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von Micah Rossi    erstellt: 11.05.2010    letztes Update: 29.07.2010    Geschichte, Abenteuer / P18    (fertiggestellt)


Zwar erfüllten die etwas mehr als 120 Schüler das Institut mit fröhlichem Gelächter, doch etwas fehlte. Die Dinge hatten sich geändert. Die Leichtigkeit und das Selbstverständnis des Lebens waren verloren gegangen. Schüler wie Lehrer hatten gleichermaßen mit einem großen Verlust zu kämpfen: Dr. Jean Grey, lebenslustige Frau, nette Lehrerin, gebildete Ärztin, liebende Verlobte, ehrliche Freundin, Tochterfigur und geduldige Ansprechpartnerin in einer Person hatte ihr Leben für ihre Freunde, Kollegen und Schüler gelassen. Ihr Fehlen hatte eine Lücke hinterlassen, die niemals gefüllt werden konnte.

„Würde man in diesen Humpen Wasser füllen, könnte man die gesamte Sahara gießen!“
„Du bist doch nur neidisch, weil meine Kaffeetasse größer ist, als deine.“ Cyclops hatte wieder angefangen zu unterrichten.
Der Unterricht vermochte es zwar nicht, die unendliche Leere in ihm zu füllen, die er empfand, seit Jean gestorben war, aber der Umgang mit den Schülern lenkte ihn zumindest ein wenig ab. Das Gefühl, gebraucht zu werden, tat ihm gut und langsam ging wieder Energie durch seine Glieder.

Der Tod von Dr. Jean Grey, das Opfer, welches sie für ihre Freunde und Schüler erbracht hatte, hatte tiefe Wunden gerissen. Täglich blieben Schüler vor ihrem Portrait in der Lobby stehen und trauerten still.
Storm sprach hin und wieder mit dem Professor über ihre Gefühle, eine beste Freundin verloren zu haben. Kurt betete oft für Jean und Wolverine verschloss seine Wut und Trauer tief in seinem Inneren. Manchmal flüsterte er ihren Namen im Schlaf, doch niemanden schien der Verlust der lebenslustigen Frau so unüberbrückbar gebrochen zu haben, wie Scott.
In den ersten Wochen nach der Rückkehr vom Alkalilake war er nicht ansprechbar gewesen und allen war klar, dass ein Teil von ihm mit Jean gestorben war.
Umso glücklicher zeigten sich Schüler, wie auch X-Men, als Scott verkündet hatte, er wolle wieder unterrichten.

„Irgendwann wird dir dein Kaffee noch zur Nase raus kommen und ich werde dann reich, wenn ich die Fotos davon an die Schüler verkaufe.“ Ororo Monroe, von den Meisten nur Storm genannt, knuffte Scott in die Seite und machte sich dann auf den Weg zu ihrem Klassenzimmer.
Scott warf einen Blick auf die Uhr, packte daraufhin hektisch seine Mappe mit den neu ausgearbeiteten Arbeitsblättern und seinen Kaffeehumpen und spurtete Storm hinterher.
„Eine Sache noch.“, meinte er, als er sie eingeholt hatte. „Ich mache mir ein wenig Sorgen.“
„Um wen geht’s denn?“, wollte Storm wissen.
„Bobby Drake.“, antwortete Scott leise, denn einzelne Schüler rannten an ihnen vorbei, um es noch vor ihren Lehrern zum Unterricht zu schaffen. „Ich habe gesehen, dass seine Noten in letzter Zeit nicht so toll aussehen. Hast du eine Ahnung, warum er so nachgelassen hat?“
„Ich weiß es nicht. Meinst du, jemand sollte mal mit ihm reden?“
Sie waren an den Zimmern angekommen. Storm zupfte nachdenklich ein paar vergilbte Blätter von einer dicken Topfpflanze.
„Nein, so schlimm ist es noch nicht. Aber auf ihn achten sollten wir schon. Also, viel Spaß dann.“ Motiviert betrat Cyclops das Klassenzimmer und augenblicklich herrschte Ruhe unter den Schülern. Er hatte um die jüngeren Kinder gebeten und es erfüllte ihn jedes Mal mit Stolz, wenn sie seinem Unterricht fasziniert folgten.

Schlagartig wurde es ruhig auf den Gängen. Es schien, als würden die geschmackvollen Läufer, die hölzerne Wandbetäfelung, die schönen Vasen und leuchtenden Ölbilder nun das Institut regieren.

„Die haben sich wohl abgesprochen?“ Xavier sah auf die Uhr. Seine gesamte Klasse war bereits zehn Minuten überfällig.
Dann ging plötzlich die Tür auf und Johns kam genervt herein geschlurft.
Das permanente Geschlurfe des Kindes ging dem Professor zwar gehörig auf den Geist, er war aber guter Hoffnung, dass der Junge eines Tages selbst erkennen würde, dass er die Füße zum Laufen heben kann.

Johns war im Alter von vier Jahren vor dem Institut abgesetzt worden. Seine Eltern hatten sich nie wieder gemeldet und jegliche Kontaktversuche von Seiten der Schule abgelehnt.
Xavier hatte dieses Verhalten gerade in Johns Fall nicht nachvollziehen können, da sich die Mutation des Jungen bislang darauf beschränkte, dass er nicht schlief und elektrische Gegenstände mit einem Schlagen der Augenlider ein- und ausschalten konnte.
Dass der Junge nie schlief hatte dem Professor anfangs Sorgen gemacht, denn ein Kind in diesem Alter die ganze Nacht in seinem Institut unbeaufsichtigt herum streunen zu lassen, gefiel ihm gar nicht. So hatten Jean und Storm sich mit dem Schlafen abgewechselt, um ihn nicht ganz alleine lassen zu müssen. Mit der Zeit hatte Johns begonnen seine zusätzliche Zeit zu nutzen und beschäftigte sich mit Büchern und dem Lehrplan, was ihn einige Klassen hatte überspringen lassen. So war er nun mit Bobby, Rogue und den anderen Jugendlichen im gleichen Jahrgang und manchmal fragte der Professor sich, wer das Kind in dieser Klasse war. Er kam zu einem logischen Schluss: alle – außer dem kleinen Johns.

„Was ist denn los? Wo sind die Anderen?“, fragte der Professor erstaunt.
„Ach, die schauen sich gerade so ne Reportage über den guten Geist New Yorks an.“
Johns, auch Switchy genannt, hatte sich auf einen Stuhl fallen lassen und kramte sein Chemiebuch aus seiner Tasche.

Als Xavier in den Fernsehraum kam, fand er tatsächlich seine gesamte Chemieklasse vor. Sie saßen auf den Sofas und diskutierten über die Nachrichten, die sie verfolgten.
„Quatsch, Mutant! Das ist irgendein arbeitsloser Bodybuilder, dem langweilig ist und der deshalb Gangster verprügelt.“, rief Reader, ein Mutant mit der Fähigkeit Bücher durch bloßes Handauflegen zu lesen, auf die Mutmaßungen der Fernsehmoderatorin.
„Ich wusste immer, dass es Batman wirklich gibt.“, bemerkte Bobby, der die Füße auf den quadratischen Wohnzimmertisch gelegt hatte und nun die Arme verschränkte.
Milde lächelnd hörte Professor Xavier seinen Schülern zu.
„Es ist ein Mutant. Ganz sicher.“ Kitty band ihr braunes Haar zusammen und zupfte sich ein paar Fussel von den Ärmeln.
„Ich war immer ein totaler Batmanfan.“, warf Bobby ein und suchte in der Runde nach Bestätigung.
„Du nervst, Bobby.“, maulte Rogue und verdrehte kurz die Augen. „Ich denke auch, dass es ein Mutant ist. Hat jemand ne Ahnung, wer es sein könnte?“
Die Sonne stach durch die hohen Fenster und man konnte ein wenig Staub in der Luft tanzen sehen. Die Atmosphäre war ungezwungen und als Reader feststellte, dass es bestimmt Pjotr sei, von dem da in der Reportage die Rede war, brach kurz Gelächter aus.
„Klar, und wenn ich mal keine Zeit hab, dann springt Batman für mich ein, stimmts Bobby?“
„Sag ich doch.“, summte Bobby und setzte ein zufriedenes Grinsen auf.
Ein Räuspern von Richtung Tür ließ die jungen Mutanten zusammen zucken. Als die den Professor erblickten, trat Totenstille ein.
„Was kann um diese Uhrzeit interessanter sein, als die chemischen Entdeckungen des Herrn Ernest Rutherfort?“, fragte er in die Runde und hob die Augenbrauen.
Die Schüler schwiegen betreten, einige sahen verstohlen auf die Uhr. Bobby, der mittlerweile die Füße vom Tisch genommen hatte, deutete stumm auf den immer noch laufenden Fernseher.
´The good spirit of NY`. Die reißerische Schlagzeile flimmerte über die Mattscheibe.
„Hättet ihr es doch wenigstens aus der Zeitung.“, seufzte Xavier und schaltete den Fernseher aus.

In der Mittagspause bestellte der Professor die X-Men in sein Zimmer.
„Wegen ein paar Minuten ‚zu spät kommen‘ kriegen wir bergeweise Hausaufgaben. Was ist denn, wenn mal jemand verschläft? Der schreibt, bis ihm der Arm abfällt!“, grummelten die Schüler und gingen zum Lunch.
„Hallo Professor.“, begrüßte Storm ihren Mentor und setzte sich zu den Anderen.
„Hat von euch heute schon jemand die Zeitung gelesen?“, sprach Xavier das Thema direkt an.
„Meinen Sie ‚den guten Geist New Yorks‘?“, wollte Kurt begeistert wissen. „Natürlich! Es ist sogar von einem neuen Jesus die Rede!“
Genervt hob Wolverine die Augenbrauen und schüttelte gelangweilt den Kopf.
„Genau darüber möchte ich sprechen. Ich war gerade in Cerebro und habe die Mutantin ausfindig gemacht.“, ergriff Xavier das Wort.
„Also war es ein Mutant. Nicht Jesus.” Wolverine verschränkte die Arme vor der Brust und sah Nightcrawler missbilligend an.
„Kennen wir sie? Hat sie einen Grund, warum sie das alles tut?“, fragte Storm und blinzelte. Da ihr das grelle Sonnenlicht direkt ins Gesicht schien, färbten sich ihre Augen komplett weiß und sie sah zum Himmel. Ein dünner Wolkenfetzen schob sich vor die Sonne und ihre Augen nahmen wieder ihre natürliche Farbe an. „Schon besser.“, flüsterte sie mehr zu sich selbst, als zu den Anderen.

Der Zeitungsbericht, von dem nun die Rede war, ging auf einige Taten des guten Geistes von New York ein:
So habe es sich beispielsweise des Öfteren zugetragen, dass Raubüberfälle durch Jugendbanden verhindert worden waren. Ein irres Kichern hätte jedes Mal einen Hagel aus kleinen Steinchen, Müll, oder was die Umgebung rund um den Big Apple so hergab, angekündigt. Doch nie wurde der Verursacher gesehen. Aufgrund der Wucht, welche die individuellen Wurfgeschosse hatten, ging man von einem Mann mit trainierten, starken Armen als Retter der potenziellen Ausgeraubten aus. Trotz intensiver Bemühungen der hiesigen Polizeibeamten hatten sich bei der Suche nach der Person, die den Kriminellen in der Gegend zusetzte, keine Erfolge verbuchen lassen können.

„Nun, ich würde sagen, das können wir sie selbst fragen. Kurt, es könnte sein, dass ich dich dann brauche.“, bemerkte der Professor.
„Warum mich?“, wollte Nightcrawler wissen und lehnte sich zurück. Auch die anderen X-Men sahen überrascht aus.
„Es ist seltsam, aber ich kann ihre Gedanken nur sehr bruchstückhaft erkennen, da sie offenbar aus Deutschland kommt und auch in ihrer Sprache denkt. Da wir nicht wissen, ob sie Englischkenntnisse hat, kann ein Dolmetscher nicht schaden.“, erklärte Xavier und wandte sich an die Gruppe: „Wer passt also freiwillig auf die Kinder auf?“
„Ich mach das. Hab eh noch Hausaufgaben auszuwerten.“ Schlapp hob Scott die Hand.
Storm machte sich große Sorgen um ihn. Seine gute Laune und der Enthusiasmus wechselten im Minutentakt mit Trägheit und dem trauernden Gedanken an Jean.
„Und wann?“, meldete Wolverine sich zu Wort.
„Heute noch. Wir dürfen nicht vergessen, dass Hank McCoy spätestens Übermorgen hier eintreffen wird.“

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