Review 1 bis 1 (von 1 insgesamt):
24.06.2016 | 19:41 Uhr
zu Kapitel 1
Liebe Lockenkopf1995,
erst einmal sind die Missverständnisse und von den Familienmitgliedern eigentlich gut gemeinten Qualen für den Protagonisten schön umgesetzt. Was fehlt, ist das Wissen der Familie um die Verwandlung, das die eigentliche Tragik des Romans ausmacht, da sich die ihm doch so vertrauten Menschen immer weiter von ihm abwenden. Allerdings hast du das ja durch die Protesthaltung des Mädchens ersetzt, was der Geschichte eine neue Handlung verleiht.
Ein weiterer kafkaesker Aspekt, der seine Geschichten dominiert, ist die Resignation und das vollkommene Einverständnis des leidgeplagten Protagonisten in sein Schicksal. Im Gegenzug wandelst du diese Eigenschaft in das komplette Gegenteil, nämlich einen Protest, um, was die Geschichte in gewisser Weise entfremdet und ihr einen völlig neuen Sinn gibt. Statt dem langsamen Verfall, den Samsa zu erleiden hat, fügt sich das Mädchen in sein Schicksal. Auch eine spannende Abwandlung. Nicht die Familie lässt ihn fallen und entfremdet sich von ihm - sie versteht sie von Beginn an nicht -, die Protagonistin selbst ändert sich so, dass sie mit der Situation zurechtkommt. In Samsas Verfassung wäre das nie möglich gewesen, da für ihn keine Hoffnung auf eine Besserung seines Zustandes vorhanden ist, während sie "einfach nur" in der Zeit zurückgereist ist und in einigen Jahren wieder das vorige Alter erreicht haben wird. Ihre Lage ist also nicht unlösbar, sie nicht zur kompletten Nutzlosigkeit verdammt. Dementsprechend verspürt die Familie auch keine Abneigung gegen sie und nachdem sie sich in ihre neue rolle eingefunden hat, kommt es sogar zu einem optimistischen Ende.
Ein gutes Ende? Kafka würde sich im Grabe umdrehen :-)
LG Sajet