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von angel-on-the-moon
erstellt: 25.04.2010
letztes Update: 10.12.2011
Geschichte, Drama, Romanze / P18
(in Arbeit)
Kapitel 1 – Piece of my heart
I want you to come on, come on, come on, come on and take it,
Take another little piece of my heart now, baby
Break another little bit of my heart now, darling, yeah
Hey! Have another little piece of my heart now, baby, yeah.
You know you got it if it makes you feel good,
Oh yes indeed
Take another little piece of my heart now, baby
Break another little bit of my heart now, darling, yeah
Hey! Have another little piece of my heart now, baby, yeah.
You know you got it if it makes you feel good,
Oh yes indeed
[Janis Joplin – Piece of my heart – 1968]
„26? Wie lang ist diese Liste denn?“
„Ich habe einiges schon erledigt, aber ein paar Sachen... Also manches könnte knapp werden.“ Er fuhr sich mit der Hand durch sein seltsam schimmerndes Haar. Ob das eine Tönung war?
„Magst du mir davon erzählen?“ Ich lehnte mich vor, flüsterte fast, um die Menschen um uns herum nicht aufzuwecken. Das Terminal war schwach durch die Lampen über den Notausgängen beleuchtet und ich konnte Edwards Gesicht nur noch schemenhaft erkennen.
„Das ist keine wirklich spannende Geschichte. Erzähl mir doch was über dich.“ Er überkreuzte seine Füße auf dem freien Sitz vor uns.
„Glaub mir, das ist noch viel langweiliger. Über mich gibt’s nichts zu erzählen.“
„Das stimmt nicht. Jeder hat eine Geschichte.“ Er lächelte mir aufmunternd zu und ich kam mir direkt noch viel langweiliger vor.
„Aber bei meiner schläfst du garantiert ein.“
„Wäre nicht das Schlimmste. Wir haben hier noch eine ganze Nacht zu überstehen. Also.“ Edward drehte sich halb in meine Richtung und sah mich fragend an. „Wo bist du aufgewachsen?“
„Phoenix.“
„Phoenix“, wiederholte er. „Und weiter?“
„Da gibt’s nichts weiter.“ Ich konnte nicht widerstehen und streckte meine Beine, die sich bleischwer anfühlten, ebenfalls aus. Meine Füße, die in sauberen, braunen Schuhen steckten, sahen neben seinen ausgelatschten, grünen Chucks winzig aus.
„Du sprichst nicht gerne über dich, hu?“ Wieder dieses umwerfende Lächeln.
„Es gibt einfach nichts zu sagen.“
„Du könntest mir erzählen, wie du aus Phoenix an diesem gottverdammten Flughafen gelandet bist.“
„Ich bin auf dem Weg zu meinen Eltern. Mein Dad hat Geburtstag.“ Spannend war das wirklich nicht.
„Du lebst in New York?“
„Ja, ich studiere an der NYU.“
„Hmm.“ Sein Blick wanderte von meinen Schuhen, über meine dunkelblaue Jeans, die weiße Bluse und meine graue Strickjacke. „Ich glaube, ich weiß, was du studierst.“
„Ach ja? Wer bist du? Uri Geller?“ Es war nicht unangenehm, wie er mich ansah und seine Augen waren auch an keinem Körperteil zu lange hängen geblieben, aber trotzdem fühlte ich mich nicht ganz wohl in meiner Haut.
„Nein. Lachend schüttelte er den Kopf. „Ich bin nur ein guter Beobachter.“
„Okay. Und was sagen dir deine Beobachtungen über mich?“
Edward rutschte tiefer in seinen Sitz und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du bist das, was man landläufig ein gutes Mädchen nennt. Warst in der High School mäßig beliebt, aber auch kein Freak. Deine ersten Dates hattest du mit Typen, die dir völlig egal waren. Du warst froh, dass überhaupt jemand mit dir ausgehen wollte. Vielleicht hast du mal eine Zahnspange oder eine Brille getragen. Deine Noten waren gut, aber nicht herausragend. Deine Eltern sind nach wie vor verheiratet und für dich war es schwer, sie zu verlassen, um in New York zu studieren. Du hast hier neue Freunde gefunden, aber niemanden, den du wirklich an dich heran lässt, weil du lange brauchst, bis du jemandem vertraust. Du studierst vermutlich...“ Er stockte kurz und schien zu überlegen. „Geschichte? Nein, das passt nicht ganz. Vielleicht Politik oder... Literatur. Und du bist Single, weil es da nie jemanden gab, der dich wirklich berührt hat.“ Edward sah mich sehr selbstzufrieden an und ich wusste nicht, ob ich mit ihm in einer TV-Show auftreten oder ihm eine scheuern sollte. „Und? Wie war ich?“
„Ich hatte keine Zahnspange und auch keine Brille.“
„Jeder liegt mal daneben. Selbst so ein Genie wie ich. Und der Rest?“ Er war nach wie vor so unglaublich von sich selbst überzeugt, wie er mich über den Rand seiner Brille anschaute, dass ich ihn am liebsten einfach sitzen gelassen hätte. Aber wollte ich die Nacht zwischen Säuglingen verbringen? Eher nicht.
„Total daneben“, log ich, aber dieser Idiot neben mir, schien mich zu durchschauen, wie er es auch vorher schon getan hatte. Gut, jeder, wirklich jeder, sah mir an, wenn ich log, aber dieser Typ war ein Fremder. Scheinbar reichten meine Fähigkeiten nicht einmal dazu, jemandem etwas vorzumachen, den ich zum ersten Mal in meinem Leben traf. Ich war ein gutes Mädchen, wie er es gesagt hatte.
„Also habe ich Recht.“ Edward angelte in seiner Tasche nach einer Schachtel Zigaretten und hielt sie mir hin.
Ich schüttelte abwehrend mit dem Kopf. „Willst du dich zu Tode rauchen? Ich möchte dich nicht enttäuschen, aber ich glaube nicht, dass man hier drin überhaupt rauchen darf.“
„Du nimmst Verbote verdammt ernst, hm?“ Aber trotzdem schob Edward die Schachtel in die Brusttasche seines völlig zerknitterten Hemdes.
„Polizistentochter.“ Dabei zeigte ich mit dem Daumen auf mich selbst. „Ich kann Menschen nicht ausstehen, die meinen, sich über alle Regeln hinwegsetzen zu müssen.“
Mit seiner Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Edward begann laut zu lachen. So laut, dass uns die ältere Dame zwei Reihen vor uns einen bitterbösen Blick zuwarf. „Pssst. Willst du den ganzen Flughafen aufwecken?“
„Wenn es sein muss.“ Er schnappte nach Luft und schien sich nur langsam zu beruhigen. „Alle Regeln? Du meinst das wirklich ernst, oder?“ Wieder ein unterdrücktes Lachen.
„Es hat sicher seine Gründe, warum man an Flughäfen nicht rauchen darf“, gab ich beleidigt zurück. Er hatte mich zwar mit den Keksen vor dem Hungertod gerettet, aber das war noch lange kein Grund, sich über mich, die ich einfach nur die geltenden Vorschriften befolgte, lustig zu machen.
Edward nahm die Brille ab und wischte sich mit der flachen Hand über die Augen. „Du bist echt lustig.“
Was sollte ich dazu sagen? Danke? Wohl eher nicht. Ich entschied mich, seine Bemerkung einfach zu überhören.
„Hast du jemals etwas getan, was verboten war?“
„Nein.“ Meine Antwort kam schnell, zu schnell und ich war nicht die einzige, die dies bemerkte.
„Sag schon.“ Er stupste mich freundschaftlich mit dem Ellbogen an. „Was war es? Ein geklauter Kaugummi? Hast du in der Schule geschummelt oder dich nachts mal aus dem Haus geschlichen? Dein Haustier gequält?“
„Ich habe noch nie irgendein Tier gequält.“ Entrüstet drückte ich den Rücken durch.
„Das hatte ich auch nicht angenommen. Diese Typen landen meistens irgendwann im Knast oder in einer Anstalt. Also, was war deine Jugendsünde?“
„Wieso sollte ich dir das erzählen? Wir kennen uns doch überhaupt nicht.“ Ich verspürte wenig Lust meine Missetaten, auch wenn es nicht viele gewesen waren, vor ihm auszubreiten.
„Stimmt. Du kennst mich nicht. Also hast du auch nichts zu verlieren.“ Wieder dieses selbstsichere Grinsen, was ich ihm aus dem Gesicht wischen wollte. Als ich nicht antwortete, seufzte er leise. „Edward Cullen, gescheiterter Student aus dem Staate Washington. Genauer gesagt aus einem Kaff namens Forks, wo es so oft regnet, dass einem eigentlich Schwimmhäute wachsen müssten. Zwei jüngere Geschwister, die beide in Seattle studieren. Schwarzes Schaf der Familie.“
Bei seiner letzten Bemerkung konnte ich ein zaghaftes Lächeln nicht unterdrücken. Er sah vielleicht aus wie Mommys Liebling, aber er war es garantiert nicht. „Ich habe mit 17 einmal heimlich Gras geraucht, wurde verhaftet und mein Vater durfte mich um vier Uhr morgens aus dem Knast holen.“ Warum ich ihm das erzählte, wusste ich selbst nicht genau. Das war eine Episode aus meiner Vergangenheit, die ich normalerweise niemandem auf die Nase band.
„Wie hieß er?“
„Mein Vater?“ Verwirrt sah ich Edward an. „Charlie, falls das eine Rolle spielt.“
„Nicht dein Vater. Der Typ, wegen dem du das Zeug geraucht hast.“
„Wer sagt dir denn, dass es was mit einem Mann zu tun hatte?“ Ich schluckte schwer.
„Du. Du siehst nicht aus, als würdest du mit Drogen experimentieren wollen.“
„Das ist fast zehn Jahre her. Menschen ändern sich.“
„Nein, tun sie nicht. Wer war er?“
Der Name sprudelte fast von selbst aus meinem Mund, ohne dass ich es eigentlich wollte. „Jake.“
„Jake.“ Es machte den Anschein, als würde er die vier Buchstaben auf seiner Zunge hin- und her rollen. „War er dein erster Freund?“
„Ich möchte nicht unbedingt über ihn sprechen.“ Nur an Jake zu denken, ließ mich erzittern. Es war über fünf Jahre her, aber ich konnte nicht an ihn zurückdenken, ohne dass es sich anfühlte, als würde mir eine eiserne Faust die Luft abschnüren.
„So schlimm?“ In Edwards Blick lag nicht mehr nur Neugier. Er sah aus wie jemand, der wusste, was es bedeutete, einen Menschen zu verlieren, den man liebte.
Ich nickte stumm, zog mir die Strickjacke enger um den Oberkörper. „Er ist... wir wollten zusammenziehen, gemeinsam in New York studieren. Er ist... “ Ich erzählte gerade einem völlig Fremden, nachts um halb eins, auf einem Flughafen, meine traurige Lebensgeschichte und konnte nicht einmal sagen, wie es genau dazu gekommen war. Kopfschüttelnd brach ich ab.
„Die, die nicht glauben, kennen die Freuden der Liebe, aber es sind die Gläubigen, die ihre Tragik durchlebt haben.“
Irritiert warf ich dem Mann neben mir einen verwunderten Blick zu.
„Oscar Wilde“, fügte er erklärend hinzu. „Das war ein verdammt kluger Hurensohn.“
„Du kannst doch nicht Wilde zitieren und ihn dann als...“ Es war mir zuwider dieses Wort zu wiederholen. „Du kannst ihn nicht so nennen.“
„Warum nicht? Er wird mich kaum deswegen verklagen.“
„Ich... Wirfst du bitte einen Blick auf meine Tasche?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, eilte ich zu den Flughafentoiletten.
Der kleine, weiß geflieste Raum war leer, hell beleuchtet durch eine flackernde Neonröhre an der Decke, die der Umgebung etwas Unwirkliches gab. Blinzelnd gewöhnten sich meine Augen langsam an das viel zu grelle Licht.
Auch wenn die Umgebung wenig einladend war, atmete ich kurz durch, spritzte mir ein wenig kaltes Wasser ins Gesicht und lehnte mich mit dem Rücken an eine der Kabinentüren. An Jake zu denken war nicht angenehm und über ihn zu sprechen erst recht nicht.
Mir gegenüber hing einer dieser typischen, hässlichen Spiegel, wie man sie auf öffentlichen Toiletten immer fand. Ich sah blass aus, müde und mitgenommen. Die braunen Haare bildeten einen erschreckend klaren Kontrast zu meiner fast weißen Haut und die dunklen Schatten unter meinen Augen, zeigten sich in diesem Licht gnadenlos. Was würde ich darum geben, jetzt schon Zuhause zu sein, in meinem alten Kinderzimmer, meine Eltern nebenan? Aber ich steckte in New York fest, der abgedrehtesten und gleichzeitig schönsten Stadt der Welt, zusammen mit einem Typen, den ich nicht kannte, der mich aber scheinbar lesen konnte wie ein Buch.
Als ich zehn Minuten später zu meinem Platz zurückkehrte, hatte er die Füße angezogen, Tolstoi auf seinen Knien positioniert und schien in seine Lektüre vertieft zu sein. Gut, das sollte mir recht sein. Wenn er las, ließ er mich wenigstens in Ruhe.
Ich saß noch nicht ganz, als seine Stimme all meine Hoffnungen auf eine ruhige Nacht zerstörte.
„Es tut mir leid, wenn ich dir zu nahe getreten bin.“
„Schon okay“, murmelte ich leise, hauptsächlich um das Thema endgültig zu beenden und ihn dazu zu bringen, mich zu ignorieren.
„Wie kann es okay sein, wenn du deswegen flüchtest? Es tut mir ehrlich leid.“
„Was auch immer.“ Ich würdigte ihn keines Blickes, was vermutlich unhöflich war, aber es war mir in diesem Moment egal. Durch ihn hatte ich all die Bilder an Jake, unsere gemeinsame Zeit und das Ende wieder heraufbeschworen. Erinnerungen, die ich tief in mir vergraben hatte.
„War er-“
„Ich will nicht mehr über ihn sprechen, okay? Kein Wort mehr dazu“, unterbrach ich ihn.
„Wie du willst.“ Edward schlug das Buch zu und musterte mich nachdenklich, wie ich aus dem Augenwinkel sehen konnte. „Aber etwas zu verdrängen, hat noch nie geholfen.“
„Bist du ein Psychologe? Ich dachte, du hast dein Studium geschmissen“, fuhr ich ihn zu harsch an.
Aber Edward schien nicht sauer zu sein. „Nein, bin ich nicht. Aber man muss auch nicht studiert haben, um Narben sehen zu können.“
„Und? Ist das dein Problem?“ Ich lehnte mich auf meinem Sitz nach rechts, drehte ihm halb den Rücken zu und tat so, als würde ich schlafen wollen. Diesen Edward traf keine Schuld, ich war ungerecht, aber er sollte einfach die Klappe halten. Ich sprach mit niemandem über Jake, nicht einmal mehr mit meinen Eltern. In den ersten Jahren hatten sie mir beistehen wollen, aber ihnen vorzuspielen, dass ich in Ordnung war, hatte nach endlos langen Monaten den gewünschten Effekt: Sie ließen mich in Ruhe.
„Wie alt war er?“
„Ich... können wir nicht...?“ Ich warf einen Blick über die Schulter und sah direkt in Edwards Gesicht. Es strahlte nicht die übliche Neugier oder das geheuchelte Mitleid aus, was aber vermutlich noch folgen würde. So war es immer. „Er war ein Jahr älter als ich.“
„Ich meine, wie alt er war, als-“
„21.“ Langsam richtete ich mich in meinem Stuhl auf, zog die Knie an und schlang die Arme darum. „Er war 21.“
„Und wie ist es passiert?“ Ich hatte es noch nicht ausgesprochen, aber Edward schien ganz genau zu wissen, was Jake und mir passiert war. Es sollte mir unheimlich sein, aber er reagierte so anders, als alle anderen Menschen, die von meiner Geschichte erfuhren. Manchen sah man an, wie überfordert sie waren, andere versuchten so schnell wie möglich das Thema zu wechseln und wieder andere taten so, als hätten sie es nicht gehört.
„Autounfall.“
„Hasst du ihn dafür?“
„Was?“ Entgeistert sah ich ihn an. „Wieso...“ Ich bette den Kopf auf meine Knie und horchte ganz zaghaft in mich hinein, betrat Orte, die ich seit Jahren umschifft hatte. „Ja, manchmal hasse ich ihn dafür, dass er mich allein gelassen hat.“ Unsicher erhaschte ich einen Blick auf sein Profil. „Das klingt verrückt, oder?“
„Liebe bringt Hass hervor. Das eine bedingt das andere.“ Edward lächelte mir aufmunternd zu. „Es ist dein gutes Recht wütend zu sein. Wütend auf den da oben, auf das Schicksal und auch auf deinen Freund.“
„Er ist nicht mehr mein Freund.“ Es war das erste Mal, dass ich jemandem von dem erzählte, was ich vor drei Jahren getan hatte. „Ich habe mich von ihm verabschiedet, ihn freigegeben.“
Edward ließ die Brille zwischen seinen Fingern von einer Hand in die andere wandern. „Hat es dir geholfen?“
„Ja, ich denke schon. Danach war es leichter. Ich habe nicht mehr jeden Tag darauf gewartet, dass er einfach so durch die Tür kommt. Ich wusste, dass es nicht möglich war, aber...“
„Aber die Hoffnung ist ein trügerisches Miststück.“ Er verzog den Mund zu einem schiefen, angedeuteten Grinsen und ich nickte zustimmend.
„Ja, kann man so sagen. Hast du auch? Ich meine, hast du auch jemanden verloren?“
„Ja, kann man so sagen. Hast du auch? Ich meine, hast du auch jemanden verloren?“
„Nicht direkt. Nicht so wie du.“ Er zog eine Coladose aus seiner Tasche und hielt sie mir hin. Sie war warm und das braune Zuckerzeug würde sicherlich furchtbar schmecken, aber es war genau das, was ich gebraucht hatte.
„Danke.“
„Als ich mit dem Studium angefangen habe... Ich habe mich selbst verloren, was sich jetzt für dich bestimmt furchtbar dämlich anhört, aber ich war jemand, der ich nicht sein wollte.“ Zum ersten Mal wirkte er ein wenig unsicher. Seine Augen waren bei diesen Sätzen fest auf Tolstoi geheftet.
„Was hast du denn studiert?“
„Willst du raten?“ Zurück waren das Lächeln und auch seine Selbstsicherheit.
„Bloß nicht. Ich kann das nicht so gut wie du.“
„Also hatte ich Recht? Literatur?“
„Ja, Literatur. Es ist beängstigend, dass man mir das ansieht.“ Ich hatte keine Ahnung, wie Literaturstudenten wohl aussahen, aber ich schien ein Prototyp zu sein. Eindeutig beängstigend.
„Das sollte nicht bedeuten, dass du langweilig wirkst. Du bist nur...“ Er schien kurz zu überlegen. „Du siehst wie jemand aus, der Bücher liebt.“
„Wie ein Bücherwurm?“
„Ja, vielleicht. Auch wenn das auf mich vielleicht auch zutreffen könnte.“ Edward wedelte mit der Brille in seiner Hand.
„Nein, du siehst nicht aus wie ein Bücherwurm.“ Für jemanden, der sich in Bücher vergrub, strahlte er einfach zu viel Lebensfreude aus. Er schien niemand zu sein, der die Gesellschaft von fiktiven Figuren den realen Menschen vorziehen musste.
„Wie sehe ich denn aus?“ Entweder hatte ich mich verguckt, oder er hatte tatsächlich gezwinkert.
Mein Blick wanderte von seinen Schuhen, über seine ausgewaschene Jeans, das zerknitterte blaue Hemd, bis zu dem Chaos auf seinem Kopf. Er wirkte eher wie ein Künstler. Vielleicht ein Maler, vielleicht sogar Musiker. „Ich habe keine Ahnung, was du studiert haben könntest. BWL?“, riet ich, obwohl ich wusste, dass ich vermutlich daneben lag. Er hatte gesagt, dass es etwas gewesen war, was nicht seine Berufung gewesen war, aber BWL traute ich ihm absolut nicht zu. BWL-Studenten erkannte selbst ich auf eine Entfernung von 100 Metern.
„Das war ein Tiefschlag.“ Er krümmte sich gespielt und hielt sich den Bauch. „Nein, kein BWL.“ Edwards verzog das Gesicht angewidert. „Medizin.“
„Wow“, entfuhr es mir ungläubig. Das musste wohl bedeuten, dass er verdammt clever war.
„Nicht du auch noch.“ Er verdrehte die Augen. „Alle Frauen gucken so seltsam, wenn man es ihnen erzählt. Ich bin weder Dr. House noch dieser McDreamy.“
Ähnlichkeit mit Hugh Laurie hatte er tatsächlich nicht und auch wenn er nicht wie Patrick Dempsey aussah, würde er sicherlich eine ebenso atemberaubende Figur in einem Arztkittel machen. „Dr. Ross. Der könnte zu dir passen.“
„Wer ist Dr. Ross?“
„Du hast nie Emergency Room gesehen, was?“
„Sollte ich? Meine Schwester steht auf so einen Scheiß, aber ich konnte mich immer erfolgreich davor drücken.“
„Dann hat ja wenigstens einer in eurer Familie Geschmack.“ Vielleicht ging ich zu weit, aber es war so einfach mit ihm zu reden und auch wenn ich mit diesem neckenden Plauderton neues Terrain betrat, schien er niemand zu sein, der mir das übel nehmen würde.
„Das würdest du nicht mehr sagen, wenn du sie kennen würdest. Alice ist... Alice ist einfach Alice. Ich weiß“, lachte er leise. „Das erklärt gar nichts, aber wenn man sie sieht, versteht man das.“
„Ihr steht euch sehr nah?“
„Ja, auch wenn wir absolut unterschiedlich sind. Alice ist ein Teil von mir, ohne den ich nicht sein könnte und ich denke, dass es ihr auch so geht.“
„Also solltest du wohl besser gut auf dich achten und nicht mit 27 sterben.“ Mein Versuch witzig zu sein, blieb mir im Hals stecken, als ich sein Gesicht sah.
„Das wäre meine größte Sorge.“ Seine Augen waren halb geschlossen, er schien an etwas zu denken, sich zu erinnern und ich bereute meine blöde Bemerkung noch mehr. „Alice braucht mich.“
„Ja, natürlich“, beeilte ich mich zu sagen. „Es tut mir leid, ich wollte nicht-“
„Merkst du, dass wir uns ständig bei dem anderen entschuldigen? Das sollten wir lassen. Du hast nichts gesagt, was falsch wäre. Okay?“
Ich nickte verhalten. „Okay.“ Um diese merkwürdige Situation zu überspielen, nahm ich einen Schluck von der wirklich warmen Cola und hielt sie ihm dann hin. Aus der gleichen Dose wie ein Fremder zu trinken, war nicht jedermanns Sache und eigentlich hätte ich das auch selbst nie getan, aber es war sein Getränk. Ich überlegte noch, ob er sich als ehemaliger Medizinstudent vielleicht Gedanken über ansteckende Krankheiten machte - er hatte sicherlich Ahnung davon - als er mir auch schon die Cola aus der Hand nahm und an die Lippen setzte. Okay, so viel dazu.
„Hast du Geschwister?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, Einzelkind.“
„Ich glaube, das ist eine der intensivsten Beziehungen, die man im Leben haben kann.“ Edward stellte die Dose vor uns beiden auf dem Boden ab und fuhr sich durch das Haar. Er war müde, das konnte man ihm ansehen, aber ich war selbst auch kurz davor einzuschlafen. „Man behauptet ja, dass Zwillinge diese besondere Verbindung haben, aber Alice und ich... das ist genauso.“
Ich, die ich nur mit meinen Eltern aufgewachsen war, konnte das nicht nachempfinden. Es hatte immer nur Mom, Dad und eben mich selbst gegeben. „Es gibt wohl niemanden auf der Welt, der sich mehr von mir unterscheidet, aber auch niemanden, den ich mehr liebe.“ Ein zaghaftes Lächeln huschte über sein Gesicht. „Als Kerl sollte ich so was wohl nicht zugeben, hm? Ein Typ, der seine kleine Schwester vergöttert.“
„Nein, nein“, beeilte ich mich zu sagen. „Es klingt nur eher so, als würdest du die perfekte Beziehung beschreiben.“
„Gibt es das? Eine perfekte Beziehung?“
„Ich weiß nicht“, gab ich zu. „Ich dachte, ich hätte sie gehabt, aber wenn sie perfekt gewesen wäre...“ Stockend hielt ich inne.
„Dann wäre sie nicht so schnell vorbei gewesen?“, beendete Edward meinen Satz und ich nickte verhalten. „Muss Perfektes für immer sein? Ist Perfektion nicht eher flüchtig?“
„Vielleicht. Aber sollte Glück nicht länger standhalten können?“ Ich hatte Jake verloren, bevor unser Leben überhaupt begonnen hatte – zu einer Zeit, als alles möglich gewesen war, als wir beide unsterblich gewesen zu sein schienen. Damals war ich zum Atheisten geworden. Wenn es einen Gott geben würde, hätte er mir nicht mit Anfang zwanzig einfach so alles genommen. Für ihn wäre es ein Leichtes gewesen, mein Leben nicht zu diesem Alptraum werden zu lassen, der es lange gewesen war.
„Nichts überdauert die Ewigkeit. Jeder Augenblick ist eine Sekunde später schon Vergangenheit. Vielleicht wärt ihr heute noch zusammen, aber vielleicht wäre auch alles anders gekommen.“ Edward sah mich an und ich wollte ihn anschreien, weil er mir so eben ins Gesicht gesagt hatte, dass Jake und ich eventuell keine gemeinsame Zukunft gehabt hätten, auch wenn er noch leben würde, aber ich konnte es nicht. Er hatte Recht.
„Es gibt keine Garantien. Ich werde es nie erfahren.“ Zum ersten Mal hatte jemand ausgesprochen, was vermutlich alle anderen ebenfalls dachten. Es war eine Teenagerliebe gewesen, niemand wusste, ob sie die Zeit überdauert hätte. Tief in mir war der Glaube daran fest verankert, aber wissen, wissen konnte ich es nicht.
„Erzähl mir von ihm“, sagte Edward leise und ich wollte sofort vehement protestieren.
„Ich kann nicht.“
„Doch, du kannst.“ Der Blick aus seinen Augen war warm. Es war nicht die übliche Sensationsgier, die ihn zu dieser Frage veranlasst hatte. So viele Menschen fragten nach meiner Geschichte, weil ich so etwas wie ein Alien unter ihnen war. Wer konnte schon mit 26 behaupten, dass er die Liebe seines Lebens verloren hatte? „Wie war er? Auch ein Bücherwurm, so wie du?“
„Nein.“ Bei dieser Vorstellung konnte ich ein Lächeln nicht unterdrücken. „Jake hat nie viel von meiner Leidenschaft für Bücher gehalten. Er war jemand, der zupackte, ich war der Träumer von uns beiden.“
„Aber ihr hattet gemeinsame Träume?“
„Ja.“ Die Erinnerungen schmerzten nicht mehr so wie anfangs, aber selbst die schönsten Bilder von ihm, die ich heraufbeschwor, waren von einer Bitterkeit durchzogen, die ich niemals würde abschütteln können. „Zu Beginn konnten wir uns nicht ausstehen, aber irgendwann... irgendwann war alles anders. Wir waren wie zwei Teile eines Puzzles.“
Edward zögerte kurz, bevor er sprach. „Du warst glücklich.“
„Hmm.“ Viel mehr konnte ich nicht sagen. Die Emotionen schnürten mir die Luft ab.
„Warst du seitdem jemals wieder glücklich? Ich meine, für einen Moment?“
War ich das gewesen? Es hatte gute Tage gegeben, viele gute Tage. Viel zu oft hatte ich ein schlechtes Gewissen gehabt, weil ich noch atmete, lebte und Jake dies nie mehr würde tun können. „Ja, ich denke schon. Manchmal.“
„Danke.“
„Wofür?“ Dieser seltsame Typ neben mir überraschte mich immer wieder.
„Für deine Ehrlichkeit.“ Mit einem dumpfen Aufprall landete Tolstoi, der von seinen Knien gerutscht war, auf dem grauen Fußboden des Terminals. Ein paar Reisende warfen Edward bitterböse Blicke zu. „Vielleicht sollte ich das Ding einfach liegen lassen“, sinnierte er mit müder Stimme.
„Wenn du es so hasst, warum liest du es dann? Du könntest doch auch einfach ein anderes Buch lesen.“
„Aber es steht auf der Liste.“ Man sah mir wohl an, dass ich kein Wort verstand und Edward erklärte es mir. „Es gibt eine Liste, die ich mit meiner Schwester angefertigt habe, als wir sechzehn und achtzehn waren. Da stehen die Dinge drauf, die wir beide getan haben wollen, bevor wir sterben. Die Orte, die wir in unserem Leben sehen wollen.“
„Und Tolstoi-“
„War Alices Idee“, lachte er leise. „Aber ich ziehe das durch. Es sind so großartige Dinge auf dieser Liste, dass ich Tolstoi auch irgendwie überstehen werde.“
„Was steht denn auf dieser Liste?“
„Willst du sie sehen?“ Bevor ich antworten konnte, hatte Edward ein kleines, schwarzes, abgegriffenes Notizbuch aus seinem Rucksack gezogen. „Das ist sie.“
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Ich werde diese Geschichte nicht groß kommentieren, wie ich es bei meinen anderen manchmal mache. Sie soll einfach auf die Leser wirken (wohoo, klingt das abgehoben ;) ) und für sich selbst stehen. Ich glaube auch nicht, dass man hier allgemeingültige Aussagen treffen kann.
Die Grundfrage Wofür lebst du? kann nur jeder ganz individuell beantworten. Also freut euch, ihr werdet von meinen Kommentaren in Zukunft verschont. :)
Was aber nicht bedeutet, dass ich nicht ab und an anmerken werde, wie großartig ihr seid. Danke für das tolle Feedback zum Prolog. Wenn ich könnte, würde ich eine Runde Tequila schmeißen.
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