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von Ace Kaiser    erstellt: 27.01.2011    letztes Update: 10.10.2011    Geschichte, Abenteuer / P12    (pausiert)
Mit einem Hauch Verzweiflung betrachtete Roder Gartest die schlanke, schwarzhaarige Gestalt in der Mitte der Brücke der stolzen Luftkorvette SCHNELLER RUHM. Sie trug die Abzeichen eines Vize-Kapitäns, und war damit die ranghöchste Offizierin an Bord. Das bedeutete, sie kommandierte die SCHNELLER RUHM, und das war im Moment eine äußerst fatale Sache. Kronstadt war eine ganz besondere kawabitische Stadt, und die Kapitänin des Schiffs war gerade dabei, all diese Besonderheiten zu ignorieren.
Ein hastiger, fast flehender Blick kam vom Ersten Offizier Landers Atreni. Der erfahrene, grauhaarige Veteran trug selbst nur dem Rang eines Kommandeurs, genau eine Stufe unter der jungen Frau, und galt als einer der erfahrensten Offiziere der gesamten Luftflotte. Wohl ein Grund, warum sein Schiff als Kapitänsschmiede galt, und warum er selbst bisher jedes eigenständiges Kommando ausgeschlagen hatte. Das, und die hervorragend laufenden Schwarzmarktgeschäfte, die er mit Kronstadt unterhielt, und die ihn mittlerweile zu einem sehr vermögenden Mann gemacht haben sollten.
Wieder diese flehenden Augen, dieses "Tu was". Aber was bitte sollte er schon tun können? Er war Leutnant, kein Admiral, und zudem auch noch der Kapitänin als Adjutant zugeteilt. Er hatte nur einen äußerst begrenzten Einfluss auf sie, und den hatte er schon beim Versuch, ihr diesen Angriff auszureden, komplett aufgebraucht.
Ein kalter Schauder ging ihm über den Rücken, als sie sich plötzlich umwandte und ihn fixierte. Sie, Vize-Kapitänin Naradi Thoram. Okay, sie war schön, hatte den schlanken Wuchs der Thoram-Familie, aber das schwarze Haar ihrer Mutter aus der Aleson-Familie geerbt, das sie schulterlang und offen trug. Nicht umsonst war sie in ihrem Abschlussjahrgang zur "Miss Akademie" gewählt worden. Und da war noch der Umstand, dass die Thorams schon seit jeher eine wichtige Rolle in Politik, Wirtschaft und Militär gespielt hatten, seit es Tyrland gab. Darüber hinaus war sie lernwillig, intelligent und gewitzt. Sonst hätte sie kaum ihren Abschluss als Jahrgangsbeste gemacht und wäre nicht aus dem Stand über die Leutnantsränge bis zum Kommandeur befördert worden. Und sie hätte nicht nach nur einem läppischen Jahr die Promotion zum Vize-Kapitän erhalten. Er selbst, aus ihren Jahrgang und irgendwo im Mittelfeld der Offizierskadetten angesiedelt, konnte froh sein, dass er es vom Fähnrich zum Leutnant geschafft hatte. Gegen ein geborenes Genie wie sie war er nur ein kleines Licht. Das Fatale war, dass sie es ihn nie spüren ließ, wie unterlegen er ihr eigentlich war. Außer, er widersprach ihr. Dann konnte sie garstig und gemein werden. Aber es war allgemein bekannt, dass Thorams nicht gerade mit Geduld gesegnet waren, geschweige denn mit besonders viel Feingefühl.

Im Moment bewahrheitete sich so ziemlich jedes Vorurteil, das jemals jemand über einen Thoram verbreitet hatte. Kaum hatte sie vom mehr als illegalen Verhalten der Grenzschiffe gehört, von den Stadteroberungen Kronstadts, die keine waren, hatte sie sich dazu entschlossen, dies ein für allemal zu unterbinden. Und das konnte man am besten durch einen echten Angriff, der das Vertrauen der Kawabitiner auf ewig zerstörte. Alles, was Naradi Thoram dafür tun musste, war, über der Stadt zu kreuzen und ein paar scharfe Schüsse abzufeuern. Es verwunderte Roder dabei schon etwas, dass sie sich Ziele aussuchte, die nicht frequentiert waren, bewusst zivile Opfer vermied. Aber mit dem gängigen Technologieschmuggel von Kronstadt ins Reich hinein war es damit sicherlich ein für allemal vorbei. "Du bist mit meinem Vorgehen nicht einverstanden, Leutnant Gartest?", fragte sie mit ihrer angenehmen hellen Stimme.
Roder straffte sich. "Nein, Kapitän, das bin ich nicht. Aber meine Meinung hat hier und heute nicht einmal ansatzweise so viel Gewicht..."
Zufrieden wollte sich die junge Thoram wieder abwenden.
"...wie das des Kaisers."
"Des Kaisers?", fragte sie interessiert.
"Ich habe nachgedacht", begann Roder, und in seinem Geist formten sich die Worte, als wären es die Einflüsterungen eines Fremden. "Ich habe überlegt, wie viele Überfälle, Eroberungen und Verluste von Kronstadt in den letzten achtzig Jahren real waren. Und wie viele lediglich gestellt, damit Tyrländer Soldaten in aller Ruhe die kostbare Hochtechnologie einkaufen konnten, die Kronstadt produziert und vertreibt. Hochtechnologie, die ansonsten nur über drei oder vier fremde Staaten zu uns gelangt und dementsprechend teuer ist. Ich habe nachgedacht, warum dem Geheimdienst diese merkwürdigen Grenzkonflikte niemals aufgefallen sind. Warum niemand den Kaiser informiert hat."
Naradi Thoram wurde blass. "Es ist unmöglich, dass der Kaiser nicht davon erfahren hat." In ihrem Gesicht schien es zu arbeiten, die Gedanken schmiedeten sich hinter ihrer perfekten Stirn, und ließen eine nachdenkliche Falte entstehen. "Aber das würde ja bedeuten, seine Majestät begünstigt..."
"Begünstigt den Konflikt mit Kawabiti, unserem historischen Feind, und ermutigt seine Soldaten, jederzeit den Waffengang mit ihnen zu suchen", sagte Roder hastig, bevor seine Kommandantin den Kaiser öffentlich verdächtigen konnte, Schmuggel zu begünstigen. Einmal in die falschen Ohren geraten, konnten diese Worte zu ihrer sofortigen Entlassung führen, Haus Thoram hin, Haus Thoram her. Und der Tyrländische Geheimdienst hatte seine Informanten überall. "Der Kaiser weiß sicherlich, dass die meisten Eroberungen Kronstadts vor allem der Übung der Soldaten geschuldet waren, und dass die schwächliche Miliz der Stadt nicht zu mehr taugt, als seinen Offizieren einen Hauch taktischer Erfahrung mitzugeben. Ich bin sicher, er regt sich nicht darüber auf, dass seine Offiziere eine Stadt, die er jederzeit einnehmen kann, für ihre Übungen benutzen. Auf diese Weise sind die Kawabitiner wenigstens zu etwas nütze."
Am hellen Glimmen ihrer Augen erkannte Roder Gartest, dass sie gerade zwei Sachen erkannt hatte. Einerseits die goldene Brücke, die er der Thoram gebaut hatte, andererseits, dass er sie vor einer Denunzierung durch den Geheimdienst gerettet hatte. Nicht ganz uneigennützig, denn als ihr Adjutant stand und fiel er mit ihr. Eine entlassene Naradi Thoram würde in seinen Akten zu finden sein, wenn er nicht gleich mit entlassen wurde.
Ihr Blick wurde beißend, vorwurfsvoll. Und Roder wusste genau, was sie ihm sagen wollte: Warum ist dir das nicht früher eingefallen? Sagen wir, vor unserem Abflug?
Ein flüchtiges Grinsen huschte um seine Lippen. Besser spät als nie, oder?
"Nun gut, ich denke, wir hatten unsere Übung. Schäden hat es ja laut meiner Befehle nicht gegeben, und..."

"Kapitän, wir orten einen Ocran-Zug, der ins Depot der Stadt einlaufen wird", meldete der Ortungsoffizier. "Laut dem Funk, den wir abgehört haben, handelt es sich um die TRAHIMS RUH, und damit um den Zug eines Fahrenden Ritters."
Oh nein, nein, nein, dieser Idiot! Dieser absolute Idiot! Roder hätte sich die Haare raufen können, oder noch besser, dem unglücklichen Ortungsoffizier. Denn er wusste genau, was jetzt kommen würde. Naradi würde kombinieren, überlegen, und zu dem Schluss kommen, dass ihr der scharfe Beschuss der Stadt verziehen werden würde, wenn sie eine besondere Trophäe mitbrachte. Zum Beispiel den Sieg über einen Fahrenden Ritter Kawabitis. Und auch für Kronstadt hatte sie dann eine passable Ausrede. Sie hatte den Fahrenden Ritter hervorlocken wollen. Wie verdammt schlau von ihr, dass sie Kollateralschäden von vorneherein hatte vermeiden wollen. So funktionierte die Ausrede.
"Schaltet mich auf die Außenlautsprecher. Ich werde den Fahrenden Ritter herausfordern."
Ein erleichtertes Raunen ging durch die Reihen der Brückenbesatzung. Zumindest bis sich der Funkoffizier zu Wort meldete. "Die TRAHIMS RUH steht unter dem Kommando von Thrail Anthil, Kapitän."
Das ernüchterte die Offiziere und Mannschaften dann doch wieder ein wenig. Denn wenn nur die Hälfte, ach, ein Zehntel dessen wahr war, was an Berichten über diesen speziellen Ritter kursierte, dann würde sich Naradi mit einem Veteranen der Wallard-Ebene anlegen. Von seinen weiteren Abenteuern und Schlachten gar nicht zu reden.
"Perfekt", sagte sie mit freudiger Stimme.
"Sie sind auf Außen geschaltet, Kapitän", meldete Atreni. "Bootsmann, die Bodentruppen mobil pfeifen!"
"Aye, Lord Atreni. Klar Schiff pfeifen!"
Der Unteroffizier trat an die Kommeinrichtung und blies das "Klar Schiff zum Gefecht bereit machen". Als der letzte laute Pfiff verklungen war, griff Naradi Thoram nach dem Mikrophon an ihrem Sessel, und begann mit ihrer ruhigen Stimme zu sprechen. "Thrail Anthil, hier spricht Vize-Kapitän Naradi Thoram von der kaiserlichen Luft-Korvette SCHNELLER RUHM. Ich hätte nicht gedacht, dass aus einer simplen Übung eine solche perfekte Gelegenheit werden würde."
Roder runzelte die Stirn. Schon begann das gerissene Biest über die Lautsprecher ihre Korrektur der Wirklichkeit zu verbreiten. Und er war sich sicher, genügend Menschen würden ihr glauben. Das war das Fatale an einer Thoram.
"Thrail Anthil, ich fordere dich heraus! Ich verlange ein ordentliches Duell, und zwar... Auf dem Westplatz neben den Entran-Schienen. Wir wollen schließlich nicht, dass es in der Stadt zu unnötigen Schäden kommt."
Nun, sie hatten über der Stadt scharfe Schüsse abgegeben, wie sich Roder nur zu gut erinnerte. Das konnte man, obwohl die Schüsse nicht auf die Stadt gezielt gewesen waren, als absoluten Bruch jedes Vertrauens werten, das jemals zwischen Tyrländer Militär und Kronstadt bestanden hatte. Aber er war sich sicher, dass die Kronstädter Naradi schon sehr bald aus der Hand fressen würden. Sie war halt so eine Frau, eine geborene Politikerin. Ihr einziger Fehler war ihr Sinn für Anstand und Ehre. Sie war eine von diesen verdammten Idealisten. Und die waren schon anstrengend genug, wenn man sie kommandieren musste. Sie als Kommandeure zu haben war allerdings kaum noch zu ertragen. Vielleicht wäre eine Entlassung aus dem Militärdienst doch ganz angenehm gewesen. Dann hätte er wenigstens nicht mehr der hochintelligenten Vorzeigeoffizierin dienen, und sich von ihrem Idealismus von einem Schlamassel in den nächsten reiten lassen müssen.
"Kapitän, die TRAHIMS RUH bestätigt das Duell und den Ort", meldete der Funk. "Man fragt, ob wir ihnen eine Vorbereitungszeit von fünfzehn Minuten gewähren."
"Ich will nicht kleinlich sein. Sollen sie ihre fünfzehn Minuten haben." Abrupt stand sie auf. Sie ging an Roder vorbei. "Leutnant Gartest, mein Knave soll bereit gemacht werden. Ihre Maschine auch."
Roder nickte nachdrücklich, und hoffte, dass sie die Zweifel in seinem Gesicht nicht sehen konnte. "Wie Sie befehlen, Kapitän."
Zweifellos begann der Ärger gerade erst richtig. Und er steckte mittendrin. Ob es vielleicht half, Naradi in ihrem Quartier anzuketten?
***
So hatten sie das nicht geplant. Um genau zu sein hatten sie gar nichts geplant, aber die bisherigen Ereignisse, die der Besatzung der TRAHIMS RUH' widerfahren waren, konnte man selbst für die Maßstäbe des Gefolges von Thrail Anthil als ungewöhnlich bezeichnen. Es kam nicht jeden Tag vor, dass man nach Hause kam, ein Attentat erlebte, das den Zug halbierte, nur um dann die erste freundliche Stadt unter der Bedrohung durch eine kaiserliche Luft-Korvette vorzufinden, dessen Kommandeur einen Knave-Kampf verlangte. Und dabei war der Tag noch nicht einmal zu zwei Dritteln vergangen.
Als Thrail die Funktionen des Knaves überprüfte, geschah dies in aller Hast. Fünfzehn Minuten waren keine lange Zeit, aber er als fahrender Ritter Kawabitis war verpflichtet, jeden Ort und jeden Bürger des Landes bei jeder sich bietenden Gefahr zu verteidigen. Zwar gab es die Regel, dass er sich im Falle einer drohenden Niederlage zurückziehen durfte, aber zuerst einmal musste er den Kampf aufnehmen. Davon abgesehen bedeutete die Luft-Korvette sowohl für Kronstadt als auch die TRAHIMS RUH' eine nicht zu unterschätzende Gefahr.
Jorgas half ihm bei der Überprüfung, während sich Kerhist und Iedelit nützlich machten und die Waffen des Knaves überprüften.
Iedelit überprüfte die innere Rüstung ihres Ritters, eine Tätigkeit die ihr Thrail beinahe noch am ersten Tag beigebracht hatte, um ihre Fähigkeiten einzuschätzen und um zu überprüfen, ob er ihr trauen konnte. Mittlerweile ließ er diese Prüfung vor jeder Schlacht nur noch von ihr vornehmen. Oh, es gab Bessere für diese Arbeit, wenn man auch nicht sehr viel falsch machen konnte. Aber sie leistete gute Arbeit, und er fühlte sich merkwürdigerweise besser, wenn es ihre Hände waren, die seinen Panzer überprüft und geschlossen hatten. Teavelit Ruudir, seine Cheftechnikerin, beaufsichtigte derweil die ersten notwendigen Maßnahmen, um den notdürftig geflickten Zug ins neugebaute Dock zu bugsieren, um aus dem "zeitabhängigen Pfusch"eine richtige Reparatur zu machen.
Die restlichen Bewohner des Zuges, Arbeiter, Soldaten, Forscher, versuchten sich derweil entweder nützlich zu machen oder wenigstens nicht im Wege zu stehen.

"Wie sieht es aus?", fragte Thrail Ienamat, die gerade die Magnetarmbrust überprüfte.
"Die Leistung ist nicht optimal. Der Magnet könnte stärker sein. Zwei Stunden Arbeit, und der Bolzen könnte die Schallmauer durchbrechen." Sie seufzte. "Aber so viel Zeit haben wir nicht, oder? Ich werde nach deinem Sieg schauen, was ich tun kann. Bis dahin musst du dich mit fünf Schuss begnügen." Sie räusperte sich vernehmlich. "Armbrust bereit."
"Gewehr bereit, zehn Schuss", meldete Kelhor. "Schwerter überprüft. Keine Strukturrisse. Wir könnten zusätzlich die Rolle Nano-Draht installieren. Das dürfte eine üble Überraschung für die Kaiserlichen sein."
Thrail überdachte das Argument mit Blick auf die Uhr. Gerade landete die Luft-Korvette auf dem freien Feld vor der Weststadt, um den eigenen Knave zu entladen. "Nein, ich bin im Umgang mit dieser Waffe nicht geübt. Ich würde mir mehr schaden als ihm."
Thrail sah zu Kerhist herüber. "Was wissen wir über meinen Gegner?"
"Naradi Thoram, Akademie-Abgänger, beste ihres Jahrgangs, ist jetzt schon zum Vize-Kapitän der tyrländischen Luftstreitkräfte aufgestiegen. Gilt als Pendant, legt die Vorschriften wörtlich aus und neigt dazu, Erfolg zu haben. Bis zu ihrer Versetzung an die Westgrenze hat sie im Nordland mehrere  Raubzüge der Tugsen zurückgeschlagen. Und das meistens ohne Unterstützung. Wir sollten sie als Knave-Ritter ernst nehmen."
"Da hast du Recht. Das klingt nach einem schwierigen Gegner. Moment, sagtest du "sie", Kerhist?"
"Ja, ich glaube, das sagte ich, mein Ritter."
"Na wunderbar. Gibt es noch etwas, was ich wissen sollte?", fragte Thrail mit deprimierter Stimme.
"Sie ist eine Thoram, und wie es ausschaut, aus der direkten Linie. Mit anderen Worten: Du kannst einen Krieg auslösen, wenn du sie tötest, Thrail. Und du kannst eine Invasion auslösen, wenn du sie gewinnen lässt."
"Ach, sind wir mal wieder in einem meiner lieb gewonnenen Ärgernisse? Das erinnert mich an das letzte Gefecht im Torg-Tal. Hinter uns überflutete der Fluss die Entran-Schienen, und vor uns  versammelte sich eine komplette Panzerkompanie."
"Was beschwerst du dich? Wir haben damals gewonnen, oder?"
"Ja, aber erst einmal mussten wir uns entscheiden zwischen ersaufen und verbrennen", sagte Thrail ärgerlich. "Wir hatten fünf Tote."
"Und wir hätten alle drauf gehen können, wenn unser Knave-Pilot nicht Thrail Anthil heißen würde", klang die Stimme des Bordarztes auf. Lorham Serghest stoppte sein Grav-Board knapp vor dem Knave. Als er ruhig stand, wagte es Arite, die sich die ganze Zeit angstvoll an ihn geklammert hatte, von ihm abzulassen und mit zittrigen Knien abzusteigen. "Mit dir fahre ich nie wieder, Lorham. Nie, nie, nie wieder."
Das brachte den Arzt zum Lachen. "Und was ist mit dir, Lenmes?"
Die junge Artib hatte hinter Arite gestanden und sie festgehalten. Eines ihrer seltenen Lächeln glitt über ihr hübsches Gesicht. "Mich kannst du jederzeit wieder mitnehmen. Das hat Spaß gemacht."
"Immerhin eine", sagte Lorham. Er verdrehte die Augen, schlug sich aufs rechte Ohr und sah zu Thrail hoch. "Hast du gerade was gesagt?"
Der Großmeister schüttelte den Kopf. "Nein, was ist los? Fängt die Altersschwerhörigkeit bei dir schon an?"
Der Heiler winkte ab. "Ich bin auf dem Ohr etwas schwerhörig, seit die Luft-Korvette direkt über mir ihre Kanonen abgefeuert hat. Ich war da gerade in Kertans Hinterhof. Ich hatte noch keine Gelegenheit, mich selbst zu heilen."
Thrail stellte sich den schachtförmigen Innenhof vor, und dann die Druckwelle der Schüsse der Bugkanonen der Korvette. Den Rest konnte er sich denken. "Schwein gehabt, das sie nicht tief flog."
"Schwein gehabt, das Lenmes da war. Sie hat die größte Wucht aufgefangen. Eine wahre Kriegerin und Beschützerin, das Mädchen."
Thrail runzelte die Stirn und sah zu der errötenden Artib herüber. "Lorham, du weißt aber doch, dass..." Er seufzte. "Vergiss es. Wenn du es selbst nicht merkst, macht es keinen Sinn, dir erklären zu wollen... Was ist?"
Nicht nur ein Gesicht grinste ihn an. "Hört, wer da spricht", ließ sich Kirhest vernehmen, mit viel wohlmeinendem Spott in die Stimme.
"Was? Habe ich jetzt irgendwas nicht mitgekriegt?", fragte Thrail irritiert.
Iedelit schloss den Kragen der Rüstung und griff nach dem Helm. "Mach dir jetzt darum keinen Kopf, mein Ritter. Du hast ein Duell vor dir." Sie drückte ihm einen Kuss auf die Stirn und legte den Helm an. Thrail wusste nicht mehr, wann sie damit begonnen hatte, aber mittlerweile war es vor jeder Übung und vor jedem Kampf ihr Ritual geworden; der Kuss war sein Talisman gegen jene Gefahren, die kein Können, sondern nur Glück abwenden konnte. Und manchmal fragte er sich, wie es sein würde, wenn sie nicht seine Stirn, sondern... Nun, er musste zugeben, das ganze Kriegshandwerk hatte ihm wenig Zeit, dafür aber viele Ausreden gelassen, um... Gewisse Dinge in seinem Leben nicht ausprobieren zu müssen. Doch je länger er mit Iedelit zusammen war, desto mehr begann er zu glauben, dass das ein Fehler gewesen war.
"Iedelit", begann er und griff mit den schweren Handschuhen nach ihren zarten Händen.
"Ja, mein Großmeister?", fragte sie lächelnd.
"Wenn das hier vorbei ist, wenn das Duell beendet ist, dann müssen wir reden. Es gibt da etwas, das mich... Das uns... Wir müssen dringend reden."
Leichte Röte huschte über ihre Wangen. "Ja, mein Ritter." Sie löste ihre Hand aus dem Griff ihres Herrn und sprang den Knave hinab. Früher wäre sie die Leiter hinab gestiegen, aber nach fast vier Monaten Dienst am Knave hatte sie einiges dazu gelernt. Zwei Meter Höhe über dem Boden schreckten die ehemalige Prinzessin nicht mehr.

Merkwürdigerweise fühlte sich Thrail geradezu beschwingt, als er den Panzer des Cockpits schloss.  Ein Hochgefühl hatte ihn ergriffen, in das sich die Scham darüber mischte, wie er Iedelit vor dem Ehrendenkmal behandelt hatte. Aber das Hochgefühl überwog, und exakt nach dem Ende der fünfzehn Minuten der Vorbereitungsphase ergriff er die Armbrust, das Gewehr und das Schwert und brach zur Wiese auf, die ihr Kampfplatz werden würde.
Auf der anderen Seite, in der Korvette, öffnete sich ein Hangar und entließ zwei Personen. Einen auf die Entfernung sehr kleinen Menschen in der Prunkuniform der kaiserlichen Luftstreitkräfte, und einen Giganten von fast elf Metern Höhe. Der Knave seiner Gegnerin.
Thrail stutzte. Er vermaß seinen Gegner mit Hilfe der automatischen Optik, und kam auf stolze zehn Meter achtundsiebzig. Der Offizier neben ihm maß - mit Schuhen - zwei Meter und drei Millimeter. Er setzte sich seine Schirmmütze in einer fließenden Handbewegung auf, die Thrail unwillkürlich Bewunderung abverlangte. Die Geste, so einfach und simpel, war elegant gewesen. Sehr elegant. Thrail erkannte in den Bewegungen den trainierten Krieger, keinen Karriere-Offizier, der Papa oder Mama seinen Posten verdankte. Er fragte sich, ob nach dem Kampf ein Schwertduell mit diesem Mann möglich sein würde.
Der Computer seines Knaves hatte mittlerweile die Bewaffnung ermittelt. Sein Gegner hatte keine Fernkampfwaffen, und es sah auch nicht so aus, als würde er sie verstecken. Er hatte nur Nahkampfwaffen angelegt. Ein großes Breitschwert und einen halbhohen Schild. Natürlich konnte das eine Finte sein. Auch wenn alle Knaves irgendwann einmal nach dem Muster des einen Ur-Knave erbaut worden waren, so gab es doch keine Maschine, die der anderen glich, sobald sie einmal eine Schlacht mitgemacht hatte. Und es wurde umso schlimmer, je talentierter der Rüstmeister des Knaves war. Thrail wusste, dass sein Knave nur noch zu achtzehn Prozent jene Maschine war, die einst die kawabitischen Knave-Fakturei verlassen hatte.
Das Modell vor ihm war ebenfalls stark modifiziert worden, und so wie die Sache stand, war es gegen Langstreckenangriffe geschützt worden. Das erklärte Schwert und Schild. Seine Gegnerin konnte, ja musste in den Nahkampf gehen.
Er überprüfte das, was der Computer ihm vermittelte, erneut, aber selbst wenn eine Distanzwaffe irgendwo in diesem Giganten versteckt worden war, dann stellte sie keine Gefahr für ihn dar. Einer Waffe würde er problemlos ausweichen können. Die Innenseite des Schildes vielleicht? Trug sie dort eine versteckte Waffe? Eventuell. Er konnte es nicht ausschließen, also achtete er auf den Schild besonders. Bedächtig ließ er Gewehr und Armbrust aus den Händen des Knaves zu Boden gleiten. Nahkampf also. Dann reichten ihm Schwert und Dolch.
Der kaiserliche Offizier bemerkte dieses Verhalten und zog irritiert eine Augenbraue hoch. Er sah zum Knave neben sich und sagte einige Worte. Thrail war versucht, die Richtfunkmikrophone zu aktivieren, aber er wäre nicht der erste und gewiss nicht der letzte Knave-Pilot gewesen, der auf ein kleines Schauspiel herein gefallen wäre, das ihn in Versuchung hatte führen sollen zu lauschen - nur um dann einen Schallangriff zu erleiden, der ihm die Trommelfelle durchschlug. Eine nicht besonders elegante, aber nicht verpönte Taktik unter Knave-Piloten. Wer lauschen wollte, musste um das Risiko wissen.
Als Antwort auf die Worte des Offiziers schlug sich der kaiserliche Knave mit der Schwerthand auf die Brust. Der offizielle Salut der kaiserlichen Knave-Mannschaften. Seine Gegnerin ehrte seinen offensichtlichen Verzicht auf Langstreckenwaffen, um sich ihrem Kampfstil anzupassen. Thrail erwiderte den Salut auf kawabitische Art, indem er den rechten Arm an die Stirn hob, eine Imitation jener Geste aus der Ritterzeit, als die Soldaten beritten und gepanzert gewesen waren. Dort hatte man, wenn sich zwei gepanzerte Blechdosen getroffen hatten, das Visier des Helmes gehoben, um sich zu erkennen zu geben. Die Grundgeste war geblieben, selbst in Zeiten der Knaves.

Jorgas Antkar schritt vorweg. Er und der Sekundant seiner Gegnerin würden sich als formelle Repräsentanten zwischen den Maschinen treffen. Nach einem kurzen Palaver, das dazu diente, die Möglichkeiten auszuloten, das man sich nicht duellierte, würden beide zurückkehren. Der Kampf war freigegeben, wenn der erste Sekundant den Kampfplatz verlassen hatte. Es galt als guter Ton auf dem Feld der Ehre, dass sie dies zeitgleich taten. Aber mehr als ein Sekundant hatte feststellen müssen, dass sein Pendant verdammt gut auf kurzen Strecken sprinten konnte, und hatte sich anschließend in einem Knave-Duell wiedergefunden. Dies war diesmal nicht der Fall. Jorgas und sein Gegenüber wechselten zwei, vielleicht drei Worte. Dann wandten sie sich voneinander ab und gingen zurück. Jorgas hob die Schultern. Also kein Abbruch. Thrail hatte es nicht anders erwartet.
Der kaiserliche Offizier war etwas schneller als Jorgas, aber seine Gegnerin machte keine Anstalten, den Kampf zu eröffnen. Erst als auch sein Waffenmeister symbolisch das Schlachtfeld verlassen hatte, warf sie ihren Knave in einen Sturmlauf. Thrail verbuchte das als Pluspunkt für seine Gegnerin. Er zog das große Langschwert seines Knaves vom Rücken und rückte ebenfalls vor.
Die gegnerische Maschine war drei Meter größer, und gewiss fünf Tonnen schwerer. Das bedeutete, wenn man darüber hinaus den Massezuwachs durch die Geschwindigkeit zurechnete, dass sie ihn umwerfen konnte, wenn er sich rammen ließ.
Sie trafen sich in seinem Drittel, nicht in der Mitte. Seine Gegnerin führte einen Hieb aus. Sie hatte sich nicht auf den Rammangriff verlassen, wie Thrail gut gelaunt feststellte. Eine umsichtige Pilotin. Thrail führte seinen Knave rechts um sie herum, also auf der Schildseite, was ihr die Möglichkeit nahm, ihn sofort erneut anzugreifen. Dennoch folgte sie seiner Bewegung und kompensierte zugleich ihre Eigengeschwindigkeit. Dabei schob sie einen kleinen Wall aus Erde und Gras mit ihren Füßen auf.
Ihre nächste Attacke wurde nun ohne die erhöhte Masse durch die Geschwindigkeit geführt. Thrail parierte sie mit seiner eigenen Klinge. Seine Gegnerin hielt den Schild dabei oben, blieb auch auf die Abwehr fokussiert.
Thrails Urteil stand fest. Diese Frau war talentiert. Sie übte oft und viel, und sie würde mit den meisten Knave-Piloten, die er persönlich kannte, den Boden aufwischen. Beinahe tat es ihm leid, als er die einzige Lücke ihrer Deckung durchstieß, indem er seine Klinge an ihrer bis zum Heft herab rutschen ließ, um dort die Spitze seines Schwertes in ihr rechtes Schultergelenk zu bohren. Ein riskantes Manöver, in mehr als einer Hinsicht. Traf er das Gelenk, war der Arm mit dem Schwert auf einen Schlag wertlos. Rutschte er ab oder erwischte er das Gelenk nicht sofort, konnte sie ihm ihre Schwertklinge in die Seite schlagen, ihm den linken Arm nehmen, den Kopf mit den Kameras. Oder gleich die Klinge auf Höhe der Achseln durch die Manschette stoßen in der Hoffnung, ihn damit im Innern seines Cockpits zu erwischen. Dies war ihm einmal passiert. Die halbmeterlange Narbe des gegnerischen Schwertstreichs trug er immer noch auf dem Rücken. Genauso gut hätte die Waffe ihn auch zerteilen können, aber Thrail hatte den besten Rat befolgt, den Jorgas ihm je gegeben hatte: Der Kopf ist zum ducken da, und der Arsch dazu, um sich zu erheben!
Dennoch, der Hieb saß. Die Spitze durchbrach die Panzerung an einer Überlappungsstelle, die normalerweise durch die sich überlagernden Panzerplatten der Vorwärtsbewegung besonders sicher sein sollte. Bei manchen Modellen jedoch fügte die obere der unteren Platte enormen mechanischen Druck zu. Wurde dieser verstärkt, zum Beispiel durch eine brachial zustoßende Schwertspitze, dann brach die untere Platte, so wie in diesem Fall. Unter der Platte lag das Gelenk, und ein Knave-Gelenk war nicht verschweißt oder aus einem Stück gegossen, sondern bestand aus vielen wichtigen kleinen Teilen. Dort mit einem Schwert hinein zu stoßen war auf den ersten Blick nicht sehr elegant, aber enorm wirksam. Beinahe sofort verlor der rechte Arm all seine Kraft.

Damit war das Duell zu Ende. Dachte Thrail. Doch die Finger der rechten Hand öffneten sich, und seine Gegnerin griff mit links nach der Waffe, bevor sie sich von seiner Waffe los riss und einige Meter Distanz aufbaute. Sie warf den Schild ab, und hielt das Schwert mit links vor sich, Schutz und Angriff zugleich.
Thrail betrachtete seine Gegnerin überrascht. Er hatte sie verwundet, den Schwertarm unbrauchbar gemacht. Sie hatte die Möglichkeit, ihre Niederlage einzugestehen und sich zurück zu ziehen. Warum tat sie es nicht? Sein Blick ging zur Luftkorvette. Wurden die Geschütze etwa in diesem Moment vorbereitet? Nein, nichts deutete darauf hin. Aber ein Blick zu ihrem Adjutanten, der sein Gesicht in beide Hände gelegt hatte und unablässig den Kopf schüttelte, sagte ihm genug. Sie war einfach störrisch. Und das waren die schlimmsten Piloten. Sie starben meistens sehr jung.
Thrail aktivierte seine Lautsprecher. "Naradi Thoram! Du hast große Geschicklichkeit im Umgang mit deinem Knave bewiesen! Ich erlaube dir, dich vom Schlachtfeld zurück zu ziehen, aus Respekt vor deinen Fähigkeiten!" Nicht, dass er sich besonders viele Hoffnung machte, das sie seine Worte annahm. Eher das Gegenteil. Oh, er hasste es, wenn er in solchen Dingen Recht hatte. Natürlich hatte sein Appell das Gegenteil bewirkt. Sie griff wieder an, und diesmal würde sie ihn zu rammen versuchen.
Thrail seufzte leise. So war er auch mal gewesen, damals, als er den Zug übernommen hatte. Er konnte von Glück sagen, dass die Knave-Piloten, die ihn besiegt hatten, ihn nicht hatten töten wollen, unerfahren, wild und reizbar, wie er damals gewesen war. Lag das wirklich schon zehn Jahre in der Vergangenheit?
Als sie ihn erreichte, wich Thrail nicht aus. Er ließ das Schwert fallen, griff in einer fließenden Bewegung mit rechts nach dem linken Handgelenk ihres Knaves, um die Waffe aus dem Spiel zu nehmen. Zugleich griff er mit links in den Wartungskragen des Knaves. Er ließ sich fallen, zog die wesentlich massereichere Maschine mit, und stemmte dabei den rechten Fuß seines Knaves in die Rüstung seines Gegners. Der Schwung des feindlichen Knaves, die Kraft seines Beins und sein fester Griff kippten die Maschine auf ihn, und dann über ihn hinweg. Sie überschlug sich und landete auf dem Rücken. Nach mehreren Metern blieb sie liegen.
Thrail erhob sich und griff nach seinem Schwert. Das war ein Nahkampf-Angriff für Soldaten aus der Joud-Schule gewesen. Er selbst kannte nur drei Knave-Piloten auf dem ganzen Kontinent, die diesen Wurf mit ihren Maschinen beherrschten. Unbewaffnete Nahkampf-Kniffe konnten in einem Gefecht der humanoid aufgebauten Knaves mitunter sehr nützlich sein, aber sie erforderten echte Könner, die sowohl die Joud-Schule als auch den Knave perfekt beherrschten. Ein Scheitern hätte bedeutet, dass Naradi Thorams Knave einfach auf sie gestürzt wäre, und das hätte die Panzerung und etliche innere Systeme verwüstet.
Die junge Offizierin hatte ihre eigene Klinge nicht aus der Hand fallen lassen. Beachtenswert, wenn Thrail sich in Erinnerung rief, das ihr Knave eine Totmann-Schaltung für die Hände hatte. Normalerweise wurde sie so modifiziert, dass die Hände den Griff um die Waffen nicht verloren. Ihr Knave war so modifiziert, dass sich die Hände öffneten, sobald sie beschädigt wurden, eben damit sie die Waffe mit der anderen Hand führen konnte. Sein Respekt vor seiner Gegnerin wuchs.

Mit dem in Mark und Bein gehenden Geräusch von Metall, das über Metall kratzte, erhob sich der lädierte Knave. Etliche Platten mussten verzogen sein. Spätestens jetzt wäre es von ihr vernünftig gewesen, aufzugeben. Aber er befürchtete nicht ganz zu Unrecht, dass Vernunft in ihrem Repertoire spätestens seit dem Treffer in der rechten Schulter nicht mehr vorkam.
"THRAIL! DIE KORVETTE!", klang Jorgas' Stimme in seinem Funk auf.
Er wandte sich um, bereit auf alles zu reagieren, was die kaiserliche Luft-Korvette ihm entgegen schleudern konnte - und betrachtete ungläubig den Start des eleganten Schiffs.
"Was ist da los, Jorgas?"
"Wir kriegen Verstärkung. Man hat die KOL-PORTA zu uns geschickt. Und die ist für eine Korvette doch eine Nummer zu groß. Sie ist bereits in Feuerreichweite. Wahrscheinlich schießt sie nur nicht, weil die SCHNELLER RUHM über die Stadt zieht!"
"Aber..." "Ich weiß nicht, womit wir es hier zu tun haben. Ob sie alle gebannt dem Duell gefolgt sind und deshalb nicht auf ihr Radar geachtet haben, oder ob sie nur einen Grund gesucht haben, um Kapitän Thoram zurück zu lassen."
"Das ist nicht sehr tapfer von ihnen."
"Es war ihr Befehl. Wir überwachen ihre Frequenzen. Sie selbst hat nach der Meldung der KOL-PORTA den sofortigen Start befohlen."
Thrail lächelte in sich hinein. Also auch noch tapfer und selbstlos. Eine interessante Frau, zweifellos. Es juckte ihm in den Fingern, sie kennen zu lernen.

"Töte mich."
Für einen Moment lauschte Thrail den Worten nach, die er gerade gehört hatte. Was?
"Töte mich, Thrail Anthil", klang die Stimme erneut auf. "Ich will ehrenhaft durch deine Hand sterben, und nicht in elendiger Gefangenschaft verrotten. Oder eine Geisel gegen mein Land sein."
Sie sprach. Und in ihrer Stimme war Angst, Verzweiflung, aber auch Befriedigung. "Von deiner Hand zu sterben ist eine große Ehre!"
Thrail erinnerte sich an das, was sein Waffenmeister ihm gesagt hatte. "Nein."
"Dann lässt du mir keine andere Wahl, als..."
Etwas huschte auf den Knave. Es war schnell, und arbeitete präzise. Das Cockpit wurde entriegelt, ein Schuss klang auf. Dann war Stille.
Thrail bewegte die Maschine auf den gestürzten Knave zu. Auf der Brustplatte, über dem geöffneten Cockpit, kniete der junge Offizier, der für sie sekundiert hatte. Seine Stirn blutete heftig, und der Grund dafür war sicherlich die Pistole, die knapp an seinem Kopf vorbei zeigte. Nicht ganz freiwillig, denn seine Hände lagen um ihr Handgelenk. Verwirrt und wütend sah sie ihn an. "Roder, verdammt! Warum bist du nicht an Bord? Und warum hinderst du mich daran... Habe ich dich getroffen?"
Die Antwort des Offiziers erfolgte als harter Schlag auf die linke Wange der jungen Frau. "DU DUMME KUH!", blaffte der Offizier. "Wenn du auch nur eine Sekunde glaubst, das ich weg fliege, während du hier liegst, hilflos wie ein Käfer auf dem Rücken, wenn du glaubst das ich dich hier sterben lasse, dann hast du in mir den falschen Adjutanten gewählt! Du wirst dein verdammtes Leben NICHT wegwerfen, hast du das verstanden?" Wütend zerrte er die Pistole aus ihren störrischen Fingern. "Und nicht bedeutet nicht nur jetzt nicht, sondern niemals nicht! In deinen Augen mag so ein Freitod ja schön ritterlich sein, aber ich mag dich lieber lebend!"
Thrail entriegelte sein Cockpit und sprang herab. Bedächtig kletterte er auf die gefallene Maschine. Er musterte die beiden eine Zeit lang stumm.
"A-aber wenn ich von Kawabiti gefangen genommen werde, dann bin ich ein Druckmittel gegen den Kaiser, und gegen meine eigene Familie! Ich..."
"Das hättest du dir überlegen sollen, bevor du die grandiose Idee hattest, Kronstadts Schwarzhandel auszuradieren, du Dummkopf!", blaffte der Offizier. "Und jetzt trage die Konsequenzen wie eine Offizierin der Thorams! Es gibt immer ein nächstes Mal, aber nur, wenn man lebt!"
"Wie kannst du es wagen, so mit mir...?"
"Weil es ja sonst keiner tut! Alle haben Angst vor dir, wer soll dir also die Wahrheit sagen?"
"Außer ihm", bemerkte Thrail spöttisch.
"Angst? Aber ich habe doch nur meinen Dienst gemacht", wandte sie hilflos ein.
"Angst! Ja, die große Vize-Kapitänin Naradi Thoram, die Perfektion in Person! Die Frau, die alles besser kann als jeder andere an Bord. Steuern. Navigieren. Schießen. Nähen, kochen, bügeln! Hättest du auch noch einen Werkzeugkasten in die Hand genommen, um die Maschinen zu warten, wären die Männer scharenweise desertiert!"
"Aber... Aber ich wollte doch nur gute Arbeit leisten!"
"Und dabei bist du wie immer übers Ziel hinaus geschossen! Himmel, das habe ich schon an der Akademie an dir gehasst! Du bist einfach ZU perfekt, du Dummkopf!"
Thrail wandte sich halb zum Gehen. "Ich sehe, Ihr seid beschäftigt und müsst über einige Dinge sprechen, und das anscheinend dringend. Soll ich später noch mal wieder kommen?"
Die beiden fuhren zusammen, so als ob sie sich jetzt erst bewusst wurden, das es noch eine Welt außer ihnen beiden gab.
"Verzeihung, Großmeister", sagte der Offizier und erhob sich. Während er das tat, sagte er mahnend: "Das Messer bleibt im Stiefel. Ich warne dich, junge Dame! Und keine Arm- oder Halsverletzung ist sofort tödlich, also versuche es gar nicht erst."
Er wandte sich zu Thrail, als die Vize-Kapitänin frustriert zustimmte. "Ich bin Leutnant Roder Gartest vom kaiserlichen Luftschiff SCHNELLER RUHM. Verfügen Sie über mich, Großmeister."
"Und Sie sind, nehme ich an, Vize-Kapitänin Naradi Thoram", sagte Thrail amüsiert.
"Was nicht schwer zu erraten war, hoffe ich." "Naradi!", sagte Gartest scharf.
"Schon gut", zischte sie. "Vize-Kapitän Naradi Thoram, zu Ihren Diensten, Großmeister Anthil."
Über ihnen verdunkelte die KOL-PORTA den Himmel, und die Miene der jungen Frau verdüsterte sich erneut. Ihr sehnsüchtiger Blick nach der Waffe in Gartests Hand sprach Bände. Thrail seufzte. Das versprach eine Menge Arbeit zu werden.
"Zuallererst die gute Nachricht: Ich werde Sie beide nicht an die Luftflotte ausliefern, egal was die Herren Admiräle wollen. Und glauben Sie mir, wenn Thrail Anthil etwas sagt, dann hört Kawabiti zu."
"Das ist sehr freundlich von Ihnen, Großmeister. Aber ich bin mir der Probleme, die mein Kapitän verursacht hat, mehr als bewusst. Weder Kawabiti noch Tyrland können jetzt noch von einem Zwischenfall sprechen. Das ist eine internationale Affäre, die unsere Länder in einen Krieg stürzen kann."
"Irrtum. Der Tod Ihres Kapitäns hätte das getan. Aber sie lebt. Und da sie nicht in den Händen der offiziellen Streitkräfte ist, kann sie auch nicht als Druckmittel gegen Tyrland genutzt werden." Thrail räusperte sich. "Außerdem sehe ich im Moment keine Luft-Korvette, nur zwei Offiziere, die dringend einen fahrbaren Untersatz brauchen. Ich biete Ihnen und dem Knave Quartier und mein Funkgerät an, um die größte Panik zu lindern. Wenn es Recht ist. Ah, Jorgas, gut das Ihr kommt. Mir scheint, als müssten wir die innere Rüstung von Kapitän Thoram aufschneiden."
"Was für ein Glück, das wir dazu gerüstet sind", erklärte sein Waffenmeister grinsend und erkletterte den gefallenen Koloss, in der Hand eine Eisenschere.
Hinter ihm erklommen Kertan und weitere Helfer die Brust des Giganten, bewaffnet mit Scheren und Spreizern.
"Außerdem habe ich sie in einem Duell besiegt. Wenn jemand Besitzansprüche über ihre Person stellen würde, wäre ich der Erste in der Reihe. Und ich lasse mir ungern etwas weg nehmen."
Jorgas grinste schief und gab ihm einen Daumen hoch, dafür, das er die Lektion zur Person Naradi Thoram nicht vergessen hatte. Um des Friedens Willen musste sie leben. Zumindest bis zum nächsten Krieg mit dem Nachbarn, der zweifellos einmal kommen würde.
"Besitzansprüche?", fragte Roder, sich sichtlich versteifend.
Thrail seufzte. "Desertieren Sie." "Was?" "Roder Gartest, desertieren Sie aus der kaiserlichen Luftflotte." "WAS?"
Thrail sah zur Seite. "Ienamat, wärst du so freundlich und würdest du mir zur Hand gehen?"
Die Schwester seiner Sklavin sprang mit einem einzigen Satz auf die breite Brust der gefallenen Maschine. "Natürlich, mein lieber Thrail." Sie zog ein kurzes Messer hervor, und schnitt dem überraschten Leutnant die Ranginsignien ab. Dann nahm sie seine Schirmmütze mit dem Symbol des Kaiserreichs und warf ihn in das vom Kampf aufgerissene Feld. "Und schon ist er desertiert, der gute Leutnant."
"Gut." "Moment Mal, ich bin nicht desertiert!", rief Gartest entrüstet.
"Aber wenn Sie nicht desertieren, kann ich Sie nicht anheuern. Und wenn Sie nicht bei mir anheuern, kann ich Ihnen Naradi Thoram nicht als Geschenk geben", sagte Thrail verstimmt.
"WAS?" "Na, ihr Leben gehört mehr oder weniger mir. Ich kann mit ihr natürlich nicht tun und lassen was ich will, aber ich kann die Verantwortung für ihre Person und ihre Arbeitskraft verschenken. Sie ist Knave-Pilotin, und Sie, Gartest, sind dann ihr Herr. Ein persönlicher Knave-Pilot dürfte auch in Tyrland nicht allzu selten sein, oder?"
"Sie sind doch verrückt! Vollkommen verrückt! Durchgeknallt und wahnsinnig! Und: Ich bin NICHT desertiert, verdammt!"
"Also, ich finde die Idee gut", sagte Naradi, während sie von hilfreichen Händen aus der Innenrüstung gezogen wurde. "Und es ist wahrscheinlich die beste Lösung in diesem Fall. Vor allem da du ja so blumig versprochen hast, mich nicht sterben zu lassen, Roder."
Der kaiserliche Offizier errötete. "Aber meine Karriere..."
"Die ist dann natürlich im Keller. Aber im Moment sind andere Dinge wichtiger. Zum Beispiel, das ich keinen Grund mehr habe, mich zu erschießen. Alles andere sehen wir, wenn es soweit ist."
"Und du hast kein Problem damit...?", fragte er bestürzt.
"Oh, wir werden sehr genau regeln, was du darfst, und was nicht, mein lieber Roder. Da du der einzige Mensch bist, der je offen mit mir gesprochen hat, sehe ich da allerdings kein Problem."
Ienamat griente hinter seinem Rücken und gab dem verdutzten Gartest einen kräftigen Stoß in Thrails Richtung. "Also, mir gefällt diese Idee. Drei Nationen in einem Zug, das ist doch interessant. Los, geh schwören. Vielleicht mache ich das ja auch noch."
"Vielleicht vermehren sich unsere Probleme gerade im Quadrat", murrte Roder, sank aber gehorsam vor Thrail auf ein Knie. "Ich erbitte die Aufnahme in deine Dienste, mein Ritter."
"Deinem Gesuchen gebe ich statt. Folglich bist du mein Gefolgsmann, mit allen Rechten, mit allen Pflichten."
Die Umstehenden raunten leise. Der Gefolgsschwur war eine gewichtige Sache für fahrende Ritter und ihre Mannen. "Und für geleistete und noch zu leistenden Dienste belohne ich dich mit dem Leben von Naradi Thoram und ihrem Knave, damit sie durch dich mir dienen wird."
"Das wird sie, mein Ritter." Gartest erhob sich wieder und reichte Thrail die Rechte. "Auf gute Zusammenarbeit und ein baldiges Ende dieses Irrsinns."
"Wenn du ein Ende des Irrsinns willst, hättest du gar nicht erst auf die TRAHIMS RUH treffen dürfen", rief Kerhist, und hatte damit die Lacher auf seiner Seite.
Der Ritter schlug ein. "Es ist nicht so, als hättest du eine andere Wahl gehabt, Roder Gartest. Wir werden sehen, bei welcher Gelegenheit du abschwören kannst, um Naradi nach Hause zu bringen. Bis dahin benutzt meinen Funk. Wir bergen inzwischen den Knave."
"Das ist großzügig", merkte Roder an.
"Das ist reiner Selbstzweck. Wäre Naradi getötet worden, hätte es Krieg gegeben. Ich hätte sie nie getötet oder zugelassen, das sie getötet wird. Genau wie du, Roder."
Der Deserteur hustete erschrocken. "Das waren natürlich auch meine Beweggründe, mein Ritter."
Neugierig drängte sich Naradi hinzu. "Was ist denn jetzt mein offizieller Rang? Sklavin? Oh, das ist alles so aufregend!"
"Du bist ja erstaunlich guter Stimmung für jemand, der sich eben noch erschießen wollte", spottete Roder.
"Bis eben dachte ich ja auch noch, ich würde gegen mein eigenes Land verwendet werden. Jetzt muss ich mich nicht mehr umbringen, und natürlich bin ich dann in guter Stimmung. Du glaubst nicht wie entspannend es sein kann, leben zu dürfen."
"Sklavin wäre eine sehr gute Bezeichnung. Dazu eine sehr kurze, geschmiedete Eisenkette für ihre Hände oder für ihren Hals", schlug Jorgas vor. "Das sollte wenigstens einen Teil ihrer Energie bändigen. Himmel, jetzt haben wir zwei von der Sorte an Bord."
Thrail hüstelte leise, als er den spöttischen Blick seines Waffenmeisters auf sich ruhen fühlte. "Jorgas, du Witzbold. Wie dem auch sei, Roder, sie ist Knave-Pilotin. Und sie gehört dir. Das macht dich zu ihrem Meister. Der Rest geht mich nichts mehr an. So, jetzt solltet Ihr besser an den Funk gehen, bevor die SCHNELLER RUHM mit der gesamten achten Luftarmee Tyrlands wieder kommt. Nicht, dass das die KOL-PORTA vor Probleme stellen würde, aber die Trümmer eurer Schiffe könnten Kronstadt verwüsten."
"Oh, ja, das ist eine gute Idee. Na dann komm mal mit, meine..." Ein wenig hilflos sah er sie an. "Untergebene?"
Übermütig hängte sie sich bei ihm ein. Es schien wirklich zu motivieren, nicht sterben zu müssen. "Ich sagte doch, wir werden klären, was du darfst und was nicht, mein Meister. Und irgendwie biegen wir auch deine Karriere wieder gerade, versprochen."
"Ich bringe euch", bot der Vidarianer an und schritt voran.

"So, die Show ist vorbei. Bereitet den Knave darauf vor, abtransportiert zu werden. Fahrt den Computer runter, sichert den beschädigten Arm, verriegelt den anderen Arm und die Beine, sichert die zerstörte Schulter. Keine Müdigkeit vorschützen. Thrail, wir werden einen zusätzlichen Wagen brauchen, wenn wir dieses Riesenbaby mitnehmen."
"Kümmere dich darum. Auch um eine weitere Zugmaschine. Ich bringe inzwischen meinen Knave zurück und lade ihn auf. Ich habe das Gefühl, das ich ihn heute noch brauche."
"Du lädst ihn auf? Das waren doch nur ein paar Minuten. Die haben die Batterien nicht merklich geschwächt."
"Ich bin halt gerne vorbereitet, das weißt du." Mit diesen Worten wandte er sich ab und sprang von der Brust des Knave, um zu seiner eigenen Maschine zu gehen.
Ienamat sah erstaunt zwischen Waffenmeister und Ritter hin und her. "Er? Gerne vorbereitet? Irgendwie kann ich nicht glauben, das diese Worte aus seinem Mund kommen."
"Oh, er ist immer für eine Überraschung gut. Vor allem kann er unheimlich gut dazu lernen. Du wirst es schon noch sehen."
Ienamat lächelte flüchtig. "Ich glaube, die TRAHIMS RUH ist ein sehr interessanter Ort, Jorgas."
"Du ahnst ja gar nicht wie interessant", sagte Jorgas grinsend.
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