Anzeigeoptionen|Review schreiben|Regelverstoß melden|★SocialBookmark
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite|Ausrichtung|Zeilenabstand
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
◄   Linksbündig|Blocksatz
◄   gering|normal|groß|sehr groß
«
»
von gluehwuermchen    erstellt: 12.03.2010    letztes Update: 26.03.2010    Geschichte, Allgemein / P12 Slash    (fertiggestellt)
Ich zögerte. Seit zehn Minuten folgte ich Leon. Wir sprachen nicht doch es war angenehm. Und ich wollte seine Hand nehmen. Doch ich traute mich nicht. Als er stehen blieb lief ich einfach weiter und prallte gegen seine breiten Schultern. „Hoppla.“ Sein leises Lachen war dunkel. „Wir sind schon da Kleiner.“ Er schloss die Haustür auf, ich sah mich um. Das Haus war alt, gelb. Ein typischer Plattenbau dem man versucht hatte, mit frischer Farbe neues leben einzuhauchen.
„Muss ich Angst haben?“ Sein verwirrter Blick brachte mich zum Grinsen. „Naja, hast du irgendwelche komischen Eigenarten, erwartet mich da drin 'nen Hausschwein oder 'ne Vogelspinne oder so? Also, vor Spinnen und Schlangen hab ich nämlich Angst. Oder hast du 'nen rosa Zimmer? Liegt überall getragene Wäsche herum?“
„Quatschkopf, lachte er, schob mich in den zweiten Stock und öffnete eine weitere Tür. Bisher sah noch alles ganz normal aus, grüne Fußmatte, helle Haustür. Ich streckte den Kopf vor und betrat dann einen hellen Flur. Leon schlüpfte bereits aus seinen Stiefeln und ich stellte meine neben seine. Mindestens zwei Nummern kleiner. Grinsend betrachtete ich die klobigen Schuhe. „Ähm..“ etwas ratlos stand er vor mir, kratzte sich am Kopf. „Zeig mir die Wohnung bis wir deine Mama treffen, stell sie mir vor und zeig mir zum Schluss dein Zimmer!“ Nahm ich Leon großzügig die Entscheidung ab und strahlte ihn an. Schmunzelnd öffnete er die erste Tür zu unserer rechten.
„Bad. Mit Toilette, Dusche, Waschbecken. Ende der Wohnungsführung.“ verdutzt sah ich ihn an. Wie meinte er das? Lachen. „Wie herrlich dumm du aus der Wäsche schauen kannst. Das hier,“, er deutete auf eine Tür, „ist das Schlafzimmer meiner Mutter. Das da meins. Uns bleibt also bloß noch das Wohnzimmer, 'ne separate Küche gibt’s nicht. Da wird Mama auch sein. Komm.“ Damit öffnete er die Tür. „Hallo, Mama. Liebevoll nahm er die winzige Frau in den Arm. Und winzig war sie wirklich, sie ging mir gerade mal bis zu der Nase. Und ich maß kaum einen Meter 75. Erschrocken sah ich zu den beiden herüber. Die Frau schien nicht alt zu sein, ende 30 tippte ich. Dennoch wirkte ihre Haut viel zu blass. Nicht gesund. Fragend sah ich zu Leon auf doch dieser sah lediglich sehr angespannt zurück. Also erinnerte ich mich an meine gute Erziehung und reichte ihr die Hand. „Hallo, ich bin Theo.“ „Nina.“ Wiedererwarten war ihre Hand warm, ihr Handschlag kräftig. Ihr Lächeln war ehrlich und erinnerte mich stark an das schöne Lächeln Leons. Auch die blasse Haut schien er von ihr zu haben. „Coole Haarfarbe.“ Verblüfft sah ich auf, blickte in Leons schöne, Augen. „Wow, Leon, schenkst du mir deine Mama? Die ist cool.“ Leon schmunzelte. „Nix da. Die behalte ich schön. Komm, lass uns unseren Plan ausführen.“ Fragen sah seine Mutter zu ihm auf. „Wohnungsführung, dich kennen lernen, mein Zimmer.“ erklärte er mit einem Augenzwinkern, dann schob er mich in den Flur.
Leons Zimmer war klein aber gemütlich. Staunend betrachtete ich es. Die Wand gegenüber der Tür war gänzlich bedeckt mit einer riesigen Weltkarte. Davor lagen zwei Hölzerne Stiegen, welche man für gewöhnlich zum Transport oder zur Lagerung nutze, auf ihnen eine große Matratze. Offenbar Leons Bett. Vor dem Bett lagen drei dicke Bücher, ordentlich gestapelt. Auf ihnen ein altmodischer Wecker und ein kleiner bunter Globus. Rechts neben mir entdeckte ich einen kleinen Schreibtisch auf dem ein grauer Desktop prangte der sicherlich schon bessere Jahre gesehen hatte. Der Boden war mit ausgetretenen Holzdielen bedeckt. Leon selbst stand, offenbar etwas ratlos vor zwei Regalen zu meiner Linken. Ich betrachtete ihn ausgiebig. Gekleidet war er vornehmlich in schwarz jedoch trug er über dem schwarzen Shirt ein Orange-Weiß kariertes Hemd. Seine Ohren zierten zwei mittelgroße Tunnel, er hatte einen dunklen Dreitagebart. Lächelnd deutete ich auf die Matratze. „Setzen?“




Theo malte Kreise. Große Kreise, kleine Kreise. Die Haut, die sein Finger streichelte, begann zu prickeln. Leon bekam eine Gänsehaut. Seine Hand verlor sich in den lilanen Strähnen, seine Gedanken in der Vergangenheit. Nie hatte er so gefühlt, nie so stark empfunden. Er fühlte sich schwach, unfähig. Er würde es nicht schaffen, war sich sicher.
Eine Hand hatte sich an seine Wange gelegt, ein Daumen streichelte seine Lippen. Hektischer Atem. Über ihm stechend blaue Augen, ein sanftes Lächeln auf einem großen Mund. Ein Mund, der sich näherte. „Nein!“ stieß der Schwarzhaarige hervor, setzte sich auf. „Nein. Ich.. das geht nicht... Es ist zu schnell. Ich meine, ich, wir...Bitte.“ „Leon, es ist okay. Ich dachte bloß. Entschuldige.“ Das funkeln wurde zu Enttäuschung und Leon tat es unglaublich Leid. „Bitte geh, Theo. Das mit uns kann nicht gehen.“ „Wieso?“ Der Kleine Mann bekam keine Antwort, mit Tränen in den Augen verließ er das Haus.

Leon dachte nach. Er dachte an seinen Vater, an seine Mutter. An seine Kindheit.
Er ging arbeiten.
Er ging zum Ballett.
Er kümmerte sich um seine Mutter.

In den Park ging er nicht.


Leise klackernd rollte der Würfel über den Tisch aus hellem Holz. „Fünf. Geht nicht... Du bist.“ „Du darfst dreimal, Mama.“ „Ja. Ja, richtig. Dreimal.“ Zwei weitere Male ließ sie den Würfel auf den Tisch fallen. Zwei. Sechs. Ihr lächeln war müde, die Finger zitterten als sie das Figürchen nahm und auf das Startfeld stellte. Es fiel um. Schwerfällig ließ sie sich zurück in den Sessel sinken. „Ich bin so müde, Leon.“ Schwer rasselte der Atem. „Soll ich dich zum Bett tragen?“ „Bitte.“ Sie wirkte wie ein Kind auf seinen Armen, so klein und schmächtig. Kaum ein Gewicht. Die eingefallenen Wangen wirkten beinahe durchscheinend, die Haut grau. Dass Haar fiel ihr aus. Immer häufiger wurden die Tage, an denen sie zu schwach war zu gehen, seine Hilfe brauchte sich fortzubewegen. Es war ihr unangenehm, sie wollte ihm nicht die Jugend stehlen, dass wusste der Junge.
Sanft ließ er sie auf die schmale Matratze gleiten, half ihr aus den Kleidern und wickelte sie in die dicke Decke ein. „Ich liebe dich Paul, das hast du doch nicht vergessen?“ Leon stockte der Atem, Tränen stiegen in ihm auf. Paul, sein Vater. Was sollte er tun?
„Nein, nein Nina. Das habe ich nicht vergessen. Ich liebe dich doch auch.“ Die tiefe Stimme klang erstickt. „Schlaf gut, Mama.“ Ein Kuss auf die Stirn, er schloss die Vorhänge, löschte das Licht. Es war Sechs Uhr am frühen Abend und draußen sangen noch die Vögel.

„Wieso gehst du mir aus dem Weg? Ich war vielleicht etwas schnell, okay. Das tut mir auch Leid. Aber du reagierst über. Es ist nichts geschehen und trotzdem versteckst du dich vor mir. Wenn ich komme läufst du weg, reagierst nicht auf meine Anrufe. Wenn du mit mir nichts mehr zu tun haben möchtest dann sag mir das, verdammt nochmal. Aber verarsch mich nicht. Teufel nochmal.“ Wie ein Rohrspecht schimpfend hatte der kleinere sich vor ihm aufgebaut, die Hände in die Hüften gestemmt. Ein amüsanter Anblick der Leons Puls in die Höhe trieb. Dennoch empfand er den Drang wegzulaufen. Stattdessen nahm er ihn an der Hand, zog ihn mit sich. Lange Zeit lief er ziellos umher, den Jungen an der Hand. Er lief vor ihm weg. Doch er hatte ihn mitgenommen. Irgendwann blieb er einfach stehen, sah tief in die eisblauen Augen. 'Nordpol' zuckte ihm ein Wort durch den Kopf. Nordpol.
„Ich habe Angst!“ brachte er flüsternd hervor. Seine Augen fixierten weiterhin die von Theo.
„Vor mir?“ Theo klang ernst. Dennoch hörte sich diese kleine Frage lustig an. Die jungen Männer fingen an zu lachen. Sie lachten laut und lange und Leon fragte sich, wieso er lachte. Wohin seine Angst war. „Lass es uns mit Freundschaft versuchen, in Ordnung?“ Leons Nicken war kaum als solches zu erkennen.
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Brunnen, zu den anderen. Nahmen wahr wie Rasmus und die anderen voller Zufriedenheit das Erscheinen von Leon wahrnahmen. Anschließend begannen sie Musik zu machen. Leon legte den Kopf in den Nacken und lauschte den Klängen der Gitarre. Einige von ihnen sangen. Er fühlte wie sich ein Kloß in seinem Hals löste der sich über die Wochen ohne seine Freunde in ihm ausgebreitet hatte. Lachend stimmte er nach einigen Minuten in den Gesang ein, Rasmus und Sarah tanzten übermütig über den Marktplatz. Er konnte es jedoch nicht verhindern dass sein Blick immer wieder zu dem kleinen Punk wanderten, sein Strahlen in sich aufsaugten, in Leons Erinnerung speicherten. Ausgelassen wie seit Wochen nicht vergaß er beinahe die Ballettstunde.
„Shit!“ Es blieben ihm lediglich Zehn Minuten um das Studio zu erreichen, er würde zu spät kommen. Hastig suchte er seine Sachen zusammen. Als er die fragenden Blicke seiner Freunde bemerkte hielt er für einen Moment inne. „Training.“ „Aha, der werte Herr muss seinen Körper in Form halten.“ bemerkte Sarah. „Ist doch schon ganz ansehnlich unser Leon. Was machst du eigentlich für deinen Traumkörper?“ Ertappt sah Leon zu Boden, ließ dann seinen Blick über seine Freunde schweifen. Der breite Rasmus der die kleine Sarah beschützend im Arm hielt, wie sie sich anschmiegsam an seine Seite drückte. Er sah Theo. Den kleinen Mann, der mehr einem sechzehn jährigen glich als dass man ihm seine beinahe Zweiundzwanzig Jahre ansah. Die Großen Augen sahen ihn neugierig an. Und auf einmal wollte er seinen Freunden nicht mehr die Wahrheit erzählen.
„Kickboxen.“ Antwortete er stattdessen schnell, hob die Hand zum Gruß und verschwand in Richtung U-Bahnhof.
Verwirrt sah er während der kurzen Fahrt auf seine Finger, beschimpfte sich in Gedanken selbst. Das war das erste mal in seinem Leben dass er sich für das Ballett geschämt hatte. Er verstand nicht warum er es seinen Freunden nicht erzählen konnte. Als er Theo dort hatte stehen sehen, Mit diesem neugierigen, staunenden Blick hatte es nicht über sich gebracht. Hatte stark wirken wollen für den Kleinen. Wollte ihm das Gefühl geben, dass er ihn beschützen konnte. Sicherlich hätte er das Bild zerstört dass der kleine vor ihm Hatte. Erschrocken stellte er fest, dass er Angst davor hatte. „Da ist sie also wieder, die Angst.“ murmelte er vor sich hin, dann verließ er die Bahn und stieg die Stufen zu den Ballettstudios der Stadt hinauf.




„Damit sie zum Fest nicht mit leeren Händen dastehen und die lieben kleinen Brav bleiben. Stattdessen werden 'se irgendwann scheiß Bonzen Kinder und kacken sich ein wenn sie nichts mehr bekommen weil die Kohle weg ist.“
„Ratte...das ist genau der Grund warum wir hier sind.“
Rasmus sah ihn mit hochgezogenen Augen böse an. „Na gut, vielleicht nicht ganz der gleiche Grund aber.. Wir sind hier weil wir ein ausgefallenes Weihnachtsgeschenk für deine ausgefallene, wunderbare Freundin suchen, und nun kommt.“ Theo schnappte sich die Ärmel seiner Freunde und zog sie aus dem Kaufhaus heraus auf die offene Einkaufsstraße. „Scheiße ist das kalt!“, fluchte er und vergrub seine Hände in den Jackentaschen seiner Lederjacke. „Allerdings kurzer.“  „Sogar Teddy ist besser als kurzer!“ knurrte der kleine und stapfte missmutig vor raus.
„Wonach genau suchen wir eigentlich?“ „Keine Ahnung.“, antwortete Rasmus achselzuckend. „Irgendwas besonderem was zu ihr passt und ihr gefallen könnte.“ „Also,“ begann Leon an den Fingern aufzuzählen, „was kleines, buntes, teures, auffälliges was billig -günstig ist“, korrigierte er sich bei dem bösen Seitenblick von Rasmus „und irgendwie Stil hat?“ „Genau!“ strahlte er über die passende Beschreibung seiner Freundin. Und stapfte weiter. Kopfschüttelnd folgten die anderen beiden ihm. Sarah war eine Geschichte für sich. Zu Anfang, kurz nachdem er zu der Clique hinzugestoßen war, war es Leon schwer gefallen, dieses Mädchen zu verstehen. Sarahs Eltern waren reich, das wussten alle. Und sie hatten ein gutes Verhältnis zu ihrer Tochter. Anscheinend schon immer. Dennoch war ihre Tochter so anders als die normalen, feinen Eltern. Anstatt sich der Etikette anzupassen machte und sagte sie, was immer sie dachte. Sie verachtete Markenmode, trug ausschließlich Secondhand Kleidung, benahm sich unheimlich rebellisch. Gelegentlich sah man sie in der Einkaufsstraße bei einem armen, alten, schwarzen Mann mit einer Gitarre. So konnte sie stundenlang dort sitzen , in ihrer billigen Kleidung, neben einem Obdachlosen und für die Einkaufsstraße singen, um sein Abendessen zu verdienen. Und sie verdienten gut, denn sowohl der alte Mann als auch Sarah hatten ungewöhnlich gute Stimmen. Sicherlich hätte sie mit ihrer Stimme und ihrem Aussehen großes erreichen können. Doch stattdessen sang sie in der Einkaufsstraße und war, wann immer sie die Möglichkeit hatte, bei ihrem Freund, einem rebellierenden Schulabbrecher anzutreffen, anstatt beim Nachmittagsunterricht der Gesamtschule die sie besuchte.
Eben jener Freund zog den Jungen Mann in diesem Moment in einen kleinen, warmen Kramladen. Überall standen alte Möbel, vollgestellt mit Kitsch und Ramsch, an den Wänden hingen goldene Bilderrahmen mit gestickten Bildern darin und etliche Kleiderstangen waren mit alter Kleidung behangen.
„Wow, ein Paradies.“ grinste er und Rasmus zwinkerte ihm zu. „Hier sollten wir fündig werden.“ Eifrig stürzten die drei sich auf die alten Schätze und suchten das perfekte Geschenk. Es dauerte lange aber schließlich hielt Rasmus es in der Hand. Er hatte einen großen, marineblauen Hut gefunden. An der Seite war er mit großen Blumen, Tüll, Netz und einer kleinen Katze bestückt. Er war unheimlich Grell und kitschig doch Sarah würde er stehen, da waren sie sich einig. „Also der.“, stellte Rasmus fest und sah seine Freunde noch einmal fragend an. „Man, Ratte, ab dafür.“ Energisch schob Theo  den Schwarzhaarigen zur Kasse.
Er hatte gerade gezahlt als sein Handy klingelte. „Sarah liebes,“ ging er ran und legte warnend den Finger auf die Lippen. „Wie g..was? reden? Das hört sich ern.. Was? Jetzt? Ich..Ja, ja ich komme.“ Mit ängstlichem blick legte er auf. „Leute, drückt mir die Daumen, wenn ich Pech hab brauch ich den bald nicht mehr“, sagte er, schluckte und drückte Theo die Tüte mit dem eben gekauften Hut in die Hand. Dann verschwand er blitzschnell aus dem Laden.
„Komm großer, lass uns auch nach Hause. Leon? Hej, wo bist du denn?“ Verwirrt folgte Theo dem offenbar abgeschweiften Blick seines Kumpels doch außer einem kleinen Tischchen, einer scheußlichen Blumenvase, einer kleinen Schneekugel und einem Spiegel der sie beide zeigte konnte er nichts entdecken. Kopfschüttelnd zog er ihn hinaus.
«
»
Anzeigeoptionen|Review schreiben|Regelverstoß melden|★SocialBookmark
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite|Ausrichtung|Zeilenabstand
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
◄   Linksbündig|Blocksatz
◄   gering|normal|groß|sehr groß
> Nutzungsbedingungen <   > Datenschutz <   > Impressum <          v3.9-7097