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Profil von Lin-mio
Vorname
Lin
Nachname
mio
Wohnort
im Keller
Geschlecht
weiblich
Alter
21
ICQ#
333964662
Bio
Spuren im Sand
Eines Nachts hatte ich einen Traum:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten,
Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben.
Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigene und die meines Herrn.
Als das letzte Bild an meinen Augen
vorübergezogen war,
blickte ich zurück.
Ich erschrak, als ich entdeckte,
dass an vielen Stellen meines Lebensweges
nur eine Spur zu sehen war.
Und das waren gerade die schwersten Zeiten meines Lebens.
Besorgt fragte ich den Herrn:
"Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen,
da hast du mir versprochen,
auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich,
dass in den schwersten Zeiten meines Lebens
nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen,
als ich dich am meisten brauchte?"
Da antwortete er:
"Mein liebes Kind, ich liebe dich
und werde dich nie allein lassen,
erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.
Dort, wo du nur eine Spur gesehen hast,
da habe ich dich getragen."
Feder und Schwert
Ein Dialog
(1893)
In der Ecke eines Zimmers stand ein Schwert. Die helle,
stählerne Fläche seiner Klinge erglänzte,
vom Strahle der Sonne berührt, in rötlichem Scheine.
Stolz hielt das Schwert Umschau im Zimmer;
es sah, daß alles sich an seinem Glasten weidete.
Alles? - Nicht doch! Dort auf dem Tische lag,
müßig an ein Tintenfaß gelehnt, eine Feder, der es
nicht im mindesten einfiel sich vor der glitzernden
Majestät jener Waffe zu beugen. - Das ergrimmte das
Schwert und es begann also zu sprechen:
»Wer bist du wohl, nichtswürdig Ding, daß du nicht
gleich den andern vor meinem Glanz dich beugst
und ihn bewunderst? Sieh nur um dich! Alle Geräte
stehen ehrfurchtsvoll in tiefes Dunkel gehüllt.
Mich allein, mich hat die helle beglückende Sonne zu
ihrem Liebling erkoren; sie belebt mich mit ihrem
wonnigen Flammenkusse, und ich lohne ihrs, indem ich
ihr Licht tausendfach widerstrahle. Mächtigen
Fürsten nur ziemt es, in leuchtendem Gewande
daherzuschreiten. Die Sonne kennt meine Macht,
darum legt sie mir den königlichen Purpur ihrer
Strahlen um die Schultern.«
Lächelnd erwiderte drauf die besonnene Feder:
»Sieh doch, wie eitel und stolz du bist und wie du dich
brüstest mit dem erborgten Glanze! Sind wir
doch beide - besinne dich - ganz nahe Verwandte. Beide
hat uns die sorgende Erde geboren, beide
sind wir im Urzustand vielleicht im selben Gebirge
neben einander gestanden Jahrtausende lang; bis
der Menschen geschäftiger Fleiß die Ader des nützlichen
Erzes, deren Bestandteile wir waren, ent-
deckte. Beide nahm man uns weg; beide sollten wir,
ungefüge Kinder der rauhen Natur noch, über
der Hitze der dampfenden Esse, unter des Hammers
mächtigen Schlägen zu nützlichen Gliedern des
irdischen Treibens umgeschaffen werden. Und so auch
geschah es. Du wurdest ein Schwert - bekamst
eine große und feste Spitze; ich, eine Feder, wurde mit
einer dünnen, zierlichen bedacht. Sollen wir
wirklich schaffen und wirken, müssen wir uns erst die
glänzende Spitze benetzen. Du mit dem Blute,
ich - nur mit - Tinte!«
»Diese Rede, in gelehrtem Stile gehalten«, fiel nun das
Schwert ein, »macht mich lachen fürwahr. Ist
es doch grade, als wollte die Maus, das kleine nichtige
Tierchen, ihre nahe Verwandtschaft mit dem
Elefanten beweisen. Die spräche dann so wie du! Denn
auch sie hat gleich dem Elefanten vier Beine
und hat sich sogar eines Rüssels zu rühmen. So könnte
man glauben, sie seien zum wenigsten Vettern!
Du hast, liebe Feder, sehr schlau und berechnend jetzt
das nur genannt, worin ich dir gleiche. Ich aber
will dir erzählen, was uns unterscheidet. Ich, das
glänzende, stolze Schwert, werde um die Hüfte ge-
schnallt von einem kühnen, edlen Ritter; dich aber,
dich steckt ein altes Schreiberlein hinter sein langes
Eselsohr. Mich erfaßt mein Herr mit kräftiger Hand und
trägt mich in die Reihen der Feinde; ich führe
ihn hindurch. Dich, beste Feder, führt dein Magister
mit zitternder Hand über vergilbtes Pergament.
Ich wüte furchtbar unter den Feinden, springe mutig,
tollkühn bald her, bald hin; du kratzest in ewiger
Monotonie über dein Pergament hin und wagst dich nicht
ein Stückchen aus jenen Bahnen, die dir die
führende Hand vorsichtig weist. Und endlich, endlich -
geht meine Kraft zu Ende, werde ich alt und
schwach, dann ehrt man mich, wie es Helden geziemt,
stellt mich im Ahnensaale zur Schau und bewun-
dert mich. Was aber geschieht mit dir? Ist dein Herr
mit dir unzufrieden, wirst du alt und beginnst du
mit dicken Strichen über das Papier hinzukreuchen,
packt er dich, entreißt dich dem Stiele, der dir
Stütze war, und wirft dich weg, wenn er nicht Gnade übt
und dich mit ein paar deiner Schwestern um
wenige Kreuzer einem Trödler verkauft.«
»Du magst ja in mancher Beziehung«, versetzte die Feder
sehr ernst, »so unrecht nicht haben. Daß man
mich oft gering schätzt, ist ja wahr, ebenso wie, daß
man mich, nachdem ich unbrauchbar geworden bin,
sehr übel behandelt. Doch deswegen ist die Macht, die
mir zu Gebote steht, solange ich arbeiten kann,
keine geringe. Es kommt ja nur auf eine Wette an!«
»Du wolltest mir eine Wette anbieten?« lachte das
übermütige Schwert.
»Wofern du wagst, dieselbe anzunehmen.«
»Und ob ich sie annehme«, versetzte das Schwert, das
sich noch immer nicht vom Lachen erholen konnte.
»Was gilt die Wette?«
Die Feder aber setzte sich zurecht, nahm eine strenge
Amtsmiene an und begann:
»Wir wollen wetten, daß ich imstande bin, dich zu
hindern, deiner Arbeit, dem Kampfe, nachzugehen,
wenn ich will!«
»Ho, ho, das klingt ja kühn.«
»Bist du's zufrieden?«
»Ich gehe darauf ein.«
»Nun wohl«, sagte die Feder, »laß uns sehen.«
Es waren wenige Minuten seit dem Abschlusse dieser
Wette vergangen, als ein junger Mann in reichem
Waffenkleide eintrat, das Schwert faßte und sich
dasselbe anlegte. Hierauf betrachtete er wohlgefällig
die blanke Klinge. Von draußen erschallte heller
Trompetenruf, Trommelwirbel - es ging zur Schlacht.
Eben wollte der junge Mann das Zimmer verlassen, als
ein anderer, der eine hohe Stelle bekleiden mußte,
wie man aus seinem reichen Schmucke ersah, eintrat. Der
junge verneigte sich tief vor ihm. Der Würden-
träger war indessen an den Tisch getreten, hatte die
Feder erfaßt und eilends etwas hingeschrieben. »Der
Friedensvertrag ist schon unterzeichnet«, sagte er
lächelnd. Der Jüngere stellte sein Schwert wieder in
die
Ecke, und beide verließen das Zimmer.
Auf dem Tische aber lag die Feder. Der Sonnenstrahl
spielte mit ihr, und ihr feuchtes Erz glitzerte hell.
»Ziehst du nicht zum Kampfe, mein liebes Schwert«
fragte sie lächelnd.
Das Schwert aber stand still in der finsteren Ecke. Ich
glaube, es prahlte nie wieder.
Rainer Maria Rilke
Wer Bücher stiehlt oder ausgeliehene Bücher zurückbehält,
in dessen Hand soll sich das Buch in eine reißende Schlange verwandeln.
Der Schlagfluß soll ihn treffen und all seine Glieder lähmen.
Laut schreiend soll er um Gnade winseln, und seine Qualen sollen nicht gelindert werden,
bis er in Verwesung übergeht.
Bücherwürmer sollen in seinen Eingeweiden nagen wie der Totenwurm,
der niemals stirbt.
Und wenn er die letzte Strafe antritt,
soll ihn das Höllenfeuer verzehren auf immer.
Inschrift in der Bibliothek des Klosters San Pedro in Barcelona,
zitiert von Alberto Manguel.
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind.
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? -
Siehst Vater, du den Erlkönig nicht!
Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif? -
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. -
„Du liebes Kind, komm geh’ mit mir!
Gar schöne Spiele, spiel ich mit dir,
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“
Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? -
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind,
In dürren Blättern säuselt der Wind. -
„Willst feiner Knabe du mit mir geh’n?
Meine Töchter sollen dich warten schön,
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“
Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düsteren Ort? -
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. -
„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt,
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!“
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an,
Erlkönig hat mir ein Leids getan. -
Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind,
Er hält in den Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not,
In seinen Armen das Kind war tot.
Johann Wolfgang von Goethe
Eines Nachts hatte ich einen Traum:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten,
Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben.
Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigene und die meines Herrn.
Als das letzte Bild an meinen Augen
vorübergezogen war,
blickte ich zurück.
Ich erschrak, als ich entdeckte,
dass an vielen Stellen meines Lebensweges
nur eine Spur zu sehen war.
Und das waren gerade die schwersten Zeiten meines Lebens.
Besorgt fragte ich den Herrn:
"Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen,
da hast du mir versprochen,
auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich,
dass in den schwersten Zeiten meines Lebens
nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen,
als ich dich am meisten brauchte?"
Da antwortete er:
"Mein liebes Kind, ich liebe dich
und werde dich nie allein lassen,
erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.
Dort, wo du nur eine Spur gesehen hast,
da habe ich dich getragen."
Feder und Schwert
Ein Dialog
(1893)
In der Ecke eines Zimmers stand ein Schwert. Die helle,
stählerne Fläche seiner Klinge erglänzte,
vom Strahle der Sonne berührt, in rötlichem Scheine.
Stolz hielt das Schwert Umschau im Zimmer;
es sah, daß alles sich an seinem Glasten weidete.
Alles? - Nicht doch! Dort auf dem Tische lag,
müßig an ein Tintenfaß gelehnt, eine Feder, der es
nicht im mindesten einfiel sich vor der glitzernden
Majestät jener Waffe zu beugen. - Das ergrimmte das
Schwert und es begann also zu sprechen:
»Wer bist du wohl, nichtswürdig Ding, daß du nicht
gleich den andern vor meinem Glanz dich beugst
und ihn bewunderst? Sieh nur um dich! Alle Geräte
stehen ehrfurchtsvoll in tiefes Dunkel gehüllt.
Mich allein, mich hat die helle beglückende Sonne zu
ihrem Liebling erkoren; sie belebt mich mit ihrem
wonnigen Flammenkusse, und ich lohne ihrs, indem ich
ihr Licht tausendfach widerstrahle. Mächtigen
Fürsten nur ziemt es, in leuchtendem Gewande
daherzuschreiten. Die Sonne kennt meine Macht,
darum legt sie mir den königlichen Purpur ihrer
Strahlen um die Schultern.«
Lächelnd erwiderte drauf die besonnene Feder:
»Sieh doch, wie eitel und stolz du bist und wie du dich
brüstest mit dem erborgten Glanze! Sind wir
doch beide - besinne dich - ganz nahe Verwandte. Beide
hat uns die sorgende Erde geboren, beide
sind wir im Urzustand vielleicht im selben Gebirge
neben einander gestanden Jahrtausende lang; bis
der Menschen geschäftiger Fleiß die Ader des nützlichen
Erzes, deren Bestandteile wir waren, ent-
deckte. Beide nahm man uns weg; beide sollten wir,
ungefüge Kinder der rauhen Natur noch, über
der Hitze der dampfenden Esse, unter des Hammers
mächtigen Schlägen zu nützlichen Gliedern des
irdischen Treibens umgeschaffen werden. Und so auch
geschah es. Du wurdest ein Schwert - bekamst
eine große und feste Spitze; ich, eine Feder, wurde mit
einer dünnen, zierlichen bedacht. Sollen wir
wirklich schaffen und wirken, müssen wir uns erst die
glänzende Spitze benetzen. Du mit dem Blute,
ich - nur mit - Tinte!«
»Diese Rede, in gelehrtem Stile gehalten«, fiel nun das
Schwert ein, »macht mich lachen fürwahr. Ist
es doch grade, als wollte die Maus, das kleine nichtige
Tierchen, ihre nahe Verwandtschaft mit dem
Elefanten beweisen. Die spräche dann so wie du! Denn
auch sie hat gleich dem Elefanten vier Beine
und hat sich sogar eines Rüssels zu rühmen. So könnte
man glauben, sie seien zum wenigsten Vettern!
Du hast, liebe Feder, sehr schlau und berechnend jetzt
das nur genannt, worin ich dir gleiche. Ich aber
will dir erzählen, was uns unterscheidet. Ich, das
glänzende, stolze Schwert, werde um die Hüfte ge-
schnallt von einem kühnen, edlen Ritter; dich aber,
dich steckt ein altes Schreiberlein hinter sein langes
Eselsohr. Mich erfaßt mein Herr mit kräftiger Hand und
trägt mich in die Reihen der Feinde; ich führe
ihn hindurch. Dich, beste Feder, führt dein Magister
mit zitternder Hand über vergilbtes Pergament.
Ich wüte furchtbar unter den Feinden, springe mutig,
tollkühn bald her, bald hin; du kratzest in ewiger
Monotonie über dein Pergament hin und wagst dich nicht
ein Stückchen aus jenen Bahnen, die dir die
führende Hand vorsichtig weist. Und endlich, endlich -
geht meine Kraft zu Ende, werde ich alt und
schwach, dann ehrt man mich, wie es Helden geziemt,
stellt mich im Ahnensaale zur Schau und bewun-
dert mich. Was aber geschieht mit dir? Ist dein Herr
mit dir unzufrieden, wirst du alt und beginnst du
mit dicken Strichen über das Papier hinzukreuchen,
packt er dich, entreißt dich dem Stiele, der dir
Stütze war, und wirft dich weg, wenn er nicht Gnade übt
und dich mit ein paar deiner Schwestern um
wenige Kreuzer einem Trödler verkauft.«
»Du magst ja in mancher Beziehung«, versetzte die Feder
sehr ernst, »so unrecht nicht haben. Daß man
mich oft gering schätzt, ist ja wahr, ebenso wie, daß
man mich, nachdem ich unbrauchbar geworden bin,
sehr übel behandelt. Doch deswegen ist die Macht, die
mir zu Gebote steht, solange ich arbeiten kann,
keine geringe. Es kommt ja nur auf eine Wette an!«
»Du wolltest mir eine Wette anbieten?« lachte das
übermütige Schwert.
»Wofern du wagst, dieselbe anzunehmen.«
»Und ob ich sie annehme«, versetzte das Schwert, das
sich noch immer nicht vom Lachen erholen konnte.
»Was gilt die Wette?«
Die Feder aber setzte sich zurecht, nahm eine strenge
Amtsmiene an und begann:
»Wir wollen wetten, daß ich imstande bin, dich zu
hindern, deiner Arbeit, dem Kampfe, nachzugehen,
wenn ich will!«
»Ho, ho, das klingt ja kühn.«
»Bist du's zufrieden?«
»Ich gehe darauf ein.«
»Nun wohl«, sagte die Feder, »laß uns sehen.«
Es waren wenige Minuten seit dem Abschlusse dieser
Wette vergangen, als ein junger Mann in reichem
Waffenkleide eintrat, das Schwert faßte und sich
dasselbe anlegte. Hierauf betrachtete er wohlgefällig
die blanke Klinge. Von draußen erschallte heller
Trompetenruf, Trommelwirbel - es ging zur Schlacht.
Eben wollte der junge Mann das Zimmer verlassen, als
ein anderer, der eine hohe Stelle bekleiden mußte,
wie man aus seinem reichen Schmucke ersah, eintrat. Der
junge verneigte sich tief vor ihm. Der Würden-
träger war indessen an den Tisch getreten, hatte die
Feder erfaßt und eilends etwas hingeschrieben. »Der
Friedensvertrag ist schon unterzeichnet«, sagte er
lächelnd. Der Jüngere stellte sein Schwert wieder in
die
Ecke, und beide verließen das Zimmer.
Auf dem Tische aber lag die Feder. Der Sonnenstrahl
spielte mit ihr, und ihr feuchtes Erz glitzerte hell.
»Ziehst du nicht zum Kampfe, mein liebes Schwert«
fragte sie lächelnd.
Das Schwert aber stand still in der finsteren Ecke. Ich
glaube, es prahlte nie wieder.
Rainer Maria Rilke
Wer Bücher stiehlt oder ausgeliehene Bücher zurückbehält,
in dessen Hand soll sich das Buch in eine reißende Schlange verwandeln.
Der Schlagfluß soll ihn treffen und all seine Glieder lähmen.
Laut schreiend soll er um Gnade winseln, und seine Qualen sollen nicht gelindert werden,
bis er in Verwesung übergeht.
Bücherwürmer sollen in seinen Eingeweiden nagen wie der Totenwurm,
der niemals stirbt.
Und wenn er die letzte Strafe antritt,
soll ihn das Höllenfeuer verzehren auf immer.
Inschrift in der Bibliothek des Klosters San Pedro in Barcelona,
zitiert von Alberto Manguel.
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind.
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? -
Siehst Vater, du den Erlkönig nicht!
Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif? -
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. -
„Du liebes Kind, komm geh’ mit mir!
Gar schöne Spiele, spiel ich mit dir,
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“
Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? -
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind,
In dürren Blättern säuselt der Wind. -
„Willst feiner Knabe du mit mir geh’n?
Meine Töchter sollen dich warten schön,
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“
Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düsteren Ort? -
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. -
„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt,
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!“
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an,
Erlkönig hat mir ein Leids getan. -
Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind,
Er hält in den Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not,
In seinen Armen das Kind war tot.
Johann Wolfgang von Goethe
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