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Das blutrote Licht des Sonnenaufgangs tauchte New York in eine morgendliche Stimmung. Die Bürger der Metropole gingen zum Bäcker, zur Arbeit oder zur Schule. Das galt nicht für Dr. Lawbris, der die ganze Nacht in der psychiatrischen Anstalt verbracht hatte, zum ersten Mal seit er dort arbeitete. Er hatte natürlich viele Fälle, doch der Fall Mario riss ihn am Meisten mit.
Der Held am Boden war ein gefundenes Fressen für die Zeitungen gewesen. Sowohl in New York, als auch im Pilz-Königreich hatte sich die Story wie im Flug verbreitet und die Unterstützer der Geschichte hatten sich vermehrt wie Kaninchen. Zwar waren einige Leute noch immer auf Marios Seite gewesen, sein Bruder Luigi zum Beispiel, oder Peachs beste Freundin, Prinzessin Daisy, doch das Volk hatte sich gegen ihn gewendet.
Dann folgte die Gewaltphase, direkt nach der Depression, genau wie im Lehrbuch. Es begann damit, das Mario den Tod der Prinzessin als surreal abstempelte und die Gewissheit ihres Todes in einen abgeschiedenen Teil seines Unterbewusstseins verbannte. Man nannte das das „Andrew Laeddis-Syndrom“. Alle die versuchten ihn von seinem Wahn freizureden, wurden für ihn zum Bösen persönlich, was er danach wieder vergaß.
Der Psychiater warf einen Blick auf seine Uhr. Acht Uhr fünfundvierzig... bald war es an der Zeit. Es gab eine Behandlungsmethode, die in psychologischen Fachkreisen schwer umstritten war. Man bezeichnete sie als „Direkte Konfrontation“. Lawbris konnte nur noch hoffen, dass sie in diesem Fall anschlagen würde. Wenn nicht... Dann war der Klempner nicht mehr zu retten.

Um halb zehn stand Doktor Lawbris vor der Tür der Anstalt und warf einen Blick auf den ärmlichen Stadtteil Brooklyn. Er war überfüllt mit Leuten, die in New York das große Glück gesucht hatten und gescheitert waren. Schauspieler, die sich eine Rolle am Broadway erträumten, Immigranten, die einen Platz im Land der Freiheit wollten... Eine unglückliche Mischung. Auch Mario war in einem dieser Reihenhäuser aufgewachsen.
Wie auf das Stichwort seiner Gedanken, öffnete sich die metallene Tür und zwei Betreuer traten gemeinsam mit Mario hervor, der noch immer betäubt schief und von ihnen gestützt wurde. Das Mittel war exakt dosiert gewesen, gerade genug um ihn zwölf Stunden schlafen zu lassen. Gegen Elf würde er erwachen, doch dann hätten sie ihr Ziel schon erreicht.
Man hatte ihn schon nach den Anweisungen des irrenhauseigenen Doktors eingekleidet. Er trug eine blaue Latzhose aus wasserabweisendem Stoff, wie sie die meisten Klempner in New York anhatten, und dazu ein rotes Hemd, das gemeinsam mit einer roten Mütze die Farbgebung abrundete. Mario wie man ihn einst gekannt hatte, auf dem Weg zurück nach Hause.
Sie nahmen den Highway richtung Funguson und waren schon vor elf Uhr im Pilzkönigreich angekommen. Perfekt. Alles lief nach Plan. Sie fuhren durch die Randbezirke und der Doktor selbst, der zuvor noch nie in dem magischen Land gewesen war, staunte nicht schlecht. Auf einer Hügelkuppe, umschirmt von einem kleinen Laubwäldchen stand eine hübsche Villa, die hinter einem grünen Tor Luigis Hauptsitz verbarg, der Weg zum Schloss war also nicht mehr weit. Jetzt wurde es Zeit Mario zu wecken.

Mario erwachte aus seinem Schlaf. Er hatte einen schlimmen Traum gehabt, dass Peach gestorben war. Zum Glück war das jetzt vorbei! Mit weit aufgerissenen Augen sah er aus dem Fenster des Vans in dem sie fuhren und bemerkte gleich das knallgrüne Glas und den unnatürlich himmelblauen Himmel. So sah nur ein Ort aus: Das Pilzkönigreich. Mario lächelte glücklich, doch direkt darauf hatte er vergessen, dass er jeh weg gewesen war.
Als Mario den Doktor neben sich bemerkte grinste er auch ihn an. „Hallo Doktor!“ sagte er freundlich, denn das er noch vor einem halben Tag versucht hatte den diplomierten Psychologen umzubringen hatte er längst verdrängt. „Was machen sie denn hier? Kommen sie mich mal wieder besuchen?“
„Heute nicht, Mario!“ gab der Doktor ebenso glücklich von sich. Er hatte seine Rolle die ganze Nacht geübt und wusste sie gut zu spielen. „Heute begleite ich dich nur. Du bist heute morgen gar nicht aufgewacht, also fahren wir dich. Hast du etwa schon vergessen, dass die Prinzessin dich zum Tee eingeladen hat?“
Wenn die Theorie des Doktors korrekt war, würde das Gehirn von Mario schnell eine Erinnerung um diese Aussage spinnen, den sie belegte ja seine Wahnvorstellungen. Und wie erwartet, wurde Marios fragende Miene bald von einem noch glücklicheren Lächeln abgelöst. „Natürlich!“ erwiderte er und schlug sich vor den Kopf, bevor er wieder verträumt zum Fenster hinausstarrte.
Der Kies unter den Reifen des Autos knirschte, als das Schloss in Sicht war und der Wagen die Auffahrt in Angriff nahm. Bald hatten sie den kleinen Parkplatz vor dem Tor erreicht über dem ein buntes Fenster mit Peach's Gesicht darauf hing. Selbst wenn Daisy inzwischen über das Königreich herrschte, war doch noch das Abbild der alten Herrin dessen Symbol.
Kaum war der Wagen stehen geblieben, öffnete sich schon das ausladende Tor und Marios Zwilling, Luigi, kam auf das Auto zu. Der Doktor hatte ihn angerufen und Luigi war nur zu gerne Bereit gewesen diesen letzten Strohhalm zur Rettung seines Bruders zu ergreifen. Er öffnete die Autotür und schloss seinen verhärmten Bruder in die Arme.
„Mario! Schön, dass du da bist!“ Auch seine Worte waren von einem schweren italienischen Akzent unterlegt. Vor nicht allzu langer Zeit, war noch Mario der Mutige der beiden gewesen und hatte oft seinem kleinen und ängstlichen Bruder geholfen . Jetzt war es an der Zeit für Luigi, diese Schuld zurückzuzahlen.
„Peach wartet bereits auf dich.“ sagte er nun, nicht ohne ein leichtes Zittern in der Stimme durchscheinen zu lassen. „Ihr müsst leider aktuell in den alten Verliesen unter dem Schloss essen, die Haupthalle ist in Renovierung.“ Der normale Mario hätte sofort verstanden, dass hier irgendwas absolut nicht mit rechten Dingen zuging, doch dieser hatte ein unstillbares Verlangen Peach zu sehen und hielt sich nicht weiter auf, zumal in der Halle wirklich große Stahlgerüste und ähnliches standen.
„Ich warte hier oben, gemeinsam mit Luigi.“ sagte der Doktor höflich zu dem rot gekleideten und gesellte sich zu seinem jüngeren Bruder. Für den nächsten Schritt des Plans war es essenziell notwendig, dass Mario den Raum allein betrat. Sobald der ehemalige Klempner die Treppe in das untere Stockwerk betreten hatte, schloss sich die schwere Steintür hinter ihm.
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