Reviews 1 bis 12 (von 12 insgesamt):
12.09.2018 | 23:06 Uhr
zu Kapitel 12
Überraschung!

Damit hast du heute Abend wohl nicht mehr gerechnet, lieber Thomas. Meine beginnende Erkältung hält mich wach und da an Schlaf noch nicht zu denken ist…voilà, dachte ich mir, ich schaue noch einmal im beschaulichen Atlantis vorbei.

Vorab aber ein herzliches Dankeschön für deine so interessante Antwort auf mein letztes Review. Dann lag ich mit meiner politischen Interpretation gar nicht so falsch. Und mit deiner Kritik an Großmächten stehst du im Grunde genommen ja sogar in homerischer Tradition, immerhin ist die Ilias ja fernab des mythologischen Unterbaus ein frühes literarisches Zeugnis aggressiver Expansionspolitik der Archäer.

Aber zurück zum nunmehr 12. Gesang. Langsam aber sicher nähere ich mich ja der Zielgeraden, wenngleich ich ja bereits gestanden habe, dass ich vor lauter Neugier bereits alle restlichen Kapitel verschlungen habe. Doch dieses Wissen lasse ich mal außen vor.

Du beginnst mit einem unheilvollen Szenario, nämlich schweren Erdstößen, die meine frühere Vermutung bzgl. eines baldigen Vulkanausbruches stark untermauern. Toll finde ich, dass du Telemachos‘ Panik vor einer solch gewaltigen Machtdemonstration von Mutter Natur sehr treffend beschrieben hast. Für antike und heutige Menschen ist ein Erdbeben wohl eines der beängstigendsten Ereignisse überhaupt. Ich habe vor ein paar Jahren einmal ein Grubenbeben mitten in der Nacht erlebt. Das war wirklich sehr unheimlich, denn im ersten Moment wusste ich gar nicht, was da passiert, da ich in keinem Bergbaugebiet aufgewachsen bin. Gruselig, ich kann also gut mit Telemachos mitfühlen. Auch die Risse in den Wänden, die du am kommenden Morgen erwähnst, fand ich ein sehr realitätsnahes Detail! Ein schöner Foreshadowing-Moment war dann freilich, der nicht nur optische Riss, der nunmehr das Inselreich spaltet. Echt klasse gemacht, ich liebe ja solche etwas versteckteren Bemerkungen. Den Hinweis auf Poseidon fand ich als alte Mythologiefreundin dann natürlich besonders schön, immerhin war dieser für seine Erdbeben und Sturmfluten gefürchtet. Dass Telemachos die Kammer seines jüngeren Halbbruders aufsucht, zeigt sehr gut, wie sehr die beiden sich innerhalb kürzester Zeit einander angenähert haben. Telegonos‘ unheilvolle Prophezeiung unter Hypnos‘ Einfluss bestätigt sodann meine Vermutung und es verwundert kaum, dass Telemachos danach unter Einschlafstörungen leidet. Übrigens fand ich die seherischen Verse ganz besonders gelungen und poetisch!

Das trügerische Inselidyll, das du im Folgenden gewohnt gekonnt zeichnest, kaufe ich dir nun freilich nicht mehr ab und las mit Wehmut über die vertrauten Erkundungsspaziergänge der Odysseussöhne. Was du im Nachgang schilderst, hat mich dann aber dennoch wirklich überrascht und zwar im durchweg positiven Sinne. Dass Telegonos über das zweite Gesicht verfügt, weiß die geneigte Leserschaft ja längst. Nun kommt aber eine Offenbarung, mit der ich nie und nimmer gerechnet hätte, denn du spannst über einen kommenden, magischen Schlaf des von einem Gift betäubten Telegonos tatsächlich den weiten Sagenbogen zu den britischen Inseln. Das ist mutig und wirklich interessant, denn so wird aus dem Sohn der Zauberin Kirke einige Jahrhunderte später der große Zauberer Merlin, der Lehrmeister des legendären König Artus. Du schickst Telegonos also von einem Inselkönigreich zum nächsten, von Atlantis nach Albion. Das nenne ich einmal eine fantastische Sagenklitterung. Gefällt mir wirklich ausnehmend gut, dieser Einfall, mein Lieber.

Abschließend gefällt es mir, wie du Telegonos‘ sehr menschliche und vor allem seinem Alter gerechte Reaktion erwähnst und noch einmal das innige Verhältnis der beiden Halbbrüder betonst.
Wieder einmal ein formidabler Gesang, der dramatisch und höchst überraschend war. Ich hatte viel Freude beim Lesen. Und nun begebe ich mich in Hypnos‘ Arme und hoffe auf Asklepios‘ heilende Hände, während Morpheus mir hoffentlich nettere Traumgesichter sendet als dem lieben Telegonos. Den angeblichen Untergang des Abendlandes mögen andere bezeugen. A propos Untergang und Abendland: Ich freue mich schon diebisch darauf, das angekündigte Gauland-Zitat aufzuspüren!

Liebe Grüße und eine erholsame Nacht
Askaja

Antwort von Thomas Heinrich am 13.09.2018 | 03:08:57 Uhr
Liebe Askaja,

die Überraschung ist Dir gelungen! Und als Gegenüberraschung antworte ich nun auch gleich zu einer eigentlich unmöglichen Zeit, da mich meine innere Unruhe gerade mal wieder aus dem Bett geworfen hat.

Mit dem Erdbeben habe ich so eine Art Doppelstrategie verfolgt: einerseits als düsteres Omen der späteren Ereignisse, andererseits aber auch als eine durchaus natürliche Ankündigung der späteren Eruption - denn eher leichte Erdbeben sind wohl nichts ungewöhnliches im Vorfeld eines Vulkanausbruchs (demnach ist es also ein vulkanisches Beben, kein tektonisches). Die im Schlaf gesprochene Prophezeiung ergab sich dann einfach aus dem Stil des Werks. Ansonsten gehe ich mit solchen Zutaten in meinen Geschichten eher sparsam um, aber hier fand ich es passend. Und der Riß im Relief ist natürlich auch wieder politisch zu verstehen (auch dies ist freilich wieder nicht so richtig subtil, wie ich zugeben muß).

Bei der Erkundung der Insel habe ich übrigens ein eigenes Erlebnis auf Lanzarote (da war ich vielleicht 5) eingebaut: damals wurden wir von der Reiseleiterin auch in eine Höhle mit einem schrecklichen "Abgrund" hineingeführt, der sich beim Steinwurf dann als spiegelndes Wasser herausstellte.

Und dann kommen wir eben zu meinem Einfall, der mich damals beim Schreiben sehr begeistert hat, denn ich hatte schon viele Jahre die Idee, den trojanischen Sagenkreis mit der Artussage zu verbinden, wußte aber nicht so recht, wie ich das anstellen soll. Und bei meinem kleinen Atlantis-Epos kam ich dann auf den Einfall, daß Kirke und Odysseus sich doch als Eltern für Merlin wunderbar anboten, ja fast schon aufdrängten. Was ich jetzt nach einem Jahr allerdings nicht mehr weiß, ist, ob ich Telegonos erst in die Handlung einführte und danach beschloß, ihn mit Merlin zu identifizieren, oder ob diese Idee am Anfang stand und ich ihn überhaupt erst deshalb in die Handlung eingeführt habe - letzteres kommt mir wahrscheinlicher vor, aber genau weiß ich es nicht mehr, weil ich meine Konzeptnotizen immer wegwerfe, wenn ich mit einem Werk fertig bin, sonst würde ich irgendwann in dem Zeug ersticken. Jedenfalls bin ich sehr froh, daß Dir diese Idee gefallen hat, da sie so etwas wie mein Lieblingseinfall in dem Kleinepos war (inwieweit sich allerdings diese Verbindung der beiden Sagenkreise mit den politischen Implikationen verträgt, weiß ich nicht so recht, da bin ich selbst nicht so richtig überzeugt von).

Dann hoffe ich mal, daß Du inzwischen schon des Schlafes heilende Wirkung spürst. Das Zitat ist eigentlich nicht so schwer zu finden, denke ich (zu erwähnen wäre noch, daß ich "Der Fackelzug" nur wenige Tage nach der Bundestagswahl geschrieben habe...).

Liebe Grüße,
Thomas
11.09.2018 | 22:00 Uhr
zu Kapitel 11
Lieber Thomas,

hier kommt mein längst überfälliges Review zum nunmehr 11. Gesang deines "Telemachos". Derzeit komme ich nur sehr sporadisch zum Lesen und Kommentieren, doch ich will nun nach und nach in gewohntem Schneckentempo die ausstehenden Lieblinge in meinen Favoritenlisten "abarbeiten", bevor ich mich anderen Werken zuwenden kann.

Gleich zu Beginn entführst du uns ins bunte Markttreiben, das du sehr anschaulich und atmosphärisch geschildert hast. Ich fühlte mich auf einen orientalischen Basar versetzt und konnte mir Telemachos sehr gut bei seinem "Bummel" vorstellen. Es folgte die wirklich gelungene Schilderung des atlantischen Hafens, wo mir insbesondere der Kontrast zwischen Kriegs- und Handelsschiffen ausnehmend gut gefallen hat. Auch die Zwei-Klassen-Gesellschaft des Königreiches wird in diesem Gesang sehr deutlich, denn im Hafenviertel leben die ärmeren Bevölkerungsschichten. Es freut mich, in deinem Epos doch so viel Realitätsnähe ausmachen zu können, dass du nicht jeden Bewohner des Eilandes kurzum zu einem Krösus gemacht hast.

Was mich wiederum zum ersten Auftritt des Königs von Atlantis führt. In ihm habe ich ja längst den eigentlichen Antagonisten der Handlung ausgemacht, schließlich sprach Theodora gleich zu Beginn nicht besonders wohlwollend vom Nachfolger ihres verstorbenen Ehegatten, doch Telemachos wäre nicht Odysseus' Sohn, wenn er sich keine eigene Meinung bilden wollte. Der theatralische Auftritt des Königs in bester Manier antiker Imperatoren wird nur noch durch dessen hasserfüllte Rede an die Nation überboten und ich konnte mich während der Lektüre nicht des Eindrucks erwehren, dass hier einer der grässlichsten Volksverhetzer aller Zeiten Pate für deinen Demetrios gestanden haben könnte. Wahlweise kommen aber auch unschöne Assoziationen zu einem twitterenden Präsidenten mit fragwürdiger Frisur bei mir auf. Gehaltlosen Phrasen und widerlichen Ressentiments im Stile des atlantischen Herrschers könnte man jedoch auch eins zu eins bei jeder AfD-Versammlung begegnen. Verzeih bitte, dass ich an dieser Stelle ungewohnt politisch werde, doch dein Demetrios kehrt tatsächlich die schlimmsten Seiten eines Machtmenschern heraus. Er ist wundervoll perfide und doppelzüngig und ist dir dadurch ausnehmend gut gelungen. Ich kann Ariane in ihrer abschließenden und so treffenden Charakterisierung des Königs also nur zustimmen.

Ein wieder einmal gelungenes und sehr vielseitiges Kapitel, lieber Thomas. Von Städterundgang, über antike Kriegsführung zur See bis hin zu Demagogie in einem Sagenreich war ja wirklich alles dabei! Die Bandbreite deiner Themen hat mich gerade in diesem Gesang sehr erfreut, vor allem weil deine Verse so anmutig und natürlich daherkommen, dass ich manchmal ganz vergesse, dass du hier Poesie auf allerhöchstem Niveau ablieferst und ich keinen Prosatext vor mir habe. Alleine dafür ziehe ich meinen virtuellen Mit-Autoren-Hut!

Viele liebe Grüße und noch einen schönen Abend
Askaja

Antwort von Thomas Heinrich am 11.09.2018 | 22:30:05 Uhr
Liebe Askaja,

eigentlich wollte ich heute wenigstens an einem meiner in Arbeit befindlichen Texte schreiben, woraus aber letztlich nichts geworden ist, da ich doch noch ein wenig Konzeptarbeit zu erledigen habe, bevor es mit dem Schreiben wirklich los gehen kann. Statt dessen bin ich heute recht gut beschäftigt mit dem Beantworten bzw. Verfassen von Reviews, was aber auch schön ist, da der direkte Austausch mit Lesern, die zugleich fast immer selbst Autoren sind, zu den erfreulichsten Tätigkeiten in diesem Archiv zählt.

In diesem Kapitel wird dann eben auch deutlich, daß es sich bei meinem Atlantis, obwohl es geographisch eher im Bereich der kanarischen Inseln angesiedelt ist, um eine antik-mythologische Version der USA handelt - inklusive 50 Fürstentümern (=Bundesstaaten), großer Macht, starker Streitkräfte, einer tief gespaltenen Gesellschaft und eines maßlos demagogischen Herrschers, dessen Initialen obendrein auch im Namen DemeTrios stecken. Zugegenermaßen ist das alles nicht sonderlich subtil, aber da hat sich doch meine ohnmächtige Wut über den geistig-moralischen Niedergang einer Weltmacht gehörig entladen. Vor der Niederschrift der Rede habe ich mindestens zwei oder drei Mal die komplette Inaugurationsrede des Herren mit der fragwürdigen Frisur gelesen und die Rede des Königs sehr deutlich daran angelehnt (nur die Formulierung "Feuer und Zorn" kam erst später). Aber natürlich habe nicht nur allein den unsäglichen Twitter-Präsidenten vor Augen gehabt, sondern die gesamte Fehlentwicklung in vielen Ländern, deren sichtbarstes Symbol er ist (und daher habe ich Demetrios im Kapitel "Der Fackelzug" dann auch ein fast wörtliches Gauland-Zitat untergejubelt, was ich ja jetzt erwähnen darf, da Du die Geschichte schon zu Ende gelesen hast). Da mußt Du also nicht um Verzeihung bitten, daß Du politisch wirst, den das Epos selbst ist politisch - und dieses Kapitel nun ganz besonders. Eigentlich habe ich mich immer als unpolitischen Autor verstanden, aber es gibt eben Zeiten, in denen man einfach nicht schweigen kann, und unglücklicherweise ist eine solche Zeit wieder angebrochen.

Trotz dieser eher unerfreulichen Aspekte wünsche ich Dir aber auch noch einen schönen Abend (oder vielleicht sollte ich jetzt schon sagen: eine gute Nacht)!
17.08.2018 | 17:31 Uhr
zu Kapitel 10
Lieber Thomas,

lang, lang ist es hier, dass ich dir eine Rückmeldung zu deinem „Telemachos“ gegeben habe. Viel zu lange, aber vergessen war dein Epos nie. Nun bin ich aber wieder in der richtigen Stimmung für diese lyrische wie mythologische Perle aus deiner geschätzten virtuellen Feder, also genug des Vorgeplänkels und direkt weiter mit meinem Review zum nunmehr 10. Gesang, in dem wir einerseits Atlantis etwas besser kennenlernen und zudem Einblick in die Traumwelt von Telegonos und Telemachos erhalten.
Ich muss sagen, trotz längerer Abstinenz war ich sofort wieder in einem wundervollen Lesefluss, was vor allem deiner herrlichen altertümlichen Sprache und den unzähligen wunderschönen wie bildhaften Vergleichen geschuldet ist. Nach wie vor finde ich es erstaunlich und bewundernswert, dass du einen so langen Text in einem derart strikten formalen Rahmen verfassen konntest, der niemals dröge oder langatmig daherkommt, sondern vor lauter Ideenreichtum und Detailverliebtheit nur so strotzt. Noch dazu sind die auftretenden Figuren überzeugend gestaltet, was man u.a. auch wieder im vorliegenden Gesang bestaunen kann. Ehrlich, meinen Respekt hast du für diese beachtliche Leistung.

Was Formalia anbelangt, kann ich dir ja leider nicht sehr viel Feedback geben, da ich keine ausgewiesene Hexameter-Spezialistin bin. Überhaupt ist mir mein poetisches Fachwissen in den letzten Jahren doch arg abhandengekommen, doch glücklicherweise muss ich hier ja keine Gedichtanalyse abliefern, sondern dich werden vornehmliche sprachliche wie inhaltliche Belange interessieren. Da bin ich wiederum sehr gerne behilflich, wie du ja mittlerweile weißt.
Aus sprachlicher Sicht hat mir die Passage mit Polybios und dem anschließenden Besuch der Gärten der Theodora ganz besonders gut gefallen. Hier mein absoluter Liebelingsteil:

„Aber Atlantis erscheint mir als gütige Gabe der Götter:
Als vorhin in der Frühe der Morgen so rosig erblühte,
Hörte ich, wie das Gezwitscher der gelblichen Vögel ertönte,
Dessen melodischer Klang mein Herz mit Freude erfüllte;
Und so verließ ich die Kammer, die im Palast ich bewohne,
Und begab mich ins Freie, wo mich die Sonne begrüßte.
Bald schon gewahrte ich duftende Blüten zahlreicher Blumen;
Viele davon erfreuten erstmals mein staunendes Auge.
Dann jedoch vernahm ich das sanfte Rauschen des Meeres,
Das zum Gestade mich zog: so lief ich den Wogen entgegen,
Bis ich das schäumende Wasser vor meinen Füßen erblickte.“

Und dieses Zitat ist nur ein Beispiel von sehr vielen gelungenen, einfach nur herrlich fantasievollen Schilderungen. Ich kann mir diese paradiesische Insel immer besser vorstellen, je tiefer ich in dein Werk eintauche. Auch die Hinweise auf das Meer und seine Bewohner fand ich sehr anschaulich und spannend. Wirklich, wenn ich alle guten Momente deines Kapitels aufzählen würde, müsste ich praktisch den kompletten Text zitieren. Ich blicke nun schon freudig den mehr oder weniger angekündigten Streifzügen Telemachos‘ über die Insel entgegen, in denen du mich sicher wieder mit deiner Wortmalerei bezaubern wirst.

Mindestens genauso überzeugend ist dann die weitere Begegnung samt Gespräch zwischen den beiden Halbbrüdern. Und hiermit komme ich zu zwei inhaltlichen Begebenheiten, die mir bei deinem Text besonders in Erinnerung geblieben sind. Zum einen muss ich ehrlich gestehen, dass ich ein wenig Angst hatte, dass der magiebegabte Telegonos zu einer kleinen besserwisserischen Nervensäge mutiert. Frag mich nicht, woher diese Sorge rührt, aber mir sind in Romanen leider schon viel zu häufig Kinder oder Jugendliche untergekommen, die nichts weiter als Miniaturerwachsene waren. Dann hatte ich aber volles Vertrauen in deine schriftstellerischen Fähigkeiten und so ist Kirkes Sohn mir mittlerweile doch sehr ans Herz gewachsen, weil er zwar für sein Alter recht weitentwickelt, um nicht zu sagen weise ist, aber dann eben doch immer wieder kindliche Momente durchscheinen, wie in diesem Gespräch, in dem er Telemachos offenbart, dass er seine Gegenwart ganz besonders genießt, u.a. deshalb weil er auf Atlantis keine Freunde in seinem Alter hat. Diese leise Verletztlichkeit fand ich sehr gut eingebracht und gibt deinem Telegonos zusätzliche Charaktertiefe. Überhaupt erinnert er mich gerade in diesem Kapitel an die unglückselige Kassandra, die ja dazu verflucht war, die Zukunft zu kennen, doch deren Warnungen niemand Gehör schenken wollte. Telegonos wird ebenfalls von mal guten, mal schrecklichen Traumgesichtern verfolgt und ich habe da einige so genannte Foreshadowing-Momente ausgemacht und bin nun wahnsinnig gespannt, was du am Ende daraus machst. Allein dieser kryptische Drachentraum gibt mir Rätsel auf, lässt mich aber Böses ahnen. Wie gesagt, ich bin sehr gespannt, was mich hier in späteren Kapiteln erwartet.

Ach, und a propos Foreshadowing, das bringt mich doch glatt zum zweiten inhaltlichen Teil dieses Gesanges. Telemachos‘ Traum über den kegelförmigen Berg, der das Inselkönigreich beherrscht, ruft in mir eine sehr ungute Assoziation mit dem Vesuv und dem Untergang Pompejis hervor. Mag sein, dass ich hier zu sehr historisch vorbelastet bin, aber ich kann mir ja kaum vorstellen, dass du solche Hinweise einfach so als handlungstechnische Sackgassen in deine Geschichte einbaust, zumal du ja dann nach Telemachos‘ Erwachen noch einmal betonst, dass der Berg im Tageslicht gar nicht mehr so bedrohlich wirkt. Mmhhh, mein innerer Sherlock Holmes versucht sich da gerade einen Reim darauf zu machen. Dummerweise endet meine logische Schlussfolgerung stets in einer grässlichen Katastrophe. Nun muss ich also bangen Herzens dein Epos weiterlesen, in der Hoffnung, dass meine geschätzten Helden einem möglichen Vulkanausbruch erfolgreich entrinnen können. Oder führst du mich da gerade ganz geschickt an der Nase herum? Da bin ich jetzt doppelt und dreifach gespannt und werde ganz sicher keine so lange Lesepause mehr einlegen. Es fehlen ja nur noch 6 Gesänge…die nehme ich mir in den kommenden Wochen nach und nach vor. Versprochen!

Tja, lieber Thomas, was Kritik im Sinne von Verbesserungsvorschlägen anbelangt, muss ich dich mal wieder enttäuschen. Ich persönlich finde dein Werk, so wie ich es hier zu lesen bekomme, einfach fantastisch und mehr als lesenswert. Einfach nur schade, dass sich so wenige andere Leser auf diesen tollen Text einlassen können bzw. dir zumindest in aller Kürze ihre Meinung dazu lassen möchten. Ich für meinen Teil habe beschlossen, dass ich ihn bei den so genannten „Social-Media-Empfehlungen“ bei ff.de vorschlagen werde. Mal sehen, ob der Text dort angenommen wird und so ein paar weitere Leser auf diesen aufmerksam werden. Das würde mich unwahrscheinlich für dieses außergewöhnliche Werk freuen. Ansonsten freue ich mich auf die weitere Lektüre und wünsche dir gutes Gelingen bei deinen aktuellen Romanprojekten!

Liebe Grüße und einen guten Start in ein hoffentlich wohl temperiertes Wochenende
Askaja

Antwort von Thomas Heinrich am 18.08.2018 | 01:30:28 Uhr
Liebe Askaja,

eigentlich ist es momentan nicht die rechte Uhrzeit, um auf Dein abermals begeistertes Review einzugehen, aber ich merke gerade, daß ich vermutlich nicht richtig werde einschlafen könne, wenn ich es nicht gleich beantworte, daher tue ich dies jetzt.

Zur Länge des Textes: da hatte ich ja schon Übung, der zwar in einem anderem Metrum, aber gleichfalls in Versen verfaßte "Uwain" ist sogar noch erheblich länger - die Wörterzählung von ff.de verzerrt das ganz gehörig, aber in Wirklichkeit ist mein Ritterepos mehr als doppelt so lang wie die Atlantis-Geschichte, die mein kleines Epos ist ("Uwain und die schwarze Dame" ist das "große").

Die von Dir angesprochenen schwärmerischen Schilderungen von Polybios (den ich ohnehin sehr mag) gefallen mir selbst auch recht gut. Übrigens habe ich mich seinerzeit auch ein wenig über die Tier- und Pflanzenwelt der Kanarischen Inseln informiert, da ich mein Atlantis geographisch in deren Nähe angesiedelt habe. (Aber eben auch nur geographisch!)

Zu Telegonos: für dessen weiteren Werdegang habe ich mir etwas besonderes einfallen lassen, was im übernächsten Kapitel deutlich werden wird. Seinerzeit war ich ziemlich begeistert von meiner Idee, aber ich weiß natürlich nicht, ob sie Dir auch gefallen wird. Den letzten Traum will ich hier nicht entschlüsseln (öffentlich schon gar nicht), aber ich kann ja meine Vorbilder nennen: das Buch Daniel, die Offenbarung des Johannes und der 32. Purgatorium-Gesang der "Göttlichen Komödie". Was eigentlich recht kurios ist, da ich ein eingefleischter Atheist bin und es schon immer war, aber die poetische und visionäre Kraft der genannten Vorbilder mit ihren allegorischen Bilderbögen hat mich so fasziniert, daß ich hier versucht habe, etwas ähnliches zu machen. Übrigens hatte ich die Rohfassung dieses Traums mal für den "Uwain" geschrieben, konnte diese Vision dort aber nicht unterbringen, und habe sie dann hier in stark veränderter Form (neben dem Metrum mußte ich auch am Inhalt manches ändern) eingebaut.

Und daß eine Katastrophe in der Luft liegt, kann ich nicht von der Hand weisen - diese läßt sich schon an den Kapitelüberschriften ablesen... Im nächsten Kapitel steht aber erst einmal der Auftritt des atlantischen Königs an; der ist bei weitem nicht so kryptisch, sondern eher schon als Überdeutlichkeit zu bezeichnen. Ich bin sehr gespannt (und keineswegs sicher), ob Dir dieses Werk nach dem nächsten Kapitel immer noch gefällt, aber ich muß dazu sagen, daß es von Anfang an fest eingeplant war, zumal es für die weitere Entwicklung auch wichtig ist. Damit aber genug der Andeutungen!

Ich wünsche Dir auch ein schönes Wochenende.

Liebe Grüße,
Thomas
13.05.2018 | 19:07 Uhr
zu Kapitel 9
Lieber Thomas,

wie angekündigt, will ich mich heute einmal an einem etwas knapperen, hoffentlich dennoch gehaltvollen Review versuchen. Also halte ich mich gar nicht mit langem Vorgeplänkel auf und starte direkt mit meinen Anmerkungen zum nunmehr 9. Gesang deines wundervollen "Telemachos-Epos". Kurze Erbsenzählerei des Lektorenteufelchens vorab: Im 3. Vers hat sich ein "die" zuviel eingeschlichen...

Als Mythologie-Freundin gefallen mir natürlich die bildlichen Verweise auf Tantalos und Niobe, während Telemachos und Co. durch die Gänge des Palastes schreiten. Solche malerischen Darstellungen von Mythen waren ja durchaus üblich in der antiken Kunst, man denke nur an die unzähligen Vasenmotive. Von dir wurden die beiden Sagen wie gewohnt in kunstvolle Verse gegossen, ohne dabei freilich ihren Inhalt einzubüßen. Interessant dann auch Arianes Erläuterungen zum mahnenden Sinn der Wandgemälde. Ich behalte sie für die nachfolgenden Gesänge im Hinterkopf, wer weiß, ob es sich hier um einen Foreshadowing-Moment handelt.

Deine Beschreibung der Kummer umwölkten Theodora fand ich ganz wundervoll, mit viel poetischem Zauber verfasst. In ihrer Schwermut erinnerte sie mich an meinen Hades, der missmutig in seinem Palast in der Unterwelt grübelt. Ich mag solche ruhigen Szenenbeschreibungen sehr und diese ist dir ausgezeichnet gelungen. Die nachfolgende Unterhaltung zwischen der Fürstenwitwe und unserem Helden habe ich voller Spannung gelesen und du hast wieder sehr treffende Worte gefunden, die hervorragend zu deinem altertümlichen Stil in diesem Epos passen. Es ist mir ohnehin schier unbegreiflich, wie man eine Erzählung als Versepos verfassen kann und für deine Leistungen mit dem Hexameter bewundere ich dich mit jedem Kapitel, das ich hier lesen darf, mehr.
Theodoras Ausführungen über die Herrscherwürde habe ich mit wachsendem Interesse gelesen und sie erscheint mir als grundauf sympathische Person und weise Herrscherin, die leider von den übrigen - wohl durchweg männlichen - Fürsten in ihren guten Bestrebungen verkannt wurde. Gerade Theodora scheint frei jeder Hybris und Eitelkeit zu sein, womit wir wieder den inhaltlichen Brückenschlag zu den zuvor von dir bildlich zitierten Sagenfiguren haben. Sie fürchtet um das Wohl von Atlantis unter Demetrios' Führung und ich bin nun mehr als gespannt, wann uns ebendieser begegnen wird.

Zunächst können sich Telemachos und seine Gefährten jedoch über die Gastfreundschaft zweier schöner wie weiser Gastgeberinnen freuen. Mein kleines Romantikerherz hofft indes auf mögliche Szenen zwischen Telemachos und Ariane, gerne auch ohne den kleinen Halbbruder in trauter Zweisamkeit. Beim anschließenden Festmahl mit vorangegangener Wellnessbehandlung wäre man ja glatt gerne selbst zugegegn, wenn man deine herrliche Beschreibung liest. Wirklich sehr ansprechend in Verse eingewoben. Kurzeitig musste ich überlegen, ob die Griechen bereits Pfirische kannten, da ich diese eher in den asiatischen Raum dachte. Aber Tante Wikipedia erklärte mir freundlicherweise, dass diese Frucht wohl schon mit den Persern und Griechen nach Europa kam und außerdem darfst du dir bei deiner Atlantis-Dichtung gerne die eine oder andere botanische Freiheit gönnen, zumindest wenn es nach mir geht, die hier kaum einschlägige Kenntnisse hat. Über die Verwendung der Zeiteinteilung in Minuten hatten wir uns ja bereits ausgetauscht. Ich nehme an, hier spielten erneut formale Kriterien eine Rolle und störe mich somit nicht weiter an dem modernen Begriff. Persönlich tue ich mich ja schon mit der Bezeichnung "Monat" in meinen eigenen Texten in altertümlichem Gewand schwer, aber manchmal lassen sich solche Begriffe eben nur schwer vermeiden und die wenigsten Leser werden sich daran stören.

Wieder einmal ein gelungener, vor allem in seiner Bildhaftigkeit sehr ansprechender Gesang, der mit Theodora eine interessante neue Sympathieträgerin einführt, ohne dass unser Held Telemachos zu kurz kam.

Viele liebe Grüße und noch einen schönen Sonntagabend
Askaja

P.S.: Wirklich knapp war das wohl nicht, aber ich übe fleißig weiter beim nächsten Review ;-) Wenn ich irgendwann Reviews in Haiku-Länge schaffe, habe ich es wohl gepackt...

Antwort von Thomas Heinrich am 13.05.2018 | 20:11:42 Uhr
Liebe Askaja,

dann will ich mich doch gleich heute abend noch für Dein "etwas knapperes" (darüber mußte ich dann doch schmunzeln) Review bedanken und auch darauf antworten! Vielen Dank auch für den Hinweis auf das doppelte "die", das habe ich gleich korrigiert.

Die Bilder in den Gängen führen vor allem zu einem wesentlichen Thema des Kapitels hin: Macht und Verantwortung, denn gerade Tantalos und Niobe sind ja in der griechischen Mythologie durchaus Beispiele für Leute, die zunächst eine sehr exponierte Position innehatten, bevor sie durch ihre Hybris tief fielen. Natürlich gibt es noch ganz andere Beispiele, aber Nero und Caligula etwa konnte ich schlecht auftreten lassen, da meine Geschichte lange vor ihrer Zeit spielt... Mit Deinen Ahnungen bist Du übrigens schon auf der richtigen Fährte, soviel kann ich wohl ohne weiteres preisgeben.

Mit Theodoras Auftritt wird dann das Thema von Umgang mit der Macht vollends zentral (zumindest in diesem Kapitel, aber nicht nur); hier geht es eben um den verantwortungsvollen Umgang mit Macht (im scharfen Kontrast zu Gestalten wie dem berüchtigten Borgia-Papst Alexander VI., der gesagt haben soll: "Gott hat uns dieses Papsttum verliehen; laßt es uns genießen!"), und die politische Parabel, die in diesem Epos steckt, schält sich nun immer deutlicher heraus.
Der atlantische König wird dann übrigens im 11. Kapitel (also schon ziemlich bald) selbst in Erscheinung treten und eine Rede halten.

Ein wenig Romantik zwischen Telemachos und Ariane wird es übrigens auch noch geben, wenn auch in recht geringer Dosierung, da ich eigentlich kein Verfasser von Romanzen bin und dies auch sehr genau weiß. Telegonos wird auch noch mehrmals in Erscheinung treten, insbesondere wird im 12. Kapitel deutlich werden, welche Bestimmung ich mir für ihn ausgedacht habe. Ob Dir das gefallen wird, weiß ich nicht (und erwarte schon hochgespannt Dein Urteil), aber ich denke mal, daß das eine ziemliche Überraschung sein wird!
Bei den gereichten Früchten habe ich schon ein wenig aufgepaßt, da bin ich ähnlich vorgegangen wie beim "Uwain", bei dem ich immer aufpassen mußte, keine Pflanzen aus Amerika ins Epos einzubauen.
Was die "Minuten" betrifft, die Dir nicht gefallen: da haben wir einfach eine etwas andere Auffassung. Wenn es um Dialoge der Figuren ginge, fände ich die Verwendung des Worts auch unpassend. Aber wenn ich es als Erzähler für moderne Leser verwende, finde ich nichts verkehrt daran; nur weil ich ein antikes Versmaß verwende, muß ich mich ja nicht auf das antike Vokabular beschränken. Es macht dann eben schon einen Unterschied, ob ich eine meiner Figuren sprechen lasse oder selbst als Erzähler spreche.

Interviews in Haiku-Länge - interessanter Gedanke. Aber irgendwie kann ich mir das bei Dir nicht wirklich vorstellen...

Dann wünsche ich Dir auch noch einen schönen Sonntagabend und eine hoffentlich erfreuliche neue Woche.

Liebe Grüße,
Thomas
18.04.2018 | 22:25 Uhr
zu Kapitel 8
Lieber Thomas,

ich muss mich wirklich entschuldigen, dass du tatsächlich monatelange auf eines meiner Reviews zu deinem wundervollen Telemachos warten musst. Irgendwie fühle ich mich gerade bei diesem von mir so sehr geschätzten Werk jedes Mal berufen, selbst ein kleines Rückmeldungsepos zu verfassen. Nun will ich dir aber – getreu meines guten Reviewer-Vorsatzes – einfach einmal ein etwas knapperes Feedback dalassen, in der Hoffnung, dass ich vielleicht in den kommenden Tagen weiterlesen und zeitnah Rückmeldung geben kann, auch wenn ich momentan beruflich und privat sehr eingespannt bin, worunter auch mein eigenes kreatives Schaffen leidet. Aber genug davon…
Nachdem du deinen 7. Gesang mit einem Cliffhanger par excellence beendet hast, betitelst du den 8. Gesang ganz schlicht mit „Ariane“. Und so lernen wir neben Telemachos‘ Halbbruder Telegonos eine Frau namens Ariane kennen, die wohl deiner ganz eigenen Fantasie entsprungen zu sein scheint. Ihr Name weckt zumindest bei mir Assoziationen mit Ariadne, eine Figur die ich persönlich sehr schätze als alter Theseus-Sagen-Fan. Überhaupt hast du ja angekündigt, dass du in Atlantis die altbekannten Sagenpfade ein wenig verlässt und viele eigene Ideen umsetzt, was ich dir sehr hoch anrechne und mit entsprechend hohen Ansprüchen in den nachfolgenden Kapiteln zu lesen gedenke. Bei dir kann ich mir aber sicher sein, sowohl sprachlich als auch inhaltlich sehr gut aufgehoben zu sein, mein Lieber. Überhaupt kann ich dich nur immer wieder für dein dichterisches Talent loben. Für mich ist es schier unvorstellbar, dass du ein solches Werk gänzlich nach antikem Muster verfasst hast. Die Energie und Kreativität, die du in deinen „Telemachos“ hast einfließen lassen, verdient so viel mehr als den einen läppischen Stern, den ich dir vergeben kann. Schade, dass es nicht so etwas wie einen „Mega-Stern“ gibt, den man z.B. nur einmal im Monat an einen herausragenden Text vergeben kann. Ich wüsste jedenfalls, wen ich damit schon mehrfach ausgezeichnet hätte.
Aber zurück zu Ariane und dem aktuellen Gesang, schließlich wollte ich mich doch kurzfassen und schweife stattdessen schon wieder ab, wenn auch in äußerst lobende Gefilde deinerseits.
Bevor die Sprache auf diese interessante und geheimnisvolle Frauengestalt kommt, lernen wir noch mehr über Telegonos‘ Hintergundgeschichte. Der Gute scheint ja eine richtige Mischung seiner Eltern zu sein: redselig und gewitzt wie Odysseus und zauberkundig wie Kirke. Das zweite Gesicht hat der Junge ebenfalls, was ihn über sein Alter hinaus bereits recht weise und bedacht reden lässt. Dennoch wurde er von seiner Mutter nach Atlantis gesandt, um in der Heilkunst unterwiesen zu werden und da kommt nun endlich die titelgebende Dame ins Spiel. Ariane entpuppt sich nicht nur als heilkundig sondern zusätzlich als waschechte Prinzessin. Telemachos, als der junge Mann, der er nun einmal ist, erkennt nun erst die optischen Reize der schönen Heilerin und ich finde du hast ihr Äußeres wirklich ansprechend mit wundervoll poetischen Worten umschrieben. Natürlich drängt sich mir da der Verdacht einer möglichen Romanze zwischen den Königskindern auf und da ich ja eine Ader für Zwischenmenschliches in der Literatur habe, würde mich es sehr freuen, etwas Derartiges aus deiner geschätzten Feder zu lesen. Praktischerweise muss Telemachos ganze vier Wochen auf der zauberhaften Insel verweilen, bis das Heilmittel für Laertes hergestellt wurde. Wirklich clever eingefädelt, schließlich wäre es ja extrem plotschädigend, wenn der Held die Arznei mal eben in der ansässigen DocMorris-Filiale ersteht und schon am nächsten Tag munter gen Ithaka schippert. So bleibt viel mehr Zeit, die Insel und etwaige Gefühlsregungen zu erkunden. Darauf freue ich mich ganz besonders.
Dennoch braut sich da wohl ebenfalls Ungemach am Horizont zusammen, wohl in den Gestalt des Herrschers Demetrios, für den man als Leser nach deinen Schilderungen sofort eine Antipathie entwickelt, selbst wenn er noch gar nicht in persona in Erscheinung tritt. Überhaupt folgst du damit ja quasi einer antiken Sagentradition, denn die Machthaber diverser Erzählungen kommen dort zumeist herrschsüchtig, ungerecht, brutal, kurzum nie besonders gut weg. Hoffen wir, dass es unseren Helden auch in den künftigen Gesängen gut ergeht! Nun freue ich mich auf den Auftritt von Theodora, weitere Einblicke in die atlantische Lebenswelt und den ein oder anderen schönen Augenblick zwischen Ariane und Telemachos.
Ich bleibe deinem herrlichen Werk weiterhin gewogen und versuche dir bald wieder ein Review dazulassen, selbst wenn dieses hier ein weiteres Mal gegen meinen Vorsatz etwas ausgeufert ist.

Viele liebe Grüße und noch eine sonnige Frühlingswoche
Askaja

Antwort von Thomas Heinrich am 19.04.2018 | 09:13:09 Uhr
Liebe Askaja,

es ist immer wieder eine Freude, eines Deiner Reviews zu lesen, und Dein Wort "Rückemeldungsepos" hat mich gerade sehr erheitert... Übrigens kommt mein kreatives Schaffen momentan auch nicht ganz so voran, wie ich mir das wünschen würde, und das liegt leider nicht allein an mangelnder Zeit, sondern auch an manchen Ablenkungen anderer Art (das Internet trägt leider nicht gerade zur konzentrierten Schreibarbeit bei...).
Ariane ist, wie Du schon richtig vermutest, meiner eigenen Fantasie entsprungen. An Ariadne habe ich dabei weniger gedacht, der Klangähnlichkeit war ich mir natürlich bewußt, aber die empfand ich beinahe als störend. Aber mir gefiel der Name einfach (vielleicht auch, weil ich dabei an den wunderschönen Film von Billy Wilder denke, der ansonsten allerdings überhaupt nichts mit meinem Werk zu tun hat).
Deine Abschweifung in "äußerst lobende Gefilde" hat mich natürlich keineswegs gestört, da ich leider maßlos eitel bin (zumindest, wenn es um meine Werke geht); davon eine innere Haltung wie in "Mediation" auch selbst anzunehmen und so zu leben, bin ich immer noch weit entfernt - aber nun bin ich ebenfalls abgeschweift.
Telegonos ist in der Tat ganz besonders begabt, und später wird noch enthüllt werden, was für eine Zukunft vor ihm liegt - da bin übrigens schon sehr gespannt, ob Dir die Idee, die ich da hatte, zusagen wird! Wie es mit Telemachos und Ariane weitergehen wird, wirst Du ja bald selbst erfahren, da wil ich jetzt nichts vorwegnehmen. Dafür hast Du natürlich ganz richtig erkannt, daß ich einen Vorwand brauchte, um Telemachos ein wenig auf Atlantis festzuhalten, wie soll er sonst die Insel und ihre Bewohner kennenlernen? Das Heilmittel taucht ohnehin immer nur auf, wenn ich es für den Plot brauche, an sich hat mich dieser Aspekt der Geschichte nie interessiert.
Aber es braut sich in der Tat Ungemach zusammen, und der atlantische König Demetrios ist wahrhaftig ein sehr unangenehmer Charakter - er wird auch noch persönlich in Erscheinung treten (und spätestens dann wird auch ganz deutlich - vielleicht zu deutlich - werden, an was für ein reales Vorbild ich dabei gedacht habe...).

Liebe Grüße,
Thomas
13.03.2018 | 17:04 Uhr
zu Kapitel 7
Lieber Thomas,

nun hatte ich dir schon ein recht ausführliches Review geschrieben...nur um es in einem Moment der offenkundigen geistigen Umnachtung direkt wieder zu löschen. Da tippt man einmal direkt im Eingabefenster und dann sowas...Bei Zeus' Bart, in solchen Augenblicken würde ich am liebsten meinen Kopf auf die Tastatur schlagen! Aber weil du es bist und weil ich deinen Telemachos wirklich außerordentlich schätze, hab ich meinen Laptop und Schädel ganz gelassen, damit ich dir dennoch Feedback geben kann - wenngleich es nun wohl etwas verkürzter ausfallen wird, da ich mich aufgrund grippeähnlicher Symptome gleich mal in die Horizontale begeben muss. Aber genug davon!

Der Titel deines 7. Gesanges verspricht ja nun die bereits innig herbeigewünschte Ankunft auf Atlantis und ich freue mich schon sehr darauf, zu erfahren, mit welchen Ideen und Wendungen du uns dort erfreuen wirst. Du hattest ja einmal erwähnt, dass du die Handlung in Atlantis vor allem durch deine eigene Fantasie bestimmen wirst und dich weniger auf antike Quellen berufen wirst. Das gefällt mir natürlich ungemein und ich bin, wie gesagt, wirklich gespannt auf deine Einfälle.

Zunächst heißt es jedoch Abschied nehmen und irgendwie ist es traurig zu lesen, dass sich Telemachos und Askanios, die ja gerade erst zu Freunden geworden sind, schon wieder trennen müssen. Ich hege ja den etwas widersinnigen Wunsch, dass die Beiden sich noch einmal wiedersehen, aber ich kann natürlich auch verstehen, wenn das aus handlungstechnischen Gründen nicht möglich sein wird. Mir haben bei der Abschiedsszene vor allem zwei Umstände sehr gut gefallen:
1. Askanios erster Bericht über Atlantis' Reichtum und Wissenschaften (vor allem die Erwähnung des Turms ließ mich direkt an Babylon und den berühmten Turmbau denken), und 2. die Abschiedsgeschenke. Gerade bei Letzteren hatte ich einen richtigen Lothlorien-Moment und fühlte mich an Galadriels Geschenke an die Gefährten erinnert. Wirklich toll! Insbesondere die magische Nebelvase ist ein klasse Einfall und erinnerte mich sogleich an Odysseus' windiges Geschenk von Aiolos, wenngleich Sohnemann sein Geschenk wesentlich effektiver und weiser einsetzt als der Herr Papa. Ich liebe es ja, wenn man Rückbezüge zu den antiken Quellen herstellt, diese dann aber mit eigenen Ideen verwebt und so etwas Neues erschafft. Ich finde, das gelingt dir in deinem "Telemachos" immer wieder wirklich hervorragend und macht für mich, neben deinen enormen sprachlichen und dichterischen Qualitäten, den Charme und Reiz deines Epischen Gedichtes aus.
Toll dann, dass du ebenfalls Echidna erwähnst, aber eine mögliche Konfrontation mit der Mutter aller Monstren geschickt zu vermeiden weißt. Auch das schätze ich an deiner Erzählweise, nämlich dass du unnötige Handlungsstränge gerne mal gekonnt ignorierst und hier eben keine 2. Odyssee ins Leben rufen willst. Löblich dann natürlich die Erwähnung der Säulen des Herakles, so wissen geneigte mythologisch vorgebildete Geografen, dass Telemachos und seine Manne gerade die Straße von Gibraltar passieren. Clever gelöst, mein Lieber! Über deine Erwähnung der Insel der Hesperiden habe ich mich ebenfalls sehr gefreut, denn die Sage um den magischen Baum und seine Wächterinnen finde ich ausgesprochen faszinierend und werde mich dieser wohl auch noch in meinem eigenen Werk bedienen. Verortest du die Insel der Abendnymphen eher bei den Kanaren oder Kapverdischen Inseln? Da gibt es ja mehrere Interpretationsansätze.

Und dann erreichen wir also die Gestade von Atlantis. Ein weiteres Mal erwähnst du die Größe und Pracht der Insel und ich sehe schon erwartungsvoll weiteren Beschreibungen entgegen, die sicherlich in nachfolgenden Kapiteln auftauchen werden. Dann jedoch lässt du gegen Ende des Gesanges eine solche Bombe platzen, dass alle idyllischen Inselansichten und Postkartenmotive vergessen sind. Telemachos trifft seinen Halbbruder Telegonos! Damit habe ich nun so überhaupt nicht gerechnet und damit der Schock nicht nur für Telemachos etwas tiefer setzt, lässt du deine Leser an dieser Stelle sogar noch an (atlantischen) Klippen hängen. Jetzt frage ich mich natürlich, was der liebe Odysseus seiner Familie überhaupt von seinen Irrfahrten erzählt hat und ob er die Episode bei der zauberhaften Kirke in all ihrem epischen Detailreichtum geschildert hat. Penelope fände das wohl eher weniger amüsant.
Telegonos war mir als Odysseus' zweiter Sohn ein Begriff, vor allem wegen dem tragischen Ende dieser Vater-Sohn-Beziehung in manchen Varianten der Überlieferung. Allerdings scheint mir deine Handlung davon ja noch meilenweit entfernt zu sein, immerhin handelt es sich da ja noch um ein Kind, und so sehe ich bereits voller Neugier dem nächsten Kapitel entgegen und bin gespannt, wie Telemachos auf diese überraschende Familienzusammenführung reagiert. Auch frage ich mich, wer die schöne Frau in den weißen Gewändern ist. Fragen über Fragen. Es belibt spannend!

Abschließlich kann ich dich wieder einmal zu einem absolut gelungenen Kapitel beglückwünschen. Sprachlich wie zu erwarten hervorragend und auch inhaltlich sehr reizvoll! Tja, ich muss zugeben, du hast mich mit dem Niveau deiner Erzählung nun auch ganz schön verwöhnt, allerdings finde ich hierbei auch wirklich nichts zu Meckern, selbst wenn ich mir Mühe gebe. Eigentlich wollte ich mich ja nun wirklich einmal kürzer fassen, was Reviews allgemein anbelangt, aber irgendwie bringe ich das bei deinen hervorragenden Texten einfach nicht übers Herz. Du wirst es mir nachsehen, nehme ich an. Trotzdem verspreche ich, dass ich zumindest die Schlagzahl meiner Reviews ein wenig erhöhen werde, denn allein dieses Kapitel macht definitiv Lust auf mehr.

Viele liebe Grüße und eine schöne Märzwoche
Askaja

Antwort von Thomas Heinrich am 13.03.2018 | 20:34:04 Uhr
Liebe Askaja,

daß Dir ein solches Mißgeschick unterlaufen ist, ist natürlich sehr ärgerlich - aber ich kenne das noch aus der Zeit, in der ich in verschiedenen Filmforen geschrieben habe, da ist mir auch ein paar Male so etwas passiert. Daß Du erkrankt bist, lese ich erst recht nicht gern - mich hat es übrigens auch schon wieder erwischt (so langsam habe ich wirklich genug davon), zum Glück ging es mir heute schon beträchtlich besser als an den Tagen zuvor, so daß ich hoffe, bald wieder meinen Normalzustand zu erreichen.

Nun aber zum Inhalt Deines wieder ausführlichen und lobenden Reviews, für das ich mich doch erst mal bedanken will! In der Tat wird sich nicht so sehr der Stil, aber der Charakter der Geschichte nun auf Atlantis sehr stark (ich möchte fast sagen: radikal) verändern, das wird sich im nächsten Kapitel schon ankündigen und dann später ganz deutlich zu Tage treten (teilweise schon fast überdeutlich, ich denke, daß ich an manchen Stellen vielleicht hätte subtiler sein sollen - aber genug der wolkigen Andeutungen, die weiteren Kapitel sprechen für sich und ich wirklich gespannt, was Du davon halten wirst).

Zu einem Wiedersehen zwischen Telemachos und Askanios wird es im weiteren Epos in der Tat nicht mehr gekommen, so viel glaube ich vorwegnehmen zu dürfen. Daß Dich die Abschiedsgeschenke gar an Lothlorien denken ließen, schmeichelt mir doch sehr (übrigens habe ich beim Schreiben überhaupt nicht an Tolkien gedacht), da die ganze Lothlorien-Episode eine meiner liebsten im kompletten "Herrn der Ringe" ist. Die Nebelvase war dann schlichtweg ein kleiner Trick, um Echidna umgehen zu können; mein erster Entwurf hatte noch vorgesehen, die Urschlange auf der Fahrt nach Atlantis auftreten zu lassen, aber davon habe ich dann Abstand genommen. Bei der Insel der Hesperiden habe ich an Madeira gedacht - ich war zwar noch nie da, aber nach allem, was ich drüber gelesen habe, schien mir das ein passender Ort zu sein.

Besonders erfreut bin ich natürlich, daß mir der beabsichtigte Knalleffekt am Ende offenbar geglückt ist! Wie sich übrigens im weiteren Epos noch zeigen wird, habe ich zwar Telegonos als Figur aus antiken Sagen übernommen, nicht aber seinen weiteren Werdegang - da habe ich eine ganz eigene (und vielleicht ein wenig irre) Idee gehabt, die aber erst im zwölften Kapitel enthüllt wird. Mit der überraschenden Begrüßung, die Telemachos durch seinen Halbbruder erfährt, wollte ich aber auch ein wenig signalisieren: ab hier verläßt die Geschichte die homerische Welt völlig (die Hexameter bleiben natürlich)! Schon im nächsten Kapitel wird sich übrigens zeigen, daß Telegonos einige Talente von seiner Mutter geerbt hat, und die Identität der schönen Frau in den weißen Gewändern wird auch geklärt - sie ist tatsächlich eine der wichtigsten Figuren des gesamten Werks.

Dann erhol Dich gut, und ansonsten wünsche ich Dir auch noch eine schöne Woche!

Liebe Grüße,
Thomas
19.02.2018 | 18:10 Uhr
zu Kapitel 6
Lieber Thomas,

mit etwas Verzögerung bin ich wieder einmal zur Lektüre des nächsten Kapitels gekommen und eines vorneweg: Es hat mir ausnehmend gut gefallen. Lass dich also nicht täuschen, wenn mein Review heute etwas knapper ausfällt als sonst üblich; dies ist lediglich meinem akuten Zeitmangel geschuldet. Doch ich wollte dich nun nicht schon wieder wochenlang auf die Folter spannen, bis ich mich erneut zu deinem wundervollen Werk äußere.

Was den Titel anbelangt, musste ich erst ein wenig grübeln, bis mir wieder in den Sinn kam, woher ich den Namen Askanios kenne. Letztendlich wusste ich, dass er irgendetwas mit Aeneas zu tun haben muss, doch die endgültige Auflösung hast du mir dann ja mit deinem 6. Gesang beschert. So war es auch für mich spannend zu erfahren, wer sich hinter diesem wohlklingenden Namen verbirgt. Ein weiteres Mal findest du ganz herrliche und klangvolle Verse, um Telemachos weitere Reise und die Ankunft im fremden Königreich zu beschreiben. Mich würde übrigens interessieren, wo genau du Askanios' Königreich innerhalb deines Textes lokalisierst? Ich ging von Italien aus, da in einem Vers vom "italischem Meere" die Rede ist und dies nach der Passage bei Sizilien am logischsten erscheint. Überdies wäre damit ja auch die Brücke zu Aeneas' Irrfahrt geschlagen, die ja bekanntlich ebenfalls mit entsprechendem abschließendem Landgang verbunden ist.
Jedenfalls hat es mir sehr gut gefallen, dass du Telemachos an seinen verstorbenen Gefährten Hippias denken lässt und auch das Schiff nicht unbeschadet aus der gefährlichen Bekanntschaft mit Skylla und Charybdis hervorgehen lässt. Das trägt ungemein zur Glaubwürdigkeit deines poetischen Textes bei. Auch die Gestalt des Atys fand ich durchaus reizvoll. Gibt es hierfür ebenfalls eine sagenhafte Vorlage oder entspringt dieser deiner eigenen Fantasie?
Die Zeilen bzgl. der argwöhnischen Blicke, die Telemachos samt Tross von den Bewohnern der Stadt entgegengebracht werden, haben in mir ein Gefühl von Spannung und auch leichter Besorgnis ausgelöst, denn oft genug landen Helden in epischen Texten an fremden Gestaden, um weniger erfreuliche Bekanntschaft mit den dort lebenden Menschen zu machen. Da mir dein Telemachos ja nun mittlerweile doch sehr ans Herz gewachsen ist, war ich in Sorge, dass er womöglich in Gefangenschaft gerät oder am Ende einer unbekannten Gefahr gegenüberstehen wird, die er zunächst gar nicht als solche entlarven kann. Wirklich toll war zudem der Kniff, dass Telemachos sich eben nicht der Familientradition hingibt und sich einer List bedient - sich quasi als Niemand ausgibt, um mir einmal einen kleinen mythologischen Scherz zu leisten - sondern offen und ehrlich seine Identität Preis gibt und sich damit selbstredend auch angreifbar macht, schließlich ist der Name Odysseus sicherlich nicht unbekannt.
Ganz ausgzeichnet fand ich wiederum aus sprachlicher Sicht deine Beschreibung der Stadt und des Palastes. Ich fand sie sehr atmosphärisch ohne in irgendeiner Weise klischeebehaftet zu sein und deine Worte waren einmal mehr überaus geschmeidig und mit Bedacht gewählt. Du weißt ja um meine besondere Vorliebe für Umgebungs- und Landschaftsbeschreibungen, deshalb freue ich mich stets solche serviert zu bekommen, vor allem natürlich, wenn sie so gelungen klingen wie in deinem Falle, lieber Thomas. Ich komme also mal wieder nicht umhin, zu zitieren:

"Lieblich duftende Zedern säumten viele der Wege;
Auch Olivenbäume und Zypressen bemerkte
Der verständige Jüngling auf dem Weg zum Palaste.
Auf den Feldern erblickte er außerdem fleißige Bauern;
Auch auf den ferneren Weinbergen herrschte geschäftiges Treiben.
Schließlich erreichten die Griechen mit ihren strengen Begleitern
Den Palast des Königs; sie schritten durch mehrere lange
Gänge, bis sie endlich die Halle des Herrschers betraten."

Die Beschreibung und Charaktersierung von Askanios fand ich dann schlichtweg fantastisch und insbesondere der Hinweis auf dein göttliches Erbe, war dann der letzte Tipp, den ich brauchte, um ihn als Nachkomme des Aphrodite-Sohnes zu erkennen. Damit eröffnete sich dann jedoch die eigentliche Bedrohung in diesem Gesang, die dieses Mal nicht von irgendeinem mythologischen Ungeheuer ausging sondern von den Gräueltaten längst vergangener Tage, die von den eigenen Vätern verschuldet waren. Natürlich sinnt Askanios als Trojaner auf Rache, nach all dem, was die Archaier den Bewohnern Ilions und ganz besonders seinem Vater und dessen königlichen Verwandten angetan haben und dann steht da auf einmal der Sohn eben jenes listenreichen Mannes vor ihm, durch dessen regen Geist erst die Brandschatzung und Zerstörung Trojas ermöglicht wurde. Ich finde, du hast den inneren Kampf Askanios' ganz trefflich in Worte gefasst und als er sich schließlich dazu entscheidet, die Vergangenheit ruhen zu lassen und sich stattdessen in Besonnenheit und - mir fällt hier kein besserer Begriff ein - Nächstenliebe zu üben, das fand ich einen sehr edlen und irgendwie auch modernen Einfall in deinem doch sehr klassischen Text. Fast gewinnt man den Eindruck, als könnten diese beiden jungen Männer gute Freunde werden, wenn ihnen die Zeit hierfür vergönnt wäre, und es war wirklich sehr passend, dass du deinen Gesang mit dem Hinweis auf ein gemeinsames Festmahl beschließt.

Wieder einmal ein formidables Kapitel und nun blicke ich voller Vorfreude auf den nächsten Gesang, immerhin verspricht dieser ja die lange ersehnte Ankunft auf Atlantis und ich bin sehr gespannt, wie du dir dieses sagenumwobene Inselkönigreich in deiner schillernden Fantasie ausmalst. Ich erhoffe mir weitere malerisch-stimmige Beschreibungen und Eindrücke und gelobe hiermit feierlich, dass ich bemüht bin, mein nächstes Review recht zeitnah an den Mann zu bringen. Mit dem Kurz- und Zusammenfassen tue ich mich nämlich leider meist sehr schwer und ich bringe es auch einfach nicht übers Herz, dein so besonders Werk mit ein paar knappen Sätzen abzuspeisen, d.h. ich muss dich dennoch weiterhin ein bisschen auf die Folter spannen.

Viele liebe Grüße und einen schönen Abend
Askaja

Antwort von Thomas Heinrich am 22.02.2018 | 18:02:31 Uhr
Liebe Askaja,

nochmals vielen Dank für Dein "knappes" Review, das natürlich in Wirklichkeit an Länge keine Wünsche offenläßt!

Es war ja vielleicht ganz gut, daß Du bei Askanios (der uns bei Vergil sowohl als Askanius wie auch als Julus, wobei letzterer Name eigentlich der "römischere" ist, begegnet) nicht sofort klar vor Augen hattest, um wen es sich handelt, dadurch ist diese Episode sicherlich etwas spannender geworden. Natürlich spielt sich diese Begebenheit in Italien ab: da Ascanius (jetzt mal römisch geschrieben) in der Mythologie als Gründer von Alba Longe gilt, habe ich gedanklich auch dort den Schauplatz dieser Episode angesetzt, ohne dies direkt zu erwähnen. Jedenfalls gehörte die Begegnung der beiden Söhne berühmter (aber bei den jeweiligen Gegnern eben auch berüchtigter) Väter schon früh zu meinem Konzept und war mir so wichtig, daß ich deshalb Telemachos und seine Gefährten völlig gegen meine ursprüngliche Absicht mit Skylla und Charybdis konfrontiert habe, um dieses Kapitel (übrigens das längste im Epos!) ausreichend zu motivieren.
Atys wird bei Vergil erwähnt, allerdings steht im fünften Gesang nur (in einer Passage, die aufzählenden Charakter hat):

"Atys hierauf, von dem die latinischen Atier stammen,
Atys, der kleine Knabe, geliebt von dem Knaben Julus."

Mehr erfährt man über Atys dann auch nicht (es sei denn, das Personenregister wäre lückenhaft); mir schien jedenfalls dieser mittlerweile ebenfalls zum jungen Mann herangereifte Freund genau der richtige zu sein, um an dieser Stelle in Erscheinung zu treten.
Daß sich Telemachos für die Wahrheit entscheidet, hat letztlich zwei Gründe: zum einen wäre es mir ein wenig langweilig erschienen, hier einfach dem "Strickmuster" der "Odyssee" zu folgen, der andere war rhetorischer Natur, ich wollte durch das von den Trojanern mehrfach wiederholte "Sohn des berühmten Odysseus" die Spannung steigern (wobei ich ein wenig an Marc Antons "Brutus ist ein ehrenwerter Mann" dachte).
In der von Dir zitierten Passage wäre mir übrigens beinahe ein ziemlicher Lapsus unterlaufen, denn da hatte ich zunächst was von Zitronenbäumen geschrieben, aber vorsichthalber nochmal etwas recherchiert, und in der Tat dürfte es zu dieser Zeit noch keine Zitrusfrüchte in Italien gegeben haben. (Sicher: mit historischer Wirklichkeit hat die ganze Geschichte ohnehin nichts zu tun, aber ich finde, man sollte trotzdem nicht an Stellen unrichtig sein, an denen gar keine Notwendigkeit vorliegt, da folge ich ganz der "Poetik" des Aristoteles - so habe ich auch schon beim "Uwain" immer geprüft, welche Pflanzen ich dort erwähnen konnte, und welche nicht, weil sie aus Amerika kommen.)
Wichtig in Askanios' Rede ist dann der Hinweis auf die Achämenides-Episode bei Vergil, die mir persönlich immer sehr gut gefallen hat und wohl auch dieses Kapitel überhaupt inspiriert hat. Eigentlich hatte ich sogar Achämenides selbst auftreten lassen wollen, schaffte es aber nicht, einen solchen Auftritt überzeugend zu integrieren und habe schließlich doch darauf verzichtet.

Damit habe ich wohl das wesentliche zu Deinem lieben Review gesagt und harre nun Deiner Meinung zu den späteren, den atlantischen Kapiteln - mit großer Neugier, aber auch ziemlicher Unruhe (was den Stil betrifft, mache ich mir da wenig Sorgen, aber ich weiß eben nicht, wie die weitere Entwicklung der Geschichte Dir dann gefallen wird...).

Dann wünsche ich Dir einen schönen Abend!

Liebe Grüße,
Thomas
14.01.2018 | 23:08 Uhr
zu Kapitel 5
Lieber Thomas,

nun habe ich mich doch dazu entschlossen, den 5. Gesang deines Telemachos schon am heutigen Abend zu lesen und ebenfalls zu kommentieren. Nach längerer Abstinenz habe ich direkt wieder in dein Werk mit dieser wundervoll-poetischen Sprache hineingefunden und bin nach wie vor hellauf begeistert von der Rhythmik und Sprachgewandtheit deines Epischen Gedichtes.

Der Titel „Trinakrische Fluten“ rief in mir bereits die Befürchtung wach, dass Telemachos und seine Gefährten es in diesem Kapitel mit den beiden berühmtesten Meeresungeheuern der griechischen Mythologie zu tun bekommen, denn die Skylla und die Charybdis lauern ja nach antiken Vorstellungen bekanntlich in der Straße von Messina zwischen Italien und Sizilien, dessen alter Name „Trinacria“ lautet. Doch bevor die beiden Monstren ihren Auftritt haben, künden Wolken von der Ankunft eines Sturmes. Diese Naturgewalt hast du ganz trefflich in Worte gegossen. Vor allem folgende Passage hat mir besonders gut gefallen, denn ich selbst schätze es sehr, wenn man Naturphänomene mit bildhaften Vergleichen umschreibt und so für den Leser lebendig und greifbar gestaltet:

„Während des folgenden Tages bedeckte sich langsam der Himmel;
Wolken türmten sich auf und verschlangen schließlich die Sonne,
Bildeten schwarze Gebirge und andere dunkle Gestalten.“

Die Gewalt des Sturms hast du dann ebenfalls überzeugend in deine geschmeidigen Verse gekleidet und auch die Unsterblichen fanden in diesem Zusammenhang erneut Erwähnung. Gut gefallen hat mir das Streitgespräch zwischen Hippias, dem Zweifler, und Telemachos und dass dieses nicht in einer Meuterei zu denkbar unpassendstem Zeitpunkt, sondern einer Versöhnungsgeste der jungen Männer mündet.
Im Anschluss folgt dann der zuvor bereits gefürchtete Auftritt von Skylla und Charybdis. Hier gefällt mir natürlich der kleine Querverweis auf die Odyssee, denn nach seinem Vater muss nun Telemachos diese gefährlichen Fluten durchschiffen, zwischen zwei schrecklichen Verhängnissen gefangen mit der sprichwörtlichen Wahl zwischen Pest oder Cholera. Mir gefällt es, dass er versucht, beiden Gräuel zu entgehen und vor allem hast du selbst in der Beschreibung dieses Abenteuers eine gefährliche literarische Klippe umschifft, denn fast schon habe ich für einen kurzen Moment befürchtet, dass Telemachos in bester Gary Stu-Manier das vollbringt, was seinem berühmten Erzeuger nicht gelang und unbeschadet beiden Übeln entgeht. Doch dann kam die Szene, in der sein Heldenmut ihn beinahe selbst das Leben kostet und er nur durch Hippias Hilfe dem Schlund der Charybdis entgehen kann. Damit rettest du Telemachos vor dem Dasein als Gary Stu und zugleich schaffst du einen kleinen Redemption-Arc für den Zauderer Hippias, der bei seiner Rettungsaktion selbst das Leben lassen muss. Wirklich hervorragend gelöst, mein Lieber! Damit hast du mich dann wirklich sehr positiv überrascht und insgesamt hat mir dieser gegen Ende sehr action-lastige Gesang sehr gut gefallen. Ein wenig bin ich dann über das Wort „Sekunden“ in nachfolgendem Vers gestolpert:

„Schon Sekunden später war er für immer verschwunden.
Doch das Schiff der Achäer war der Charybdis entkommen;
Langsam entschwanden die Felsen dem Blick der jungen Gefährten.“

Zu deiner sonst sehr altertümlichen und poetischen Sprache in deinem „Telemachos“ passt eine Zeitangabe in so modernen Minuten und Sekunden natürlich nicht so recht. Ich könnte mir aber vorstellen, dass du das dreisilbige Wort gewählt hast, um den Versfuß zu wahren. Falls dem so ist, kann ich über die zugegebenermaßen sehr kleine Unstimmigkeit gerne hinwegsehen. Ansonsten hätte mir eher eine Formulierung wie „binnen eines Augenblicks/ Herzschlags“ o.ä. besser gefallen. Aber diese winzige Kritik ist in deinem Falle ja ohnehin einmal mehr Meckern auf ganz hohem Niveau und soll meine Bewunderung für diesen Text nicht im Geringsten schmälern.

Dann fand ich es auch sehr interessant, dass du Skylla als „bellend“ bezeichnet hast, denn ich konnte mich daran erinnern, dass diesem Wesen Hundeköpfe oder gar Hundeleiber zugesprochen wurden. Bei einer kurzen Recherche hat sich mein Verdacht dann bestätigt und mit Freude habe ich festgestellt, dass du die Ausführungen von Ovid in deinem Text berücksichtigst, nach dem die Skylla über sechs Hundemäuler verfügt, mit denen sie sechs Mann auf einmal verschlingen kann. Wirklich richtig, richtig gut! Man merkt gerade an solchen Details, dass du deine Hausaufgaben gemacht hast, lieber Thomas. Kompliment und Chapeau für so viel Detailreichtum und Mühe!
Toll finde ich es, wie du am Ende Telemachos‘ Trauer und Verletzlichkeit beim Verlust seines Kameraden schilderst, die du wieder einmal in sehr schöne Verse eingewoben hast. Vor allem die Formulierung der „entstürzenden Tränen“ fand ich absolut gelungen:

„Hippias, lieber Gefährte, vergib mir die zürnenden Worte!
In der größten Gefahr hast du dich als tapfer erwiesen;
Hätte statt deiner doch mich der reißende Strudel verschlungen!
Während der Erdentage, die mir die Götter gewähren,
Werde ich immer in tiefer Dankbarkeit deiner gedenken.“
Nach dem Worten des Abschieds versagte dem Jüngling die Stimme,
Und Telemachos' Augen entstürzten bittere Tränen.“

Lieber Thomas, erneut ein herrlicher Gesang, bei dem mir vor allem die Naturschilderungen und psychologischen Aspekte bzw. der aufblitzende Konflikt zwischen Telemachos und Hippias gefallen haben. Absolutes Highlight war dann die Fahrt durch die trinakrischen Fluten und ich finde, du hast diese Szene mit Bravour gemeistert und ihr noch eine ganz eigene Note verliehen.
Wie immer bin ich schon gespannt, was mich im nachfolgenden Gesang wohl erwarten mag, doch nachdem Telemachos und Co. sogar der schrecklichen Skylla und der gefräßigen Charybdis entkommen sind, hoffe ich auf gute Winde für ihrer Weiterfahrt nach Atlantis.

Ich bleibe deinem wunderbaren Werk natürlich gewogen und denke, dass wir uns bald wieder lesen – dann beim nunmehr 6. Gesang. Ich wünsche dir noch einen schönen Abend und einen angenehmen Wochenstart.

Liebe Grüße
Askaja

Antwort von Thomas Heinrich am 15.01.2018 | 18:24:19 Uhr
Liebe Askaja,

wie immer ist es eine Freude, auf eines Deiner umfassenden Reviews antworten zu können - das Beantworten so freundlicher und ausführlicher Reviews gehört für mich zu den schönsten Autorentätigkeiten (weshalb ich auch nicht so richtig verstehe, warum manche Autoren genau dies nicht tun, aber das Thema haben wir ja schon besprochen).
Diesmal hast Du ja wirklich eine ziemlich lange Lesepause bei meiner Atlantis-Dichtung eingelegt, was mich manchmal doch ganz schön auf die Folter spannt, weil ich mich ja schon seit Monaten frage, wie Dir wohl die Kapitel auf Atlantis selbst gefallen werden...

Nun aber erst mal zu den trinakrischen Fluten: eigentlich hatte ich gar nicht vor, Skylla und Charybdis überhaupt in mein Werk einzubauen, aber da mir die im nächsten Kapitel erzählte Episode sehr wichtig war und ich andererseits den geographischen Angaben Vergils folgte, kam ich um die beiden Ungeheuer einfach nicht herum. Ich habe sie im Grunde genommen völlig gegen meine ursprüngliche Absicht in mein kleines Epos integriert.
Daß Dir die Schilderung des Sturms gefiel, freut mich natürlich: auch dies war eine gewisse Herausforderung, da ich hier ein wenig an meinen eigenen "Nachtsturm" dachte, wobei durch das ganz andere Metrum der Gefahr, mich einfach zu wiederholen, schon teilweise vorgebeugt war. Trotzdem war auch dies eine Herausforderung.
Daß inmitten eines solchen Sturms dann schon mal jemand einen Moment lang die Nerven verliert, erschien mir als einfach nur menschlich, und ich hätte es als geradezu unnatürlich empfunden, wenn alle völlig gelassen geblieben wären. Außerdem habe ich Hippias Argumente in den Mund gelegt, die mir selbst zwischenzeitlich in den Sinn gekommen waren: als ich mit dem Epos anfing, war mir nämlich gar nicht mehr bewußt, wie überaus greisenhaft Laertes in der "Odyssee" geschildert wird - das wurde mir erst bei der Lektüre wieder bewußt, und da kam mir selbst in den Sinn: warum eine so gefährliche Fahrt wagen, um das Leben eines ohnehin sehr alten Mannes noch mal etwas zu verlängern? (Wobei natürlich das Heilmittel für Laertes ohnehin nur ein Macguffin ist, den ich brauchte, um die Geschichte in Gang zu bringen.) Eigentlich wäre es weitaus überzeugender gewesen, Odysseus selbst an dem seltsamen Fieber erkranken zu lassen, was mir bei der Niederschrift ungefähr zu der Zeit, als dieses Kapitel entstand, auch klar wurde - aber ich hatte einfach keine Lust, alles noch mal umzuschreiben.
Daß Telemachos völlig unbeschadet einen Weg zwischen den beiden Monstern findet, wäre auch mir zu viel gewesen, aber ich wollte schon die Gelegenheit nutzen, ihn mal aus dem Schatten seines Vaters heraustreten zu lassen (und so zugleich auch Nestor ein wenig zu widerlegen, der immer behauptet, daß Söhne nie an ihre Väter heranreichen). Daß Telemachos' Rettung gerade durch Hippias erfolgt, hatte auch den Grund, daß ich letzterem, der ja überhaupt nur in diesem Kapitel in Erscheinung tritt, einen würdigen Abgang verschaffen wollte.
Die von Dir etwas beanstandeten "Sekunden" waren, glaube ich, durchaus bewußt gewählt, weil ich fand, daß dieses Wort am besten verdeutlicht, wie schnell das ganze geht. (Einzelne Wörter, die stilistisch aus dem Rahmen fallen, sind bei mir ohnehin immer mal drin, roseta etwa war im "Uwain" aufgefallen, daß ich dort jemanden als "mittelblond" beschrieb).
Die "bellende Skylla" habe ich übrigens wörtlich aus der Voßschen Homer-Übersetzung übernommen.

Schön jedenfalls, daß Dich auch das fünfte Kapitel (oder eben der fünfte Gesang) überzeugen konnte. Zwei Dinge kann ich ja ruhig schon verraten: am Ende des siebenten Kapitels werden die jungen Griechen Atlantis erreichen, und dort erwartet Telemachos erst mal eine faustdicke Überraschung (für ihn ist es auf jeden Fall eine...).
Und dann geht es in gewisser Weise erst richtig los, denn die Reise nach Atlantis ist ja in erster Linie Hommage an Homer, Vergil und Ovid. Der Atlantis-Teil ist dagegen meine völlig eigenständige Schöpfung.

Vielen Dank noch mal für Dein Review und natürlich wünsche ich Dir eine angenehme Woche!

Liebe Grüße,
Thomas
01.10.2017 | 22:17 Uhr
zu Kapitel 4
Hallo lieber Thomas,

nach einer gefühlten Ewigkeit habe ich heute endlich wieder die Zeit und Muße gefunden bei deinem „Telemachos“ vorbeizuschauen. Hier steht ja nun der vierte Gesang auf meinem Leseprogramm und da versprach ja bereits der Titel „Die Harpyien“ eine spannende Begegnung mit den geflügelten Plagegeistern.

Mir gefällt die Anspielung auf die Argonautensage gleich zu Beginn außerordentlich gut, immerhin sind Jason und seine Gefährten ja ebenfalls mit einem Schiff unterwegs und haben allerlei Abenteuer zu bestehen, bis sie das Goldene Vlies erreichen. Auch Telemachos‘ Ansprache fand ich sehr passend, dabei zeigt sich einmal mehr die selbstlose Ader von Odysseus‘ Sohn, was ihm direkt mehr Charaktertiefe in den Augen des Lesers verleiht und ihn überdies als sympathischen jungen Mann erscheinen lässt. Allerdings habe ich mich bei der Lektüre gefragt, ob er nicht besser im Hafen von Pylos seine kleine Rede gehalten hätte, dann wäre im Falle eines Rückziehers von Seiten einzelner Mannschaftsmitglieder dem Schiff eine Umkehr erspart geblieben. Vielleicht sind Telemachos und seine Mannen aber auch noch gar nicht allzu weit geschippert, dann wäre ein Zurückrudern wohl weniger umständlich, nehme ich an. ;-)

Mit Perikles stellst du uns sodann einen Burschen aus der Besatzung vor und verleihst diesem Kollektiv mit seiner beherzten Antwort eine eigene Stimme, was ich dir hochanrechne. Meist spielen bei solchen heroischen Unternehmungen die Wegbegleiter eine eher untergeordnete, namenlose Rolle, deshalb ist es schön und löblich, dass uns mit Perikles ein Mensch aus Fleisch und Blut und kein bloßer Statist geliefert wird. Übrigens mag ich die Namenswahl ebenfalls und vielleicht hat der Gute ja die ein oder andere Qualität des athenischen Staatsmannes, die Telemachos noch nützlich sein kann.

Telemachos‘ wundervoll bildliche Sprache in seiner Antwort hat es mir besonders angetan und ich mag das Bild des trockenen Reisigs, der auf ein Neues entflammt, als Parallele zum erloschenen und neu befeuerten Mut. Überhaupt ist diese Anleihe an die bäuerliche Lebenswelt gut gewählt, denn Odysseus war sich ebenfalls nie zu schade, in seinem Königreich selbst Hand an den Pflug zu legen und verkehrte ja auch mit Menschen aus dem niederen Volk wie dem Schweinehirten Eumelos. Da ist es nur logisch, dass sein Sohn ebenfalls keine Berührungsängste in dieser Hinsicht hat und in entsprechenden Bildern spricht.

In der Gestalt von Polybios begegnet uns ein weiteres sehr junges Besatzungsmitglied, das sich wünscht mehr über die Argonauten zu erfahren. Wirklich clever, die wohl ansonsten etwas ereignislose Schifffahrt mit einer Geschichte bzw. einem Lied aufzulockern. Du lässt sie auch noch im Stile der Rhapsoden von einem Sänger namens Lysander vortragen, eine ausgezeichnete Idee, lieber Thomas. Einige der bekanntesten Argonauten nennst du in Folge dessen sogar namentlich. Besonders gefällt es mir, dass du die Dioskuren erwähnst. Mit Kastor und Polydeukes werde ich mich ebenfalls noch in einem Gedicht meiner Stygischen Lieder beschäftigen, dies aber nur am Rande. Leider konntest du Orpheus und Atalante nicht mehr unterbringen, diese beiden Argonauten haben es mir persönlich ganz besonders angetan, wobei ja von den Quellen immer unterschiedliche Teilnehmer am Argonautenzug benannt werden. Leider wird Lysanders Gesang ja von dem Kreischen der Harpyien unterbrochen, die in der Folge ihren grausigen Auftritt haben. Die sich entwickelnden Kampfhandlungen hast du erneut sehr lebhaft und bildlich beschrieben. Besonders gefielen mir hierbei der „Pesthauch“ und die „stygischen Vögel“. Glücklicherweise können unsere Helden diese Gefahr bezwingen und den Harpyien entfliehen, angekratzt aber wohlauf.

Lieber Thomas, wieder ein gelungener Gesang aus deiner geschätzten virtuellen Feder. Ich freue mich schon auf die nachfolgenden Kapitel und melde mich dann gerne wieder mit einem kleinen Kommentar.

Viele liebe Grüße und einen schönen Sonntagabend noch
Askaja

Antwort von Thomas Heinrich am 01.10.2017 | 22:54:13 Uhr
Liebe Askaja,

diesmal mußte ich ja eine Weile auf eines Deiner äußerst qualifizierten Reviews warten, aber immerhin hat sich das Warten dann auch wieder einmal gelohnt. Vielen Dank erst einmal für Deine umfassenden Anmerkungen!

Die Argonauten habe ich hauptsächlich deshalb untergebracht, weil mir die Idee gefiel, daß die Harpyien (die ja auch in der Argonautensage schon vorkommen) gerade in dem Moment über Telemachos und seine Gefährten herfallen, in dem sie im Lied erwähnt werden. Mit dem Einwand, daß es sinnvoller gewesen wäre, wenn Telemachos schon im Hafen seine kleine Rede gehalten hätte, hast Du natürlich prinzipiell recht, aber Telemachos hatte es zunächst einmal eilig, Nestors Gastfreundschaft zu entkommen, die ein wenig lästig sein kann, wenn man es vergleichsweise eilig hat. Und in der Tat wäre der Umweg im Fall der Fälle nicht so groß gewesen. Mir ging es vor allem darum, daß Telemachos, ein wenig erschrocken darüber, wie schwierig sich die weitere Fahrt gestalten wird, seinen Begleitern erst einmal ein faires Angebot macht, sich daran nicht zu beteiligen.

Ansonsten war es mir auch wichtig, von den zahlreichen Begleitern zumindest einige etwas hervorzuheben. Die Wahl der Namen war übrigens recht schwierig, ich wollte möglichst solche Namen vermeiden, die in der griechischen Mythologie bereits "besetzt" sind, weiterhin sollten sie wirklich griechisch klingen und mit Blick auf das Metrum mußte ich natürlich auch wissen, welche Silbe eigentlich betont wird. Ich habe dann einfach im Lexikon herumgeblättert und dort die passenden Namen gefunden. Vor allem Polybios hat auch in den späteren Kapiteln auf Atlantis selbst einige Auftritte.

Die Beschreibung der Harpyien selbst hat Vergil einiges zu verdanken (an den ich daher auch das Lob für den "Pesthauch" und die "stygischen Vögel" weiterreichen muß, denn diese oder zumindest sehr ähnliche Bezeichnungen finden sich schon in der "Äneis"). Ohnehin mag ich die erste Hälfte der "Äneis" ausgesprochen gern (während mich die zweite Hälfte, die in Italien spielt, nicht ganz so anspricht).
Bei der Schilderung der "startbereiten" Harpyien wurde ich aber auch noch von einem ganz anderen Vorbild inspiriert, da hatte ich einige Szenen aus einem der größten Filme der Welt vor Augen, Hitchcocks DIE VÖGEL. Da gibt es so einen besonders bedrohlichen Moment, in dem etliche Vögel auf einem Gestänge sitzen; an dieses Bild habe ich (ein wenig zumindest) beim Schreiben gedacht.

Dann bin ich schon mal äußerst gespannt, wie Dir die weiteren Kapitel gefallen werden, insbesondere die, die auf Atlantis selbst spielen. Da nimmt das Werk nämlich einen ganz anderen Charakter an... Aber da übe ich mich erst einmal in Geduld und wünsche Dir einen angenehmen Start in die nächste Woche.

Liebe Grüße,
Thomas
02.08.2017 | 22:37 Uhr
zu Kapitel 3
Lieber Thomas,

nun komme ich dazu, den nunmehr 3. Gesang deines Telemachos zu kommentieren, der mir wirklich außerordentlich gut gefallen hat.

Auf stilistische Merkmale will ich dieses Mal weniger eingehen, denn noch immer lassen sich deine Hexameter ganz vortrefflich lesen und sie tragen zur Wirkung deines Textes ungemein bei, ja, fast schon bin ich versucht einmal mehr die „Odyssee“ zu lesen, je länger ich dein Werk hier begleite.

Eine Sache ist mir aber doch aufgefallen, zu der ich mich noch nicht geäußert habe, nämlich den Titel deines Werkes: Telemachos auf Atlantis, so schlicht das Ganze im ersten Moment wirken mag, ist mir jetzt erst in den Sinn gekommen, dass du hier womöglich eine kleine Hommage an unseren klassischen Dichterfürsten eingebaut hast. So erinnert mich dein Titel nämlich an „Iphigenie auf Tauris“, was natürlich auch absoluter Zufall sein kann und ich überinterpretiere hier dementsprechend deine Intention. Auf jeden Fall ist der Titel deines Werkes gut gewählt und stimmig, literarisches Vorbild hin oder her, das wollte ich nur noch einmal gesagt haben.

Nun aber zum Inhalt des 3. Gesanges, der mir wie eingangs erwähnt, ganz besonders zugesagt hat, denn hier fütterst du bzw. der weise Nestor den Leser mit so vielen mythologischen Bezügen, dass ich ganz begeistert und verzaubert war. Vor allem gefällt mir, dass du die größten Heroen der griechischen Sagenwelt samt ihrer Heldentaten durch Nestor heraufbeschwören lässt: Theseus, der Bezwinger des Minotaurus (auf dein angekündigtes Werk bzgl. dieses Helden warte ich bereits jetzt schon ganz sehnsüchtig), Perseus, der das Haupt der Medusa abgeschlagen hat (mein heimlicher Star innerhalb der griechischen Heldenriege, zusammen mit dem zumeist unterschätzten Diomedes), aber auch Herakles (großes Lob, dass du hier die griechische Namensvariante verwendet hast, aber nichts Anderes habe ich von dir erwartet!). Es war ein wahrer Genuss, zu lesen, wie du diese bekannten Sagen so clever und schön in deinen Erzählfluss eingeflochten hast. Das steigert die Bildhaftigkeit deiner Dialoge ungemein, kein leichtes Unterfangen bei den stilistischen Vorgaben durch den Hexameter. Nur über den „rüstigen Greis“ musste ich ehrlich gesagt etwas schmunzeln, denn ich fühlte mich an den vielbeschworenen „rüstigen Rentner“ erinnert, wenngleich du diese Umschreibung sicherlich aus formalen Gründen gewählt hast und nicht ständig das Adjektiv „weise“ verwenden wolltest – so zumindest meine Vermutung. Das Wort selbst hat ja bereits einen althochdeutschen Ursprung, ist somit rein sprachlich wohl sogar treffend gewählt, doch ich kam dennoch kurz ins Stocken.

Darüber hinaus gefallen mir die Anklänge an die Odyssee bzgl. diverser Gefahren, die auf dem Seeweg gen Atlantis auf Telemachos und seine Getreuen warten, ausnehmend gut. Zunächst der kurze Abstecher zu Odysseus Abenteuern bei den Kyklopen und den Lotophagen, dann Telemachos künftige Herausforderungen: die Harpyien, Echidna (die Mutter unzähliger Monstren) und die Hesperiden, die Hüterinnen der goldenen Äpfel der Unsterblichkeit. Ich bin gespannt, welchen dieser Gefahren und Abenteuer Telemachos ins Auge sehen muss in den nachfolgenden Gesängen. Überdies bin ich begeistert von der aufgezeigten Reiseroute, bei der du dich wohl auf antike Schriften stützt, nehme ich an. Ich meine mich zu entsinnen, Platon war der erste, der dieses mythische Inselkönigreich erwähnt hat, aber selbst in der Antike war man sich über die Lage oder Existenz dieser sagenumwobenen Insel nicht einig. Da du die Säulen des Herakles erwähnst und von einer Fahrt gen Westen sprichst, gehe ich davon aus, dass du Atlantis im Bereich der Kanaren bzw. der Kapverdischen Inseln lokalisieren wirst, denn dort vermutet man die Insel der Hesperiden, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. Auch sehr schön, wie du hier Nestor die Rolle der Kirke andichtest, die Odysseus bei seiner Abreise vor ähnlichen Gefahren gewarnt hat.Überhaupt bin ich sehr gespannt auf deine Beschreibung von Atlantis und seinen Bewohnern. Aber zunächst gilt es für Odysseus‘ Sohn weitere Prüfungen und Hindernisse zu überwinden und ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Gesang, der – ja, ich habe es bereits gesehen und mich selbst „gespoilert“, wie man Neudeutsch sagt – eine Begegnung mit den Harpyien verspricht.

Wieder ein sehr gutes Kapitel, lieber Thomas! Man merkt beim Lesen wirklich, wie sehr du langsam selbst in dein eigenes Werk eintauchst und es ist eine Freude, mit dir gemeinsam diese Reise in die griechische Sagenwelt zu unternehmen. Wie schade, dass man hier immer nur ein Sternchen vergeben kann, dein Telemachos hätte wahrlich mehr als diese eine Empfehlung verdient, die ich bereits zu Beginn ausgesprochen habe.

Liebe Grüße und einen schönen Abend wünsch ich dir!
Askaja

Antwort von Thomas Heinrich am 03.08.2017 | 06:37:13 Uhr
Liebe Askaja,

solches Lob freut mich natürlich sehr! Eine Goethe-Hommage hatte ich bei dem Titel eigentlich nicht im Sinn, dieser Eindruck entsteht dann wohl eher von selbst, ohne daß entsprechende Absichten dahinter stecken.

Nestors Rede war für mich natürlich ein willkommener Anlaß, ein paar Bezüge auf andere Sagen einzubauen - und auch bei Homer und bei Ovid neigt Nestor ein wenig zur Weitschweifigkeit und vertritt die Auffassung, daß früher alles besser war. Insofern habe ich ihn auch mit ein klein wenig Ironie gezeichnet (die man bei Homer nicht findet, bei Ovid schon ein wenig); eine ähnliche Stelle gibt es im zweiten Gesang meines "Uwain", wo Merlin dem Titelhelden auch auf eine Frage eine sehr umfassende und etwas weitschweifende Antwort gibt. Daher ist auch Peisistratos' dezentes Eingreifen wichtig: wenn er nicht das Wort ergriffen hätte, hätte Nestor sicher noch viel länger von den alten Heroen erzählt... Übrigens war es auch gut, daß ich vorher noch mal in den Ovid reingeschaut habe (in der Ilias wird es auch erwähnt, aber die habe ich schon ewig nicht mehr gelesen), denn ich wußte gar nicht mehr, daß Herakles Nestors Brüder umgebracht hat, und daher mußte seine Rede natürlich daran angepaßt werden - deshalb rühmt er auch Perseus besonders und nicht etwa Herakles. (Das Minotaurus-Gedicht wird aber noch ziemlich lange auf sich warten lassen, da ich schon bald weniger Zeit zum Schreiben haben werde, dies nur nebenbei!)
Bei der Reiseroute habe ich mich zum Teil an Vergil orientiert (viel mehr als an Homer, dessen Angaben höchst diffus sind) und zum Teil habe ich die mythologischen Orte auch einfach dort untergebracht, wo es am besten mit meinen Absichten zusammenpaßte. Um das ganze etwas geheimnisvoller erscheinen zu lassen, habe ich so viele alte Namen und Bezeichnungen wie möglich verwendet. Nüchtern betrachte wäre in meiner Version Madeira die Insel der Hesperiden (die bei der Fahrt keine große Rolle spielen wird), und Atlantis selbst liegt dann im Bereich der Kanaren.

Ich habe jetzt gerade wieder ein Kapitel hochgeladen und nun immerhin nach großen Anstrengungen Atlantis erreicht - wobei den guten Telemachos gleich bei seiner Ankunft (also am Ende des neuen Kapitels) eine faustdicke Überraschung erwartet...

Ich bedanke mich nochmals für Dein gewohnt ausführliches Review und wünsche Dir noch einen schönen Tag!

Liebe Grüße,
Thomas
12.07.2017 | 18:10 Uhr
zu Kapitel 2
Lieber Thomas,

mittlerweile ist schon der 4. Gesang deines Telemachos hochgeladen, höchste Zeit also für ein Review meinerseits, da ich nun auch den zweiten Gesang mit Begeisterung gelesen habe. Bitte sehe es mir nach, wenn meine Rückmeldungen manchmal etwas auf sich warten lassen. Dein Werk habe ich ganz sicher nicht vergessen, allerdings fehlt mir neben dem Schreiben meiner eigenen Texte häufig die Zeit und ich gebe nur ungern halbgare Reviews ab.

Was den poetischen Aspekt deines Werkes anbelangt, bin ich wieder einmal beeindruckt, wie gut du doch den Hexameter zu meistern verstehst. Vor allem will ich an dieser Stelle die äußert gelungene Einbettung der wörtlichen Rede innerhalb dieses Versmaßes loben, denn trotz des recht strengen stilistischen Gerüsts klingt dein Text niemals gestelzt, sondern wirkt auf mich vielmehr wie ein natürlich gewachsenes Gesamtwerk. Wirklich schön. Chapeau!

Einige Formulierungen haben es mir dabei besonders angetan, wie z.B. „sorgendurchtränkte Gedanken“ oder „der im Leiden erprobte Odysseus“. Vor allem deine Bezugnahme auf den Kampf gegen die Freier und die damit einhergehende Entwicklung bzw. den Reifeprozess des Telemachos zum Mann fand ich in diesem Kapitel/ Gesang sehr schön in den Text eingearbeitet. Penelopes Vergleich zwischen ihrem Sohn und einem Schmetterling, der seine Flügel zum ersten Mal entfaltet, hat mir übrigens ebenfalls ausgesprochen gut gefallen – ein sehr treffendes, schönes Bild.
Dass Odysseus zunächst in Erwägung zieht, sich selbst einmal mehr in dieses Abenteuer zu stürzen, nachdem sein Sohn von seinen Traumerlebnissen und den Worten der Göttin Pallas Athene berichtet hat, passt sehr gut zum Charakter dieses tapferen Helden. Allerdings spricht es auch für die Intelligenz dieses erfahrenen Königs, dass er ebenso für den Ratschlag seiner Gattin nicht taub ist und auf das Urteil seines Sohnes vertraut, wenn dieser erklärt, dass es seine und nur seine Aufgabe sein soll nach Atlantis zu segeln, um dort ein Heilmittel für seinen Großvater Laertes zu finden.

Nun bin ich gespannt, welche Abenteuer und Prüfungen Telemachos und seine Gefährten auf ihrer Reise gen Pylos bestehen müssen und freue mich schon auf die Lektüre der nächsten Gesänge. Gerne lasse ich dir dann wieder eine Rückmeldung da, denn diese hat dein wundervoller Text definitiv verdient.

Leider fallen die Reviewzahlen im Bereich „Freie Arbeiten“ meist etwas mau aus und ich finde es sehr schade, dass sich bisher noch niemand außer mir zu deinem tollen Werk geäußert hat. Allerdings hat sich ja mittlerweile ein zweites Sternchen zu diesem Text hinzugesellt, worüber ich mich herzlich für dich gefreut habe. Ich jedenfalls kann dein Werk nur wärmstens weiterempfehlen, weil deine Verse trotz ihres klassischen Gewandes sehr frisch und lebendig daherkommen und man dem Text anmerkt, dass hier jemand mit Herzblut am Werke war. Herzlichen Dank deshalb, dass du deinen Telemachos in diesem Archiv mit uns teilst.

Liebe Grüße und noch einen schönen verregneten Mittwochabend
Askaja

Antwort von Thomas Heinrich am 12.07.2017 | 19:30:42 Uhr
Liebe Askaja,

zunächst einmal vielen Dank für Dein ebenso freundliches wie umfassendes Review! Wie Du ja sehr treffend anmerkst, wird man in dieser Beziehung insbesondere im Bereich der freien Arbeiten nicht gerade verwöhnt (zu manchem meiner Werke hat sich bisher überhaupt noch niemand geäußert).

Wenn Du meinen Umgang mit dem Hexameter lobend herausstreichst: da wundere ich mich selbst ein wenig, denn wie ich ja schon mal erwähnt hatte, ist bei meinen früheren Versuchen, dieses Metrum zu verwenden, nie etwas brauchbares herausgekommen. Mittlerweile komme ich aber recht gut damit zurecht.

Eltern tun sich ja immer ein wenig schwer damit, ihre Kinder als voll ausgereifte Erwachsene zu sehen, und da ist Odysseus eben auch keine Ausnahme - noch dazu macht er ohnehin am liebsten alles selbst, und daher muß er zunächst überzeugt werden, daß es tatsächlich besser ist, wenn er diesmal zu Hause bleibt; aber er sieht es dann auch ein.

Auf der Reise nach Pylos passiert eigentlich nichts (die wird ja sogar bei Homer, der ansonsten ja viel, viel ausführlicher erzählt als ich - da ich gerade die "Odyssee" nochmal lese, merke ich das sehr deutlich - recht knapp abgehandelt; im dritten Abschnitt (oder Gesang) kommt dann dafür hauptsächlich Nestor zu Wort.

Der vierte Abschnitt ist übrigens recht schnell entstanden, im Moment habe ich gerade den Kopf ein wenig frei für meine Texte, was zuletzt eher selten der Fall war. Diese mir momentan zur Verfügung stehende Zeit will ich dann auch nutzen, ich hatte vor kurzem eine etwas schräge Idee (die mir aber sehr gefällt), was die Abschnitte, die auf Atlantis selbst spielen, betrifft. Aber da will ich noch gar nicht so viel drüber verraten... Jedenfalls bin ich gerade mit ziemlich viel Eifer am Schreiben.

Also nochmals vielen Dank für Dein Review; die Arbeit an einem solchen Werk macht auch gleich mehr Spaß, wenn man weiß, daß es nicht nur gelesen wird, sondern sogar jemandem gefällt.

Viele Grüße
Thomas
13.06.2017 | 21:30 Uhr
zu Kapitel 1
Lieber Thomas,

auch wenn ich leider im Moment etwas unter Zeitnot leide, wollte ich es mir nicht nehmen lassen, nun endlich ein erstes, etwas kürzeres Review zum ersten Kapitel deines „Telemachos“ zu schreiben.

Eines vorneweg: ich bin schlichtweg begeistert, was du hier mit dem Hexameter geleistet hast. Ehrlich, ein so klassisches, episches Versmaß für eine Geschichte, die im Sagenkreis der Odyssee angesiedelt ist, zu wählen ist wirklich eine Herausforderung. Ich ziehe hiermit meinen virtuellen Hut vor dir, denn diese sprachliche und stilistische Leistung muss an dieser Stelle explizit gelobt und herausgestellt werden. Leider bin ich, was das „eingedeutschte“ antike Versmaß angeht, nicht sonderlich sattelfest, aber aus reiner Neugier: hast du dich hierbei eher an Klopstock und Goethe orientiert? Denn meines Wissens ist der Spondeus im Deutschen nur schwer nachzubilden und ich meine eher Trochäen und Daktylen als Versfüße in deinen Versen ausgemacht zu haben. Ich persönlich lese dieses antike Versmaß unglaublich gerne, würde wohl aber selbst einen Knoten in die Zunge bekommen, wenn ich mich daran versuchen würde. Deshalb bin ich wirklich beeindruckt mit welcher scheinbaren Leichtigkeit du dieses Metrum in deinem Text verwendest!

Überhaupt liest sich dein Werk wundervoll flüssig und wie ich dir schon einmal in einer früheren Reviewantwort geschrieben habe, fühle ich mich beim Lesen deiner Zeilen tatsächlich an Homers Epen erinnert. Das liegt nicht nur an den metrischen Elementen, sondern vor allem auch an der herrlich klassischen Wortwahl, die du in diesem Text ganz hervorragend einfließen lässt: „verständiger Jüngling“, „windbewegte Meere“, „blaue Augen olympischer Herkunft“ – es ist eine wahre Freude deine treffenden, stimmungsvollen Adjektive zu lesen. Sonst bin ich ehrlich gesagt keine große Freundin einer Adjektivflut in epischen Texten (auch wenn ich mitunter gerne selbst an Adjektivitis leide;-)), aber hier handelt es sich eben um ein Werk mit eindeutigem Bezug zu Homers Schaffen und dessen Werke sind bekannt für sein distinktives Epitheton. Mir fallen hier direkt die Beispiele „rosenfingerig und silberfüßig“ ein und Telemachos‘ Vater wird ja gemeinhin als der „listenreiche Odysseus“ bezeichnet. Mir gefällt diese sprachliche Hommage an die antiken Epiker somit wirklich ausgesprochen gut und es gibt deinem Werk einen ganz eigenen, antikisierenden Charakter, wenngleich es weit davon entfernt ist etwas Epigonenhaftes an sich zu haben, was mir persönlich sehr gut gefällt.

Auch sehr interessant, dass du deine Erzählung mit einem Traum beginnst, denn auch dieses epische Element begegnet uns häufig u.a. in der Ilias, denn auch dort offenbaren sich die olympischen Götter den Sterblichen zumeist in Traumgesichtern, in denen sie Botschaften an ihre Lieblinge senden oder sie vor Unheil warnen. Sehr passend also, dass Pallas Athene, die ja so etwas wie eine Schutzpatronin des Hauses Odysseus ist, in diesem Traum zu Telemachos spricht und ihn zugleich auf eine Reise zum weisen Nestor nach Pylos entsendet. Nun bin ich natürlich gespannt, ob du dich bei dieser kommenden Reise ebenfalls auf antike Quellen bzw. die Odyssee berufst und ihn beispielsweise auf Kirke oder Nausikaa treffen lässt und natürlich wie du das sagenhafte Atlantis in die künftige Handlung mit einbeziehen wirst.

Auf jeden Fall werde ich mit großer Freude und Begeisterung auch die kommenden Kapitel (oder sollte ich besser und treffender Gesänge sagen?) lesen und nach Möglichkeit das ein oder andere weitere Review hinterlassen, denn das hat dieses wunderschöne Stück Literatur definitiv verdient. Einen Favoriteneintrag habe ich deinem Werk längst verpasst, nun folgt das unvermeidliche Empfehlungssternchen, auf dass weitere Leser diesen besonderen Text für sich entdecken mögen und sich nicht von der klassischen Form abschrecken lassen, denn sie steigert den Lesegenuss meiner Meinung nach ganz besonders.

Liebe Grüße und einen schönen Abend
Askaja

Antwort von Thomas Heinrich am 14.06.2017 | 16:24:40 Uhr
Liebe Askaja,

zunächst einmal vielen Dank für Dein Review und auch für die Empfehlung, die ich als Ehre empfinde und zugleich als Verpflichtung, weiterhin das bisherige Niveau zu halten.

Dann erst mal zum Hexameter: wie ich ja schon erwähnt hatte, sind meine früheren Versuche mit diesem Versmaß eigentlich alle schnell und grandios gescheitert, und an sich ist der Blankvers (der ja ein jambisches Metrum ist), meine lyrische Heimat. Aber ich finde andererseits formale Experimente und die damit verbundenen Herausforderungen immer wieder spannend, und da hat es mich schon lange gereizt, mich doch noch mal am Hexameter zu versuchen, der sich bei der antiken Sagenwelt förmlich aufdrängt. Und diesmal fand ich einen Einstieg, der mir so zusagte, daß ich bei der Stange geblieben bin. Tatsächlich ist das immer noch eine beträchtliche Herausforderung, weil mir der jambische Rhythmus im Blut steckt, aber es läuft bisher recht gut. Mit Klopstocks Werken bin ich übrigens gar nicht vertraut, bei Goethe kenne ich "Hermann und Dorothea" (mag ich auch sehr), "Reineke Fuchs" und seine "Achilleis", die leider über einen sehr vielversprechenden Gesang nicht hinausgekommen ist; doch orientiert habe ich mich vor an Johann Heinrich Voß - denn Altgriechisch kann ich leider gar nicht, und so kenne ich Homer eben in der Gestalt, die Voß ihm verliehen hat. Manches ist sogar von Voß entliehen, vor allem der "verständige Jüngling", ansonsten versuche ich aber typische Wendungen wie den "herrlichen Dulder Odysseus" oder den "Rossebändiger Nestor" bewußt zu vermeiden - so dicht wollte ich mich dann doch nicht an die Voßsche Übertragung anlehnen.
Die Verwendung von Adjektiven war übrigens gar nicht in dieser Form beabsichtigt, das ergab sich vielmehr durch die Besonderheiten des Hexameters. Das war für mich eine der interessantesten Erfahrungen: wie sich das Metrum auf den Stil auswirkt - der "Uwain" etwa ist in einem ganz anderen Stil geschrieben, wie Du sicherlich bemerken wirst, wenn Du für den mal Zeit findest. Tatsächlich ist beim Hexameter die einzelne Zeile auch deutlich dominanter als beim Blankvers, wo ich erheblich häufiger Sätze innerhalb eines Verses beende.
Beim Traum habe ich übrigens gar nicht so sehr an die "Ilias" oder die antike Dichtung generell gedacht, sondern Träume baue ich ohnehin sehr oft in meine Texte ein: im "Uwain" etwa gibt es mehrere davon, aber auch in meinen Prosawerken greife ich immer wieder darauf zurück. Daß Telemachos den Reiseauftrag von Athene bekommt, war für mich geradezu selbstverständlich, schließlich ist sie, wie Du ganz richtig sagst, so etwas wie die Schutzpatronin von Odysseus' Haus.
Die direkten Anklänge an die "Odyssee" werden im Verlauf der Reise nach Atlantis wohl deutlich seltener werden, dafür wird es einige Bezüge zur "Äneis" geben. Im Moment bin ich gerade noch dabei, Telemachos' erneuten Aufenthalt in Pylos zu beschreiben, was sich aber aus verschiedenen Gründen ein wenig zieht (und da mein kleiner Roman "Toranis" inzwischen kurz vor dem Abschluß steht, bin ich auch recht viel damit beschäftigt); aber ich arbeite nach wie vor regelmäßig daran.

Liebe Grüße auch von mir,
Thomas