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Der Tod war ein häufiger Gast in der kleinen Stadt Mystic Falls im Süden von Virginia. Beim besten Willen konnte sich Damon nicht daran erinnern, wie viele leblose Körper sie in den letzten Jahren verschwinden lassen mussten – heimlich im Steinbruch, im See, im lockeren Waldboden entsorgt hatten.  Was sollten sie mit Elenas Leiche machen? Ein ziemlich großer Teil seines Gehirns beschäftigte sich mit dieser Frage. Ein gläserner Sarg vielleicht wie bei Schneewittchen? Etwas in ihm kicherte hysterisch und er unterdrückte die Regung sofort. Irgendwie schien sein Verstand gerade auf mehreren völlig unterschiedlichen Ebenen zu arbeiten. Parallel verarbeitete er verschiedene Probleme: Drei Beerdigungen – auch Ricks und Klaus‘ Körper mussten entsorgt werden. Die Tatsache, dass er selbst entgegen jeder Erwartung Klaus‘ Tod überlebt hatte. Das Rätsel, was hier eigentlich geschehen war.  Des Fakts, dass sein Bruder und er bei ihrem wichtigsten Ziel versagt hatten, da die eine Person, die sie beschützen mussten, tot in der Leichenhalle des Mystic Falls Krankenhauses lag. Warum hatte Elena ihn angerufen um sich von ihm telefonisch zu verabschieden – was bedeutete, dass sie sich für seinen Bruder Stefan entschieden hatte – während Stefan ihm kurz zuvor mitgeteilt hatte, dass er, Damon, Elena für sich gewonnen hatte? Wieso war sie nur wenige Augenblicke später gestorben? Zum Teufel, er war nur ein paar Stunden weg gewesen, wie konnte sich etwas ganz einfaches in so kurzer Zeit in so seinen unübersichtlichen Scherbenhaufen verwandeln?
„Wo ist sie?“ Hatte er das eben laut gesagt? Eine weitere Ebene, sein Gehirn konnte sogar noch kommunizieren. Als Antwort tauchte dieses blasse Gespenst einer Frau aus der Vergangenheit vor ihm auf. „Damon, warte!“ „Wo ist sie?“ offenbar klappte das mit dem Sprechen doch nicht so perfekt. Das Gespenst hielt ihn an der Schulter fest und redete schnell auf ihn ein, wobei er nur die Hälfte verstand. „… schlimmer als ich euch gesagt habe. Es war keine Gehirnerschütterung, sie hatte ein Aneurysma….“ Bla, bla, bla. Elena hatte Gehirnblutungen? „Was sagst du da?“  Ein seltsamer Fakt, den er drehte und wendete, um ihn dann zu den Rätseln zu schieben, die er später aufklären musste. Sie war tot – war das der Grund dafür? Der Name der Frau fiel ihm wieder ein. Meredith. Warum versuchte sie ihn aufzuhalten? Warum sah sie ihn so eindringlich an, als wäre es unglaublich wichtig, dass er sie auch wirklich verstand? „… brauchte meine Hilfe!“ Sie betonte jedes Wort. Was wollte sie ihm nur sagen? „Du…. Was?“
Der Teil seines Gehirns, der für drohende Gefahren und Merkwürdigkeiten in seinem Umfeld zuständig war, drängelte sich an die Oberfläche und meldete Alarm. Drei Personen befanden sich in seinem Umfeld – ein Sanitäter und Meredith im Obduktionsraum, sein Bruder in der Leichenkammer. Was war das für ein seltsames Geräusch aus der Leichenkammer? Ein tiefer, röchelnder Atemzug, mit einem flatternden Timbre über den Stimmbändern, das ihm ohne zeitliche Verzögerung eine Gänsehaut über den ganzen Körper jagte? Seine Füße waren wie festgenagelt, aber er konnte den Kopf wenden um in den nächsten Raum zu sehen. Grauer Stahl, graues Licht, sein Bruder Stefan, selbst merkwürdig grau, der von einem grauen Stuhl aufsprang und sekundenschnell zwei Meter zurücksprang. Eine graue Bewegung hinter all dem, ein Körper, der sich aufbäumte. Während seine restliche Umgebung in den Hintergrund trat, zoomte sein fantastisch klar und unabhängig arbeitender Verstand den Nachbarraum heran.
Riesige, dunkelbraune Augen, blasse Haut über einem kleinen Gesicht, in das Bewegung kam. Die Augen schweiften blicklos über den Raum hinweg. Stefan beugte sich gespannt vor. Das war Elena. Sie bewegte sich, wandte den Kopf zu Stefan und versuchte, ihn zu fokussieren. „Elena?“, wisperte Stefan. „Erkennst du mich?“ Ein leises Wimmern kam von den Lippen, von denen Damon geglaubt hatte, sie würden sich nie mehr bewegen. Ihre Hände begannen zu zucken, unruhig über den Stahl der Bahre zu fahren. Stefan kam vorsichtig einen Schritt näher. „Kannst du mich verstehen?“ Er hob eine Hand und streckte sie nach ihr aus.
Damon begann zu begreifen, was dort drinnen gerade geschah. Das, was Meredith gesagt hatte und ihm zuvor noch völlig unverständlich gewesen war, ergab plötzlich einen Sinn. Einen grausamen, wichtigen, katastrophalen, wunderschönen Sinn. Elena atmete vorsichtig ein und wimmerte erneut, während Stefan sich langsam weiter auf sie zuschob. Damon fixierte Meredith. „Was hast du getan?“, zischte er. ‚Wie konntest ausgerechnet du ihr das antun?‘ hatte Stefan ihn damals angebrüllt. Das Déjà-vu schob sich nach vorne und wollte auch beachtet werden, doch er fegte es wütend beiseite.
Das Wimmern im Nachbarraum wurde lauter. Und dann hörte er ein Wort, das augenblicklich jede Ebene seines Bewusstseins beanspruchte. „Damon“, wisperte Elena. Seine Füße setzten sich in Bewegung. „Daaaaamonnnnn!“, ihre Stimme gewann an Kraft, sie rief nach ihm, schrie seinen Namen.  Ihr Körper begann sich zu bewegen, schob sich von Stefan weg über den Stahl. Ohne darüber nachzudenken war er an ihrer Seite und fing sie auf, als sie über die Kante der Bahre nach unten fiel. Ihre Arme fuchtelten noch einen Augenblick unkoordiniert in der Luft herum, dann fanden ihre Hände seinen Arm und seine Brust und klammerten sich an seiner Lederjacke fest. Ihr Kopf drückte sich gegen seine Brust und sie wimmerte erneut, so verloren und herzzerreißend, dass ihm davon schwindelig wurde. Eine andere Facette seiner Persönlichkeit wurde aktiviert. Wovor auch immer sie sich fürchtete, er war ihr Salvatore – ihr Retter.
Stefan hatte noch immer die Hand nach ihr ausgestreckt, doch er war erstarrt stehen geblieben. Meredith, die hinter Damon den Raum betreten hatte, beobachtete fasziniert das Geschehen, während Elena weiter versuchte, sich in Damons Armen möglichst unsichtbar zu machen. Sie wisperte etwas, und trotz seines scharfen Gehörs zweifelte er, richtig verstanden zu haben. „Er bringt mich um! Lass es nicht zu – hilf mir, Damon!“ Wieder stieß sie seinen Namen mit der Heftigkeit größter Angst und Verzweiflung hervor. Meredith griff nach Stefans Arm. „Es ist das Adrenalin.“, sagte sie. „Die physische Auswirkung der Todesangst ist noch in ihrem Körper!“
Damon verbarg Elena in seiner Umarmung. Noch war er zu verwirrt, um Glück oder Zorn zu spüren, aber das hatte ihn noch nie davon abgehalten, so zu handeln, wie es seinem ersten Reflex entsprach. Er schob Elena den linken Arm unter die Kniekehlen und richtete sich auf. Gerade noch, dass er sich die Zeit nahm „Wir reden später“ in Richtung Stefan und Meredith zu zischen, dann war er mit dem zitternden Bündel in seinen Armen verschwunden.
 
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