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von Nemesys    erstellt: 30.08.2010    letztes Update: 20.10.2010    Geschichte, Allgemein / P18 Slash    (abgebrochen)
KAPITEL 2
BILL:

Ich sehe mich noch mal gründlich um, damit ich ja nichts zurücklasse. Das Haus scheint mir nicht mehr dasselbe, seit Vater tot ist. Irgendwie ist es als ob er die Macht über unser Zuhause hatte, und nun wo er nicht mehr da ist, spüre ich dass ich auch nicht mehr hier hin gehöre.
Seufzend und ein Wenig erschöpft setze ich mich aufs Sofa. Vielleicht ein letztes Mal. Wenn ich jetzt so daran denke, wird mir schon komisch zumute.
Das Gepäck hab ich schon heute Morgen vor der Ausgangstür hingestellt, damit morgen früh schon alles bereit ist. Ich habe vier Reisekoffer voll Kleidung, ein Koffer ganz alleine für meine Utensilien (bzw. Kamm, Glatteisen, Schminkzeug) und noch eines für meine Schuhe. Vater hat mir immer gesagt dass ich zu viel unnützliches Zeug besitze, aber er konnte es eben nicht verstehen. Ich brauche alles was ich besitze, sonst würde es nicht mir gehören.

Wenn ich nun die Augen schließe, kann ich noch deutlich seine Stimme in meinen Kopf dröhnen hören: <<Bill, zu was schminkst du dich wie ein Weib? Verdammt, es ist alles die Schuld deiner schwulen Freunde. Die sind anormal zum Teufel, das sind keine richtigen Männer!>>
Ja, er hatte was gegen meine Freunde, er hasste die einzigen Menschen die mich verstanden. Ich muss lachen, wenn ich denke, dass sich mein Vater ein „richtiger Mann“ schimpfte. In seinem Beruf als Notar tat er nichts anders als an einem Schreibtisch zu sitzen und Papiere zu stempeln, und dafür bekam er mehr gezahlt als jeder Bauarbeiter der Tag und Nacht für schäbige 800 Euro im Monat schuftet. Schon allein diese Tatsache fand ich Scheiße am Beruf meines Vaters. Doch das ist nicht alles. Jeden Abend war er bei einer anderen Frau „zu Gast“ und kam erst früh am Morgen Heim. Manchmal auch betrunken.
Von mir erwartete er dass ich Fußball spielte, dass ich mit den Söhnen seiner Freunde rumhängte und dass ich jeden Tag eine diverse Dame ins Haus brachte.
Doch ich brauch wohl nicht zu erwähnen, dass ich genau das Gegenteil bin. Ich bin im Sport eine Niete, habe mehr weibliche Freundschaften als männliche und doch würde ich mit keiner  dieser Mädchen jemals zusammen sein.  Ich bin das Gegenteil von das was Vater wollte, und er nutzte jede Gelegenheit aus, um es mir zu erinnern.
Alles in allem fühl ich mich deshalb nicht zu schuldig wenn ich sage, dass er mir jetzt nicht besonders fehlt. Wir waren eben nicht füreinander geschaffen.

Ja, ich schminke mich, aber bin nicht schwul. Ja, ich habe seit fast drei Jahren keine Freundin mehr und bin auch mit keiner mehr in die Kiste gesprungen, und bin trotzdem nicht schwul. Ja, ich liebe meinen Körper zu pflegen, liebe einkaufen gehen, liebe alles was mit Kleidung und Mode zu tun hat, aber schwul bin ich nicht.
Ich bin eben so wie ich bin. Mich selbst ändern kann ich nicht, und will es auch auf keinen Fall. Ich bin mir bewusst, dass eine Menge Leute etwas an mir auszusetzen hätten, aber es ist mir egal. Wichtig ist mir nur, dass mich meine richtigen Freunde so mögen wie ich bin, und das sind eh nur vier: Maike, Jakob, Lisi und Stella. Sie leben alle hier in Hamburg.
Doch das ist jetzt meine letzte Nacht in dieser Stadt und ich kann’s selber noch nicht richtig glauben.

Tante Emma hat mich gleich nach dem Tod meines Vaters mit meiner leiblichen Mutter in Verbindung gebracht, nach fast 15 Jahren. Damals, ich war gerade vier, haben sich meine Eltern geschieden und ich bin mit meinem Vater von Berlin weg gezogen.
Heute bin ich 19 und könnte ohne Probleme alleine wohnen gehen. Wieso ich zurück zu meiner Mutter nach Berlin ziehe? Ganz einfach, ich bin nicht der einzige Kaulitz auf dieser Welt: ich habe einen Zwilling. Mir selber klingt es auch unrealistisch, aber es ist so. Ich bin nicht der einzige, ich bin nicht alleine. Ich habe einen Zwillingsbruder und will ihn wiedersehen, ich will ihn wieder kennen. Von ihm sind mir wenige und eher neblige Erinnerungen geblieben, denn als wir getrennt wurden, waren wir wie schon gesagt nur Kleinkinder, doch ich habe ihn immer in mir gespürt. Habe seine Augen fest im Gedächtnis gefangen. Er fehlt mir irgendwie. Ich weiß einfach, dass wir wieder zusammen gehören. Das ist der Grund weshalb ich hier in Hamburg alles aufgebe, mein Haus, meine Freunde, die Universität. In Berlin will ich neu anfangen, mit Tom dieses Mal.

Das Klingeln des Handys reißt mich barsch aus meiner Gedankenwelt. Ich bücke mich und fisch es von unter dem Sofa hoch. Es ist Stella.
<<Ja?>>
<<Hi Bill, na, wie geht’s?>> erreicht mich Stellas fröhliche Stimme die eigentlich in der Stille der Wohnung hier nicht richtig hineinpasst.
<<Alles bestens, bei dir?>>
<<Auch. Hör zu, du fährst morgen, richtig?>>
Ich seufze. <<Ja, in der Früh.>>
<<Können Maike und ich dich am Bahnhof erreichen? Wir wollen uns doch verabschieden, oder?>>
Ich stocke und antworte ihr nicht sofort. Ich hasse Verabschiedungen und kann mir schon jetzt vorstellen, wie es morgen sein wird, wenn ich Maike und Stella zu letzten Mal umarme. Die Tränen werde ich kaum zurückhalten können.
<<Ihr brauch euch nicht zu stören. Ich komm euch doch wieder besuchen…>> versuch ich mich also irgendwie auszureden, weil meine Augen schon jetzt drohen feucht zu werden.
Doch Stella durchschaut mich sofort, wie immer.
<<Bill, wir werden alle weinen, aber wegen ein paar Tränen will ich dir trotzdem auf wiedersehen sagen. Du wirst uns so fehlen, du hast ja keine Ahnung. Aber ich weiß, das dass für dich die richtige Entscheidung ist. Doch bitte, bitte lass uns dich ein letztes Mal sehen, ja?>>
Nun sind meine Augen definitiv feucht, wenn nicht sogar nass, und ich muss mich zusammenreißen, um meine Stimme normal klingen zu lassen.
<<Na gut. Den Zug hab ich um Elf, wir können uns um halb Elf am Gleiß 8 treffen.>>
<<Geht klar. Dann bis morgen, Billy. Kuss.>>
<<Ciao.>>

Das Handy leg ich wieder auf dem Boden und ich sinke zurück im weichen Leder des Sofas. Dann schnief ich ein, zwei Mal. Es ist verdammt hart so zu verschwinden, aber trotzdem, irgendwie spür ich dass das richtig ist. Ich brauche ihn nämlich, jetzt mehr denn je. Ich brauche meinen Bruder.



TOM:

„Vielleicht ist es besser wenn du dich hinsetzest, Tom.“
Der Tonfall meiner Mutter lässt mir unwillkürlich einen Schauder über den Rücken laufen, doch ich folge ihrer Anweisung ohne mit den Wimpern zu zucken. Langsam setze ich mich an den Tisch und habe sie direkt gegenüber.
Sie seufzt und reibt sich mit der rechten Hand über die Augen. Dann spricht sie mit einer ruhigen Stimme die eher untypisch für ihr ist, und diese Tatsache lässt mir das Herz noch schneller schlagen. Ich fühle dass jetzt etwas Schlimmes kommt, oh ja.
„Also, Tom. Vor einer Woche hat mich Tante Emma angerufen. Heinz ist gestorben, bei einem Autounfall.“
Sie sieht mich besorgt an, ihre Augenbrauen zusammengezerrt und die Lippen fest aufeinander gepresst.

Ich hingegen kann mir ein Lächeln nicht verkneifen. Das war’s schon? War das die große Sache wegen der ich mich hinsetzten musste? Diesen Kerl kenn ich doch gar nicht. Ja, er ist wohl oder übel mein leiblicher Vater, also habe ich einige seiner Gene geerbt, aber ansonsten ist er für mich nichts. Ein Fremder.
Die besorgte Miene in Mamas Gesicht ist immer noch nicht gewichen und wahrscheinlich denkt sie jetzt dass ich äußerst ungezogen bin, wenn ich so herumlache nachdem ich erfahren habe dass mein Vater tot ist. Deshalb entscheide ich mich auch prompt einen verstörten Gesichtsausdruck herzuzaubern.
<<Oh. Das ist ja… nicht gut. Ich mein, Scheiße. Tut mir leid.>> versuch ich noch dahinzuschmeißen.
Mama hebt ihre Augenbrauen nun skeptisch.
<<Ich weiß genau dass es dich einen feuchten Dreck schert, ob Heinz tot ist oder nicht. Der Punkt ist ein anderer.>> sagt sie und bring mich damit völlig aus dem Konzept.
<<Aber was… ?>> frag ich deshalb verwirrt, doch sie unterbricht mich mit einer raschen Handbewegung und seufzt einmal tief durch.
<<Dein Zwillingsbruder kommt bei uns wohnen.>>

Ich schau sie perplex an und versteh im ersten Moment nicht mal ganz den Sinn ihrer Worte. Mein… mein Zwillingsbruder?! Ja, ich hab immer gewusst dass ich einen Bruder habe, denn Mama hat es mir einmal erzählt, als ich circa zwölf war, weil sie es für richtig gehalten hatte, dass ich über ihn wusste. Erinnerungen an diesem Zwilling habe ich nie gehabt und deshalb hat mich Mamas Offenbarung auch nicht besonders beeindruckt. Ich hatte meinen Bruder längst vergessen, oder vielleicht verdrängt, denn ich hasste und hasse auch heute noch dieses Gefühl einen Doppelgänger zu haben. Mich soll’s nur einmal geben, verdammt.
Genau deshalb schüttle ich jetzt wie ein verblödeter Fisch den Kopf, unfähig auch nur ein Wort zu sagen. Das einzige was mir wie ein Hammer durch den Kopf dröhnt, ist das Wort „Nein“. Nein, nein, nein.

<<Nein.>> sag ich deshalb nach was weis ich wie lange.
<<Doch, Tom. Ich wusste, es würde dir nicht gefallen, aber ich lass mir von dir nicht verbieten meinen eigenen Sohn ins Haus aufzunehmen.>> sagt Mama, immer noch mit der gleichen ruhigen Art die ich in diesem Moment tiefsten Herzens hasse.
Ich kann ihre Worte einfach nicht begreifen, sie tun mir ja fast schon weh. Ihren eigenen Sohn?! Das bin ich, zu Teufel! Ich balle meinen Hände zu Fäusten und presse sie so fest zu, dass meine Knöchel weis werden.
Mama sieht das offensichtlich, denn sie streckt sich zu mir und legt ihre Hand zart auf meiner linken Faust.
<<Tom, bitte, er gehört zu uns.>> flüstert sie.
Ich ziehe reflexartig meine Faust von unter ihrer Hand weg und stehe rasch auf. Das war zu viel.
<<Er gehört nicht zu uns, er gehört nur zu dir!>> zische ich, dreh mich um und verschwinde aus der Küche. Mit großen Schritten steig ich die Stiegen in Pären hoch, donnere in meinem Zimmer und schlage die Tür so fest zu, dass von der Mauer daneben einige Stückchen abbröckeln.

Das sollte wohl alles ein schlecht gelungener Witz sein, verdammt. Ich zieh mir die Kleider bis zu den Boxershorts aus und lass mich grob aufs Bett fallen. Ich erkenne in diesem Moment, dass ich Mamas Wörter noch nicht gänzlich begriffen habe. Jetzt, nach 15 Jahren, soll mein Zwillingsbruder plötzlich hier in meinem Leben hereinplatzen wie als währe er nur kurz auf reisen gewesen? Nein!
Ich kann und will so was nicht akzeptieren. Wieso weiß ich selbst nicht. Ich kann meine inneren Gefühle jetzt nicht dementsprechend interpretieren, will es einfach noch nicht wahr haben. Ich habe über meinen Bruder nie viel nachgedacht, wie gesagt, ich hatte ihn sogar vergessen und habe immer gedacht dass es besser so sei. Ich habe auch gedacht, dass ich ihn nie mehr wiedersehen werde, oder besser gesagt, nie sehen würde, da ich nicht die geringste Erinnerung an ihn hege.  Und nun kommt er direkt zu mir wohnen?
Ich sollte das jetzt wohl als positiv aufnehmen, oder? Mann, ich erkenne ja dass ich ein Bisschen neugierig bin, wie er aussieht. Eigentlich müssten wir irgendwie gleich aussehen und dass ist schon mal gar nicht gut. Ich bin einzigartig und will es auch bleiben.
Übrigens soll der sich nichts einbilden: ich werde ihn sicher nicht in meinem Kumpelkreis aufnehmen, mit ihm ausgehen oder Sonstiges. Auf gar keinen Fall.

Langsam werden meine Augen immer schwerer vom tiefen Grübeln und ich sammle deshalb meine ganze restliche Kraft, um noch schnell ins Bad zu gehen und mir die Zähne putzen.
Auch dort tüftle ich weiter über dieser neuen Situation und hör nicht auf, bis ich wieder unter die Decken in meinem Bett liege.
Das letzte an was ich denken kann, bevor ich endgültig einschlafe ist, wieso dieser Kerl mit 19 Jahren verdammt noch mal nicht alleine irgendwo wohnen geht, anstatt so plötzlich und ungefragt in meinem Alltag hereinzuplatzen.
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