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von Gingirott    erstellt: 15.03.2010    letztes Update: 07.06.2010    Geschichte, Übernatürlich, Humor / P12    (abgebrochen)
Eins - zu Tode gelangweilt

     Als er aufwachte, dröhnte sein Kopf unaufhörlich. Seine Sicht war verschwommen, er blinzelte ein paar Mal und schüttelte leicht den Kopf. Er erkannte sein Badezimmer, spürte etwas drückendes unter seinem Rücken und zuckte zusammen. Er lag in der Badewanne. Wie zum Teufel war er in der Badewanne gelandet? Die Erinnerungen an gestern abend waren nur schwammig. Er schmeckte noch genau die unzähligen Zigaretten und den Alkohol in seinem Mund von gestern Abend. Ein leichtes Grinsen stahl sich auf seine Lippen, als er sich aufsetzte. Dann aber zuckte er wieder zusammen. Der Kopfschmerz war wie ein Messer, das man ihm in den Kopf gerammt hatte. Mit fahrigen, unsicheren Bewegungen erhob er sich, kletterte aus der Badewanne und schwankte. Die Handtücher im Bad waren von den Halterungen gerissen und auf den Boden geworfen worden. Hier und das standen Bierflaschen auf dem Boden. Er trat mit dem nackten Fuß in eine der Bierlachen und verzog angeekelt sein Gesicht. Erstaunt stellte er fest, dass er am anderen Fuß eine Socke trug und ohnehin in kompletter Montur war. Er hatte noch immer das Outfit vom Vortag an, Jeans und weißes T-Shirt, das besudelt war mit Weinflecken. Nur entfernt wie durch einen Schleier wurde im bewusst, dass seine langzeit Affäre ihn gestern mit Rotwein begossen hatte, nachdem er ihr eröffnet hatte, dass es mit ihnen vorbei war. Aber was hätte er tun sollen? Sie langweilte ihn. Da war ihm nichts anderes übrig geblieben. Außerdem hatte er bereits ein anderes Mädchen im Visier, das ...
     ... sein Telefon klingelte. Laut und dreist schrillte es in seinem gepeinigten Kopf. Hastig taumelte er durch seine Wohnung, stolperte über leere Bierkästen und Scherben, die am Boden lagen, bis er das Telefon in der Küche lokalisiert hatte. Aber er konnte es nicht sehen. Das Klingeln klang dumpf. Er runzelte die Stirn und lauschte genauer. Neugierig öffnete er den leergeräumten Kühlschrank und war nicht wirklich verwundert, als er das Telefon darin fand.
     "Hallo?", krächzte er und erschrak beinahe selbst vor seiner Stimme.
     "Alter! Du lebst", rief sein bester Freund Lollo aus.
     "Warum auch nicht", meinte er und runzelte die Stirn. Desorientiert griff er nach einer Flasche Cola und roch misstrauisch daran. Angeekelt zog er den Kopf zurück, als ihm der allzu klare Whiskeygeruch in die Nase stieg. Resignierend griff er stattdessen ein Glas, wusch es aus und füllte Leitungswasser hinein.
     "Man, Benjo! Alter, das war die krasseste Party seit Ewigkeiten", sagte er mit Nachdruck, "absolut krass!"
     Benjo nahm ein paar kräftige Schlücke seines Wassers bevor er antwortete. "Hm, cool, sag mal ... kannst du mir sagen, wieso ich in der Wanne geschlafen habe?"
     Lollo lachte laut, zu laut. Benjo zuckte zusammen und schüttelte seinen Kopf wie ein begossener Pudel. Fieberhaft durchsuchte er seine Küche nach einer Aspirin, fand aber keine.
     "Ja, du bist im Bad ausgerutscht ... scheiße, Alter, warst du besoffen. Du bist ausgerutscht und hast dir den Kopf angehauen und bist dabei in die Badewanne gekippt"
     "Wieso habt ihr mich da nicht rausgeholt? Oder, sagen wir mal, ins Krankenhaus gebracht?"
     "Tja, das wollten wir ... vor allem, weil du kurz ohnmächtig geworden bist. Aber du hast uns damit gedroht, jeden einzelnen von uns eigenhändig zu kastrieren, wenn wir dich da rausholen"
     "Aber wieso?"
     "Woher soll ich das wissen, du warst völlig blau"
     "Meinst du nicht, dass ich vielleicht zu betrunken war, um euch zu kastrieren?"
     "Man weiß nie, was ein besoffener Mensch so alles für Kräfte entwickelt", gab Lollo altklug von sich und Benjo verdrehte seine Augen gen Himmel, "keine Sorge man, wir haben dich untersucht. Du hast nicht geblutet. Du wirst wahrscheinlich einfach nur 'ne gigantische Beule an der Birne haben"
     Zur Bestätigung fuhr Benjo sich mit der freien Hand über den Hinterkopf und zog scharf die Luft ein, als er einen stechenden Schmerz im Kopf spürte. Tatsächlich er hatte eine Beule am Hinterkopf so groß wie eine Pflaume.
     Lollo lachte. "Hast du sie gefunden"
     "Ja, man", zischte Benjo und lehnte sich gegen den Küchentisch, der nachgab und mit einem lauten Krachen zusammenbrach. Fassungslos starrte der junge Mann auf die Ruine seines ehemaligen Tisches und schüttelte den Kopf. "Was zur Hölle habt ihr mit meinem Küchentisch gemacht?"
     "Nix. Wir haben nur drauf getanzt. Du warst der Erste, der raufgesprungen ist"
     "Oh Gott", stöhnte Benjo und schüttelte den Kopf. "Erinner mich daran, nie wieder Alkohol zu trinken"
     Lollo schnaubte. "Prf, ja na klar"
     "Ne echt. Du müsstest diese Wohnung sehen ... eine Bruchbude"
     "Selber Schuld"
     "Wahrscheinlich. Irgendwelche Alkoholleichen?"
     "Ja, sicher. Diese Jessica aus deiner Uni hat das ganze Gästeklo vollgekotzt. Ihre Freundin hat versucht alles wegzuputzen, aber die war auch ziemlich voll. Irgendein Kerl hat Jessica und die andere dann nach Hause gebracht. Viktor hat gereiert und Matze hat irgendwas geschmissen, was ihm nicht bekommen ist. Aber sonst ... achja, du gehörst auch zur Leichenfraktion"
     Benjo brummte nur unwirsch und riskierte einen Blick auf die Uhr. Es traf ihn wie der Schlag.
     "Fuck! Es ist ja schon halb vier! Ich muss los"
     "Wohin? Bist du wahnsinnig Termine nach so einer Party zu machen?"
     "Meine Schwester hat Geburtstag. Ich hab es ihr versprochen"
     "Wie alt wird denn die Gute?"
     "18"
     "Ohoo ... endlich volljährig, dann kann man ja jetzt endlich-"
     "Bis dann, Lollo!", verkündete Benjo mit Nachdruck und legte auf.

     Es war kaum zu fassen, was seine Schwester für ihren 18ten alles aufgezogen hatte. Als Benjo in seinem Elternhaus ankam, schossen ihm augenblicklich zwei kleine kreischende Kinder entgegen, die sich ohne Rücksicht auf Verluste auf ihn warfen. Seine Cousinen Lisa und Karla, fünf und sieben Jahre alt und die absolute Hölle. Sie waren ja ganz süß, wenn sie schliefen, sonst waren sie einfach nicht auszuhalten. Und dennoch waren die beiden Schwestern immer auf allen Familienfesten anwesend. Ihnen hinterher jagte ihr großer Bruder Niklas, 19 und tausendmal reifer, als Benjo es jemals in diesem Alter war.
     "Lisa, Karla ... bitte, hört auf Ben zu malträtieren. Lasst ihn doch erstmal ankommen"     "Aber wir haben uns lange nicht mehr geseheeeeeeen", quiekte Karla und zog aufgeregt an ihren roten Rattenschwänzen.
     "Ich weiß ... und ihr habt euch ja auch so gefreut euren Cousin wieder zu sehen", meinte Niklas und zog Lisa von Benjos Rücken, wo sie unfassbar fidel hinaufgklettert war, "aber jetzt lasst uns mal was spielen, okay?", er setzte die aschblonde Lisa ab und beugte sich zu seinen Schwestern hinunter. "Ich zähle bis fünfzehn und ihr versteckt euch, ja?"
     Die Augen der beiden kleinen Schwestern wurden groß und funkelten wie Scheinwerfer in der Hoffnung ein Spiel spielen zu können. Sie nickten begeistert und Niklas richtete sich auf, verdeckte seine Augen und fing an laut und deutlich zu zählen.
     "Eins, zwei, drei ...", man hörte ihr lautes Getrampel, als sie oben auf der Treppe in die oberen Stockwerke verschwanden. Niklas nahm seine Hände runter und seufzte. "So, jetzt habe ich uns ungefähr eine dreiviertel Stunde eingeräumt", meinte er und schlug seinem Cousin auf die Schulter.
     Benjo zog seine Jacke aus und hing sie an den Garderobenständer. "Eine dreiviertel Stunde?", fragte er argwöhnisch und Niklas nickte.
     "Ja, ungefähr so lange dauert es, bis sie merken, dass ich sie nicht suche und sie dann beleidigt wieder auftauchen"
     "Du bist ein Genie"
     "Als hättest du das mit Lena nie gemacht", sagte Niklas lachend und ging in Richtung Esszimmer.
     "Nein, so weit war ich nicht. Ich habe sie nur in den Schrank eingesperrt"
     "Ben!", kreischte in just diesem Moment eine Mädchenstimme und Benjo zuckte unwillkürlich zusammen, als der stechende Schmerz in seinem Kopf wieder auftauchte, der für einige Sekunden verschwunden gewesen war. Vor ihm stand seine Schwester, ein ganzes Stück kleiner als er, schlank, zierlich und mit aalglatten Haaren bis zur Taille, die jetzt wie ein glänzender schwarzer Teppich ihr Gesicht umrahmten. Ihre grünen Augen waren glasig glänzten merkwürdg im Wiederschein der Lampen. Ihm fiel sofort auf, dass sie betrunken war, besonders, als sie sich an seinen Hals warf und ihn fest an sich drückte.
     "Du bist betrunken", flüsterte er leise in ihr Ohr.
     "Ich weiß ... schon wieder", sie kicherte und schlug ihm damit eine Fahne von Whisky und Wodka ins Gesicht. Nicht einmal das hatte sie von ihm gelernt. Sie hätte bei einem Getränk bleiben sollen. "Meinst du etwa, dass ich das hier sonst aushalte?", nuschelte sie und wand sich wieder aus seiner Umarmung, um schwankend zum Tisch zurück zu torkeln und sich mit mehr Schwung als nötig ein Glas Champagner zu greifen.
     Am Tisch saßen die zwei Tanten, Gundis und Helga, Zwillinge, die sich so ähnlich sahen, dass Benjo sie schon seit seiner Kindheit nicht auseinander halten konnte. Es war eine Schande, dass es sie doppelt gab, denn sie waren bei Weitem keine Augenweiden. Beide waren groß und schlank, ihre Gesichter verhärmt, die schmalen pinkgeschminkten Lippen immer angestrengt zusammengepresst und die hellen blauen Augen, die kalt glänzten und alles argwöhnisch beobachteten, waren schwarz umrandet. Irgendwie erinnerten die beiden Benjo immer an die boshaften Siamkatzen aus Susi und Strolch. Er konnte sich nicht helfen, aber er verabscheute sie. Es war ein Wunder, dass ein so korrekter und angenehmer Junge wie Niklas aus einer von den beiden rausgekommen war. Die beiden Kleinen hingegen schlugen schon ganz nach ihrer Mutter Helga. Neben Gundis saß ihre einzige Tochter Nadine. Nadine war hübsch, sehr hübsch - kam nicht nach ihrer Mutter was das anging - hatte aber den Charakter einer Teufelin. Ihre langen, blonden Haare waren ebenso aalglatt wie die von Lena, glänzten aber wie Gold, die Augen blassblau wie von ihrer Mutter und sie hatte diese aristokratisch gebogene Nase, die mit Sommersprossen besetzt war. Nadine schürzte die Lippen und nickte Benjo zu. Er grinste einmal freudlos und wandte sich dann an seine Mutter, die er mit einem Kuss auf die Wange begrüßte.
     "Alles gut, Mama?"
     "Bestens, setz dich doch", sagte sie und wies auf einen Stuhl neben seinen Tanten. Er unterdrückte ein Seufzen und ging ans andere Ende des Tisches. Der Wahnsinn konnte beginnen.
     
     Tot sein, ist LANGWEILIG. Schrecklich langweilig. Langsam kann ich verstehen, was es bedeutet, sich zu Tode zu langweilgen ... um genau das nicht zu tun, habe ich meine Beerdigung besucht. Scheiße, man, so was trauriges habe ich noch nie erlebt. Nicht etwa, weil sich die Menschen dort den Rang abgelaufen hätten, wer am meisten weint, nein, viel mehr, weil einfach mal im Grunde niemand anwesend war. Nie - mand. Okay, niemand ist nicht ganz richtig. Da war ein gelangweilter Priester, die Heimmutter - wär hätte DAS gedacht? - und zwei Freunde aus der Uni. Ja, ich sagte Heimmutter, aber das ist jetzt unwichtig ... dazu nacher mehr.
     Vier Leute. Oh man. Ich bin so ein verdammter sozialer Krüppel. Das ist nicht zu fassen. Ich meine, ja, ich wusste, dass ich immer schon irgendwie mehr der Einzelgänger war, aber dass ich SO verkümmert war, ist mir selbst auch neu. Die Beerdigung hat mich nur runtergezogen. Kaum Blumen, nur Nina, eine meine Kommilitoninnen, hat geweint, aber sie weint sogar, wenn eine Eintagsfliege merkwürdigerweise nach 24 Stunden nicht mehr zurück kommt, dann das Standartprogramm an Musik und die langweiligste Rede eines Priesters, die ich je gehört habe. Ein Wunder, dass meine paar Trauergäste nicht auch gleich das Zeitliche gesegnet haben. Wirklich schade, dann hätte ich jetzt wenigstens ein bisschen Gesellschaft. Tot sein war echt so unfassbar langweilig.     
     Ich habe die letzten Tage über versucht zu verschwinden. Aber es funktioniert einfach nicht. Keiner hat einem je eine Anleitung dafür gegeben, wie man, wenn man tot ist, verschwindet. Ich bin immer noch da. Sagt mal, kann ich eigentlich nichts richtig machen?! Ich habe das Gefühl, dass mein verkorkstes Leben - also das Leben vor dem Tod - mich bis in den Tod verfolgt. Ich verkacke immer noch alles. Was soll der Scheiß? Habe ich mir jetzt nicht endlich ein bisschen Ruhe verdient? Anscheinend hegt irgendein sadistischer Übergott oder so den fiesen Plan, mich noch ein bisschen länger auf dieser langweiligen Erde zu lassen. Ich habe sogar versucht auf verschiedenster Art und Weise nochmal zu sterben ... ich habe mich von dem Park Inn am Alex hier in Berlin runtergestürzt, aber alles was passierte war, dass ich einfach unten vor dem Haupteingang stand, so als wäre nichts passiert. Ich bin nicht einmal geflogen oder geschwebt oder so. Nein, ich habe mich runtergestürzt und im nächsten Moment stand ich schon wieder auf der Straße. Dann bin ich höher gegangen und habe mich vom Fernsehturm gestürzt - genau die selbe Geschichte. Kein Fliegen. Völlig unspektakulär. Also habe ich versucht mich zu ertränken. Hat auch nicht geklappt. Es war ganz so, als wäre das Wasser, das mich umgeben hatte, einfach nicht da gewesen. Ich konnte normal weiter atmen, konnte mich völlig normal bewegen, das Wasser ist einfach durch mich durch geflossen. Verdammte Scheiße. An Feuer ist nicht zu denken. Ich will nicht verbrennen ... außerdem kann ich nichtmal ein Feuer entfachen. Ich kann ja nichtmal ein Streichholz in die Hand nehmen. Zum Kotzen. Also habe ich das nochmal Sterben wieder aufgegeben und versucht mir irgendwie anders eine Ablenkung zu suchen, aber irgendwie habe ich das bis jetzt nicht wirklich auf die Reihe bekommen. Mir ist immer noch so unfassbar LANGWEILIG. Und wenn ich mir vorstelle, dass das ewig so weiter gehen könnte ...
     Als ich aus der Kirche rauskomme, sehe ich, dass es relativ windig ist, aber ich spüre es nicht. Der Wind geht direkt durch mich hindurch, als würde ihn meine Existenz nicht weiter stören. Warum auch? Ich bin ja eh schon tot, da kann der Wind nicht mehr viel mit mir anrichten. Plötzlich sehe ich eine dünne, hochgeschossene Gestalt an einem Grabstein stehen und sie starrt mich direkt an. Ich zucke erschrocken zurück und runzel die Stirn.
     Die Person starrt mich an. Kann die mich etwa sehen? Versuchsweise hebe ich die Hand und winke und bin nicht minder geschockt, als die Gestalt zurückwinkt. Verblüfft klappe ich meinen Mund auf und rausche etwas näher heran. Jetzt kann ich erkennen, dass es eine alte Dame ist, die behangen ist mit Perlenketten, die ziemlich schwer um ihren Hals sein müssen. Eigentlich müsste sie vornüber kippen. Sie trägt einen lila Hut mit eine risiegen Feder, wie ich sie sonst nur auf Pferderennen im Fernsehen gesehen habe. Die Federboa, die ihr locker um die Schultern hängt, ist im selben Farbton wie der Hut und ihr Kleid - und trotz des starken Windes völlig bewegungslos. Ihre Escheinung flimmert einmal kurz und ich muss verwirrt blinzeln, dann aber steht sie wieder vor mir, als wäre sie ein Mensch. Das ist sie aber nicht. Da bin ich mir auf einmal ziemlich sicher.
     "Sie sind ein Geist", platzt es aus mir heraus.
     "Richtig, Kindchen, genau wie du"
     "Aber ... ich ..."
     "Dachtest du etwa, du bist die Einzige, die nicht von hier weg kommt?"
     Ich runzel die Stirn. Irgendwie habe ich das gedacht, ja.
     "Ich bin Emma", sage ich dann und rausche zu ihr rüber.
     "Violetta", meint sie. Wie passend. Violetta. Jetzt sehe ich, dass sie an die eine Million Ringe an ihren dürren Fingern trägt, rund ein Dutzend Armreifen klinkern um ihre Handgelenke ... in Silber, Gold, Bronze. Ein paar davon sind ganz hübsch, aber die Masse an Armreifen sieht irgendwie bizarr aus. Ohnehin ihre ganze Erscheinung ist völlig bizarr.
     Verträumt starrt sie auf den Grabstein, der vor uns in der feuchten Erde steckt. In abblätternden Lettern steht 'Walter Kriemburg' darauf. 1900 - 1944.
     "Wer ist das?", platze ich sofort mit der Frage raus und fühle mich ein bisschen unhöflich, weil Violetta mich aus ihrem faltigen Knittergesicht vorwurfsvoll ansieht.
     "Die Jugend von heute hat wirklich kein Taktgefühl mehr"
     "'Tschuldigung ... ich-"
     "Jaja!", krächzt sie und macht eine wegwerfende Handbewegung. "Das ist mein Mann. Er ist im zweiten Weltkrieg gestorben. Wurde von einer Bombe im Schlaf überrascht und - PENG -", keift sie auf einmal, "ist er in die Luft gegangen"
     "Tut mir leid", stammel ich und sie sieht mich unvermittelt an.
     "Wieso? Hast du die Bombe etwa abgeworfen?"
     Okay, die ist ja richtig durchgeknallt.
     "Und Sie sind also auch tot, ja?", meine ich bemüht um Smalltalk und sehe sie neugierig an.
     "Na sicher doch. Sonst könnten wir wohl kaum miteinander sprechen, Kindchen"
     "Emma", sage ich mit Nachdruck.
     "Ja, klar", sie winkt wieder ab, als würde es sie nicht interessieren. "Und was machst du hier?"
     "Ich ... also mein Körper, wurde gerade beerdigt" Wie auf Kommando werden die Flügeltüren der kleinen Kapelle aufgeworfen und die drei Trauergäste treten aus. Nina heult immer noch Rotz und Wasser, die Heimmutter telefoniert mal wieder, so wie sie es eigentlich während meiner kompletten Kindheit getan hat und die andere Kommilitonin, an deren Namen ich mich nicht einmal mehr richtig erinnere, schaut sich genervt in der Gegend um.
     "Sind das da etwa deine Gäste?", lacht die alte Frau und zeigt mit ihrem zittrigen Finger auf das Grüppchen von Menschen.
     "Hm", mache ich unwirsch.
     "Ziemlich mickriger Haufen"
     "Jap", ich seufze, "ich habe noch nie wirklich soziale Fähigkeiten gehabt"
     Sie lacht und schüttelt den Kopf. "Also bei mir waren an die 150 Leute da"
     "Uiii, toll", sage ich und der Sarkasmus in meiner Stimme ist kaum zu verbergen. Sie hat ihn  wohl auch gehört, denn wieder schießt sie mir diesen vorwurfsvollen Blick zu.
     "War Ihre Beerdigung denn schön?", ich versuche versöhnlich zu klingen.
     Jetzt verzieht sie ihr Gesicht zu einer grotesken Maske. "Wie soll denn meine Beerdigung schön gewesen sein?!", zischt sie, "Ich bin kurz vorher gestorben"
     "Ach was", patze ich sie an. "Das ist mir schon bewusst ... aber es gibt dennoch schöne Beerdigungen und ... solche", ich gestikuliere zu den drei Menschen, die meine Trauergemeinde darstellen und schüttel den Kopf als mir das T-Shirt von Ninas Begleitung auffällt. 'Die hard 4.0' Na immerhin ist es schwarz.
     "Im Gegensatz zu dieser Veranstaltung hier, war meine Beerdigung ein volles Freudenfeuer"
     "Gut, da wir das ja jetzt geklärt haben ... wann sind Sie gestorben, wenn ich fragen darf?"
     "Fragst du eine Frau auch nach dem Alter?"
     Boah. Ich bin mir auf einmal ziemlich sicher, dass jemand Violetta umgebracht hat. Keine Ahnung wieso, aber mich beschleicht da so ein Gefühl. Ich würde gerne selbst einmal Hand anlegen. Wir schweigen eine Weile, in der ich den Bäumen zusehe, wie sie sich dem Wind beugen, der uns beide immer noch völlig unberührt lässt. Die Blätter rascheln und ich frage mich, ob es kalt ist. Aber es sieht relativ kalt aus. Der Himmel ist grau, die Wolken schwarz und dickbäuchig, als würden sie bald platzen und sich über uns ergießen. Die Blätter an den Bäumen sind braun orange und segeln immer wieder träge von den Ästen zu Boden.
     "Was machst du denn noch hier?", fragt sie mich auf einmal unvermittelt.
     "Hm?", ich sehe sie wieder an.
     "Naja, wieso bist du nicht weg, verschwunden, ins Licht gegangen?", ihre Stimme wird quietschig und sie wackelt ungeduldig mit ihren Händen hin und her. Oh Gott, sie nervt völlig.
     "Woher soll ich das wissen?", patze ich sie an, aber ich merke, dass ich unsicher bin. "Das ist also nicht normal?"
     "Nee", sie gackert heiser vor sich hin und sucht in den unzähligen Taschen ihres Mantels nach etwas. Dann zieht sie eine Zigarette hervor und zündet sie sich an. Neidisch starre ich auf die Kippe und schlucke einmal gierig. Ich will das.
     "Wie machen Sie das?"
     "Jahrelange Übung. Als Frischling konnte ich das auch noch nicht", meint sie und zuckt mit den Schultern.
     "Darf ich mal ziehen?", frage ich unruhig und rutsche ein Stück näher an sie heran. Sie blinzelt mich argwöhnisch an. "Ach kommen Sie schon, ich bin doch eh schon tot"
     Sie zuckt mit den Schultern und reicht mir die Zigarette. Als ich danach greifen will, geht meine Hand einfach durch sie hindurch. Ich probiere es noch mal und noch mal ... aber es funktioniert nicht. Wie deprimierend. Es ist so merkwürdig, teilweise vergesse ich, dass ich nur Luft bin. Violetta sieht auch normal aus. Wie ein echt lebendiger Mensch aus Fleisch und Blut, nur dass sie ab und zu flimmert wie ein kaputter Fernseher verrät, dass sie mausetot ist.
     "Sie meinten, es ist nicht normal, dass wir noch hier sind?"
     "Nö. Die meisten verschwinden sofort. Manche wollen auch einfach nicht gehen und klammern sich dann krampfhaft an die Menschenwelt, aber sie verschwinden früher und später doch. Aber die, die hier bleiben müssen ... die haben noch eine Aufgabe zu erfüllen"
     Ach die alte Leier. Ja, ich habe des öfteren Ghost Whisperer gesehen. Ins Licht gehen und so ... war gar nicht so einfach, wie es im Fernsehen dargestellt wird.
     "Was habe ich denn für eine Aufgabe zu erfüllen?"
     "Woher soll ich denn das wissen?", meint sie überraschenderweise sehr sanft. "Ich zum Beispiel, soll meine Enkel beschützen ... und du ... tja, finde es raus. Eher verschwindest du nicht ...", meint sie und zuckt mit den Schultern. Dann wird sie auf einmal immer blasser und blasser.
     "Hey, sehen wir uns nochmal?"
     "Ich bin jeden Samstag hier", sagt sie noch, bevor sie komplett verschwindet.
     "Gut", murmle ich zu mir selbst, "dann werde ich meine Aufgabe finden"
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