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Geschichte: Fanfiktion
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von Phantom
erstellt: 10.03.2010
letztes Update: 31.12.2011
Kurzgeschichte, Allgemein / P12
(pausiert)
Nur ein Paar hob sich aus der Unmenge von Paaren heraus. Goldene Knöpfe blitzten in einem steten Takt unter den letzten brennenden Lampen auf und verschwanden wieder in der Finsternis, sobald der Mantel sie verschluckte, der zwar schwer war, doch nicht schwer genug, als dass der starke Wind nicht an ihm zerren und ziehen konnte. Eine Hand war in dem feinen Stoff verborgen, sodass man auch nicht sah, was man nicht sehen durfte, dass sie nämlich verkrampft war, derweil die sichtbare Linke ein gutes Maß an Druck auf den Dreispitz übte, damit er ihm nicht vom Kopf gerissen wurde. Seinen Justeaucorps hatte er ausziehen wollen, um ihn um ihre Schultern zu legen, so wie man Dokumente nach dem Gebrauch wieder in die Mappe legte, doch noch ehe er ihn abgestreift hatte, hatte die Nacht sie bereits verschluckt und er sie beinahe ganz verloren, wenn nicht ein Zipfel ihres weiten Kleides wie ein Taschentuch nach ihm gewunken hätte. Nicht, dass sie den Regen nutzen wollte, um sich seiner Begleitung zu entledigen, weil es ihr nicht gefiel, dass Weatherby Swann, der übrigens Gouverneur war, sie, die sie übrigens seine Tochter war, dieses Abends, den sie außer Haus zu verbringen wünschte, in der Sicherheit eines baldigen Commodores der Royal Navy wissen wollte. Denn sie rief ihn stetig zu sich, noch durch das Prasseln und Heulen des Unwetters schrie das junge Mädchen mit der Stimme eines entnervten alten Waschweibs, dass er geglaubt hätte, der falschen Frau zu folgen, wenn er nicht explizit seinen Namen heraushören würde, immer und immer wieder.
"Beeilt Euch, James! Schnell!", befahl sie mehr als es ihr vermutlich selbst bewusst war, und in diesem Augenblick war ihm der Regen eigentlich recht günstig mit seinen Eigenschaften, das meiste zu übertönen und überdies jeden Bürger, der etwas aus sich machte, sich nur um sich selbst und höchstens noch um seine Begleitung kümmern zu lassen.
Das falbe Kleid flatterte geradewegs über die zusehends leeren Straßen, ohne sich nach ihm umzudrehen, und da er zuweilen nichts Besseres wusste, was ganz und gar untypisch für ihn war, wie aber – zugegeben – nicht selten in ihrer überaus außergewöhnlichen Anwesenheit, folgte er der Gouverneurstochter, die sich trotz Korsett und hohen Schuhen unfassbar geschickt anstellte, weder zu stürzen noch jemanden zu berühren, wohingegen jeder ihnen jetzt noch Entgegenkommende schier nur dafür geboren schien, den Weg des Fast-Commodores zu blockieren, ihn anzurempeln oder sich anrempeln zu lassen, wofür er sich einmal den saftigen Abdruck einer flachen, geübten Damenhand verdiente, der vorerst seine rechte Wange zieren würde wie die zahlreichen Orden seinen tiefblauen Marinerock. Nur die Gewissheit, dass Elizabeth ihm verloren ginge, hielt ihn davon ab, von seiner hohen, ehrfurchtgebietenden Position Gebrauch zu machen, sich der handfesten Frau zu erkennen zu geben und mit herabschauendem Blick aus erhobenem Haupt auf ihre demütige Bitte nach Entschuldigung zu warten. Seine persönlichen Interessen hatten natürlich hinter denen seiner Pflicht zu stehen, und diese Pflicht hieß seit geraumer Zeit – genauer: seit der Gouverneur Port Royals sein bester Gönner war – eben vor allem Elizabeth Swann.
Und wo sie gerade Erwähnung fand: Die junge Frau flog just über eine gewaltige Schlucht mitten im Adelsbezirk der Hafenstadt, landete glimpflich auf der anderen Seite und hämmerte an eine der beiden Türen ihres Elternhauses. Eines ihrer Mädchen öffnete ihr, erstarrte im ersten Moment ob des Anblicks ihrer fast noch jugendlichen Herrin und vergaß darüberhinaus, dass sie sie damit wörtlich im Regen stehen ließ. Elizabeth warf den Kopf nach rechts, dann nach links, als suche sie etwas; schließlich drehte sie ihre Hüfte, dass sie über die Schlucht hinaus bis zu dem blicken konnte, der den Sprung noch nicht gewagt hatte.
„Worauf wartet Ihr, James?“, schrie sie, während sich ihre Hände an Rahmen und Tür hefteten. Sie schien sich schon auf einem Schiff zu sehen, das in Seenot geraten war und gefährlich von einer Seite auf die andere schaukelte, dass sie so sehr nach einem festen Halt suchte. Die Frage bestand in der Überlegung, welche Rolle er in ihrem Abenteuer spielte.
„James!“
Wie ein morsches Steuerrad, das nach Jahren wieder bewegt wurde, horchte er nunmehr auf den ersten seiner Vornamen und akzeptierte die harsche Aufforderung notgedrungen als Einladung, überquerte also unveränderter Miene jene Schlucht, die da das Tor zum Grund der Gouverneursvilla darstellte, blieb auch nicht mehr stehen und folgte Miss Swann in den Schlund der Bestie der bösen Folgen, denn damit hatte er eine Grenze über-, einen Bereich betreten, der selbst einem Commodore so gut wie verboten war – die Zimmer einer Frau. Ehe er sich versah und ohne, dass er sich mental darauf hätte vorbereiten können, hatte Elizabeth ihn die Treppe hinauf und schnurstracks in den Raum gezogen, in dem er in einem kurzen, sehr kurzen Anfall verzweifelten Daskanndochnichtseins das Büro des Gouverneurs vermutete, bis der sich ihm bietende Anblick jedes Nichtwahrhabenwollen zunichte machte – es sei denn, Weatherby Swann beliebte seine Dokumente mit Lippenstift zu unterzeichnen.
Endlich wurde es still, als die Magd die Tür des Erdgeschosses nach dauerndem Herausschauen, ohne dass sie etwas gesehen haben dürfte, mit einem Rumms der ihm niemals nachvollziehbaren Unvorsicht ins Schloss fallen ließ. Meint, es wurde für einen Augenblick still, in welchem sich das Gehör vom durchgehenden Rauschen des Niederschlags erholte, bis es empfänglich wurde für das weitaus unaufdringlichere Klopfen des Regens gegen die Fensterscheiben, das im Vergleich nahezu beruhigende Wirkung hatte.
Ohne dass sein Kopf sich um einen Millimeter verschieben musste, beobachtete er nur durch die Wanderung seiner aufmerksamen Pupillen Elizabeths Gang durch ihr übermäßig… kreativ eingerichtetes Zimmer, wie sie sorgsam ein paar Kerzen entflammte. Deren Licht wusste die vorzüglich gelben Stoffe der verstreuten Kleider, des Bettbezuges, der Tücher abendlich warm in Szene zu setzen, dass er sich an die Stunden vor diesem überraschendem Unwetter entsann, in welchen sie auf ihren Wunsch hin und nach dem Marktbesuch durch die Gassen der niederen Leute und Handwerker geschlendert waren. Es hatte ihn ehrlich verwundert, was eine Frau wie sie an dem herzlosen Hämmern und Poltern der Schmiede und Drechsler, nicht zuletzt an diesem charakteristischen Duft langer Arbeitstage in engen, stickigen Räumen zu finden glaubte, doch ihr zuliebe und seinem Ansehen zuliebe hatte er sich und ihr eine Ausnahme gestattet und sie gewähren lassen. Die Eindrücke der Plebejer zu ertragen war ein geringer Preis im Hinblick auf die Ehre, in Elizabeths Gunst ein kleines Stück zu steigen. Jenes erwartungsvolles, liebliches, ehrliches, zaghaftes Lächeln, das ihre Lippen in der Stunde des ungewöhnlichen Spaziergangs schöner schminkte als jeder noch so teure Lippenstift es je können würde, hatte jeden seiner Sinne willkommen abgelenkt. Und er ersehnte den Tag, an welchem sie ihren Kopf herumdrehen und genau dieses Lächeln ganz ihm gelten würde.
„James.“
„Miss Swann?“ Ihr just warmer Tonfall brachte James Lawrence Norrington dazu, seinen Kopf in ihre Richtung zu drehen, in der Erwartung von etwas Bedeutsamem. Er fixierte ihr Gesicht, dem nichts mehr von der kindlichen Naivität, mit der er sie einst kennenlernte, anheim war – sie war fraulich geworden, auch wenn ihm das heute nicht zum ersten Mal auffiel. Dass Ihr Gesicht vor Feuchtigkeit glänzte, einzelne Haarsträhnen schwer über ihre Stirn hingen und das durchnässte Kleid an ihrem Körper klebte, änderte nichts an der Tatsache. Sie war wunderschön.
Er meinte, ein leises Glucksen aus ihrer Richtung zu vernehmen. „Setzt Euch doch.“ Und sie wies dabei auf ein einladend dekoriertes Kanapee neben sich.
Seine Verwirrung äußerte sich in einem Mund, der sich mehrmals öffnete und schloss, ohne dabei ein Wort zu verlieren, weil er noch nach dem Richtigen suchte. Er stand an der geschlossenen Tür, stramm und streif, mit erhobenem Haupt, hinter dem Rücken gefalteten Händen und unter einem vor Nässe triefenden Dreispitz, bis er schließlich zu der Erkenntnis kam: „Ich sollte Ihre Abendstunden nicht in Anspruch nehmen.“
Auch sie öffnete nun den Mund, um etwas zu sagen, ihrer Mimik zufolge eine Frage des Unverständnisses. Doch letztlich verharrte sie schweigend und bedachte ihn lediglich weiterhin mit dem Blick, der auf eine Aktion seinerseits wartete. Er konnte nicht bleiben. Er konnte jedoch auch nicht gehen, nicht ohne ihre Zustimmung. Vielleicht wusste sie das.
„Ihr könnt heute nirgendwo mehr hin“, stellte sie ihm schließlich klar. „Ich kann Euch unmöglich in diesen Schauer entlassen. Bleibt noch, wenigstens, bis der Sturm nachgelassen hat.“
Der Zwiespalt verlor an Gefährlichkeit, wenn er ihre Aufforderung als Befehl verstand. Dennoch ließ ihn das Gewissen, einen Fehler zu begehen, nicht frei, als er für eine Sekunde den Kopf senkte, um ihn gleich darauf wieder zu erheben und sich maßvollen Schrittes zu ihr in die Mitte des Zimmers zu bewegen.
Sekundenlang standen sie sich dort gegenüber.
Elizabeth legte ihren Kopf schräg. Er musterte sie starr, die Arme nach wie vor hinter dem Rücken. Niemand wagte zu sprechen. Es war keine unangenehme Stille hinter dem sanft rauschenden Gießen des Regens, zwischen den zitternden Lichtern; jener Zeitabschnitt, in dem die klamme Kälte ihre Niederlage eingestand und einer angenehmen Erwärmung Platz machte, dem Gefühl, nach harter getaner Arbeit ins Bett zu fallen, nach Hause zu kommen. Er stellte fest, dieses Gefühl äußerst selten gespürt zu haben. Er stellte fürderhin fest, dass er es gar nicht vermisst hatte.
Die Absätze klangen dumpf auf dem Teppich. Ein-, zweimal, dann konnte er ihren Atem auf der eigenen Haut wahrnehmen. Wieder öffnete sich ein Spalt seiner Lippen und wieder einmal blieb er stumm, bis sie flach lächelte, beide Arme erhob, sie auf seine Schultern legte und ihn mit einer für eine Frau enormen Kraft hinunterdrückte. Sein anfängliches Widerstreben lenkte geschwind ein und ließ zu, dass sie ihn auf das Kanapee sinken ließ.
„Miss Swann…!“
Es war nur ein Hauch. Dem Stand entsprechend vorwurfsvoll. Große, dunkle Augen sahen sie an. Die Kerzen lichteten die Flanken ihres hübsch geschnittenen Antlitzes und färbten dessen Haut golden. Sie hatten mehr als das letzte Viertel dieses Tages gemeinsam verbracht und doch glaubte er, dass sie ihm jetzt zum ersten Mal ihre ganze Aufmerksamkeit schenkte. Ihr Lächeln wirkte wissend, erhaben, als würde sie etwas aus ihm herauslesen, dass ihm nicht einmal ausreichend bewusst war, um es verbergen zu können. Dann änderte sich ihr Ausdruck schlagartig und sie fasste eilig nach seinem Überrock. „Ihr werdet Euch erkälten. Zieht das aus.“ Mit demselben Vorwurf wie er nur wenige Lidschläge zuvor.
Ihre Hände wollten bereits das verrichten, was sie ihm zu tun vorgeschrieben hatte, da legte sich seine Behandschuhte leicht um den gewandten Arm und forderte sie auf, innezuhalten und ihn fragend anzusehen. Es brauchte keine Antwort, um ihr zu verstehen zu geben, und schließlich ließ sie die Frackaufschläge los, erhob sich ungehalten seufzend, wandte sich ab und verschwand hinter dem Paravent. James wusste nicht, was sie dachte. Er konnte nicht einmal eine vage Vermutung aufstellen. So sehr er sich wünschte, es wäre anders, Elizabeth war manchmal sonderbar. Es gestaltete sich als schier unmöglich, sie zu durchschauen, wenn sie wieder einmal so handelte, wie sich keine andere Dame in ihrer Stellung auch nur zu handeln vorstellen würde, aber vielleicht war sie einfach nur noch nicht genügend mit den natürlichen Sitten und Floskeln vertraut, weshalb er schon mehr als einmal Weatherby Swanns entschuldigenden Blick mit einem aufgesetzt verständnisvollen Lächeln beschwichtigen musste. Noch sahen beide Männer über die kleinen Fehler hinweg. Er ahnte, dass die offenbar schwierige Aufgabe der Kultivierung letztendlich an ihm hängen bleiben würde. Das war durchaus in Ordnung. Und er verzieh ihr gerne. Hatte sie ihn eigentlich je um Verzeihung gebeten…?
„James?“
Er horchte und sah auf die spanische Wand. Nichts geschah.
„James.“
Sie schien ein kleines bisschen verärgert zu sein. Plötzlich zischte ihr Kopf zur Seite des Paravents hervor und betrachtete ihn mit durchdringenden Augen, als ob er soeben einer anderen Frau eindeutige Blicke zugeworfen hätte. Nein, er verstand sie wirklich nicht. Nun schüttelte sie – mit knappen Pausen dazwischen – ihr Haupt gehetzt auf und ab. Was wollte sie ihm nur mitteilen? Und warum tat sie es nicht in Worten? Sie beendete ihren denkwürdigen Versuch des ihm weiterhin unklaren Anliegens und stöhnte lautlos und augenrollend, machte keinen Hehl daraus, verstimmt über sein nicht einsetzendes Verstehen zu sein, doch die offenkundige und direkte Meinungsäußerung gereichte ihm nicht zur Scham. Abrupt setzte sie also einen Fuß zur Seite, ihm die Intention seines Anrufens unmissverständlich zu machen, verlagerte ihr geringes Gewicht darauf und stand schon mit dem ganzen, schlanken, wohl geformten Körper in seinem Blickfeld. Er zog scharf die Luft ein und wandte den Blick instinktiv ab, spürte das warme Blut in seine Wangen steigen, das nun endgültig jede letzte Kühle des Regens vertrieb, und hoffte inständig, das fahle Licht und das Puder würden die Röte übertönen. „Ich lasse das Dienstmädchen kommen“, brachte er hervor, ohne sie anzusehen, und erhob sich.
„Sie schläft um diese Uhrzeit. Nachdem sie mich zurück wusste, wird sie sich gleich zur Ruhe gelegt haben. Es wäre unhöflich, sie zu wecken, findet Ihr nicht?“ Er erkannte nicht, ob ihr Tonfall sarkastisch oder ehrlich war. In beiden Fällen gab es keinen Grund, ihr zu widersprechen. Das Folgende entsprach in keiner Kleinigkeit seinem geordneten Verhalten, aber er musste sich eingestehen, dass es eine Aufgabe war, die getan werden musste. Auch dies zählte zu seinen Pflichten… gewissermaßen. Mit steinharter Miene trat er auf sie zu und sah, wie sich ihr Ärger entspannte. War es nun sie, die ihm vergab? Dabei hatte er keinen Fehler begangen, der vergeben werden musste; er sah sich erst jetzt im Begriff, einen zu machen.
Das Zimmer war in den vergangenen Sekunden ziemlich warm geworden.
Er stand dicht hinter ihr.
„Vorsichtig. Dann ist es ganz leicht“, erklärte sie ihm sanft.
Er hielt den Kopf wie gehabt leicht empor geneigt und blickte nur aus den Augen hinab. Dann entledigte er sich der Handschuhe, die nur stören würden. Intensiv, als gäbe es nichts, das ihn bezwingen könnte, trommelte der Regen noch immer gegen die beiden Fenster. Ihr Haar tropfte. Sie hatte es über ihre Schulter nach vorne gelegt. Der Sturm scharrte gegen die Wände. Sehr wahrscheinlich würde er die ganze Nacht lang anhalten. Er positionierte seine Hände. Wie er es anstellen sollte? Das war einfach. Er würde es exakt so tun, wie er den Degen für gewöhnlich durch übereifrige, aber in Sachen der Strategie faule Piratenrücken gejagt hatte, die sie ihm in ihrem Wahnwitz einladend präsentiert hatten: Von oben nach unten, zwischen den Schulterblättern angesetzt, ein gerader Schnitt, schnell und in einem Schwung. Und schon atmete Elizabeth erleichtert aus.
„Danke, James“, hauchte sie, wie aus den Krallen des Todes befreit.
Nüchtern übergab er ihr die beiden Seiten des offenen Korsetts unter ihren Armen hindurch nach vorne, nur um gleich nach ihrem Abendmantel zu greifen und ihr in die Ärmel des Seidenstückes zu verhelfen. Sie schlang sich die langen Schleppen um die Brust und wartete, bis er die Schlaufe des Gürtels zugezogen hatte, dann drehte sie sich zu ihm herum. „Seid Ihr sicher, dass Ihr Euren Mantel nicht trocknen lassen wollt? Ich möchte Euch nicht zu nahe treten, aber es wäre doch unschicklich, das neue Amt mit einer triefenden Nase entgegenzunehmen.“
Beiläufig nahm sie einen der vielen, bleichgelben Seidentücher von einem Schemel ihrer Umkleide, legte eine Hand an seine Wange und tupfte und strich ihm mit der anderen das feuchte Gesicht ab. Er stand dort wie ein Soldat, sah auf sie hernieder, ließ die Behandlung, die so angenehm war wie die Musterung durch einen strengen Vorgesetzten, über sich ergehen und rührte sich nicht, doch das schien sie gar nicht zu notieren. Zu seinem Bedauern allerdings waren die schönen, vollen, braunroten Lippen und die großen, schimmernden, klaren Augen ein starker Kontrast zu den breiten, rauen, spröden, ledernen, vernarbten, markanten Gesichtszügen eines Marineoffiziers. Er konnte ihnen unmöglich lange derart nahe sein, ohne dass es ihn berühren würde, ohne dass er sie berühren würde. Bereitwillig ließ er sich von ihr zurück zu dem langen Sessel führen, setzte sich darauf nieder und taxierte, ohne es in Augenschein zu nehmen, dass sie sich neben ihn begab und sein Profil betrachtete. Der Sturm hatte sich um wenige Knoten beruhigt, aber dafür schien der Regen zugenommen zu haben. Sein ununterbrochenes Brausen vermischte sich mit dem in seiner Dynamik variierenden Fensterklopfen und ergab eine ermüdende Euphonie. Der natürliche Duft der Nässe ging in den künstlichen der Parfums über. Die zaghaften Flammen tanzten zur Melodie und belebten das zumeist freudlose Zimmer. Elizabeths Augen gaben ihn nicht frei.
„Erinnert Ihr Euch an die Überfahrt?“
Er nickte knapp. Sie mochte sich schemenhaft ausdrücken, allerdings gab es nur eine Überfahrt, deren Erinnerung sie beide teilen konnten, auch wenn diese mitunter acht Jahre in der Zeit zurück lag.
„Manchmal wünschte ich, wieder auf einem Schiff reisen zu können.“
„Der Wunsch ist nicht verwerflich“, antwortete er nur und suchte nach ihrem Ziel dieses Gesprächs.
„Seine Erfüllung unmöglich“, wusste sie.
„Sagt das nicht. Noch ist die See gefährlich. Die Piraterie erfreut sich unter den Verlierern der Gesellschaft großer Beliebtheit.“ Sein stolzer Blick schweifte in die Ferne. „Wir werden dafür Sorge tragen, dass ihnen der Spaß an diesem Kinderspiel bald vergeht.“
„Indem Ihr sie hängt“, entgegnete sie unverfroren und brach so mit der vertraulichen Atmosphäre.
Endlich sah er sie an. Irritiert.
„Seid Ihr sicher, dass sie die Verlierer der Gesellschaft sind?“
Er erwiderte nichts nicht auf die tiefsinnige Frage, deren Antwort offensichtlich höchst subjektiv war. Ihr Schweigen gab der verscheuchten Geborgenheit Zeit, zurückzufinden. Es war ein Thema, das andernorts, andernzeits besprochen werden sollte, wenn es schon besprochen werden musste. Darin waren sich beide einig.
Nach Minuten, in denen sie nur nebeneinander saßen und dem Unwetter lauschten, das ihnen nun nichts mehr antun konnte, lehnte sie sich zurück, griff nach einer Decke und hüllte sich darin ein. Dann wendete sie sich ihm wieder zu, als habe sie für einen kurzen Augenblick auf irgendein Wort, irgendeine Bewegung von ihm gewartet und inzwischen festgestellt, dass sie sich endlos gedulden müsste.
„Ihr seid ganz kalt“, gab sie ihm halb besorgt, halb erbost kund und beugte sich vor, ihm das andere Ende der Decke überzulegen.
„Elizabeth, bitte…“
„Nein.“
Wusste sie, was sie tat? War sie sich bewusst, was sie mit ihm anstellte? Er hätte fragen können, aber unter derzeitigen Umständen brachte er keinen Ton hervor. Sie kniete auf dem Polster, beugte sich weit vor, dass er fürchtete, in einen gar zu menschlichen Talspalt zu blicken, doch wenn er den Kopf hob, trennte ihn nicht viel von ihrem Gesicht, das gerade damit beschäftigt war, die Decke über seinen Schultern zurechtzurücken, so wie man das Leinentuch über einen toten…
Nein, sie tat es auf andere Art.
Die Tropfen hämmerten gegen die Scheibe, doch das Haus gewährte ihnen keinen Einlass. Kein äußeres Licht machte sie noch sichtbar, draußen war niemandes Seele unterwegs. Ihr Parfum erfüllte die Luft unaufdringlich, aber unmöglich, es nicht wahrzunehmen. Frühlingsblütenduft. Eine Wiese, die nach dem Nieselregen wieder zum Leben erwachte. Regen war etwas Wertvolles. Und sein Mund sehnte sich nach ihrem. Wie beabsichtigt streifte sie sein Gesicht, fuhr mit dem ihren nur knapp daran vorbei. Weshalb ließ sie es nicht zu? Warum funktionierte der so genannte „überspringende Funken“ ausgerechnet dann nicht, wenn er einmal an ihn glauben wollte? Wieso verstand sie ihn nicht, wieso war sie so blind für seine Gefühle?
„Eliza…“
„Schhh… Hört, der Regen.“
Er wollte einfach nicht nachlassen.
Sie setzte sich wieder, zog die bedeckten Beine hinauf und dicht an ihren Körper. Dann starrte sie in eine nicht existierende Ferne. Sie schien die Zweisamkeit zu genießen. Die Ruhe, das Vertrauen, das sie ihm gewissenlos entgegenbringen konnte, der er ihr seit ihrer Überfahrt von England nach Port Royal ein Ansprechpartner und Beschützer gewesen war. Er hatte sie aufwachsen sehen, er sah die Lilie gedeihen, und er war stolz darauf, ein Teil ihres Lebens zu sein. Stolz gewesen. All das reichte längst nicht mehr, und als ihm dies bewusst wurde, fühlte er etwas, das sich zwar nicht benennen ließ, aber keineswegs schön zu empfinden war. Das Wasser fegte wie eine große Welle aus den Wolken über die Hafenstadt, und jeder seiner Tropfen, denen zu folgen ein absurdes Unterfangen war, trug ein einzelnes, anklagendes Wort mit sich hernieder. Es klatschte gegen das Fenster, doch auch, wenn die Kälte nun draußen bleiben musste, so kroch das Wort noch durch die dicken Mauern des Anwesens, kroch in seine klamme Kleidung bis in sein Innerstes, dass ihm trotz allem fror. Der Sturm ließ mit mächtiger Stimme die Boote im Hafen wackeln. Die Nacht war unromantisch und schwarz wie das Innere eines Sarges. Nur dieses Zimmer schien in der ewigen Finsternis zu existieren, als sei alles andere in das reißende Maul des Meeres gesogen worden. Nur dieses Zimmer, nur Elizabeth und er. Das Gefühl, zuhause zu sein.
Wenn es nur so wäre, dachte James verhalten und starrte abwesend in die ruhige Flamme einer der Kerzen.
Das nächste Geräusch, welches das einschläfernde Spiel des Regenschauers zu stören wagte, bestand aus den auf Steinen aufschlagenden Hufen und dem Rattern der Droschkenräder. Norrington sah auf. Das musste der Gouverneur sein. Er sollte ihn empfangen und erklären, dass der Abend umstandslos verlaufen war, ehe Swann ihn empfangen würde. Gerade wollte er sich aufrichten, da bemerkte er den sachten Druck an seiner Seite und ließ sich vorsichtig zurücksinken. Im sterbenden Licht der letzten Kerze erkannte er Elizabeths schlafende Züge. Ihr Kopf lehnte an seiner Schulter, eine ihrer Hände auf dem noch nassen Revers des Marinerocks, unweit seines Herzens. Ihr bronzefarbenes Haar, das inzwischen gut getrocknet war, verteilte sich in seinen typischen Locken über seine Brust wie die schmalen Ausläufe einer exotischen Pflanze. Während sie schlief, erweckte sie den Eindruck einer ganz normalen, feinen Dame, die sich schutzsuchend an ihren Mann gewandt hatte und nur an seiner Seite furchtlos zu ruhen vermochte. Er stellte sich vor, dieser Mann zu sein. Ihr Mann. Auch, wenn sie in manchen Belangen weit auseinandergingen, so passten sie doch gut zusammen.
Sie alle sagten das.
Sogar Weatherby Swann sagte das.
Sie würden ein Vorbild für die ganze Stadt sein und das Schiff Port Royal gemeinsam in eine neue Richtung lenken, wie schließlich den gesamten Ozean. Kein habgieriger Pirat solle je seine dreckigen Finger an den wertvollsten Schatz der Karibik legen, über die engelsgleichen Gesichtszüge fahren oder es wagen, sie in irgendeiner Weise in Bedrängnis zu bringen. Er würde es nicht zulassen. Er würde sie stattdessen hängen lassen, sie alle ohne Ausnahme, zu Hunderten, wenn es sein musste, damit der üble Geruch des Verwesens und Versagens alle Nachzügler abschreckte. Die Leichen dieser betrunkenen, arbeitslosen, überflüssigen, brandschatzenden Meute würden die Klippen säumen wie ein orientalischer Teppich, wenn er das erste Mal seit Beginn seiner Karriere in der Royal Navy vor jemandem niederknien würde und die entscheidende Frage stellte.
Es brauchte nur Geduld. Und mit dieser Geduld erhob er sich gemächlich, legte seine Hände umsichtig um Elizabeths Kopf und bettete ihn auf das Kissen, nachdem er sich aufgerichtet hatte.
Noch lange stand er vor ihrem Schlafplatz und sah sie an.
Sie wusste nicht, wie sehr er ihretwegen schon gelitten hatte.
Sie sagte nicht Ja zu seinem Umgang mit Piraten. Sie sagte nicht Ja, wenn er ihr den Mantel vor der Kälte darbot. Sie sagte nie Ja zu ihm. Doch einmal müsste sie Ja sagen, nur dieses eine Mal, und er würde mit ihr durch die Handwerkerstraßen spazieren, so oft sie es wünschte.
Er breitete die Decke über sie aus. Ein Stockwerk tiefer öffnete sich die Eingangstür. Es war ein Abschied, der etwas offen ließ, weil er ihr Gemach verlassen würde wie der Liebhaber für eine Nacht und niemals wieder. Er konnte sie nicht wecken aufgrund der wenigen Worte, die er an sie zu entrichten hatte. Angesichts ihres tiefen Schlafes jedoch, den nicht einmal die in Zärtlichkeit ungeübten Hände eines Sogutwie-Commodores zu trüben vermochten, könnte er sie sein Gehen spüren lassen… und vielleicht ein wenig mehr.
Er neigte sich hinab.
So weit, dass sein Gesicht unmittelbar neben dem Schlafenden seiner Erwählten Halt machte. Unten hörte er die Schritte zweier Schnallenschuhe, aber nicht auf der Treppe.
War es denn so verkehrt von ihm? Er liebte sie wie ein junger Schmied das Nachbarsmädchen liebte; auch wenn er einem ganz anderen Stand entsprang, so waren seine Gefühle doch nicht anders als die anderer Menschen.
Oder?
Plötzlich unentschlossen, hielt er wenige Millimeter vor ihrem leicht geöffneten Mund inne. Seine Lippen zitterten, er ließ die Lider sinken. Ihr ruhiger Atem streichelte sein Kinn. Der Sturm war zu einem kräftigen Wind geworden, die dunklen Wolken zogen weiter. Das Geräusch des Regens so leise, dass es sich schon ausblenden ließ. Port Royal legte sich schlafen. Nein, er wollte sie nicht überfallen. Er wollte nicht sein wie einer dieser Piraten, die nach dem langten, was ihnen nicht gehörte. Bald würden sich ihre Lippen treffen, ohne dass man ihn skeptisch beäugte, und er das in vollen Zügen genießen können. Unzählige Jahre hatte er bereits mit Ausharren und Hadern verbracht – die wenigen Wochen würden ihn da nicht mehr belasten.
Er zog sich zurück, richtete sein Justeaucorps und den Dreispitz. Der Gouverneur wartete. Mit elegantem Elan machte er auf der Stelle kehrt, als habe er die Rolle des eisigen Marinesoldaten nie abgesetzt: Mit erhobenem Haupt, geradem Rücken, dahinter gefalteten Händen schritt er auf die Tür zu. Seine heutige Mission strebte auf das Ende zu.
„James…“
Ihre Stimme! Er erstarrte. Gedanken schossen ihm durch den Kopf, die sich nach dem Erkennen ihres wachen Zustandes fragten, wie lange sie wohl auf war. Ob sie ihm etwas vorgespielt hatte. Der logischen Folgerung daraus würde sich sein raffinierter Verstand am liebsten entziehen. Stück für Stück drehte er sich um. Der Lauf der Waffe zielte auf ihn.
Elizabeths Augen.
„Seid ehrlich… Werdet Ihr an meiner Seite bleiben, egal was geschieht?“
Er sah sie eindringlich an, um in ihren Augen wieder nach der Grundlage dieser doch recht merkwürdigen Frage zu forschen und nach einem möglichen Hinweis, der ihm verraten würde, wie viel sie in den letzten Minuten zur Kenntnis genommen hatte. Sie sah noch recht verschlafen aus…
„Natürlich“, antwortete er schließlich, als er zumindest kein böses, kein ironisches Vorhaben entdecken konnte, und lächelte zum ersten und einzigen Mal an diesem Abend in der Form von kurz und mühsam nach oben zuckenden Mundwinkeln. „Ich werde immer an Eurer Seite stehen, Miss Swann. Geschehe, was wolle. So wahr ich hier stehe. Könnte ich einen Schwur auf den Degen des Commodores brennen, so wäre es der, Euch mit jedem Schlag seiner Klinge zu beschützen.“
Er fühlte womöglich so etwas wie Freude, weil er in ihrer Frage Zuneigung und die Suche nach etwas hörte, dass er ihr durchaus würde geben können: Sicherheit in jedem Belang ihres Lebens bis zum Ende desselbigen. Allerdings verwirrte Elizabeths seltsam trauriger Blick seine Interpretation. Seine scharfen Augen, sein fehlerloser Verstand bemerkten nicht, dass sich ihr Lächeln aus Mitleid gebar, weil er dieses niemals kennen gelernt hatte, weder im Geben noch im Nehmen. Er verstand nicht, dass sie über die Ironie des Schicksals lächelte, die ihn sehr bald sehr hart treffen würde. Sie wünschte sich so sehr, sie könnten Freunde bleiben, doch sie wusste – besser als er – dass all seine Versprechen und Beteuerungen nichts mehr wert sein würden, wenn sich sein Stolz erst einmal an derselben Messerschneide verletzte, welche ihn vor vielen Jahren veranlasst hatte, jeden Schmerz zu ignorieren. Ihr tat es weh, in diese ehrlichen, traurigen, treuen Augen zu schauen und zu wissen, dass bald ein Zug von Bitterkeit über ihnen liegen und sie blind machen würde für alles, das außerhalb seines eigenen Ichs stattfand. Weshalb musste sich dieser Dummkopf auch unbedingt in die einzige Frau verlieben, die er nicht haben konnte? Sie spürte die eifersüchtigen Blicke der hohen Damen, wenn sie sich bei ihm einharkte, spürte deren Verlangen, an der Seite des künftigen Commodores zu liegen wie sie es soeben getan hatte. Und sie verstand sie. James Norrington war und besaß alles, was sich eine Frau seines Niveaus erträumte.
Er war das Bildnis seiner Gesellschaft.
Doch leider nicht mehr.
Niemand sah im Sturm die Tränen eines Mannes auf dem Deck der HMS Dauntless. Und wenn sie auch niemals bereit sein würde, sich seinetwegen aufzugeben, für den Rest ihres Lebens die Dirne neben seiner eigentlichen und einzigen Frau Karriere zu spielen, so hoffte sie doch, im entscheidenden Moment da zu sein, wenn er allein auf verlassenen Straßen durch den furchtbaren englischen Regen eilte, und ihn einfach, ungeachtet aller Vorschriften und Verbote in den Arm nehmen zu können.
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