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von Nebukadnezar    erstellt: 24.07.2010    letztes Update: 18.10.2010    Geschichte, Mystery / P12    (abgebrochen, keine anonymen Reviews)
Ich schlug die Augen auf und sofort sorgte das helle Tageslicht dafür, dass sich meine Pupillen auf ein Minimum verengten. Als ich die Luft in meine Lungen zog, fühlte ich mich, als benutzte ich sie zum ersten Mal.
Nur langsam, wie in einer Trance, begann ich meine Umgebung wahr zu nehmen. Ich hörte das Meer rauschen. Über mir war das wolkenlose Blau des Himmels. Es war wie in einem dieser Träume, in denen man zwar aktiv alles mit erlebte, jedoch nicht im Stande war sich zu rühren, um die Situation zu ändern, oder sie aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Die Konturen um mich herum wurden durch mein Schwindelgefühl und das viel zu helle Licht der südpazifischen Nachmittagssonne weich gezeichnet. So schlecht wie mein visueller Sinn funktionierte, so gut nahm ich hingegen die Geräusche um mich herum war: Das Kreischen der Möwen. Das Rauschen des Meeres und der Wind, der durch nahegelegene Baumwipfel brauste.
Wo. Zur Hölle. War. Ich?

‚Steh auf! ‘, befahl ich mir in Gedanken und stützte mich auf den Unterarmen hoch. Doch mehr als Sitzen war vorerst nicht drin, denn die Nachwirkungen meiner Ohnmacht gaben die Kontrolle über meinen Körper nur langsam wieder her. Vor mit lag der grenzenlose Ozean, der seine Wellen kontinuierlich gegen meine Füße schlagen ließ. Die Sonne brannte erbarmungslos auf mich nieder. Ich wischte verstohlen den angetrockneten Sand von meinen Armen. Alles hier war fremd und auch als ich rechts und links den Strand hinunterblickte, wollte sich der Dunst in meinem Kopf nicht so recht verziehen. Die Luft flimmerte und es waren gefühlte fünfzig Grad.

Ich stand auf und bereute sofort diese vorschnelle Entscheidung. Das Blut in meinen Ohren rauschte und vor meinen Augen blitzten schwarze Pünktchen auf. ‚Nun bloß nichts überstürzen‘, versuchte ich mich selbst zu beruhigen. Ich schloss die Augen und atmete ein paar Mal durch. Gut, dass ich überhaupt wach geworden war. Die Sonne hatte eine enorme Kraft und war konstant damit beschäftigt meinen Kreislauf ins Wanken zu bringen. Sie hätte vermutlich noch Schlimmeres angerichtet, wäre ich noch eine Weile länger hier am Strand gegart. Als das Übelkeitsgefühl meinen Körper langsam verließ, öffnete ich die Augen wieder. Da ich den Kopf noch immer etwas gesenkt hielt, fiel mein erster Blick auf meine Schuhe. Wie unpraktisch Chucks am Strand doch waren. Die verfluchten Löcher an den Seiten der Schuhe sorgten für den idealen Sandeintritt in eben diese.

Der weiße Sand war ziemlich tief und erschwerte mir den Weg am Ufer entlang den Strand hinunter. Etwas ziellos ging ich durch die Hitze während ich versuchte einen klaren Kopf zu bekommen. Das Rauschen des Ozeans hatte eine seltsam beruhigende Wirkung auf mich. Jedenfalls dachte ich es, da ich vorerst nicht in Panik geriet, obwohl ich das Holz, welches nach und nach an Land gespült wurde als die Überreste meines Bootes identifizierte. So vereinzelt wie die Bretter an Land kamen, kehrte auch die Erinnerung in mein hitzebelastetes Hirn zurück. Meine Welttour – Das Unwetter. Verflucht und was für ein Unwetter. Vor jedem Start hinaus aufs Meer ging ich gründlich die Wetterkarten durch und blieb notfalls immer im Hafen des jeweiligen Ortes, den ich auf meiner Reise um die Welt passierte. Wie nun deutlich zu erkennen war, vertrug mein Ein-Mann-Boot keine zu großen Turbulenzen. Der gestrige Sturm – der in keinem einzigen Wetterradar aufgezeigt war - hatte Kleinholz aus meinem Gefährt gemacht.

Da stand ich nun, die Überreste meines Traums von der Umrundung der Erde auf dem Seeweg, lagen in Form von Kleinholz vor meinen Füßen. Mein Blick richtete sich den Strand hinauf zum Rand des Dschungels. Erst jetzt realisierte ich die gigantische Größe der Insel und konnte Hoffnung schöpfen. Auch wenn meine Technik die nasse Ankunft hier nicht überlebt hatte, so würde es auf dieser Insel sicher einen Ort geben, von dem aus ich Hilfe ordern könnte.

Der Dschungel lag vor mir, es tat gut zwischen den dichten Bäumen Schutz vor der überaus aktiven Sonne zu finden. Jedoch merkte ich schnell, dass diese Insel - sowie ihre Flora und Fauna - nur selten Menschen zu Gesicht bekamen. Jedenfalls dieser Teil der Insel, denn der Weg durch das Dickicht gestaltete sich ziemlich kompliziert. Gräser reichten mir bis zum Bauch und überall bestand Gefahr über verborgen liegende Äste oder Steine zu stürzen. Mal ganz davon abgesehen, dass die schwül-heiße Luft auch vor dem Wald nicht Halt gemacht hatte. Mich umschwirrte so ziemlich alles, das Flügel besaß und ganz wild darauf war mein Blut zu saugen.

Gefühlte Stunden später ließ ich mich auf einem moosbewachsenen Baumstamm nieder und atmete durch. Es war sinnlos, mein Körper verweigerte mir weitere Dienste. Er schrie aus jeder Pore nach Erfrischung. Ich war zwar das warme Klima gewöhnt, da ich mich schon einige Wochen im pazifischen Raum aufhielt, doch diese Insel toppte alles Vorhergegangene. Mit zitternden Händen wischte ich mir die nassen Haare aus der Stirn und den Schweiß von der Oberlippe. Ein Blick auf meine Hände sagte mir jedoch, dass das an meiner Oberlippe kein Schweiß war. Durch die Sonne und das Meersalz waren meine Lippen ausgetrocknet und aufgerissen. Blut war an meinen Fingern zu sehen und es wurde nicht weniger, als ich mir nochmals über den Mund wischte. Ich begann an meinen Lippen zu saugen und versuchte sie zu befeuchten. Meine Zunge war so belegt, als hätte ich an einem Zombie geleckt. Verdammt, ich brauchte dringend Wasser!

‚Warum war hier auch niemand? Wie spät war es? Ich hätte doch schon längst auf Zivilisation treffen müssen?!‘ Meine Armbanduhr stellte keine große Hilfe mehr da. Zwischen Glas und Ziffernblatt hatte sich ein kleines Wasserdepot gebildet, welches das System lahm gelegt hatte. Von wegen zehn Jahre Garantie auf ein wasserdichtes Gehäuse. Wütend öffnete ich das Armband der Swatch und schleuderte sie in den Dschungel, doch anstatt sie irgendwo aufschlagen zu hören, verursachte die ausgemusterte Uhr nur ein kleines Platschen, welches mich aus den Gedanken riss. Wasser? Sofort war ich auf den Beinen und ging schwerfällig zum Ursprung des Geräusches. Und tatsächlich, eine kleine Quelle – oder sollte ich lieber große Pfütze sagen? – lag vor mir. Sofort war ich auf den Knien und schöpfte Wasser mit der hohlen Hand.

Mit ihm kamen die Lebensgeister zurück. Wie kostbar Wasser sein konnte, wenn es nur begrenzt zur Verfügung stand. Immer wieder ließ ich das kühlende Nass in meine hohlen Hände laufen um es zu trinken. Mit den feuchten Händen fuhr ich meine verbrannten Schultern entlang. Die Haut war so heiß und geschunden, dass sie sich sofort zu pellen begann, als sie von dem Wasser benetzt wurde. „Verdammte Scheiße“, fluchte ich nicht leise und wusch die abgestorbene Haut ab. Mit zusammen gebissenen Zähnen träufelte ich immer wieder Wasser auf die schmerzenden Stellen an meinen Schultern, als ich ein auffälliges Knacken hinter mir vernahm. Erschrocken drehte ich mich um.

“Hallo?“ fragte ich in das Summen und Rascheln des Dschungels hinein. Doch bis auf die gleichbleibenden Geräusche der Insekten und Kleintiere um mich herum rührte sich nichts. Ich stand von meiner lebensrettenden Quelle auf und ließ meinen Blick auf dem Punkt haften, von dem aus ich das Knacken vermutete. „Ist da wer?“ hakte ich nochmal nach und diagnostizierte bei mir parallel einen Sonnenstich. Einen anderen Grund würde es für diesen Sinnesstreich kaum geben. Kopfschüttelnd wand ich mich wieder dem Wasser zu und trank noch ein paar Schlucke, bevor ich entschied zum Strand zurück zu gehen. Mit viel Glück hatte das Meer die Überreste meines Bootes noch nicht zurückgeholt und ich würde sie nutzen können, um ein Feuer zu machen. Da ich die Hoffnung aufgegeben hatte, auf dem Weg durch den Dschungel noch irgendwen treffen zu können, blieb nur Variante zwei: Auf Hilfe von anderen Schiffen zu hoffen. Gerade nachts standen die Chancen gar nicht schlecht, dass ein Feuer vom Meer aus gesehen werden konnte.

Auch wenn es mir schwer fiel die kleine Quelle wieder zu verlassen, wusste ich instinktiv, dass eine Nacht im Dschungel sicher gefährlicher war, als unter freiem Himmel. Schließlich hatte ich keine Ahnung, was hier noch lauern konnte. Ich öffnete meinen Schuh und nahm das Klappmesser aus dem Fach unter der Sohle. Damals hatte ich meinen Vater ausgelacht, als er mir den präparierten Converse-Schuh präsentierte bevor ich zu meiner Reise aufbrach. „Du weißt nie, wofür du das mal gebrauchen kannst“, hatte er damals altklug von sich gegeben. Und verflucht Dad, du hattest Recht. Mit einem Lächeln zog ich den Schuh wieder an und markierte den Weg zur Quelle mit Schnitten in den Stämmen auf dem Weg liegender Bäume. Auch wenn ich nie viel Ahnung von Früchten gehabt hatte, konnte ich ein paar Mangos ausmachen, die am Fuß eines großen Baumes lagen. Die weniger matschigen Exemplare nahm ich mit. Der Weg zurück zum Strand war nicht schwer wieder zu finden, da ich eine ziemliche Schneise durch das hohe Gras des Dschungels gezogen hatte. Viel schneller als ich zum Wasser hingefunden hatte, verlief der Weg zurück an den Platz, wo ich gestrandet war.

***

Es wunderte mich nicht, dass die hölzernen Überreste meines Bootes schon getrocknet waren. Trotzdem gestaltete sich das Feuer machen schwierig, da ich das letzte Mal im Alter von zehn Jahren (damals bei den Pfadfindern) mit Steinen versucht hatte Funken entstehen zu lassen. Das trockene Gras vom Waldrand sollte als Brandbeschleuniger dienen, doch es erfüllte seine Aufgabe nur mit mäßigem Erfolg. Ich fluchte finster vor mich hin und schlug die Steine wieder und wieder aneinander, bis meine Fingerkuppen wund wurden. Als ich die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, sprang ein Funke auf die vorbereitete Feuerstelle über und ließ die ersten Flämmchen entstehen.
„Ja!!“, meine Freude war kaum zu verbergen. Na endlich! Die Sonne war fast untergegangen und es wurde merklich kühler. Ohne ein Feuer hätte die Nacht der nächste Horrortrip werden können.

Mit deutlich sichtbarem Stolz machte ich es mir an der kleinen Feuerstelle so bequem wie möglich und schnitt die Mangos so auf, dass die ausgehölte Ummantelung der Früchte später noch als Wasserbehälter dienen konnten. Bevor ich mir die Schlafstelle für die Nacht gesucht hatte, war ich noch ein Stück den Strand entlang gegangen in der Hoffnung, ich würde noch hilfreiche Gegenstände aus meinem Boot finden, doch Fehlanzeige. Mein Rucksack war nicht unter den Sachen, die angespült worden waren.

Es wurde immer kälter, also rückte ich näher an die kleine Feuerstelle. Die Knie an die Brust gezogen, legte ich meine verschränkten Arme darum, um mich warm zu halten. Mit einem monotonen Blick in die Flammen ließ ich die Müdigkeit endlich zu, die den ganzen Tag schon an meinen Kräften zehrte. Langsam fielen mir die Augen zu und meine Stirn sank auf die verschränkten Arme. Ich atmete durch. Allein auf einer Insel. Im Nirgendwo. Keine Hilfe in Sicht und keine Chance dieses riesige Eiland allein zu erkunden. Während ich einschlief wurde es mir deutlich bewusst: Ich war verloren.
 
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