Review 1 bis 1 (von 1 insgesamt) für Kapitel 1:
13.06.2017 | 21:30 Uhr
zu Kapitel 1
Lieber Thomas,

auch wenn ich leider im Moment etwas unter Zeitnot leide, wollte ich es mir nicht nehmen lassen, nun endlich ein erstes, etwas kürzeres Review zum ersten Kapitel deines „Telemachos“ zu schreiben.

Eines vorneweg: ich bin schlichtweg begeistert, was du hier mit dem Hexameter geleistet hast. Ehrlich, ein so klassisches, episches Versmaß für eine Geschichte, die im Sagenkreis der Odyssee angesiedelt ist, zu wählen ist wirklich eine Herausforderung. Ich ziehe hiermit meinen virtuellen Hut vor dir, denn diese sprachliche und stilistische Leistung muss an dieser Stelle explizit gelobt und herausgestellt werden. Leider bin ich, was das „eingedeutschte“ antike Versmaß angeht, nicht sonderlich sattelfest, aber aus reiner Neugier: hast du dich hierbei eher an Klopstock und Goethe orientiert? Denn meines Wissens ist der Spondeus im Deutschen nur schwer nachzubilden und ich meine eher Trochäen und Daktylen als Versfüße in deinen Versen ausgemacht zu haben. Ich persönlich lese dieses antike Versmaß unglaublich gerne, würde wohl aber selbst einen Knoten in die Zunge bekommen, wenn ich mich daran versuchen würde. Deshalb bin ich wirklich beeindruckt mit welcher scheinbaren Leichtigkeit du dieses Metrum in deinem Text verwendest!

Überhaupt liest sich dein Werk wundervoll flüssig und wie ich dir schon einmal in einer früheren Reviewantwort geschrieben habe, fühle ich mich beim Lesen deiner Zeilen tatsächlich an Homers Epen erinnert. Das liegt nicht nur an den metrischen Elementen, sondern vor allem auch an der herrlich klassischen Wortwahl, die du in diesem Text ganz hervorragend einfließen lässt: „verständiger Jüngling“, „windbewegte Meere“, „blaue Augen olympischer Herkunft“ – es ist eine wahre Freude deine treffenden, stimmungsvollen Adjektive zu lesen. Sonst bin ich ehrlich gesagt keine große Freundin einer Adjektivflut in epischen Texten (auch wenn ich mitunter gerne selbst an Adjektivitis leide;-)), aber hier handelt es sich eben um ein Werk mit eindeutigem Bezug zu Homers Schaffen und dessen Werke sind bekannt für sein distinktives Epitheton. Mir fallen hier direkt die Beispiele „rosenfingerig und silberfüßig“ ein und Telemachos‘ Vater wird ja gemeinhin als der „listenreiche Odysseus“ bezeichnet. Mir gefällt diese sprachliche Hommage an die antiken Epiker somit wirklich ausgesprochen gut und es gibt deinem Werk einen ganz eigenen, antikisierenden Charakter, wenngleich es weit davon entfernt ist etwas Epigonenhaftes an sich zu haben, was mir persönlich sehr gut gefällt.

Auch sehr interessant, dass du deine Erzählung mit einem Traum beginnst, denn auch dieses epische Element begegnet uns häufig u.a. in der Ilias, denn auch dort offenbaren sich die olympischen Götter den Sterblichen zumeist in Traumgesichtern, in denen sie Botschaften an ihre Lieblinge senden oder sie vor Unheil warnen. Sehr passend also, dass Pallas Athene, die ja so etwas wie eine Schutzpatronin des Hauses Odysseus ist, in diesem Traum zu Telemachos spricht und ihn zugleich auf eine Reise zum weisen Nestor nach Pylos entsendet. Nun bin ich natürlich gespannt, ob du dich bei dieser kommenden Reise ebenfalls auf antike Quellen bzw. die Odyssee berufst und ihn beispielsweise auf Kirke oder Nausikaa treffen lässt und natürlich wie du das sagenhafte Atlantis in die künftige Handlung mit einbeziehen wirst.

Auf jeden Fall werde ich mit großer Freude und Begeisterung auch die kommenden Kapitel (oder sollte ich besser und treffender Gesänge sagen?) lesen und nach Möglichkeit das ein oder andere weitere Review hinterlassen, denn das hat dieses wunderschöne Stück Literatur definitiv verdient. Einen Favoriteneintrag habe ich deinem Werk längst verpasst, nun folgt das unvermeidliche Empfehlungssternchen, auf dass weitere Leser diesen besonderen Text für sich entdecken mögen und sich nicht von der klassischen Form abschrecken lassen, denn sie steigert den Lesegenuss meiner Meinung nach ganz besonders.

Liebe Grüße und einen schönen Abend
Askaja

Antwort von Thomas Heinrich am 14.06.2017 | 16:24:40 Uhr
Liebe Askaja,

zunächst einmal vielen Dank für Dein Review und auch für die Empfehlung, die ich als Ehre empfinde und zugleich als Verpflichtung, weiterhin das bisherige Niveau zu halten.

Dann erst mal zum Hexameter: wie ich ja schon erwähnt hatte, sind meine früheren Versuche mit diesem Versmaß eigentlich alle schnell und grandios gescheitert, und an sich ist der Blankvers (der ja ein jambisches Metrum ist), meine lyrische Heimat. Aber ich finde andererseits formale Experimente und die damit verbundenen Herausforderungen immer wieder spannend, und da hat es mich schon lange gereizt, mich doch noch mal am Hexameter zu versuchen, der sich bei der antiken Sagenwelt förmlich aufdrängt. Und diesmal fand ich einen Einstieg, der mir so zusagte, daß ich bei der Stange geblieben bin. Tatsächlich ist das immer noch eine beträchtliche Herausforderung, weil mir der jambische Rhythmus im Blut steckt, aber es läuft bisher recht gut. Mit Klopstocks Werken bin ich übrigens gar nicht vertraut, bei Goethe kenne ich "Hermann und Dorothea" (mag ich auch sehr), "Reineke Fuchs" und seine "Achilleis", die leider über einen sehr vielversprechenden Gesang nicht hinausgekommen ist; doch orientiert habe ich mich vor an Johann Heinrich Voß - denn Altgriechisch kann ich leider gar nicht, und so kenne ich Homer eben in der Gestalt, die Voß ihm verliehen hat. Manches ist sogar von Voß entliehen, vor allem der "verständige Jüngling", ansonsten versuche ich aber typische Wendungen wie den "herrlichen Dulder Odysseus" oder den "Rossebändiger Nestor" bewußt zu vermeiden - so dicht wollte ich mich dann doch nicht an die Voßsche Übertragung anlehnen.
Die Verwendung von Adjektiven war übrigens gar nicht in dieser Form beabsichtigt, das ergab sich vielmehr durch die Besonderheiten des Hexameters. Das war für mich eine der interessantesten Erfahrungen: wie sich das Metrum auf den Stil auswirkt - der "Uwain" etwa ist in einem ganz anderen Stil geschrieben, wie Du sicherlich bemerken wirst, wenn Du für den mal Zeit findest. Tatsächlich ist beim Hexameter die einzelne Zeile auch deutlich dominanter als beim Blankvers, wo ich erheblich häufiger Sätze innerhalb eines Verses beende.
Beim Traum habe ich übrigens gar nicht so sehr an die "Ilias" oder die antike Dichtung generell gedacht, sondern Träume baue ich ohnehin sehr oft in meine Texte ein: im "Uwain" etwa gibt es mehrere davon, aber auch in meinen Prosawerken greife ich immer wieder darauf zurück. Daß Telemachos den Reiseauftrag von Athene bekommt, war für mich geradezu selbstverständlich, schließlich ist sie, wie Du ganz richtig sagst, so etwas wie die Schutzpatronin von Odysseus' Haus.
Die direkten Anklänge an die "Odyssee" werden im Verlauf der Reise nach Atlantis wohl deutlich seltener werden, dafür wird es einige Bezüge zur "Äneis" geben. Im Moment bin ich gerade noch dabei, Telemachos' erneuten Aufenthalt in Pylos zu beschreiben, was sich aber aus verschiedenen Gründen ein wenig zieht (und da mein kleiner Roman "Toranis" inzwischen kurz vor dem Abschluß steht, bin ich auch recht viel damit beschäftigt); aber ich arbeite nach wie vor regelmäßig daran.

Liebe Grüße auch von mir,
Thomas