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von gluehwuermchen
erstellt: 12.03.2010
letztes Update: 26.03.2010
Geschichte, Allgemein / P12 Slash
(fertiggestellt)
Ein kurzes Wort zum Beginn, ich werde die Geschichte in drei Teilen posten und vermutlich innerhalb der kommenden zwei bis drei Wochen abschließen. "Vom Karussell" beschreibt eine fortlaufenende Handlung, bestehend aus mehr oder weniger zusammenhängenden Bruchteilen. Ich hoffe ihr findet euch zurecht, für Fragen stehe ich gerne zur Verfügung.
Viel Spaß beim lesen.
Einen lieben Gruß
Vom Karussell
Wenn Leon an Theo denkt denkt er an Pflaumenkuchen.
Denkt er an Simon spürt er Engelslocken seine Schultern streicheln.
Die Gedanken an seinen Vater kreisen um Springerstiefel und Frauen.
Die Jungs verbindet er mit Musik.
Seine Mutter mit wahrer Liebe.
„Leon, gut dass du da bist. Sag du der jungen Dame doch bitte mal was du von ihrem Sprung hältst.“ Gähnend kratzte der 19 jährige sich die behaarte Wange und lenkte den Blick auf die schlanke Blondine die in enger Trainingskleidung vor ihm Stand und versuchte, seine Trainerin mit Blicken zu erdolchen.
„Das meinen sie nicht ernst.“ keifte sie. „Dieser verwahrloste Typ soll mich bewerten? Ich bitte sie.“ Eine Augenbraue hochziehend sah Leon an sich hinab. Gut, er sah aus wie frisch aufgestanden, die Haare waren zerzaust, das Gesicht unrasiert und seine abgetragene Kleidung hatte sicherlich auch schon bessere Tage gesehen doch Leon fühlte sich wohl darin.
Als er wieder aufsah machte die Blondine sich bereits bereit zum Sprung, offenbar hatte die Zurechtweisung seiner Trainerin ihre Wirkung getan. Aufmerksam betrachtete er ihre Bewegungen, wie sie sich abstieß, landete und ihn anschließend aus hellen Augen anfunkelte. „Na, Lieblingsschüler, wie war das,“ „Schlecht Zu wenig Kraft beim abstoßen, dadurch zu wenig Schwung, die Spannung war ganz passabel, dein Gesichtsausdruck scheiße und beim aufkommen hat dein linkes Bein ziemlich gewackelt.“ Verblüfft starrte sie ihn einige Sekunden lang sprachlos an, dann wurde sie puterrot im Gesicht. „Bitte? Mach's doch besser du Vollidiot. Als ob du auch nur eine Pirouette besser hinbekommen würdest als ich.“
Sein raues Lachen erfüllte den Saal und er hörte wie einige der anderen anwesenden die Luft einzogen. Im Gegensatz zu der hochnäsigen Blondine waren all die anderen in der vorhergegangenen Stunde anwesend, hatten mitbekommen wie Leon sich der Truppe vorgestellt hatte. Hatten ihn tanzen sehen. Sicherlich, aufgrund seines Äußeren würde man es nicht erwarten doch Leon war gut. Ohne Scham konnte er von sich sagen, der beste dieser Truppe zu sein.
„Lass mir einige Minuten, ich bin noch nicht gedehnt.“
Grinsend verschwand er in der Umkleide, schlüpfte in die eng anliegende Trainingshose und den weit ausgeschnittenen Body. Zufrieden betrat er die Halle,sich der Blicke der Mädchen durchaus bewusst. Sein Körper war muskulös, man sah ihm an dass er viel trainierte. Schnell zog er allein sein übliches Dehnprogramm durch und gesellte sich anschließend zu den Mädchen an die Stange.
„Plie!“ erklang die fordernde Stimme der Trainerin. Die Mädchen und der Junge gehorchten. Nur wenige Minuten später wurden sie aufgefordert, sich vor der Spiegelwand zu sammeln.
Gerade als Madame Perdu ihnen erzählen wollte, was sie sich für die nächsten Stunden und Wochen vorgenommen hatte wurde sie von der Blondine unterbrochen. „Madame Perdu, Leon wollte uns gerne noch den Grand jeté vorführen.“, erklang ihre vorlaute Stimme und brachte ihn zum schmunzeln. „Ich darf?“ wandte er sich kurz an die Madame, welche lediglich kurz seufzte und ihn in die Mitte des Saales scheuchte. Er trat vor, nahm einige zügige Schritte Anlauf und schaffte den Sprung mit einer Leichtigkeit, die das blonde Mädchen ehrlich verblüffte. Errötend gestand sie ihm ein, dass er gut war. Besser als sie.
„Du konntest es nicht wissen.“ Leon setzte sich zurück in den Kreis.
Müde erreichte Leon am späten Abend die Wohnung. Er bemühte sich leise zu sein während er die Tür hinter sich schloss, aus den schweren Stiefeln stieg und die Lederjacke an die Garderobe hing. „Ich bin noch wach, mach dir nicht zu viel Mühe.“, erklang die leise Stimme seiner Mutter aus der Küche und zauberte ihm ein Lächeln ins Gesicht. „Hallo Mama.“ Er begrüßte die zierliche Frau mit einem Kuss auf die Stirn. „Wie war dein Tag?“ „Anstrengend. Das Training eben war da echte Entspannung.“ Er lachte leise auf als seine Mutter die Stirn runzelte. „Wirklich. Wir haben bloß ein Video angesehen von dem Stück dass wir zum Winter aufführen sollen. Scheint nicht allzu anspruchsvoll zu sein. Zumindest für die alte Truppe wäre es kein Problem gewesen.“ Kurz senkte er wehmütig den Blick. Er vermisste seine alte Ballett Gruppe. Durch den Umzug und das fehlende Geld war ihm nichts anderes übrig geblieben als die Gruppe zu wechseln. Nun war er der Beste doch es war nicht das, was er sich wünschte. Er wünschte sich ein Training das ihn forderte. Nicht, dass die Mädchen schlecht waren, doch sie waren nicht auf seinem Niveau. Und das wussten sie alle. Liebevoll kraulte seine Mutter ihm die dicken Zotteln, schien seine Gedanken sehen zu können. „Es tut mir so Leid, Großer. Ich wünschte, ich könnte dir eine bessere Mutter sein, dir das Training möglich machen.“ Tief blickten sich Mutter und Sohn in die Augen. „Du bist die Beste Mutter. Merk dir das.“ Er schenkte ihn noch ein Lächeln, dann streckte er sich und begab sich in sein Schlafzimmer. Kurz darauf sank er auf die Matratze welche, auf zwei Stiegen gelagert, sein Bett darstellte.
Wieder erwarten konnte er nicht schlafen. Unruhig wälzte er sich auf der Matratze, starrte an die Decke. Die weiße Papierlampe schaukelte sanft im kühlen Nachtwind, welcher durch das weit offen stehende Fenster herein wehte. Sein Blick fiel auf den Kalender an der Wand. Ein schwarzes Kreuz zierte den Tag, der in wenigen Momenten enden würde. Den 3. September, der Grund warum er nicht schlafen konnte. Es war der fünfte Todestag seines Vaters.
Leon war 14 als sein Vater starb. Er hatte ihn geliebt, wie ein Sohn einen Vater nur lieben konnte. Hatte zu ihm aufgesehen. Doch schon damals, als er noch diese gewisse Liebe für seinen Vater empfunden hatte, hatte er seinen Tod eher als Erleichterung denn als Verlust empfunden. Zwar war sein Vater ein netter Mann gewesen, gut aussehend noch dazu. Leider war er jedoch meist betrunken, ärgerte sich, früh eine Familie gegründet zu haben, nahm sich häufig andere Frauen. Er schlief mit ihnen im Ehebett während die Mutter diese Nächte neben dem jungen Leon oder im Wohnzimmer verbrachte. Sie traute sich nicht gegen den starken Mann aufzubegehren, obgleich er sie nie geschlagen hatte.
Er war erstochen worden, sein Vater. In einer Prügelei. Angeblich ging es dabei um Schulden, Leon hatte es nie genau wissen wollen.
Müde knipste er den kleinen Globus an welcher das Zimmer in ein schwaches, bläuliches Licht hüllte. Er zog einen kleinen, flachen Schuhkarton aus dem Zwischenraum der Stiegen hervor und öffnete ihn. Hier bewahrte er die Dinge auf, die ihm wirklich etwas bedeuteten. Zu oberst lag ein Foto seiner Eltern, wenige Wochen bevor er gezeugt wurde. Es zeigte eine schlanke junge Frau in einem durchscheinenden weißen Kleid, welches ihre Blöße nicht zu bedecken vermochte. Die langen blonden Locken wallten über ihre zarten Schultern, bedeckten nur mäßig die rosigen Brustwarzen, welche deutlich durch das Kleid zu erkennen waren. Sie lachte.
Hinter ihr stand sein Vater, ein großer junger Mann mit dunklen Augen. Leons Augen. Die schwarzen Haare fielen ihm in wilden Strähnen ins Gesicht, auch er lachte.
Sie waren an einem Strand, das Wasser umspielte die Knöchel seines Vaters der seine Mutter auf den Armen trug. Das Bild strahlte eine Freude aus, die Leon nie in dieser Form zwischen seinen Eltern hatte beobachten können.
Sanft strich sein Zeigefinger über die lachenden Züge seiner Mutter. Ihre Haut war rosig, das Haar ausgebleicht von der Sonne. Er verglich das Gesicht dieses 18 jährigen Mädchens mit dem seiner Mutter, wie schon so viele male. Und erneut war der Unterschied gravierender geworden. Die Haut seiner Mutter war blass und trocken. Spannte über den Knochen. Ihr Haar war dünner geworden, wirkte stumpf. Und dennoch, für ihn war sie die schönste Frau der Welt. Genau so, wie sie vor wenigen Stunden in der Küche vor ihm gesessen hatte. Jeden Tag aufs neue.
Es war späte Nacht als ich wach wurde. Mein Magen schmerzte und meine Kehle war trocken. Vorsichtig tapste ich in die Küche, füllte ein Glas mit Leitungswasser. Müde betrachtete ich meine kleinen Hände die das Gewicht der Wasserglases kaum halten konnten. Sie zitterten. Ein Seufzen entwich meinen Trockenen Lippen als die Kühle Flüssigkeit durch meinen Mund rann.
Ich platzierte das Glas neben der Spüle und lief Barfuß über den kühlen Flur zu Leons Zimmer. Die Tür knarzte leise beim öffnen doch mein Junge schlief weiter.
Meine Hand auf seinem Gesicht wirkte verloren. Seine Wangen waren rosig, das dunkle Haar zerzaust. Neben seinem Kopf lag ein Foto aus längst vergangenen Tagen.Verwundert nahm ich es auf, hatte ich doch nicht gewusst dass er es besaß. Augenblicklich schmeckte ich wieder das Salz des Meeres, spürte Pauls starke Arme um meine Taille. Tränen stiegen in meine Augen, ein Lächeln zierte meine Lippen.
Ich löschte das Licht in dem kleinen Globus, hauchte einen Kuss auf Leons Stirn und verließ das Zimmer.
Schnurrend genoss er es hinter den Ohren gekrault zu werden. Die Spätsommersonne wärmte seine entblößte Brust, er dachte nach. Über Theo. Theo, der ihn gerade hinter den Ohren kraulte. Auf dessen Beinen er seinen Kopf gebettet hatte. Theo, den kleinen aufgedrehten Punk mit den lilanen Haaren der ein Jahr älter war als er und den er erst seit vier Tagen kannte. Vier Tage.
Am Montagnachmittag hatten die Jungs ihn mitgebracht in den Park. Ohne Vorwarnung. Hatten gesagt, er sei zurück aus dem Ausland, ein Kerl den man kennen müsste. Sie würden sich gut verstehen. Und das hatten sie, auf anhieb.
Seine wenige Freizeit verbrachte Leon gern mit den Jungs, all den sonderlichen Charakteren die er in den wenigen Wochen die er hier lebte kennen gelernt hatte.
Rasmus, genannt Ratte, ein junger Kerl mit Mausgrauem Haar der die Schule abgebrochen hatte. Ein Kerl, der sich mehr auf der Straße als daheim aufhielt und der unsterblich verliebt war in Sarah, eine Tochter aus reichem Hause.
Sarah, die mit ihrem zwei Zentimer Haarschnitt, der knabenhaften Gestalt und ihrer Rebellischen Art beinahe als Junge durchgehen konnte.
Es waren weit mehr junge Menschen die sich Tag für Tag im Park oder an dem großen Brunnen in der Stadt trafen, gemeinsam entspannten oder Unternehmungen starteten. Gelegentlich saßen sie einfach zusammen und musizierten. Leon fühlte sich wohl bei ihnen, seit dem Tag an dem Sarah ihn mit dem Gong zum Schulschluss einfach bei der Hand genommen und in den Park geführt hatte.
„Das ist Leon. Er ist cool.“ hatte sie gesagt und sich in Rattes Arme geschmiegt. Seitdem war Leon im Park willkommen.
Leons Augen waren Eisblau, das hatte ihn von ihrem ersten Treffen an an dem Jungen begeistert. In den vergangenen vier Tagen hatten sie jede freie Minute gemeinsam verbracht und es so bereits geschafft, gemeinsam ein Eis zu essen, in der Sonne zu liegen, im städtischen See zu schwimmen, ins Kino zu gehen, sich Sternbilder auszudenken, über die Barbiemädchen der Stadt zu lästern, auf dem Spielplatz zu toben, sich gepflegt zu betrinken und Rasmus mächtig zu foppen. Sie hatten sich kennen gelernt, auf eine ganz eigene, verspielte Weise. Leon fühlte sich zu dem schlanken Jungen hingezogen. Es verwirrte ihn dass er einem Menschen so schnell vertraute. Zwar hatte er sich mit Rasmus und Sarah auch nach wenigen Tagen angefreundet doch blieb er ein recht verschlossener Mensch. Nie hätte er ihnen seine Geschichte erzählt. Nicht von seinen Träumen berichtet. Bei Theo würde er es tun. Das wusste er, das machte ihm Angst.
„Ich möchte dir meine Mutter vorstellen.“ sagte er dennoch zu dem älteren. Er sprach leise. Theo verstand ihn trotzdem, stockte in der Bewegung. „Echt?“ quietschte er, erfreut. Leise lachend setzte er sich auf. „Echt!“ er strich eine lila Strähne aus dem schmalen Gesicht, verspürte den Drang den großen Mund mit seinem eigenen zu berühren, zu liebkosen. Er ließ es bleiben, tippte auf die Nasenspitze des Jungen. „Morgen? Ich muss jetzt arbeiten.“ Deutlich konnte er in den klaren Augen seines Gegenüber einen Widerspruch erkennen. Freude, über seinen, Leons Vorschlag. Und Trauer dass dieser ihn für den Moment allein ließ.
Zügig zog er das schwarze Bandshirt über, nahm seinen Rucksack und hob die Hand zum Gruß. Dann verließ er die Wiesen. Nicht, ohne Theo noch einen sehnsüchtigen Blick zu zuwerfen. Er war verliebt und es machte ihm Angst.
„Leon, Katharina, Tina, noch einmal den Grand jeté. Passt auf dass ihr schön versetzt steht. Los!“ Tina machte den Anfang, fünf grazile Schritte und einen guten Sprung. Leon mochte ihre Spannung. Katharina war nicht halb so gut, der Sprung wirkte schlaff. Einen Augenblick bevor sie landete drückte er sich vom Boden ab. Sämtliche Muskeln spannten sich an, sein Körper war für einige wenige Herzschläge ein einziger großer Muskel. Er landete, streckte sich, stand sicher auf beiden Beinen.
„Mensch Katharina, was sollte denn das? Mädels ihr seid durch. Schönen Tag euch. Katharina, wir nochmal. Bitte, von Anfang.“
Noch bevor die Madame ausgesprochen hatte stand Leon unter der Dusche. In einer halben Stunde sollte er Theo abholen, er würde am Brunnen warten. Seine Mutter wusste Bescheid, freute sich. „Du bist doch tatsächlich verliebt, Leon.“ hatte sie gesagt und gelächelt. Und Leon hatte begonnen zu weinen und sich in Ihre zarten Arme gekuschelt. Die Angst war groß. Er war jung. Gerade so alt wie sein Vater damals. „Ach Leon, kleiner Leon.“ Seine Mutter hatte ihm das Haar gestreichelt. „Du brauchst keine Angst zu haben, es ist schön sich zu verlieben. Genieß es, Junge. Ich habe deinen Vater geliebt, und er mich doch auch. Er wusste doch bloß nicht, wie er damit umgehen soll. Er hatte Angst. Und er war krank. Das weißt du doch kleiner Leon, das weißt du doch. Aber du bist gesund, mein Junge. Gesund. Mach dir nicht so viele Gedanken, lass es auf dich zukommen.“
„Ich versuch es, ich versuch es.“
Die Jungs saßen am Brunnen und machten Musik. Man hörte sie schon von weitem lachen, Rasmus spielte die Gitarre.
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