Reviews 1 bis 3 (von 3 insgesamt):
29.09.2018 | 22:08 Uhr
zur Geschichte
Hallo werter Thomas,

Vor einer gefühlten Ewigkeit habe ich dir ja in der Antwort auf das Review zu meinem mythologischen Muttertags-Oneshot gesagt, dass ich mit dem lesen deines „MUNDUS“ begonnen habe. Leider habe ich damals nur ein schweigsames Sternchen vergeben und das Review immer wieder vor mich hergeschoben, bis es ein wenig auf einer Word-Datei in Vergessenheit geriet und erst durch dein neustes Kapitel wieder in Erinnerung gerufen wurde. Dafür entschuldige ich mich.

Nun zum eigentlichen Review:
Da ich mich selbst ziemlich für Themen wie Datenschutz, Überwachung, Sozial-Media, die zunehmende Abhängigkeit von der Technik, den Gläserner Menschen, Big Data und die steigende Macht und Allgegenwertigkeit bestimmter Internetkonzerne interessiere, hatte ich bereits eine gewisse Neugier, wie dein in „MUNDUS“ geschildertes Zukunftsszenario aussehen würde und wie du die ganze Sache mit dem einen Großteil der Welt beherrschenden Internetkonzern umsetzen würdest. Und ich finde, dass du die Idee hinter all dem wirklich sehr interessant und auf eine beängstigend realistische Art umgesetzt hast!
Ich muss aber ebenfalls zugeben, dass die von dir in dieser Geschichte behandelte Thematik, keineswegs leicht zu verdauen ist und da ich mir ohnehin viele Gedanken zu diesen Dingen mache, hat deine Geschichte mir mit ihren Anreizen noch mehr Stoff zum Nachdenken gegeben. Dies sehe ich als einen sehr positiven Punkt deiner Geschichte. Denn es muss natürlich nicht immer so sein, dass ein Text zum vielen Nachdenken anregt, aber wenn er das doch kann, ist das meiner Ansicht nach ein sehr gutes Zeichen. Ist jede Form Kunst, wie das Schreiben in diesem Falle, denn nicht auch neben seines Aspekts als Mittel zur Unterhaltung auch ein Weg der Kommunikation? Ein Mittel damit der Autor bestimmte Gedanken verarbeitet und der Leser etwas mitnehmen kann? Meiner Ansicht nach schon.

Wenn man sich näher mit den derzeitigen Entwicklungen und „Trends“ befasst, ist deine Geschichte nichtmal so weit entfernt, um bereits in den nächsten zehn oder höchstens zwanzig Jahren Wirklichkeit zu werden. Schon heute können grosse Konzerne so viele Informationen über uns sammeln, ohne sich wirklich Strafbar zu machen oder – wenn diese überhaupt eintreffen – sich ernsthaft um die Konsequenzen zu sorgen. Da Speicherplatz heute auch fast gratis ist, können sie dann noch jedes von uns durchsickernde Tröpfchen an Information speichern, um diese irgendwann zu irgendeiner bestimmten Zeit nutzbar zu machen.
Jeder der nur einmal das Internet benutzt hat, steckt irgendwo im gewaltigen Datengewirr des Internets, gespeichert und vielleicht sogar nützlich für irgendeinen Konzern verwendet. Natürlich gibt es mehr Daten über die einen als über die anderen, da bestimmte Dinge wie das verwenden sozialer Medien und die Menge an Internetnutzung einen beachtlichen Unterschied machen können.
Ich mache mir da auch nichts vor und bin mir ziemlich sicher, dass auch von mir sehr viele Daten irgendwo gespeichert herumliegen und man anhand all meiner Spuren im Internet, ein an sich recht stimmiges Profil meiner Wenigkeit mit Interessen, Hobbys, politische und religiöse Ansichten, Sexualität, Persönlichkeitsmerkmalen und psychologischen Merkmalen erstellen könnte.
Diese Vorstellung ist recht unangenehm und beängstigend, entspricht aber leider schon heute der bitteren Realität! Natürlich gebe ich auch freiwillig kleine, schemenhafte Informationen her, wie z.B hier in meinem Profil auf FF. de, wo ich Hobbys, Interessen, kleine Merkmale von mir und anhand meiner Texte auch einen ziemlichen Einblick in meine Seele preisgebe.
Trotzdem gibt es neben diesen Informationen noch viele andere, welche gegen meinen direkten Willen irgendwo gespeichert werden und an sich finde ich es schlimm, wenn man nicht die 100% Kontrolle darüber hat, was mit den eigenen Daten geschieht, aber wir werden halt förmlich mit dem Strom in diese bestimmte Richtung mitgezogen…
Aber man muss auch ehrlich mit sich sein und sich eingestehen, dass wenn man ganz und gar über die eigenen Daten bestimmen möchte, man das ganze Leben über nie Kontakt mit dem Internet haben sollte – und selbst dann, ist bestimmt noch nicht alles gänzlich sicher.
So wie ich das sehe, gehen die Entwicklungen immer weiter auf der Linie, dass der Datenschutz an sich nicht so wichtig ist. Natürlich beschweren sich Leute beispielsweise beim neusten Facebook-Datenskandal ironischerweise lauthals auf ihren Facebook-Profilen und auch die Medien wie auch der Staat reden vom bösen Internetkonzern der den Datenschutz mit Füssen tritt, aber dann ist alles bald schon wieder vergessen.
Insbesondere sollte man da meine Generation dafür rügen, dass sie trotz der Fülle an Informationen und der Fähigkeit sich von allen Generationen am besten und natürlichsten mit der Technik und dem Internet zu verstehen, einen Dreck auf diese ganze Thematik gibt und den Abbau des Datenschutzes wie auch das Erstarken von Internet-Monopolen die irgendwann durchaus sich mit den Medien und der Politik vermischen werden, begünstigen.
Irgendwann kommt es dann sicher zu solch einer Entwicklung, bei der ein grosser Konzern die Kontrolle über das Internet, die Medien und die Politik übernimmt… Und das ist dann der Tag, an dem es nur noch eine Informationsquelle, ein Machtsystem, eine geltende Meinung und keine Persönlichkeitsrechte für das einzelne Individuum geben wird.

In deinem „MUNDUS“, welcher passenderweise übersetzt "Die Welt" bedeutet, sehen wir das Ergebnis solch negativer Entwicklungen bezüglich Internetkonzerne und des Datenschutzes:
Ein mächtiger, allgegenwärtiger Internetkonzern, von dem man völlig abhängig ist und dem alle Daten über einen bereits vom Tage der Geburt an gehören. Es gibt Zensur im Grossen (Nachrichten) wie im Kleinen (Toms Fotos und Gedichte), Überwachung, eine Allgegenwärtigkeit des Konzerns in allen Lebenslagen, eine bei manchen auftretende Hirnwäsche-Liebe zum Konzern und „den besten Freund“ wie auch die ständige unterschwellige Angst, man könnte durch „falsches“ Handeln und ein „falsches“ Wort von MUNDUS ausgeschlossen, und wegen der Abhängigkeit vom Konzern, von der Gesellschaft isoliert und Ent-integriert werden.
Ich muss zugeben, dass man sehr stark den Einfluss von Georg Orwells „1984“ – den ich nebenbei selbst schon zur Genüge gelesen und studiert habe – in deinen Werk erkennt.
Beispielsweise erinnert mich "Der Beste Freund" ziemlich stark an "Big Brother" – nur ohne Schnauzbart. (Deshalb – nicht wegen des Schnauzers, sondern wegen der Ähnlichkeit allgemein – habe ich auch irgendwie die Vermutung, dass er nicht wirklich als Person existiert. Wahrscheinlich ist er so Computergeneriert wie der persönliche Nachrichtensprecher.)
Ähnlichkeiten zur „Gedankenpolizei“ sehe ich bei Leuten wie Herr Kunter. Dieser Lehrer war mir von Anfang an richtig unsympathisch! Zum einen ist er ein Teil der Propagandamaschinerie, andererseits ist es auch irgendwie Unheimlich, wie er einen Raubtier gleich die Schüler zu mustern scheint, als würde er nach einen verwundeten Tier in der Herde suchen, auf das er sich dann stürzen könnte.
Oder die Beziehung zwischen MUNDUS und seinen beiden Konkurrenten, weist auch eine gewisse Parallele zu „1984“ auf.
Auch Toms kleine Auflehnung gegen das System, indem er ein Tagebuch zu schreiben beginnt, erinnert an Winston Smith am Anfang des Buches. Es gäbe noch ein Paar Einzelheiten, wo man durchaus eine gewisse Inspiration von Orwells furchtbaren Albtraum-Meisterwerk erkennen kann, aber ich sehe dies alles keineswegs als negativ an oder würde auch nie im Leben denken, dir würde es an Originalität fehlen, denn obwohl du dich anscheinend von diesem Werk hast beeinflussen lassen, hast du etwas ganz eigenes erschaffen. Das steht keinesfalls zur Debatte.
Und wahrscheinlich ist es auch ganz natürlich, wenn dein dystopisches Werk kleine Ähnlichkeiten zu diesem Klassiker aufweist! Ist es beispielsweise im Fantasygenre oftmals nicht auch so, dass in den Werken ein Einfluss von J.R.R Tolkiens Schaffen zu erkennen ist?

Was jetzt die Gestaltung deines Zukunftsszenarios in „MUNDUS“ betrifft, gefällt mir wie du dem Leser nach und nach bestimmte Details über diese neue, zukünftige Welt offenbarst und manchmal mit bestimmten Umständen, Details und Anmerkungen kleine Seitenhiebe auf die heutige Zeit austeilst.
Ganz locker steigst du mit deiner Geschichte ein, indem du Toms Alltag schilderst. Du begehst dabei nicht den insbesondere in der Science Fiction und Fantasy häufig auftretenden Fehler des starken "Infodumpings", bei dem der Leser durch die schier gewaltige Wucht an Informationen erschlagen wird, ohne am Ende einen Großteil der Informationen im Gedächtnis behalten zu können.
Du beschreibst nicht nur, wie bestimmte Dinge dort existieren, sondern zeigst sie dem Leser indem auf natürliche Weise dargestellt wird, wie der Protagonist Tom die Dinge in seiner Umgebung wahrnimmt.
Bei der Schilderung des Wetters und der Flora stellst du beispielsweise wie selbstverständlich die Auswirkungen des dar, welche nun zum Alltag und zu Toms Realität gehören. Solche unangenehmen Details schätze ich sehr bei der Schilderung der Zukunft, auch wenn es Details sind, welche besser nie wirklich eintreffen sollten…
Auch die kleinen technischen Details, an denen man heute herumwerkelt und die schon in naher Zukunft zum Alltag dazugehören werden, webst du ganz selbstverständlich in dieses Zukunftsszenario mit ein.
Nebenbei: Nettes Detail wie du historische Persönlichkeiten des digitalen Zeitalters, wie Steve Jobs, Bill Gates und Mark Zuckerberg als Namensvorlagen benutzt hast. Schlichtweg passend.

Dein Protagonist, Tom Becker, erscheint mir sehr sympathisch, menschlich und so realistisch, dass ich in mir durchaus als echten Menschen vorstellen könnte. Er handelt und denkt recht nachvollziehbar, hat bestimmte Angewohnheiten und eigene Wesenszüge… usw.
Gut finde ich auch, dass er durchaus über ein kritisches Denken verfügt, aber nicht zu offensichtlich gegen den Strom und die allgemein gültige Meinung schwimmt. So etwas ist immer nervig, wenn ein Protagonist rein gar nichts in seinem gewohnten Umfeld aufnimmt und übernimmt, da dies einfach ziemlich unrealistisch wäre.
Seine Glaubenssuche sehe ich ebenfalls als interessanten Wesenszug an. MUNDUS nimmt in dieser Gesellschaft ja förmlich die Rolle eines allgegenwärtigen, allwissenden und fast allmächtigen Gottes an. Passend dazu wendet sich Tom an manchen Stellen der Religion zu, was symbolisch als Gleichnis an MUNDUS Stellung in dieser Welt hindeuten könnte oder einfach die Suche nach einer anderen Ideologie, in einer immer einheitlicher werdenden Welt.
(Nebenbei finde ich es gut, dass du positive und negative Seiten des Glaubens gleichermaßen schilderst. An sich bin ich eher auf Seiten der Großmutter, aber es ist immer gut, alle Seiten zu beleuchten.)
Mir ist bei Tom noch aufgefallen, dass er mit seinen Interesse für Gedichte und Gärten, anscheinend ein bisschen was von dir übernommen hat, oder irre ich mich da vielleicht?

An sich muss ich sagen, dass du im Allgemeinen ein Paar gute Charaktere erschaffen hast, welche auch wenn sie Nebencharaktere sind, eine gewisse Lebendigkeit ausstrahlen.
Toms Großmutter ist mir insbesondere wegen ihrer persönlichen Marotten sympathisch und ich sehe sie auch gerne als interessante Vertreterin der älteren Vor-MUNDUS-Generation an. Und Manuel ist einfach ein netter und flotter Typ, den man schlichtweg nicht hassen kann.
Herr Mayfeld war mir bereits sympathisch als ich das erste Mal von ihm gelesen habe und ich dachte mir bei ihm bereits: „Wenn irgendwer unter den Lehrer etwas im Geheimen macht, dann dieser!“
Die anderen Lehrer fand ich ebenfalls interessant, wobei manche von ihnen etwas karikaturhaft schienen und ich diese eine Lehrerin allein deshalb hasse, weil sie mich an eine schreckliche Kundin im Laden in dem ich arbeite erinnert… brrr… Bei der verspüre ich stets den Drang zur Toilette zu gehen oder das Lager aufzuräumen, sobald sie den Laden betritt…
Die Sache mit Dr. Blumenkohl finde ich ebenfalls interessant, wobei ich aber die Begründung nicht ganz verstehe, warum man ihn gewähren lässt: Auch wenn er den Sommer bestimmt nicht überlebt, ermöglicht man es ihm damit den nicht, die Schüler mit „falschen“ Gedanken zu „infizieren“?
Was jetzt Fiona betrifft, weiss ich nicht so genau, was ich von ihr halten soll. Diese ganze Sache mit Fiona erschien mir ein wenig plötzlich, etwas hastig, und irgendwie habe ich das seltsame Gefühl, sie würde Tom manipulieren wollen? Keine Ahnung warum, aber ich traue ihr einfach aus einem gewissen Bauchgefühl nicht. Vielleicht liegt es an meiner kleinen Theorie, das die von den Mitgliedern der Tafelrunde gewählten Namen aus der Artussage irgendeine tiefere Bedeutung und Interpretationsgrundlage haben.

Jetzt wo die Tafelrunde ins Spiel gekommen ist, nimmt die Geschichte anscheinend etwas mehr Tempo an. Auch wenn ich glaube, so eine kleine Gruppe könnte nichts verändern, sagt mir meine Erfahrung als Geschichts-Kenner, dass solange einige Gleichgesinnte im Verborgenen weitermachen und ein kleines Feuer am Leben erhalten, es immer Hoffnung gibt das sich dieses Feuer eines Tages zu einen Flächenbrand ausbreitet.
Im Moment weiss ich nicht, was ich erwarten kann, aber ich hoffe dass die Tafelrunde einen besseren Weg geht als diese Erneuerer. Die Erneuerer sind nämlich (von dem bisher gelesenen) teilweise nachvollziehbar, aber mir gänzlich unsympathisch, da ich eine starke Abneigung gegen Extremismus hege und glaube, dass Extremismus am Ende immer nur verbrannte Erde zurücklässt.
Da kommt mir gerade ein Gedanke: Vielleicht gibt es die Erneuerer überhaupt nicht? Vielleicht wurden sie von MUNDUS aus irgendwelchen Propagandaplänen erfunden? Was ist noch real?
Ich frage mich auch gerade, ob die noch recht im Dunkeln liegende Geschichte um den Tod von Toms Eltern in der Geschichte noch irgendwie wichtig sein wird? War es wirklich nur ein völlig banaler, tragischer Autounfall? Mhm…

Das wäre es dann einmal mit meinen „kleinen“ Review zu deiner tollen Geschichte! Ich werde dran bleiben und weiterlesen, egal wie lange es dauern wird, bis wir zum Ende gelangen. Nur hoffentlich trifft nicht das schlimmste Szenario ein, an dem Tom erkennt wie sehr er den besten Freund liebt…

Mit freundlichen Grüssen
Jonathan Ghost

Antwort von Thomas Heinrich am 01.10.2018 | 02:02:00 Uhr
Hallo lieber Jonathan,

vielen Dank für Dein unerhört umfassendes Review, das sicherlich eines der großartigsten ist, die ich jemals zu einer meiner Geschichten lesen durfte! Ich bin geradezu überwältigt. (Und dafür, daß es nicht früher kam, mußt Du Dich nun wirklich nicht entschuldigen, ich bin ja schließlich immer froh, wenn sich überhaupt mal jemand zu einem meiner Werke äußert, gerade bei den umfangreichen erzählerischen Werken ist die Resonanz zumindest recht überschaubar.)

Auf die Idee zu dieser Geschichte kam ich, nachdem ich mich einige Wochen recht viel mit dem Themenkomplex Internet (inklusive Datenschutz, Big Data, soziale Netzwerke) befaßt habe; zugleich sind auch Ansätze für geplante, aber nie so recht zur Ausführung gelangte Science-Fiction-Geschichten darin eingeflossen. (Nebenbei: Deinem Gedanken, daß Kunst u.a. auch eine Kommunikationsform ist, stimme ich natürlich zu, und einerseits liegt mir schon daran, meine Leser nicht etwa zu langweilen, sondern sie zu unterhalten, aber dabei fließen auch immer wieder Themen ein, die mir wichtig sind, und ebenso meine persönliche Weltsicht.)

Wenn man das ganze nur von der technischen Seite betrachtet, wäre (fast) alles, was ich hier schildere, heute schon möglich; der von mir gewählte zeitliche Abstand zur Gegenwart erklärt sich auch eher aus den gesellschaftlichen Umwälzungen, die mein hier geschildertes Szenario voraussetzt. Und nicht umsonst werden etwa Google und Facebook ja heute schon als Datenkraken bezeichnet (und trotzdem benutze ich selbst Google, Facebook allerdings nicht - diesem Trend habe ich mich hartnäckig widersetzt). Ohnehin habe ich zum Internet sehr zwiespältiges Verhältnis - einerseits habe ich viele Jahre im Netz über Filme geschrieben und mit anderen diskutiert, wodurch ich viele interessante Leute kennengelernt habe, und nun bin ich eben hier aktiv, also auch wieder im Internet; andererseits finde ich aber auch, daß es eindeutig auch destruktive Züge hat - im analogen Zeitalter, ohne Twitter, wäre ein Blender wie Donald Trump vermutlich nie zum US-Präsidenten geworden, um nur ein Beispiel zu nennen.
Übrigens spricht es sehr für Dich, daß Du Dir offenbar deutlich mehr Gedanken über diesen Themenkomplex machst als die meisten anderen Menschen Deines Alters!

Mit Deinen konkreten Anmerkungen zu meiner Geschichte trifft Du natürlich gleich auch das, was ich ein wenig als wunden Punkt empfinde: "MUNDUS" ist doch recht offensichtlich "1984" verpflichtet, vielleicht ein wenig zu viel. Übrigens hatte ich bei dem Konzernnamen erstmal etwas Englisches im Sinn, aber alle Namen für meinen Konzern, die mir einfielen, gab es schon; also wich ich ins Lateinische aus - natürlich gibt es auch Unternehmen, Vereine und andere Organisationen, die wirklich "Mundus" heißen, dies allerdings in so großer Zahl, daß der Name meines Konzerns eigentlich nicht mehr als Anspielung verstanden werden kann (soll er ja auch nicht). Mein Ausgangspunkt war erst mal der: was käme wohl heraus, wenn Facebook, Apple, Microsoft, Google und Amazon alle in einem Konzern vereinigt wären? Das Ergebnis dieser Überlegung fand ich recht beunruhigend, und so nahm meine Zukunftswelt Gestalt an - und die wirkt zugegebenermaßen wirklich recht stark wie eine digitale Variante von "1984". (Auch der "Beste Freund" lehnt sich natürlich ein wenig an den "Großen Bruder" an, ist aber zugleich als Seitenhieb auf die "Freundschaften" in den sozialen Netzwerken gedacht.) Auch die Dreiteilung der Welt erinnert fraglos an Orwell, ist aber zugleich durch die weltpolitische Entwicklung der jüngeren Zeit motiviert, denn China scheint immer mächtiger zu werden, und Rußland mischt sich ja an allen Ecken und Enden in die Weltpolitik ein. Aber es gibt eben auch erhebliche Unterschiede, allein schon dadurch, daß hier das Leben der Menschen nicht von einer allmächtigen Partei, sondern einem Konzern gelenkt wird.
Bei dieser Gelegenheit kann ich gleich einmal auf einen Aspekt eingehen: natürlich habe ich mich bei der Entwicklung dieser Zukunftswelt auf nur einen gegenwärtig erkennbaren Trend konzentriert, wofür ich andere Entwicklungen, die sich auch abzeichnen, mal mehr, mal weniger ignorieren mußte (das Problem der verschiedenen, sich wechselseitig beeinflussenden Entwicklungen hatte ich ja in meinem Zukunfts-Essay angesprochen); schon deshalb dürfte die tatsächliche zukünftige Entwicklung sicherlich in vielen Punkten anders ablaufen als hier dargestellt. Aber das gilt vermutlich für die meisten Utopien und Dystopien.

Mit großer Freude habe ich Deine Anmerkungen über meine Erzählweise gelesen, denn ein solches Lob freut mich natürlich sehr. Und wie Du schon richtig erkannt hast, sind durchaus auch ein paar Seitenhiebe auf die Gegenwart enthalten (Dystopien sind fast immer auch ein wenig Satire, so wie umgekehrt SF-Satiren schnell dystopische Züge annehmen). Und die Idee, daß die Schulen nach Größen der Computerbranche unserer Zeit benannt sind, finde ich selbst auch recht gut.

Tom ist eine für mich recht typische Hauptfigur, solche nachdenklichen Jungen, die etwas tiefsinnige, grüblerische Anwandlungen haben, gibt es bei mir recht häufig; am meisten ähnelt er wohl Lukas Landau aus "Elegia" (ebenfalls ein Science-Fiction-Roman). Daß er die Religion (konkret das Christentum) als anziehend empfindet, erklärt sich tatsächlich hauptsächlich daraus, daß er eine innere Abneigung gegen MUNDUS empfindet und sich nach etwas anderem, erfüllenderem umschaut. Ich persönlich stehe allerdings in diesem Punkt auch vollständig auf der Seite der Großmutter.
Ein wenig steckt auch von mir in Tom, da hast Du sicherlich recht (so wie auch in Lukas und dessen Bruder, oder in Baldor, dem jungem Dichter in meinem Fantasy-Roman - trotzdem gebe ich mir alle Mühe, doch nicht einfach nur reihenweise Selbstporträts zu entwerfen, sondern eigenständige Figuren zu erschaffen, was aber zu den schwierigsten Aufgaben beim Schreiben gehört).

Zu den Nebenfiguren: Herr Mayfeld ist, glaube ich, ein wenig von Mr. Keating in "Der Club der toten Dichter" inspiriert - aber eben auch nur ein wenig. Die Biologielehrerin mit dem Ernährungstick basiert dagegen auf einer Frau, mit der ich notgedrungen mal zu tun hatte und die mir entsetzlich auf die Nerven ging.
Daß MUNDUS den todkranken Dr. Blumenkohl (der Name der Figur stammt übrigens aus Thomas Manns "Der Zauberberg", Anspielungen auf dieses von mir sehr geliebte Buch gibt es in etlichen meiner Werke) gewähren läßt, zeigt eben, daß das ganze System eben nicht so wie der totalitäre Parteiapparat bei Orwell funktioniert, sondern bei MUNDUS sagt man sich eben, daß man den eh bald los sein wird und die Schüler ihn recht schnell vergessen werden.

Die Erneuerer ähneln ein wenig der RAF, die in ihrer ideologischen Verblendung über mehr als 20 Jahre hinweg eine blutige Spur in der Bundesrepublik hinterlassen hat.Die Grundanliegen der Erneuerer mögen zwar berechtigt sein (was bei der RAF mehr als zweifelhaft ist), aber der Zweck heiligt eben nicht die Mittel, und wer sich bestimmter Methoden bedient, wird schlicht und ergreifend zum Terroristen, und nichts anderes sind die Erneuerer.

Also nochmals vielen herzlichen Dank für Dein Review! So wahnsinnig viele Kapitel sind gar nicht mehr geplant, trotzdem wird die Geschichte vermutlich etwas schleppend vorangehen, weil ich mich momentan vor allem auf "Die Krone von Dargaros" konzentriere. Aber "MUNDUS" ist trotzdem nicht vergessen, und da ich ja Schneckli in Deinem Profil gesehen habe, hoffe ich auf Dein Verständnis, wenn es hier neue Kapitel nur in größeren Abständen gibt...

Liebe Grüße,
Thomas
23.07.2018 | 23:03 Uhr
zu Kapitel 5
Hallo,

Ich finde die Geschichte, vor allem die Thematik, sehr gut. Irgendwie erinnert mich die Welt in MUNDUS etwas an 1984 von George Orwell, allerdings ist die Überwachung deutlich versteckter und moderner. Zwar ist die Kontrolle nicht so extrem, aber wenn sich Menschen fürchten müssen ihren MUNDUS Account zu verlieren, wenn sie etwas falsches äußern ist doch ziemlich erschreckend.

Ich denke auch, dass eine Entwicklung in diese Richtung bis 2053 gar nicht so Unwahrscheinlich ist. Datenschutz wird immer weniger ernst genommen und die Internetriesen wir Facebook und Google wissen schon heute fast alles über einen. Nur hoffe ich dass es nicht zu einer alles kontrollierenden Firma kommen wird.

Mir ist noch aufgefallen, dass du sehr oft die alte Schreibweise vieler Wörter mit 'ß' statt 'ss' verwendest. Das ist nicht wirklich störend, ich wollte es nur kurz anmerken.

Liebe Grüße,
Alex

Antwort von Thomas Heinrich am 24.07.2018 | 02:38:18 Uhr
Hallo Alex,

schön, daß Du ein Review zu meiner Geschichte geschrieben hast! seit ich das letzte Kapitel hochgeladen habe, ist ja nun schon wieder ein Monat vergangen, trotzdem wird sie demnächst weitergehen, nur auf konkrete Versprechen, wann das nächste Kapitel kommt, will ich mich lieber nicht einlassen, da ich zur Zeit noch mit zwei weiteren längeren Werken beschäftigt bin, und die angedrohte Hitzewelle wird die Arbeit daran eher noch verlangsamen. Trotzdem habe ich mit dem nächsten Kapitel schon angefangen, und irgendwann kommt es dann auch.

Der Vergleich mit Orwell drängt sich hier natürlich geradezu auf (ich habe selbst schon mal von einer digitalisierten Version von "1984" gesprochen), die Geschichte ächzt ein wenig unter diesem großen Vorbild, wobei es natürlich auch wesentliche Unterschiede gibt, da der omnipräsente MUNDUS-Konzern dem einzelnen deutlich mehr Freiräume gewährt als der totalitäre, von einer bösartigen Ideologie durchdrungene Staat, wie Orwell ihn geschildert hat.

Tatsächlich sehe ich momentan zwei beunruhigende Trends, was die nähere Zukunft betrifft: einerseits eben die Bildung immer mächtiger werdender, international operierender Konzerne (nicht zuletzt auch im Internetbereich), von denen die Menschen immer mehr abhängig werden und sich zum Teil durch ihr eigenes Verhalten immer mehr abhängig machen; zum anderen das überall sichtbare Erstarken des Nationalismus in einer sehr bösartigen Form (ich sage nur Trump, Putin, Erdogan...). Welcher Trend die Zukunft stärker prägen wird, ist wohl noch nicht so ganz entschieden, vielleicht sogar beide zusammen - dann könnte die Zukunft noch viel düsterer aussehen als ich es in meiner Geschichte schildere.

Zu Deiner Anmerkung: ich verwende in der Tat noch die alte Rechtschreibung, wie ich auch in meinem Profil erwähnt habe, zum einen gefällt sie mir in vieler Hinsicht besser und zum anderen kenne ich mich auch besser damit aus, bei der neuen bin ich in vielen Punkten unsicher.

Vielen herzlichen Dank für Dein Review!

Liebe Grüße,
Thomas
10.03.2018 | 13:27 Uhr
zu Kapitel 1
Hallo Thomas,

normalerweise lese ich hier ja sehr wenig Prosa, aber mein Autoren-Alert hat mich hierher geführt. Ich war einfach einmal gespannt darauf, was Du neben Deinen sehr anspruchsvollen, gehobenen lyrischen Werken sonst so schreibst. Und es hat sich gelohnt (auch wenn ich vermutlich die weiteren Kapitel aus Zeitgründen nicht lesen werde - sorry).

Dieses Kapitel hier ist sprachlich sehr gut geschrieben (war ja zu erwarten), lebt aber neben der sehr, sehr aktuellen Thematik auch von den Charakteren, deren Gefühle, Sprache und Gewohnheiten Du sehr authentisch beschreibst.
Gutes Beispiel: Die Oma mit den Ausdrucken und dem Stöfchen - einfach zu herrlich!

Auch der sozialkritische Aspekt (gläserner Mensch, Datenkraken, usw.) wird bereits hier deutlich und hat mich sogar schon hier zum Nachdenken veranlasst: So kennt mein 86-jähriger Vater etwa keines meiner Gedichte. Warum? Weil er kein Internet (=MUNDUS) hat - genau wie der Mensch in Deinem Kapitel, der wie ein Aussätziger behandelt wird.

Nachdenkliche, aber begeisterte Grüße
Norbert.

Antwort von Thomas Heinrich am 10.03.2018 | 15:43:51 Uhr
Hallo Norbert,

vielen Dank für Dein freundliches und überraschendes Review - denn während ich mich bei meiner Lyrik nicht beklagen kann, werden meine Prosawerke nicht gerade mit Reviews überschüttet. Da freue mich dann um so mehr, wenn sich mal jemand äußert!
Mit der Thematik Internet, soziale Netzwerke, Big Data und was sonst noch zu diesem Komplex gehört, hatte ich während der letzten Wochen gerade recht intensiv zu tun und da fügte sich dann plötzlich in meinem Kopf alles so zusammen, daß ich einfach kurzerhand in die Tasten greifen mußte. Anklänge an Orwell sind natürlich nicht von der Hand zu weisen, aber die stellen sich bei solchen Sujets nun mal ganz von selbst ein. Schön aber, daß Du auch die Charaktere lobst, da ich immer bemüht bin, meinen Figuren ein wenig Leben einzuhauchen.

Also nochmals vielen herzlichen Dank für Dein Review (und wenn das Sternchen ebenfalls von Dir stammen sollte, dann auch dafür)!

Liebe Grüße,
Thomas