Geschichte: Fanfiktion / Bücher / Bis(s) / 27
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von angel-on-the-moon    erstellt: 25.04.2010    letztes Update: 23.05.2012    Geschichte, Drama, Romanze / P18    (in Arbeit)
http://www.youtube.com/watch?v=3dLAv0NklTg


Kapitel 2 – Break on through (to the other side)



You know the day destroys the night
Night divides the day
Tried to run
Tried to hide
Break on through to the other side
Break on through to the other side
Break on through to the other side, yeah

We chased our pleasures here
Dug our treasures there
But can you still recall
The time we cried
Break on through to the other side
Break on through to the other side

[The Doors/Jim Morrison – Break on through (to the other side) – 1967]



Das Buch sah aus, als hätte er es schon eine Million Mal in der Hand gehabt. An einigen Stellen war der schwarze Einband abgewetzt und alle vier Ecken waren angestoßen. Auf der Vorderseite prankten nur zwei Buchstaben, in weißer, fast abgeriebener Schrift. A & E.
„Alice und Edward?“
Er nickte bestätigend und ich drehte das Buch unsicher in meiner Hand hin und her, war kurz davor, es  ihm zurückgeben, da ich es nicht einfach wie ein Eindringling öffnen wollte, aber Edward schien meine Gedanken zu erraten. „Du kannst ruhig reinschauen, wenn du möchtest.“
„Okay.“ Zögernd schlug ich es auf. Die Seiten waren leicht vergilbt, machten den gleichen Eindruck, den das Notizbuch auch von außen vermittelte. Ich hielt etwas in Händen, was einem Menschen viel bedeutete, das war unverkennbar.
Die Schrift war ordentlich, fast schon penibel. Meine eigene Handschrift war ein Chaos, hier jedoch war jeder Strich am richtigen Platz. Die Buchstaben sahen aus, als wären sie gemalt worden.
Auf der ersten Seite fand sich auch direkt Tolstoi. Darunter ein Punkt, der bereits fein säuberlich durchgestrichen worden war. „Du hast das Polarlicht gesehen?“
„Ja, das war aber auch nicht wirklich herausfordernd.“ Er lachte leise. „Es hört sich spektakulärer an, aber wenn man in der Nähe von Alaska wohnt, ist das keine große Sache.“
„Wie war es?“ Ich war ehrlich neugierig. Das aufregendste Wetterphänomen, was ich jemals gesehen hatte, war ein Regenbogen direkt über dem Central Park gewesen.
„Es war… “ Edward schien nach den richtigen Worten zu suchen. „… aufregend, aber das trifft es nicht mal ansatzweise. In dem Moment spürst du, wie viele Wunder es da draußen gibt. Es war unwirklich, fast künstlich. Aber Kunst könnte so etwas Schönes wohl nie erschaffen.“
„Und das hast du dir zusammen mit deiner Schwester angesehen?“
„Alice... Nein, Alice war nicht dabei.“
„Wieso-“
„Möchtest du nicht weiter lesen?“, unterbrach er mich. Es war mehr als deutlich, dass er nicht darüber sprechen wollte, warum sie diese Liste zwar gemeinsam geschrieben hatten, er diese Dinge aber ohne sie tat.
„Doch, sicher.“ Ich schlug langsam die nächste Seite auf. „Du warst an einer Schlägerei beteiligt?“ Dieser Punkt war ebenso ausgestrichen worden wie das Polarlicht. Meine Müdigkeit war augenblicklich wie weggeblasen. „Du prügelst dich?“
„Ähm, nein. Also nicht regelmäßig. Sehe ich wie ein Schläger aus?“ Mein entsetztes Gesicht schien Edward nicht zu beeindrucken. Er grinste weiterhin.
„Nicht wirklich“, gab ich zu. Er machte zwar nicht den Eindruck, als würde er sich nicht verteidigen können, wenn es darauf ankam, aber einen typischen Schläger stellte ich mir anders vor. „Aber wieso ist das auf der Liste? Ist das echt etwas, was man getan haben muss?“
„Die Liste ist entstanden, als ich 18 war.“ Er zuckte mit den Schultern, als würde das alles erklären. „Und es war keine schlechte Erfahrung. Man besinnt sich auf das, was wichtig ist.“
„Und das wäre?“
„Man selbst. Es ist sicherlich nicht schön, wenn dir ein zwei Meter großer Betrunkener den Kiefer bricht, aber das war ein Moment, in dem ich gespürt habe, dass ich lebe. Ganz und gar.“
„Das glaube ich gerne.“ Mein Ton war so sarkastisch wie auch meine Worte. „Das muss doch wehtun.“
Er lachte leise auf, vermutlich betont leise, damit er die anderen Reisenden nicht wieder gegen sich aufbrachte. „Darum geht es gar nicht. Klar, es war nicht angenehm, aber in dem Augenblick gab es nur ihn und mich. Das kann man nicht beschreiben.“
„Vermutlich nicht, weil es echt irre ist.“
„Ich würde dir ja vorschlagen, diese Erfahrung selbst zu machen, aber ich denke nicht, dass du der Typ bist, der in Prügeleien gerät.“ Um seine Augen zuckten kleine Lachfalten und selbst in diesem Dämmerlicht strahlten sie so intensiv grün, wie ich es selten vorher bei einem Menschen gesehen hatte.
„Ich verzichte.  Meine Nase gefällt mir ganz gut, so wie sie ist.“ Der Punkt unter der Schlägerei war noch offen. „Delfine?“
Edward verzog peinlich berührt das Gesicht. „Das war Alices Idee.“
„Aber irgendwie ist das süß. Im Meer mit Delfinen schwimmen. Doch, das hat was.“ Die Vorstellung von kristallklarem Wasser, einem weißen Sandstrand und Palmen drängte sich mir unweigerlich auf.
„Naja, sie war 16 und da hat man wohl solche Ideen.“
„Mir gefällt es. Besser als die Schlägerei ist es allemal.“ Ich blätterte langsam weiter.

Die nächste Seite trieb mir die Schamesröte ins Gesicht. Damit hatte ich nicht gerechnet und ich wollte den oberen Eintrag schon ignorieren, als Edward näher rückte und in sein Notizbuch spähte. „Ravel ist toll.“
„Ja“, antwortete ich einsilbig. Viel mehr brachte ich nicht hervor.
„Habe ich dich jetzt geschockt?“ Edward angelte nach der Coladose und führte sie an seine Lippen.
„Nein, nein“, log ich wenig überzeugend. Ich war zwar aus Phoenix, aber im Herzen eher ein Kleinstadtkind. Die Offenheit und Freizügigkeit New Yorks erschreckte mich nach wie vor, so wie auch Edward mich erschreckt hatte.
„Du solltest es ausprobieren.“
„Was?“ Meine Stimme war viel zu hoch und ich räusperte mich möglichst unauffällig.
„Sex zu Ravels Bolero.“ Er schien höchst amüsiert zu sein, dass ich wie ein Kleinkind reagierte. Ich war 26, hatte in meinem Leben sicher schon Sex gehabt, aber darüber zu sprechen, das war nicht einfach. Vermutlich hielt er mich für vollkommen verklemmt, was ich irgendwo auch war.
„Das ist ein sehr sinnliches Stück“, fügte er hinzu, bevor er einen weiteren Schluck aus der Dose nahm.
„Hmm, du weißt anscheinend, wovon du sprichst.“ Sex zu Ravels Bolero war durchgestrichen, was mich eigentlich nicht wundern sollte. Auch wenn Edward auf seine eigene Art merkwürdig war, hatte er etwas an sich, was Frauen dazu verleitete, sich ihm zu Füßen zu werfen. Das nahm ich jedenfalls an.
„Ist dir das unangenehm? Falls es dich beruhigt, sie hat mir nichts bedeutet, Schatz.“ Selbst ein nicht ganz so sanfter Schlag gegen seinen Oberarm stoppte sein Lachen nicht.
Ich wollte im Erdboden versinken, obwohl er es eigentlich sein sollte, dem diese Sache peinlich war. Immerhin breitete er gerade sein Sexualleben vor einer Fremden aus. „Du tust so, als würde da stehen, dass ich gerne ausgepeitscht werden möchte.“
Das hätte mich auch nicht mehr schocken können. Wobei… doch, das hätte es vermutlich schon. „Ich war nur... überrascht.“
„Weswegen? Ist es so unglaublich, dass Frauen sich mit mir abgeben?“
„Nein, natürlich nicht.“ Dann stockte ich. „Du findest das sehr witzig, oder?“
„Eigentlich schon.“ Er hielt mir die Cola hin und ich schüttelte mit dem Kopf. „Du bist für jemanden, der in dieser durchgeknallten Stadt lebt, echt prüde.“
„Ich bin nicht-“
„Doch, das bist du“, unterbrach er mich.
„Das stimmt nicht.“ Ich war nicht gerade Madame Pompadour, aber ich war auch keine alte, vertrocknete Jungfer, die bei dem Wort Sex rote Ohren bekam – zumindest nicht sofort.
„Okay. Es stimmt nicht. Wir nehmen mal an, dass du die Wahrheit sagst. Was war dein aufregendstes Erlebnis?" Edward war sich ziemlich sicher, dass ich dem nichts entgegenzusetzen hatte, das konnte ich in seiner Stimme hören und er hatte Recht. Verdammt, er hatte wirklich Recht.
Was sollte ich ihm erzählen? Ich hatte mal Flaschendrehen in der sechsten Klasse gespielt und dabei zum ersten und einzigen Mal jemanden geküsst, den ich kaum kannte? Eine sehr spannende Geschichte, Edward würde mich auslachen.
„Dir fällt nichts ein, oder?“ Er klang belustigt, was ich ihm nicht einmal übel nehmen konnte.
„Nichts, was sich mit Ravel vergleichen ließe.“
„Keine Fummeleien auf Autorücksitzen? Kein Knutschen hinter der Sporthalle?“
„Nope.“ Wie zur Bestätigung schüttelte ich mit dem Kopf. „Du hast richtig geraten. Ich bin ein gutes Mädchen.“
„Hast du nie daran gedacht, auszubrechen? Einfach mal irgendwas zu tun, was niemand von dir erwartet?“
„So wie du?“
Edward zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, für meine Familie war das gar nicht so unerwartet. Ich war nie das, was sie von mir erwartet haben.“
„Aber ein Medizinstudium? Das muss doch der Traum aller Eltern sein.“
Er presste die Lippen zu einem dünnen Strich aufeinander. „Das war es wohl auch, bis ich alles hingeworfen habe.“
„Wieso hast du überhaupt studiert, wenn du es nicht wolltest?“
„Weil ich dumm war. Dumm, jung und beeinflussbar. Mein Vater ist Arzt und was liegt da näher, als den ältesten Sohn ebenfalls Arzt werden zu lassen?“
„Verstehst du dich nicht gut mit deinen Eltern?“ Das war etwas, was ich mir für mein Leben nicht vorstellen konnte. Renée war schon immer meine beste Freundin gewesen und mein Dad, Charlie, war der tollste Kerl der Welt. Ich war seit meiner Geburt Daddy's Girl gewesen und das würde sich auch niemals ändern.
„Doch, eigentlich schon. Sie sind toll, beide, aber sie haben andere Vorstellungen von meinem Leben als ich.“ Edward zeigte auffordernd auf das Notizbuch, er wollte das Thema wechseln, aber so schnell wollte ich nicht nachgeben.
„Und Alice? Versteht sie dich?“
Wenn dies überhaupt möglich war, wurde sein Blick noch reservierter. „Ich bin alleine unterwegs, das erklärt alles, oder?“
Vermutlich tat es das. Vorsichtig blätterte ich weiter. „Du möchtest ein Baumhaus bauen?“ Ich hatte mit größeren Dingen gerechnet. Vielleicht mit einem Flug zum Mond oder einer Durchquerung der Arktis.
„Ja.“ Der fröhliche Edward war zurück. „Wir wollten als Kind immer eins haben, aber mein Dad, du erinnerst dich, der ist Arzt, hatte was dagegen. Wir hätten ja herunterfallen und uns verletzen können.“ Er rollte mich den Augen, als wäre das völlig unmöglich.
„Und wo willst du es bauen?“
„Das weiß ich noch nicht so genau. Aber da fällt mir schon was ein. Zur Not muss der Garten meiner Eltern dran glauben.“
„Hmm“. Ich sah mir die nächste Seite an, wurde aber von ihm unterbrochen.
„Sag mal. Willst du mir nicht deinen Namen verraten? Wir sitzen hier stundenlang fest, reden, da wäre es schön zu wissen, mit wem ich die Nacht verbringe.“ Er zwinkerte mir zu und ich überhörte die eindeutige Zweideutigkeit.
„Isabella, aber Bella genügt.“
„Bella. Schöner Name. Passt zu dir.“
Wie gut, dass dieses Terminal nur schwach beleuchtet war. So sah er mit ein wenig Glück nicht, dass ich nun doch rot anlief. „Danke“, nuschelte ich in meinen nicht vorhandenen Bart.

„Also, Bella. Was machen wir jetzt? Willst du noch ein wenig lesen oder hast du Lust,   kurz mit mir dieser Hölle hier zu entfliehen?“ Er zeigte mit einem Lächeln auf seinen Brusttasche, in der sich die Zigaretten befanden.
Ich war zwar nicht scharf darauf zu rauchen, aber ein wenig die Beine zu vertreten, konnte sicher nicht verkehrt sein. An Schlaf war in dieser Nacht sowieso nicht zu denken. „Frische Luft wäre gut.“
„Okay.“ Edward erhob sich geschmeidig, fast schon elegant und sah mich auffordernd an.  Langsam trottete ich hinter ihm her.
„Unsere Taschen?“ Ich wollte schon zurück, als er mich stoppte.
„Die klaut schon keiner.“
„Bist du dir da sicher?“ Seinen Optimismus konnte ich nicht wirklich teilen. Jeder normale Mensch wusste, wie viel an New Yorker Flughäfen gestohlen wurde.
„Geh einfach mal ein Risiko ein. Was kann schlimmstenfalls passieren? Die Tasche ist weg und du bist ein paar T-Shirts los. Das ist kein Weltuntergang.“
„Wären ja auch nur meine Shirts und nicht deine“, murmelte ich leise. So leise, dass Edward mich nicht verstand.

Der La Guardia Flughafen war zum Glück bei weitem nicht so ausladend wie der JFK. Hier starteten und landeten ausschließlich Inlandsflüge. Es gab nur vier Terminals und die gesamte Anlage war kleiner, schneller zu durchqueren und erinnerte fast schon an einen Provinzflughafen irgendwo im Nirgendwo. Aber wir waren in New York City, wie mir die gewohnte Geräuschkulisse klarmachte, die mir entgegen schlug, als wir in die kühle Nachtluft traten.
Der Wind war eiskalt und die Temperatur war vermutlich bereits unter den Gefrierpunkt gefallen. Mein Atem zeichnete sich klar und deutlich gegen die Dunkelheit ab.
Ich schlang mir die Strickjacke enger um den Oberkörper, als Edward neben mich trat, nur bekleidet mit seinem dünnen Hemd.
„Frierst du nicht?“
„Eigentlich nicht.“ Er zog die Zigaretten aus der Tasche, zündete eine an und inhalierte tief. Dabei wirkte er, als würde er sich an einem warmen Sandstrand befinden und nicht im eiskalten New York. „Willst du auch eine?“
Ich warf ihm einen Blick mit hochgezogener Augenbraue zu.
„Okay, vermutlich nicht.“

Ein paar Meter von uns entfernt parkten vereinzelte Taxis. Es hatte sich natürlich herumgesprochen, dass der gesamte Flugverkehr in dieser Nacht lahmgelegt war und so war es nicht verwunderlich, dass die meisten Taxifahrer in der Innenstadt unterwegs waren. Nur einige wenige versuchten ihr Glück hier, um vielleicht doch noch ein paar genervte Reisende nach Hause zu bringen, die nicht stundenlang in einem Terminal warten wollten.
Edwards Stimme durchbrach unser Schweigen. „Kennst du das Lied?“
„Welches...“ Aber dann hörte ich es auch. Vermutlich kam es aus einem der Taxis, leise, aber wenn man genau hinhörte, erkannte man die wunderschöne Melodie. „Neil Young?“ Ich war mir nicht sicher, konnte nur raten.
„Ich bin beeindruckt. Ja, das ist Neil.“ Edward lehnte sich neben mich an die Hauswand, winkelte ein Bein an und schloss die Augen. „Ich liebe dieses Lied.“
„Es ist traurig.“
„Aber es steckt viel Wahrheit drin.“

It's better to burn out than fade away - Es ist besser sich auszulöschen als langsam
zu verblassen.

„Langsam verblassen? Tun wir das?“ Ich war mir nicht sicher, ob ich Edwards Meinung teilen konnte.
„Von dem Moment unserer Geburt an, sterben wir. Mit jeder Sekunde ein wenig mehr.“ Er hatte die Augen wieder geöffnet und sah mich an. „Wir sind dem Tod jetzt näher, als wir es jemals zuvor waren.“
„Sollten wir nicht genau deswegen das Beste daraus machen und auf uns aufpassen?“
„Das ist die eine Möglichkeit. Die andere wäre, sich nicht einschüchtern zu lassen und all das mitzunehmen, was einem das Leben bietet.“
Sein Blick war fast hypnotisierend. Ich konnte mich nicht von dem warmen Grün losreißen. Edwards Augen spiegelten jedes seiner Worte wieder, er schien fest an das zu glauben, was er sagte.
„Aber müssen das Delfine sein? Was ist mit den kleinen Dingen?“
„Was sind für dich die kleinen Dinge?“
Vermutlich hörte ich mich pathetisch an, aber ich glaubte fest daran, dass es im Leben nicht nur auf die großen Taten ankam. „Liebe zum Beispiel?“
Er lachte leise. „Liebe ist nicht klein. Dagegen erscheint selbst das Polarlicht unbedeutend.“
„Hast du mal... Ich meine, hast du wirklich geliebt?“
„Ich weiß es nicht. Aber wenn ich über die Antwort nachdenken muss, bedeutet das wohl, dass ich es nicht getan habe.“ Er nahm eine weitere Zigarette aus der Schachtel und zündete sie an. „Liebe fesselt die Menschen. Sie ist wie eine unsichtbare Eisenkugel, die einen in die Tiefe hinab zieht. Ich denke, ich bin ohne ganz gut dran.“
„Weil du dann jemandem gegenüber verantwortlich wärst. Verstehe.“ Für mich war Liebe, jedenfalls die Idealvorstellung davon, etwas, was einen anspornte und nicht lähmte.
„Vielleicht. Es macht mir mehr Angst, dass mir diese Verantwortung vielleicht gefallen könnte.“ Ein zaghaftes Lächeln seinerseits, bevor er die Zigarette auf den Boden warf und austrat. „Wenn ich mich morgen entschließe auszuwandern, will ich niemanden um Erlaubnis fragen müssen.“
„Ist es nicht eher so, dass man, wenn man sich liebt, gemeinsam entscheidet?“
„Genau.“ Er nickte. „Und das will ich nicht.“
„Das ist schon verrückt, das weißt du, oder? Kannst du nicht erst wissen, was du willst oder nicht willst, wenn du es ausprobiert hast?“
„Wenn du mir auf die Schnelle eine Frau besorgst, die mich liebt, kann ich es ja mal testen.“ Er grinste vor sich hin, als er nach meinem Arm griff und mich hinter sich her zurück in das Flughafengebäude zog. „Komm, du erfrierst mir noch.“

„Wenn du weniger kryptisch wärst, würdest du vielleicht jemanden finden.“
Edward stoppte. „Du findest mich kryptisch? Warum? Weil ich Wilde zitiere?“
„Unter anderem.“ Und weil du glaubst, nicht mehr lange zu leben, Tolstoi liest, eine Liste besitzt mit Dingen, die du vor deinem Tod tun willst, Musiker kennst, von denen der Großteil unserer Generation noch nie etwas gehört hat und... und weil ich das Gefühl habe, dass du in meine Seele schauen kannst. Aber das alles sagte ich nicht.
„Ich bin nicht kryptisch“, widersprach Edward erneut. „Für mich macht das alles Sinn.“
„Das ist es, was so beängstigend ist.“ Ich konnte mir ein leises Kichern nicht verkneifen.
„Hältst du mich echt für durchgeknallt?“ Langsam schlenderten wir, Seite an Seite, zurück zu Terminal 3.
„Nein, das nicht, aber ich habe noch nie jemanden wie dich getroffen.“
„Dito.“
„Du musst mich nicht veräppeln. Ich weiß, dass ich ziemlich gewöhnlich bin.“ Es war nicht nett von ihm, dass er mir so direkt ins Gesicht sagte, wie unterschiedlich wir waren. Mit großer Wahrscheinlichkeit hätten wir unter normalen Umständen nicht einmal drei Worte miteinander gewechselt. Er war so außerhalb von allem, was ich bisher gekannt hatte, dass es seltsam war, wie wohl ich mich trotzdem in seiner Nähe fühlte.
„Ich habe das ernst gemeint.“ Er klang aufrichtig, auch wenn er sicherlich nicht meinte, was er sagte.
„Natürlich“, erwiderte ich augenrollend.
„Du siehst dich in einem völlig falschen Licht, glaube ich.“  
„Wie gut, dass ich dich habe, um mich zu erleuchten.“ Meine Bemerkung sollte witzig sein, aber Edward verlangsamte seine Schritte, strich mir fast beiläufig mit den Fingerspitzen über den Arm und lächelte. Mir stockte kurz der Atem, bevor ich den Blick abwandte.

„Ich habe Hunger.“ Das war die dämlichste und zugleich unpassendste Bemerkung, die mir hätte einfallen können. Aber die Gänsehaut, die sich langsam unter meiner Strichjacke gebildet hatte, jagte mir eine Höllenangst ein.
Edward schien genauso überrascht wie ich selbst. „Ähm. Okay. Hunger.“ Er sah sich suchend um. Außer ein paar Automaten war nirgendwo etwas Essbares zu bekommen. „Schokoriegel?“
„Klar, als echter Amerikaner ernährt man sich doch ausschließlich davon.“
„Das war ja fast eine sarkastische Bemerkung. Respekt.“ Edward zwinkerte mir zu und wir setzten unseren Weg fort, bis wir einen der grell blinkenden Automaten erreicht hatten, die für ein paar Dollar den Himmel auf Erden in Form von Schokolade versprachen.
„Okay, was willst du?“ Er sah mich nicht an, fischte derweil in seiner Hosentasche nach Münzen, wie ich annahm.
„Ähm.“ Shit, mein Geld war noch in meiner Reisetasche – wenn die nicht bereits das Gebäude mit irgendeinem Junkie verlassen hatte. Okay, vielleicht übertrieb ich ein wenig, aber mir war nicht wohl dabei, meine Sachen einfach zurück zu lassen. „Ich muss nochmal ins Terminal.“
„Warum?“ Edward hatte mir den Rücken zugedreht und bereits die ersten Münzen in den Automaten geworfen.
„Bin gleich wieder da.“ Ich hatte mich umgedreht und war ein paar Meter weit gekommen, als er plötzlich vor mir stand.

„Du willst jetzt nicht durch den ganzen Flughafen latschen, weil es dir unangenehm ist, dass ich für deine Schokoriegel zahle, oder?“
„Nein?“ Unsicher und mal wieder ertappt, betrachtete ich meine Schuhe.
„Gut, dann kannst du dir den Weg ja auch sparen.“
Kopfschüttelnd folgte ich ihm und keine fünf Minuten später saßen wir zusammen auf dem Boden, den Rücken gegen den Automaten gelehnt und aßen still unsere Schokoriegel, die allesamt ein wenig muffig schmeckten, aber nicht so sehr, dass sie nicht mehr genießbar gewesen wären.

„Das Lied vorhin, draußen.“ Edward drehte den Kopf und sah mich an. „Diese Textzeile, wusstest du, dass Kurt Cobain die in seinem Abschiedsbrief verwendet hat?“
„It's better to burn out than fade away?“
„Genau.“ Er lehnte den Kopf zurück und fuhr sich müde mit der Hand über das Gesicht. Uns fiel es beiden schwer, wach zu bleiben.
„Es passt irgendwie zu Cobain. Ich meine, wer sich mit Drogen vollpumpt, der erwartet vermutlich nicht, mit 80 friedlich im Schaukelstuhl zu sterben.“ Ich griff nach einem weiteren Riegel, auch wenn ich genau wusste, dass ich das gesunde Maß an Zucker für einen Tag, vermutlich auch bereits für eine ganze Woche, längst überschritten hatte.
„Sterben ist nie friedlich, glaube ich.“ Edward beobachtete mich, wie ich ungeschickt versuchte die Zellophanverpackung zu öffnen, um an den Inhalt zu kommen.
„Hast du Angst vor dem Tod?“
„Nein, eigentlich nicht. Du?“ Er grinste, als er mir den Riegel aus der Hand nahm, das Plastik aufriss und ihn mir wieder reichte.
„Danke.“ Zu all den seltsamen Wahrheiten dieser Nacht kam also auch noch, dass ich ihm meine motorischen Fähigkeiten in all ihrer Pracht präsentieren musste. „Ich weiß nicht, ob ich Angst vor dem Tod habe. Ich bin mir nicht sicher.“
„Das unterscheidet dich dann schon mal von 99% aller anderen Menschen.“
Ich sah ihn fragen an, als er fortfuhr. „Fast alle haben so viel Angst vor dem Tod, dass sie ihn verdrängen, ihm keinen Platz in ihren Gedanken einräumen und er doch immer wie eine dunkle Wolke über ihnen schwebt. Entkommen kann ihm niemand und eigentlich weiß das jeder.“
„Und du meinst, dass es besser ist, wenn man sich dessen bewusst ist?“
„Oh ja.“ Er schlug die Beine übereinander und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Nur so kannst du wirklich leben.“
„Hmm.“ Ich war mir nicht sicher, ob er Recht hatte, aber an seiner Theorie war etwas dran, das konnte ich nicht abstreiten. „Wenn man sich klar macht, dass es irgendwann vorbei ist, hat man die Chance so zu leben, als wäre das Leben ein Geschenk?“
„Genau“, nickte er eifrig. „Das habe ich gemeint. Du kannst etwas nur zu schätzen wissen, wenn es nicht selbstverständlich ist. Und das ist eben der große Fehler, den so viele machen. Wenn sie dann irgendwann krank oder alt werden, bereuen sie, dass sie ihre Sterblichkeit immer ignoriert haben.“
„Ich ignoriere sie nicht, will mich aber trotzdem nicht prügeln.“
„Vergiss die Schlägerei“, lachte er leise. „Für jeden Menschen sind das andere Dinge. Was wäre es für dich? Eine Sache, die du unbedingt in deinem Leben tun willst.“

Diese Frage war schwierig und ich hatte sie mir selbst nie gestellt. „Ich weiß-“
„Sag mir nicht, dass du es nicht weißt“, unterbrach Edward mich. „Es gibt etwas, da bin ich mir sicher. Jeder hat mindestens einen Traum.“

„Ich möchte noch einmal das tun, was ich vor sieben Jahren getan habe“, antwortete ich, ohne länger darüber nachzudenken. Edward ließ mir Zeit, bis ich weitersprach, drängte mich nicht, was mir die nötige Courage gab, ihm von diesem Abend zu erzählen. „Wir sind zum Salt River gefahren, haben stundenlang in den Himmel gestarrt, die Beine ins Wasser baumeln lassen und ich war... ich glaube, das war die glücklichste Nacht meines Lebens.“
„Warum machst du es dann nicht nochmal?“
„Es wäre nicht mehr so... es wäre anders.“ Mir einen solchen Abend ohne Jake vorzustellen war unmöglich. Das waren Erinnerungen, die ich nur mit ihm verband und alleine das zu wiederholen, was wir gemeinsam getan hatten, erschien mir einfach falsch.
„Du hast es nicht ausprobiert.“
„Nein, aber ich muss es nicht tun, um zu wissen, dass es nicht mehr so sein wird.“
„Vielleicht. Aber vielleicht verpasst du auch etwas.“
„Ich verpasse mein Leben. Aber das war mir auch schon klar, bevor ich dich kennengelernt habe.“ Seit Jake nicht mehr bei mir war, ergab alles keinen Sinn mehr. Ich atmete zwar, aber tat es nur, weil es ein mechanischer Vorgang war. Hätte ich mich anstrengen müssen, hätte mein Wille entschieden, wäre ich in den ersten Monaten nach seinem Tod erstickt.
„Ich weiß nicht, wie es ist, jemanden zu verlieren, den man liebt“, sagte er sanft. „Aber ich glaube daran, dass man auch mit Narben wieder glücklich werden kann.“
„Ich bin nicht unglücklich. Nicht mehr.“
„Aber du erlaubst dir auch nicht, dich von den Erinnerungen zu befreien.“
„Wie könnte ich?“ All die Jahre waren fest in mich eingebrannt, hatten mich zu dem Menschen gemacht, der ich war. Ohne diese Vergangenheit immer fest im Blick zu haben, würde ich meinen Weg aus den Augen verlieren. Einen Weg, von dem ich nicht wusste, wohin er mich führen würde.
„Versprich mir etwas.“
Skeptisch musterte ich den Mann neben mir. „Ich soll dir etwas versprechen?“
„Ja. Wenn du wieder in Phoenix bist, geh zu diesem Fluss, versuch es wenigstens. Wenn du es nicht kannst, ist es okay, aber denk darüber nach.“
Entsetzt riss ich die Augen auf. „Ich kann da nicht alleine hin. Niemals.“ Allein die Vorstellung jagte mir eine furchtbare, lähmende Angst ein.
„Soll ich mitkommen?“ Seine Stimme war samtweich, trug seine Worte wie auf unsichtbaren Schwingen zu mir.
„Warum solltest du das tun wollen?“ Sein Angebot war... merkwürdig, wie er selbst.
„Warum sollte ich nicht?“ Schulterzuckend musterte er mich aus dem Augenwinkel.
„Weil du mich nicht kennst?“
„Ist das ein Grund?“



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Polarlicht:
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/aa/Polarlicht_2.jpg

Neil Young – Hey Hey, My My:
http://www.youtube.com/watch?v=WDzpD_p1A8w

Neil Young – Sleeps with angels:
http://www.youtube.com/watch?v=NVAK479zEgk
(dieser Song kommt in dem Kapitel nicht vor, aber es war der Song, den Neil als Reaktion auf Kurt Cobains Selbstmord geschrieben hat – und auch als Reaktion darauf, dass dieser ihn in seinem Abschiedsbrief zitiert hat)


Okay, doch noch ein paar Anmerkungen. Ich versuche mal die Fragen zu beantworten, die in den Reviews aufgekommen sind. Ich hoffe, ich vergessen niemanden.


- Wie oft ich poste, weiß ich noch nicht. Ich habe noch ein wenig Vorrat, also sollte sich das alles nicht zu sehr in die Länge ziehen.

- Der „Remember Me“-Vergleich. Jup, ich habe den Film gesehen (als gutes Rob-Fangirl tut man das ja), aber ich sehe die Parallelen nicht wirklich. Klar, es geht um den Tod, darum danach weiterzumachen, aber es wird doch anders, denke ich – hoffe ich ;)

- Der größte Teil der Story wird an diesem Flughafen spielen, auch wenn es den einen oder anderen jetzt schocken mag ;)

- Bella gibt Gott nicht die Schuld für ihren Verlust, aber dieses Schicksal hat sie dazu gebracht, nicht mehr an ihn zu glauben. Ich persönlich kann das nachvollziehen.


Ich bin ehrlich gerührt, dass es so viele gibt, die diese kleine Geschichte lesen und sich auf etwas einlassen, von dem man nicht recht weiß, wo es mal enden wird. Danke für das großartige Feedback. Mir bedeutet „27“ sehr viel und es ist wundervoll zu sehen, dass ich mit manchen meiner komischen Gedanken nicht alleine bin.
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