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1

Gedenken


Genf
Hauptstadt der Erdallianz
31. Dezember 2262




„Wir haben uns heute hier versammelt, um eines Mannes zu gedenken, der ohne jede Einschränkung als ein wahrer Held der Menschheit bezeichnet werden kann.“
Susanna Luchenko gab sich alle Mühe, eine würdige Figur abzugeben und obwohl Susan Ivanova diese pathetische Aufführung reichlich gegen den Strich ging, konnte sie sich einer gewissen Sympathie für das Staatsoberhaupt der Erdallianz nicht er-wehren. Vielleicht lag es daran, dass Luchenko wie sie aus dem Russischen Konsor-tium stammte, vielleicht auch an der Rolle, die die Politikerin beim Ende Clarks, als Übergangspräsidentin und seit den letzten Wahlen als erste legitime Präsidentin nach der Diktatur gespielt hatte. Sie hatte sich mit den Clark-Anhängern und der Homeguard herumgeschlagen, Nightwatch aufgelöst, sich mit dem Geheimdienst, dem Militär und dem Psi-Corps angelegt. Dazu kamen der wieder eingesetzte Senat, die Unabhängigkeitsforderung des Mars und der außenpolitische Trümmerhaufen, den die Schatten und Vorlonen in der Galaxis hinterlassen hatten. Ein richtig mieser Job. Susan hätte ihn nicht haben wollen.
„Vier Jahre sind vergangen, seit wir alle die furchtbaren Bilder der Explosion der Earth Force One gesehen haben, die – auch daran muss erinnert werden, und wir tun es leider viel zu selten -, die weit mehr Leben ausgelöscht hat, als nur das von Präsident Luis Santiago. An einem Tag wie heute ist es auch an der Zeit, an die Pilo-ten zu erinnern, die Sicherheitsbeamten, den Stab des Präsidenten, die Mitglieder von Geheimdienst und Erdstreitkräften und an all die anderen, deren Namen ebenso unvergessen sein müssen, wie der von Luis Santiago.“
Ja, dachte Susan, keiner vom Psi-Corps. Unwillkürlich wanderten ihre Augen über den prall gefüllten Platz, während vorn die Namen der Opfer verlesen wurden. Bei „Lianna Kemmer“ merkte Susan kurz auf. Die Sicherheitsbeauftragte des Präsidenten, mit der Garibaldi eine etwas problematische Vergangenheit geteilt hatte. Offiziell war sie auch der Grund dafür, dass der ehemalige Sicherheitschef von Babylon 5 seine Teilnahme an diesem Staatsakt abgelehnt hatte. Er hatte gesagt, er wolle diesen Tag auf andere Weise begehen. Und dabei wohl auch mit einem seiner anderen Traumata kämpfen: dem Schuss in den Rücken. Schließlich fand Susan den schwarzen Block der Psi-Polizisten. Einen Vorteil hatten ihre gruseligen Uniformen immerhin – sie waren auf jeder Trauerfeier passend angezogen. Um die Polizisten sammelten sich einige zivile Vertreter des Korps in wenig freundlicherer Aufmachung.
Sich selbst sah Susan gefangen in dem blau-grau-braunen Monolithen der Erdstreitkräfte, der aus der Masse von Vertretern zahlloser Gruppen, Religionen und Organisationen deutlich herausragte. Alle regionalen Parlamente und Regierungen der Erde hatten Vertreter hier sitzen, praktisch der gesamte Senat war anwesend; dazu Abgesandte der provisorischen Marsregierung und der Regierungen diverser Kolonien. Die für menschliche Konventionen gewöhnungsbedürftigsten Farbtupfer setzten die Delegationen der außerirdischen Botschafter – vom strahlenden Weiß der religiösen Kaste der Minbari über die uniformierten Centauri mit ihren straußartig aufgestellten Haaren bis zu den schwarz gepunkteten braunen Narnköpfen, die so weit wie möglich von den Centauri entfernt waren. Unwillkürlich fragte sie sich, wer von den hier Anwesenden vom Tod des Präsidenten der Erde wirklich aus den Nachrichten erfahren hatte, wer um ihn getrauert hatte – und wie viele der Leute hier mehr wussten, als sie zugaben.
Mitten unter den Außerirdischen entdeckte sie einen Hinterkopf, der sie aufmerken ließ. Captain Sheridan. Nein, Präsident Sheridan. Das Oberhaupt der neuen Interstellaren Allianz. Und wie einen außerirdischen Staatsgast hatte man ihn, der noch vor kurzem zum Erdmilitär gehört hatte, in die Gruppe der Botschafter gesetzt. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet er einmal ein Politiker werden würde? Zum vielleicht besten, den die Menschheit und die Galaxis hatten – ihrer bescheidenen Mei-nung nach. Sie hatten seit einem Jahr nicht mehr miteinander gesprochen, seit Susans überstürztem Abschied nach Marcus tragischem Tod. Der Ranger, der sein Leben für sie geopfert hatte. Sie war selbst Captain eines Raumschiffes geworden, hatte fast ein Jahr nur Testflüge absolviert. Und war gerade noch rechtzeitig für diese Inszenierung wieder auf die Erde gekommen. Nichts gegen den unglücklichen Santiago, aber sie kam sich hier vor wie auf einem Zarenbegräbnis. Sie hatten sogar einen neuen Kreuzer nach dem ermordeten Politiker benannt! Aus irgendeinem Grunde fragte sich Susan spontan, ob der Papst wohl anwesend war.
„Wir alle haben die schweren Jahre nicht vergessen, die hinter uns liegen und auch nicht die furchtbaren Enthüllungen, die das Ende der Gewaltherrschaft mit sich brachten.“
Im Senat hätte jetzt irgendein ewiggestriger Clark-Anhänger zu schreien angefangen und eine Diskussion über die Legitimität der Verhängung des Kriegsrechtes begonnen. In dieser Situation blieb es gnädigerweise bei vieldeutigem Schweigen.
„Wir haben auch die Beweise dafür erhalten, dass der Tod Luis Santiagos und die Explosion der Earth Force One kein Unfall gewesen sind, sondern die Folge einer Verschwörung, die bis heute nicht aufgeklärt werden konnte. Niemand ist jemals wegen dieser Untat verurteilt worden – und das kann und muss ich als eine Schande bezeichnen, die auch mir auf der Seele lastet. Wir sind es dem Andenken aller Opfer und auch der gesamten Menschheit schuldig, dass dieses Verbrechen endlich aufgeklärt wird. Aus dieser Überzeugung heraus habe ich veranlasst, der Kommission, die die seit fast einem Jahr diese Ereignisse untersucht, weitere Mittel zur Verfügung zu stellen und eine neue dauerhafte Untersuchungsbehörde zur Verfolgung der ungesetzlichen Handlungen zu schaffen, die in der  Zeit der Gewaltherrschaft geschehen sind.“
Ja, Susan mochte diese Frau. Allerdings wurde ihr auch klar, dass sie gut daran tun würde, die Erde so schnell wie möglich zu verlassen, wenn sie nicht sehr bald eine Vorladung als Zeugin bekommen wollte. Auf Babylon 5 hatte sie im Laufe der Jahre viel zu viele Dinge gesehen und gehört, als dass sie für diese neue Kommission nicht von Interesse gewesen wäre. Dummerweise hasste sie Verhöre und insbesondere die unvermeidliche Beteiligung von Telepathen dabei.
Zum Abschluss der Gedenkveranstaltung wurde an Leben und Werk Santiagos erinnert – es musste wirklich schwer gewesen sein, dafür nur Bilder aufzutreiben, auf denen der langjährige Vizepräsident Clark nicht auftauchte. Es bereitete Susan ein leichtes aber unangenehmes Druckgefühl in der Magengegend, dass der tote Diktator herausgeschnitten wurde wie ein Eiterpickel auf nachbearbeiteten Familienfotos. War Geschichtsfälschung besser, wenn eine Demokratie sie betrieb?
 
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