet werden, wie Du schon ganz treffend festgestellt hast.

Der Hang, nach den Sternen zu greifen, zeichnet tatsächlich beide Troschak-Brüder aus (und auch noch weitere meiner Figuren aus anderen Werken); es ist Maßlosigkeit, zumindest in geistigen Belangen. Was allerdings die Eltern Till und Torbens betrifft, so bleiben sie in dem Stück ganz im Hintergrund, da kann sich jeder Leser (oder Zuschauer, sollte es jemals zu einer Aufführung kommen) seine eigenen Gedanken drüber machen.

Die Idee zum Mondgarten ist durchaus aus dem realen Leben gegriffen: so manche berühmte Gartengestalter haben schon Gartenanlagen eigens so angelegt, daß sie im Mondschein besonders schön sind - und dafür eignen sich dann weiß blühende Pflanzen besonders. Trotzdem ist auch Deine Deutung als Trauerfarbe sicherlich legitim.

Was den Konstrukteur betrifft, so geht es mir ganz ähnlich wie Dir: ich selbst glaube nicht an ein solches Wesen, aber es ist sowohl in literarischer als auch philosophischer Beziehung interessant, es in persona auftreten zu lassen. Andere Autoren haben teilweise vergleichbares getan. Soviel kann ich aber schon mal versprechen: vom biblischen Gott ist "mein" Konstrukteur Lichtjahre entfernt!

Bis zur nächsten Szene!

Liebe Grüße,
Thomas
13.02.2020 | 15:14 Uhr
Lieber Thomas Heinrich!
Eine außergewöhnliche, dichterische Leistung!
Ich bin mehr als nur beeindruckt vom Gesamtwerk.
Viel zu reviewen hatte ich hier nicht, aber der Stern ist mehr als nur verdient.
Lieben Gruß.
R ஜ

Antwort von Thomas Heinrich am 13.02.2020 | 15:43 Uhr
Liebe Net Sparrow,

vielen Dank für Dein Review, durch das ich nun immerhin erfahre, daß Du hier auch mitgelesen hast! Das freut mich natürlich (so wie auch der Stern), gerade auch, weil ich dieses Werk (trotz seiner nur geringen Länge) durchaus als eines meiner Hauptwerke betrachte.

Liebe Grüße,
Thomas
07.02.2020 | 17:22 Uhr
Auch zu dieser kurzen Schlussszene möchte ich noch etwas anmerken:

"Der Erde hast du mich zurückgegeben"...
da musste ich sofort denken an:
"Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder."

Bei dem jungen, modernen Protagonisten geht es zwar ohne Tränen ab, aber die Gemütslage dürfte dieselbe sein.

Sollte dieses Drama einmal zur Aufführung gelangen, bitte gib mir Nachricht - dafür fahre ich sogar quer durch die ganze Republik nach Berlin.

Antwort von Thomas Heinrich am 07.02.2020 | 20:39 Uhr
Liebe roseta,

dann will ich auch noch kurz auf Dein abschließenden Review antworten.

Im Gegensatz zu manch anderen durchaus gewollten "Faust"-Anspielungen hatte ich hier die zitierte Stelle beim Schreiben nicht im Kopf.
Bei Till geht es hier ohne Tränen ab; beim Autor dieses Werkes quollen dagegen bei der Niederschrift der letzten Verse die Tränen sehr wohl - was ich wohl nicht weiter zu erklären brauche.

Was eine etwaige Aufführung betrifft, bin ich naturgemäß eher skeptisch, aber im Fall der Fälle würde ich Dich natürlich informieren.

Vielen Dank für die vielen Reviews und auch für die Aufnahme in Dein Bücherregal - über diese Form der Auszeichnung freue ich mich immer sehr!

Dann wünsche ich Dir noch ein schönes Wochenende.

Liebe Grüße,
Thomas
07.02.2020 | 17:10 Uhr
Verehrter Dichter,

wieder mal hat es länger gedauert, bis ich einen Kommentar zustande gebracht habe, denn hier gibt es so viel zu sagen, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll.

Zwei interessante Persönlichkeiten führen hier eine Diskussion über grundlegende Dinge, und man hat streckenweise den Eindruck, dass es sich um zwei Gleichberechtigte handelt. Dass der eine ein unsterbliches und sehr mächtiges (wenn auch wohl nicht allmächtiges) Wesen ist und der andere ein sehr junger Mensch, daran erinnert kontinuierlich nur die Anrede: der Konstrukteur (ach was, ich nenne ihn ab hier einfach Schöpfer, das fällt mir leichter) duzt Till, während dieser beim Sie bleibt.

Nur an ganz wenigen Stellen tritt der Schöpfer als überlegenes, höheres Wesen auf:
„Ich bin der Geist, dem alles einst entsprang“, was dann prompt relativiert wird:
„und der bekennt, dass vieles nicht gelang“.
Später sagt er: „mein wahres Wesen könntest du nicht fassen“, und im weiteren Verlauf kommt nur gelegentlich seine Überlegenheit indirekt zum Ausdruck: „Dann stelle deine Fragen ohne Scheu“ oder „Dein kurzer Satz bezeugt, dass du den Sinn der Worte, die zuvor ich sprach, erfasst hast.“ Hier wird er als Lehrer dargestellt (an den er Till ja auch erinnert, ich dachte bei der Beschreibung eher an Einstein), der seinem Schüler überlegen ist, ohne ihm das allzu deutlich zu zeigen.
Gelegentlich (und gefühlt nicht selten) findet gar ein kleiner Rollentausch statt: da ist es Till, der ein wenig herablassend wirkt:
„Ich fange an, mit Sympathie Sie zu betrachten.“ Wer sagt denn sowas zu einem Höhergestellten?
Oder dieser Satzwechsel:
„Drum muss zunächst ich um Geduld (d)ich bitten.“ (Kleiner Druckfehler.)
„So sprechen Sie; ich will geduldig lauschen.“
Und dann fragt der Schöpfer gar:
„Nun sage mir doch, Till: verdiene Lob ich oder Tadel dafür, dass ich dereinst die Welt erschuf?
Sprich bitte offen, ohne mich zu schonen!“
Was für eine Rede vom Schöpfer an sein Geschöpf!
Der Schluss von Tills langer Antwortrede („Dass aber Leben immer Leid bedeutet …“ und die darauffolgende Antwort des Schöpfers, die zunächst in einem Dank für die ehrliche Kritik besteht, unterstreichen weiter den Eindruck des Rollentauschs: nicht nur Till hat natürlich viele Fragen, die er bei dieser einmaligen Gelegenheit stellen kann, sondern auch der Schöpfer möchte seine Meinung hören und ist bereit, darauf einzugehen.

Dieser Teil ist zweifellos das Herzstück der Szene. Die Begründung für das Leid ist überzeugend (Veränderung bringt Leid und Tod, aber ohne Veränderung keine Entwicklung – den Begriff Fortschritt möchte ich lieber nicht gebrauchen), aber vollständig ist sie nicht, weil sie nicht das sinnlose Leid berücksichtigt, das Menschen einander zufügen. Dieser Aspekt wird indirekt angesprochen in der Gefahr, dass die Menschheit sich selbst auslöschen könnte, wie es (vermutlich) andere Geschöpfe im Universum schon getan haben. (Danke, dass du hier weder den Klimawandel noch die Atomkraft thematisiert hast!)

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum der Schöpfer Till soviel Aufmerksamkeit widmet: er sieht dessen innere Not und will ihm helfen. Und diese Hilfe besteht keineswegs in dem, was man als „gutes Zureden“ bezeichnen könnte, sondern in der Zuteilung erweiterter Erkenntnis.

Ich könnte noch stundenlang hier weitermachen, aber das hier ist bereits zu lang geworden.
Ich danke dir für diesen Text (Drama? Geschichte? Abhandlung).
Eines muss ich noch loswerden:
Atheist? Na ja … diese Sorte Atheisten kann der liebe Gott vermutlich gut gebrauchen.

Herzliche Grüße
roseta

Antwort von Thomas Heinrich am 07.02.2020 | 20:33 Uhr
Liebe roseta,

vielen Dank für Deine beiden Reviews, auf die ich nun antworten will - und auch für den Hinweis auf den Tippfehler, der sich eingeschlichen hat (es fehlte zwar nur ein Buchstabe, aber dadurch wurde der Satz Unsinn - ich habe das natürlich gleich korrigiert).

Ich habe das Gespräch auch durchaus bewußt auf Augenhöhe angelegt - so daß ein echter Gedankenaustausch möglich ist, von dem beide Seiten etwas haben.

An der Stelle "Ich bin der Geist, dem alles einst entsprang" habe ich natürlich auch durchaus gewollt auf Mephistos Selbstvorstellung im "Faust" angespielt, nur eben unter umgekehrten Vorzeichen, denn wenn Mephisto sagt, er sei ein "Teil jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft", dann hat mein Konstrukteur eigentlich die besten Absichten und ist trotzdem auch ein Verursacher von Leid.

Daß die Erklärung des Leides keineswegs ausreicht, um alles Leid zu begründen, ist natürlich absolut richtig. Letztlich geht es hier auch wieder um das Theodizeeproblem, wobei ich einerseits Leibniz folge, der auch die Unvollkommenheit als unvermeidbar ansah (allerdings mit anderer Begründung), folge aber in gewisser Hinsicht auch wieder Schopenhauer, der die Welt als schlechteste aller möglichen sah: das Universum wird ja geschildert als das erste, das Leben ermöglicht hat - d.h. es ist im Grunde genommen ein unaufgereifter Prototyp, der leidlich funktioniert, aber doch noch von erheblichen Mängeln behaftet ist (anders ausgedrückt: die schlechteren Welten waren unbewohnbar).
Was die drohende Selbstauslöschung der Menschheit betrifft, so gibt es ja so viele Möglichkeiten, auf die diese eintreten könnte, daß ich es nicht für nötig hielt, da konkret zu werden (außerdem habe ich das in anderen Texten getan).

Streng genommen bin ich eigentlich mehr ein Agnostiker mit sehr starken atheistischen Tendenzen als ein lupenreiner Atheist. Trotzdem aber doch so atheistisch, daß ich lange der Meinung war, ein solches Werk nicht schreiben zu können - aber durch die Anlage als Traumspiel habe ich dann eben doch einen Weg gefunden, meine Idee, die ich für literarisch sehr interessant hielt, umzusetzen. Aber es ist natürlich auch als so eine Art Brücke gedacht, die ich hier zu den Gläubigen bauen wollte: mit dem biblischen Gott kann ich nichts anfangen, halte aber andere, aufgeklärtere Gottesvorstellungen für durchaus vertretbar und vernünftig, auch wenn ich selbst diese Vorstellung nicht teile.

Dann noch bis gleich, auf Dein letztes Review antworte ich dann noch separat.

Liebe Grüße,
Thomas
07.02.2020 | 07:47 Uhr
Guten Morgen, Thomas!

Auch das Ende gefällt mir sehr gut - ich freue mich sehr, dass es nicht zu langatmig, zu ausschweifend geworden ist.
Hier passt auch die gereimte Form der Stanzen sehr gut als Abschluss.

Das Selbstgespräch fand ich sehr schön: Da hat das Gespräch mit dem Konstrukteur (gleichgültig, ob Traum oder auch nicht) für Till doch eine wichtige Bedeutung erhalten, denn er überdenkt nun seine Einstellung, ohne aber gleich euphorisch in die andere Richtung abzuschwenken. Sehr feinsinnig geschrieben!

Das Gespräch am Grab Torbens fand ich auch interessant - wieder mit der Konklusion Tills, für seinen Bruder weiterzuleben.

Noch ein kurzer zusammenfassender Satz: Mir gefiel dieses lyrische Opus magnum ganz hervorragend und ich fände es jammerschade, wenn es nun in der Versenkung verschwinden würde.
Ach, und noch eine subjektive Anmerkung ... Ich habe durchaus hier etwas mitgenommen und auch in meine Denkweise integriert (ich plane den Gedankengang auch noch in einem Gedicht unterzubringen): "Leid ist gut, denn es führt zu Veränderungen (sowohl persönlich, als auch gesellschaftlich). Glück und Wohlstand hingegen führen zur Untätigkeit, zum Stillstand.".

An Deiner Stelle würde ich versuchen, das irgendwie zu veröffentlichen. Leider gibt es hier ja nur die beiden Alternativen, es an einen Verlag zu schicken - oder aber es in Form eines Lyrik-Bandes als Selbstverleger zu veröffentlichen (Beides ist gar nicht so einfach wegen des eigenen Marketing-Aufwands).
Hier käme evtl. noch in Betracht, das an irgendwelche Schauspielgruppen (auch Theater usw., z.B. in Berlin) zu senden. Da wirst Du sicher in den sozialen Medien (z.B. Facebook) sehr viele Adressaten finden können.

Liebe Grüße und Dir schon einmal ein schönes Wochenende
Norbert

Antwort von Thomas Heinrich am 07.02.2020 | 15:59 Uhr
Hallo Norbert,

vielen Dank für Dein freundliches Review zur Schlußszene!

Ursprünglich hatte ich nur vor, die letzten Verse des Schlußmonologs zu reimen, aber irgendwie fanden sich die Reimpaare wie von selbst, und so beschloß ich dann, den ganzen Monolog in Form von Paarreimen zu schreiben.

Ob Tills Erlebnisse dieser Nacht nun "nur" Traum waren oder mehr, wollte ich ganz bewußt offenlassen. Andererseits heißt es etwa in Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" (die ich unbedingt empfehlen kann, sie ist großartig) ziemlich am Ende: "Und kein Traum ist völlig Traum."

Die letzten Verse an Torbens Grab waren mir dann auch persönlich sehr wichtig als Abschluß des Werks.

Ich würde nun nicht gerade sagen wollen, daß Leid gut ist (dafür habe ich davon ein wenig zu viel abbekommen), ich würde eher sagen, daß es sich in einer sich verändernden und entwickelnden Welt nicht vermeiden läßt. Also eher ein unvermeidbares Übel als etwas Gutes!

Darüber, was ich mit diesem Stück (abgesehen von der Veröffentlichung hier) noch anfangen könnte/werde, muß ich dann mal in aller Ruhe nachdenken (Self-Publishing ist für mich allerdings keine attraktive Option, was ich hier nicht näher ausführen möchte). Mal sehen...

Dir wünsche ich ebenfalls schon mal ein schönes Wochenende!

Liebe Grüße,
Thomas
06.02.2020 | 07:51 Uhr
Hallo Thomas,

die Szene übertraf meine Erwartungen nun wirklich - Du hast sie ganz ausgezeichnet geschrieben. Ich habe hier gar nicht die sprachlichen Möglichkeiten, Dich mit genügend viel Lob zu überschütten - das hätte dieses Kapitel nämlich wirklich verdient.

Zunächst einmal finde ich, dass sich die Blankverse - zusammen mit Deiner sehr gewählten Ausdrucksweise - ganz hervorragend gerade für diese Szene eignen.
Und dazu passt auch die ausgesprochene Höflichkeit, mit der sich Till und der Konstrukteur sprachlich, aber auch emotional miteinander unterhalten.
Schon beim ersten Verspaar des Konstrukteurs - er mag die Reime, das finde ich Klasse - musste ich schmunzeln.

Dann kommt die Idee mit der Gestalt, mit dem Auftreten in verschiedenen Gestalten - eine prächtige Idee. Natürlich ist das Äußere einer höheren Vernunft kaum vorstellbar - aber ein gütiger Mann mit Rauschebart, wie es uns als Kinder beigebracht wird, ist ja wirklich völlig daneben. Und mit dem naiven Bild mit Hirte und Schäfchen räumst Du gleich mit auf - gut so! Auch dass die Kirche nichts mit Gott zu tun hat - all das entspricht so herrlich meiner eigenen Überzeugung.

Die zwei vollen Becher gefallen mir als Vergleich hier auch sehr, sehr gut (pro: Schönheit der Natur und des Universums, kontra: Tod und Leid). Wer schon könnte das denn bitte nicht nachvollziehen?

Und dann kommt der für mich eindrucksvollste Part: Das Leid als Antrieb zur Veränderung. Ein wundervoll nachvollziehbarer Gedanken, dem man sich eigentlich gar nicht entziehen kann. Super-Klasse!!

Die Gefahr der Vernichtung der Menschheit, die Du ansprichst, ist uns ja hoffentlich allen bewusst - obwohl ich da manchmal meine Zweifel habe.

Aber auch den Gedanken der Unvollkommenheit der Schöpfung mag ich. Dass Till den Konstrukteur am Ende beneidet, finde ich schon wieder eher zum Schmunzeln. Aber auch das ist in diesem Zusammenhang nur konsequent.

Die Erwähnung der Mathematiker Fermat (spielst Du dabei auf seine Theorie zur Ausbreitung des Lichts an?) und Riemann (Riemann'sche Flächen?) fand ich eher nebensächlich (der Konstrukteur ja auch *grins*). Aber vermutlich liegen die beiden Theorien Dir als Mathematiker besonders am Herz.

Liebe Grüße und Danke für's Lesen lassen
Norbert

Antwort von Thomas Heinrich am 06.02.2020 | 11:44 Uhr
Hallo Norbert,

vielen Dank für Dein Review!

Es freut mich natürlich sehr, daß Dir diese Szene - die längste des Stückes - gefallen hat. Ich mache ja nun keinen Hehl daraus, daß ich selbst als Person an keinen Gott (und damit auch keinen Konstrukteur) glaube, aber als literarische Gestalt ist ein solches "höchstes Wesen" natürlich sehr interessant, und dieses Traumspiel war für mich der ideale Rahmen, um eine solche Gestalt einmal auftreten zu lassen, wobei sich dann ein sicherlich recht philosophisch gefärbtes Gespräch daraus entspinnt.

So ganz konnte ich meine eigenen Auffassungen aber doch nicht verleugnen, und daher habe ich hier den Konstrukteur eben auch bewußt als einen Weltenschöpfer angelegt, der eher deistischen als theistischen Auffassungen entspricht, da ich mit letzteren so gar nichts anfangen kann.

Die beiden Becher sind dann eine ganz simple Metapher - ich hatte zuerst an das Wort "Füllhorn" gedacht, fand das aber zu abgedroschen und zog daher simple Becher vor.

Letztlich denke ich tatsächlich, daß in einer Welt, die nicht statisch ist, sich auch das Leiden nicht vermeiden läßt - was dann zur grundsätzlichen Frage führt, ob man die Welt trotz des Leidens bejaht oder sie eben verneint (Schopenhauer tendierte deutlich zur Verneinung).

Was die beiden mathematischen Vermutungen betrifft: Fermat vermutete, daß es für die berühmte pythogaräische Gleichung a² + b² = c² keine Lösungen mit natürlichen Zahlen gibt, wenn man den Exponenten 2 durch eine höhere Zahl ersetzt. Für n=3 wurde das schnell bewiesen, d.h. es gibt keine natürlichen Zahlen, die der Gleichung a³ + b³ = ³ genügen. Fermats Vermutung war nun, daß dies für alle natürlichen Zahlen gilt, die größer als 2 sind. Das ist auch richtig, aber an dem Beweis bissen sich ganze Generationen von Mathematikern die Zähne aus. Erst dem Briten Andrew Wiles gelang der Beweis (sein erster Beweis 1993 war noch lückenhaft, doch 1994 konnte er die Lücke schließen). Da mein Stück 1992 spielt, stand der Beweis damals noch aus, aber bereits kurz bevor.
Bei der Riemannschen Vermutung handelt es sich um eine Vermutung, die die Nullstellen der sogennanten Zetafunktion betrifft. Die ist im Komplexen definiert, und die Vermutung besagt, daß alle (nicht-trivialen) Nullstellen auf einer bestimmten Geraden in der Ebene der komplexen Zahlen liegen. Dieses Problem ist heute noch ungelöst, gilt aber als heiliger Gral der Mathematik, da es Dutzende von weiteren Vermutungen gibt, die alle automatisch bewiesen wären, wenn denn jemand die Riemannsche Vermutung beweisen könnte. Aber dies ist eben bis heute niemandem gelungen...

Übrigens will ich doch zum Abschluß noch darauf hinweisen, daß auf diese lange Szene noch eine kurze, aber wichtige auf dem Friedhof folgt - da Du zu der gar nichts geschrieben hast, nehme ich fast an, daß Du sie noch nicht gelesen hast. Ich habe nämlich die letzten beiden Szene an einem Tag hochgeladen, die lösen dann aber trotzdem nur einen Alert aus.

Liebe Grüße,
Thomas
31.01.2020 | 21:06 Uhr
Verehrter Dichter,

diese Szene brachte mich sehr zum Nachdenken über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, kurzum: die Zeit.

Die Vergangenheit wird von dir am ausführlichsten behandelt (und trägt auch das spektakulärste Kostüm). Und das ist auch sehr berechtigt: sie steht uns am deutlichsten vor Augen, sie ist klar und unveränderlich, und ihr Einfluss auf unser Leben ist unbestreitbar. Daneben wird die Gegenwart fast etwas kurz abgefertigt, obwohl sie doch die wichtigste der drei ist: nur in ihr können wir leben und handeln, aber sie ist eben auch nur ein kurzer Augenblick zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Was die Zukunft betrifft – ich hätte sie eher verschleiert dargestellt, wie in Dickens‘ Weihnachtsgeschichte der Geist der zukünftigen Weihnacht beschrieben wird, und wenn in einem futuristischen Raumanzug, dann vielleicht mit einem spiegelnden Raumfahrer-Helm, der das Gesicht nicht erkennen lässt.

Als eher sachlich, wenig sentimental und dennoch berührend empfinde ich den Abschied der beiden Brüder, bei dem Till fast gar nichts sagt und doch durch sein Schweigen den Worten seines Bruders zuzustimmen scheint.

Dein Drama würde ich auch gerne mal auf einer Bühne sehen. Ob es einmal dazu kommt?
Viele liebe Grüße
roseta

Antwort von Thomas Heinrich am 31.01.2020 | 22:25 Uhr
Liebe roseta,

vielen Dank für Dein Review!

Über die Zeit haben sich ja nun auch schon etliche Geistesgrößen reichlich den Kopf zerbrochen, darunter natürlich Physiker, viele Philosophen, aber auch Schriftsteller (so etwa Thomas Mann in dem von mir so inbrünstig verehrten "Zauberberg").

Tatsächlich hatte ich mit den Worten der drei Zeitschwestern sehr große Schwierigkeiten, die ich vorher gar nicht erwartet hatte. Irgendwie tauchen beim Schreiben die Schwierigkeiten bevorzugt an Stellen auf, an denen man nicht damit rechnet. Jedenfalls fiel es mir noch am leichtesten, der Vergangenheit Verse in den Mund zu legen, vielleicht ist auch deshalb Ihr Text am umfassendsten ausgefallen.

Was nun die Kostüme betrifft: da schreibe ich hier natürlich auch nur, wie ich mir das vorstelle. Was etwaige Regisseure daraus machen würden, ist dann ohnehin noch mal eine ganz andere Sache...

Torbens Abschiedsworte sind zwar nicht unbedingt pathetisch, aber ich denke doch, daß so einiges an Emotion darin steckt - für einen Bewohner des Totenreiches sogar sehr viel Emotion.

Was eine Aufführung betrifft, bleibe ich realistischerweise lieber erst mal skeptisch. Aber trotzdem lege ich mein Werk gern einer kleinen, aber interessierten Leserschaft vor!

Liebe Grüße auch von mir,
Thomas
30.01.2020 | 15:33 Uhr
Hallo Thomas,

auch das ist wieder eine schöne, eine sehr gut gelungene Szene - ich kann sie mir als Aufführung mit den 3 verkleideten, die Zeit darstellenden Schauspielerinnen sehr schön vorstellen.

Im Prinzip ist die Szene eine Warteschleife auf dem Weg zum Konstrukteur. Aber diese Warteschleife ist keineswegs inhaltsleer:
Da sind die Vorstellung der drei Zeitwesen und - nicht minder wichtig - die Verabschiedung Tills von Torben.

Die Zeitwesen hast Du schön abwechslungsreich sprechen lassen. Erstaunlicherweise haben mir die Worte der Vergangenheit hier am besten gefallen: "Ich wachse stets und bin doch fest wie Erz". Das "fest wie Erz" überrascht mich an der Vergangenheit nicht, aber das "wachse stets". Und das stimmt ja auch: Die kontinuierlich fortschreitende Gegenwart wird ja auch jeweils zur Vergangenheit, wodurch Letztere wächst. Sehr logisch - aber keineswegs trivial.

Besonders gut hat mir an der Verabschiedung Torbens gefallen, dass er das Leben als durchaus schätzenswert und anspruchsvoll betrachtet und Till deshalb auch mahnend rät, das Leben nicht unfreiwillig zu verlassen.

Tja - und jetzt freue ich mich eben schon wieder, wie nach fast jedem bisherigen Kapitel, auf die Szene mit dem Konstrukteur. Aber damit will ich nicht sagen, dass mich die bisherigen Szenen enttäuscht hätten - keineswegs!
Im Gegenteil: Ich würde sie alle sehr gerne aufgeführt sehen - gib mir einfach Bescheid wo und wann, und ich plane dabei, zu sein.

Liebe Grüße
Norbert

Antwort von Thomas Heinrich am 30.01.2020 | 15:56 Uhr
Hallo Norbert,

vielen Dank für Dein (wieder einmal) sehr freundliches Review!

Obwohl diese Szene recht kurz ist, hat sie mir doch bemerkenswert viele Schwierigkeiten bereitet - auf meinen Blättern, auf denen ich sie mit der Hand vorgeschrieben habe, wimmelt es nur so vor Durchstreichungen und Korrekturen. Schön, daß das Endergebnis Dir zusagt!

Mit dem Auftritt der Zeitschwestern bin ich letztlich auch recht zufrieden; eigentlich wäre es sehr hübsch gewesen, sie in Terzinen sprechen zu lassen, aber der Gedanke kam mir erst, als ich ihre Reden zum Teil schon geschrieben hatte, und da hatte ich dann keine Lust mehr, den Text noch umzuarbeiten. Den von Dir herausgestrichenen Vers finde ich auch recht ansprechend: da letztlich immer mehr Zeit der Vergangenheit angehört, wächst diese eben auch stets.

Trotzdem möchte ich selbst Torbens Abschied als das eigentliche (und vor allem auch emotionale) Herzstück der Szene bezeichnen.

Nun wird es sicherlich einige Tage dauern, bis Tills Gespräch mit dem Konstrukteur zu lesen sein wird - denn zum einen wird diese Szene eine etwas längere werden, und da auf diese noch eine kurze Schlußszene folgen soll, werde ich wohl warten, bis ich auch mit der Schlußszene fertig bin und dann die letzten zwei Szenen beide auf einmal hochladen (das ist zumindest meine augenblickliche Absicht).

Ob und wann es dagegen mal zu einer Aufführung dieses Stücks kommen wird, weiß ich nun auch nicht - aber ich freue mich sehr über Deine Worte dazu.
Dann bis zum Auftritt des Konstrukteurs!

Liebe Grüße,
Thomas
28.01.2020 | 20:08 Uhr
Verehrter Dichter,

ehe ich es vergesse, fange ich mit zwei Druckfehlerchen an, die ich gefunden habe:
In Zeile 3 muss es ja wohl „Beine“ heißen.
„Von seiner Warte aus betrachtet dürften
Wir Kinder gleichen, die im Sande spielen.“
Hier muss es „Kindern“ heißen.

Jetzt aber zu wichtigeren Dingen.
An dieser Szene erkennt man deutlich den Naturwissenschaftler – Till fühlt seine Glieder nicht etwa schwer wie Blei, nein, für ihn muss es Platin oder Osmium sein! Die Trägheit der Masse spielt auch eine Rolle. Und die Lichtgeister tragen Gewänder mit wellenförmigem Muster, und auch die Lichtbrechung durch das Prisma ist ein Thema.
Und schon wieder musste ich an den guten alten Goethe denken („Im farbigen Abglanz haben wir das Leben“), obwohl der ja bekanntlich, was die Lichtbrechung betrifft, einer falschen Theorie anhing. (Ich hoffe, ich erinnere mich richtig, mein Physikunterricht fand vor Jahrhunderten statt.)
Der Gesang der Lichtgeister ist wirklich schön gelungen – auch hier ein bisschen Physik, aber viel Poesie.
Die Erklärung, warum der Konstrukteur Till eine Audienz gewähren will, ist ein bisschen vage – aber ich nehme an, dass wir bald mehr erfahren werden.

Viele Grüße
roseta

Antwort von Thomas Heinrich am 28.01.2020 | 20:35 Uhr
Guten Abend, liebe roseta,

erst einmal vielen Dank für Dein Review und auch für den Hinweis auf die beiden ärgerlichen Fehler - zumindest bei dem ersten konnte ich beim Abtippen meiner mit Bleistift geschriebenen Verse vermutlich mal wieder meine eigene Schrift nicht lesen und habe dann Unsinn getippt, ohne zu bemerken, daß das gar nicht hinhauen kann. Die beiden Fehler sind bereits korrigiert.

Ansonsten stimmt es schon, daß diese Szene einen deutlich naturwissenschaftlichen Einschlag hat - was zum einen an meiner Vorliebe dafür liegt, aber es paßt auch zu Till, dem Physikstudenten. Und daher habe ich dann auch Platin und Osmium genommen, Osmium ist das Element mit der höchsten Dichte überhaupt, und auch Platin hat eine viel höhere Dichte als Blei. Besonders der Chor der Lichtgeister ist dann ziemlich gespickt mit Physik, denn darin wird auf die Brechung im Prisma, den Welle-Teichen-Dualismus, die relativistische Zeitdilatation und den Doppler-Effekt angespielt. Wobei es gar nicht so einfach war, das in solcher Form zu schreiben, daß es sich trotzdem auch noch nach Poesie anhört (daher freue ich mich auch über die positive Resonanz in Deinem und auch in Norberts Review).

Richtig, Goethe war mit seiner Farbenlehre auf dem Holzweg, da er glaubte, die Farben durch Abstufungen von Hell und Dunkel erklären zu können. Aber Goethe als Naturwissenschaftler ist ohnehin ein Thema für sich - das Ergebnis seiner Bemühungen läßt sich am besten mit einem Faust-Zitat beschreiben: "Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit".

Jetzt wird noch eine (kurze?) Szene folgen, bevor Till in der übernächsten Szene endlich dem Konstrukteur begegnen wird. Diese Szene wird dann wohl etwas länger ausfallen. Bis bald1

Liebe Grüße,
Thomas
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