Auch ich bin ein Wutbürger...weil ich so wütend auf Wutbürger bin

von IOU
OneshotAllgemein / P16
01.02.2017
01.02.2017
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Liebe Leser!

Falls sich jemand von diesem Text persönlich angegriffen fühlt, so habe ich demjenigen nur eines zu sagen: gut so!

Ich arbeite in diesem Schriftstück mit Mitteln wie Provokation und Übertreibung um auf die zugrundeliegenden Probleme hinzuweisen(höchstwahrscheinlich wird das unvollständig, was einfach in der Komplexität der Thematik begründet liegt und natürlich auch darin, dass ich kein Politikwissenschaftler bin).
Aber nicht nur, denn jeder muss sich mal auskotzen, sonst droht ein Affektstau und das kann böse enden. Glücklicher- oder manchmal auch bedauernswerterweise muss man sich für seine Meinung (noch) nicht schämen, wenn sie vom Konsens der breiten Masse abweicht oder damit konform geht. Warten wir es ab.

Seid gewiss, dass ich kein Schwarz-Weiß-Denker bin. Ich hinterfrage Meinungen und Äußerungen, selbst wenn sie mit meiner Einstellung vereinbar sind. Jeder sollte das tun. Fangt selbst damit an. Am besten mit diesem Text hier, in dem ich mich der Aufforderung Sasha Lobos anschließe und mich empöre.

Ich verlange von niemandem sich meiner Meinung anzuschließen. Was ich aber erwarten kann und muss, ist selbst nachzudenken und dabei weder Rationalität noch Menschlichkeit auf der Strecke bleiben zu lassen. Beides macht viele Dinge leichter und genau deswegen ist es so verlockend.




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Auch ich bin ein Wutbürger…weil ich so wütend auf Wutbürger bin



Ich bezeichne mich selbst nicht als unpolitisch.
Ich bin also nicht neu in der Welt der staatlichen Lenkung, teilweise seltsamer Formen der Regierung und der philosophisch bis heute nicht zureichend geklärten Frage des Aufwiegens vom Leid weniger gegen das Wohl der Mehrheit, denn nichts anderes ist Demokratie. Womit ich nicht die idealisierte Staatsform meine wie sie in den Köpfen so vieler Menschen besteht, sondern die gelebte und heute praktizierte Demokratie.

Es dürfte demzufolge nicht überraschend sein, dass ich nicht unbedingt begeistert vom neuen Präsidenten der „freien Welt“ bin, der derzeit in so vielen Medien unangemessen präsent ist. Ganz im Gegenteil.
Trotzdem sind die USA weit weg, ganz sicher nicht nur geographisch und sogar in einer globalisierten Welt.
Außerdem sollte man immer erst vor der eigenen Tür kehren, bevor man sich auf andere konzentriert – was nicht bedeutet, dass es schädlich wäre sich eine eigene Meinung über die verschiedenen legislativen Vorgänge auf diesem Planeten zu bilden.
Doch hier und jetzt möchte ich mich auf Deutschland konzentrieren, denn kleingehalten vom großen Trommelwirbel des mächtigsten Egomanen der Welt geht hier auch so einiges ab.



Wer die AfD wählt, ist entweder dumm oder ein schlechter Mensch.


Ziemlich heftige These, oder? Fast schon radikal.
Trotzdem lasse ich sie genau so stehen, denn über mittlerweile Jahre der Beobachtung hat sich für mich genau das herauskristallisiert.

Ich bediene mich hier der Mittel des Feindes, um entweder einen Aufschrei oder ein Kopfnicken zu provozieren. Und dem begonnenen Beispiel folgend werde ich erst jetzt, nachdem das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, versuchen mich zu erklären.


Dumm ist der, der Dummes…sagt


Zunächst also zu dem Begriff ‚dumm‘ von dem sich zu meinem Amüsement vor allem ‚dumme‘ Menschen angegriffen fühlen. Getroffene Hunde bellen und so…

Dumm müsste ich hier also präzisieren, denn es ist Umgangssprache. Vielleicht hätte ich lieber ungebildet schreiben sollen, aber was interessiert mich mein Geschwätz von vor zwei Minuten? (Ein Schelm wer hier Sarkasmus herausliest).

AfD-Wähler und Sympathisanten sind zu großen Teilen ein recht unkompliziertes und leicht durchschaubares Völkchen – nicht mit völkisch zu verwechseln(oder vielleicht doch).
Wie alle Schafe fühlen sie sich in der Herde am wohlsten und sind auch gruppenzugehörigkeitssteigernden Spaziergängen, besonders beliebt an unbeliebten Wochentagen, nicht abgeneigt.
Sie leben in einer einfachen Welt, die sie als Gegenentwurf zu der komplizierten erfunden haben, in der der Rest von uns sein Dasein fristet und die sie nicht verstehen können und/oder wollen. Postfaktisch und alternative Fakten sind hier die Stichworte. Früher nannte man es Blödsinn, man wurde belächelt und gemieden. Heute ist derlei salonfähig geworden.

Wenn man gemeinsam gegen etwas sein kann, dann verbindet das ungemein – auf der primitivsten Ebene. Ein Gedanke, dem Menschen mit rechter und linker Gesinnung mal eine genauere Betrachtung schenken sollten.

Wen meine ich also mit den dummen Menschen, die die AfD wählen oder zumindest stoisch mit dem Kopf nicken, wenn Bjernd Höcke mal wieder von einer vergangenen Epoche schwadroniert, in der es noch keine freilaufenden Neger, Schwule und andere fremdländische Einwanderer gab? Er träumt von einer zukünftigen Vergangenheit, wahrscheinlich mit HJ(Höcke-Jugend) und Farbpalettenkontrolle der Haut potentieller Einreisender an den Grenzen(Family Guy).
Er möchte die Vergangenheit in die Zukunft tragen, Zukunft ist Vergangenheit – endlich habe ich den Mann durchschaut! Er muss ein großer Fan der X-Men sein.

Spaß beiseite, denn Verallgemeinern muss an dieser Stelle nicht sein. Genau wie Renate Künast nicht die Mehrheit der demokratisch denkenden Menschen repräsentiert, tut Herrn Höcke das nicht für…ja, eben für die andere Seite der Medaille.


Einbildung ist auch Bildung


Nun aber endgültig zu den dummen Menschen, die der AfD nachhecheln wie einer läufigen Hündin.
Wir sprechen von Leuten aus allen sozialen und wirtschaftlichen Schichten, denn nur weil jemand keine Geldsorgen hat, reicht das noch lange nicht aus, um automatisch belesen, gebildet und moralisch gefestigt zu sein.
Wenn jemand sich während der Schulzeit aus den unterschiedlichsten Gründen(zu langweilig, was geht mich das an, Rhetorikniete als Lehrer, persönliche/familiäre Probleme) im Geschichtsunterricht nicht unbedingt als aufmerksamer Zuhörer hervorgetan hat, kann er auch kaum aus vergangenen Ereignissen lernen, sie verarbeiten oder reflektieren. Schade, denn das wäre so dringend nötig.
Solche Individuen zeichnen sich normalerweise auch nicht durch ein unbedingt aktuelles Wissen um die politischen Geschehnisse in diesem unserem Land aus. Lasst die Regierung nur machen, wir haben doch eh keinen Einfluss auf das, was die da oben so alles entscheiden.


Das wird man ja wohl noch sagen dürfen


Das hat sich geändert, denn seit endlich mal wieder „Klartext“ gesprochen wird, also seit von bestimmten Politikern eine Sprache verwendet wird, die auch diese Geschichtsverweigerer auf Anhieb verstehen, werden sogar kleine Bürger plötzlich zu politischen Aktivisten.
„Die Psychologie der Massen“ hat sich nicht verändert, denn unsere Psyche funktioniert noch genau wie damals. Starke Worte mit harten Konsonanten und möglichst reißerischer Bedeutung ziehen immer noch hervorragend als Schlagworte: Lügenpresse, Wirtschaftsflüchtling, Sozialschmarotzer, Volk, ausbluten, Islamisierung des Abendlandes, wir-wir-wir uvm.

Ein idealer Nährboden für irrationale Ängste und rechtes Gedankengut – bei unzureichender Bildung natürlich, denn die würde es einem ermöglichen hinter diese Aussagen zu blicken.
Verallgemeinerung ist eines der Probleme, auf beiden Seiten.


Geteiltes Leid ist doppeltes Leid


Nichts spricht dagegen ein einfacher Mensch zu sein, keine revolutionären Denkleistungen zu vollbringen oder bedeutende Ahnung von Politik zu haben, sondern einem Job nachzugehen, der schlecht bis mittelmäßig bezahlt wird um die Familie über Wasser zu halten. Willkommen in der unteren Mittelschicht!
Das zieht zwangsläufig Probleme nach sich, denn Probleme anderer Natur sind der Grund für dieses scheinbar sehr unzufrieden stellende Leben.
Wenn man also wenig Bildung(und hierbei meine ich ebenfalls eine humanistische Erziehung) genossen hat oder sie nicht sein eigen nennen kann, ist es eine durchaus rationale Reaktion aufzuspringen und zustimmend die Faust in die Luft zu recken. Dass Flüchtlinge oder Migranten, Schwule und Lesben genau wie Angehörige einer anderen Religion nichts, aber auch gar nichts mit den Ursachen dieser Probleme zu tun haben und sich nichts ändern würde, würden wir von heute auf morgen all diese Gruppen aus dem Land werfen – ist in einem Zustand der feurigen Erregung leider irrelevant.

Ich persönlich kann auf diese Art von Mitbürgern immer nur mit einem mitleidigen Stoßseufzer reagieren. Es ist wie bei einem Hund, der mal wieder jemanden mit einem Schirm anbellt, weil er im Halbdunkel unheimlich wirkt und schwer einzuschätzen ist. Er weiß es einfach nicht besser. Angriff ist die beste Verteidigung.

Wirkliche Abneigung gegenüber diesen Menschen zu empfinden ist für mich also schwer bis unmöglich. Hopfen und Malz sind noch nicht verloren, denn gegen Unbildung lässt sich etwas tun – nicht so wie bei der zweiten Gruppe der AfD-Wähler, den schlechten Menschen.


Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht


Wann ist jemand ein schlechter Mensch? Warum und wann genau ist Gutmensch eigentlich ein Schimpfwort geworden? Und wer zur Hölle gebraucht es? Der Logik der Sprache folgend wohl jemand, der kein guter Mensch ist und auch keiner sein möchte. Seit wann ist das denn out?
Wieso kann mittlerweile jeder eine radikale und vielleicht sogar rassistische und gewaltverherrlichende Aussage tätigen ohne dafür Gegenwind zu bekommen? Sind wirklich all die, die einst Widerworte gegen so etwas gaben, in IT-Jobs verschütt gegangen, haben Kinder bekommen, bunkern das ordentliche Gehalt und leben in ihrer eigenen kleinen Öko-Welt wo sie früher zumindest den Mund aufmachten, vielleicht sogar zerrissene Hosen und Irokesenhaarschnitte trugen? Habt ihr aufgegeben oder seid ihr einfach erwachsen geworden? Und wenn ja, wieso habt ihr politische Überzeugungen und Mut gleich mit ins Grab eurer rebellischen Jugend geworfen?

Fragen über Fragen, vor deren Antworten ich mich teilweise nur fürchten kann.

Bei meiner Definition der schlechten Menschen, die die AfD wählen oder mehr oder weniger offen mit ihr sympathisieren, geht es nicht übermäßig um die überhaupt nicht starren Parameter von Moral und Ethik(also gelebter Moral). Zum besseren Verständnis bediene ich mich erneut der Mittel des Feindes und verallgemeinere. Zu denken ist eure Aufgabe.

Ja, unter den Wählern dieser Partei gibt es auch Menschen, die ich nicht als ungebildet zu bezeichnen wage. Sie haben mindestens Abitur, meistens sogar studiert, sind in Leben und Beruf erfolgreich und würden mit einem zugekniffenen Auge durchaus als Stützen der Gesellschaft durchgehen. Natürlich bedingen ein hoher Bildungsabschluss und Erfolg keine soziale Intelligenz, wie mir neulich wieder schmerzlich bewusst wurde, aber die Ausrede fehlt hier völlig.
Sie wissen es eben nicht besser – das kann ich über diese Menschen nicht behaupten.

Gehen wir also davon aus, dass der Großteil der gebildeten AfD-Wähler oder Sympathisanten im Geschichtsunterricht aufgepasst oder die Zeit hat, kurz Google zum Schema der Machtergreifung nationaler Fans der Abschottungspolitik zu befragen. Gemäß seines Bildungsstandes dürfte so jemand Parallelen oder zumindest eine drohende Gefahr solcher im aktuellen Zeitgeschehen erkennen. Und er entscheidet sich trotzdem diese zu ignorieren. Mehr noch, er haut frohen Mutes in die Kerbe, von der wir naiv glaubten sie gemeinsam mit der Entfernung Goebbels´ und Konsorten glattgehobelt zu haben.

Wer sich wider besseren Wissens für das Ignorieren von Fakten entscheidet, sich selbst als höherwertig gegenüber anderen(egal welchen) Menschen ansieht, Lügen bewusst verbreitet um Hass zu schüren und das Springerstiefel-Glatze-Image von Nazis entstaubt um diese Werte nun mit Nadelstreifenanzug und unter der Verwendung des Genitivs in die Welt hinauszuposaunen – ja, der ist für mich ein ausgesprochen schlechter Mensch.


Wo kommen wir denn da hin?


Wie bitte? Verlustängste treiben die gebildete Mittel- und Oberschicht gedanklich in die rechte Ecke? Das ist weder eine Erklärung noch eine Entschuldigung, sondern nur eine weitere Eigenschaft, die einen schlechten Menschen ausmacht.

Von welchen Verlusten sprechen wir hier denn überhaupt und will irgendjemand wirklich den Schund haben, auf den sich viele ihre Überlegenheit gegenüber anderen einbilden?
Wer nicht gänzlich weltfremd ist, weiß, dass in einem Rechtsstaat(und in so einem leben wir bis jetzt) niemand das Recht hat, mir mein Eigentum zu nehmen. Wer etwas anderes behauptet, lügt wie gedruckt – oder sollte sich ganz dringend mal von einem Psychologen abklärend untersuchen lassen.

In diesem Diskurs geht es nicht darum mehr haben zu wollen oder nichts vom Vorhandenen zu verlieren. Es geht einzig und allein darum, mehr als die anderen zu haben. Und das soll gefälligst auch so bleiben!
Fakt. Unumstößlich. Wer zur Mittelschicht oder zur oberen Mittelschicht gehört, hat mehr Geld im Monat zur Verfügung als der erschreckend schnell wachsende Teil der unteren Einkommensschichten.
Ist diese Ausgangslage eigentlich gerecht? Und wen interessiert das?
Man braucht eben eine Rechtfertigung, auch für grundlosen Neid. Neid auf die Besitzlosen, weil die nichts mehr zu verlieren haben, man selbst aber schon. Wow, das ist christlicher als es auf den ersten Blick wirkt…


Armes Deutschland


Und dann sind da ja noch so viele unter ihnen, die sich Sorgen um Deutschland machen. Sorgen. Um. Deutschland. Lasst euch das mal auf der Zunge zergehen.

Wir sind das verdammt reichste Land in der EU, worauf wir auch jahrelang unter Verwendung deutscher Tugenden hingearbeitet haben. Natürlich auf Kosten der anderen - und nun stehen wir mit großen Schweinsäuglein da und fragen uns, wieso wir keine wirtschaftsstarken Länder mehr um uns herum haben, die sich unsere überteuerte Scheiße leisten können.
Wir könnten diesen Kontinent zuscheißen mit unserem Geld! Wir könnten uns Griechenland kaufen und ein Feriendomizil daraus machen(aber wohin dann mit den Griechen, die sind doch eh zu faul zum Arbeiten). Staatsschulden, Rettungsschirme, Banken, der eigene Kontostand. Was ist denn Geld, Freunde? Zahlen auf einem Bildschirm, eine Idee. Mehr nicht.
Wären mehr Zufriedenheit und Frieden nicht allemal aufzuwiegen gegen das Privileg des Bessergestelltseins? Wieso sind immaterielle Werte so vielen so wenig wert?

Lieber nicht-dumm-wie-Stulle-AfD-Wähler: Du weißt, dass dir nichts weggenommen werden muss, damit alle anderen auch etwas bekommen können. Du weißt es, ich bin mir sicher.
Und du weißt ebenfalls, dass nicht mal zehn Millionen Flüchtlinge oder die doppelte Menge dafür sorgen könnte, dass sich der Staat deinen heißgeliebten Zweitwagen unter den Nagel reißt oder dir dein sowieso schon groteskes Gehalt durch Steuern so kürzt, dass du Kaba statt Nesquik kaufen musst.



Patriotismus stinkt



Natürlich haben diejenigen auch ganz klare Vorstellungen, wer und was nun zu Deutschland gehört und wer und was nicht.
Deutsch ist man, wenn man hier geboren ist, wenn man weiß ist, wenn man heterosexuell ist und sich im besten Falle für einen Hungerlohn sein ganzes Leben halb zu Tode rackert und dabei noch Dankbarkeit zeigt – oder sie zumindest heuchelt. Heucheln ist wichtig. Schützt den letzten Rest von falschem Stolz. Jeder kann es schaffen, wenn er sich nur anstrengt. Wenn du am unteren Ende der Nahrungskette rumgammelst, dann wird das schon einen Grund haben. Dann kann etwas mit dir grundlegend nicht stimmen.

Es gibt keine Form von Patriotismus, die in irgendeiner Weise positiv zu bewerten wäre – jedenfalls nicht für mich.
Patriotismus kann nicht unschuldig sein, denn er führt zwangsläufig dazu, dass andere Völker und Länder irgendwann neben dem Glanz ermatten, den man seinem eigenen zuschreibt. Man hebt sich also ab. Und von diesem Punkt an ist es nur noch ein Katzensprung zum Nationalsozialismus – oder was wir wahrscheinlich mal ausprobieren wollen: Nationalkapitalismus.

Es ist bezeichnend, dass die braune Suppe bei ihrem erfolgreichsten Anlauf von oben nach unten ins Volk sickerte. Heute ist es genau umgekehrt.


Ängste als gemeinsame Werte


Furcht ist psychologisch gesehen rational begründbar. Man kann sich vor Giftschlangen fürchten oder vor einem Gewitter, wenn man gerade unter freiem Himmel im Badesee planscht. Da droht eine echte Gefahr, Furcht ist also mehr als berechtigt.
Doch in diesem Land und der ganzen westlichen Welt greift Angst um sich und die braucht keinen realen Grund um zu existieren. Und die braucht auch kein Mensch in seinem Leben, ernsthaft.
Angst vor Überfremdung, dem Verlust der kulturellen Identität oder Menschen mit einer anderen Hautfarbe. Alles Bullshit.

Als differenziert denkender Mensch hinterfrage ich mich andauernd selbst.
Habe ich vielleicht auch Angst? Ja!
Ich habe schreckliche Angst vor Schmetterlingen und ekle mich entsetzlich vor ihnen. Kein Scherz. Viele Leute lachen mich dafür aus und das völlig zurecht, denn über den Ekelfaktor eines Schmetterlings lässt sich vielleicht streiten, aber nicht darüber, dass er grundsätzlich ungefährlich für Leib und Leben ist.

Ich weiß also, dass es Blödsinn ist, sich wegen Schmetterlingen zu ängstigen. Sie gehören genauso zu dieser Welt wie ich es tue. Wir müssen uns miteinander arrangieren, ich kann nicht einfach so die Vernichtung aller Schmetterlinge fordern oder dass sie mit einem Fangnetz über die Grenzen dieses Landes gescheucht werden, damit ich mich besser fühle.
Ich profitiere von Schmetterlingen, denn sie bestäuben Blumen. Aber nicht nur das, denn die meisten meiner Mitmenschen erfreuen sich an ihrem Anblick und das lässt sie eine Winzigkeit zufriedener werden und in einer zufriedeneren Welt zu leben kann nur ein Vorteil für mich sein.
Wer Angst und drei Gehirnzellen übrig hat, wird den Vergleich ganz allein ziehen können.

Aber habe ich Angst vor „Ausländern“ oder davor nachts auf die Straße zu gehen? Habe ich Angst vor Terror oder dass mir jemand etwas von unserer konsumgesteuerten Krüppelgesellschaft streitig macht?
Nein, habe ich nicht.
Ich bin ein endliches Wesen, als solches kam ich zur Welt, andere gibt es nicht. Während jeder Sekunde meines Daseins könnte es vorbei mit mir sein. Ob es nun ein Terroranschlag ist oder ein unsichtbares Blutgerinnsel in meinem Gehirn - ich könnte dabei sterben.
Irgendein besoffener Idiot könnte mich beim Überqueren der Straße mit dem Auto anfahren. Wäre seine Schuld.
Ich könnte aber auch aus Nachlässigkeit und Bequemlichkeit nicht richtig nach links und rechts schauen bevor ich die Straße überquere und dabei von einem Auto erfasst werden. Wäre dann meine Schuld.
Etwas an der Tatsache(dass ich tot bin) würde es nicht ändern und permanente Angst vor statistischen Unwahrscheinlichkeiten hätte mich vor dem einen nicht beschützt.
Vor dem anderen schon. Aber was wäre das dann für ein Leben in permanenter Angst gewesen?



Vernichtung als Chance


Vielleicht rege ich mich aber auch grundlos auf.
Vielleicht sind meine Stimme und die Stimmen anderer einfach zu leise im Angesicht der brüllenden Radikalität, die nach der Macht und der Vergangenheit gleichzeitig greift.
Vielleicht sollte ich am Rand stehen und den Trumps und Petrys dieser Welt applaudieren, sie sogar anfeuern.
Wieso? Weil ein reinigendes Feuer manchmal die beste Variante ist, wenn man es verkackt hat. Und wir sind dabei es zu verkacken.

Wenn keiner den roten Knopf drücken sollte, was wahrscheinlich ist, lieber Wutbürger(Wer zuerst schießt, stirbt als zweites), dann werden uns Klimawandel, Raubbau am Planeten oder ein Kollaps des Finanzsystems wahrscheinlich schleichend dahinraffen.
Möglicherweise ist die einzige Entscheidung die wir treffen können also die zwischen jetzt oder später.


Jedem das seine, aber mir das Meiste     


Kapitalismus frisst sich selbst. Irgendwann. Unweigerlich. Ewiges Wachstum ist eine Lüge.
Außerdem benötigt der Kapitalismus ein Gefälle um zu „funktionieren“. Es geht uns also nur gut, weil es den anderen schlecht geht. Das ist die Bedingung, die wir bereitwillig akzeptieren. Sind ja nur die anderen.
Irgendwann wird es diesen anderen aber so schlecht gehen, dass sie aufgeben. Sie können ihre Familie nicht mehr ernähren, leben in Elend und Unterdrückung, sterben an lächerlich banalem Durchfall über den wir uns (nicht) totlachen würden.
Wenn diese Phase erreicht ist und das ist sie, dann kommen sie entweder als sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“ zu uns, damit wir sie wieder wegschicken oder sie verhungern elendig in der maroden Wirtschaft die wir ihnen beschert haben.
Beides führt dazu, dass wir niemanden mehr ausbeuten und so auch unsere gottgleiche Wirtschaftsstruktur nicht mehr aufrechterhalten können.

Was für ein Interesse sollte aus Sicht der Industrienationen an einer sozial gerechteren Welt schon bestehen? (Da sind wir wieder beim Heucheln.)
Ich verrate es euch: ein viel größeres als es momentan der Fall ist, weil nur von zwölf bis Mittag gedacht wird. Wichtig ist, dass es jetzt und heute funktioniert.
Was morgen ist? Darum kümmern wir uns dann schon…

Kriegsflüchtlinge und wie wir an deren Fluchtursachen beteiligt sind, möchte ich hier nicht erwähnen, denn AfD-Wähler haben ja angeblich nichts gegen die richtigen Flüchtlinge. Was allerdings erst noch zu beweisen wäre.

Wäre ich also ein gänzlich hoffnungsloser Mensch, könnte ich mich zurücklehnen, den Mund halten und der Titanic beim Sinken zuschauen. Ich bin ein endliches Wesen, ihr erinnert euch? Der eine Moment ist mir zum Sterben also genauso recht wie jeder andere.
Dass ich diesen Text hier verfasse, zeigt allerdings, dass ich durchaus gewillt bin, den Menschen um mich herum mitzuteilen, dass wir da genau auf einen riesengroßen Eisberg zusteuern und bestenfalls den Kurs ändern sollten.

Wenn genug Passagiere davon reden, dann bekommt es ja vielleicht auch der Kapitän mit.