Die Hülle

erstellt: 17.08.2010
letztes Update: 17.04.2013
Geschichte, Thriller / P18
(fertiggestellt)
Wilma Jacoby saß in der Stille des weitläufigen Wohnzimmers und schmiegte sich wie ein verängstigtes Kätzchen in eine Ecke ihrer modernen Couch. Ihre großen graublauen Augen waren rot gerändert und zeigten einen gehetzten Ausdruck. Sie hatte ein Kissen auf dem Schoß, an welchem sie fortwährend nervös herumzupfte, während ihr Blick durch den großen, liebevoll renovierten Raum mit den dunklen Deckenbalken und von Fachwerk durchzogenen, schneeweiß getünchten Wänden wanderte. Es war noch gar nicht so lange her, da hatte Wilma gemeinsam mit Celine das Haus hergerichtet. Wie viel Spaß sie dabei gehabt hatten! Die lavendelfarbene Designercouch im Internet auszusuchen, hatte sie alleine einen ganzen Nachmittag gekostet und der Preis des Möbelstücks war astronomisch gewesen. Doch was machte das schon, so lange es ihnen beiden Freude bereitete? Wilma verdiente sehr gut und hatte keine Skrupel, sich selbst und ihre Tochter entsprechend zu verwöhnen.

Nun aber war plötzlich alles anders, verdreht, surreal und pervertiert. Es kam Wilma vor, als hätte eine böswillige, höhere Macht ihr gesamtes Leben genommen, es in eine Schneekugel gepackt und kräftig durcheinandergerüttelt. Wilmas sorgsam manikürte Fingernägel malträtierten weiterhin das Kissen, neben ihr auf der Sofalehne lag das tragbare weiße Telefon. Sie hatte mit Bernd telefoniert. Ihr Freund hatte ihr dazu geraten, Celine in eine jugendpsychiatrische Klinik einweisen zu lassen, und das so rasch wie möglich. „Das Mädchen ist eine tickende Zeitbombe“, hatte er Wilma eindringlich beschworen. „Wer weiß schon, was in ihrem Geist kaputtgegangen ist? Ich bin Augenarzt, wie du weißt, kein Psychiater... aber was du da schilderst, sind nicht die üblichen Macken eines Teenagers und auch kein posttraumatisches Belastungssyndrom! Es klingt mir vielmehr nach einer handfesten Psychose. Vielleicht Schizophrenie. Und wenn dieser Dr. Brück nicht die notwendigen Schritte einleitet, so musst du selbst das in die Hand nehmen. Womöglich hat diese Störung bereits in Celine geschlummert – mit dem Tod ihres Vaters hat sie ja auch schon ein Trauma erlitten – und wurde durch den Schock des Unfalls nun endgültig ausgelöst. Wie auch immer, du musst handeln.“

Wilma jedoch hatte sich hartnäckig geweigert, zu solch drastischen Maßnahmen zu greifen. Lieber wollte sie zuerst mit der von Herrn Dr. Brück empfohlenen Ärztin sprechen – sie wartete auf deren Rückruf – und mit Celine, sobald diese aus der Schule heimgekehrt war. Den winzigen Leichnam des Hamsters hatte sie mit abgewandtem Blick im Mülleimer vor dem Haus entsorgt. Die Immobilienmaklerin schaute auf die Uhr. Celine hatte jetzt Schulschluss, es blieb noch etwa eine halbe Stunde, bis das Mädchen nach Hause kommen würde. Fahrig knackte Wilma mit den Fingerknöcheln – eine Marotte, die ihr selbst gehörig auf die Nerven ging – und erhob sich. Ihre Nerven fuhren Karussell, sie brauchte irgend eine Tätigkeit, um die Wartezeit zu überbrücken.

Wilma begab sich in die Küche, wo sie den Schrank öffnete und sämtliche Futternäpfe herausnahm, um sie in einen Karton zu packen, dann ging sie in den Keller und holte Churchs Katzenklo. Der Kater würde nicht wiederkehren, soviel war klar. Church hatte seinen Lebensmittelpunkt vollständig in Reginald Kolbs Haus verlagert und schien sogar den Garten des alten Fachwerkhauses, welches von seinen früheren Herrinnen bewohnt wurde, zu meiden, also konnte Wilma seine Sachen ebenso gut auf den weitläufigen Dachboden verbannen. Sie kippte das schmutzige Katzenstreu in den Mülleimer, spülte das Plastikbecken des Katzenklos mit dem Gartenschlauch aus und machte sich daran, alles ins Obergeschoss zu tragen. Schwitzend strich sie sich eine Haarsträhne aus der ungeschminkten Stirn, ergriff den Hakenstock und zog energisch die ausklappbare Speichertreppe hinunter.

Auf dem Dachboden angekommen, wurde sie von der dort herrschenden Hitze beinahe erschlagen. Dick und dumpf waberte die heiße Luft um Wilma herum, so dass ihr nun erst recht der Schweiß ausbrach. Sie schob ächzend das Katzenklo in einen Winkel nahe der Luke und den Karton direkt daneben. Einmal mehr dachte sie, dass der Dachboden dringend entrümpelt gehörte. Das Wenigste von dem, was sich hier oben befand, gehörte Wilma oder Celine. Vielmehr hatten die Vorbesitzer hier ihre Spuren, oder besser ihr Gerümpel hinterlassen. Der Speicher erstreckte sich über den gesamten Grundriss des Hauses, und Wilma war ihn noch nicht ein einziges Mal komplett abgelaufen. Vollgestellt und unübersichtlich, wie er war, mit all seinen uralten Kisten, klobigen Schränken, mit Laken abgedeckten Stehlampen und schimmeligen Sofagarnituren hatte dieser Ort Wilma immer ein unbehagliches, leicht klaustrophobisches Gefühl vermittelt. So wusste sie auch nicht recht, warum sie gerade jetzt, mitten in einem mörderisch heißen Sommer, von dem Drang zu stöbern überfallen wurde. Auf dem Dachboden hatte es mit Sicherheit fünfzig Grad.

Wilma schluckte und band ihren Zopf straffer, bevor sie langsam auf die alten Möbel zuging. Zwischen all dem Zeug führten lediglich schmale Pfade, einige der zuunterst stehenden Möbel, wie etwa eine wurmstichige Kommode, waren unter der Last der darauf gestapelten Dinge irgendwann zusammengebrochen. Wilma fühlte sich auf absurde Weise an den „Raum der Wünsche“ aus Harry Potter erinnert. Staunend befingerte sie einen Berg mottenzerfressener, muffig riechender Brokatgardinen und berührte eine alte Bibel, die sogleich auseinanderfiel. Wilma war nicht allzu viel über die Vergangenheit des alten Hauses, welches sie erworben hatte, bekannt. Sie wusste nur, dass ein wohlhabender Tuchhändler es Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut und mit seiner Familie darin gelebt hatte. Anschließend war das stattliche Gebäude durch verschiedene Hände gegangen, bis Wilma es auf ihren Tisch bekommen und spontan entschieden hatte, es selbst zu kaufen, obwohl ihr bewusst gewesen war, dass sie eine Menge Arbeit würde investieren müssen. Nachdenklich bewegte sie sich durch die schmalen Gänge, kletterte über einen Stapel umgefallener, vergilbter Notenblätter und kickte eine verkommene, schmutzige Puppe beiseite, als ihr Blick auf einen beeindruckenden Spiegelschrank fiel. Das Möbelstück, breit und wuchtig, wirkte wie eine durchaus wertvolle Antiquität, auch wenn es vollkommen verstaubt war und die Türen und Schubladen aussahen, als hätten sie sich verzogen. Der mannshohe Spiegel war größtenteils blind und stellenweise abgeblättert. Neugierig kam Wilma näher und zerrte erfolglos an einer der Schubladen, um dann aufzugeben und es mit der Schranktür zu probieren. Diese schwang tatsächlich auf, mit einem gequält klingenden Knarzen, welches Wilma eine Gänsehaut bescherte.

Modriger, staubiger Geruch schlug der Immobilienmaklerin entgegen, und sie hielt sich die Hand vor den Mund. Dort hingen mehrere Kleider auf der Stange – Mädchenkleider, die augenscheinlich sehr, sehr alt waren. Sie waren lang, hochgeschlossen und mit Rüschen und Stickereien verziert. Vorsichtig betrachtete Wilma sie genauer und stellte fest, dass die Kleider, abgesehen von etlichen Stockflecken, recht gut erhalten waren. Der fest verschlossene Schrank hatte sie vor Mottenfraß und Mäusen geschützt. Verwundert registrierte Wilma, dass von jedem Kleid jeweils zwei identische Exemplare vorhanden waren. Sie schätzte aber aufgrund der Größe, dass sie einem ungefähr vierzehnjährigen Mädchen gehört haben mussten.

Durch den aufgewirbelten Staub bekam Wilma einen üblen Niesanfall und wurde so wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbefördert. Hektisch warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Oh nein“, murmelte sie. Celine würde jeden Augenblick nach Hause kommen. Wilma gelang es, mit einiger Mühe die Tür des alten Kleiderschranks wieder zu schließen, und sie eilte zurück zur Dachbodenluke.

Unten im Erdgeschoss sah sie unruhig durch das Küchenfenster nach draußen und entdeckte Celine, die gerade ihr Fahrrad neben der Garage anlehnte und lockeren Schrittes auf die Haustür zusteuerte, den Rucksack immer noch nachlässig über einer Schulter tragend. Wilma blieb steif aufgerichtet in der Tür zum Flur stehen und trat hinter Celine, sobald diese die Haustür aufgeschlossen hatte und eingetreten war. „Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?“ verlangte Wilma hart zu wissen, und ihre Tochter wirbelte aufgeschreckt herum.

„Ich weiß gar nicht, wovon du sprichst“, entgegnete Celine mit großen, unschuldig aufgerissenen Augen.

„Tu doch nicht so scheinheilig! Du weißt ganz genau, wovon ich rede! Du hast deinen Hamster getötet!“ schrie Wilma außer sich vor Wut. „Ich war heute in deinem Zimmer!“

Celine ließ den Rucksack zu Boden fallen und trat ihn in die Ecke. „Ach, das meinst du“, erwiderte sie ruhig, dem aufgebrachten Blick der Mutter kühl begegnend. „Nun ja, er hat mich genervt. Die ganze Nacht hat er an den Gitterstäben geknabbert und im Käfig herumgewühlt. Wie soll man denn dabei schlafen?“ fragte sie anklagend.

Wilma war fassungslos. „Und da hast du Cäsar einfach umgebracht?“ hakte sie tonlos nach.

Celine zuckte gleichgültig mit den Achseln. „Ja. Da habe ich den oberen Teil des Käfigs abgehoben, meinen Turnschuh zur Hand genommen und ihn erschlagen. Danach war Ruhe“, konstatierte sie kalt.

„Aber siehst du denn nicht ein, wie grausam...“ begann Wilma hilflos.

„Ach, ich bitte dich, Mutter. Es war doch nur ein Hamster“, schnitt Celine ihr mit frostigem Spott das Wort ab und ließ Wilma einfach stehen.