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Ich habe es ja bereits angekündigt/ angedroht! Hier nun ist das Resultat...
Mir juckte es mal wieder gewaltig in den Fingern, ich MUSSTE einfach mal wieder eine Geschichte in dieser Sparte hier schreiben und... ich habe das für mich ultimative Opfer gefunden, einen Menschen, über den es meiner Meinung nach wert ist, zu schreiben. Fragt sich am Ende nur, ob dies nun gut oder schlecht ist. :o)

Um es einigen von Euch ein wenig zu vereinfachen, da der riesen Erfolg von The Cult nun auch ein paar Jährchen (genauergenommen aus den 80ern) zurück liegt und meine Geschichte ebenfalls Anfang der 90er spielt, habe ich mir dieses Mal überlegt, den lieben Ian gleich mal visuell ins Geschehen mit einzuführen. Wer diese Schnitte also nicht kennen sollte, es aber doch unbedingt wissen will, klicke einfach auf u. a. Link.
http://www.youtube.com/watch?v=I4bZUCG5fmQ&feature=related

Soll aber keinesfalls ein Zwang sein. Ihr könnt Euch auch getrost selbst ein Bild machen. Die Hauptsache ist, es gefällt...
Ich freue mich also, Euch wieder einmal durch ein geschichtliches Gefühlswirrwarr führen zu dürfen und hoffe auf rege Anteilnahme :o)))

...............


Ich schreibe viel, ich denke mehr, ich rede wenig!
Wie beginnt man aus einem Tal von Hoffnungslosigkeit zu schreiben, wie findet man den Weg zurück ins Licht, ins Leben, in eine vielleicht aber doch trostlose, von Irrlichtern geblendete Welt, die einst so schön, so erfolgversprechend, so problemlos war, aber es niemals mehr werden wird?
Warum sieht man sich selbst immer als so besonders, so einzigartig, wenn man doch nur ein mikrokleiner Punkt, ein Nichts im großen, weiten Universum darstellt? Wir sind zwar alle Teil eines Ganzen, aber ist es nicht ohne Bedeutung, wenn ein Staubkörnchen vom Winde weg geweht wird und sich verliert in dem Ziellosen, außerhalb der geordneten Maschinerie? Geht es nicht eher unter, ist ohne Bedeutung, dass mit einem Mal, für einen klitzekleinen Moment eine Lücke entstanden ist, die aber genauso schnell wieder befüllt wird, da neues Leben ebenso schnell nachrückt, wie das Ableben?

Wird nicht sowieso immer ein geregelter Ausgleich geschaffen, ohne dass irgendjemand, irgendeinen Ausfall mitbekommt? Wenn ein Lichtlein in einer Lichterkette ausfällt, wird aus dem Bestand noch vorhandener Ersatzbirnen einfach eine neue eingesetzt, ohne das es am Weihnachtsbaum großartig aufgefallen wäre, dass ein Lämpchen erloschen ist. Brenzlig wird es nur, wenn mit einem Mal mehrere ausfallen, der Vorrat aufgebraucht ist. Aber meist kommt es erst gar nicht so weit, weil man vorsorgt, immer genügend Ersatz zur Verfügung hat und einfach nichts mehr dem Zufall überlassen wird.

Was war ich eigentlich davor, vor meinen heutigen Erkenntnissen? Doch nicht etwa auch nur eine Funktion der Unterhaltung? War es nicht meine zugeordnete Aufgabe, die Massen zu erfreuen, zu entertainen, dem grauen Alltag für einen Moment nur zu entfliehen und für Spaß und Freude zu sorgen? Es ist alles Bestimmung, da bin ich mir mittlerweile mehr als sicher. Schlimm nur ist, wenn man plötzlich die Augen öffnet, das Szenario zu durchschauen glaubt und mit einem Mal sich nicht mehr zugehörig fühlt.

Mir ging es so, vor gut zwei Monaten. Mir wurde mit einem Mal alles unter den Füßen weggezogen, schonungslos, ohne Vorwarnung, ohne Aussicht. Einst war ich ein gefeierter, schillernder Rockstar, auf Erfolgskurs und geblendet von der Glitzerwelt. Auf dem Siegestreppchen stand ich mit meiner Band, mit meinen Freunden, und genoss das Rockstarleben aufs Herrlichste aus. Nichts war mehr unmöglich, die Person Ian Astbury wurde gefeiert, verehrt und man glaubte tatsächlich irgendwann, man wäre Gott, unverwundbar und unersetzlich. Nichts und niemand konnte uns etwas, The Cult war Kult, die Massen liebten uns und wollten mehr. Niemals hatte ich damals, zu Schulzeiten, daran geglaubt, dass es einst meine Bestimmung sein würde, eine Rockband zu gründen und den Durchbruch zu schaffen. Denn was war ich - was waren wir - schon?

Alles fing so winzig klein an. Ich besuchte eine stinknormale Schule in Yorkshire, England, war schüchtern, hatte kaum Freunde und die Mädchen machten auch einen großen Bogen um mich. Ich hatte mit zwölf Jahren eine Zahnspange für ein Jahr verpasst bekommen, zu allem Übel auch noch diese allseits verhasste, feste Spange, wo man bei jedem Lächeln diese grauenhaften, silbernen Knöpfchen preisgab und die man nicht so ohne weiteres mal rausnehmen konnte. Am Ende jedoch hatte dieses Foltergerät nicht einmal das eingehalten, was es im Normalfall angepriesen hatte. Die erwünschte, geradlinige Zahnreihe hatten andere, nur nicht ich!
Nicht, dass es mich sonderlich stören würde oder mir auf meinem Erfolgskurs in irgendeiner Weise hinderlich gewesen wäre. Ich konnte durchaus damit leben, es war im Grunde genommen nicht weiter schlimm und gehörte nun mal zu mir, aber die Qualen, die ich als heranwachsender Teenager damit hatte, waren nun mal einfach umsonst und mit dem Resultat hätte ich sie mir auch ersparen können.

Dennoch war es auch nicht so, dass mir diese Spange nun alles vermasselt hätte. Es gab mehr als genug anderer Gründe für die Mädels, vor mir davon zu laufen. In meiner Pubertät hatte ich ziemlich starke Akne und einen leichten Sprachfehler, der immer, wenn ich aufgeregt war, auftrat. Ich begann dann anscheinend falsch zu atmen, bekam kaum ein gescheites Wort heraus und ich muss wohl nicht betonen, wie das auf Mädchen wirken mag.

Meine erste Freundin, eine dreimonatige Beziehung, hatte ich mit 18 und sie hatte definitiv keinen Bestand. Es war eher eine Zweckgemeinschaft, da wir beide Außenseiter waren und annahmen, wir müssten endlich auch mal das tun, was alle anderen schon seit gut drei Jahren taten. So landeten wir also irgendwann gemeinsam im Bett und es war ein Desaster, aber zumindest eine Erfahrung, an die man sich erinnert. Typischerweise ging bei mir schon im Vorfeld alles in die Hose. Krampfhaft versuchten wir jedoch, ihn wieder zu mobilisieren, doch dann hatte sie plötzlich Panik, verschloss ihre Schenkel und wieder einmal landete alles woanders, nur nicht, wo es hin sollte. Es waren grauenhafte drei Stunden, bevor wir beide unser erstes Mal hinter uns gebracht hatten und war bis auf weiteres das einzige Mal, denn schon am nächsten Tag war alles vorbei. Sie war enttäuscht von mir, ich fragte mich, was an diesem ungeschickten, zwanghaften Rumgegrabbel denn schön sein sollte und beschloss, von nun an lieber wieder alles mit mir selbst auszumachen.

Freude hatte ich ebenfalls keine, da ich ein recht verschlossener, ungeselliger Junge war und mich lieber in meine eigenen vier Wände zurückzog, statt mit den anderen um die Häuser zu ziehen, Party zu machen oder zu saufen. Ich glaube, bis zu meinem 18 Lebensjahr hatte ich keinen Tropfen Alkohol angerührt, was durchaus in England sehr ungewöhnlich war, da ausnahmslos alle Teenies, die was auf sich hielten, schon früh mit dem Saufen begannen, um lockerer zu werden, um Mädchen aufzureißen, um der ungekrönte Suffkönig des Jahrgangs zu werden.

Wie gesagt, ich war damals eindeutig anders, aber nicht aus freien Stücken heraus, sondern zwangsläufig. Unbeliebte Kinder ziehen sich nun mal lieber zurück und so begann ich früh, Gedichte zu schreiben, meinem Kummer, den ich immer in mich rein gefressen habe, auf Papier freien Lauf zu lassen. Vom Dichten ist der Schritt zum Song schreiben nicht mehr allzu groß und da ich von jeher ein leidenschaftlicher Musikhörer war, Led Zeppelin, die Stones und Black Sabbath meine absoluten Helden, die auch noch zufällig aus England kamen, waren, begann ich sehr bald, meinen Gedichten Melodien zu verpassen und füllte bergeweise Schreibheftchen mit meinen eigenen Liedern.

Ich war stolz wie Oskar, fühlte endlich mal eine Leidenschaft in mir, die mir all die Jahre zuvor gefehlt hatte und hatte endlich mal Grund, mich selbst zu loben und von meinem Talent überzeugt zu sein. Doch weiter wollte ich gar nicht gehen. Nie im Traum hätte ich daran gedacht, jemals die großen Bühnen weltweit zu besteigen, die Hallen zu füllen, die Massen zu begeistern. Ich war nun mal alles andere als von mir überzeugt und war ja nicht mal sonderlich musikalisch. Weder spielte ich ein Instrument, noch konnte ich Noten lesen. Meine Aufzeichnungen für die Melodien waren eher eine Art Liniendiagramm. Ich zeichnete die Höhen und die Tiefen ein und trällerte diese auf gut Glück nach. Irgendwie klangen daher die Lieder von Tag zu Tag anders, aber das störte mich nicht im Geringsten.

Nachdem ich die Schule mit ach und Krach beendet hatte, entschied ich mich unter Druck meiner Eltern für eine grundsolide Lehre beim Tischler. Es machte mir sogar Spaß, Möbel aus Holz herzustellen, eigene Verzierungen zu schnitzen und somit jedem Möbelstück eine eigene Note zu verleihen, aber irgendwas fehlte mir im Leben, ich wusste nur nicht, was.

Ich arbeitete bereits vier Jahre lang in dieser Tischlerbude, war 20, als ich zufällig, während ich zum Feierabend nun doch das ein oder andere Pub aufsuchte, einen Typen namens Billy Duffy kennenlernte. Ein echt cooler Typ, der schon in diversen Bands Gitarre gespielt hatte und irgendwie, ich kann es mir immer noch nicht erklären, setzte er sich zu mir an die Bar und fing mit mir ein Gespräch an. Anfangs eher einseitig, da ich immer noch sehr schüchtern war und mit fremden Menschen schon gar nicht redete, nach und nach jedoch kam selbst ich aus mir raus.

Ich kann mich noch genau erinnern, wie er mich fragte, ob ich in irgendeiner Band spielen würde, ich ihn nur verdutzt anschaute und er lachend meinte, ich sei doch genau der Typ für eine coole Rockband. Mein langes Haar, damals zumindest schon knapp über die Schultern, diese geheimnisvolle Aura, die mich umgibt. Ich sei doch bestimmt ein Mädchenmagnet. Damit war der Knoten geplatzt. Ich lachte frei heraus, nahm anfangs an, er wolle mich verarschen, aber nach dem dritten Bier erzählte ich ihm sogar von meinen Songtexten und bereits am nächsten Abend trafen wir uns in seinem Keller und probten einige Songs und mir wurde schlagartig bewusst, dass dies genau das war, worauf ich jahrelang gewartet hatte. Dies war mein Traum und Billy half mir dabei, ihn zu verwirklichen.

Ab da an ging es steil bergauf. Wir heuerten den ein oder anderen Musiker an und ich hatte endlich meine Rolle im Leben gefunden. Ich schlüpfte in mein Sängerkostüm, fühlte mich als Frontmann einer Band pudelwohl und ging auf, wie eine Rose. Ich würde es Berufung nennen, denn würde ich heute noch im Tischlerbetrieb arbeiten, ich wäre immer noch allein, schüchtern und zurückgezogen.
The Cult war 1983 geboren und starb gut zehn Jahre später und damit starb auch der größte Teil von mir, denn ein Leben ohne Ruhm, ohne Anerkennung, ohne eine für mich sinnvolle Aufgabe war für mich unvorstellbar geworden.

Ich befinde mich also gerade an einem Punkt tiefster Niedergeschlagenheit, weiß weder ein noch aus, bin ausgebrannt und scheine ständig nur noch Fehler zu machen. Es geht mir nicht gut, meine einstigen Seelentröster funktionieren nicht mehr. Der Alkohol reißt mich nur immer tiefer in ein schwarzes Loch, die Pillen lassen mich zwar entspannen, schlafen, doch die Albträume holen mich Nacht für Nacht ein und schenken mir selbst dann, wenn ich schon nicht aktiv am Leben teilnehme und meine Zeit sinnlos mit Schlafen wegwerfe, keinen Frieden.

Immer, wenn ich den Drogen keine Chance mehr geben will, es selbst versuche zu kontrollieren, geht der Schuss nach hinten los. Tagelang nehme ich nichts, bleibe clean und versuche, endlich wieder ein guter Mensch zu werden, dann doch, nach mindestens drei Tagen, holen mich die Dämonen wieder ein und machen alles nur noch schlimmer. Immer mehr, immer exzessiver gebe ich mich meiner Sucht hin und könnte mich am nächsten Morgen selbst verprügeln dafür, ärgert es mich doch immer maßlos, dass ich wieder einmal schwach geworden bin, dem nachgebe und einfach nichts mehr selbst auf die Reihe bekomme. Es ist echt ein Höllenritt, der nun schon zwei Monate so geht, Tag für Tag, Nacht für Nacht. Ein Kampf gegen Windmühlen, den ich auch noch allein austragen muss. Ich habe niemanden, alle verloren, alles ist trostlos. Wie soll ich mich da selbst an meinen Haaren wieder aus der Scheiße ziehen?

Es ist an der Zeit, sich helfen zu lassen, eventuell sind es nur ein paar Denkanstöße, ein gut gemeinter Ratschlag und alles läuft wieder nach Plan. Manches Mal verrennt man sich alleine in etwas und kommt einfach nicht mehr los, obwohl es alles so banal, so einfach ist. Ich denke also, morgen werde ich die Hebel in Bewegung setzen, um endlich wieder die Zügel selbst in den Händen zu halten, meine Zügel, die ich lang genug schon aus den Augen verloren habe und die ich alleine gar nicht mehr zu fassen bekomme. Ich werde morgen den Schritt in die Zukunft wagen, werde der Vergangenheit entfliehen und nach vorne schauen.

Heute aber, heute gebe ich noch mal alles, um mich ordentlich mit meinen inneren Dämonen anzulegen, sie herauszufordern, um sie dann einfach so ab morgen ins offene Messer laufen zu lassen. Mein Leben muss sich grundlegend ändern, aber ich bin bereit, bereiter als bereit. Ich will es so sehr, will nicht wieder der Arsch sein, der selbst nichts auf die Reihe bekommt, der wieder einmal in sein altes Muster, das des Opfers, zurückfällt und nur lahm die Hände hebt und kapituliert. Nein, nicht mir mir. Ich werde es Euch allen zeigen!
Ian Astbury ist noch lange nicht tot, Ian Astbury gibt nicht auf. Und wenn sich die ganze Welt gegen ihn stellt, hebt er einfach ab und schwebt wie Jesus über die Köpfe der Anderen. Wahnwitzige Wortstellung. Es tut mir Leid, die große Sause für heute hat bereits begonnen, die Gedanken ziehen sich in Nebel und ich werde mal zusehen, dass ich dem 'Balloon' noch einen letzten Besuch abstatte, bevor die lieben Damen dort mich für die nächsten Monate, vielleicht auch für immer, nicht mehr sehen werden.
 
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